anno 1900 35011 176
1905 30036 70
1910 26444 22
Der Rückgang der Juden im Osten stellte somit einen Verlust für den
deutschen Volksteil dar. $Swart$, einer der besten Kenner dieser Frage
betont: „Die Juden haben in der Provinz Posen überall die deutsche
Muttersprache und gehören kulturell und politisch zu den Deutschen ...”
„Solange die Juden”, schrieb Leo $Wegener$, „einen großen Teil der
städtischen Bevölkerung ausmachten, waren sie nicht nur in den Zweigen
des Handels, sondern auch in denen des Handwerks zu finden und ließen
kein polnisches Handwerk aufkommen”. $Bernhard$ unterstrich die
Bedeutung des jüdischen Elements für die Loyalität der Ostprovinzen und
spricht den Auswanderern einen proletarischen Charakter zu, da sie meist
ein Handwerk erlernt hätten. An einer anderen Stelle nennt Bernhard die
in den letzten 20 Jahren emporgekommenen Organisationsformen der Polen,
die Banken, Einkaufs-, Verkaufsgenossenschaften, Berufsvereine die
Mittel, die ein polnisches Gemeinwesen schufen und zur Ertötung des
deutschen und jüdischen Einflusses führten. Sogar die amtliche
Denkschrift „20 Jahre deutsche Kulturarbeit” bringt den Rückgang des
Deutschtums ausschliesslich mit der Abwanderung der Juden zusammen und
in der im Auftrag des Vereins zur Sozialpolitik gefertigten Studie steht
der vom Bürgermeister Zitzlaff von Marienwerder formulierte Satz: „Man
kann über den nationalen Wert der Juden denken wie man will, jedenfalls
ist die Abwanderung als Verlust auf deutscher Seite zu buchen.”
Ein jüdischer Autor ($Kassel$) führt die Ursache weiter aus: „Wurden die
Juden heute verhöhnt, so wurden sie morgen abgestoßen. Bei dem Hin- und
Herstoßen wurden die Juden jedoch wirr- und planlos, was sich durch den
Mangel an jeder Organisation unter ihnen schließlich bis in die heutige
Zeit hinein fühlbar machte. Hinzu kam, daß die Juden den christlich
deutschen Kulturträgern eine billige Gelegenheit boten, den Aerger über
das Mißglücken aller anti-polnischen Maßregeln an einem geduldigen
Prügelknaben auszulassen ...” Lautete die Losung für die Ostjuden
„Auswandern und Aussterben”,[14] so ist jetzt die Frage gelöst. Die
letzten Reste der ostdeutschen Juden strömen im Jahre 1920 nach Berlin
und von einigen Nachzüglern abgesehen, existieren im Osten nur noch
Trümmer von kleinen Siedelungen. Mit der antisemitischen Politik hat
Preußen die Juden zwar aus dem Osten vertrieben, selbst aber dazu
beigetragen, das Polentum zu stärken und ihren Abfall begünstigt.[15]
Ebenso bedeutsam ist die Verstädtichung, die Ueberführung der Dorf- und
Kleinstadtjuden in die Großstädte. Viele Ziffern illustrieren diese
Umstellung. Es waren z. B. in Preußen in Orten mit weniger als 20000
Einwohnern Juden:
1895 1900 1910 1920
160106 141736 117881 80000??
in % d. Juden
42,2 36,1 28,4 18??
dagegen in Großstädten:
164110 193204 247518 300000??
in % 43,2 49,3 59,5 72,0??
Mindestens 3/4 der preußischen Juden dürften 1920 in den Großstädten
leben, wahrscheinlich 50% allein in Berlin, das 1910 schon über 1/3
beherbergte.
$Das Tempo, in dem sich dieser Umzug vollzieht, ist
Expreßzugsgeschwindigkeit$. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung bleibt
die Masse der ländlichen Bevölkerung ungefähr konstant, die kleinen Orte
vermehren sich, wenn auch der größte Teil der Volksvermehrung den
Hauptstädten zugute kommt. Man kann aber nicht von einer Dezimierung
des flachen Landes und der Kleinstadt sprechen. Bei den Juden entstand
aber eine Auflösung der Dorfgemeinden und der Landstädte. Allein in der
kurzen Frist von 5 $Jahren$ änderte sich die Bevölkerungszahl der Juden
in
1900 1905
(Westpreußen): Zempelburg 792 393
(Posen): Schrimm 593 396
(Brandenburg): Landsberg 568 479