$DIE AUSTRITTSBEWEGUNG$.
_Der Stolz des Mannes ist sein
Volk._
_Beaconsfield._
Die Theologen und Moralisten haben in der Austrittsbewegung nur die
ethische Komponente beobachtet. Sie haben das verwerfliche Motiv
unterstrichen, wonach die Anerkennung dogmatischer Voraussetzungen und
religiöser Ideengänge von äußeren Vorteilen abhängig gemacht wird. Sie
bewerten den Charakter des Austritts als gesellschaftliche Erscheinung
ideell, aber nicht soziologisch. Man hat bisher wenig die Ursachen
dieser Bewegung aufgeklärt. Zeitlich seit der Emanzipation verliert die
Taufe den Charakter der Seltenheit. Bereits 1811 reichte David
Friedländer dem Staatskanzler von Hardenberg ein Verzeichnis ein, nach
dem in den vorhergehenden 8 Jahren 32 Familien und 18 ledige Männer in
Berlin die Taufe nahmen. 1830 klagte Sarah Levy, die Tochter Itzigs:
„Ich komme mir vor wie ein entlaubter Baum; alle die Meinigen um mich
her sind durch ihren Uebertritt zum Christentum mir doch in vieler
Hinsicht fremd geworden.” In einer demnächst erscheinenden Arbeit über
„$Die Juden in der deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte$” konnte
ich beobachten, daß gerade die bedeutendsten und bekanntesten deutschen
Juden in Handel und Verkehr, in der Literatur, Kunst und Wissenschaft
die Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft gelöst haben.
Der Mangel jüdischer Kenntnisse und die fehlende Ehrfurcht vor den
Geistesgrößen des Judentums allein kann nicht die Erklärung bieten, wenn
sogar die Familien der Vorkämpfer die Taufe nahmen. $Fishberg$ machte
bereits neben $Samter$ („Judentaufen”) darauf aufmerksam: „Die
bestbekanntesten jüdischen Familien aus dem Beginn des letzten
Jahrhunderts sind in der christlichen Majorität, in deren Mitte sie
lebten, aufgegangen.” Dazu sind zu rechnen: die Mendelsohns, die
Nachkommen des jüdischen Historikers Bresslau und Grätz, des
begeisterten Chowewe Zionisten Hirsch Kalischer, die Anverwandtschaft
des jüdischen Schriftstellers Bernstein bis in die Kreise des Berthold
Auerbach und Gabriel Rießer, Söhne gebildeter Rabbiner (Wedell,
Levy[28], Klemperer etc.), wie die Kinder von jüdischen Adeligen, welche
als Juden nobilitiert worden waren z. T. mit alttestamentarischen und
prononcierten Namen Cohn-Oppenheim, v. Hirsch. Von 100 geadelten
Familien rechnet sich der kleinste Teil noch zu den Juden. Die
v. Bleichröder, Beit auf Speyer, Friedländer-Fould, von Weinberg -- um
nur einige zu nennen -- sind convertiert. Aus den Kreisen der
Wissenschaft wären viele Hunderte aufzuzählen, die nur noch der Rasse
nach als Juden betrachtet werden können. Von vielen bekannten
Forscher-Familien[29] und vielen Häusern der Haute-Finance ist es kaum
mehr bekannt, daß ihr Aufstieg durch einen Juden eingeleitet wurde. In
einer Arbeit (Archiv f. Rassen und Ges. Biol. 1911) zur Geschichte der
Familie Samson habe ich Beispiele für den Uebergang der geadelten
deutschen Judenschaft in die christliche Gesellschaft angeführt. Für die
nobilitierten deutschen Juden bedeutete die Aufnahme in eine der Kreise
der alten Geschlechter den letzten möglichen Aufstieg, den Höhepunkt
ihres ehrgeizigen Strebens. ($Blau$ hat vor dem Krieg nachgewiesen, daß
in Berlin unter den Austretenden allein 12 Personen, die mehr als 1000
Mk. Steuern zahlten, sich befanden, also damals Millionäre waren.) Bei
der Sucht eine Rolle zu spielen, geachtet zu werden, ist die Taufe so
lange eine Notwendigkeit, als die jüdische Gemeinschaft nicht nur
fremdartig, sondern als $minderwertig$ den Deutschen und ihnen selbst
erscheint.
Ueber die numerische Bedeutung belehren einige Berechnungen von
$Hoffmann$, $Samter$ u. a. Danach gab es
1822-1840 Uebertritte in Preußen 2200
1841-1880 7000
1880-1912 6513
Für Dresden liegen genaue Erfassungen vor. Dort waren (1886-1911) 277
Austritte und 30 Eintritte.