Zwischen Ulmen und Platanen geht die schöne, staubweiße Dreikantonstraße
quer durch das Luxemburger Ländchen, von der Mosel nach der belgischen
Grenze. Allerhand bäuerliches Fuhrwerk zieht dort seine Spuren.
Straßenwärter lehnen, stets verschnaufend, am Grabenrand auf ihren
Schaufeln und Hacken. Um die Osterzeit liegen vor den Kilometersteinen
bunte Eierschalen, von allerhand Wandervolk nach Rast und Wegzehrung
hingestreut. Es ist, als ob’s im Erdreich ringsum von erwachendem Leben
knistre. Manchmal kommt aus der Ferne das leise Geklingel eines
Schellenkranzes, zwei magere Gäule schleppen einen gelben Kasten auf
Rädern vorbei; durch die klapprigen Fenster sieht man im Innern müde
Gesichter mit geschlossenen Augen vornüber nicken: der Omnibus. Im
Herbst schwelt dünner Rauch von brennendem Kartoffelkraut über die
Straße, und fernher zieht über die leeren Stoppelfelder unsäglich
wehmütig der Choralgesang eines Bauernbuben, der hungrig um seine Kühe
kreist und überm Singen an die duftigen Knollen denkt, die er sich in
der Asche des Kartoffelfeuers brät.
Am schönsten ist es auf der Dreikantonstraße an sonnigen
Septemberabenden. Dann dampft goldener Nebel zwischen den Bergen am
Horizont. Es ist der zerfließende Rauch der Hochöfen im Süden und
Westen. Da schmelzen sie das Erz, das die braunen Italiener aus den
zerrissenen Eingeweiden der Erde herauswühlen, und hinter den Bergen,
dort herum, wo drei Grenzen sich schneiden und das sonore Französisch
des Beckens von Longwy mit den trotzigen Kehllauten altdeutscher
Neulothringer und dem breitspurigen Luxemburger Platt der Escher Gegend
unvermittelt zusammenklingt, da sinkt jetzt der Sonnenball langsam
hinweg in den Dämmerrauch, den er sich zu leuchtenden Schleiern
vergoldet hat.
Wiesing ist eines der schönsten Dörfer an der Dreikantonstraße. An der
Straßenkreuzung steht ein vornehmes, altes Gasthaus mit altmodischer
französischer Aufschrift „_Auberge. – On loge à pied et à cheval. –
Epicerie._“ Hinter einem Fenster, in einem hohen Glaspokal, dicke
Lakritzstangen, in einem andern brauner und gelber Kandiszucker. Ein
weißes Porzellanfäßchen trägt die Aufschrift: _Obourg_, – ein anderes
die Worte: _Poudre de chasse_, bei denen alle Bubenherzen höher
schlagen. Rechts von der Freitreppe, die zum Hausflur hinaufführt, steht
eine hölzerne Pferdekrippe mit Ringen zum Ankoppeln. Zwischen geköpften
Silberpappeln, die im Frühjahr ihre Lämmerschwänzchen und im Herbst ihre
hellgelben, welken Blätter über die Straße streuen, ragt ein uraltes
Steinkreuz mit bemoostem Altartisch davor. Dort hält an Fronleichnam,
bei der Kirchweih und am Muttergottestag die Prozession, und alles kniet
andächtig in der Runde. Der Herr Pastor hebt über die gesenkten Häupter
segnend die blitzende Monstranz, während die feiertäglich duftenden
Weihrauchwolken steigen, Silberschellchen bimmeln, in der Ferne dumpf
die Böller knallen, die Glocken zu Hauf läuten und in der Gaststube drin
ein paar Burschen, die lieber im Wirtshaus Gottesdienst feiern, stumm an
ihren Sonntagszigarren saugen und hinter den weißen Tüllvorhängen
verstohlen hinausäugen.
Es gab eine Zeit, wo in Wiesing reiche Bauern wohnten. Damals, ehe die
Eisenbahn fertig gebaut war, ging von den Escher Bergen der Strom des
rotbraunen Erzes durch Wiesing nach der Mosel, wo das kostbare Gestein
nach den deutschen Hüttenwerken in weitbauchige Kähne verfrachtet wurde.
Karren an Karren rasselte und polterte durchs Dorf, es war ein
betriebsames Leben, die Bauern verdienten, was sie wollten. Sie trugen
zu ihren stahlblauen, blinkenden Sonntagskitteln schneeweiße Stehkragen,
spielten Kegel und Karten zu einem blanken Taler den Einsatz, und als
der rotbraune Strom plötzlich versiegte, da saßen sie auf dem Trocknen
und wußten nicht wie. Ihre Ställe leerten sich, auf ihren Scheunen sahen
durch die verfallenden Dächer die Sparren wie die Rippen eines faulenden
Aases, das die Raben und Füchse angefressen haben, und an ihren schönen
großen Häusern zerbrach von den teuren gewölbten Fensterscheiben eine
nach der andern und wurde durch ganz gewöhnliches billiges Glas ersetzt.
Da lernten ihre Söhne wieder das bittere Schwitzen und verbrachten
schlaflose Nächte mit Grübeln, wie sie es anstellen sollten, um für den
Jud und den Notar die Zinsen aufzubringen.
* * * * *
An einem der schönen Septemberabende stand Fräulein Gretchen, die
Schwester des Herrn Pfarrers Reining, an ihrem vergitterten
Küchenfenster, das auf den Hof hinausging, und sah mit verträumten Augen
zu, wie ein dreizehnjähriger Junge einen Korb mit glatten, weißen
Buchenholzstücken füllte, den letzten von einem großen Haufen, den er
mühsam und unverdrossen auf den Speicher geschafft hatte. Der Platz war
noch weiß von Sägespänen, und der bittere Geruch der frisch zersägten
Buchenscheite mischte sich mit den Düften, die vom Kochherd ausgingen
und in lauen, unsichtbaren Wölkchen sich an Fräulein Gretchen vorbei ins
Freie stahlen.
Der Junge hatte den Korb huckepack genommen und ging, vornüber gebeugt,
in langsamem Takte nickend unter seiner Last um das Haus herum durch die
Hintertür hinein und die Treppe zum Boden hinauf. Im Halbdunkel des
sinkenden Tags schimmerte in dem schwülen Raum unterm Dach die
Trockenwäsche auf den Leinen, die zwischen den Balken des Dachstuhls
gespannt waren. Es roch nach Seife, nach trockener Buchenrinde, nach
süßen Birnen und Äpfeln und nach vergilbtem Papier. Der Junge setzte
seinen Korb ab. Mitten im Speicherraum stand wie eine plumpe Säule der
Kaminschlot, der durchs Dach hinausführte, und um diesen herum war das
Brennholz fein säuberlich aufgeschichtet. Bevor der Junge den Inhalt des
Korbes zu dem übrigen legte, holte er aus einer Speicherecke, von einer
offenen Kiste, ein aufgeschlagenes Buch und stellte sich damit unter
eine Dachluke, wo das Zwielicht zum Lesen gerade noch langte.
„Geschichte der Dampfmaschine“ stand auf dem Titelblatt. Das Buch dicht
an den leuchtenden Augen las der Knabe Seite um Seite, und vergaß über
Denis Papin und James Watt alles um sich her.
Plötzlich hörte er rufen. Fräulein Gretchens weiche Altstimme tönte
durchs Haus. „Fenn! Fenny! Könnscht de net bal?“
„Ob der Minut!“ rief Fenn hastig zurück, klappte das Buch zu, trug es an
seinen Platz und leerte hurtig mit beiden Händen den Inhalt des Korbes
auf den Holzstapel, der sich in Brusthöhe vor ihm türmte. Dann sprang er
in eiligen Sätzen die Treppe hinunter.
In der Küchentür stand Fräulein Gretchen. In ihren weltunkundigen,
sanften Augen war lächelnde Zufriedenheit, als sie den Jungen fragte, ob
er nun ganz fertig sei. Dabei wandte sie sich zurück in die Küche und
nahm aus einem Körbchen eine prächtige, große Birne, die sie Fenn am
Stiel entgegenhielt. Er wischte schmunzelnd die flachen Hände an den
Hosenbeinen ab und nahm die Birne, in die er gierig zwei Reihen blanker
Zähne schlug. Wie lecker nach all dem Staub, der so bitter und trocken
am heißen Gaumen klebte! Voll mitgenießender Behäbigkeit sah Fräulein
Gretchen, die Hände unter ihrer kurzen, schwarzen Pelerine
übereinandergefaltet, dem Knaben zu. Sie war eine gute Haut, und alle
mochten die „Zäre Joffer“ leiden.
„Zären“ und „Zierden“ heißen im Luxemburgischen von uralters her in
jedem Dorf zwei Häuser, das Pfarrhaus und das Hirtenhaus. In diesen
Bezeichnungen hat sich noch die Genitivform erhalten, um die der
Luxemburger sich sonst wie um etwas hochdeutsch Vornehmes linkisch
herumdrückt. Aus „des Herren“ und „des Hirten“ ist „d’s Hären“ und „d’s
Hierden“, und dann „Zären“ und „Zierden“ geworden, und „Zäre Kächen“ und
„Zierden Hond“ sind in allen Dörfern stehende Ausdrücke. Wer sich in
Wiesing etwas herausnehmen durfte, sprach vertraulich von „Zäre
Gre’itchen“, für die andern war sie die Respektsperson, die „Zäre
Joffer“.
Fenn hatte seine Birne verzehrt.
„Hast du denn dein Holz schön ‚getesselt‘?“ fragte Fräulein Gretchen in
dem breiten Dialekt, der mit seinen weichen, liebevoll gedehnten
Zischlauten, den fremdartigen, bald ans Englische, bald ans
Oberbayrische anklingenden Diphthongen und einer Beimischung
französischer Nasenlaute dem Ausländer so undeutsch und unverständlich
klingt.
Fenn nickte. Er trat von einem Fuß auf den andern und würgte sichtlich
an einem Anliegen, mit dem er sich nicht hervortraute.
„Nun gehst du zu Lehrers und bestellst meinem Vater, daß Essenszeit
ist,“ sagte Joffer Gretchen.
Da brach dem Jungen sein Geheimnis über die Lippen. „Auf dem Speicher
oben liegen so schöne Bücher!“ brachte er unvermittelt hervor, und sein
offenes Bubengesicht lief dabei rot an.
„So, was denn für Bücher?“ fragte wohlwollend Fräulein Gretchen.
Er versuchte ihr klar zu machen, was er meinte, aber mit Worten dauerte
es ihm zu lang. So war er in ein paar Sätzen die Treppe hinauf und holte
den Schmöker. Sie meinte, sie müsse erst „eisen Här“ fragen.
„Unser Herr“ saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Der Herr
Wiesinger galt in den Kreisen seiner Confratres für ein unheimlich
gelehrtes Haus, aus dem noch einmal ganz was besonderes werden würde.
Das Geld, das andere in Rotspohn und Zigarren anlegten, steckte er in
seine Bücherei. Schön gebunden, mit schwarzbraunem Rücken und dem
Goldtitel in dunkelgrünem Feld, standen die Theologen, Philosophen,
Kirchenväter und Klassiker auf ihren Regalen, hinter blinkenden
Kattunvorhängen. Der Herr Wiesinger sah seiner Schwester sehr ähnlich.
Dasselbe gütige, weiße Gesicht, dieselben sanften Augen, nur tiefer und
klüger hinter den starken Brillengläsern.
Er nahm lächelnd das Buch und blätterte sinnend eine Weile darin. „Gib’s
ihm, wenn es ihm Spaß macht,“ sagte er. „Ich habe es vor reichlich
vierzig Jahren als Schulpreis bekommen. Da klebt noch der Zettel: Sexta,
I. Preis, Karl Reining. Aber der Fenn soll darüber sein Latein nicht
vernachlässigen.“
„Und ich wollte dir auch sagen, Charles, das Essen ist soweit fertig.
Wenn du kommen willst, kann aufgetragen werden.“
Unter vier Augen duzte Joffer Gretchen den geistlichen Bruder, aber in
der Zärtlichkeit, mit der das luxemburgisch-französische „Scharel“
herauskam, klang ein gut Teil Ehrfurcht mit.
Fenn zog glücklich mit seiner Beute ab. Er hatte heute zum letzten Male
im Pfarrhaus Holz getragen. Morgen sollte er nach Luxemburg aufs
Gymnasium, um „auf Herr“ zu studieren.
* * * * *
Sein Vater war der Küster, der griesgrämige Mathias Kaß mit den
buschigen Augenbrauen und den gekniffenen Lippen. Die Kaß in Wiesing
gehörten zu einem alten Luxemburger Schmiedegeschlecht. Der Mathias war
zufällig schwächer geraten als seine Brüder und Vettern und darum nach
Wiesing gekommen, wo er in eine alte Küsterdynastie eingeheiratet hatte.
Aber die Natur hatte nur ein Glied in der Kette überschlagen, beim
jungen Kaß in Wiesing setzte die ganze Kraftfülle der Altvordern wieder
ein. Vielleicht auch war er mehr nach der Mutter geartet, einer stillen,
derben Frau, die an dem grobknochigen einzigen Sohn mit der ganzen
Zärtlichkeit ihrer schlichten Seele hing. Ferdinand hatte sie ihn taufen
lassen. Ferdinand war der schönste Name, den sie kannte. Irgendein
vornehmer Knabe aus einer Geschichte in ihrer Lesefibel hatte Ferdinand
geheißen, und so nannte sie ihren Einzigen Ferdinand. Aus jenem
Bedürfnis nach Feinem, Feiertäglichem, das selbst im gröbsten Bauernweib
drin steckt und ihm eingibt, ein paar Blumenscherben auf der Fensterbank
zu halten, oder um Ostern herum Veilchen zwischen die Wäsche zu legen
oder bei feierlichen Gelegenheiten – Begräbnis, Hochzeit, Kirmes und
Kindtaufe – ihr weißes Taschentuch nebst Gebetbuch und Rosenkranz
zimperlich vornehm in der Hand zu tragen.
Papa Reining, den Fenn zum Essen rufen sollte, war der Vater des
Pfarrers. Ein bißchen gebeugt, ein bißchen wackelig, ein bißchen
schwerhörig. Unter sich nannten ihn die Wiesinger „Zäre Pätter“,
offiziell hieß er der „Père Reining“. Niemand sah ihn je anders als im
schwarzen Gehrock. Allabendlich ging er auf eine Partie Sechsundsechzig
zum Lehrer Braun, für dessen Jüngste er stets etwas zum Naschen in den
unergründlichen Taschen seiner Rockschöße mitbrachte. Und bot das Haus
einmal nichts Eigenes, dann waren es Pfefferminzpastillen. Um diese
stritten sich die Kinder, es war ihnen ein seltenes und seltsames
Empfinden, an Gaumen und Zunge den kühlen Hauch und den süßlichen
Geschmack der kleinen weißen Plätzchen zu spüren.
Fenn Kaß wußte in dem bescheiden aussehenden, strohgedeckten Haus, das
die Gemeinde ihrem Lehrer als Wohnung zur Verfügung stellte, von
Kindesbeinen auf Bescheid. Von der Straße führte eine Treppe hinan, auf
deren Steinbrüstung bald glucksende Hühner sich sonnten, bald die
Töchter Brauns mit gefärbten Knöchelchen Spielstein spielten. An lauen
Abenden saß dort Braun, ans Haus gelehnt, ein Bein auf der niedrigen
Brüstungsmauer vor sich ausgestreckt, rauchte seine weiße, irdene
Pfeife, sein „Hänschen“, und erklärte seiner Jüngsten die Sternbilder.
Dann kroch Fenn manchmal schweigend von unten die Treppe herauf, bis zu
den Füßen des Lehrers, und lauschte gespannt, wenn Braun am „Großen
Wagen“ die drei Pferde und die vier Räder oder am „Rechen“ die Zähne und
den Stiel mit seinem Pfeifenrohr der kleinen Marjänni demonstrierte. Man
weiß nicht, was den Küstersbuben am meisten lockte, der „Große Bär“ oder
die kleine Marjänni. Tatsache ist, daß es ihn nach dem Lehrerhause
hinzog, auch wenn kein Stern am Himmel stand. Und noch lange nachher
wurzelten die seligsten Erinnerungen seiner Kinderjahre in den Stunden,
die er bei Lehrers zugebracht hatte.
Lehrers hatten jenseits der Straße einen großen Garten, in dem eine
Holzbank unter einem mächtigen Holunderstrauch stand. Dorthin brachten
die Mädchen ihre Puppen und die Buben ihre Pferde und gründeten einen
gemeinsamen Haushalt. In eine Mauerritze wurden nebeneinander ein paar
Stöckchen getrieben, das waren die Balken des Heuspeichers. Quer darüber
kam Reisig und oben darauf wurde ausgerupftes Gras getürmt. Auch Raufe
und Trog fehlten nicht, und den bunten Rossen, die noch so
funkelnagelneu nach Lack dufteten, gebrach es an nichts. Neben dem Stall
wurde ein Brunnen gebohrt, mit einer spitzen Bohnenstange, so tief, daß
alle Kinder sagten, sie könnten nicht bis auf den Grund sehen, beinahe
fußtief. Und aus gegabelten Zweigen und quer darüber einem runden
Stäbchen mit doppelt geknicktem Ende als Kurbel wurde der Apparat
gebaut, an dem aus der Tiefe des Brunnens der Wassereimer heraufgewunden
wurde.
Während die Knaben so dem Viehbestand ihre Fürsorge zuwandten,
bestellten die Mädchen das Haus. Unter der Bank am Holunderstrauch lag
der Keller, mit Milch und Butter und Kartoffeln und allen Vorräten reich
bestellt, oben drauf waren Küche, Stube und Schlafzimmer für das
Puppenvolk eingerichtet. Da führte Marjänni das Zepter, in Hof und Stall
war Fenn ausschlaggebend.
Auch von den andern, die gewöhnlich dabei waren, ist ein Wort zu sagen.
Heine Putty machte sich aus den Pferden nicht viel, er drückte sich mehr
auf der Mädchenseite herum. Sein Vater war Schneider, aus der Gegend
zwischen Mosel und Syr eingewandert, ein bartloser Schwächling mit dem
Temperament eines Cholerikers, ein Bramarbas, der ein ruhiges Hünenweib
heimgeführt und mit ihr einen schmächtigen Sohn und zwei derbe
Töchter gezeugt hatte, die Leonie und die Justine, die bei den
Haushaltungsnachmittagen im Lehrersgarten emsig schafften. Geriet der
Schneider in Wut, so prügelte er unter gräßlichen Flüchen seine Kinder,
eins nach dem andern, durch. Das ihm zunächst saß, kam zuerst an die
Reihe, und dann die andern. Er erblickte in diesem unparteiischen
Durchprügeln einen Hauptteil seiner väterlichen Sendung. Die Mutter sah
ihm dabei ohne Aufregung zu, weil sie dachte, das könne unmöglich wehe
tun. Aus seinen ledigen Jahren erzählte der Schneider erstaunliche
Heldentaten, die ihm die Wiesinger lieber glaubten, als daß sie sich mit
dem mundfixen, hergelaufenen „Schneiderhähnchen“ auf eine Kontroverse
eingelassen hätten. So war der kleine Peter Heinen – aus Peter machten
die Kameraden Putt und Putty – ein verschüchterter Knabe geworden, aber
fein, begabt, phantasiereich und voll einer heimlichen Genußfreude, die
sich nicht gern an die Oberfläche wagte, die jeden Genuß mißtrauisch in
einen Herzenswinkel schleppte, wie ein Hund einen Knochen, und sich dort
gierig an ihm sättigte.
Suchte Heine Putty beim Spielen stets die Gesellschaft der Mädchen und
gefiel sich Fenn in der Rolle des Hausvaters, so ging der dritte
Gespiele, Fritz Lampert, davon aus, daß er dahin gehörte, wo es im
Augenblick am meisten zu essen und zu trinken gab. Sein Vater, der
Lampesch Fiß (Fils), so genannt nach dem Vorbilde der benachbarten
Lothringer Bauernsöhne, war der reichste Bauer auf viele Stunden im
Umkreis. Manche im Dorf hängten, wenn sie das sagten, augenzwinkernd das
fatale Wörtchen „gewesen“ daran. Soviel war sicher, der Lampesch Fiß
hatte schon in jungen Jahren das Faulenzen gelernt. Und sollte Fritz von
ihm auch weiter nichts erben, die Faulheit, die Selbstsucht und das
Protzentum hatte er von ihm sicher, das stak im Blut.
Fenn, Putty und Fritz waren ein Kleeblatt. Und von der kleinen Marjänni
hätte man sagen können, sie war an dem Blatt der Stiel, der die drei
zusammenhielt.
Fenn sprang bei Brauns die Treppe hinauf und stieß im Flur auf seine
Freundin, die ein langes Stück massigen Zwetschenkuchens auf der flachen
Hand hielt. Wenn sie beim Hineinbeißen die Lippen schürzte, sah man in
dem gesunden, roten Zahnfleisch das blinkende Elfenbein ihrer Zähne
stehen, und aus zwei groß aufgerissenen, dunkeln Augen funkelte der
Genuß an dem saftigen Bissen.
Daß damals in Wiesing weit und breit die schönsten Mädchen wuchsen,
wußte in der Gegend jeder Bursch. Brauns Marjänni war nicht aus der Art
geschlagen. Sie hatte die süßesten Augen, dunkelolive; ihr schmales
Gesichtchen war weiß, wie ein Rosenblatt, nur um die Augen ein wenig
dunkler, wie weiße Rosenblätter in des Kelches Mitte. Wenn es gegen
Abend ging und sich ihr Haar unter dem Kamm gelockert hatte und einen
breiten Rahmen um ihr entzückendes Kindergesicht legte, war sie fast zu
schön, wie ein Bild, das man keinem Maler glauben würde.
So sah sie aus, als Fenn Kaß ihr jetzt im Türrahmen entgegensprang. Er
griff mutwillig nach ihrem Kuchen, sie retirierte mit einem halb
belustigten, halb entrüsteten „Nein, wie frech!“ in die Küche.
Der „Zäre Pätter“ war in keiner kleinen Aufregung, als Fenn ihn
abberief. Er hatte drei Spiele nacheinander gegen Braun gewonnen und ihn
einmal „Schneider gemacht“, und jedesmal, wenn er einen Trumpf auflegte,
schwang er die Karte hoch empor, wie ein Richtbeil, und ließ sie mit
einem aus tiefster Brust hervorgekeuchten Aha! auf die Karte des Gegners
niedersausen, daß unter seinem feinen Greisenfäustchen die Tischplatte
diskret erbebte.
„Danken Sie Ihrem Schöpfer, Herr Braun, daß ich fort muß!“ sagte er mit
vibrierender Stimme, indem er sein geblümtes Taschentuch und seine
silberne Schnupftabakdose vom Tisch aufnahm. „Heute wäre es Ihnen um
Haus und Hof gegangen!“
Braun lachte gemütlich und kraute sich hinter dem Ohr. Er gedachte der
ersten Tage, wo der „Zäre Pätter“ mit ihm Sechsundsechzig gespielt und
regelmäßig Schuh und Strümpfe dabei verloren hatte. Da war er aus reinem
Mitleid mit dem alten Mann hingegangen und hatte heimlich die Karten
gezeichnet. Nun konnte er ihm so viel Trümpfe und Stiche in die Hände
spielen, wie er für gut fand, und der gute „Zäre Pätter“ hatte dank dem
Lehrer Braun einen triumphverklärten Lebensabend und kam jeden Tag in
der übermütigsten Stimmung zum Abendessen. Pfarrer Reining hörte von der
großmütigen Mogelei des Lehrers und erstattete diesem gewaltsam jede
Woche die zwölf Sous, die er an den Père Reining aus christlicher
Nächstenliebe verloren hatte.
* * * * *
Als Fenn Kaß an jenem Abend die Betglocke läutete, war ihm durchaus
nicht so weich zumut, wie es doch am Vorabend eines so folgenschweren
Tages begreiflich gewesen wäre. Nein, so einer war er überhaupt nicht.
Es hatte ihn noch keiner von seinen Kameraden mit nassen Augen gesehen.
Nicht, daß er ein rohes Gemüt gehabt hätte. Vieles ergriff ihn
seelentief. Aber war sein Inneres ein bewegliches Wasser, auf dem jede
Empfindung ihre Ringe warf, sein Äußeres war festes Erdreich, ein Ufer,
von dem die Wellenringe der innern Aufregung spurlos zurückzitterten.
Fenn schlenkerte den großen Kirchenschlüssel an Daumen und Zeigefinger
hin und her, als er langsam zwischen den Ebereschen hinging, die vom Tor
des Friedhofs bis zur Kirchentür eine zierliche Allee bildeten. Einzelne
rote Beeren lagen über den Pfad gestreut. Fenn fiel es ein, wie sich
Marjänni mit den reifen Vogelbeeren manchmal Ohrgehänge machte, und
instinktiv vermied er, auf eine der roten Korallen zu treten, als hätte
er damit der kleinen Spielkameradin weh tun können.
Beim Missionskreuz an der Turmmauer hielt er die Schritte an. Dort stand
Sonntags nach dem Hochamt die Gemeinde und sprach ein kurzes Gebet „für
die Abgestorbenen“. Warum kam dem Küsterssohn gerade hier das
Bewußtsein, daß ein Abschnitt in seinem Lebensbuche nun für immer
umgeblättert war? Warum dachte er nicht an dies und jenes, das er nie
mehr tun würde, und warum dachte er gerade: Du wirst nun nicht mehr
Sonntag für Sonntag unterm Missionskreuz stehen und für die Verstorbenen
beten? ... Drüben war immer Marjännis Platz, an dem Grab mit dem
schiefen grauen Kreuz, über das jetzt riesige Sonnenblumen ihre schweren
Köpfe hängten. Dort sah er sie immer stehen, wenn er etwas später, als
die andern, aus der Sakristei kam, wo er noch nach dem Rechten hatte
sehen müssen. Wenn sich zufällig ihre Blicke kreuzten und er ihr
verstohlen zunickte, winkte sie kaum merklich wieder, schloß eine
Sekunde lang ihre dunkeln Augen und betete weiter, ernst und altklug,
als müßte sie ganz allein alle armen Seelen aus dem Fegfeuer beten. Der
Gedanke an sie ging heimlich hinter ihm her in die stille, dämmerbraune
Kirche, in der seine Schritte hallten. Dort links war ihr Platz. Sie saß
die erste in ihrer Bank. Während im Hochamt das Credo oder in der Vesper
die Psalmen gesungen wurden, saß der Herr Pastor seitwärts vom Altar in
einem Seidendamastsessel, rechts und links die beiden Meßdiener. Das
sind die feierlichsten Augenblicke im Dasein eines Dorfjungen. Die
Kirche ist voll von Lichterglanz und süßem Weihrauchduft, wie im
Sonntagssonnenschein eine blumige Märchenwiese, durch die die
Orgelklänge als tönender Bach hindurchfließen, bald sacht,
bald brausend. Die Gemeinde sitzt mit frommen, schläfrigen
Sonntagsgesichtern, die Choralweisen, mit denen alle aufgewachsen sind,
summen laut oder leis in jeder Kehle mit, unbewußt, wie in einem der
gemalten Kirchenfenster eine lockere Scheibe bei schwingungsverwandten
Klängen schläfrig mitklirrt. Auf den fremdartigen Weisen, aus denen der
Widerhall einer versunkenen Zeit mit seltsamen Vinetaglocken läutet,
wiegen sich die Träume hin und her. Das sind die Stunden, wo die Seelen
sich von der Erde und ihren Wirklichkeiten lösen, wo die Gefühle wie die
blauen Weihrauchwölkchen haltlos schweben und wo die Menschen dem
gehören, der ihrem Traumbedürfnis die erdenferne Umwelt schafft, nach
der es sich sehnt.
In solchen Augenblicken hatte Fenn stets das Gesicht der kleinen
Lehrerstochter vor sich. Er saß neben dem Herrn Pastor, der von Samt und
Seide starrte, die Hände in den weiten Ärmeln seines Chorhemdes wie in
einem Muff geborgen. Und die ganze Pracht und Herrlichkeit, die
sonndurchglühten Heiligen in den gemalten Fenstern, die künstlichen
Blumensträuße, in deren goldenen Blättern sich glitzernd die
Kerzenflammen spiegelten, die farbenfreudige Gewölbemalerei, in die sich
die fromme Phantasie eines heimischen Anstreichers ergossen hatte, die
ausgelassene Formenschwelgerei der Rokokoaltäre mit ihren theatralisch
posierenden Heiligen, und die frommen Gesichter und die Sonntagsstimmung
der Gemeinde, alles war für Fenn manchmal nur ein Rahmen um das schöne
weiße Gesicht Marjännis.
Solche Visionen umgaben den Küsterssohn jetzt wie eine weiße Wolke von
Erinnerung, in die seine Gedanken wie von selbst hineingetrieben waren.
Er pinkte erst dreimal leise mit der Glocke an und besorgte dann, wie
jeden Tag, seit er die Kraft dazu besaß, das Abendläuten – nicht mit
lautem Bimbam, wie wenn er die Wiesinger zur Kirche rief, sondern mit
einseitigem, schüchternem Bimbim – Bimbim, das nur zu stillem Ave Maria
mahnte. Dann schloß er das Kirchentor ab und ging.
* * * * *
Ein Bauernbub, der unter seine Kinderjahre einen Strich macht, hat von
allerhand Abschied zu nehmen. Fenn Kaß hätte es nicht übers Herz
gebracht, fortzugehen, ohne seinem alten Freund Pichert Lebewohl gesagt
zu haben. Pichert war ein einfacher Schuster und Junggeselle, wie alte
Schuster und Junggesellen auf dem Lande zu sein pflegen, ohne ein
durchschlagendes Leibspruch-Leitmotiv, ohne jegliches besondere
Kennzeichen.
Fenn Kaß war dem alten Pichert in Freundschaft zugetan. Er saß ganze
lange Abende in der kleinen, pech- und gerbsäureduftenden Werkstatt bei
ihm und führte mit ihm unglaublich vernünftige Gespräche. Und umgekehrt
stand der Pichert mit Fenn Kaß genau so, als wäre der dreizehnjährige
Bub ein großer und gescheiter Freund, mit dem er über alle Dinge
sprechen konnte, die seinem kritischen Schusterhirn zu denken gaben.
Der Pichert wohnte in einem der letzten Häuschen des Dorfes, etwas
abseits von der Straße. Eine Steinplatte führte über den Graben, und ein
fußfreier Pfad über dürftigen Rasen zu der Heimstatt des alten
Schusters. War er gar so alt? Er hatte kein Alter. Er war wohl auch nie
jung gewesen. Es war, als ob es keine Zeit gegeben hätte, wo der Pichert
nicht eilig durch die Straßen von Wiesing gelaufen wäre. Denn er hatte
es immer eilig. Und immer trug er seine schwarze Tuchmütze, immer einen
Kittel, eine „Schieb“ aus braunem Wollstoff, unter der an der linken
Seite die mit Schnupftuch und Tabakdose beschwerte Tasche handbreit
hervorbaumelte.
Fenn stieß die obere Hälfte der zweiteiligen, altmodischen „Hirzel“-Tür
auf und sah hinter der dunkeln Küche das Wohn-, Eß- und Arbeitszimmer
des Schusters erleuchtet. Da schob er von der untern Türhälfte den
Riegel zurück und ging hinein.
Jacques Thielen, genannt der Pichert, saß auf seinem Schemel und
hämmerte auf ein Stück Sohlleder los. Als Unterlage diente ihm ein
handgroßer, schalenförmiger Bombensplitter, den er über dem Schurzfell
auf den spitzen Knien festhielt. Von Zeit zu Zeit tauchte er die Sohle
in einen mit Wasser gefüllten, grauen Steintopf, der zu seinen Füßen
stand.
Als Fenn in den Lichtkreis der kleinen Küchenlampe trat, die zwischen
halbfertigem Schuhzeug, Ahlen, Pfriemen, Schachteln mit Kupferösen und
Strohpapierdüten mit Schuhnägeln auf dem schmalen Werktischchen stand,
schielte der Pichert über seine Brillengläser zu ihm herüber. „Setz
dich, Fenn,“ sagte er mit einer rissigen Fagottstimme und griff zugleich
nach der Schnupftabakdose aus Kirschbaumrinde, an deren Deckel ein
Lederriemchen wie ein Rattenschwänzchen vergnügt in die Höhe stand.
„Merci!“ sagte Fenn ablehnend.
„Dummer Kerl!“ schalt ihn der Pichert gutmütig. „Wenn du Pastor werden
willst, mußt du das Schnupfen lernen. Anders habt ihr ja doch kein
Pläsier. Arme Türken! Eine gute Flasche, eine gute Prise, ein guter
Bissen bei Tisch, eine Partie Karten, ein paar Bienenkörbe als
Zeitvertreib, das ist euer Leben.“ Mit einem trocknen, sonoren Lachen
machte er ein Punktum hinter seinen Satz. Durch jahrelange
Schnupftabakorgien war seine Nase zu einem vorlauten Resonanzboden für
seine Kehle geworden.
„Du wirst jeden Tag dümmer, mein lieber Pichert,“ entgegnete Fenn
zärtlich. „Glaubst du, ich werde so ein Bienenvater, der tagelang mit
einem Korb hinter einem jungen Schwarm hergiepert? Wenn ich einmal
gelehrt bin, weiß ich mir andre Sachen.“
„Ei was denn, zum Exempel?“
„Ich baue Maschinen.“
„Dann wärst du gescheiter zu deinem Onkel als Schlosser in die Lehre
gegangen.“
„Wie dumm, Pichert! Was kann ein Schlosser, der nichts gelernt hat als
feilen und hämmern! Maschinenbauen, das will studiert sein.“
„So studiere auf Inschenier.“
„Dazu muß man sehr viel Geld haben. Und dann, weißt du, so meine ich es
nicht. Ich meine, wenn ich Pastor bin, habe ich Zeit genug, um nebenbei
allerhand zu fingern. So’n Ingenieur ist heute auch nicht mehr das
Richtige, der tut alles, weil er muß, ums Brot.“
„Gezwungenheit ist Gott leid!“ sagte der Schuster und zog eine Prise
Schnupftabak aus der hohlen Hand geräuschvoll in sein linkes Nasloch.
„Was einer tun muß, ums Brot, davon hat er keinen Genuß. Ich seh es
kommen, Fenn, wenn du Pastor bist, stehst du lieber am Schraubstock, als
daß du deine Predigt studierst.“
„An mir bleibt keiner hängen,“ sagte Fenn mit Ernst in den Augen und
Stolz in der Stimme. „Ich sorge immer dafür, daß ich keinem was schuldig
bleibe.“
„Das ist das Gescheitste,“ nickte Jacques Thielen zustimmend auf diese
ehrenfeste Rede seines junges Freundes. „Werde du Pastor und bossele
Maschinen nebenbei, soviel du willst, das ist besser, wie ...“ Der
Schluß des Gedankenganges wurde übertönt durch die Hammerschläge, die
doppelt emsig auf das klatschende Sohlleder niederfuhren.
„Aber das sage ich dir“ – hub der Pichert wieder an und hämmerte dabei
noch ingrimmiger auf das unschuldige Stück Rindshaut ein – „das sage ich
dir, erfinde nur kein so verdammtes Teufelszeug, wie die Maschinen, auf
denen sie die neuen Fabrikschuhe pfuschen. So ’ne Schweinerei! Das hält
keine drei Monate und zieht Wasser wie ein Sieb!“
Von einem Haufen alten Schuhzeugs, das neben ihm in der Stubenecke
aufgestapelt lag, langte er einen zerrissenen Zugstiefel herüber.
„Da hat sich der Lampesch Fiß von der Schobermeß aus der Stadt ein Paar
Bottinen mitgebracht, für ein Heidengeld. Und gedauert hat der Schund
ausgerechnet von zwölf Uhr bis Mittag. Da soll nun der Pichert ein
ordentliches Paar Schuhe daraus machen! Was? Trag sie ihm hin und sag,
er soll sie dem Jud verhandeln.“
„Was ist das nun mit dem ‚Mischell‘ und mit dem Lampesch Fiß?“ fragte
Fenn, plötzlich neugierig geworden.
„Das solltest du nicht wissen? Seit der Lampesch Fiß in der Stadt das
Billardspielen gelernt hat, verfaulenzt und verludert er ein Stück Land
nach dem andern. Der ‚Mischell‘ gibt ihm Geld, soviel er haben will, und
wenn einmal der Fiß mehr Schuld wie Wertschaft hat, dann kehrt ihm der
andere das Wasser ab und schlachtet den Hof.“
„Glaubst du alles, was die Leute sagen?“ fragte Fenn mit einem Schimmer
von Hoffnung, daß für den alten Lampert doch noch ein Kraut gewachsen
sein könnte.
„Fenn, ich sage dir, wenn ein Bauersmann sich solches Dreckszeug an die
Füße zieht,“ – verächtlich schmiß der alte Schuster den Stiefel wieder
in die Ecke – „dann merke, dann geht’s mit ihm in die Binsen.“
„Es muß wohl so sein,“ sagte Fenn entmutigt. „Ich habe vor acht Tagen
den Lampesch Fiß mit dem Alten auf der Gewann gesehen. Sie standen bei
dem großen Nußbaum auf Langfuhr, wo dem Lampert der ganze Berg gehört.“
„Dann wird ihm der ‚Mischell‘ jetzt auch die Äcker abgeknöpft haben.
Eine Affenschande! So’n herrliches Gut! Na, der Großvater Lampert muß
sich schon so oft im Grabe herumdrehen, vielleicht kommt er zuletzt doch
wieder auf den Rücken zu liegen.“
Diesmal zog der Pichert die Prise in das rechte Nasloch. Fenn sagte nach
einer kleinen Pause:
„Morgen früh um viere fährt uns Lampesch Fiß in die Stadt, mich, den
Heine Putty und den Fritz.“
„Es wäre ihm gesünder, er bliebe zu Haus.“
„Der Wöllem fährt.“
„Natürlich, sonst weiß der liebe Herrgott, in welchem Graben sie den
Lump morgen abend auflesen würden.“
Wieder eine kleine Pause, dann Fenn:
„Ich bin gekommen, um dir Adieu zu sagen, Pichert.“
„Das war schön von dir, mein Junge. Na, du, von dir glaube ich, daß du
nicht hoffärtig wirst, du gibst dem alten Pichert die Hand auch noch,
wenn sie dir die Glatze geschoren haben. Aber die zwei andern! Paß auf,
der Putt wird noch mal ein hochnäsiger Pfaff, und der Fritz schnuppert
schon heute um mich herum, wie seinem Vater sein Jagdhund um einen
Eckstein. Denk an mich, Fenn, der zerreißt nicht bis ans Ende lauter
Schuhe, die er sich selbst gekauft hat. Nun adieu, glückliche Reise, und
werd mir nicht krank in der vermaledeiten Stadt.“
Mit einem kräftigen Händedruck entließ der Pichert das junge
Menschenkind, dessen Weg heute von dem seinen so weit abzweigte.
* * * * *
Als Fenn auf dem Nachhauseweg bei Lehrers vorbeikam, standen Putty,
Fritz und Marjänni im Dunkeln plaudernd auf der Straße.
„Fenn, gehst du mit zu uns?“ fragte Fritz.
„Nein.“
„Komm mit,“ sagte Marjänni, „wir gehen alle zusammen.“
Da nickte Fenn und schloß sich an.
Der alte Lampert saß in der Stube allein an dem runden Tisch, den eine
protzige Hängelampe aus Kupfer und geblümtem Porzellan beleuchtete. Vor
ihm stand eine Flasche Weißwein mit einem abenteuerlichen Etikett, auf
dem Tisch lag ein Haufen frischer Nüsse. Der Bauer knackte von Zeit zu
Zeit zwischen den Backzähnen eine Nuß auf, pickte mit klobigen,
zitternden Fingern die hellgelbe, frische Haut von den Kernen und biß zu
jedem Kern in ein großes Butterbrot.
In eine Ecke der Stube lag ein braun und weißgefleckter Jagdhund
gekauert und knurrte ab und zu im Traum. Über ihm an der Wand hing ein
Gewehrrechen mit Jagdflinten und Jagd- und Patronentaschen. Öldrucke und
Photographien, eingerahmte Diplome mit Denkmünzen, Preise für einen
schönen Hengst oder sonstiges Paradedevieh bildeten rings an den Wänden
den gewohnten Bauernstubenschmuck. Nichts Auffallendes, nur wer genau
hinsah, merkte, daß etwas in dieser deftigen Dorfeleganz brüchig,
undicht war, daß da und dort breite Stücke der Tapete sich losgelöst
hatten, daß in dem offenstehenden Wandschrank merkwürdig viele
zerbrochene Porzellanstücke die Reputation der andern, unversehrten
Familienglieder schändeten und daß der Fußboden mindestens eine Woche
lang nicht mehr gekehrt worden war. Denn da lagen festgetretene
Papierfetzen, alte Korkstöpsel, abgenagte Knochen und dergleichen, was
einer ordentlichen Hausmutter oder Dienstmagd ein Greuel gewesen wäre.
Als die Kinder hereinkamen, wischte Lampert mit der flachen Hand
Brotkrumen und Nußschalen von der holzfarbenen Wachstuchdecke auf den
Fußboden und sagte heiser: „Kommt, setscht ech un.“
Eine schlumpige Magd führte dem Witwer den Haushalt. Sie mußte den
Butterweck und den Brotlaib bringen, einen Schoß voll frischer Nüsse auf
den Tisch schütten und ein paar weitere Flaschen aus dem Keller holen.
Der Bauer war inzwischen mit den Vorderarmen breit auf dem Tisch liegen
geblieben und hatte stumpfsinnig an seinen Nüssen weiter geknackt und
gepickt. „Eßt nur! Fritz, schenk ein!“
Putty und Marjänni langten zu.
„Unserm Fritz ist das nicht fein genug,“ knurrte der Bauer, „der muß
immer aus der Tasche naschen.“
Fritz sandte seinem Vater, der nicht aufgesehen hatte, einen bösen Blick
hinüber.
„Eßt, Kinder,“ wiederholte der Bauer mit schwerer Zunge. Und nach einer
kleinen Pause: „Eßt, sonst holt sie der Jud.“ Heiser lachend goß er sich
das letzte Glas aus der Flasche ein.
„Fenn, warum ißt du keine Nüsse? Sie sind von dem großen Baum aus
Langfuhr.“
„Ich weiß, ich eß sie nicht gern.“
„Filou! Hab ich dich damals nicht erwischt, wie du dir von demselben
Baum alle Taschen voll gestohlen hattest?“
Fenn, beleidigt: „Ich hatte sie nicht gestohlen, ich hatte sie mit einem
Hackenstiel heruntergeschmissen!“
„Verzeihen Sie den Irrtum, Herr Kaß! Warum willst du denn heut keine
mehr davon?“
„Weil ich sie heute nicht mehr mag.“
„So laß es bleiben.“
Eine Weile hörte man nur das Geräusch brechender Nußschalen und
malmender Zähne. Fenn knackte die Nüsse für Marjänni. Fritz steckte
heimlich Zuckerplätzchen in den Mund, die er vorhin in der „Epicerie“ an
der Kreuzstraße gekauft hatte.
Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Marjänni fragte die Buben, was sie
für die Aufnahmeprüfung am Gymnasium wissen müßten. Ihre Prüfung an der
Lehrerinnen-Normalschule in einigen Jahren würde viel, viel knifflicher
sein, versicherte sie. Und erzählte Schauerdinge von den halsbrechenden
Schwierigkeiten der Analyse und des Participe passé, erklärte die Regel
de Tri und die periodischen Dezimalbrüche für Kinderspiel und wußte alle
französischen Beiwörter auf al, die in der Mehrzahl ein s annehmen, so
rasch an den Fingern herzusagen, daß dem verblüfften Fritz ein
angelutschtes Karamel aus dem weit geöffneten Munde herausfiel. Und dann
zählte sie auf, woraus ihre Ausstattung bestehen würde.
„Ich krieg ein ganz feines, schwarzes Kleid, und noch zwei andere, und
zwei Uniformhüte, und furchtbar feine Wäsche. Wir müssen jedes ein
ganzes Dutzend Handtücher haben ...“
Fritz übertrumpfte sie und zählte auf, woraus seine Ausstattung fürs
Konvikt bestand.
„Zeig auch deine goldene Uhr vom Onkel Majerus,“ protzte Vater Lampert.
„Wieviel Nachthemden bekommt ihr mit,“ fragte Fritz die Kameraden, um
einen Maßstab für etwaige Vergleiche zu gewinnen.
Putty geriet in Verlegenheit. In seinen Kreisen hatte niemand eine
Ahnung davon, daß die Spezies Hemden sich in Tag- und Nachthemden
schied. Als aber Marjänni und Fritz ihn gespannt ansahen, log er aufs
Geratewohl: „Ein halbes Dutzend.“
„Ich brauch keine Nachthemden,“ erklärte Fenn schlicht und verächtlich.
Von da ab war er aus der Interessensphäre der andern herausgerückt, und
das Gespräch ging hartnäckig an ihm vorüber.
„Sind deine mit blauem oder rotem Besatz?“ inquirierte Fritz weiter.
„Mit allerhand Farben,“ log Putty unverfroren.
„Uni ist feiner,“ entschied Marjänni. Aber Putty fand im Flug für seinen
Modestandpunkt eine Rechtfertigung. „Wenn man nur von einer Farbe hat,
denken die Leute, man zieht immer dasselbe Hemd an.“
Fritz sagte naserümpfend, das wisse doch ein jeder, daß das nicht wahr
ist.
Jetzt mischte sich der alte Lampert hinein. „Ihr seid eine hoffärtige
Bande. Ihr wißt noch gar nicht einmal, ob ihr überhaupt bei der Prüfung
nicht durchsaust, mitsamt all euren Nachthemden.“
Putty wußte Rat. Sein Vater wollte mit dem Herrn Direktor reden und mit
allen Professoren, er kannte sie sehr genau von der Zeit her, wo er in
der Stadt Schneidergeselle gewesen war.
„Kann ich mir denken,“ sagte der Bauer. „Der Direktor sitzt da und
wartet, bis der Schneider aus Wiesing mit seinem Jungen kommt: Ah, guten
Morgen Schneiderhinchen, bringt Ihr uns den Burschen endlich! Den können
wir gerade brauchen! – Paß auf, Putt, die geben deinem Vater noch Geld
auf dich heraus!“
Fritz und Marjänni lachten, Putty schämte sich; Fenn sagte: „Es ist
Zeit, daß ich nach Hause gehe.“
Lampert der Vater pflichtete ihm bei. „Wer morgen früh punkt 4 Uhr nicht
da ist, kann für einen dicken Sous nachlaufen,“ sagte er und schlug zum
Zeichen, daß die Sitzung aufgehoben war, mit der flachen Hand auf den
Tisch.
Als die Kinder zum Gehen fertig dastanden, griente Fritz boshaft:
„Brauns ihres hat sich die Taschen voll Nüsse gestopft.“
Marjänni erschrak und wurde krebsrot. Fenn sagte ruhig: „Sie hat meinen
Teil genommen. Dein Vater sagt ja: Die wir nicht essen, holt der Jud.“
„Ins Bett mit euch!“ brummte der Bauer, plötzlich unwirsch.
„Du auch!“ zu Fritz. „Was liegt dran, wenn das Kind ein paar Nüsse
einsteckt!“
Und da Fritz eine ungezogene Widerrede wagte, gab ihm sein Vater
kurzerhand eine Ohrfeige. „Marsch, ins Bett! Morgen gibt’s Frühbirnen!“
Der Bauer riegelte die Tür hinter den drei Kindern ab. Fritz trottete
greinend in seine Schlafstube und schwor dem frechen Frauenzimmer, der
Marjänni, tödliche Rache. Draußen griff Putty in die Tasche und zog eine
Hand voll Nüsse heraus: „Da, nimm, Marjänni,“ sagte er zärtlich und
triumphierend. „Ich habe auch eine Tasche voll für dich gemaust.“
Und auf einmal fand er seinen ganzen Mut wieder: „Wenn der Fritz, der
dumme Aff, morgen in der Prüfung nichts weiß, kann er sehen wer ihm
weiterhilft. Ich nicht!“
Daheim schmeichelte Putty seiner Schwester Leonie ein Stück giftgrüne
Veilchenseife und ein weißseidenes Taschentuch ab, das ihr zur Kirmes
ein Anbeter geschenkt hatte. Der Abschied stimmte sie weich, und sie gab
es her. Putty wollte auch etwas Apartes mithaben auf den Lebensweg, auf
den sein Freund Fritz so viele Kisten und Kasten mitbekam.
Spät abends erwachte Fenn Kaß noch einmal in seinem Bett und hörte
nebenan, wo die Eltern schliefen, Vater Kaß mit keifender Stimme gegen
sein Weib ankämpfen. „Unsinn, der Junge soll sich freuen, daß wir so für
ihn sorgen!“
„Du hast ja recht,“ redete die Mutter dawider, „aber wenn er doch
vielleicht den Beruf nicht hätte?“
„Beruf, Beruf! Das ist auch wieder so’ne verrückte Erfindung. Wozu einer
das Geld hat, dazu hat er den Beruf. Und nun laß mich schlafen!“
Fenn hörte die Bettstelle laut und energisch krachen und wußte nun, daß
Vater Kaß sich herumgedreht und sein letztes Wort gesprochen hatte. Die
Mutter wagte noch einige schüchterne Versuche, ihre Gedanken über die
Zukunft ihres Einzigen an den Mann zu bringen. Als darauf nichts als ein
kräftiges Schnarchen erfolgte, wurde sie still.
Fenn dachte gar nicht weiter darüber nach, was über zehn Jahre aus ihm
werden sollte. Warum nicht Pfarrer? Er sah durchaus nicht ein, warum
einer nicht Pfarrer werden sollte, wenn ihm die Wahl freistand.