Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf
einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange,
hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte.
Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung
angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein
Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt.
Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit
einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit
nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen,
auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal
in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.--Leute, deren
Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie
allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle
Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während
die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die
reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den
unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt
nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere
kaufen;--mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste
nicht so schrecklich aus.--
Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich
auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden
mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an,
als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte
Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist?
Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine
Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl
vertraut. Aber Sie wären verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr
der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte,
fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem
Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus;
ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie
konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg;
es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich
selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus
zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch
etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut
aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Während der letzten Worte
hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden
gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und
wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine
Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und
schwer!"--"Gebetbücher!--Gebetbücher!"--rief er schnell zurück,--"aber
nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schluß
der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom
Mund weg.--Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den
nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht
hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen
ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen
Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich
den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher
kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen
Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur
Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte.
Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten
Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als
auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen,
ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines
eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen
Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag,
auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu
sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter,
trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die
Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen
auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die
zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie
endlich!--rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten
Bekannten gegenüber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und
durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon
einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum,
kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an,
gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene,
fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen
mußten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann,
der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür
geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit
einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen
Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und
Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will
gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fügte er hinzu,--"er wird sich
freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir
leider viel zu viel."--Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere
Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas
herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre
warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen
Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den
Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein
zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein
bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber
zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen
weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um
die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand
und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte:
"Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend.
"Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen
an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander
schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast
wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt;
mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest,
und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre
verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft
ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie
hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein
dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen,
halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in
seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und
auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme,
einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt
vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir
haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht,
und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den
Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist
sonst ungefährlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit
bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn'
seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser
Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der
inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,--"aber Du machst
mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag'
ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der
Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und
feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren
wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekräftigte dieser wieder,
indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge
Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's
Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und
Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache
Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir
Sorge."
Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im
Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um
das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest
überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der
Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn,
daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis
auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das
freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen
in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes
in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei
Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner
Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den
Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen
Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber
nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß
zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte
unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte
mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und
schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um
mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte,
durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich
meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und
auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte,
daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben
hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür
gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden,
es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und
ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im
Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths
aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins
Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau
mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in
seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von
der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine
Tochter Maria!...."--
Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber,
was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's
Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden
jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende
Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten
Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig
geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als
Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden
Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt
und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr
noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf
ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze
Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden
Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl
einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese
Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung
hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt,
und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche
Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ
sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war
eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln,
die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie
eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog,
und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem
sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch
gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die
rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger
war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir
stehen blieb,--"ist ein Unglück für mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich
naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesäuerten Brode macht
sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer,
wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im
Leib!"--'Hä, hä, hä, hä, hä!'--grunzte und lachte es in diesem Moment
wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den
Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der
Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges
Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen,
jungen Menschen kommend, herüberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in
diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht
froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen
und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort
mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf;
Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge
Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde,
ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun,
und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als
wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen.
Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine
Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten
gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer
zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war
nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf
mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so
ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren
Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte
ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich
dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während
seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte
der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen
schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige
Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem
protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen;
während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem
zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit
auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein
einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte
das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit:
sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen
ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich
zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein
fetter schweinerner Preßsack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin
alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"--meckerte und
blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll
Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller
über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weißgekleidete
Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht
mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf
jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an
war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause
verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war,
übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war
eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber
wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher
die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir
auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch
sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar
hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche
vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute
dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen
oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten
Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch
eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann
blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre
Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem
weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen
zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den
Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er
einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine
ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die
er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er
einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann
sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen,
Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte
Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht
werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden,
grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.--Christian war
blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge
waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem
jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa
fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen,
im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen
Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas
jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter
herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die
Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich
mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser
merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem
Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War
dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir
schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den
Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst
leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian
sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß?
Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den
Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang
dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte
also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten
Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.--
Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in
der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer
war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an
einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend,
schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt
schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief
er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu
Grund.--Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich
all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen
Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit
nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich
an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich
Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fügte
er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der
Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch
herüberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit
14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen
zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts
weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine
drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter
Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer
zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock
nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch
ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst
drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe,
zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er
zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach
einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's
Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend
nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann können wir uns auch nicht
ungestört unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist
schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge
Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete,
rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend:
"Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und
bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel
des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und
beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie
ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann
die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach
oben.--
Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen
dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des
Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten.
Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme
aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter;
und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen,
Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte
er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten,
schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch
brachte,--"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen
trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor
verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter
dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein;
er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem
hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser
vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins
Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser
Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern
hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn
er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand
sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das
Gespräch einzuleiten,--"gehen schon früh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte
der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen
Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei
hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern
miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr
die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht,
ich hätte das Regiment längst verloren!"--"Maria scheint demach von
wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor
reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen,
und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von
Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie
junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er
sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der
Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich
ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"--begann ich
wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."--"Mit der Jüdin?"--frug
der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.--"Was wollen
Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht
nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie
Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."--"Ja,"--nahm der Alte
das Gespräch wieder auf,--"sie war eine der Schönsten ihres Stammes;
aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen
knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt
sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von
wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte
der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er,
daß er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der
Junge muß einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwärts, in der
Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu
erhalten.--"... muß einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth
mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich
wieder,--"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht
hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht
unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."--"Um
Gotteswillen!--die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während
dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen.
Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann
vergewaltigt!"? ergänzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig
mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als
alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich:
"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete
ich.--"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht
verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so
complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die
Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen
Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen
Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'Hä,
hä, hä, hä, hä!'--gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom
Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.--Ich fuhr
wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel
und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes
unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut
geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen
Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren
Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder.
Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt überwog die
Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis
Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.--"Kein
Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedämpfter Stimme, aber
examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was
denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne
er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig
und thränenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit
inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" preßte mein
Wirth gezwungen und flüsternd hervor.--"Was für ein Etwas?"--fiel ich a
tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein
Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt
und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie
sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es
war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige
Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft;
und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt
inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.--"Marie hatte
sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",--so erzählte sie,--"habe
sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören;
der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)--"Plötzlich
was?!--Plötzlich, weiter!"--"Plötzlich"--hub der Alte wieder
an,--"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor
sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr
Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war
Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung;
ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller
Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden
Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung
sein gefülltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im
Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige,
sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und
Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand
in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt
dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem
Manne in andere Umstände gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekräftigte
der Alte,--"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will
Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr
zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein
Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."--"Und Sie
glauben das Alles?"--frug ich mit höchstem Erstaunen.--"Ich mußte
wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und
ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fügte mein Wirth mit
Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im
Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf
meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich
duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit
Entrüstung.--"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"--fuhr der
Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die
Knie,--"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder
ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube
daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit
den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr
in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben
Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird
kommen!"--
Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu
Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen
Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen
gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen
Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils
durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem
Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und
vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn
ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte
er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf
und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon
auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,--"ja, junger
Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen
sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende
von Dingen; aber man muß sie sehen können."--Ich ging auf diese
Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an,
und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf
dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen,
schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in
einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag
noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies
mit seiner Krücke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich
zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie
wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen
Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben.
"Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig
bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu
sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter
und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles
noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer....
Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft
hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach,
wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube
mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch
mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem
Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit
zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten
Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl
mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.--Es war kalt, und fröstelnd
legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch
einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.--
Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das
sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem
unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der
schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein
Inneres. Daß der Junge,--sagte ich mir,--gänzlich unter dem Einfluß
der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus
ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das
schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie
geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause
in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der
junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität
zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener
geheimnißvollen Geburt?
So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht
Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind,
angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der
Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person
diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden
Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paßten die Steine
nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im
Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze
Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten.
Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der
Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß
man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man
entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch.
Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem
heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei
halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf
das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst
jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen
Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß
daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl
kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn.
Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt
würde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der
Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der
Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging
strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch
ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand
umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen;
kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis
in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine
gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß
war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und
das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas
besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht
die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war
vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das,
wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß
forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich
stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während
ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das
zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser
Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den
offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so
einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In
der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke,
zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke,
ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt.
Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen,
abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die
Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes
Stück Spiegelglas.--Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel,
sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten
Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes,
zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen
wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall
lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde
Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür
verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den
Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch
durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei
es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte
ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende
Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf
das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben
Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider
die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser
nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war
untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die
mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und
angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es
ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt
den Rest der Nacht.--
Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer,
widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch
an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der
vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant
dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in
seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen
Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich
doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken
trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar
nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"--rief ich laut
und commandirend über den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die
Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für
eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf,
und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll
schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme:
"Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz,
aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten
Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem
Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr
verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause;
niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit
Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"--Damit fiel
der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit
war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der
arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging
in mein Zimmer zurück.
Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren
Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht
mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte
saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner
Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte
mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte
mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen
gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen,
der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar
Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen
Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des
Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der
Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die
Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als
ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch
bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.--
Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als
den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem
alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt
unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich
nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald
hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten
her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir
einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit
und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn
zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus
da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Fränkisch,--
"sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was
ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gäul und die
räuthige Hünd darschlägt,"--bemerkte er, und lachte spöttisch über
meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!...
die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"--"Gifthütte?"--frug
ich,--"weßhalb?"--"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht
nix Gut's nei!"--Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah,
fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und
vo wos daß lebe!"--"Nun,"--entgegnete ich--"ich bin heiler Haut
herausgekommen!"--"Sen S' froh,"--rief der Steinhauer, und schwenkte
heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,--"Sen S' froh, und mache S'
weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!...
"--Hä, hä, hä, hä, hä--klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus
dem Schweinsstall.--Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den
Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine
Stunde wieder umzusehen.--
Der Goldregen.
_Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent_
_Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,_
_Na bitt' i unser'n Herrgott,_
_Daß's Wetter so bleibt._
Altbayrischer Vierzeiler
Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in
der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches,
noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war
auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein
kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am
Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es
regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt,
und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im
Publicum erzeugt.--Daß ich genau bin, es _hatte_ so gegen 3 Uhr etwas
geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.--Ich wohne
an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum
eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden
u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das
Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern
und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen
und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das
Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich
ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz,
um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser
das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein
sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und
gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel,
um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit
einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe
trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im
Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des
Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende
Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich
etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf:
ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf
Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich
da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner,
und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes,
als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere
Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom
Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment--und plötzlich stürzte dieser
kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle
Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der
große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren,
die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit
Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten
pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich
eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen
Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch
auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt,
einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit
nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in
einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr
dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die
eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als
ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere
Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das
gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den
Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote,
das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die
Straße, in das nächste Haus.--
"Jessas Maria!"--kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und
aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.--"Die Welt geht
unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch
die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen
ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen--sie war eine Wäscherin--und
fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's
dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die
Drangsal värnichtät uns!"--"Sie dumme Gans!"--rief in diesem Moment
ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das
Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte--"thun Sie auch noch die
Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds
halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in
Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"--Ich schaute jetzt um mich:
in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit
bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen
betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen
und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend,
wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische
Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei
und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden
Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die
Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die
Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen
sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.--"Es
scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"--sagte jetzt in
unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,--"der,
vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte,
und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen
wurde."--"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der
ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand,
und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen
hatte.--Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken
und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie
herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen
matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich
im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, _und die ganz entschieden
einen metallischen Charakter hatten_; sie waren auffallend schwer im
Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen,
durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten
Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten
die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele
erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend
war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen
entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim
Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum
die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren,
in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm
ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem
kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch
quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig
erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte
Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich--ich hörte es
nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast
laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur _einen_ Gedanken,
nur _ein_ Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte
diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern;
und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf
den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen
fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.
Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich
nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den
Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige
weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes
lag.--Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen,
hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre
vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren
Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen,
hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten,
und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf
die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte
zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's _uns_ an!"--Ich schaute
zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und
kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen
den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und
neugierig.--In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben
mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle
des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand
ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war,
nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am
andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der
glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht
erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann _Hasselbeck_, einem
Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung
genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit
Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem
Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt
etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei
entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von
nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu
stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang,
wie betäubt sitzen. Herr _Hasselbeck_, in seiner kleinen gestickten
Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit
heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht
verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie
einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange
gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe,
vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche
Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich
nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie
Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die
Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden,
die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder
Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten
Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was
nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen,
in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene
Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen
waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein
Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war
nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"--ein "Ui!"--ein "Aitsch!"--im höchsten
Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war;
die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir
selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten
her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie
er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut
in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner
jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und
wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft.
Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse
schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach
einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die
Sohlen schmerzten beim Gehen.--_Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran
er war_. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den
Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut',
Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!"
Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom
übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige
der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien
eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das
Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als
ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas
von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen
abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief
ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n,
wenn das Geld unter die Leut' kommt!"--Jetzt fielen fast keine Schloßen
mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit
verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere
Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen
holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im
weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine
Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter.
Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles
kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen
Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die
Taschen, was das Zeug halten wollte.
"Sie dummes Luder!"--sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem
feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,--"Sie werden doch nicht
für Andere sammeln. Geht Ihnen denn _noch_ kein Licht auf? Jetzt ist's
Zeit, für _sich_ zu sorgen!"--"Ach Gott," antwortete diese, fast
eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"--"Was,
'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie
für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine
Gnädige!"--"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut
doch von oben zu!"--
Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits
waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den
andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll
ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz
um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen
Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand.
Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark
verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle
einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders
aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz
feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie
man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen
manchmal findet.--
Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich
umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits
sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen
ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen
die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit
Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie
mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone
Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen,
der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König
mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein
entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen
konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war,
begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln,
diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt
doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne,
und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu
Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem
Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich
nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die
Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf
Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen
war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge
herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die
Hälfte für sich!"--Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen
Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam
vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her.
Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in
des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen
war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich
welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte
Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus,
und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und
beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem
König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache
schien entschieden zu sein. Es war _Gold_.--Ein Mensch neben mir, in
blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur
zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang,
daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der _Sandelbeck_, der Tandler
aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"--Allein
die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert.
Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben,
wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne
eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach
selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse
Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte
Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man,
öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig
stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der
gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den
glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert.
Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's
Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung
und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche
Kleinigkeiten auf.--Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber
hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben
Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen
die Meisten auch zu warten.--Der König mit seinem Gefolge hielt hoch
zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine
Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten.
Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß
eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen
begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle
Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses
viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen
Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in
Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge,
die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand
umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten
Herrschaften.
Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen
Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier
Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren
ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie
hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer
verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger
Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit
lauter Stimme "Hint' bei _Dingolsheim_ liegt des gäl Zeug schuhhoch
auf der Straßen!"--Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und
Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie
seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen
Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas.
Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren
über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu,
conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber.
Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen
Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen
war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen
aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe
Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der
Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt.
Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große
Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie
des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr
"Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten
wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu
extraordinär.--Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden,
jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das
erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.--Ich
dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte
Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes,
welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine
Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen
bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner,
untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle
zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger
an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich
ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze
Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort
aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch,
ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle
so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt
stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen
sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und
wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die
Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein
und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa
1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und
abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze
Erscheinung humoristisch.--Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen:
"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst,
was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"--"Gott,
wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue
Metallicher!"--"Nu, haben Se neue Metallicher?"--"Ob mer haben neue
Metallicher?! Mer haben das _Platiin_, mer haben...."--"_Krause_,
sehen Se mal nach, wie _Platin_ steht?"--"_Platin_ steht 2039 das
Kilo"--"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des _Platiin_
so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"--"_Platin_ genuch, um en Mond
drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"--"Ka Beleidichung! 'S
Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud _Platin_
bei meim Schwager _Salomon_ in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend
un sechzig!"--"Ich nähm's; ich nähm's."--"Gott, wie de Leut kreische.
In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham
's widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich
alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"--"Gott, wie Se redde!
Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner
droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"--"Herr
'Goldstein!'"--"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka
'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"--"Na, also
Herr _Silber_stein!--Was maane Se zum _Rhodium_?"-->Was man ich zum
_Rhodium_? 'Was waß ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich;
is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird
nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium?
Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ können Sie in Rußland kaufen, so
viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche
390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix
von dem _Gold_--G'schlamaßl da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre,
wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich
in Petersburg ä tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe
ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn _Nathansohn_,
an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch
auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de
ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe
sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se
mer die Depesch ab, aber aß _dringend_, aß möglich!--"Kaafe Se Herr
Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher,
_Feitel Stern_, in de Eschenheimer Gaß!"--'Hawe Se kei Angst, Herr
Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre,
mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_,
es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts
mit em _Molybdän_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau,
da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel.
Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit
_Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das
voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_,
schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"--"_Moritz_,
pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter,
des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui,
naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold
is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"--
In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb
herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf
den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen
Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_
kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis
zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu
drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten
und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei
zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter
heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte
mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10-
noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine
fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den
Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne,
sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem
Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des
Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten
elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom
Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten
Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben
werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu
erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das
Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel
senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große
Springbrunn-Platz still und verwaist.--
Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe.
Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln
humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme,
sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend:
"_Iridium_ zwahundert und einunddreißig;--_Antimon_ hundert und
sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_
achthundert gradaus;--_Molybdän_ siwehundert und in die
sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und
in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!"