Die Posener Kammer erfaßte Gewerbetreibende im

Jahre 1797 jüdisch christlich

Schneider 923 676

Schlosser 238 638

Schankwirte und Brenner 81 1048

Barbiere 47 163

Musikanten 26 126

Bäcker 51 607

Ebenso stark waren die Juden unter den Goldschmieden, Buchbindern,

Posamentieren, Mützenmachern, Knopfmachern und in anderen Gewerben

vertreten. Der Einfluß der körperlichen Arbeit, das Leben in der kleinen

Stadt und auf dem Dorfe brachte sie in persönlichen Konnex mit der

Mutter Erde. Sowohl im Osten wie auch in Süddeutschland besaßen viele

dörfische Juden Land. Mit der Abwanderung vom Land geht proportional ein

Absinken der in der Landwirtschaft beschäftigten Juden vor sich. Die

Verknüpfung der Juden mit dem Grund und Boden wurde gerade zu Beginn des

XIX. Jahrhunderts stärker, als $ihnen$ der Ankauf gesetzlich gestattet

wurde. Häufig bestellten Handwerker und Händler, die mit Vieh, Pferden,

Getreide und mit Waren einen Teil ihres Lebensunterhaltes sich

erwarben, ihren Hof und ihr Feld und gewannen ihren Eigenbedarf, ihr

Brot und die Kartoffeln, Milch und Eier sich selbst. --

Berechnungen haben ergeben, daß der deutsche Osten 1/4 Million Juden

auswandern ließ, von denen wir ungefähr allein 100000 in Berlin

wiederfinden. Die Politik Deutschlands ist oft ohne Verstand gemacht

worden. Es wurde aber wenigstens Politik -- wenn auch schlechte --

gemacht. Die Judenpolitik fara da sé. Was kümmerte irgend einen Minister

das jüdische Ostmarkenproblem. Mochte das gesunde Volksleben der Juden

in der Ostmark ersterben, die deutschen Interessen dabei einen

empfindlichen Schlag erleiden: Haß macht blind. -- Für die

Oeffentlichkeit und für die Gesamtheit der Juden selbst existierte keine

jüdische Frage.

Vor vielen Jahren fand die Renegatin $Fanny Lewald$, die Vielgelesene,

in ihrer Lebensgeschichte die beherzten Worte:

„In Frankreich und wohin die französische Herrschaft sich

ausbreitete, waren die Juden emanzipiert. In Preussen lastete

Unfreiheit und Verspottung auf ihnen. Es ist also natürlich, dass in

jener Zeit sich in vielen Juden die Frage regte, ob Freiheit unter

einem fremden Herrscher nicht der Knechtschaft unter einem

heimischen Fürstenbauer vorzuziehen sei? Und es ist nach meiner

Meinung nie genug gewürdigt worden, wie gross die Selbstverleugnung

und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen ist, welche sich im Jahre

1813 als Freiwillige den Kämpfen gegen Frankreich angeschlossen

haben, um einem Lande seine Freiheit wieder erobern zu helfen,

welches ihnen keine Freiheit, wohl aber Kränkungen und

Beschränkungen aller Art dafür zum Lohne bot.”

Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie · 第 25 / 71 题