6. _Präzession der Tag- und Nachtgleichen._ Auch die Äquinoktialpunkte
behalten ihr Lage nicht genau. Der Frühlingspunkt schreitet vielmehr
langsam nach Westen, nämlich etwa 50¼ Sekunden in einem Jahre, also
1° in ca. 72 Jahren; die ganze Ekliptik würde er in so viel Jahren
durchlaufen, als 50¼´´ in 360° enthalten sind, d. i. in rund 25800
Jahren. Diese Verschiebung der Äquinoktialpunkte nennt man die
_Präzession_ der Äquinoktien, d. h. _Vorrücken_ der Nachtgleichen
(lat.). Sie hat natürlich im Laufe der Zeiten die Zeichen wesentlich
gegen die entsprechenden Tierbilder verschoben, so daß jetzt der
Anfang vom Zeichen des Widders im Sternbilde der Fische steht. In
diesem Sternbilde also erscheint die Sonne am 21. März. Vor mehr als
2000 Jahren, als der Alexandriner Hipparch die Sternbilder benannte,
lag der Frühlingspunkt noch ca. 30° weiter östlich, d. i. wirklich im
Sternbilde des Widders.
§ 11.
Ortsbestimmungen am Himmel mittels des Äquators oder der Ekliptik.
1. _Rektaszension und Deklination; Stundenwinkel._ Aus § 2 wissen wir,
daß man mit Hilfe von Horizont und Höhenkreis den _augenblicklichen_
Ort eines Sternes bestimmen kann.
Weil der Äquator die scheinbare tägliche Rotation der Himmelskugel um
die Weltachse mitmacht, ändern die Sterne ihre Lage zu ihm nicht, und
eine Bestimmung dieser Lage würde also unveränderliche Größen liefern,
eine _absolute_ Ortsbestimmung am Himmelsgewölbe sein.
Wie die Ebene eines durch Zenit und Nadir gelegten Kreises auf der
Ebene des Horizontes senkrecht steht, so steht die Ebene eines durch
die Pole der Weltachse gelegten Kreises auf der Ebene des Äquators
senkrecht. Solche Kreise heißen _Deklinations-_ oder _Stundenkreise_.
Man legt nun durch den Stern, dessen Ort bestimmt werden soll, den
Stundenkreis und mißt zunächst im Äquator den Bogen vom Frühlingspunkt
nach Osten herum bis zum Schnittpunkt des Äquators mit dem
Stundenkreise; dieser Bogen heißt die _Rektaszension_ (lateinisch
= gerade Aufsteigung) des Sternes, die demnach in umgekehrter
Richtung wie der Azimut gemessen wird. Dann mißt man den Bogen des
Deklinationskreises vom Äquator bis zum Stern, die _Deklination_. Die
Rektaszension geht von 0° bis 360°, die Deklination von 0° bis 90°;
beide bestimmen den Ort eines Sternes am Himmelsgewölbe. Statt der
Rektaszension dient auch wohl zur Ortsbestimmung der _Stundenwinkel_,
d. i. der Bogen des Äquators vom oberen Kulminationspunkte nach
Westen herum bis zum Schnittpunkte mit dem Stundenkreise. Er heißt
Stundenwinkel aus folgendem Grunde: Astronomisch rechnet man den Tag
von der oberen Kulmination bis wieder zur oberen Kulmination, und die
Grade des Stundenwinkels können daher zum Bestimmen der Tageszeit
dienen (1° = 4 Minuten).
2. _Astronomische Länge und Breite._ Die Astronomen benutzen für
astronomische Rechnungen noch eine dritte Ortsbestimmung am Himmel.
Wir denken uns auf der Ebene der Ekliptik in dem Mittelpunkte ein Lot
errichtet, die _Achse der Ekliptik_; diese trifft die Himmelskugel
in den _Polen der Ekliptik_. Kreise, die durch diese zwei Punkte
gehen, stehen senkrecht auf der Ekliptik; sie heißen _Breitenkreise_.
Man legt nun durch den Stern einen solchen Breitenkreis und mißt
zunächst den Bogen der Ekliptik vom Frühlingspunkt nach Osten (wie
bei der Rektaszension) bis zum Schnittpunkte der Ekliptik mit dem
Breitenkreise, die _astronomische Länge_ des Sternes, und dann
den Bogen des Breitenkreises von der Ekliptik bis zum Stern, die
_astronomische Breite_. Beide Bogen bestimmen auch den Ort des Sternes.
[Illustration: Fig. 20.]
In Fig. 20 ist ~B~ der Ort eines Sternes, Kreis ~SOCNWS~ der Horizont,
Kreis ~AFDOQWA~ der Äquator, ~EGFKE~ die Ekliptik, ~Z~ der Zenit, ~PP´~
die Himmelsachse, ~LL´~ die Achse der Ekliptik, ~F~ der Frühlingspunkt,
~S~ der Südpunkt des Horizontes; Kreis ~ZBCZ´Z~ ist der Höhenkreis,
Kreis ~PBDP´P~ der Stundenkreis, ~LBGL´L~ der Breitenkreis des Sternes.
Daher ist Bogen ~SWNC~ der Azimut, Bogen ~CB~ die Höhe, Bogen ~FD~
die Rektaszension, Bogen ~DB~ die Deklination, Bogen ~AWQOD~ der
Stundenwinkel, Bogen ~FKEG~ die astronomische Länge, Bogen ~GB~ die
astronomische Breite des Sternes ~B~.
Drittes Kapitel.
Die Erde und ihre Bewegungen.
§ 12.
Gestalt der Erde.
1. _Ältere Ansichten._ Homer (950 v. Chr.) hielt die Erde für eine
ruhende Scheibe, umflossen vom Ozean. Thales von Milet (650 v. Chr.)
hielt sie für eine auf dem Wasser schwimmende Scheibe, und dessen
Schüler Anaximander glaubte, sie sei ein Zylinder, dessen kreisförmige
Grundfläche bewohnt sei. Pythagoras (zwischen 580 und 500 v. Chr.)
und Aristoteles (384--322 v. Chr.) hielten die Erde für eine Kugel,
obgleich sie das nicht beweisen konnten.