Da mußte er lachen. »Feuer tobt mir in den Adern, du Götterweib!«

Und wieder preßte er seinen Mund auf ihre Lippen und küßte sie, daß ihr

der Atem verging. Da stieß sie ihn von sich und sagte kalt: »Genug,

hören Sie auf.«

»Gerda, küsse mich! Wie kannst du so kalt bleiben unter dem Feuer

meiner Küsse.« Und er wollte sie wieder an sich pressen.

»Lassen Sie mich jetzt.«

»Warum wolltest du, daß ich dich küssen sollte?«

»Ich wollte mein Blut erproben.«

»Meine Küsse ließen dich kalt?«

»Sie sehen es.«

»Aber die Küsse des anderen machen dir warm?«

»Er hat mich nicht geküßt.«

»Er wird es aber tun.«

»Vielleicht.« -- -- --

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Gerda lag lange wach und dachte nach. Sie hatte sich küssen lassen.

Nicht nur das. Sie, Gerda von Wangenheim, hat zu einem fremden Manne

gesagt: ›Küsse mich!‹ Warum das? War es der Alkohol, der ihr Blut in

Aufregung gebracht und sie Verlangen tragen ließ, nach der Umarmung

eines Mannes? Liebte sie diesen Mann?

Nichts von alledem. Nichts, als der Wunsch, ihr Blut kennenzulernen,

hatte sie getrieben, zu tun -- wie sie getan. Er hatte sie geküßt, und

nicht die leiseste Erregung ihres Blutes hatte sie verspürt. Und doch

-- eine Erregung hatte sie empfunden, einen Reiz hatte sie verspürt,

einen Reiz, die Begierde eines Mannes auflodern zu sehen, sein Begehren

anzufachen. An jenem Abend auf dem Künstlerfest, als sie festgeschmiegt

an Winkelmann mit ihm tanzte, als sie sein fieberndes Verlangen nach

ihr verspürte, hatte sie den prickelnden Reiz empfunden, den Mann

verheißungsvoll an sich zu ziehen, um ihm den Fuß auf den Nacken zu

setzen.

* * *

Lotte, glücklich im Gedanken an die nahe Vollendung ihres Werkes, stand

und prüfte ihre Arbeit. Würde es die beabsichtigte Wirkung haben?

Die Wirkung nach beiden Richtungen?

War sie frei geworden vom Banne des Häßlichen, das wie eine Kette sie

umgürtet hatte?

Sie atmete tief auf.

Ja, frei, ganz frei.

Durch ihr Werk oder durch seine Liebe?

Sie lächelte, reckte mit tiefem Atemzug die Arme empor, verschlang sie

auf ihren Kopf und warf sich auf das Ruhebett.

Und nun kam das Glück, das märchenhafte Glück. Ihr Werk in der

Ausstellung. Ihr Name in aller Munde. Emporgehoben aus der Schar der

Mittelmäßigen, gestellt neben die Großen.

Und die Wirkung des Werkes auf die Menschen?

Würden sie sich erkennen in diesem fratzenhaften Ungeheuer? Würde

Grauen und Entsetzen sie packen, sich so gegeißelt zu sehen? Würden sie

Einkehr halten und ihr Inneres reinigen von Schmutz und Schlacken?

Lotte lachte.

Jeder würde nur das Bild des anderen in diesem Medusenhaupt erspähen.

So bist du und du und du -- aber nicht ich.

Zerfleischen würden sie die anderen, ein jeder aber ist frei von

Schuld. -- --

Und dann -- -- dann wurde sie Weib -- -- dann kam die Erfüllung.

Sie schloß die Augen.

Sie liebte ihn, ihn, den Vater ihres Kindes. Sie saß neben der Wiege,

glättete die Kissen und strich sanft über die zarten, blonden Härchen.

»Paul,« flüsterte sie, »wie bin ich glücklich.« -- -- --

»Hallo, ist niemand hier?«

Sie springt erschrocken auf und reibt sich die Augen. Das Atelier liegt

in graue Abendschatten gehüllt.

»Verzeihen Sie, daß ich eindringe, Fräulein Wunsch, Sie haben

anscheinend mein Klopfen überhört.«

Arno Stürmer steht vor ihr.

»Ich hatte geträumt.«

»So habe ich gestört?«

»Sie störten mich in meinem Glück.«

»Das würde ich mir nie verzeihen. Möchte ich doch so gern das Füllhorn

des Glückes über Sie schütten.«

Seine Blicke ruhen fragend auf ihrem Antlitz. Dann schweifen sie ab und

bleiben auf dem Werk haften. Er zuckt zusammen und sieht sie erstaunt

an. Dann tritt er näher an das Werk, schaut und schweigt. Und dann

bricht er los, laut und schallend schreit er sie an: »Das haben Sie

geschaffen? Dies ist Ihr Werk? Da haben Sie es ja, das Glück, das große

Glück. Und ich will mich unterfahren Ihnen Glück zu schaffen? Sie, Sie

tragen das Glück ja in sich, Ihr Glück ist Ihr Künstlertum -- -- ich

beuge mich vor Ihrem Können, Fräulein Wunsch.«

»Meinen Sie wirklich, daß die Kunst allein Befriedigung gewährt?«

»Dem wahren Künstler unbedingt.«

»Und das Verlangen nach Liebe?«

»Aufregung, Rausch, Austoben -- erhöht die Künstlerschaft! --«

»Sie sprechen als Mann!«

»Auch bei der Frau wird es so sein, wenn sie eine wahre Künstlerin ist.

Lotte,« er ist nahe an sie herangetreten und sieht ihr leidenschaftlich

in die Augen, »Lotte -- ich liebe Sie, seit jenem Abend, als ich Sie

im Ihrem Flammenkleide sah, verzehrt mich die Sehnsucht. Lotte« --

er umschlingt sie und will sie an sich ziehen -- »laß uns versinken

in Flammen, zwei Künstlernaturen wie wir -- -- alle Flammen der

Leidenschaft springen auf -- --«

Da ist sie wieder und schlägt an ihr empor. Die Begierde!

Sie wehrt ihn von sich. Blaß, mit ausgestreckter Hand, weist sie auf

ihr Werk. »Wie ich es verabscheue, dieses maßlose Begehren.«

»Und bist doch selbst ein einziges fieberndes Verlangen.«

»Nein, nein,« schreit sie auf. Dann bedeckt sie ihr Gesicht mit den

Händen und stöhnt auf.

»Du liebst einen andern.«

Da nickte sie stumm.

»Und er nimmt dich nicht in seine Arme, er läßt dich --«

»Lassen Sie mich jetzt allein,« sagt sie kalt und beherrscht.

* * *

Gerda saß beim Frühstück und durchlebte noch einmal den gestrigen

Abend. Das große Fest bei Westphals.

Was für Triumphe hatte sie gefeiert, ganz toll waren die Männer

nach ihr, und Winkelmann -- -- sie mußte laut lachen. Eine Szene

hatte er ihr gemacht, eine unerhörte Anmaßung! Aber sie hatte ihn

zurechtgewiesen. Er würde es nicht noch einmal wagen. Und der Beifall,

nachdem sie ihren Vortrag geendet. Sie hatte nicht weniger Applaus

gehabt, als der berühmte Tenor. Sie konnte zufrieden sein.

Und Reitzenstein? Der machte ihr Spaß. Der wollte sie ergründen. Er

hatte sie gebeten, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie hatte

seine Begleitung angenommen. Und da, als sie zusammen sich von Thea

verabschiedeten, war es zu dem Auftritt mit Winkelmann gekommen.

Winkelmann war auf sie zugetreten und hatte mit erregter Stimme gesagt:

»Ich begleite Sie nach Haus!«

»Ich danke Ihnen, Herr Winkelmann, aber Herr von Reitzenstein hat mich

schon darum gebeten.«

Da packte er ihr Handgelenk und zischte mit heiserer Stimme: »Das wird

er nicht tun.«

»Aber ja, er wird es tun,« und sie hatte ihn eisig angesehen und

versucht, sich von seinem Griff zu befreien.

»Weib, du bringst mich um den Verstand,« zischte er und drückte ihr

Gelenk, daß sie hätte aufschreien mögen.

Da ließ sie einen Blick über ihn gleiten, so voll Verachtung und Kälte

-- -- und er gab sie frei.

Dann saß sie wieder mit Reitzenstein im Auto wie damals. Hungrig und

erwartungsvoll hatte der kleine Leutnant sie angesehen. Schweigend

saßen sie zusammen. Sie fühlte, wie er ihr näher kam, wie sein Körper

an den ihren drängte. Jetzt versuchte er seinen Arm um ihren Nacken zu

schlingen, da sagte sie: »Wollen Sie, daß ich den Wagen halten lasse?«

»Darf ich dich nicht küssen?« flehte er.

»Sie vergessen, Herr von Reitzenstein, daß mein neulicher Einfall einer

Laune entsprang. Wenn ich geahnt hätte, daß Sie auch nur einen Gedanken

daran verschwendeten, hätte ich ihre Begleitung nicht angenommen.«

»Das Spielen mit dem Feuer könnte Ihnen gefährlich werden, Fräulein von

Wangenheim.« Sein Blut, das durch die Nähe dieser Frau und durch die

Möglichkeit ihrer Hingabe in Aufruhr war, jagte wild durch seine Adern.

»Ich könnte Sie jetzt in meine Arme nehmen, könnte Sie zwingen, mir zu

Willen zu sein,« preßte er leidenschaftlich hervor.

»Sie werden das Vertrauen einer Dame nicht mißbrauchen,« sagte sie

ruhig.

»Ich bin kein Räuber. Sie taten gut, sich mir anzuvertrauen, ein

anderer hätte die Situation ausgenutzt.«

»Mir gegenüber nicht.«

»Seien Sie nicht zu sicher. Es ist ein altes Sprichwort: Wer sich in

Gefahr begibt, kommt darin um.«

Sie lachte. »Sprichwörter sind nie zutreffend und dieses schon gar

nicht.« -- -- --

»Lächerlich,« murmelte Gerda, als sie an seine Warnung dachte. »Ich

weiß mich zu schützen.«

Leichtsinn!

War sie leichtsinnig geworden?

Nein, leben wollte sie! Leben und herrschen!

Fort mit den Grübeleien und Bedenken.

Auf sie wartete das Leben, ein schillerndes, leuchtendes Leben.

Sie wurde sich ganz klar. Sie mußte vorwärts. Sie brauchte die

Menschen, diese Menschen, deren Genossin sie geworden war. Sie erkannte

die Wirrnis, der sie entgegenschwebte. Erkannte, daß sie im Begriffe

stand, sich in einen wilden Strudel von Äußerlichkeiten zu stürzen.

Sie fühlte sich plötzlich unsäglich zurückgestoßen, ein tiefes

Erschrecken überkam sie.

Sie mußte sich retten.

Wovor?

Was tat es, wenn die Seele verkümmerte?

Hoch, aufwärts, siegen und herrschen. Bezwingen die gemeine Masse!

Künstlerin!

Begierde · 第 25 / 55 题