Preußen einverleibte sich bekanntlich polnische Gebietsteile zum Ausgang
des XVIII. Jahrhunderts und beschenkte sich dadurch selbst mit einer
großen Zahl jüdischer Untertanen. Die Stimmung der Regierung war seit
Jahrhunderten nicht gerade judenfreundlich[9]. Und einer der ersten
Erlasse an die Juden der neuen Gebiete war die Ausweisungsordre an die
unglücklichen jüdischen Bewohner des Netzedistriktes. Das Edikt wurde
nicht inhibiert wegen seiner Brutalität, wonach alte Gemeinden mit einem
Federstrich von den Usurpatoren einfach vernichtet und ihre Mitglieder
in die Fremde gestoßen wurden, sondern aus dem einfachen Grund, weil
sich aus ihrer Vertreibung zu starke wirtschaftliche Schädigungen
ergeben hätten. Die durch das Gesetz beengte Freizügigkeit drängte die
Juden im Osten sowohl wie in den kleinen Orten Süd- und
Mitteldeutschlands zusammen und veranlaßte einen Teil des Ueberschusses
zur Auswanderung. Die Angleichung der wohlhabenden Kreise an das
deutsche Kulturleben, der immer stärker werdende liberale und
demokratische Gedanke förderten schließlich ihre volle Emanzipation.
Mühselige Kämpfe, die in der friederizianischen und napoleonischen Zeit
begonnen, hatten sie in der Mitte der 60 er Jahre so weit gefördert, daß
alle negativen Bestimmungen, alle Ausnahmegesetze, alle Beschränkungen
fielen. Gewisse Vorteile, die mit dem Militärdienst, mit öffentlichen
Aemtern und Würden verknüpft waren, blieben den Juden, abgesehen von
Ausnahmefällen, vorenthalten. Neben der Emanzipation veranlaßte ein
inneres Moment die Umgruppierung der Juden. Im Zeitalter der Postkutsche
konnte der Handel in kleinen Orten fast ebenso florieren wie in den
damals auch nicht überragenden Hauptstädten. Die neuen Schienenwege
schufen Industrie- und Handelszentren, die nicht nur neue Möglichkeiten
erschlossen, sondern auch die alten Betriebe in den abseits von den
Verkehrspunkten gelegenen Orten zur Uebersiedelung in die aufblühenden
Großstädte zwangen, die die sich zusammenballenden Massen in den Dörfern
und Märkten und das von der starken Fruchtbarkeit gelieferte Heer
Jugendlicher die Städte überfluten ließ. Daher resultierte die
plötzliche Einwanderung in die Großstädte und stärkte die
judenfeindliche Stimmung. Der Antisemitismus der 80er Jahre ist wohl die
politische Reaktion auf die Herrschaft des Liberalismus, der auf die
Dauer mit dem Bismarckschen Junkertum nicht harmonieren konnte, auf die
soziale Not, die durch den mangelhaften Schutz des wirtschaftlich
Schwächeren, bei den nichtjüdischen Massen viel stärker in Erscheinung
trat und von den Juden, die sich des Kapitals zu bemächtigen schienen,
herzurühren gedeutet wurde. Der fleißige, auffassungsfähige Jude kam
wirtschaftlich empor. Trotz des starken Zuzuges nichtjüdischer Kreise in
die Hauptstädte, trotz der Abwanderung der Juden ins Ausland, nimmt bis
ans Ende des vorigen Jahrhunderts der städtische und großstädtische
Anteil der Juden gewaltig zu und führt zur „Verjudung” der Städte. Ihre
intensive Betätigung im Wirtschaftsleben besonders im Zwischenhandel,
ihre Beweglichkeit, ihr starker Individualismus, ihr Bildungsstreben und
ähnliche Eigenschaften ließen sie als noch mehr erscheinen, als sie
wirklich waren.
In jener Zeit trat die Verjudung einzelner Erwerbszweige hervor. Der
Viehhandel war eine alte jüdische Domäne, auch das Warengeschäft. Im
Getreidevertrieb dominierte lange schon die jüdische Note, ebenso im
Ledergeschäft. Es entstehen in jener Zeit industrielle Unternehmen, die
die Schuhfabrikation, die Konfektion, die chemische Industrie in
Deutschland groß machen. Juden beherrschen die Börse und das Bankwesen,
monopolisieren die Anwaltschaft, z. T. die Presse, die großstädtische
Aerzteschaft, die Theater, das Verlagswesen und vieles andere. Immer
neue Enklaven sucht die erfinderische Zeit aufzutun: jüdischer Einfluß
amerikanisiert das Kaufmannswesen (Warenhaus), merkantilisiert Zweige
der Industrie (A. E. G. -- Hapag) schafft die moderne Reklame (Mosse).
In einem demnächst erscheinenden Werke „$Die Juden im deutschen
Wirtschafts- und Kulturleben$” zeige ich die überragende Bedeutung
dieses einen Prozent der deutschen Bevölkerung.
Nebenbei geht bis in die 80er Jahre eine beträchtliche
Auswanderungsbewegung, die deutsche Juden in Frankreich, England und
Amerika zu hoher Bedeutung bringt. Die Haute finance der ganzen Welt ist
z. T. made in Germany. Die Rothschilds waren die Vorläufer, die Hirsch
in Paris, Beit auf Speyer, Speyer-Ellisen, Löb, Kuhn, Warburg, Schiff,
Strauß, Sachs, Guggenheim, Marschall in Wallstreet in New York haben
u. a. das Aufblühen Amerikas, wie auch $Sombart$ in seinem Werke „Die
Juden und das Wirtschaftsleben” anerkennt, mit bewirkt. Jüdische
Wissenschaftler und Künstler hat die ganze Welt aus Deutschland bezogen.
Weit über die Grenzen des deutschen Landes hinaus, machten sich die
Folgen der uneingeschränkten Fruchtbarkeit geltend.
Das ist nun anders geworden.
Der Geburtenrückgang der deutschen Juden hat die Auswanderung immer mehr
eingeschränkt. Segall hat die Auswanderung in der Zeitschrift f. Dem. u.
Stat. d. J. Bd. 5, S. 58, und Bd. 8, S. 164 der letzten Jahre beziffert.
$Dr. Wlad. W. Kaplun-Kogan$, der ein erster Kenner des jüdischen
Wanderungsproblems ist, spricht von „Wanderungen, die wirkungslos sind
unter den großen Gesichtspunkten. Daß im Laufe der letzten 34 Jahre
10000 Juden aus Deutschland nach Amerika eingewandert sind, hat auf die
Lage der deutschen Judenheit und der deutschen Volkswirtschaft gar
keinen wesentlichen Einfluß ausgeübt.”
Die Entwicklung der Judenheit im ganzen deutschen Reich kann erst von
1871 ab übersehen werden, da wir erst seit dieser Zeit eine
Reichsstatistik besitzen.
Es betrug die Zahl der Juden in Deutschland:
1871 1880 1890 1900 1905 1910
512153 561612 567884 586833 607802 615021
Bei den deutschen Juden war die Zunahme also:
In den 70er Jahren ca. 50000
„ „ 80er „ „ 6000
„ „ 90er „ „ 20000
1900 bis 1910 „ 30000
Jedem, der eine Statistik zu lesen vermag, fällt die geringe Zunahme in
den 80er Jahren und die plötzliche Zunahme in den 90er Jahren und gar
die noch stärkere von 1900 auf 1910 auf. Leider besitzen wir keine
umfassende Ermittlung der jüdischen Einwanderung in ganz Deutschland,
sondern nur einzelne Ziffern für die Gebiete Hamburg, Sachsen, Hessen,
Berlin usw. Danach geht ganz klar hervor, daß die Einwanderung 1900-1910
bestimmt über 30000 Juden betrug, nach allen Berechnungen ca.
40000-50000, so daß die Zunahme selbst unter Berücksichtigung der
Abwanderung keine eigentliche Volksvermehrung bedeutet, sondern einem
zufälligen äußeren Zuwachsgewinn aus dem Osten entspricht.
Proportionell sinkt der Anteil der Juden erheblich. Wenn wir die Juden
auf 1000 Deutsche berechnen, gab es ihrer (in 0/00):
1871 1880 1890 1900 1905 1910 1920
125 124 115 104 100 95 (92?)
Der Anteil der Juden ging somit unter der Gesamtbevölkerung in einem
Menschenalter um 30% zurück. Der jüdische Einschlag wurde um über ein
viertel zurückgedrängt (Judenfeinde müssen diese Ziffern mit
Befriedigung lesen). $Sombart$ und andere Wirtschaftspolitiker glaubten
letzthin auch ein deutliches Zurückweichen und eine sinkende Einwirkung
der Juden im Wirtschaftsleben angezeigt zu finden. Ihre prominierende
Stellung in einzelnen Wirtschaftsformen: im Bankwesen, im Textilfach, im
Produktenhandel hat nicht nur durch die Angleichung an das übrige
Wirtschaftsgetriebe zu einer Erschütterung geführt. Sie haben nicht mehr
die ausreichende Zahl von Individuen, um neuökonomische
Existenzmöglichkeiten zu erschließen und die alten Positionen sich zu
erhalten. So ergibt der relative Rückgang der Juden im Reich bedeutsame
Perspektiven. Ein deutliches Bild gewinnen wir durch Eingehen auf die
Entwicklung in den einzelnen Bundesstaaten.
In dem inzwischen abgetretenen $Elsaß-Lothringen$ gab es Juden
(detailliertere Ziffern gab ich in allen diesen Fragen in meiner ersten
Auflage dieses Buches):
1881 39278 = 2,5%
1911 30483 = 1,6%
Damit verlor Elsaß-Lothringen 8995 = 29% seiner Juden.
$Hessen$ hatte Juden:
1858 1905 1910
12630 24699 24063
Es wurden Ausländer 1910 ermittelt in Offenbach 1131, Darmstadt 512,
Mainz 360. Die (1905) ermittelten 1787 ausländischen Juden erfuhren bis
1910 eine Zunahme von 715, so daß ohne ihren Zuzug ein doppelt so großer
Verlust eingetreten wäre. Die ausländischen Juden, die 1905 noch 7,2%
der Judenheit bildeten, waren in 5 Jahren schon 10%. Dabei hat Hessen
viele kleine Landgemeinden, deren Fruchtbarkeit wir noch berühren
werden. $Knöpfel$ schloß seine Betrachtung in den „Mitteilungen der gr.
hess. Zentralstelle f. d. Landesstatistik”, Sondernr. 1910 mit den
vorsichtigen Worten:
„Die jüdische Bevölkerung Hessens ist nicht wie die nichtjüdische im
raschen Wachstum begriffen, liefert vielmehr das Bild der
Stagnation. Ein Hauptzeichen besteht darin, dass sie kinderarm
geworden sind.”
Das anschließende $Baden$, das 1890 noch 27278 Juden = 1,74% auf wies,
hatte
1905 25893 Juden = 1,29%
1910 25896 „ = 1,21%
Leider veröffentlicht Baden keine Ziffer über den Zuzug fremder Juden.
Stärker ist die Abnahme in $Württemberg$, wo die Juden in konstantem
Rückgang
1880 13331 = 0,67%
und 1910 11982 = 0,49% zählten,
und in $Mecklenburg-Schwerin$ mit
1880 2580 = 0,53% Juden
1910 1413 = 0,22% „
Selbst für dieses kleine Land weist $Max Grünfeld$ nach, daß
ausländische Juden sich niederlassen und die Abnahme der Juden aufhalten
(Zeitschrift f. Stat. u. D. d. J. 8. J. Heft 1). Von den 12 Gemeinden,
die bis 1850 noch über 100 Juden aufwiesen, blieben nur zwei übrig, die
allerdings die Hälfte der Juden an sich rissen (Rostock und Bütow),
dafür wuchs die Zahl der Zwerggemeinden mit weniger als 26 Juden von 3
(1860) auf 31.
Seit 1880 verloren die Juden in einzelnen Kleinstaaten z. T. bis über
100 Prozent.