Fenn lachte laut auf. „Als ob das so einfach wäre.“

„Wirf es nicht so weit von dir. Du bist ein vortrefflicher Mathematiker,

der Professor hält große Stücke auf dich, er wird sicher befürworten,

daß du ein Stipendium bekommst. Ich hab schon mit meinem Alten

gesprochen – zur Not könnte er ...“

„Geschenkt, geschenkt,“ fiel Fenn energisch ein. „Ich sagte dir schon,

mein Lebensplan ist fertig, ich werde Geistlicher. Ich hab es mir

reiflich überlegt. Ich gehe nicht in den Beruf hinein, um nur überhaupt

unterzukommen, sondern weil ich überzeugt bin, daß einer an dieser

Stelle unendlich viel Gutes wirken kann. Gerade für das Materielle. Ich

will aus meinem Haus nicht ein schweigendes Heiligtum machen, in dem nur

raunende Betschwestern ab- und zugehen. Ich will zu den Leuten

hinausgehen mit einem Schatz von Wissen, damit ich ihnen helfen kann,

sich das Leben leichter zu machen. Wir sind ja nicht da, um uns wie Blei

an sie zu hängen mit Predigten und Ermahnungen, wir sollen sie lehren,

wie man ein guter Kerl sein kann und lustig dabei von morgens bis

abends. Paß auf, Theo, in meiner Pfarrei sollen sie noch einmal tanzen,

und ich stelle ihnen die Musik dazu!“

„Da wirst du schön ankommen!“

„Ich muß und muß Recht behalten! Was sind wir denn heute den Leuten da

draußen?“ Fenn redete sich in Eifer und tat, als gehörte er schon zum

Bau. „Ein Fremdling! Der Herr! Wenn so eine schwarze Gestalt, ihr

Brevier betend, über die Fluren wandelt, wird den Bauern unheimlich, als

sei die ganze Gewann in eine Kirche verwandelt, und für sie ist die

Kirche ein Ort, in dem man bloß stille sein muß und im Winter sich die

Füße abfriert, im Sommer vor Schlaf die Augen nicht offen behält. Der

Herr kommt! Ist das nicht ein Schreckensruf, den die Burschen und Mädels

draußen bei der Arbeit, die Kinder beim Viehhüten, beim Spielen, beim

Baden einander zurufen, als Warnung vor dem Störenfried, von dem man

sich keines freundlichen Wortes versieht? Wir haben zu Haus einen

Pfarrer, der die Güte selber ist, er hat uns, wo er uns draußen traf,

immer die Hand gegeben und freundlich unsern Gruß erwidert. Aber er war

uns doch immer der Herr! Der gestrenge Stellvertreter Christi auf Erden,

der Vogt Geßler unseres lieben Herrgotts. Ich vergesse es nie, wie

einmal ein alter Bauer hinter ihm her knurrte: ‚Der hat gut in den

Himmel kommen, er hat weiter nichts zu tun!‘ Da liegt es: Weiter nichts

zu tun! Doch, wir haben weiter zu tun, viel weiter zu tun! Das mit dem

Latein und mit den Predigten und der Beichte und den Sakramenten, ja,

das gehört ja alles dazu; aber wir sind den Leuten mehr schuldig,

wahrhaftig!“

Theo sah seinen Freund verwundert und beunruhigt von der Seite an.

„Fenn, das sind böse Worte. Wie kannst du mit solchen Anschauungen

Priester werden?“

„Wieso?“ fragte Fenn erstaunt zurück.

„Nun, ich dächte, wenn man so gleichgültig über den Inhalt eines

Glaubens denkt, sollte man nicht sein Leben daran setzen, ihm zu

dienen.“

„Ich meine, man kann sehr gläubig sein, ohne beständig den Glauben im

Munde zu führen.“

„Und glaubst du denn alles, was sie dich glauben heißen?“

„Theo, jetzt will ich dir mal was sagen. Über glauben und nicht glauben,

da zerbrech ich mir nicht den Kopf. Das Richtige tun, darauf kommt es

an. Das Glauben, na ja, es gehört ja nun mal in den Bau hinein, und weil

ich davon überzeugt bin, daß dieser Bau so wunderbar gefügt ist, wie

sonst nichts mehr, was Menschengeist ausgesonnen hat, so bleibe ich eben

drin und arbeite an meiner Arbeitsstelle.“

„Also doch Menschengeist, Fenn?“

„Das ist doch durchaus nebensächlich. Grase nicht so nörglerisch an den

Rändern des Themas herum. Die Hauptsache ist: da ist ein Ganzes, das

sich der Menschheit aufdrängt geradezu. Ich finde, daß man in seinem

Rahmen an einer bestimmten Stelle viel mehr Gutes wirken kann, als da

bis heute gewirkt wurde, ich will an dieser Stelle stehen und meine

Kräfte gebrauchen – also!“

„Also brauchst du noch lange nicht Priester zu werden.“

„Wenn ich aber doch in den Gedanken hineingewachsen bin! Glaubst du, ich

sattle auf einen Windstoß hin um? Ein Birnbaum wird doch nicht über

Nacht zum Holunderstrauch. Seit ich denken kann, habe ich mich an den

Gedanken gewöhnt, daß ich einmal das geistliche Kleid tragen werde. Kein

anderer Stand lockt mich, keiner verheißt mir eine Stätte, an der ich so

tief und so weit um mich wirken kann.“

„Doch! Geh mit mir nach Aachen, oder nach Lüttich.“

„Nein, Theo, das ist wieder nichts. Ich weiß, was unsere Ingenieure zu

tun haben. Ihr Wirken ist auf Schienen gestellt und geht ewig im Kreise

herum.“

„Das hoffe ich nicht. Ich will einmal in Freiheit schaffen und zeigen,

was ich kann.“

„Ja, und dann bist du froh, wenn du eine Vertretung für Schmieröle oder

Heizungsanlagen findest. Da hinein münden ja schließlich eure Träume von

der Eroberung der Welt.“

Theo lachte. „Glaubst du denn, dir wird es einmal anders und besser

gehen, und du wirst nicht inmitten deiner Bauern verknöchern und

verfilzen?“

„Dafür laß mich sorgen. Ich habe Pläne, sage ich dir, Pläne!“ Und Fenn

reckte die Arme gen Himmel, als wollte er die Leitern seiner Hoffnung am

Firmament aufhängen. „Und dann, siehst du, dann möchte ich auch den

Lebenstraum meiner Mutter erfüllen.“

„Deines Vaters doch auch?“

„Das ist schon was anders. Einem Vater tut man dergleichen nicht zulieb.

Man wittert Zwang und geht dagegen an. Aber von der Mutter ist es kein

Druck, kein Zwingenwollen, nur ein sehnsüchtiges Wünschen – da fühlt man

sich als den Schenker und tut sich was drauf zugut.“

„Siehst du, im Grunde bist du also doch geschoben worden und meintest zu

schieben.“

„Nun hör aber auf. Ich habe mit dir schon viel zu lang darüber geredet.“

* * * * *

Bei derselben Gelegenheit zog Theo den Freund ins Vertrauen: Er wollte

in der Nacht ausbrechen. Im Lokal der Schützengesellschaft war abends

ein belgischer Ingenieurverein zu Gast. Bankett, Feuerwerk, bengalische

Beleuchtung, Konzert und Ball standen auf dem Programm. Theo hatte von

dem Sohn eines Vorstandsmitgliedes eine Einladung bekommen.

„Es sind feine Kerle, Hütten- und Bergbauingenieure von Seraing und

Lüttich und Charleroi, Direktoren, Betriebsleiter, die Generale des

belgischen Arbeitsheeres,“ begeisterte sich Theo. Er war fest

entschlossen, hinzugehen. Er wußte schon, wie es anzustellen war. Ins

Freie kam er leicht durch irgendein Fenster, eine Leiter hatte er schon

ausgekundschaftet; um drei Uhr, wenn noch alles schlief, wollte er auf

demselben Wege zurückkommen.

„Du riskierst, daß dich der Alte wegjagt,“ warnte Fenn. „Und was hast du

davon? Du siehst ein paar Stunden zu, wie sie tanzen und trinken. Was

hast du davon?“

„Das lockt mich nicht. Ich will nur die Leute sehen. Ich bin einmal mit

meinem Vater nach Lüttich gefahren. Junge, das ging dir stundenlang in

einem fort durch Hochöfen und Bergwerke, das sauste und polterte und

schwang voller Räder und Hebel, es war wie mitten in einer Schlacht,

Feuer, rote nackte Leiber, immer wie im Kampf, immer zugehauen. Darin

befehlen dürfen, Junge, das alles im Kopf haben, und dann eines Tages

vielleicht sagen können: das und das machen wir jetzt viel einfacher und

leichter und besser! Und dann fragen sie dich, wieso denn? Und du sagst,

daß du die Sache erfunden hast, eine Maschine, oder etwas in der

chemischen Zusammensetzung, was das ganze Verfahren umkrempelt. Darum

möchte ich heut abend hin, weil ich die Männer sehen möchte, die das

alles machen.“

„Meinetwegen geh. Aber sieh zu, daß du nicht ertappt wirst.“

Fenn stand abends im Schlafsaal heimlich auf, stützte die Ellenbogen auf

die Fensterbank, legte das Gesicht in die Hände und träumte ins Dunkel.

Das Fenster ging ins Tal, und er sah von fern den Festsaal der Schützen

erleuchtet. Jetzt war Theo dort. Die Grundakkorde der Musik kamen

gedämpft durch die Nacht, das helle Ding dort hinten war wie ein

Rieseninsekt, das da im Grünen lag und summte. Ab und zu stieg noch eine

Rakete zischend auf und ließ in der Höhe ihre heftig leuchtenden

Kügelchen in die Nacht fallen. Vom Bahnhof her dröhnte es von

manövrierenden Wagenreihen, die Dampfpfeifen klangen wie empörte

Schmerzensschreie oder wie leidenschaftliche Jauchzer, oder zogen sich

wie lange Klangserpentinen durch das ferne Dunkel. Dann rollten am

Horizont die Abendzüge, und leuchtende Rauchmähnen, straff hintenüber

geweht, wurden sichtbar und verschwanden, und ihr Aufleuchten war wie

ein Flügelschlagen durch das Dunkel.

Fenn träumte in die Nacht. Seiner Phantasie drängte sich mählich die

Vorstellung einer Welt auf, die bis jetzt nie als Ganzes in seinen

innern Gesichtskreis getreten war: Dort drüben die Menschen, von denen

Theo so begeistert gesprochen hatte, deren Lebensjahre doppelt zählten

gleich Kriegsjahren; die da wirkten, wo alle Kraft und Bewegung ins

Riesenhafte gesteigert sein mußte. Und weiter hinaus, rechts, unter dem

Widerschein der tausend Lichter, die den Nachthimmel sanft anglühten,

der Bahnhof, der Puls eines weit über die Lande kreisenden Stroms von

Leben. Fenn fühlte sich eingeschaltet in den kreisenden Strom, der ihn

hinaustrug in die Welt, in die schöne, weite Welt, wo die hohen Berge

sind und die weiten Seen, wo sich die ewigen Dome in gleitenden Strömen

spiegeln, wo die Marmorpaläste versunkener Geschlechter stehen, wo die

stolzen Schiffe über die Meere ziehen, wo das Leben uferlos ist.

Eine Rakete stieg, ein Walzer begann, und die laue Luft war wieder wie

gefärbt von einem leisen, süßen Klingen. Fenn dachte daran, was seine

Zukunft sein würde: Eine freudige Pflichterfüllung in der Enge. Tief auf

dem Grunde eines Schachtes, in den von oben das Licht und das Geräusch

der freien Weiten dringen würde. Aber unwillig schüttelte er die herben

Vorstellungen ab, die ihn manchmal anfielen. Er stemmte sich gegen sie

mit dem Trotz seiner Bauernseele, die sich aus der Enge ihres Erlebens

heraus dennoch mit dem Weltganzen eins fühlte und wußte, daß sie darin

an der richtigen Stelle zu wirken berufen war.

In der Frühe gab es eine Katastrophe. Louis Binz hatte den

heimschleichenden Theo überrascht und angezeigt. Beim Morgengebet in der

Kapelle teilte Herr Kleyer den versammelten Zöglingen schaudernd das

Furchtbare mit: Daß einer von ihnen heimlich in finsterer Nacht

entwichen war, um sich an die Stätte der Ausschweifung und des Lasters

zu schleichen. Er mußte hinaus! Hinaus! Hinaus!!! Keine Stunde länger

hatte er das Haus mit seiner Gegenwart verpesten dürfen, im Morgengrauen

hatte er sein Bündel schnüren müssen!

Als es kund wurde, daß Louis Binz der Verräter war, suchte Fenn seinen

Landsmann Putty auf und sagte zu ihm: „Wenn du jetzt mit dem Lauskerl

noch ein Wort redest, kündige ich dir die Freundschaft!“

Und in seinem Gemüt blieb als Stachel der Gedanke zurück, daß er seinen

Lebensweg gemeinsam mit „diesem Lauskerl“ werde wandern müssen.

* * * * *

Fenns Berufswahl erfuhr gerade um diese Zeit mancherlei Anfechtung.

Seine kühle und starke Natur wurde aus sich selbst heraus durch die

Frühlingsstürme des Lebens nicht aus dem Gleichgewicht gehoben, aber von

außen trat allerlei an ihn heran, was sich fremdkörperartig in sein

Denken und Empfinden hineinzwängte.

Wenn er später über sich nachdachte und nach den Wurzeln seines

stärksten innern Erlebens grub, dann machten wohl seine Gedanken bei

jenem Septembertage halt, an dem der erste Stein aus dem hartnäckigen

Bau seines Lebensplanes herausgeschlagen wurde.

Die schönsten Tage im Jahr brachte für unsere Wiesinger immer der

goldene Erntemond. Wenn schimmerndes Spinnweb die Hängematten der Elfen

von Grashalm zu Grashalm wob und die kleinen grauen Netze morgens von

Tauperlen funkelten, wenn von den Wiesen her das eintönige Singen der

Kuhbuben kam, die die Vesperpsalmen langgezogen und schläfrig über die

leere Gewann gröhlten, wenn nach all dem ernsten Einscheuern der

Feldfrüchte, an denen der Begriff des Notwendigen, des Pflichtmäßigen

haftet – wenn nach Heu und Grummet, Hafer und Weizen, Erbsen und Bohnen

es jetzt an das angenehmere Ernten des süßen Obstes ging, wenn der

straffe Bogen der Arbeit allmählich sich abzuspannen begann und die

Menschen langsam sich bewußt wurden, daß sie auch wieder einmal ausruhen

und genießen durften, – in diesen Tagen war es für die Wiesinger

„Studenten“ eine Wonne, die Felder und die Wälder zu durchstreifen und

zu fühlen, wie sie sich auflösten im Zauber ihrer Heimat, wie ihr Wesen

in dieser Umwelt restlos aufging gleich einem Körper, der sich in einer

Flüssigkeit auflöst, da er in einer andern hart und undurchdringlich

bleibt.

So waren sie eines Sonntags nachmittags in den Wald gezogen zum

Haselnußpflücken, Fenn, Putty, Fritz, Marjänni mit ihren jüngern

Geschwistern, die beiden Schneidertöchter, die Leonie und die Justine,

die sich, nach ihrer Mutter geartet, schon zu stattlichen Dirnen

ausgewachsen hatten und die das Schneiderhinchen nicht mehr

durchzuprügeln wagte, seit ihn die älteste einmal wie mit einer

unwillkürlichen Bewegung hinterrücks über Stuhl und Tisch geschleudert

hatte, als er zu einer Ohrfeige ausholen wollte. Sie hatte ihm liebevoll

wieder auf die Beine geholfen und harmlos gefragt, ob er sich nicht

wehgetan habe und wie das nur so schnell gekommen sei. Der Schneider

hatte sie ein wenig mißtrauisch von der Seite angeblickt, sich den

Buckel gerieben und geknurrt, er sei über den Stuhl gestolpert. Von der

Stunde an wußte er, daß es mit dem Hauen als Erziehungsmittel bei seinen

Mädels endgültig vorbei war.

Daß die Leonie ein handfestes Mädchen war, konnte man an selbigem

Sonntagnachmittag im Walde bemerken, wenn ihr Herr Fritz Lampert beim

Haselnußpflücken in einer Weise behilflich sein wollte, mit der sie

nicht einverstanden war. Fritz hatte sich in einen Witz verbissen, der

aus einer volkswirtschaftlichen Redensart herübergeholt war und den er

großartig fand. Er wollte anhaltend „dem Ackerbau unter die Arme

greifen“, aber der Ackerbau ließ sich das nicht gefallen. Eine Zeitlang

kam aus der Gegend des Waldes, wo Leonie und Fritz in den Haselhecken

streiften, ausgelassenes Gekicher, dann plötzlich ein zorniger Aufschrei

des Mädchens – ein klatschender Schall, wie er entsteht, wenn eine hohle

Hand mit einer weichen Fläche heftig zusammentrifft – eine Weile

Totenstille, und dann begann wieder ein regelrechter und gedeihlicher

Betrieb des Nußpflückens, so zwar, daß Fritz und Leonie am Ende die

reichste Ernte gehalten hatten. Von der Backpfeife, die zu dieser

nutzbringenden Tätigkeit übergeleitet hatte, verlautete kein Wort. Auf

der andern Seite hatten sich Putty und Marjänni in die Hände gearbeitet,

während Fenn sich der jüngern Justine zugesellt hatte. Er war ganz bei

der Sache und machte mit Lachen und Schreien einen Heidenlärm, als er

einmal bemerkte, wie Putty zerstreut einen Buchenstrauch nach Nüssen

absuchte, während Marjänni erwartungsvoll dabei stand und ihre Schürze

aufhielt. Putty schämte sich, Marjänni verhehlte ihm nicht ihren

Unwillen darüber, daß er sie vor den andern mitblamiert hatte. So’n

Trottel! Eine Buchenstaude für einen Haselnußstrauch zu halten! Putty

war zerknirscht, um so zerknirschter, als ihm gerade seine Liebe zu

Marjänni den dummen Streich gespielt hatte. Denn wie er so im Wald

hinter der jungen Freundin herging, war die schöne, vornehme junge Dame

aus der Villa in Luxemburg, war die ganze Taugenichtsstimmung vergessen

und weggeweht, und es überkam ihn beim Anblick Marjännis mit aller

unheimlichen Kraft der Urtriebe, die um so wacher werden, je näher sich

der Mensch der Natur fühlt. Es war wieder die süße Bangigkeit von

damals, wo er sich zum ersten Male seiner Mannheit inne geworden war,

nur stärker, begehrender, ohne das Sündenbewußtsein, das sein erstes

Verlangen nach dem Weib begleitet hatte. So ging er vor sich hin, als

blickte und träte er in die Leere eines Abgrunds und als stünde jenseits

die Erfüllung aller seiner Sehnsüchte. Darum hatte der arme Kerl nach

Haselnüssen an einem Buchenstrauche gesucht.

Auf dem Heimweg gab sein Versehen zu allerhand Neckereien Anlaß, derart,

daß sich bei Marjänni der Unwille in Mitleid kehrte und sie zuletzt mit

blitzenden Augen für ihn Partei ergriff. Das regte Fenn zu noch

grausamern Sticheleien an und er brachte das Mädchen damit derart in

Harnisch, daß sie auf ihn zulief und ihn mit der linkisch ausholenden

Bewegung, die den Frauen eigentümlich ist, zornig auf den Rücken schlug.

Er drehte sich blitzschnell um und haschte nach ihrer Hand, sie riß sich

los und stürmte davon, im Kreise um die Gruppe der andern und zwischen

den einzelnen hindurch, kreischend beflissen, den Griffen des sie auf

dem Fuß verfolgenden Fenn sich zu entwinden. Und so entstand ein Knäuel

jauchzender, quietschender, schreiender und durcheinander schießender

Gestalten, wobei bald ein jedes Partei nahm und sich am Haschen oder

Entwinden nach Kräften beteiligte.

Da geschah es, daß ein paar erwachsene Burschen, denen die Weinlaune die

Grenze zwischen Wohlanstand und Flegelei verrückt hatte, vorbeigingen

und dem Spiel eine Weile zusahen. Und dann rief einer, gerade als Fenn

die aufkreischende Marjänni am Handgelenk zu fassen bekam, in den Trubel

hinein:

„Willst du das Mädel loslassen! Was gehen dich Pfaffenlehrling die Mädel

an!“ Und ein zweiter warf eine Unflätigkeit dazwischen, bei der Fenn das

Blut in die Stirn schoß.

Jeder andere Anwurf hätte ihn sofort zur Entgegnung gereizt und ihm die

Fäuste geballt. So war er wie vor den Kopf geschlagen. Das rohe

Gelächter der Burschen, die sich unter dem gellenden Geschimpf der

beiden Schneiderstöchter ihres Weges trollten, ohrfeigte ihn förmlich,

und es war in ihm keine einzige Zorneswallung, er kam sich vor wie ein

Ausgestoßener, aus dem Kreis der Vollmenschen verbannt, ein freiwilliger

Krüppel. Er brauchte seinen ganzen Trotz, sein ganzes geradliniges,

klares Empfinden, seine ganze kühlgesunde Natur, um über diesen

Augenblick, der auf ihn wie eine häßliche Offenbarung gewirkt hatte,

hinwegzukommen. Fester als je klammerte er sich an das Bild, das er sich

von seiner Zukunft zurecht gemacht hatte, und als er sich wieder ganz

beruhigt hatte, als er über seinen Kleinmut und seine Verstimmung wieder

zu lächeln vermochte, da ging er zu seinem Freund Pichert und erzählte

ihm das Geschehnis.

Der alte Pichert hieb auf sein Sohlleder los, daß ihm die Brille von der

Nase kutschte, und brummte etwas von Schweinehunden und dreckigen

Lümmeln vor sich hin. Dann sah er Fenn forschend über die

frischgeputzten Brillengläser an und fragte: „Was hast du denn darauf

gesagt?“

Gar nichts hatte Fenn geantwortet. Er hatte dagestanden, wie eine

Bildsäule, und als er wieder so weit war, daß er ihnen an die Gurgel

wollte, da waren sie schon nicht mehr zu sehen.

„Hm! hm!“ Der Schuster räusperte sich, tat ein paar Schläge, räusperte

sich wieder – er hatte etwas auf dem Rohr. Er setzte Fenn seine Theorie

vom Weib auseinander.

„Das, siehst du, mein Junge – du bist ja nun so alt, daß man mit dir

offen reden kann. Es ist ja alles menschlich! Das, siehst du, das mit

den Frauensleuten, das ist Schwindel. Es gibt ja Kerls, denen wässern

gleich alle Zähne, wenn sie einen Unterrock auf hundert Meter wittern.

Aber die sind sicher nicht ganz gesund, bei denen ist sicher eine

Schraube los. Ein kerngesunder Mensch, für den ist das mit den

Frauensleuten Schwindel, eine Hundekrankheit. Natürlich, gerade wie eine

Hundekrankheit!“

„Wo willst du hinaus, Pichert?“ fragte Fenn belustigt.

„Na ja, dir brauch ich ja das nicht zu sagen. Aber es ist gut, daß du es

weißt. Wenn du so deinen Weg für dich gehst, und es will dir einmal so’n

Frauensmensch den Kopf warm machen – glaub mir, es ist Schwindel, man

kommt ganz gut ohne sie zuwege!“

Und Pichert pfiff das Lied vom „Comper Ku’eb“[2] und hieb dazu den Takt

mit seinem Hammer in die glatte Höhlung des Bombensplitters. Schon lange

hatte es ihm Sorgen gemacht, wie wohl sein junger Freund sich mit dem

Opfer der Entsagung abfinden würde. Denn der alte Pichert wußte aus

seinen jungen Jahren von einer Zeit, wo ihm die Gedanken an das Weib zu

schaffen gemacht hatten, und er wünschte mit seiner Erfahrung Fenn Kaß

möglichst unangefochten durch diesen Entwicklungshohlweg

hindurchzubringen. Nun, Fenn nahm die Sache ja erfreulicherweise leicht,

also konnte man von was anderm reden. „Hast du gehört, daß der Lampesch

Fiß auf dem letzten Loche pfeift?“

„Wieso? Ich habe ihn vorhin noch auf der Kreuzstraße gesehen.“

„So meine ich es nicht. Aber der ‚Mischell‘ hat ihm – – gicks!“ Und

Pichert machte dabei die Bewegung des Halsumdrehens.

„Davon war ja schon lang das Gerede. Ist es denn jetzt wirklich Matthäi

am Letzten?“

„Am Sonntag wird die Versteigerung ausgerufen.“

„Und was wird denn da aus dem Fritz?“

Pichert zuckte die Achseln und blies ein geringschätziges pöh! durch die

Lippen. Der Fritz? Was lag ihm am Fritz, an dem Affen mit dem fertig

gekauften Fabrikschuhzeug! „Übrigens, der erbt von seinem Onkel Majerus

in Brebach die schöne Mühle, für den ist gesorgt.“

„Jawohl, Müller werden, das stünde ihm besser an als studieren.“

„Gelt, er bringt nicht viel vor sich?“

„Nu ja, er tut aber doch, was er kann.“

„Paß auf, aus dem wird seiner Lebtag nichts Rechtes.“

* * * * *

Als am nächsten Sonntag vor dem Hochamt die Bauern auf der

Straßenkreuzung zusammenstanden – sie hatten vorne die Kittel

heraufgeschürzt und beide Hände in den Hosentaschen, weshalb sie beim

Ausspucken die Pfeife nicht aus dem Munde nehmen konnten – da kam unten

um die Ecke ein städtisch gekleideter Mann, der eine große, blinkende

Messingschelle mit einem mächtigen Handgriff verkehrt, den Klöppel nach

oben, im gebogenen Arm trug. Er hatte einen wohlgepflegten braunen

Vollbart und trug sein Hütchen keck auf dem Ohr. Sie kannten ihn alle

und hatten ihn wohl auch erwartet. Ihr Kreis öffnete sich, so daß jetzt

alle den Blick auf den Ankommenden gerichtet hatten. Er machte vor der

Gruppe halt, fuhr grüßend flüchtig mit der Linken an den Hutrand,

stellte sich in Positur, die rechte Stiefelspitze weit nach vorne, die

linke Hand in die Hüfte gestemmt. Und dann begann er seine Glocke zu

schwenken, mit wunderbarem Geschick. Rein mit einer eleganten Bewegung

aus dem Handgelenk brachte er einen tadellosen Dreitakt heraus:

Klinglingling Klinglingling! Aus den vier Richtungen kamen schreiend die

Buben in ihren Sonntagskleidern herbeigeschossen, drängten sich durch

und umstanden in froher Neugier den Mann mit der Schelle. Klinglingling

Klinglingling! gellte es in strengem Rhythmus durch die Straßen. Hinter

den Buben kamen deren Väter, gemessenen Schritts, ohne Eile, damit man

nicht denken könnte, sie überschlügen sich vor Neugier. Und, wie gesagt,

sie wußten schon, was kam. Aber sie wollten doch dabei sein, wenn das

Unerhörte geschah, wenn das ganze große Gut der Lamperts, das seit über

einem Jahrhundert in der Familie war, zur Versteigerung ausgerufen

wurde.

Jetzt schwang der Bärtige zum letzten Male seine Schelle in weiterm

Bogen durch die Luft und bugsierte sie zurück in die Biegung seines

rechten Armes. Dann legte er den Kopf ein wenig nach rechts hintenüber

und begann seine Kundmachung. In kurzen, heftigen Absätzen stieß er die

Worte heraus. Es klang wie Gebell: „Am Montag – den 20. Oktober –

vormittags 9 Uhr – läßt Herr Lampert – von allhier – seine auf hiesigem

Banne – gelegenen Güter – und sein Wohnhaus mit Stallung – und sein Vieh

– und seine Fouragen – und seine Ackergeräte – öffentlich auf Borg

versteigern. – Wer Liebhaber ist – kann sich um 9 Uhr – in der

Gastwirtschaft Jaans – und später im Hause Lampert selbst einfinden.“

Dann ließ der Schellengewaltige noch einen gleichgültigen Siegerblick

über die Umstehenden schweifen und setzte seine blanken Stiefelspitzen

weiter nach dem andern Ende des Dorfes, wo er dieselbe Verkündigung

wiederholte.

Während die Bauern an der Kreuzstraße und an den übrigen Sammelpunkten,

wo sie Sonntags ihr Ting zu halten pflegten, die Äcker und Wiesen des

Lampesch Fiß besprachen und jeder nach Kräften das schlecht machte, auf

das er sein Auge geworfen hatte, humpelte der alte Wöllem in einer Eile,

die an ihm noch niemand wahrgenommen hatte, auf einem Richtweg der

Kirche zu, keuchte an der Rückseite die steile Treppe zum Friedhof

hinauf und klopfte unbeholfen an die Tür der Sakristei, wo er wußte, daß

um diese Zeit Fenn Kaß mit den Vorbereitungen zum Hochamt beschäftigt

war. Fenn Kaß tat ihm auf und war verblüfft, als er den alten Mann mit

verstörtem Gesicht in der Tür stehen sah. Man wußte nicht, waren die

Tropfen, die ihm über die felsfarbigen Wangen herunter in den Bart

liefen, wirkliche Tränen oder kamen sie nur auf Rechnung der scharfen

Herbstluft.

„Was ist denn los, Wöllem?“ fragte Fenn, ein wenig barsch in seiner

Neugier und Verblüffung.

Da verzog der alte Mann sein runzliges Armeleutsgesicht zu einer

unsäglich kläglichen Grimasse, einer jener Grimassen, in denen die

Ungewohntheit großer Affekte durch eine rührende Hilflosigkeit des

Ausdrucks sich verrät. Niemals seit einem Menschenalter hatte der arme

Wöllem sein Gesicht in starkem Leid oder Glück verzogen, es war wie

ausgetrocknet, es hatte für dergleichen keine Falten, und er sah in

seinem Schmerz wirklich so komisch aus, daß Fenn schon das Lachen ankam,

als plötzlich ein Laut voll unerhörten hilflosen Entsetzens dem alten

Mann aus dem Munde brach. Und dabei führte er zitternd die flache Hand

unter seinem Kinn vorbei.

„Um Gottes willen!“ Fenn hatte begriffen. „Der Lampert!“

Ja, der Lampert hatte sich mit dem Rasiermesser die Gurgel

abgeschnitten, genau in derselben Minute, als drunten an der

Straßenkreuzung, vor dem Altar zwischen den beiden Silberpappeln sein

Hab und Gut ausgeschellt wurde.

Fenn ging zum Pfarrer und mit diesem zu dem Toten. Der saß aufrecht, nur

in Hemd und Hosen, in seinem Lehnstuhl, in derselben Stube, in der vor

Jahren die Kinder mit ihm die Nüsse gegessen hatten aus dem verpfändeten

Acker. Fenn erinnerte sich, wie er keine davon anrühren wollte und wie

der Bauer darauf heiser gelacht hatte: Eßt sie, sonst holt sie der Jud!

Der Lampert, der das Erbe seiner Väter vertan hatte, – da saß er, die

Augen fest geschlossen in dem fahl violetten, furchtbar eingefallenen

Gesicht. Aus den durchschnittenen Halsschlagadern war das Blut wie eine

rote Quelle ausgeströmt und das Hemd des Toten hatte über der Brust

keinen weißen Fleck mehr.

„Warum,“ dachte Fenn, „entsetzen wir uns beim Anblick des Blutes? Warum

zuckt uns die Hand vor der Berührung des roten Lebenssaftes? Ist es denn

nicht die Farbe der Freude?“

Wöllem stand daneben, und von Zeit zu Zeit schütterte seine Hünengestalt

unter einem Schluchzen, das sich gewaltsam aus seiner breiten Brust

losrang.

Fenn hatte sich nach Fritz Lampert umgesehen. Der Sohn des Selbstmörders

zeigte sich nicht. Fenn wußte, wo er im ersten Stock sein Zimmer hatte.

Er ging hinauf und klopfte an die Tür, erhielt aber keine Antwort. Er

sah, daß der Schlüssel von innen stak. Als er auf die Klinke drückte,

fand er die Tür verschlossen.

Da rief er gedämpft den Namen des Kameraden. „Fritz! Ich bin’s, der

Fenn!“

„Laß mich in Ruh!“ kam es trotzig zurück.

„Fritz, mach auf! du mußt aufmachen, hörst du!“

Ohne daß Fenn drinnen Schritte gehört hatte, flog plötzlich die Tür auf

und Fritz stand vor ihm. „Was willst du denn hier?“ fuhr Fritz Lampert

den Küstersohn an.

„Dir sagen, daß dein Platz drunten ist, bei der Leiche!“

„Kümmere dich um das, was dich angeht!“

„Das geht mich an, das geht einen jeden an. Du gehörst hinunter, zu der

Leiche, jetzt wenigstens!“

„Wer mir so was antut, der verdient nicht, daß ich mich um ihn kümmere!“

stieß Fritz haßgeschwollen hervor.

„Tu es der Leute wegen, Fritz,“ redete ihm Fenn zu. „Mir kann’s ja

gleich sein. Aber wir sind doch immer Kameraden gewesen, ich möchte

nicht, daß sie später von dir sagen, du hättest von deinem leiblichen

Vater nichts mehr wissen wollen.“

„Meinetwegen! Ich ziehe fort, keine vierundzwanzig Stunden bleibe ich

länger hier. Ich gehe zu meinem Onkel nach Brebach!“

„Komm jetzt hinunter. Wir müssen die Neugierigen hinausweisen.“

„Das fehlte noch!“ brauste Fritz auf. „Daß sie uns jetzt Maulaffen

halber das Haus auslaufen und sich womöglich die Taschen voll stehlen!“

Und was die Kindesliebe nicht vermocht hatte, das brachte in dem

starrnackigen Bauernsproß der Eigentumssinn fertig. Fritz Lampert ging

hinunter zu der Leiche seines Vaters und wies mit rüden Worten alles

hinaus, was über die Schwelle drängte und den toten Lampesch Fiß sehen

wollte. Nur Putty durfte herein und Marjänni. Sie räumte beherzt ein

wenig in der Stube und im Hause auf, damit alles sauber aussähe, wenn

das Gericht käme, und sie sagte ernst und leise zu Fritz, er solle doch

nachher bei ihnen zu Mittag essen – nein, durchaus keine Umstände, es

werde einfach ein Teller mehr aufgesetzt. Da fiel es Fenn ein, daß auch

der alte Wöllem an dem Tag und den folgenden keinen Tisch hätte, an den

er sich ohne Grauen setzen würde, und er sagte ihm, daß er nach dem

Hochamt mit ihm zu seinen Eltern gehen sollte.

Fenn Kaß · 第 9 / 23 题