Da jagt sie von dannen. -- -- --

Sie steht in ihrem Zimmer.

Da draußen liegt ein Mensch -- ein Mensch, der ihr Freund gewesen --

der sie geliebt -- den seine Liebe für sie in den Tod getrieben. -- Er

liegt einsam, verlassen -- -- Menschen werden ihn finden -- -- sie muß

jemand benachrichtigen. -- -- --

Gerda stürzt hinüber zu Lotte Wunsch.

Lotte ist zu Haus und springt empor bei Gerdas ungestümem Eindringen.

»Was ist geschehen, Fräulein von Wangenheim?«

»Im Tiergarten liegt Winkelmann, tot, allein! --«

Lotte starrt sie an.

»Er hat mich erwartet -- wir hatten Streit -- er hat sich

erschossen -- --«

»Wissen Sie bestimmt, daß er tot ist?«

Gerda nickt.

»Man muß ihn holen, er darf da nicht liegenbleiben. Sie wissen die

Stelle zu finden?«

»Ja -- aber wir allein?«

»Ich telephoniere an Reitzenstein. Ist es weit von hier?«

»Nein.«

»Gut, so mag Reitzenstein uns abholen. Sie zeigen ihm den Platz.

Er kann dann alles weitere veranlassen, und wir ziehen uns

zurück.« -- -- --

----------------------------------------------

Als sie zurückgekommen waren, löste sich Gerdas Aufregung in Tränen.

»Haben Sie sich einen Vorwurf zu machen, Fräulein von Wangenheim?«

»Wenn Sie mir zum Vorwurf machen wollen, daß ich seine Leidenschaft

nicht erwidern konnte!«

»Daraus kann Ihnen natürlich niemand einen Vorwurf machen. Ich meine,

haben Sie ihn vielleicht in dem Gedanken gewiegt -- -- --«

»Ich habe ihm von Anfang an gesagt, daß ich niemals die Seine werden

könnte.«

Lotte schweigt. Sie hatte Gerda ihr leichtsinniges Verhalten Winkelmann

gegenüber zum Vorwurf machen wollen -- aber -- was sollte das nutzen?

Sie hatte mit Winkelmann gespielt, wie sie mit Reitzenstein spielte,

und wie sie es noch mit vielen anderen tun würde. Mochte sie ihre Wege

gehen. Vielleicht war sie auserkoren, ihre Mitschwestern an den Männern

zu rächen. Sie hatte ja gezeigt, daß sie die Natur dazu hatte. Sie

erweckte Hoffnungen, erteilte Gunstbezeugungen, entflammte Blut und

Herzen, und schritt dann kühl und lächelnd über zerbrochene Existenzen.

* * *

Die Berliner Kunstausstellung des Jahres 1914 war eröffnet.

Das Publikum drängte sich in den Sälen und begutachtete die neuen

Schöpfungen.

In dem letzten der großen Mittelsäle, in welchem die Bildhauer zu ihrem

Rechte kamen, standen vor einem Bildwerk, welches gleich einem großen

Schrecken aus grünem Blattgewirr hervortauchte, zwei Menschen.

»Wie heißt dieses Ungeheuer?« fragte der alte, weißhaarige Herr den

neben ihm stehenden jungen Mann.

»Der Mensch!«

»Der Mensch?« Der Alte blickte mit starkem Interesse auf das Werk.

»Das Tier, sollte darunter stehen,« sprach der Junge.

»Das Tier im Menschen -- von dem die heutige Welt sich beherrschen

läßt, mein Sohn! Dies Werk spricht vom Erkennen der Zeit.«

»Vater, du wirst doch im Ernst nicht behaupten wollen, daß wir von

solch maßlosen Begierden, wie sie auf diesem Gorgonenhaupt thronen,

beherrscht werden?«

»Die Menschen werden mehr davon beherrscht, als sie ahnen. Die Gier

nach Reichtum und Genuß, nach Sinnenlust und Ruhm, beginnt Sitte und

Moral zu überwuchern, und lockert die Bande der Nächstenliebe. Ein

jeder hält nur seine persönlichen Interessen, sein eigenes Ich, im

Auge, und vergißt darüber das Wohl seiner Mitmenschen.

Sieh, diese unersättliche Gier, die alles verschlingt, alles in sich

hineinfrißt. Ein großer Künstler und fühlender Mensch hat dieses Werk

geschaffen.«

Der Sohn suchte nach dem Namen. »Eine Frau ist es, die dieses

geschaffen -- ›Lotte Wunsch‹ -- steht darunter.«

»Eine Frau schafft ein Werk von dieser Kraft und Stärke?«

Eine lebhafte Gruppe trat vor das Kunstwerk.

»Donnerwetter, ein Schlag ins Gesicht! Wer fühlt sich getroffen?«

Begierde · 第 47 / 55 题