[Fußnote 17: ([1] auf S. 63.8) Mit Ausnahme bloßer _Ableitun

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Anmerkungen zur Transkription

Dieses Buch ist ursprünglich erschienen als eine Serie von Artikeln in:

Groß, Hans (Hrsg.); Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik,

F. C. W. Vogel, Leipzig; Bd. 63 (1915), S. 1-46, 97-133, 372-396; Bd. 64

(1915), S. 127-183, 297-355; Bd. 65 (1916), S. 33-89.

Inhaltsverzeichnis

I. Vorbemerkung

II. Einleitung

III. Verzeichnis veralteter, meist jetzt umgeänderter jenischer

Wörter

IV. Verzeichnis der jenischen Wörter, die aus der Zigeunersprache

stammen

V. Deutsch-jenisches Wörterbuch

VI. Alphabetisches Verzeichnis der jenischen Stammwörter

VII. Sprachproben

VIII. Jenische Schnadahüpfel

Nachträge

Anmerkungen

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des Buches.

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Die jenische Sprache. [63.1]

Von Engelbert Wittich.

Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Prof. Dr. L. Günther

in Gießen.

I. Vorbemerkung.

Von Prof. _Günther_.

Daß das Rotwelsch der Gauner und die mit ihm verwandten sog.

Geheimsprachen (der Dirnen, »Kunden«, fahrenden Leute, Hausierer und

Händler) heute in langsamem, aber stetigem Abnehmen begriffen sind,

unterliegt wohl ebensowenig einem Zweifel wie die Tatsache, daß der

zurzeit noch gebräuchliche Rest dieser besonderen Ausdrucksweisen sich

in fortwährender Umgestaltung befindet. Daher erwirbt sich jeder, der in

der Lage ist, einigermaßen zuverlässige Mitteilungen über

den gegenwärtigen Wortbestand jener Jargons zu machen, ein

wissenschaftliches Verdienst, ähnlich dem des Ethnologen, der uns die

Sprachen aussterbender Naturvölker vor ihrem völligen Verschwinden noch

rasch zugänglich macht. Dem Gelehrten, der sich für diese Dinge

interessiert, also etwa einem Sprachforscher oder gar einem

Kriminalisten, wird es freilich nicht leicht gelingen, die noch heute

praktische Verwendung einer Geheimsprache aus eigener Anschauung kennen

zu lernen, da die Angehörigen des engeren Kreises, in dem die

betreffende Verständigungsart üblich ist, dem fremden, ihrem Tun und

Treiben sonst meist fernstehenden Eindringling begreiflicherweise ein

gewisses Mißtrauen entgegenzubringen pflegen. Selten sind aber auch

Aufzeichnungen von Geheimsprachen durch solche Leute, die sie selber aus

der »Praxis« kennen (also nach Art etwa des berühmten Gauner Wörterbuchs

des »Konstanzer Hans« von 1791), da dies außer dem Willen, den in der

Regel sorgfältig behüteten Schatz der Öffentlichkeit preiszugeben, doch

auch schon einen bestimmten Grad allgemeiner Bildung, namentlich aber

einen gewissen Sprachsinn voraussetzt.

In der Persönlichkeit des Sammlers des hier zu besprechenden [63.2]

Wörterbuches der »jenischen Sprache«, Engelbert _Wittich_, erscheinen

jene Voraussetzungen im wesentlichen erfüllt. Er ist nämlich einerseits

von Jugend auf vertraut gewesen mit den Ausdrücken des von ihm

veröffentlichten Vokabulars[1], da er unter umherziehenden Handelsleuten

und Zigeunern aufgewachsen (wenn nicht gar ein geborener Zigeuner) ist,

während er andererseits an seiner im ganzen etwas dürftigen

Volksschulbildung als Autodidakt so fleißig weiter gearbeitet hat, daß

er sich auf dem Gebiete der »Zigeunerkunde« bei den Fachleuten einen

gewissen Namen erworben. Auch den meisten Lesern des »Archivs« dürfte er

bereits kein Fremder mehr sein. Seine Schrift »Blicke in das Leben der

Zigeuner« (Striegau 1911) ist z. B. im »Archiv«, Bd. 46, S. 363 von

Albert _Hellwig_ allen zur Lektüre warm empfohlen worden, weil sie »viel

Interessantes« enthalte, und schon in Bd. 31 (1908), S. 134 ff. ist eine

von ihm verfaßte kurze Grammatik der Zigeunersprache durch Johannes

_Jühling_ herausgegeben worden. Ebenso stammt das von demselben

Gelehrten in Bd. 32 (1909), S. 219 ff. veröffentlichte »alphabetische

Wörterverzeichnis der Zigeunersprache« eigentlich von _Wittich_ her[2].

Das — ursprünglich 125 Oktavblätter umfassende — Manuskript der

_Wittich_schen Arbeit, die außer dem eigentlichen Wörterbuch (Nr. V)

auch einleitende Bemerkungen (über die jenische Sprache im allgemeinen

sowie über veraltet gewordene und aus der Zigeunersprache stammende

Vokabeln insbesondere [Nr. II-IV]) und zum Schluß noch »Sprachproben«

und »jenische Schnadahüpfel« (Nr. VII u. VIII) enthält, ging mir im

Sommer 1914 mit der Bitte des Verfs. zu, die Veröffentlichung — am

liebsten in einer Zeitschrift — vermitteln zu wollen. Da mir die [63.3]

Sammlung recht interessant und — trotz mancher Mängel — wohl wert

erschien, weiteren Kreisen bekannt gemacht zu werden, wandte ich mich

dieserhalb an den Herausgeber des »Archivs«, der dafür bereitwilligst

die Spalten seiner Zeitschrift zur Verfügung stellte, unter der

Bedingung jedoch, daß ich dem Ganzen eine annehmbare wissenschaftliche

Gestalt zu geben unternähme. Diese Klausel war allerdings notwendig,

denn in der »Urform« ließ das Manuskript nicht nur in der Stilistik

(bes. in der »Einleitg.«), Grammatik und Orthographie recht viel zu

wünschen übrig, es fehlte auch in dem Wörterverzeichnis durchweg eine

alphabetisch genaue Reihenfolge der Vokabeln, ja an manchen Stellen fand

sich in dieser Beziehung ein kaum zu beschreibender Wirrwarr, dessen

Lichtung sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat. Auch standen mehrere,

zu einzelnen Wörtern gegebene Bemerkungen prinzipieller Art nicht an der

richtigen Stelle und mußten daher umgesetzt werden.

[Fußnote 1: ([1] auf S. 63.2) Die Versicherung des Vrfs. (s. unten

»Einleitung«, S. 25), daß er das von ihm mitgeteilte Wortmaterial aus

eigener praktischer Kenntnis und »nicht aus Büchern« geschöpft habe,

erscheint im allgemeinen gewiß glaubwürdig. Immerhin hat er aber bei der

Zusammenstellung und Bearbeitung des Stoffs auch wohl einige Bücher zur

Hand gehabt, wie sich denn z. B. die Benutzung von Rich. _Liebichs_

Schrift »Die Zigeuner in ihrem Wesen und ihrer Sprache« (Leipz. 1863) an

mehreren Stellen (bes. auch der »Einltg.«) nachweisen läßt. S. Näh. in

m. Anmerkgn. zur »Einltg.«; vgl. auch in dieser »Vorbemerkg.« weiter

unten S. 16 ff.]

[Fußnote 2: ([2] auf S. 63.2) Aus der Überschrift ist dies übrigens

_nicht_ ersichtlich. Ich habe daher in meinen »Beiträgen zum Rotwelsch«

usw. (im »Archiv«, Bd. 33, 38 ff.) — in Übereinstimmung mit _H. Groß_,

Handbuch für Untersuchungsrichter, 6. Aufl. (1914), S. 503, Anm. 3 —

dieses Zigeuner-Vokabular unter _Jühlings_ Namen zitiert und halte daran

der Gleichmäßigkeit halber auch in der vorliegenden Arbeit fest. — Über

Aufsätze _Wittichs_ in einer anderen Zeitschr. s. noch _Groß_, a. a. O.,

S. 511, Anm. 2 a. E.]

Leider hat der Verf. für das Wörterbuch nur die Form »Deutsch-Jenisch«

— nicht (bzw. nicht _auch_) »Jenisch-Deutsch« — gewählt, was eine

bessere Übersicht über den geheimsprachlichen Wortbestand gegeben hätte.

Um jedoch diesen annähernd zu bestimmen, habe ich am Schlusse des

Vokabulars wenigstens die (in zahlreichen Verbindungen und

Zusammensetzungen wiederkehrenden) jenischen _Stammwörter_ alphabetisch

zusammengestellt (Nr. VI). Auch die »Sprachproben« enthielten noch

einige Wörter, die im Glossar ursprünglich fehlten. Ich habe sie diesem

eingefügt und durch den Zusatz »Spr.« besonders kenntlich gemacht. Im

übrigen wiederholen auch diese Sprachproben nur das Material des

Wörterbuchs in zusammenhängender Rede (meist in Gesprächsform)[3], wobei

aber mehrfache Wiederholungen und Weitschweifigkeiten anzutreffen waren,

die ich fortgelassen habe. Andere Partien dieses Teils mußten wegen

ihres obszönen oder doch allzu derben, frivolen Inhalts gestrichen

werden. Auch die »Schnadahüpfel« erscheinen in dieser Hinsicht zum Teil

recht bedenklich. Da sie jedoch nicht — gleich den Prosastücken — nur

der Phantasie _Wittichs_ entsprungen sind, sondern als altüberlieferter

Besitzstand der »jenischen Leute« zu betrachten sein dürften[4] und [63.4]

mithin eine gewisse kulturgeschichtliche Bedeutung haben, ließ ich sie

unangetastet. Zu dem eigentlichen Wörterbuche habe ich fortlaufende

Anmerkungen hinzugefügt, auf deren Anordnung und Inhalt weiter unten

noch genauer einzugehen sein wird. Zuvor aber möchte ich hier über den

Begriff und die Eigenart der von _Wittich_ aufgezeichneten Geheimsprache

noch einige nähere Bemerkungen vorausschicken.

[Fußnote 3: ([1] auf S. 63.3) Zu der Nr. 25 der Sprachproben

(»Dächlespflanzerulme«) war vom Verf. bemerkt, daß »in dieser Skizze …

fast alle Wörter der jenischen Sprache enthalten« seien. Gerade hier

mußte ich aber — aus den im Text genannten Gründen — Kürzungen

vornehmen.]

[Fußnote 4: ([2] auf S. 63.3) Die in Nr. 1 u. 2 von W. mitgeteilten

»Schnadahüpfel« stimmen z. B. nach dem Inhalt und zum Teil auch nach der

Form fast ganz mit einigen »Strophen aus Jauner-Liedern« überein, die

den »Schmusereyen« im _W.-B. des Konstanzer Hans_ (1791) angehängt sind

(s. _Kluge_, Rotw. I, S. 260).]

Über die als Titel des Ganzen gewählte Bezeichnung »die jenische

Sprache« ist zunächst zu sagen, daß sie im vorliegenden Falle nicht etwa

schlechthin als gleichbedeutend mit dem Rotwelsch oder der Gaunersprache

aufzufassen ist, obwohl sich dieser Sprachgebrauch — dem auch die

Etymologie des Wortes »jenisch« nach herrschender Meinung sehr wohl

entspricht[5] — etwa seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts nachweisen

läßt und dann bis in die Neuzeit hinein erhalten hat[6]. Vielmehr liegt

_hier_ eine neuere, engere Auffassung zu Grunde, wonach man unter [63.5]

»Jenisch« speziell die Sprache der »Landfahrer«[7], der Hausierer,

wandernden Krämer und Händler begreift[8]. Es handelt sich demnach bei

der »jenischen Sprache« _E. Wittichs_ um einen süddeutschen

Händlerjargon. Die Leute, die sich desselben noch bedienen, sind (nach

den eigenen Angaben W.s in seiner »Einleitung«) ihrem Gewerbe nach meist

Korbmacher, Bürstenbinder, Schirmhändler, Kesselflicker,

Scherenschleifer u. dergl., welche namentlich aus Württemberg, Baden und

dem Elsaß, ferner auch aus Bayern stammen. So erklärt sich das

Überwiegen der schwäbischen Mundart, insbesondere die weitgehende

Übereinstimmung mit den (von _Kluge_ u. a. bereits veröffentlichten)

»schwäbischen Händlersprachen«. Diese aber zeigen ihrerseits wiederum

eine ganz überraschende Ähnlichkeit mit der süddeutschen, namentlich der [63.6]

schwäbisch-badischen Gaunersprache, auch älterer Zeit, also z. B. mit

dem »_Pfullendorfer Jauner-Wörterbuch_« von 1820, ja sogar mit Quellen

aus dem 18. Jahrhundert. Mit den letzteren (also z. B. dem nur

handschriftlich überlieferten »_Dolmetscher der Gaunersprache_« [vgl.

_Groß'_ Archiv, Bd. 56, S. 177, Anm. 2], den Mitteilungen von _Schöll_

in seinem »Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben« [1793; vgl.

_Kluge_, Rotw. I, S. 268 ff.] sowie dem — hauptsächlich gleichfalls dem

schwäbischen Sprachgebiet angehörenden — Wörterbuch des _Konstanzer

Hans_[9]) weist gerade auch das _Wittich_sche »Jenisch« noch merkwürdig

viele Berührungspunkte auf[10].

[Fußnote 5: ([1] auf S. 63.4) Es soll nämlich herstammen vom hebr.

_jn(h)_ = »übervorteilen, überlisten«, das auch als das Stammwort von

»Gauner« angesehen wird. Vgl. _Günther_, Rotwelsch, S. 5 vbd. mit

_Weigand_, W.-B. I, Sp. 632 u. _Seiler_, Lehnwort IV, S. 490]

[Fußnote 6: ([2] auf S. 63.4) In dem m. W. frühesten Beleg des Wortes

(näml. in der _Wiener Kellnersprache_ 1714 [176]) erscheint es

allerdings noch in speziellerem Sinne (»eine gewisse Redensart« [d. h.

Sprechweise] der Wiener Kellner, »welche sie _die jenische Sprache_

nennen«), aber schon wenige Jahre später (in der _Dillinger Liste_ 1721

[182]) findet sich — wie der Zusammenhang ergibt — »jenische Sprache«

für die Gaunersprache gebraucht, und noch deutlicher läßt dies die

_Ludwigsburger Gesamtliste_ 1728 erkennen (198: »_Jaunerisch oder

Jenisch_«). Weitere Belege sind dann: _Hildburghaus. W.-B._ 1753 ff.

(235); _Bierbrauer_ 1753/58 (242); _Sulzer Zigeunerliste_ 1787 (251:

»Die Sprache _der Jauner, die Jenische Sprache_ genannt«); _W.-B. des

Konst. Hans_ 1791 (252: »_Die Jauner-_ oder _Jenische Sprache_«; vgl.

258: sie [die Gauner] _schmusen auf Jenisch_ = »sie reden auf _ihre_

Sprache«); _Schwäb. Falschmünzerprozeß_ 1791/92 (260-262); _Schöll_ 1793

(268); _Schintermicherl_ 1807 (288: »Die sog. _jennische Sprache_«);

_Reichsanzeiger_ 1810 (290: _jännisch_); _Pfister_ 1812 (301: _kochemer

Lohschen_ = _jenische Sprache_); v. _Grolman_, _Aktenmäß. Gesch._ 1813

(310: »die eigentlichen _Gauner_, _Jenische_ [oder Romanische]

_Leute_«); _Brills Nachrichten_ 1814 (314); _Christensen_ 1814 (315,

316); _Falkenberg_ 1818 (333, im Titel); _Stradafisel_ 1822 (356: »in

der _jännischen_ oder sog. _Diebessprache_«); v. _Grolman_ 30 u. T.-G.

95 (_jenisch_ = gaunerisch, den Gaunern und ihren Vertrauten eigen;

_jenische Sprache_ = Gaunersprache); _Wenmohs_ 1821 (358); _Eberhardts

Poliz.-Nachrichten_ 1828 ff. (364: »Die sog. _Jenische_ oder _Kochemer

Sprache_«); _Pillwein_ 1830 (365: »Die sog. _Jähnische Sprache_«); v.

_Train_ 1832 (366, im Titel: »… Gauner- u. Diebs-, vulgo _Jenische

Sprache_«); _Karmayer_ 86-88 u. 158 (_jendig_, _jenisch_ [auch _innig_]

= gaunerisch, rotwelsch [_innig_ noch bes. = der jenischen Sprache

kundig]; _jenig_, _jenisch, der_ _jenische Stand_ = alle der jenischen

Sprache kundigen Gauner, Diebe und Räuber; _jen(d)ig_ oder _jendisch

parlen_ = jenisch reden); _Castelli_ 1847 (340); _Fröhlich_ 1851 (399:

_jênisch_ = gaunerisch, spitzbübisch, auch _klug_ [in _dieser_

Verallgemeinerung _hier_ zum _ersten Male_; vgl. die gleichsam

umgekehrte Bedeutungsentwicklg. von _kochem_, _Kochemer_ (= Gauner) vom

hebr. _chkm_ = »klug, gescheit«, »der Kluge, Gescheite« (s. _Günther_,

Rotwelsch, S. 5, Anm. 3 u. S. 17; _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 197, Anm.

2)]; daher: _jênische Leute_ = kluge, gescheite Leute); A.-L. 551

(_jenisch_ = klug, gescheit, gaunerisch, Gauner; _jenische Leut_ =

kluge, gescheite, mit Gaunern einverstandene Leute, Gauner; _jenisch

kacheln_ [= kohlen] = in der Gaunersprache reden); _Wiener Dirnenspr._

1886 (417: _jenisch_ = klug, gaunerisch); _Lindenberg_ 185 (_jenisch_ =

klug, im Gaunertum erfahren); _Klausmann_ u. _Weien_ X (_jenisch_ =

klug, gescheit, gaunerisch; _jenische Leute_ = kluge, im Gaunertum

erfahrene Leute, mit denen man sich einlassen kann); _Groß_ 470

(_jenisch_ = klug, gescheit, Gauner; _jenisch kacheln_ = Gaunerspreche

reden) u. E. K. 42 (_innig_ = einer, der Rotwelsch kann und überhaupt

mit dem Gaunerwesen vertraut ist); _Pollak_ 217 (_Jenisch_ =

Gaunersprache); _Rabben_ 66 (_jenisch kacheln_ = in der Gaunerspreche

reden); _Ostwald_ (Ku.) 71 (_jenisch_ = klug, im Gaunertum erfahren;

vgl. 72: _jenisch kacheln_ = die Gaunersprache reden).]

[Fußnote 7: ([1] auf S. 63.5) So definiert _H. Fischer_, Schwäb. W.-B.

IV, Sp. 93 den Begriff »jenisch« grundsätzlich durch »_wer oder was zu

Landfahrern u. dergl. gehört_«, und ähnlich sagt _Ostwald_ (Ku.) 71:

»_Jenisch_ sind _alle fahrenden Leute_, die nicht vom _Sinde_ (s. [Ku.]

143) abstammen, d. h. keine Zigeuner sind«. Dazu: _jenischer Adel_ =

»Landfahrer, Vagabunden« (bei _Fischer_, a. a. O. Sp. 93). Daß auch die

Kundensprache »_jenische Sprache_« genannt wird, erklärt _Ostwald_ (Ku.)

71 zwar für »irrtümlich«, doch hat er selber (Ku. [72]) die etwas engere

Bezeichnung _Jenisch-Tippern_ — im Anschluß an Ku. 11 (422) — durch

»Kundensprache« wiedergegeben.]

[Fußnote 8: ([2] auf S. 63.5) S. dazu näh. Angaben bei _Fischer_, a. a.

O., Sp. 93. Die Bezeichnung von Hausierer- und Händlersprachen als

»Jenisch« findet sich ausdrücklich z. B. auch bei _Kluge_ (Rotw. I, Sp.

476 ff., 490), _W. Zündel_ in d. Württembg. V.-J.-Heften für

Landesgesch., N. F. Bd. XIII (1904), S. 202 ff. u. _R. Kapff_ in der Z.

f. deutsche Wortforschg., Bd. X (1908/9), S. 213 ff., 216.]

Worin liegt nun der Grund für diese Erscheinung? Man wird zunächst nur

allzu geneigt sein, das Schwabenland als die sog. _Ganfer-Medine_, d. h.

das ehemalige Eldorado aller Gauner[11], dafür verantwortlich zu machen,

umso mehr als man ja auch in anderen Gegenden unseres Vaterlandes, so z.

B. in dem oberhessischen Vogelsberg, ein — in letzter Linie auf den

Einfluß der großen Räuberbanden früherer Jahrhunderte zurückzuführendes

— Fortleben rotwelschen Sprachguts innerhalb bestimmter Berufsschichten

nachgewiesen hat[12]. Allein damit würde man doch etwas über das Ziel

hinausschießen; der Richtigkeit jener Schlußfolgerung steht nämlich die

Tatsache entgegen, — daß wie _Kluge_ (Rotw. I, S. 476) über die für die

schwäbische Händlersprache von ihm herangezogenen Ortschaften bemerkt

hat — »die des Jenischen kundige gewerbetreibende Bevölkerung _nicht

einheimisch_, sondern in ihren Ursprüngen zum größten Teil von _außen_«

hereingekommen ist. In gleicher Weise dürfte es sich aber auch bei

_Wittichs_ »jenischen Leuten« der Hauptsache nach _nicht_ um seßhafte

Eingeborene handeln, worauf schon die offenbar vorliegende (und weiter

unten noch näher zu berührende) Vermischung mit Zigeunern, jenem [63.7]

Wandervolke par excellence, hindeutet. Auf alle Fälle zulässig bleibt

dagegen der Hinweis darauf, daß ja von jeher — schon von den Zeiten des

_Liber Vagatorum_ an — das Rotwelsch auch den im Lande umherziehenden

Krämern und Händlern geläufig gewesen ist[13].

[Fußnote 9: ([1] auf S. 63.6) Schon A.-L. IV, S. 165 hat richtig

erkannt, daß in dieser Quelle besonders »der _schwäbische_ … Dialekt

… überall stark hervor«tritt.]

[Fußnote 10: ([2] auf S. 63.6) Vgl. dazu auch schon oben S. 3, Anm. 4.]

[Fußnote 11: ([3] auf S. 63.6) S. dazu Näh. bei _Günther_, Rotwelsch, S.

7. Andererseits ist bekanntlich gerade im schwäbischen Gebiet _auch_ die

erste erfolgreiche _Bekämpfung_ des Gaunertums (durch Männer wie den

berühmten »Malefiz-Schenk«, den Oberamtmann _Schäffer_ u. a. m.)

eingeleitet worden. S. darüber Näh. jetzt bes. bei _E. Arnold_ in

_Groß'_ Archiv, Bd. 54 (1913), S. 80 ff., 84 u. Anm. 1; vgl. auch Bd.

53, S. 121 ff.]

[Fußnote 12: ([4] auf S. 63.6) S. den (von mir mit Erläuterungen

versehenen) Aufsatz von _H. Weber_, »Die Lingelbacher Musikantensprache

und die Geheimsprache der Vogelsberger Maurer«, in den »Hess. Blättern

für Volkskunde«, Bd. XI, 2. Heft (1912), S. 130/31.]

Die Ähnlichkeit unseres »Jenisch« mit der deutschen Gaunersprache zeigt

sich nun in den verschiedensten Punkten, nicht zum wenigsten gleich in

der starken Durchsetzung mit Wörtern _fremden Ursprungs_, unter denen

wieder — ganz wie beim Rotwelsch sowie bei vielen anderen

Händlersprachen — diejenigen, die sich auf das _Jüdischdeutsche_, in

letzter Linie also aufs _Hebräische_ zurückführen lassen, den breitesten

Raum einnehmen[14]. Es sei gestattet hier diese Vokabeln, und zwar in

alphabetischer Ordnung nach ihrer _jenischen_ Form, näher

aufzuzählen[15]. Mit ziemlicher _Sicherheit_ gehören dahin: a) die

_Hauptwörter_[16]: _Bäzem_ = Ei (bzw. _Betzam_ = »männliches Glied«),

_Beiz_ = Gasthaus (u. s. Ableitungen, wie _Beizer_ = Wirt usw.),

_Boschert_ = Kupfergeld, Pfennig, _Bossert_ = Fleisch, _Dofes_ = Arrest,

Gefängnis, _Gallach_ = Geistlicher, Pfarrer, _G'far_ = Dorf, _Goi_ =

Frau, _Jahre_ = Wald, _Kaffer_ = Bauer, Mann, _Kaim_ = Jude, _Keif_ =

das Borgen, Schulden, _Keiluf_ = Hund, _Kenem_ = Laus, Filzlaus, _Kies_ [63.8]

= Geld, _Klass_ = Büchse, Gewehr, _Kluft_ = Kleid (u. s. Abltgn.),

_Kohl_ = Lüge (u. s. Abltgn.), _Lechem_ oder _Lehm_ = Brot, _Leile_ =

Nacht, _Malfes_ = Rock, _Mocham_ oder _Mochum_ = Dorf, _More_ = Prügel,

Streit (bezw. _Morerei_ = Geschrei, Gezänk, das Streiten), _Rochus_ =

Zorn, _Ruf_ = Hunger, _Schaffel_ = Scheune, _Schenagel_ = Arbeit (u. s.

Ableitgn.), _Schmelemer_ = Zigeuner, _Schuk_ = Mark (als Geldstück),

_Schure_ = Ding (dann Aushilfswort für sehr verschiedene Begriffe),

_Schüx_ = Mädchen (jedoch nur in der Verbindg. _schofle Schüx_ = Hure),

_Sore_ = Ware, Ding, Sache (u. dann Aushilfswort ähnlich wie _Schure_),

_Soruf_ = Branntwein, _Ulme_(-ma) = Leute (bes. in Verbdgn. u. Zus.); b)

die (durch die Endung -e(n) oder -a »angedeutschen«) _Zeitwörter_[17]:

_achile(n)_ (-la) = essen, _begeren_ = sterben, _dalfen_ = betteln,

_diberen_ = reden, sprechen, _kaspere_ = betrügen, _schmusen_ (=

diberen) u. _schwächen_ = trinken[18]; c) die _Eigenschaftswörter_[19]:

_dof_ oder _duft_ = gut, _kochem_ = gescheit, klug, _massig_ = zornig,

_molum_ = berauscht, _schofel_ = schlecht, _wo(h)nisch_ =

katholisch[20]; d) das Umstandswort _kenn_ = ja. Dazu treten dann noch

als nur mit (größerer oder geringerer) Wahrscheinlichkeit hierhin zu

rechnen[21]: a) die _Hauptwörter_[22]: (_Boga_ = Kuh), _Bos_ = After,

_Duft_ = Kirche, _Galm_ (plur. _Galma_) = Kind, _Hamore_ = Fehde,

Streit, _Heges_ = Dörfchen, _Johle_ = Wein, (_Kafler_ = Metzger), [63.9]

_Kober_ = Wirt, _Lanenger_ = Soldat, (_Lek_ = Zuchthaus [Arrest,

Gefängnis]), (_Schuker_ = Gendarm), _Stratz_ (plur. Stratze) = Kind; b)

die Zeitwörter[23]: (_baschen_ = kaufen), _derchen_ = betteln,

_schef(f)ten_ = sein, sitzen (gehen, kommen), _sicheren_ = kochen; c)

das (auch als Adv. u. Verneinungspartikel gebrauchte) unbestimmte subst.

Zahlfürwort: _Lore_ (lore) = nichts (nicht, nein)[24]. Daß übrigens

früher die Zahl der Vokabeln hebräischen Stammes sogar noch größer

gewesen ist, zeigt die von _Wittich_ in seiner »Einleitung« gegebene

Zusammenstellung jetzt veralteter Ausdrücke, von denen die Hauptwörter

_Bomm_ = die Schweiz und _Jamm_ = Tag sowie die Zeitwörter _holchen_ =

gehen (nebst _abgeholcht_ = fortgegangen) und _malochen_ (wohl für:

_schiebes malochen_) = fortgehen, gehen in diese Gruppe gehören (s. Näh.

dazu in den Anmerkgn. zur »Einltg.«).

[Fußnote 13: ([1] auf S. 63.7) Vgl. _Kluge_, Unser Deutsch (2. Aufl.,

Leipzig 1910), S. 71.]

[Fußnote 14: ([2] auf S. 63.7) Beachtenswert ist in dieser Hinsicht, daß

manche Händler, z. B. in der _Pfalz_ und in _Franken_ für ihren (bes.

stark mit Judendeutsch durchsetzten) Jargon die Bezeichnung

_Lôchne-kôdesch_ (so in der Pfalz [s. _Kluge_, Rotw. I, S. 438]) oder

_Lotekhôlisch_ (so in Franken [s. _Meisinger_ in d. Z. f. hochd.

Mundarten, Bd. III (1902), S. 121 ff.]) haben (vgl. auch _Groß'_ Archiv,

Bd. 33, S. 220, Anm. 2), die nichts anderes ist als eine Entstellung aus

dem jüd. _loschon (ha-)kodesch_ = die »Sprache der Heiligkeit« oder

»heilige Sprache«, d. i. das Hebräische. S. _Landau_ in d. Z. f. hochd.

Mundarten, Bd. III, S. 319 vbd. mit A.-L. III, S. 53 u. IV, S. 399; vgl.

auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1293. In der _schwäb. Händlerspr._

(482) bedeutet _lotekorisch_ nur »jüdisch.« Das _Wittich_sche Jenisch

kennt den Ausdruck (auch dafür) _nicht_.]

[Fußnote 15: ([3] auf S. 63.7) Über die _Etymologie_ dieser Wörter s.

das Näh. in den Anmerkgn. zum W.-B. selbst (unter den betr. deutschen

Bedeutgn.).]

[Fußnote 16: ([4] auf S. 63.7) Nur substantivisch gebrauchte

Eigenschaftswörter, wie _Dof_ = Glück, Pracht (eigtl. _dof_ = gut) —

bzw. _nobis Dof_ = Trübsal (eigtl. = nicht gut), _Molum_ = Rausch

(eigtl. m. = berauscht) u. _Schofel_ = Gefahr, Not, Schmach (eigtl. sch.

= schlecht) sind _nicht_ hier, sondern unter den Eigenschaftswörtern

(lit. c) aufgeführt worden. Ebenso ist für die substantivischen

_Ableitungen_ von Adjektiven (wie z. B. _Schofelei_ = Unglück,

_Schoflerei_ = Gericht von _schofel_) oder von Zeitwörtern (wie etwa

_Kasperer_ = Betrüger von _kaspere_, _Schmuser_ = Schwätzer von

_schmusen_ u. _Schwäche_ = Viehtränke, _Schwächerei_ = Trank,

Trinkgelage von _schwächen_) auf die Rubriken b u. c zu verweisen.]

[Fußnote 17: ([1] auf S. 63.8) Mit Ausnahme bloßer _Ableitungen_ von

(den unter a genannten) _Hauptwörtern_, wie z. B. _eidofema_ =

einkerkern (von _Dofes_), _a(n)kluften_, _aus-_, _verkluften_ =

ankleiden, ausziehen, verkleiden (von _Kluft_), _kohlen_ = belügen,

betrügen (von _Kohl_), _schenegeln_ = arbeiten (von _Schenagel_),

_schurele_ = begatten und in Zus. mit Präpos, für sehr verschiedene

Begriffe gebr. (von _Schure_) u. a. m.]

[Fußnote 18: ([2] auf S. 63.8) Über _substantiv. Ableitungen_ hiervon s.

schon S. 7, Anm. 16 a. E.]

[Fußnote 19: ([3] auf S. 63.8) Bloße _Ableitungen von Hauptwörtern_, wie

_scheneglich_ = fleißig von _Schenagel_), _schmelemerisch_ =

zigeunerisch (von _Schmelemer_), oder _von Zeitwörtern_, wie _begerisch_

= sterblich, krank (von _begeren_), _diberich_ u. _schmusich_ =

gesprächig (von _diberen_ u. _schmusen_), sind hier _nicht_

berücksichtigt worden.]

[Fußnote 20: ([4] auf S. 63.8) Über den Gebrauch von _dof_, _molum_,

_schofel_ als _Substantive_ s. schon oben S. 7, Anm. 16. — Auch

_begerisch_ (s. Anm. 19) kommt als Hauptw. (= Siechtum) vor.]

[Fußnote 21: ([5] auf S. 63.8) Die in Klammern gesetzten Vokabeln halte

ich persönlich _nicht_ (od. doch nicht in _erster_ Linie) für

hebräischer Herkunft. Näh. s. in den betr. Anmkgn. zum W.-B.]

[Fußnote 22: ([6] auf S. 63.8) Bloße substantivische _Ableitungen von_

(den unter b genannten) _Zeitwörtern_ (wie etwa _Bascher_ = Käufer,

_Dercher_ = Bettler, _Sichere_ = Küche u. a. m.) sind hier außer

Betracht geblieben.]

Sehr groß erscheint auch der Einfluß der _Zigeunersprache_ auf unser

Glossar. Schon die Zahl der mit Sicherheit unmittelbar hieraus

übernommenen Vokabeln steht nämlich nur wenig hinter derjenigen der

Wörter hebräischer Herkunft zurück, während sie die der sonst in

rotwelschen Quellen oder in anderen Krämersprachen etwa anzutreffenden

Mengen von Ausdrücken dieser Art erheblich übersteigt. Nur bei dem

Jenisch der schwäbischen Händler in _Unterdeufstetten_ macht sich — wie

Rudolf _Kapff_ (in der Zeitschr. für deutsch. Wortforschg., Bd. X. S.

214) nachgewiesen — ebenfalls ein stärkerer zigeunerischer Einschlag

bemerkbar. Während aber hier die Wörter dieses Stammes immerhin etwa

zwei Dutzend nicht übersteigen, sind sie im _Wittich_'schen Vokabular

ungefähr auf die doppelte Summe zu schätzen. Da der Verf. in seiner

»Einleitung« selber ein genaueres Verzeichnis dieser Vokabeln

angefertigt hat, kann hier auf ihre Aufzählung verzichtet werden; jedoch

sei der Vollständigkeit halber bemerkt, daß dort einerseits die weiteren

Ableitungen von den zigeunerischen Stammwörtern (wie z. B. die Zeitw.

_lubnen_ = »huren« und _matschen_ = fischen zu _Lubne_ = Hure und

_Matsche_ = Fisch oder das Adj. _bogelich_ = gierig u. dergl zu

_Bog[g]elo_ = Hunger) nicht berücksichtigt sind, während andererseits [63.10]

einige der aufgezählten Vokabeln auch unmittelbar — nicht erst durch

Vermittlung der Zigeuner — aus dem Deutschen oder aus anderen Sprachen

ins Jenische eingedrungen sein könnten (Näh. s. in den Anmerkgn. zur

»Einleitg.«; vgl. auch gleich weiter unten die Anm. 26). Mit der bloßen

Rezeption der äußeren Form erscheint übrigens die Einwirkung des

Zigeunertums auf die _Wittich_sche Händlersprache noch lange nicht

erschöpft, vielmehr ist auch noch in einer ganzen Reihe von — ihrer

_äußeren_ Erscheinung nach dem _Deutschen_ oder _anderen_ Sprachen

zuzuweisenden — jenischen Ausdrücken _begrifflich_ die besondere

Anschauungs- und Denkweise des Zigeunervolks deutlich wahrnehmbar. Das

Nähere hierüber ist aber besser erst weiter unten in anderem

Zusammenhange mitzuteilen.

[Fußnote 23: ([1] auf S. 63.9) Ausgenommen solche, die (wie z. B.

_kafleren_ = schlachten u. _ei'leken_ = einkerkern) _sicher_ oder (wie

z. B. _bosen_ [bosme] = lecken) _vielleicht_ erst wieder von den unter a

genannten _Hauptwörtern_ (_Kafler_, _Lek_, _Bos_) _abgeleitet_ sind. S.

das Näh. in den einschläg. Anmerkgn. zum W.-B.]

[Fußnote 24: ([2] auf S. 63.9) _Selbständige Eigenschaftswörter_ dieser

Art sind nicht vorhanden. Für bloße _adjekt. Ableitungen_ (wie z. B.

_dercherich_ = bettelhaft, dürftig von dem Zeitw. _derchen_) sei auf die

Anmerkgn. zum W.-B. verwiesen.]

Von sonstigen fremden Sprachen haben nur das _Lateinische_[25] und seine

beiden Haupt-Töchtersprachen, das _Französische_ und _Italienische_,

etwas breitere Spuren hinterlassen[26], während sich auf das _Slawische_

und auf die _nordischen_ Sprachen mit Bestimmtheit nur ganz wenig

zurückführen läßt.[27]

[Fußnote 25: ([1] auf S. 63.10) S. z. B. _Patris_ = Vater, wohl auch

_g'want_ = anmutig u. dergl. (von _quantum_) und _Ki(e)bes_ = Kopf (von

_caput_) sowie _nobis_ = nicht, das jedoch in _erster_ Linie dem

_Italienischen_ zuzuweisen sein dürfte (s. das Näh. im W.-B. unter

»Dietrich«), ebenso wie _Vergondert_ = Konkurs und _bosten_ = gehen

(vermittelt durch unsere Lehnwörter _Gant_ und _Post_). Auf ältere

_Lehnwörter_ aus dem _Lateinischen_ gehen vermutlich noch zurück _Kolb_

= Pfarrer und _Sins_ = Herr (s. das Näh. im W.-B. selbst), während zu

_durme_ = schlafen, ruhen, liegen wohl zunächst das Französische

(_dormir_) heranzuziehen sein dürfte. Vgl. auch die Latinisierungen auf

_-us_ bei Wörtern deutscher oder fremder Herkunft (wie _Bikus_ = Essen,

_Rochus_ = Zorn).]

[Fußnote 26: ([2] auf S. 63.10) S. für das _Französische_: _Bommerling_

= Apfel (von _pomme_), _Mamere_ = Mutter(= »_ma mêre_«), _Scharrisele_ =

Kirschen (von _cerises_), ferner _Feneter_ = Fenster und _Furschet_ =

Gabel (die _Wittich_ in seiner »Einltg.« beide unter den Zigeunerwörtern

aufgeführt hat; s. dort in den Anm. das Näh. dazu). Über _durme_ s.

schon die vorige Anm. Das Zeitw. _baschen_ = kaufen (vgl. oben S. 9) —

vielleicht vom französ. _passer_ — kann auch dem _Italienischen_

(_passare_) zugeteilt werden. Mehr vom ital. _grande_ als vom französ.

_grand_ beeinfußt worden ist ferner wohl _grandich_ = groß usw. In

erster Linie _italien._ Herkunft sind endlich _nobis_ (s. oben Anm. 25)

und _Strade_ = Weg, Straße. Über _Fehte_ = »Quartier« s. das W.-B. unter

»Hauswirt«. Über _Vergondert_ und _bosten_ vgl. oben Anm. 25.]

[Fußnote 27: ([3] auf S. 63.10) Auf das _Slawische_ (Polnische) nämlich:

_sicher_ _Rawine_ = Leiter (nur _vielleicht_ auch _Bauser_ = Angst bezw.

_bausen_ = fürchten und _Stöber_ = Baum); s. das Näh. im W.-B. unter

»Leiter«, »Angst« und »Apfelbaum«; auf das _Nordische_ (Schwedische

usw.): _Fehma_ = Hand (und _vielleicht_ auch [das damit wohl

zusammenhängende] Zeitw. _febern_ = schreiben); s. das Näh. im W.-B.

unter »Hand« und »abschreiben«.]

Auch abgesehen von der »Sprachenmischung« treffen wir weiter in unserem [63.11]

Jenisch fast alle charakteristischen Kennzeichen des Rotwelschs an. So

begegnet man beinahe auf jeder Seite des Vokabulars einer der typischen

rotwelschen Endungen _-erich_, _-ert_ (aus dem ältern _-hart_) und

_-ling_ (-linger) bezw. _-ing_ (vgl. z. B. _Toberich_ = Tabak,

_Glansert_ = Glas, _Rauschert_ = Stroh, _Flössling_ oder _Schwimmerling_

= Fisch, _Hitzling_ = Ofen usw.), die übrigens auch — ganz wie es bei

den Gaunern üblich — an Wörter _fremden_ Stammes angehängt sind (vgl.

z. B. _Schwächerich_ = Durst, _Boschert_ = Pfennig, _Bossert_ = Fleisch

[sämtl. aus d. Hebr.], _Babing_ = Gans [aus d. Zigeun.], _Bommerling_ =

Apfel [aus dem Franz.]). Weiter finden sich mehrfach Fälle der — zu

größerer Unkenntlichmachung der ursprünglichen Form dienenden —

_Abbreviaturen_ (und zwar in der Form der sog. _Aphärese_, d. h. der

Weglassung der Anfangssilbe[n], wie _Bolla_ [= Kartoffeln] statt und

neben _Schundbolla_, _Staude_ [= Hemd] statt [rotw.] _Hanfstaude_,

höchstwahrscheinlich auch _Boga_ [= Kuh] statt _Horboga_ und vielleicht

auch _Bos_ [= After] statt _Schundbos_ [vgl. das Näh. in den Anm. zum

W.-B.]), und vereinzelt erscheint auch eine sog. _Transposition_

(nämlich bei _Kopel_ = Beinkleid, Hose, vermutl. statt zigeun.

_cholep_). Bei der Begriffsbildung tritt u. a. auf der Gebrauch des

»_pars pro toto_« (wie z. B. _Langohr_ = Hase) und von Eigennamen als

Gattungswörtern (s. z. B. _Lattenkarle_ oder _August mit dem Ofenrohr_ =

Gendarm), auch für Tiere und Sachen (vgl. _Hornikel_ = Ochse,

_Groenikel_ = Schwein [zu _Ni(c)kel_, Kurzform von _Nikolaus_], _Dietz_

[wohl Kurzform von Dietrich] = penis, _Blauhanze_ = Zwetschgen), die

auch noch auf andere Weise _personifiziert_ erscheinen (vgl.

_Lachapatscher_ = Ente, _Strohbutzer_ = Gans sowie das merkwürdige

_Jerusalemsfreund_ = Schaf [s. Näh. in den Anm. zum W.-B. unter

»Hammel«]; _Linzere_ = Brille, _Stradelinzer_ = Wegweiser u. a. m.),

endlich das weite Gebiet der (im Rotwelsch so beliebten) _Metaphern_

oder Begriffsübertragungen (wie z. B. _Hasa_ [d. h. Hasen] = Flöhe,

_Schundflederling_ [eigtl. »Dreckvogel«] = Mistkäfer, _Kupferflederling_

[eigtl. »Heuvogel«] = Heuschrecke; _Schlang_ = Kette, _Fuchs_, _Füchsle_

= Gold, Goldstück, _Frösch_ = Monate; _Dächle_ = Regenschirm,

_Galgennägel_ = Rüben usw.).

Während sich in allen diesen und noch manchen anderen Erscheinungen der

mehr oder weniger enge Anschluß an rotwelsche Vorbilder unschwer

erkennen läßt[28], weist unser Jenisch auch einige ihm speziell eigene, [63.12]

überall hervortretende Besonderheiten auf. Es sind dies namentlich: die

stark ausgeprägte _mundartliche Färbung_ der Vokabeln und die auffällig

große Zahl von (oft recht langen) _Zusammensetzungen_ oder

_Verbindungen_ mehrerer Wörter miteinander.

[Fußnote 28: ([1] auf S. 63.11) Hingewiesen sei bes. auch noch auf die

fast ganz mit dem Rotwelsch übereinstimmende Bildung der Standes- und

Berufsbezeichnungen, namentlich in der Form von Zusammensetzungen mit

gewissen substantisierten Tätigkeitsformen, wie _Pflanzer_ (vgl. _Groß'_

Archiv, Bd. 46, S. 12 ff.) — so z. B. _Funkpflanzer_ = Heizer,

_Schrendepflanzer_ = Zimmermann — und _Schenegler_ (vgl. Archiv, Bd.

46, S. 304ff.) — so z. B. _Bichschenegler_ = Münzarbeiter,

_Hitzlingschenegler_ = Ofensetzer — oder mit selbständigen Hauptwörtern

mit der Bedeutung »Mann« (»Herr«, »Kerl«, »Bursche« u. dergl.) bezw. —

für weibl. Personen — »Frau« (»Mädchen«), wie _Kaffer_ (vgl. Archiv,

Bd. 48, S. 328 ff.), _Gadscho_ (vgl. Archiv, Bd. 49, S. 331 ff.), _Sins_

(vgl. Archiv, Bd. 38, S. 270), _Benk_ (vgl. Archiv, Bd. 49, S. 344 ff.),

_Freier_ (vgl. Archiv, Bd. 49, S. 350 ff.), _Fiesel_ (vgl. Archiv, Bd.

50, S. 157 ff.) oder (für weibl. Pers.) _Moss_ und _Model_ (vgl. Archiv,

Bd. 50, S. 344 ff.). Beispiele: _Leilekaffer_ = Nachtwächter,

_Rädlingskaffer_ = Fuhrmann; _Begergadscho_ = Leichenbeschauer;

_Begersins_ = Arzt, _Sturmkittsins_ = Ratsherr; _Rattebenk_ =

Nachtwächter, _Stradebenk_ = Straßenwärter; _Fehtefreier_ =

»Quartierbursche«; _Verkemersfiesel_ = Handelsbursche, _Sicherfiesel_ =

Koch; _Deiselmoss_ = Hebamme, _Begermoss_ = Leichenfrau; _Galmamodel_ =

Kindermädchen usw.]

Die dialektische Ausgestaltung der Wörter — die natürlich durchweg die

süddeutsche, insbesondere schwäbische Eigenart an sich trägt[29], geht

zuweilen so weit, daß die ursprüngliche Grundform nur noch schwer zu

erkennen ist. So hat z. B. _Klettert_ = Tisch nichts mit unserm Zeitwort

»klettern« zu tun, sondern ist nur eine schlechte Aussprache von

_Glättert_ = _Glatthart_, und _Blatt_ (= blatt) _pflanzen_ = im Freien

übernachten gehört nicht etwa zu dem Subst. _Blatt_, sondern zum Adj.

_platt_ (vgl. auch _baschen_, _Bommerling_ u. ä. statt [der sonst — im

Rotw. usw. — vorherrschenden Formen] _paschen_, _Pommerling_; _bugle_

und _bukle_ = tragen, _gril(l)isch_ u. _kril(l)isch_ = protestantisch,

_Gluber_ u. _Kluper_ = Uhr u. a. m.). Fast noch häufiger als die

Konsonanten erscheinen die _Vokale_ verändert. So finden sich z. B.

neben den Formen _Groenert_, _Groenikel_, _Ruedel_, _nuschig_ auch die

breiteren: _Groanert_, _Groanikel_, _Ruadel_, _nuaschig_, neben _Kunde_,

_Rundling_, _Schund_ auch _Konde_, _Rondling_, _Schond_, und besonders

beliebt erscheint der Wechsel zwischen den Buchstaben i und e. Man [63.13]

vergleiche: _nobis_ und _nobes_, _Patris_ und _Patres_, _linzen_ und

_lenzen_, _link_ und _lenk_. Auch die Endung _-ling_ ist demgemäß (wie

_Wittich_ auch in seiner »Einleitung« selber betont hat) häufig zu

_-leng_ umgewandelt worden. Da hierbei indessen nur völlige Willkür

(nicht irgendeine bestimmte Sprachregel) geherrscht zu haben scheint, so

erübrigt es sich, die einzelnen Gruppen der nur auf _-ling_, nur auf

_-leng_ und der bald auf die eine, bald auf die andere Weise

auslautenden Wörter genauer gegenüberzustellen[30]. Auch bei anderen

_Endungen_ von Hauptwörtern oder solchen von Zeitwörtern sind bald die

Formen der Mundart, bald die der Schriftsprache, bald beide

nebeneinander gewählt worden (vgl. z. B. _Fehma_ = Hand, _Hasa_ = Flöhe,

_Bolla_ u. _Bolle_ = Kartoffeln, _Buxa_ u. _Buxe_ = Hose, _Ulma_ u.

_Ulme_ = Leute, _Schei_ u. _Schein_ = Tag, _Kollerin_ = Müllerin, aber

_Deislere_ = Wöchnerin, _Stichlere_ = Schneiderin; _fuchsa_ = erzeugen,

_fu(h)la_ od. _schmelza_ = cacare, i. d. R. auch: _achila_ od. _kahla_ =

essen; _budera_ = begatten, _kaspere_ = betrügen, _schlummere_ = liegen,

_toberiche_ = rauchen; _biken_ od. _butten_ = essen, _bosten_ od.

_pfichen_ = gehen; dagegen [in Zus.]: _bohla_, _bohle_ und _bohlen_ =

fallen, _pfladera_ [-re, -ren] = waschen, _ruadla_ [-le, -len] = fahren

usw.). Als eine spezifisch schwäbische Endung von Hauptwörtern dürfte

wohl _-ete_ (od. _-ede_) angesehen werden, die uns (nach Analogie etwa

von _Gäutschete_ = Schaukel zu _gautschen_ = schaukeln [s. _Fischer_,

Schwäb. W.-B. III, Sp, 109[31]]) z. B. in _Buklete_ = Traglast,

_Dämpfete_ = Zigarre, _Flösslete_ = Urin, _Schmelzede_ = »Abweichung«

(Diarrhöe) und — auch an einen fremden (zigeun.) Stamm angehängt — in

_Fu(h)lete_ (= Schmelzede) entgegentritt[32]. Sehr beliebt erscheint

auch die bekannte süddeutsche substantivische Verkleinerungsform

-le[33]. Die gewöhnliche Adjektiv-Endung schreibt _Wittich_ regelmäßig [63.14]

_-ich_, nur ausnahmsweise _-ig_ (so z. B. neben _grandich_ seltener auch

_grandig_, neben _muffich_ auch _mufig_); eine kleinere Gruppe dieser

Wortgattung endigt auch auf _-isch_ (so z. B. _begerisch_, _biberisch_,

_gril[l]isch_, _jenisch_, _wo[h]nisch_, _schmelemerisch_).

[Fußnote 29: ([1] auf S. 63.12) Ausnahmen, wie z. B. die dem Rotwelsch

entlehnten, ursprünglich dem _niederd._ Sprachgebiet angehörenden

Vokabeln _Buxa(-e)_ = Hose u. _schlummere_ = liegen (eigtl. »schlafen«,

arg.: _Schlumerkitt_ = Herberge) oder wie _Strauberts_ = Haare, das wohl

mit dem _norddeutsch. Plural-S_, wie in »Jungens«, »Mädchens«, versehen

sein dürfte, bestätigen nur die Regel.]

[Fußnote 30: ([1] auf S. 63.13) Merkwürdig ist, daß zuweilen bei

demselben Worte der Singular auf _-leng_, der Plural dagegen auf _-ling_

gebildet worden, so z.B. bei _Schmaleng_ = Katze u. _Stupfleng_ = Igel.]

[Fußnote 31: ([2] auf S. 63.13) Mehrere ähnliche Beispiele enthält auch

das _Pleißlen der Killertaler_ (s. _Kluge_, Rotw. I, S. 435, 436).]

[Fußnote 32: ([3] auf S. 63.13) Dagegen ist die Endung _-es_ (wie z. B.

in _Benges_ = Bursche u. dgl., _dambes_ [eigtl. Rausch, dam =

berauscht], _Guf(f)es_ = Prügel) auch sonst im Rotw. u. den verw.

Geheimsprachen bekannt (vgl. _Pott_, Zigeuner II, S. 33, Nr. 2), aber in

den einzelnen Fällen wohl verschieden zu deuten (s. _Pott_ I, S. 103,

104; vgl. auch _Behaghel_, Deutsche Sprache [5. Aufl. 1911], S. 308).

Bei _Guf(f)es_ erblickt _Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp. 905 in _-es_

die abgeschwächte hebr. Plural-Endg. _-ôth_.]

[Fußnote 33: ([4] auf S. 63.13) Auch sie ist (wie ebenfalls sonst in den

Geheimsprachen) nicht nur an Wörter deutschen Stammes, sondern _auch_ an

solche _fremder_ Herkunft angehängt worden (s. z. B. _Käfferle_, zu

_Kaffer_ [aus dem Hebr.]; _Doberle_ = Beil, zu _Dober_ = Axt, _Gachnele_

= Küchlein, d. h. Hühnchen, zu _Gachne_ = Henne, Huhn, u. _Gaschele_ =

Kinder, eigtl. »kleine Leute«, zu _Gasche_ od. _Gadsche_ = Leute, plur.

von _Gadscho_ = »Kerl« [_alle drei_ aus dem _Zigeun._], _Sinsle_ =

Junker, zu _Sins_ = Herr [vermittelt wohl durch e. latein. Lehnwort],

_Scharrisele_ = Kirschen [aus dem Französ.]). Im übrigen ist noch zu

beachten, daß sie nicht immer bloß eine Verkleinerung gegenüber dem

Stammwort bedeutet (wie dies z. B. allerdings der Fall bei _Fi[e]sele_

od. _Freierle_ = Junge, Knabe [zu _Fi[e]sel_, _Freier_ = Bube, Bursche

(Jüngling) bezw. fremder Bursche], _Mössle_ = Jungfrau [zu _Moss_ =

Frau], _Schmalerle_ = Kätzchen [zu _Schmaler_ = Katze], _Trabertle_ =

Füllen [zu _Trabert_ = Pferd] u. a. m.; vgl. auch noch _Doberle_ = Beil

[zu _Dober_ = Axt; s. oben], _Füchsle_ = Goldstück [zu _Fuchs_ = Gold],

_Späusle_ = Splitter [zu _Spraus_ = Holz]), sondern zuweilen den

ursprünglichen Begriff auch vollständig verändert (s. bes. _Schwächerle_

= Brust, Euter [aber _Schwächer_ = Rausch, Trunkenheit], _Krächerle_ =

Nuß [aber _Kracher_ = Wald]; vgl. auch _Schurele_ u. _Schure_ [worüber

Näh. im W.-B. unter »abbiegen«] u. _Hegesle_ = Knödel u. _Heges_ =

kleines Dorf [bei denen aber wohl _kein_ gleicher Stamm zu Grunde liegen

dürfte]). Eine Mittelstufe nehmen ein die Ausdrücke _Kittle_ (zu _Kitt_

= Haus), da es in _Wittichs_ Vokabular sowohl »Gartenhaus« als _auch_

spezieller »Arrest, Gefängnis« bedeutet (wie im Rotw. _Kittchen_), u.

_Käfferle_ (zu _Kaffer_ [s. oben]), das zwar »Junggeselle« und »Greis«,

aber _auch_ den »männlichen Samen« bedeutet [s. zu letzterer Bedeutg.,

die eine längere Erklärung erfordert, das Näh. in den Anm. zum W.-B.

unter »Onanie treiben«). Manchmal findet sich endlich sogar _nur_ die

Verkleinerung als selbständiger Begriff, während ein entsprechendes

_un_verkleinertes Stammwort (wenigstens im _Jenischen_) _fehlt_, so bei

_Dächle_ = (Regen-)Schirm, _Räp(p)le_ = Mark, _Scharrisele_ = Kirschen,

_Schuberle_ = Geist, Gespenst, _Steinhäufle_ = Stadt, _Stupfle_ = Dorn.]

Was sodann die zahlreichen _Zusammensetzungen_ (bezw. Verbindungen)

anbelangt, so dürften hierbei zunächst prinzipiell zwei Gruppen zu

unterscheiden sein. Bei einer _kleineren_ Kategorie dieser Fälle handelt

es sich einfach um wörtliche Übersetzungen von Ausdrücken, die zum Teil

auch im Deutschen schon etwas lang erscheinen, ins »Jenische«, und dabei

mag den Verfasser eine gewisse philologische Freude an diesen Gebilden

dazu verleitet haben, seinem Wörterbuche auch solche zungenbrecherischen

Kompositionen wie z. B. _Hornikelgielblättlingschottel_ (=

Ochsenmaulsalatschüssel) einzuverleiben[34], die in der Praxis des

täglichen Lebens doch kaum je in ihrer ganzen Fülle ausgesprochen zu [63.15]

werden pflegen. Wesentlich anders liegt dagegen die Sache bei der

_Mehrzahl_ der Zusammensetzungen oder Verbindungen, insofern sie nämlich

als wirklich notwendige Umschreibungen für Begriffe eingestellt sind,

für die es im Jenischen überhaupt keine selbständigen Wörter gibt, wobei

übrigens der Vollständigkeit halber noch bemerkt werden muß, daß außer

_diesem_ Notbehelf auch noch mancherlei _andere_ Mittel, das Fehlende zu

ersetzen, Verwendung gefunden haben. So erscheinen z. B. nicht nur (wie

ja nicht selten auch in unserer Gemeinsprache) Zeitwörter als Aushilfe

für Substantive, sei es in Form des Infinitivs[35] oder von

Partizipien[36], sondern es sind — nach Vorbildern im Rotwelsch[37] —

auch Adjektive in gleicher Weise oder umgekehrt Hauptwörter für

Eigenschaftswörter gebraucht worden[38], und endlich haben dann noch [63.16]

viele Substantive eine Verengerung vom Gattungsbegriffe zur

Artbezeichnung erfahren. Namentlich kommt dies für im Jenischen nicht

vorhandene Bezeichnungen einzelner Tiere und Pflanzen vor, so wenn _Kib_

= Hund auch den Pudel bedeutet, _Flössling_ (_Schwimmerling_ oder

_Matsche_) = Fisch auch den Karpfen oder Hering (argum.

_Flösslingschottel_ = Heringsbüchse), _Flederling_ (od. _Fläderling_) =

Vogel auch Elster, Kuckuk, Star und Taube, oder wenn _Stöber_ = Baum

auch für Birke, Buche, Eiche und Fichte gebraucht wird, _Kupfer_ =

Frucht, Getreide auch Heu, Klee, Häcksel und die meisten Getreidearten

(wie Hafer, Roggen, Weizen) umfaßt usw.[39]. Auf die ganz ungeheure

Ausdehnung, welche in _Wittichs_ Jenisch besonders noch die

Bezeichnungen _Sore_ und — mehr noch — _Schure_ (eigtl. wohl nur

»Ware«, dann »Ding«, »Sache«) als Aushilfsmittel für alles Mögliche (z.

B. nicht nur für leblose Gegenstände, sondern auch für abstrakte

Begriffe, ja selbst für Tiere) erfahren haben, hat der Verf. in seiner

»Einleitung« (S. 24) selber ausdrücklich hingewiesen[40] (vgl. für die

Einzelheiten, deren Aufzählung hier zu weit führen würde, m. Anmerkgn.

zu den Wörtern »abbiegen« und »Brücke« im W.-B.). Da solche

Begriffsverengerungen aber doch mehr oder weniger etwas Gewaltsames,

Künstliches an sich haben, so erklärt es sich unschwer, daß man sie

nicht ungern durch irgendeinen Zusatz doch häufig noch etwas näher

gekennzeichnet oder m. a. W. eben jene Gruppe umschreibender

Zusammensetzungen oder Verbindungen verwertet hat, von denen vorhin

schon die Rede gewesen. So sind doch z. B. _Schallerfleterling_

(d. h. »Singvogel«) für die Amsel oder den Kanarienvogel,

_grandicher Flederling_ (d. h. »großer Vogel«) für den Adler, oder

_Spronkert-Flössling_ (d. h. »Salzfisch«) für den Hering schon viel

nähere Kennzeichnungen jener Tiere als das einfache _Flederling_ und

_Flössling_.

[Fußnote 34: ([1] auf S. 63.14) Dieses Beispiel steht keineswegs etwa

vereinzelt da; vgl. u. a. auch noch _Krachersäftlingbrandling_ =

Heidelbeerkuchen u. _Jerusalemsfreundschenegler_ = Schäferknecht.]

[Fußnote 35: ([1] auf S. 63.15) So z. B. _Bereime_ u. _Zeine_ (doch wohl

beides eigtl. = _bereime[n]_, _zeine[n]_ = zahlen) = Zahlung, _Dupfen_

(eigtl. = stechen) = Stich, _Muffen_ (eigtl. = riechen) = Geruch,

_Glemsen_ (eigtl. = weinen) = Tränen und (mit interessanter

Begriffsverengerung) _Bleisgeren_ oder _Pfreimen_ (eigtl. = zahlen) =

Steuern.]

[Fußnote 36: ([2] auf S. 63.15) So z. B. _Begert_ (eigtl. = gestorben) =

Leiche, _Verdibert_ (eigtl. = verraten) = Verrat, _Vergondert_ (eigtl.

wohl = »vergantet«, ausgepfändet, im Konkurs) = Konkurs, _Vergrönt_

(eigtl. = verheiratet) = Ehe, _Vermuft_ (eigtl. etwa = »verfault«, dann

verarmt, heruntergekommen, bankerott) = Armut, Bedrängnis, Konkurs. —

Übrigens kommen natürlich Partizipien auch für _Adjektive_ vor (so z. B.

_begert_ = tot, _gefebert_ [geschrieben] = schriftlich, _grandich bikt_

[viel gegessen] = satt), u. außerdem sind dafür auch noch andere

Zeitwortformen üblich, vgl. z. B. die satzartigen Umschreibungen: _gneis

nobis_ (eigtl. »[ich] kenne nicht«] = unbekannt, _hauret nobis_ (eigtl.

»[es] ist nichts«) = ungültig, unzweckmäßig, _begert nobis_ (eigtl.

»[er, sie, es] stirbt nicht«) = unsterblich u. a. m.]

[Fußnote 37: ([3] auf S. 63.15) Vgl. _Günther_, Rotwelsch, S. 63, Anm.

64.]

Die jenische Sprache · 第 1 / 36 段