Nun ist

~BO~/~BD~ = ~sin~ ~BDO~,

∢ ~BDO~ = 1~R~ − ~BMD~, und da auch die geographische Breite von ~B~,

d. i. der Winkel ~BMA~, den wir φ nennen wollen, 1~R~ − ~BMD~, so ist

∢ ~BDO~ = φ,

also

~BO~/~BD~ = ~sin~ φ

und

~x~ = 15° · ~sin~ φ.

Hat die scheinbare Drehung weniger oder mehr als eine Stunde gewährt,

so hat natürlich ∢ ~BOB´~ einen anderen Wert, den wir allgemein α

nennen wollen. Dann ist ~x~ = α · ~sin~ φ.

Für Berlin ist φ = 52°30´; also dreht sich hier die Schwingungsebene

des Pendels in einer Stunde scheinbar um 15° · ~sin~ 52°30´, d. i.

11,9° oder 11°54´, in einem Tage (α = 360°) um 360° · ~sin~ 52°30´

= 285°36´. Einen völligen Kreis oder eine Drehung von 360° wird sie

also scheinbar in 360/11,9, d. i. rund in 30 Stunden beschreiben,

während sie, wie gezeigt, am Pol nur 24 Stunden dazu gebraucht. Näher

am Äquator ist der Drehungswinkel für eine Stunde noch kleiner, also

die Zeit einer ganzen Drehung noch länger. Auf dem Wendekreise z. B.

dreht sich die Schwingungsebene des Pendels in einer Stunde scheinbar

um 15° · ~sin~ 23°30´, d. i. rund 6°, beschreibt also in ca. 360/6 = 60

Stunden einen vollen Kreis.

Die Formel ~x~ = 15° · ~sin~ φ paßt auch für Pol und Äquator. Für jenen

ist φ = 90°, also ~sin~ φ = 1, und daher ~x~ = 15°, woraus sich weiter

als Dauer einer ganzen scheinbaren Umdrehung der Schwingungsebene am

Pol 360/15 = 24 Stunden ergibt. Für den Äquator ist φ = 0, also ~sin~

φ = 0 und auch ~x~ = 0, d. h. hier findet keine scheinbare Drehung der

Schwingungsebene des Pendels statt.

_Anmerkung._ Durch die Rotation der Erde erklärt sich folgende

Beobachtung. Richer entdeckte, wie wir schon wissen, daß die

Schwingungszeit des Pendels mit Annäherung an den Äquator sich

verlangsamte. Genaue Rechnungen haben nun ergeben, daß die durch

zahlreiche Gradmessungen gefundene Größe der Abplattung der Erde allein

eine etwas geringere Vergrößerung der Schwingungszeit des Pendels

verursachen müßte, als sie durch die Beobachtung festgestellt ist.

Es muß also noch eine Ursache mitwirken. Dies ist die Schwungkraft

(Zentrifugalkraft); sie wird, da die Erde um ihre Achse rotiert, gar

nicht auf die beiden Pole, sonst aber auf alle Punkte der Oberfläche

wirken, am stärksten auf die Punkte des größten, auf der Rotationsachse

senkrechten Kugelkreises, des Äquators, da die Schwungkraft, wie

aus der Physik bekannt, wie der Radius der Bahn wächst. Ebenso muß

natürlich die Schwungkraft auf ein mit der Erde rotierendes Pendel

wirken, d. i. das Pendel wird am Äquator ein starkes Streben haben,

sich von der Erde zu entfernen, wodurch ebenfalls, wie durch die

stärkere Wölbung der Erde am Äquator, die Schwerkraft in ihrer

Wirkung beeinträchtigt werden muß. Weiter nach den Polen zu wird die

Schwungkraft weniger, an den Polen selbst gar nicht wirken. Berechnet

man nun die Verlangsamung, die die Pendelschwingungen am Äquator

erfahren müssen, weil Rotation und Abplattung der Erde gleichzeitig die

Ursache sind, so ergeben sich dieselben Größen, wie sie die Erfahrung

geliefert hat.

§ 17.

Beweise für die Rotation von Westen nach Osten.

Auch die Behauptung, daß die Rotation von Westen nach Osten geschieht,

ist schon bewiesen; denn

1. weil die _scheinbare Bewegung des Himmels_ von Osten nach Westen

geht, so muß die _wirkliche_ Rotation der Erde von Westen nach Osten

gehen;

2. weil beim _Pendelversuch Foucaults_ die _scheinbare_ Drehung der

Schwingungsebene von Osten nach Westen stattfand, muß die _wirkliche_

Rotation der Erde von Westen nach Osten gehen.

3. _Beweis durch Fallversuche._ Als die Rotation der Erde noch nicht so

allgemein als bewiesen anerkannt war wie heute, sagten Gegner, wenn die

Erde wirklich von Westen nach Osten rotiere, so könne ein aus der Höhe

fallender Körper nicht in dem Punkte den Boden erreichen, der senkrecht

unter dem Abgangspunkte des Körpers liege, sondern er müsse, weil ja

die Erde während seines Falles unter ihm von Westen nach Osten sich

fortbewegt habe, westlich von jenem Punkte zu Boden fallen; es falle

aber tatsächlich jeder Körper lotrecht zur Erde; folglich rotiere die

Erde nicht.

In diesem Einwande stecken zwei Fehler, einer in der Schlußfolgerung,

die ein Naturgesetz nicht beachtet, ein zweiter in der Beobachtung, daß

wirklich jeder Körper genau lotrecht falle.

[Illustration: Fig. 28.]

Den ersten Fehler hat Newton nachgewiesen, und zwar so: Es ist

bewiesen, daß jeder Körper dem Gesetze der Beharrung unterworfen ist.

Nach diesem Gesetze ändert ein bewegter Körper seine Geschwindigkeit

und seine Richtung nicht, wenn nicht eine bisher nicht wirksame Kraft

auf ihn einwirkt und seine Richtung und Geschwindigkeit ändert. In

Fig. 28 ist der Kreis die Erde, ~ea~ ist ein Turm; von seiner Spitze

~a~ soll ein Körper herabfallen; ~e~ ist der Punkt, welcher lotrecht

unter ~a~ liegt. Rotiert die Erde wirklich und beschreibt ~e~ den

Bogen ~ee´~ nach Osten in der Zeit, in welcher der Körper zur Erde

fällt, so beschreibt ~a~ den Bogen ~aa´~ in derselben Zeit. Die Spitze

~a~ hat also eine größere Geschwindigkeit als der Fußpunkt ~e~. Diese

Geschwindigkeit teilt der Körper vor seinem Fallen von ~a~ aus und muß

sie nach dem Beharrungsgesetz beibehalten; daher muß er, wenn die Erde

wirklich rotiert, in einem Punkte zur Erde fallen, der so weit von ~e~

entfernt ist, als ~a´~ von ~a~, d. h. er muß Punkt ~n~ treffen, so daß

etwa die Linie ~an~ seinen Weg zur Erde bezeichnet; er muß also um das

Stück ~e´n~ nach Osten fallen und nicht westlich von ~e´~, wie die

Gegner der Rotation behaupteten.

Aber auch ihre Behauptung, daß der Körper lotrecht nach ~e´~ falle, muß

falsch sein, wenn die Erde rotiert. Das ist sie auch, wie zum ersten

Male in den Jahren 1801 bis 1803 Benzenberg durch Versuche in dem

Turme der Michaeliskirche in Hamburg bei einer Fallhöhe von 76,3 ~m~

gezeigt hat. Später hat man öfter von hohen Türmen herab oder in tiefe

Bergwerksschächte hinein Körper fallen lassen und dabei eine östliche

Abweichung des Ankunftspunktes von dem lotrecht unter dem Abgangspunkte

gelegenen Punkte gefunden, die sich bei 160 ~m~ Tiefe auf 2,6 ~cm~

belief. Natürlich werden so kleine Abweichungen nur bei besonders

sorgfältiger Beobachtung wahrgenommen.

4. _Beweis durch die Richtung der Passatwinde._ Der Erdboden und die

darüber befindliche Luftschicht wird am Äquator viel stärker erwärmt

als an den Polen. Daher dehnt sich hier die Luft stark aus und

steigt nach oben über die obere Grenze der Atmosphäre; der Luftdruck

wird geringer. In den oberen Schichten strömt dann die Luft als

Äquatorialstrom nach den Polen zu, wo sie sich weniger hoch erhebt,

ab. Auf dem Wege nach den Polen kühlt sich die Luft mehr und mehr ab,

sinkt allmählich zu Boden und strömt nun von den Polen, wo der Druck

der Luft wegen ihrer größeren Dichtigkeit höher ist, als Polarstrom zum

Äquator. Allerdings hat sich der Äquatorialstrom schon in einer Breite

von ca. 30° so abgekühlt, daß ein guter Teil seiner Luft schon hier

niedersinkt und zum Äquator zurückströmt, während der Rest des Stromes

in den höheren Breiten sich mit dem Polarstrome stark mischt, so daß

hier wechselnde Luftströmungen, also auch wechselnde Winde herrschen.

Zwischen dem 30. Grad n. Br. und dem 30. Grad s. Br. aber wehen ganz

regelmäßig in den unteren Luftschichten Winde von den Polen nach dem

Äquator zu, in den oberen Schichten in umgekehrter Richtung.

Hätte nun die Erde keine Achsendrehung, so würde in den niederen

Breiten die von den Polen kommende Luft in der Richtung der Meridiane

zum Äquator, die vom Äquator kommende darüber in der entgegengesetzten

Richtung zum Pole strömen; es würde also auf der nördlichen Halbkugel

in den höheren Luftschichten Südwind, in den tieferen Nordwind,

auf der südlichen Halbkugel in den höheren Luftschichten Nordwind,

in den tieferen Südwind wehen. Dem widerspricht die Erfahrung. Die

Schiffahrt hat längst bezeugt, daß in niederen Breiten in den unteren

Luftschichten auf der nördlichen Halbkugel beständig Nordostwind, auf

der südlichen Südostwind weht; man nennt diese Winde den Nordost-

und den Südostpassat. Ebenso ist durch Beobachtung der Federwolken,

die in großer Höhe ziehen, das Wehen des Südwestwindes in den oberen

Luftschichten der nördlichen Halbkugel und das Wehen des Nordwestwindes

in den oberen Luftschichten der südlichen Halbkugel nachgewiesen. Man

nennt diese Winde Gegenpassate oder Antipassate. Eine andere bekannte

Erscheinung, die das Wehen des Gegenpassates beweist, kann man bei dem

Vulkan Cotopaxi in Südamerika, nahe am Äquator, beobachten. Sein Rauch

steigt anfangs nach Nordwesten, aber in einer Höhe von 6500 ~m~ wendet

er sich plötzlich in die entgegengesetzte Richtung. Diese Erscheinung

der Passate ist nur durch die Rotation der Erde von Westen nach Osten

zu erklären. Infolge der Rotation müssen nämlich, wie schon mehrfach

ausgesprochen wurde, die Punkte am Äquator die größte, die weiter

nach den Polen zu gelegenen Punkte geringere Rotationsgeschwindigkeit

haben. Die Luft teilt im ganzen die Geschwindigkeit der Punkte, über

denen sie sich befindet, d. h. die Luftteile der Polarluftströme

bringen eine geringere Geschwindigkeit mit, als sie die Punkte der Erde

haben, über die sie nach dem Äquator hinstreichen, und sie suchen ihre

Geschwindigkeit auch nach dem Beharrungsgesetze beizubehalten. Deshalb

muß die dem Äquator zuströmende Luft, wenn die schon nachgewiesene

Rotation der Erde wirklich von Westen nach Osten erfolgt, westlich

gegen die Orte unter niederen Breiten zurückbleiben; die Erdkugel muß

unter dem Luftstrome weg nach Osten vorauseilen, d. h. für die niederen

Breiten scheint der Polarstrom nicht nach Süden, sondern mehr nach

Südwesten zu wehen, also von Nordosten zu kommen. Ebenso muß auf der

südlichen Halbkugel ein Südostwind wehen. Der Äquatorialstrom dagegen

muß wegen seiner größeren Geschwindigkeit den Orten unter höheren

Breiten, über die er hinstreicht, nach Osten vorauskommen, also auf der

nördlichen Halbkugel aus Südwesten, auf der südlichen aus Nordwesten

wehen. Diese theoretischen Erwägungen liefern uns somit ein Ergebnis,

das mit der Beobachtung völlig übereinstimmt. Also rotiert die Erde

tatsächlich von Westen nach Osten.

§ 18.

Die fortschreitende Bewegung (Revolution) der Erde.

1. _Möglichkeit der Revolution._ Den täglichen Umschwung der Sonne usw.

haben wir durch die Rotation der Erde erklärt gefunden. Aber damit

ist noch nicht erklärt die zweite scheinbare Bewegung der Sonne, die

jährliche, mit der es zusammenhängt, daß sie nicht wie alle Fixsterne

in 23 Stunden 56 Minuten, sondern erst in 24 Stunden eine scheinbare

Rotation ausführt. Daß die Sonne in der Ekliptik täglich ziemlich einen

Grad (s. § 10) von Westen nach Osten fortschreitet (scheinbar!), würde

sich erklären lassen, wenn die Sonne wirklich in Jahresfrist in der

Ekliptik um die ruhende, nur rotierende Erde sich bewegte; es würde

sich aber auch erklären lassen, wenn sich die Sache umgekehrt verhielte

und _die Erde um die ruhende Sonne herum in einem Jahre_ ebenfalls

_von Westen nach Osten_ kreiste. Wäre der Kreis in Fig. 18, der die

Ekliptik darstellt, die Jahresbahn der Erde, so stände die Sonne im

Mittelpunkte. Uns aber würde sie von dem jedesmaligen Standpunkte der

Erde aus in der _Verlängerung_ des von der Erde zur Sonne gezogenen

Halbmessers am Himmelsgewölbe zu stehen scheinen, wo für uns ja alle

Gestirne scheinbar stehen. Stände z. B. die Erde im Sommerwendepunkte,

träte sie also eben ins Zeichen des Krebses, so schiene uns die Sonne

im Winterwendepunkte zu stehen und eben ins Zeichen des Steinbocks zu

treten. Ginge die Erde zum Zeichen des Löwen weiter, so schiene uns die

Sonne nach Osten bis zum Zeichen des Wassermannes fortzurücken usf.

Während also die Erde im Tierkreise von Westen über Süden nach Osten

wirklich herumginge, würde die Sonne die Ekliptik in derselben Richtung

scheinbar durchlaufen. Daß dies die richtige Erklärung der Beobachtung

ist, wird _wahrscheinlich_ durch das Massenverhältnis zwischen Erde und

Sonne. Sie sind 150000000 ~km~ voneinander entfernt, und die Sonne ist

an Masse 324000mal so groß als die Erde. Nun muß jede Bewegung eine

Kraft als Ursache haben, und die Kraft hängt natürlich von der Masse

ab; folglich muß wohl die Erde von der Sonne und nicht umgekehrt die

Sonne von der Erde bewegt werden.

Diese Bewegung der Erde, Revolution genannt, ist aber auch durch

Beobachtungen, Überlegungen und Berechnungen wirklich nachgewiesen.

[Illustration: Fig. 29.]

2. _Beweise für die Revolution._ ~a~) _Die Jahresparallaxe der

Fixsterne._ 1. Ist in Fig. 29 Punkt ~E~ der Mittelpunkt, der Kreis

ein Meridian der Erde, ~M~ der Mittelpunkt des Mondes, so wird

zu derselben Zeit für die Punkte ~A~ und ~B~ der Mond an ganz

verschiedenen Stellen des Himmelsgewölbes zu stehen scheinen, für ~A~

im Horizonte, für ~B~ im Zenit; ~MA~ ist Tangente am Meridian, ~MB~

geht verlängert durch den Mittelpunkt der Erde, ist eine Zentrallinie.

Den Winkel, den die Zentrallinie mit einer Tangente vom Mittelpunkte

des Mondes an die Erde bildet, in der Figur ∢ ~EMA~ = φ, nennt man die

_Horizontalparallaxe_ des Mondes (Parallaxe, griech. = Abweichung). 2.

Der Winkel, den die Zentrale mit einer von ~M~ nach einem beliebigen

anderen Punkte ~C~ des Meridians gelegten Linie bildet, hier ∢ ~CME~

= ψ, heißt die _Höhenparallaxe_ des Mondes, da von ~C~ aus der Mond

nicht im Horizont, sondern in einer gewissen Höhe sichtbar ist. 3.

Die Horizontalparallaxe φ läßt sich folgendermaßen feststellen: ∢

~AEB~ (Bogen ~AB~) ist offenbar die Differenz oder die Summe der

geographischen Breiten der Orte ~A~ und ~B~, je nachdem sie beide auf

derselben oder auf verschiedenen Seiten des Äquators liegen, und er ist

die geographische Breite des einen der beiden Orte selbst, wenn der

andere auf dem Äquator liegt, also findet sich φ als Komplement dieses

Winkels. 4. Dem Winkel ~BEA~ entspricht für ~C~ der Winkel ~CEB~. Da

∢ θ als Außenwinkel des Dreiecks ~MEC~ = ∢ ~CEB~ + ψ ist, so ist die

Höhenparallaxe ψ = θ − ∢ ~CEB~, d. i. die Zenitdistanz des Mondes (oder

der Sonne) für den Punkt ~C~ vermindert um die Differenz oder die Summe

der geographischen Breiten von ~B~ und ~C~. 5. Da man den Halbmesser

der Erde kennt, so ist klar, daß man mit Hilfe der Horizontal- oder mit

Hilfe der Höhenparallaxe die Entfernungen des Mondes und der Sonne von

der Erde, in der Figur ~ME~, bestimmen kann. Ist ~r~ der Halbmesser der

Erde, so ist ja

~r~/~ME~ = ~sin~ φ,

also

~ME~ = ~r~/(~sin~ φ)

und

~r~/~ME~ = (~sin~ ψ)/(~sin~ (2~R~ − θ)) = (~sin~ ψ)/(~sin~ θ)

(Sinussatz),

also

~ME~ = (~r~ ~sin~ θ)/(~sin~ ψ).

6. Die Höhen- und Horizontalparallaxe eines Gestirnes wird nun aber

offenbar um so kleiner, je weiter es von der Erde entfernt ist; für

sehr entfernte Gestirne wird es schließlich erscheinen, als wären ~MA~

und ~ME~ parallel, d. h. für diese Gestirne ist die Parallaxe nicht

mehr meßbar, nicht mehr von 0° zu unterscheiden. Das trifft für alle

Fixsterne zu. Als aber im 16. Jahrhundert die Ansicht hervortrat, daß

die Erde um die Sonne kreise, da lag der Gedanke nahe, daß es dann doch

eine _Jahresparallaxe_ der Fixsterne geben müsse. Beschreibt nämlich

die Erde in einem Jahre einen Kreis mit dem gewaltigen Halbmesser von

150000000 ~km~ (Abstand der Sonne von der Erde), so müßten doch die

Fixsterne in derselben Richtung am Himmel in einem Jahre auch für uns

Kreise, allerdings sehr kleine Kreise, zu beschreiben und daher ihre

Stelle am Himmelsgewölbe zu verändern scheinen. Wäre z. B. in Fig. 30

~ELE´E~ die Erdbahn, also ~O~ die Sonne, so müßte der Stern ~S~ im

Laufe des Jahres am Himmel den Kreis ~FL´F´F~ zu beschreiben scheinen,

und ∢ ~ESE´~ wäre dann als Jahresparallaxe zu bezeichnen. In der Tat

wurde seit Galilei nach solchen Jahresparallaxen gesucht, und als sie

trotz der genauesten Beobachtungen für keinen Fixstern entdeckt wurden,

als keiner einen noch so kleinen Kreis am Himmelsgewölbe zu beschreiben

schien, da benutzten das anfangs die Anhänger der alten Meinung als

Beweis gegen die Revolution der Erde. Freilich wurde die Zahl derselben

immer kleiner; man wurde sich immer klarer darüber, daß dieses

scheinbare Fehlen der Jahresparallaxe nur die ungeheuren Entfernungen

der Fixsterne beweise, gegen die selbst die _Sonnenweite_, d. i. der

Halbmesser der Erdbahn, verschwindet; aber erst mit den vorzüglichen

Meßinstrumenten des 19. Jahrhunderts gelang es, und zwar zum ersten

Male im Jahre 1832, für die der Erde nächsten Fixsterne parallaktische

Bewegungen nachzuweisen und die Parallaxen zu messen. Selbst die größte

bisher gefundene Parallaxe macht allerdings wenig über ¾ Bogensekunden

aus; aber daß sie nachgewiesen ist, ist ein sicherer Beweis für die

Bewegung der Erde um die Sonne.

[Illustration: Fig. 30.]

~b~) _Die Aberration des Lichtes._ Schon 1727 entdeckte der Engländer

Bradley die sogenannte _Aberration_ (lat. = Abirrung) des Lichtes. Er

beschäftigte sich damals auch mit dem Suchen nach Fixsternparallaxen

und beobachtete deshalb seit 1725 denselben Zirkumpolarstern.

Dabei richtete er sein Fernrohr so auf den Stern, daß ein Strahl

desselben durch die Achse des Rohres in sein Auge gelangte. Als er

aber am folgenden Tage um dieselbe Zeit die Beobachtung fortsetzen

wollte, war der Strahl von der Richtung des vorhergehenden Tages

etwas abgelenkt; das in horizontaler Richtung um eine Achse drehbare

Fernrohr mußte, damit der Strahl wieder ins Auge gelangte, etwas gegen

die Lichtstrahlen in der Richtung gedreht werden, in der sich die

Erde bewegt. Der Fixstern hatte also scheinbar eine kleine Bewegung

gemacht. Ähnlich geschah es bei den folgenden Beobachtungen, die lange

fortgesetzt wurden. Nach einem Jahre aber hatte das Fernrohr seine

erste Lage wieder, der Stern erschien an seiner ersten Stelle. Er

hatte scheinbar eine sehr kleine und sehr flache Ellipse beschrieben,

die mit der Ekliptik parallel war. Daraus und aus der Wiederkehr der

Erscheinung genau im Laufe eines Jahres schloß Bradley mit Recht, daß

sie mit der Bewegung der Erde zusammenhing. Aber das erkannte er auch

sogleich, daß es sich um keine parallaktische Bewegung handelte. Denn

einerseits erschien dafür die große Achse der Ellipse etwas groß,

40,9´´, und das wäre ja die Parallaxe gewesen; anderseits hätte der

Fixstern gerade dann am Ende der großen Achse der Ellipse erscheinen

müssen, wenn er am Ende der kleinen stand. Späteren Beobachtern fiel

es auch auf, daß die große Achse der Ellipse auch für andere Sterne

stets dieselbe Länge hatte, wie verschieden auch die kleine war.

Bradley selbst hat die richtige Erklärung seiner Beobachtung gegeben.

Ein Lichtstrahl braucht eine Sekunde, um 300000 ~km~ zu machen. Es

vergeht also auch ein sehr kleiner Zeitteil, während der Strahl durch

das Fernrohr streicht. Bewegt sich die Erde wirklich, so bewegt sich

mit ihr in jener sehr kurzen Zeit auch das Fernrohr etwas in der

Richtung ihrer Bahn. Wird also das Fernrohr genau auf den Standort des

Sternes gerichtet, so kann der Strahl nicht in der Richtung der Achse

einfallen, sondern muß durch die gleichzeitige Bewegung des Rohres

etwas abgelenkt werden; man muß das Rohr vielmehr in der Richtung der

Erdbewegung etwas, allerdings sehr wenig, verschieben. Das tut man

also bei jeder derartigen Beobachtung, wenn auch unbewußt. Wenn sich

nun die Erde gar nicht oder in gerader Linie weiter bewegte, so würde

bei Bradleys Beobachtung das Fernrohr stets die Richtung des ersten

Tages behalten haben; denn dann würden wegen der außerordentlichen

Kleinheit der Jahresparallaxe alle Linien, die man sich von der Erde

an den verschiedenen Tagen zum Fixsterne gezogen denken kann, parallel

erscheinen, also auch alle Strahlen, die an den verschiedenen Tagen

in das Rohr fallen würden. Nun war ja aber täglich, wie wir sahen,

jene kleine Drehung des Fernrohrs nötig. Diese Drehung ist überhaupt

nur dadurch zu erklären, daß die Erde sich bewegt und zwar in einer

krummlinigen Bahn. Somit ist die Bewegung der Erde bewiesen. Die

Verschiebungen eines Jahres zeigten außerdem, daß die Bahn der Erde

kreisähnlich, genauer elliptisch ist und in einem Jahre zurückgelegt

wird.

3. _Schnelligkeit der Bewegung._ Da die Erde um ihre Achse rotiert,

liegt der Gedanke nahe, daß die Revolution vielleicht durch ein bloßes

Abrollen der Erde in ihrer Bahn erfolge, wie etwa eine Kugel sich auf

der Kegelbahn bewegt. Offenbar müßte dann nach einer Rotation die Erde

in ihrer Bahn um eine Strecke fortgerückt sein, die gleich ihrem Umfang

ist, d. h. die in der Bahn zurückgelegte Strecke müßte genau so lang

sein wie der Weg, den ein Punkt des Äquators bei der Rotation macht.

Nun ist die elliptische Erdbahn fast ein Kreis; dieser beträgt, da der

Durchmesser 300000000 ~km~ lang ist, 300π Millionen oder rund 942000000

~km~. Ein Schnellzug, der in 1 Sekunde etwa 25 ~m~ macht, würde rund

1200 Jahre brauchen, um diese Bahn zu durchlaufen! Die Erde durchläuft

sie in einem Jahre, bewegt sich also in 1 Sekunde

Mathematische Geographie für Lehrerbildungsanstalten · 第 13 / 21 题