Die Zunahme betrug

in 1905 gegen 1900 1910 gegen 1905

Hessen Nassau 1911 1675

Rheinland 3157 1879

Davon gewann Köln (in den Rheinlanden) 1900 auf 1905 allein 1300 Juden,

Frankfurt in derselben Zeit 1500. Auch diese Provinzialstatistik zeigt,

daß die Zunahme der Juden nur die bekannten Immigrationspunkte der

Ostjuden berührt.

Von den 150000 Juden in Brandenburg und Berlin wohnten 144000 in

Groß-Berlin, $somit ebenso viele Juden in Berlin, als in folgenden

Provinzen zusammen: nämlich in Posen, Westpreußen, Ostpreußen, Pommern,

Schlesien, Schleswig-Holstein, Sachsen und Hannover$. Eine Volkszählung

um 1920 wird durch die erneute Umgruppierung und bei der Zunahme für

Berlin hierfür ebensoviel Juden ergeben, wie für das übrige ganze

Preußen. Nehmen wir die zehn größten Judengemeinden Preußens zu Berlin,

so umfassen die paar Gemeinden über 2/3 aller Juden Preußens! --

Auch für die Bevölkerung existiert das Großstadtproblem. Gleichwohl

verfügt Deutschland über eine bedeutende sich gleich bleibende

Landbevölkerung, die ihren Geburtenüberschuß auf kleine und Großstädte

verteilt. Immerhin nehmen im Reiche kleinere und größere Orte an

Bevölkerung zu. Das jüdische Problem kann aber in ihren Tendenzen

soziologisch in die Worte gekleidet werden, daß es sich um eine völlige

Entvölkerung des Landes und um eine Volkswanderung in wenige

Hauptstädte, insbesondere Berlin, handelt.

„Der nivellierende und teilweise abstumpfende Einfluss,” schreibt

Paul Drey am Schlüsse seiner „Juden in Stadt und Land,” Berlin 1906,

„städtischen Lebens macht sich aber in der ganzen Lebenshaltung

auch in religiösen Anschauungen geltend. Mit den bewegenden Ideen

der modernen Kultur und durch die Besserung der wirtschaftlichen

Lage schwinden manche mitgebrachten religiösen Vorstellungen,

vollzieht sich langsam eine Entfremdung gegenüber dem ererbten

Bekenntnis.”

Auch kein orthodoxer Jude kann bestreiten, daß das großstädtische

Wirtschaftsleben der stärkste Feind der Sabbathheiligung ist, daß die

breiten Massen in ihrer jüdischen Lebensweise durch die Einflüsse der

Großstädte einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt sind. Wir wollen

die allgemeinen Nachteile und die Schädigungen für das Judentum sondern

und auseinanderhalten. Die allgemeinen Großstadtprobleme sind in der

medizinischen und nationalökonomischen Literatur häufig behandelt.

O. $Amon$ und $Roese$ haben der Großstadtbevölkerung nachgesagt, daß sie

rasch ausstirbt. Roese hat den Beweis an Dresden erbracht, Stubenluft,

Alkoholismus, kalkarme Nahrung sind die Totengräber. Ich selbst konnte

in meinem „sterilen Berlin” die gewaltige Ehe- bezw. Kinderlosigkeit und

Kinderarmut der Großstadtbevölkerung in ihrer noch nicht abgeschlossenen

Entwicklung darlegen. $Woltman$ hat auf die Bedeutung der Reservekräfte

hingewiesen, die in gesunder Lebensanschauung und Lebensführung auf dem

Lande gelegen sind. $Dade$ hat den minder physiologischen Wert der

Berliner Bevölkerung aufgedeckt. Ferner sei an die $Westergaardschen$

Spezialuntersuchungen erinnert. Nur großzügiges Erfassen kann diese

volksgesundheitlichen Schädigungen feststellen und ihre Wurzeln

bloßlegen (Gesetz von Ursache und Wirkung); denn die Völker verfaulen,

wie $Dode$ meint, ohne daß sie es merken.

* * * * *

$Napoleone Colajanni$ hat in seinem Werke Latini e Anglosassoni gezeigt,

daß der Verfall der Nationen begann, ehe er nach außen deutlich wurde.

Dem moralischen Rückgang soll der geistige und wissenschaftliche

folgen.

Die Generation, die heute in den Städten wohnt, ist größtenteils noch

auf dem Lande geboren, zum mindesten stammen die Eltern oder Großeltern

vom Dorfe. Der Jude des platten Landes war ein Muster an Einfachheit.

Sein Leben war ein natürliches, von keinerlei „Ueberkultur” beleckt.

Tätigkeit und Aufenthalt brachten die Ausübung rein physischer Arbeit

mit sich. Der einfache, religiöse, mäßige Jude stellte ein Kapitel

„Volksgesundheit” dar.

Daß ihre ersten Nachkommen noch von deren zähen Lebenskraft zehren,

erscheint selbstverständlich. Die Urwüchsigkeit kann sich aber

erschöpfen. Die Geschichte gibt Beweise des Niederganges tüchtiger

Rassen. An den Adelsgeschlechtern der ganzen Kulturwelt ist

nachgewiesen, daß nur das Einströmen bislang Namenloser die Kaste vor

dem Verfall bewahrt hat.

Die Schattenseiten der Großstädte gelangen bei der Mehrzahl der

preußischen Juden vorerst noch nicht voll zur Erscheinung. Erst in der

Descendenz der Zugewanderten machen sich die Einflüsse der

großstädtischen Sitten und Verhältnisse frei geltend. Ist nun der Zug

nach Berlin nur eine vorübergehende Erscheinung und ein durch

Zufälligkeiten bedingtes Ereignis, das morgen einem plötzlichen Abbruch

unterliegt? Es gehört ein großer Mangel an sozialem Verständnis dazu,

diese organische, zu einem Orkan anwachsende Volksbewegung für eine

Zufälligkeit zu halten. Diese Verschiebung in den Wohnsitzen der Juden

in Deutschland bedingen hauptsächlich folgende Ursachen:

1. Im jüdischen Volkscharakter liegt das Streben nach Geselligkeit.

Wie ein Schmetterling, der um das Licht herumflattert, so sucht der

Jude mit seinem sensitiven nervösen Charakter die Reize der

Großstadt. Ihn locken die Stätten der materiellen und geistigen

Genüsse. Der geistige und ökonomische Aufstieg der ersten Emigranten

wirkt anreizend auf die zurückbleibenden.

2. Seit Jahrtausenden hat der Jude eine Vorliebe für geistige

Beschäftigung. Bei keinem anderen Volk wurde das Studium so

kultiviert und hochgehalten. Die Universität, hohe Schulen, die

Akademien ziehen die Schüler und ebenfalls die um ihr Fortkommen

besorgten Familien an.

3. Der Kaufmann findet das vielfältigste Betätigungsfeld in der

Großstadt. Mit Recht führt der stellungslose Kaufmann dorthin, wo er

überhaupt leichter (und als Jude besonders) Arbeit findet.

4. Da der Jude seltener Grund und Boden besitzt, und, wo es der Fall

ist, mit ihm nicht sehr lange verwoben ist, so löst er sich von

seiner Heimat leichter wie der bodenständige deutsche Bauer[19].

Umsomehr als der Jude erst seit 100 Jahren Land erwerben durfte und

gerade in dieser Zeit die ausländischen Agrar-Produkte die Arbeit

der deutschen Landwirte unterboten. Die Zukunft der deutschen

Landwirtschaft sah wenig rosig aus. Selbst die Nachkommen der alt

eingesessenen Bauern, die nichts anderes gesehen und gelernt hatten,

wandten sich anderen Berufen zu. Und nur aus Sport oder Liebhaberei

steckten einige Reiche neues Geld in Grund und Boden. Trotz der

kolossalen Volksvermehrung Deutschlands nahm die Landwirtschaft

nicht zu. Und auch vom goldenen Boden des Handwerkerstandes war kein

Schimmer. Die, welche die Berufsumschichtung der Juden mit zu

geringen Mitteln ohne staatliches Verständnis und Hilfe betrieben,

erlitten Schiffbruch. Nicht nur aus seelischen Einstellungen mußte

der Jude sein Fortkommen im aufblühenden Handel suchen. Es wäre

daher ein Wunder, wenn die Berufsstellung der Juden sich anders

eingestellt hätte, als wir sie historisch erfassen.

5. In der Großstadt verschwindet der Jude. Der antisemitische Geist

der Kleinstadt kann ihm hier nichts anhaben, im Gegenteil, in Berlin

z. B. gilt sogar der Jude etwas. Eine Zurücksetzung im öffentlichen

Leben, insbesondere in den großen kaufmännischen

Organisationsformen, ist hier weniger zu spüren als in der

Kleinstadt, in der der Jude immer um seine Anerkennung ringen muß.

Eine Reihe von ähnlichen und prädisponierenden Momenten, die

Herrschaft des demokratischen und sozialistischen Gedankens in der

Großstadt gegenüber der konservativ-klerikalen Cliquenherrschaft,

gegenüber den fühlbaren Einflüssen des Junkertums auf dem Lande und

vieles andere lassen den Prozeß, der einmal in Fluß gekommen ist,

nicht so rasch mehr zum Stillstand kommen. Wo so viele

psychologische, ökonomische und soziale Einflüsse am Werk sind,

versagen Ermahnungen und Appelle, sowie Beschwörungen. Wir müssen

den zurückgebliebenen Teil in der Provinz mit einer Gesellschaft

vergleichen, die sich in Liquidation befindet.

So lange Berlin nur einen Teil der Juden und zwar einen kleinen

darstellte, hatte es schon eine über ihre Größe bedeutsame

Beeinflussung auf die Entwicklung der deutschen Juden ausgeübt. Sobald

es an Zahl die übrigen deutschen Juden überholt haben wird, werden die

Vorgänge in Berlin umsomehr bewußt und unbewußt die kleinstädtischen

Verhältnisse im Berliner Geist beeinflussen. Dieses Abfärben

großstädtischen Geistes und großstädtischer Sitten läßt sich schon heute

nachweisen.

Bei den bekannten Wechsel-Wirkungen zwischen Berlin und der Provinz, die

bei den Juden besonders erstarkt sind, bleibt es nicht nur bei der

Nachahmung der Mode, bei der Aufnahme großstädtischer Lektüre und bei

dem Anschluß an die Organisationsformen, welche hier das Licht der Welt

erblicken, sondern tausend Imponderabilien, die den äußeren

Erscheinungsformen anhaften, werden mit übernommen und bestimmen auch

das „dabei” der Kleinstadt und so wird der Provinzjude gewissermaßen nur

noch ein Vorposten der Gemeinde Groß-Berlin. Wenn wir mit der Geschichte

Berlins die Geschichte vorerst der Hälfte der preußischen Juden

schreiben, so ist das nur mathematisch richtig.

Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie · 第 31 / 71 题