[157] Diese beiden Verse, 27 und 28, sind ein klassischer Ausdruck der

schon in den Upanishaden gewonnenen Weisheit des tat tvam asi, der einzig

haltbaren philosophischen Grundlage der altruistischen Moral. Sie sind es,

auf welche darum Schopenhauer am Schluß seiner berühmten Abhandlung über

die »Grundlage der Moral« hindeutet, mit den denkwürdigen Worten: »In allen

Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, daß sie paradox

war: und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des

thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem

Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen

Flügelschläge so groß und langsam sind, daß das Individuum darüber

hinstirbt. So bin denn auch ich mir des Paradoxen, welches diese

metaphysische Auslegung des ethischen Urphänomens für die an ganz

anderartige Begründungen der Ethik gewöhnten occidentalisch Gebildeten

haben muß, sehr wohl bewußt, kann jedoch der Wahrheit nicht Gewalt antun.

Vielmehr ist alles, was ich aus dieser Rücksicht über mich vermag, daß ich

durch eine Anführung belege, wie jene Metaphysik der Ethik schon vor

Jahrtausenden die Grundansicht der indischen Weisheit war, auf welche ich

zurückdeute, wie Kopernikus auf das von Aristoteles und Ptolemäos

verdrängte Weltsystem der Pythagoreer. Im Bhagavad-Gita, Lectio 13; 27, 28,

heißt es nach A. W. v. Schlegels Übersetzung: Eundem in omnibus animantibus

consistentem summum dominum, istis pereuntibus haud pereuntem qui cernit,

is vere cernit. -- Eundem vere cernens ubique praesentem dominum, non

violat semetipsum sua ipsius culpa: exinde pergit ad summum iter. --«

[158] Der freie Raum oder der Äther (âkâça) gilt bei den Indern als das

fünfte Element.

[159] sattva Güte, rajas Leidenschaft, tamas Finsternis oder Dunkel -- dies

dürfte doch wohl noch die entsprechendste Übersetzung der bedeutsamen

Termini für die drei großen Qualitäten sein. Nur »Güte« für sattva reicht

eigentlich nicht ganz aus, da in dem indischen Worte sattva, sat -- für uns

unübersetzbar -- der Begriff des Seins, des eigentlichen, wahren,

wesenhaften Seins und der Begriff des Guten sich vereinigt; das »Echte«

klingt an, genügt aber doch auch nicht. »Wesenheit«, wie Boxberger

übersetzt, ist ein viel zu leeres, viel zu wenig besagendes Wort. Wir

können das Manko unserer Sprache nicht ausfüllen, müssen uns nur immer

daran erinnern, daß das indische Wort mehr umfaßt als das deutsche. Man

vgl. übrigens unten Gesang 17, Vers 26-28, wo der Dichter selbst den

Begriff des sat, des »Seienden«, erläutert. -- Die Übersetzung der drei

Qualitäten bei Dahlmann durch Licht, Trübung, Finsternis nimmt sich zwar

sehr gut aus, aber sattva heißt nun leider niemals Licht!

[160] Der Durst im übertragenen Sinne, die Begierde. -- Vgl. übrigens R.

Garbes Übersetzung und seine zugehörige Anmerkung.

[161] D. h. verdaue ich die vierfache Speise, nämlich Getrunkenes,

Gelecktes, Gekautes und Verschlungenes; cf. DEUSSEN, Der Gesang des

Heiligen, p. 103.

[162] »Das Ende des Veda«, -- Bezeichnung der Upanishaden, wie auch der auf

diesen fußenden systematischen Philosophie des Idealismus.

[163] DEUSSEN: Auf maßloses, zum Verderben ausschlagendes Denken sich

stützend; GARBE: Endlosem Trachten bis zum Tode hingegeben.

[164] Oder: wodurch das Selbst vernichtet wird. Seele und Selbst sind Eins

und dasselbe -- âtman, wie auch die Weltseele das ewige, göttliche Selbst,

der Atman-Brahman, ist -- schon in den Upanishaden.

[165] sat »seiend«, zugleich auch »gut« bedeutend; vgl. oben Gesang 14.

v. 5 Anm.

[166] asat »nicht seiend«, auch »nicht gut«.

[167] Die auf Reflexion gestützte Lehre, von der schon öfters die Rede war.

Ich habe an dieser Stelle die indische Bezeichnung Sânkhya-Lehre

beibehalten, weil hier wie im Vorausgehenden die dem späteren

Sânkhya-System so überaus charakteristische Lehre von den drei Qualitäten

bereits so stark ausgeprägt hervortritt.

[168] Unter dem Standort ist der Körper verstanden, unter dem Handelnden

die empirische individuelle Seele.

[169] So hart dies auch klingt, geht es doch nicht nur auf den Fall des

Arjuna, sondern stimmt im Grunde auch mit unseren Anschauungen überein: Der

Soldat, der in der Schlacht seine Pflicht tut, wird auch von uns nicht als

ein Mörder betrachtet.

[170] Es sind dies die vier alten Kasten der Inder. Unter »Volk« wird die

Gesamtheit der arischen Inder verstanden, sofern sie nicht Priester

(Brahmanen) oder Adlige (Ritter, Krieger) sind. Die Çûdras sind

nichtarische Inder, welche sich aber dem System der brahmanischen

Lebensordnung gefügt haben und nun als unterste, dienende Kaste gezählt

werden.

[171] D. h. die Taten, zu welchen ein Jeder durch seine Geburt in dieser

oder jener Kaste verbunden und verpflichtet ist, seinem Wesen entsprechend.

[172] Ich erinnere hier an das tiefsinnige Wort Goethes: Der Handelnde hat

immer Unrecht, nur der Betrachtende hat Recht.

[173] D. h. zur höchsten Vollendung, welche in der völligen Befreiung von

den Taten, resp. den Fesseln der Taten, besteht.

[174] Vgl. über J. LORINSER und den präsumptiven Einfluß des Christentums

auf die Bhagavadgîtâ R. GARBE in der Einleitung zu seiner Übersetzung

p. 55-57.

Anmerkungen zur Transkription:

Seite VII, Fußnote 12: nach »Abteilung 1 und 2« wurde ein Komma ergänzt

Seite 22, Vers 3: nach »ein hehr Geheimnis ist sie ja« wurde ein Punkt

ergänzt

Seite 61, Vers 4: »Ryhthmen« wurde geändert in »Rhythmen«

Seite 82, Vers 67: »for und fort« wurde geändert in »fort und fort«

Bhagavadgita — Des Erhabenen Sang Religiöse Stimmen der Völker: Die Religion des alten Indien II · 第 7 / 7 段