Der Corsetten-Fritz

_Aus alten Märchen winkt es_

_Hervor mit weißer Hand,_

_Da singt es und da klingt es_

_Von einem Zauberland._

Heine

Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem

ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen.

Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf

leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen,

wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die

sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe,

ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art

psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein

Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel

hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp,

bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz

anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue.

Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke

niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte

widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus,

so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und

immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte

etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall

eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die

Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen,

und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"--und

meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das

Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen

tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen

Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor

begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.--Dieß ist die intensivste

Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei

jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem,

nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.--

Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich

in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng

von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die

mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines

Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in

Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen

Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses

Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig

mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes

Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und

jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich

nicht.--

Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt

war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies

that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war

die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche

Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der

Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz

wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie

mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven

Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter

strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene

Gymnasium zu besuchen.

Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge,

die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die

Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern

mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf

der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte,

machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles

hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah,

man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die

Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser

Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.--

Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig

zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer

und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter

den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte

ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon

mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die

den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen

mit.--Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact

fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton

fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause

hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer

Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal

zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi

ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene

Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir

eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im

Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war,

um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie

möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden

Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter,

mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich

hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und

souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit

auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich

auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden

Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp

vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen,

stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier,

dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen

Auftrag vollständig vergaß.

Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben,

wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen,

spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder

schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt

Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht

gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe

mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich,

glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen

und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern--wie

soll ich sagen!--leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter

Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung

des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom

schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht

angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also

herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit

anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine

ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung

zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich;

die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle

Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,--rief ich

innerlich mit einem überquellenden Impuls--und wenn Du auch nur ein

Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen,

und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"--So

sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange,

welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein

süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam

mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso

diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so

kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,--von der ich noch

nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige,

glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus

und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und

die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste

sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel;

sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen

Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich

sein?--Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser

Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war

doch künstlich; war angefüllt;--oh, ich lasse mich nicht so leicht

täuschen!--und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man

kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man

füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob

wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?--fuhr ich weiter

für mich zu fragen fort.--Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem

fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der

Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort

von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!--Einerlei--fuhr ich nach

einigem Bedenken fort,--jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu

erwerben. Denn offenbar,--darüber war ich orientirt--ist das, was

hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer

kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief

ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige

Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im

Leben nie glücklich sein...!

In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem

Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien

plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem

ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten

mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten

trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter

Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu

retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der

Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck

wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.--

Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten

schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben.

Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor

Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu

spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich

tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das

vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo

ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich,

daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht

hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung

gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und

wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich

bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde

endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und

hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.

In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in

golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein

strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich

weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt

und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor

und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In

diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen,

wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und

lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.--

Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt

plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr

herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten.

Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster,

und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf,

dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen

Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen

Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit,

die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer

wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen

von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste

Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam,

die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt.

So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer

ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.

Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich

in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein

ähnliches seines Geschlechts.--Eines Nachmittags waren Onkel und Tante

ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und

schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es

ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen.

Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke,

wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte,

mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu

lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den

Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der

Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein

weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine

hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war

über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt.

Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham

bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier

einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten

Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht

klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen

verschiedene Organe nothwendig seien.--Ich wollte durch's Schlüsselloch

der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie

treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und

rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's

Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich

auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen

wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an

einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir

klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an

ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten;

zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte,

hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen

die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend,

eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen,

wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur

das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden

Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war

ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war

mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem

hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der

Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen

war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die

Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.--Ich setzte

mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz

meinen Empfindungen und Erwägungen.

Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt

gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen

abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön

wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden,

schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht;

während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen,

sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft

geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom

Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft

sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum?

Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau,

dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den

Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig,

farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für

Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und

Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen,

die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber

wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen?

Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich

jetzt an zu construiren--einen höchst zarten, gracilen Leib, das

heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an

ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der

Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern,

zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer

ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und

zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige

Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer,

vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von

Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen

Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen;

und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht,

von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die

Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons,

ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr

einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses

Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte,

folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein

Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern

beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt

und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen

treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald

herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt

die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein

Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von

den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem

bloßen Leib getragen werden.--Weit weniger gern vertiefte ich mich in

die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem,

naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln

erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib

jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's

Schlüsselloch hindurch gesehen hatte.

Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene

großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden

hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche

Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie

sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe.

Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei,

welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen

Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei

gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner

Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich,

und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und

griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften

Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem,

was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen

der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten,

anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen

sei.--

Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln,

dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von

entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit

zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen

Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine

Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines

Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines _Odysseus_,

die Begebenheiten bei der _Circe_, sein Besuch bei den abgeschiedenen

Seelen, oder die Metamorphosen bei _Ovid_ konnten mich fest halten.

Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die

Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines

sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen

nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen

Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte

die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder

ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die

ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen

Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir

und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah.

So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine

Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht.

Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war

das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte

Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in

die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum

Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen

aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das

wußte ich nicht.--Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und

hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer

krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie

Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel

wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst

Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem

ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre

dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über

gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden,

und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte.

Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein

Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als

zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und

starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit

hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen

Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe

Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine

ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung

kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen,

spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der

von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu

sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant,

farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein

Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt

diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein

Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich,

blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem

Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm

ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen

u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand,

weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die

Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen.

Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.

Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm

ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter

Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer,

die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört

worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun

wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr

neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen,

farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge

genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich

wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich

ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung,

Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter

geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten.

Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre

Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten

ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf

mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede

noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen

S' Ihnen aussuchen!"--Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte

ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell

ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein

Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich

mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem

ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der

Religionsstunde.--

Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat,

empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz!

Corsetten-Fritz!"--Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden.

Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die

Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig

gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen

Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt,

daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium,

mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So

blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in

dieser Isolirung war mir am wohlsten.

So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete

Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes;

da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und

Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten

wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese

Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich

wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte

ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses

weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte

jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine

schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für

eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die

"Bestimmung des Menschen?"--Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften

mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir

Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des

Menschen?"--Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.--Die

Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte:

gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,--die war mir wohl

geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die

Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.--Trotzdem mußte

mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung

begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel,

mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen

Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse

und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann

ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und

äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine

Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein

durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich

hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das

ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und

Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale

zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns

her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke

dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der

Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt

werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge

von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich

gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen,

die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen

das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese

Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf--das ist die Bestimmung

des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen,

selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie

wir es auswendig gelernt haben.--

Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte,

wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen

"unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen

Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig

wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche

Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für

getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen

der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und

abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.--Diese erste Note wog

so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß

alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas

ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden,

im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir,

gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu

erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.--

Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer

mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen

Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt;

und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung

endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und

Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin

so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen,

süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie

studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und

der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa

vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät

beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige,

unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen

Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller,

schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen

Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe

ein Geschenk,--ein Gastgeschenk--das sei so üblich. Man wähle sich

eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine

Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt

sein, u.s.w.--Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich

hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach

deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen

fahndete?--Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich

über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte.

Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann

durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen,

durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten

rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns

nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich

hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster

breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege

emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die

Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen,

nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe

empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in

einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich

ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles,

nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und

weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle,

phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen,

langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden

Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen

sie heute zum ersten Mal

Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein

Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz,

die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören

schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten

Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen

Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege

höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in

dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen

und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie

mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich

mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der

andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit

schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine

zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille

und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst

vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen

Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals,

herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als

Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden

Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte

des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit

schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen

mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches

Wesen!"--rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',--"Dich

kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum

und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften,

schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster

herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her?

Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du

bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die

ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei,

kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als

der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest

nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust

Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus

Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du

in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen

gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals

das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem

Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder

Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich

hineinbeißen...?"--Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen;

noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche

Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an;

und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach

mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos

geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige,

steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die

frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.--Mein Freund hatte

mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht

das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige,

geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und

ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern

Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und

Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche

und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der

Orange-Fee.--

Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene

Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über

Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich

lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen

Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen,

im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische,

gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.

Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie

auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt

ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester

Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene

Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus

der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende,

gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo

ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine

Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt

mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.--

So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen

eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom

Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres

angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei

traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte

in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren

Erfolg lustig machte.

Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude

empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie

gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach

mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit

der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen

an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte,

ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand

sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.--Aber eine andere Befriedigung

wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am

folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und

damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn

für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief,

und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig.

Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß.

Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.

Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt

hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,--ich

vergesse, welchen,--langsam und überlegend auf den Steinfließen auf

und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern

schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem

Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle

hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine.

Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte,

ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war

die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst,

die nur überraschend und merkwürdig war.--Doch war ich nach einigen

Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine

Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie

von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes

Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen,

was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule

abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte

ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil

davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe

immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief.

Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß

ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte

ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.--In diesem

Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich

muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation;

ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen,

keiner Verführung mehr nachzugeben.--Aber meine Seele hatte ihre Tour

schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule.

Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der

Residenzstadt.--Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten

Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an

die Stelle kam,--in meiner Seelengeschichte--wo ich im Auftrag meiner

Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal,

wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch

die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe

in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein

Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war,

welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der

Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart,

jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet

hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen

Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich

winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir

der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des

Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb

aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.--Bis

dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht

verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah

etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum

Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren

Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit

ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und

nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend,

lachend, riefen: "Ei, das ist ja der _Corsetten-Fritz_!"--Und

"_Corsetten-Fritz_! _Corsetten-Fritz_!" folgte es jetzt im Chor.

Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt

war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die

höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und

zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch

natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig,

und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm

so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich

bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der

Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.

Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem

es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich

diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors

nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und

Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem

eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche,

und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick

gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen,

beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot

betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist

daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen,

aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich

zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr

gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben

Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen

zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor

sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber

offenbar bestellte, fabricirte Sache.--

Visionen: Skizzen und Erzählungen · 第 11 / 17 题