Alle lachten. »Nettes Menschenbild!«

»Soll ’n Witz sein!«

»Nee, Abklatsch. Könnte euch die Vorbilder nennen, nach denen sie

gearbeitet hat. Kapitales Frauenzimmer, die Wunsch!«

»Ich kann die Menschen, die sich durch das Geißeln menschlicher

Schwächen über andere erheben wollen, nicht leiden.«

»Wer sagt Ihnen denn, daß sie sich überheben will? Vielleicht hat sie

viel durch Unbeherrschtheit gelitten. Mag sein, durch eigene -- mag

sein, durch die Schwachheit der anderen.«

»Meine Herren,« mischte sich der weißhaarige Herr in die Unterhaltung

der Gruppe. »Dieses Werk ist ein Markstein unserer Zeit -- dieses Werk

fordert ein gebieterisches Halt!«

»Erlauben Sie, mein Herr!« Aus der Gruppe löst sich Herr von

Reitzenstein und stellt sich gerade und aufrecht vor den alten Herrn

hin. »Wovor sollen wir haltmachen? Wir, die neue Generation, sind ein

zielbewußtes, starkes Geschlecht. Glauben Sie wirklich, daß, wenn ein

oder der andere sich zügellos von seinen Leidenschaften beherrschen

läßt, dadurch die ganze Menschheit zugrunde gehen wird? Sie vergessen,

daß wir hier die Phantasie einer Künstlerin vor uns haben, die,

schwelgend in der genialen Ausführung ihrer Phantasien, doch nur einen

kleinen Ausschnitt der Allgemeinheit wiedergegeben hat.«

»Es sind die Phantasien eines über die Menschheit weinenden Herzens,

Herr Leutnant.«

»Mag ein Herz über die Menschheit weinen, andere hingegen freuen sich

des lachenden Lebens.«

»Was, mein Herr, wollen Sie unserer Zeit zum Vorwurf machen? Ist

es nicht eine Freude, gerade in dieser Zeit zu leben? Einer Zeit

der Entdeckungen, der Erfindungen, einer Zeit der Ideen und der

Aufklärungen?«

»Wir sind eben moderne Menschen,« ergriff Reitzenstein wieder das Wort.

»Haben Sie eine Vorstellung, was das bedeutet, mein Herr? Ein moderner

Mensch ist ein freidenkender Mensch, dem es einerlei ist, was der

andere tut. Der dem Menschen die menschlichen Schwächen zubilligt, weil

er weiß, daß wir eben Menschen sind. Ein moderner Mensch ist ein Mensch

ohne Ideale und Träume, es ist ein Mensch mit gesunden Sinnen und mit

gesundem Egoismus.«

Der Weißhaarige lächelte.

»Gesunder Egoismus! Egoismus ist immer ungesund, ist nichts weiter als

Eigennutz und Rücksichtslosigkeit. Der Egoismus der heutigen Zeit, das

ist die Wurzel des Übels. Der Egoismus regiert die Welt. Er ist es, der

Freundschaft, Liebe, Gefühl, der das religiöse Empfinden aus der Welt

verdrängt hat. Er ist es, der die Menschen lehrt, sich schrankenlos

ihren Begierden, ihren Leidenschaften hinzugeben.

Auch ich, meine Herren, bewundere die Errungenschaften unserer Zeit,

soweit sie auf dem Gebiete der Technik und der Wissenschaften beruhen,

aber ich beklage tief, daß über diesen Errungenschaften die Ideale und

die Gefühlswelt versinken mußten.

Oder halten Sie es wirklich für wertvoller, daß statt dessen der

Materialismus und der Atheismus an die Spitze getreten sind?

Wir leben in einer Zeit eminenter Entwicklungen des Hirns auf Kosten

der Seele!

Schaffen Sie Gefühlswerte statt der Erfindungen, meine Herren, wenn

Sie nicht wollen, daß eine Welt zusammenstürzt. Bekämpfen Sie den

Materialismus, den Kultus der eigenen Persönlichkeit! Nehmen Sie

den Kampf auf mit Ihrem eigenen Ich. Vielleicht bedarf es nur eines

kräftigen Willensaktes -- und aus Zerstörern -- werden Erbauer!«

»Wie kann man von Zusammenbruch sprechen angesichts der Kulturwerte,

die unsere heutige Zeit geschaffen?«

»Der höchste aller Kulturwerte, das ist die Entwicklung der

Gefühlswelt, die Sie aus der Welt schaffen wollen. Schon zu tief

umstrickt von Eigennutz und Selbstsucht sind die Menschen. Sie sehen

nicht die Furien, die ihnen entgegenrasen, sie hören nicht den Orkan,

der ihnen entgegentobt. Blind und taub wüten sie ihm entgegen. Und er

wird sie einhüllen in Leid und Schmerzen, in Jammer und Not. Ich sehe

die Menschen eingehüllt in purpurne Wolken und in tiefe, nachtschwarze

Schatten. Schreien und Wehklagen ist in der Luft. Feurige Blitze

zucken, Donnergebrüll rast durch das All. --

Ich aber freue mich. Ich werde lachen, wie -- ›Der Mensch‹ -- lacht«,

und seine ausgestreckte Rechte wies auf das aus dem grünen Blätterwerk

hervorragende Ungeheuer, sein Blick wurde hell und prophetisch:

»Denn aus Trümmern und Gebein -- aus Blut und Asche wird etwas geboren

werden -- geboren vom unerbittlichen Schicksal -- höherstehend als alle

von Menschen geschaffenen Kulturwerte -- daraus geboren wird:

die Seele der Menschheit!«

Der Weißhaarige ließ die ausgestreckte Rechte sinken, sein Blick

erlosch, er wandte sich und ging.

Und sie hörten alle ein Lachen. Ein sonderbares Lachen. Erst klang es

höhnend, toll und siegesgewiß. Dann kamen Klagelaute und Schmerzenstöne

in seinen Klang, jetzt Stöhnen und Ächzen, nun wurde es leiser -- und

jetzt klang es silbern und hell, wuchs empor zu jubelndem Lachen und

verklang zu jauchzendem Laut hoch oben in der Luft.

Lachte der Greis oder lachte das Schicksal?

* * *

Druck von _F. E. Haag_, Melle i. Hann.

Die Sittenromane von Jolanthe Marès

Stimmen der Presse nachstehend

Begierde · 第 48 / 55 题