$DAS WANDERUNGSPROBLEM$.
_„Es ist klar, dass in dem
beständigen Wechsel, dem die
Judenschaft ausgesetzt war, nicht
die behaglich bodenständigen,
sondern die rastlos nomadialen
Elemente diejenigen waren, die sich
am widerstandsfähigsten erhielten,
und darum überlebten.”_
_Werner Sombart._
Die deutsche Judenheit saß vor einem Jahrhundert in einer Unzahl
kleiner, aber in sich geschlossener Judengemeinden des Elsaß, in
Unterfranken, im Schwabenländchen und am gesegneten Rhein. Wir trafen
Judendörfer in den drei Hessen; sporadisch finden wir jüdische
Siedelungen in Thüringen, Westfalen, im Hannoverschen und insbesondere
im Badischen. Die Stärke dieser Gemeinschaften trat zurück gegen die
Bedeutung der Kolonien in der Ostmark, aus der immer wieder neue Ströme
von jüdischen Menschen hervorbrachen, und seit Jahrhunderten die
westlichen Gemeinden mit frischen jüdischen Impulsen versahen. Berlin,
das zu Beginn des 19. Jahrhunderts 3000 Juden aufwies, maß sich mit
Kempen, Lissa u. a. jüdischen Gemeinden. Die Assimilation in Berlin war
solange von sekundärer Bedeutung, als es hundert andere große Gemeinden
gab, in denen man von der Assimilation kaum den Namen kannte. Die
Kleinstadt, in der die jüdische Bevölkerung dominierte, war für die
Juden von dreierlei Bedeutung:
1. Sie bot eine gleichmäßige soziale Verteilung auf verschiedene
Berufe.
2. Die Nähe der Natur und das einfache Leben brachten hygienisch bessere
Verhältnisse mit als das aufreibende Milieu der Großstadt.
3. Vom $jüdischen$ Gesichtspunkt. Hier entfaltete sich ein
ausgesprochenes jüdisches Leben. Hier wurden die Sabbathe gehalten, die
Feste bildeten den Kulminationspunkt des Jahres, die Lebenshaltung war
eine selbstverständlich rituelle. Taufen, Mischehen waren ebensolche
Unmöglichkeiten, als sie in der Großstadt Selbstverständlichkeiten
geworden sind.
Wie stark die Judenheit im Osten an kleinen Orten gewesen ist, läßt ein
Vergleich beobachten. Es waren
in 1817 1905
insges. in % in %
Juden Einw. d. B. Juden d. B.
1) Fordon[12] 1290 1972 65,4 181 6,5
2) Kempen[13] 2406 4588 52,4 739 11,5
3) Schwersenz 1091 1974 55,5 208 6,6
4) Cchodziesen 906 1706 51,5 300 4,7
5) Zempelbg. 1160 2304 50,7 393 20,3
6) Wreschen 1210 2414 50,1 386 6,6
7) Märkisch
Friedland 1151 2301 50 200 9,4
8) Hohensalza 1784 3804 46,9 1157 5
9) Grätz 1455 2983 48,8 250 4,4
10) Lissa 3644 7934 46 196?? 6,2
11) Filehne 1231 2788 44,2 378
12) Zülz 1050 2433 43,3 8 0,3
13) Kurnick 774 1809 42,8 108 4,3
Erst die Ziffern des Jahres 1920 werden die volle Umgruppierung der
Juden ergeben, wie sie das Beispiel des Ortes Zülz angibt. Auch ohne die
Abtretung der Posenschen Provinzen an Polen wäre das ursprünglich
unerschöpfliche Reservoir der deutschen Juden zum Versiegen gekommen.
Noch im Jahre 1880 finden wir 100 000 Juden in den drei Ostprovinzen.
1910 gerade die Hälfte, sodaß ihr Anteil rasch verkümmert ist. Zwischen
1900 und 1910 verminderte sich z. B. die Judenheit in
Kempen um 320 Juden
Lissa „ 359 „
Krotoschin „ 200 „
Samter „ 50 „
So rasch löste sich die preußische Ostjudenheit auf. Ihre ehemals
gesunde gewerbliche Struktur beschreibt N. M. $Gelber$ an den
westpreußischen Städten des XVIII. Jahrhunderts: „Durchschnittlich
finden wir in den (s. Zeitschr. f. St. d. J. 9. Jahrg. Nr. 4) genannten
Ortschaften 3-10 Brauereipächter, 2-6 Krämer, 1-10 Schneider,
1-3 Fleischer, 1-15 Kürschner, 1-4 Glaser, Barbiere usw. Es scheint, daß
das jüdische Proletariat sehr stark vertreten war.”