schon in den Upanishaden gewonnenen Weisheit des tat tvam asi, der einzig
haltbaren philosophischen Grundlage der altruistischen Moral. Sie sind es,
auf welche darum Schopenhauer am Schluß seiner berühmten Abhandlung über
die »Grundlage der Moral« hindeutet, mit den denkwürdigen Worten: »In allen
Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, daß sie paradox
war: und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des
thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem
Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen
Flügelschläge so groß und langsam sind, daß das Individuum darüber
hinstirbt. So bin denn auch ich mir des Paradoxen, welches diese
metaphysische Auslegung des ethischen Urphänomens für die an ganz
anderartige Begründungen der Ethik gewöhnten occidentalisch Gebildeten
haben muß, sehr wohl bewußt, kann jedoch der Wahrheit nicht Gewalt antun.
Vielmehr ist alles, was ich aus dieser Rücksicht über mich vermag, daß ich
durch eine Anführung belege, wie jene Metaphysik der Ethik schon vor
Jahrtausenden die Grundansicht der indischen Weisheit war, auf welche ich
zurückdeute, wie Kopernikus auf das von Aristoteles und Ptolemäos
verdrängte Weltsystem der Pythagoreer. Im Bhagavad-Gita, Lectio 13; 27, 28,
heißt es nach A. W. v. Schlegels Übersetzung: Eundem in omnibus animantibus
consistentem summum dominum, istis pereuntibus haud pereuntem qui cernit,
is vere cernit. -- Eundem vere cernens ubique praesentem dominum, non
violat semetipsum sua ipsius culpa: exinde pergit ad summum iter. --«
[158] Der freie Raum oder der Äther (âkâça) gilt bei den Indern als das
fünfte Element.
[159] sattva Güte, rajas Leidenschaft, tamas Finsternis oder Dunkel -- dies
dürfte doch wohl noch die entsprechendste Übersetzung der bedeutsamen
Termini für die drei großen Qualitäten sein. Nur »Güte« für sattva reicht
eigentlich nicht ganz aus, da in dem indischen Worte sattva, sat -- für uns
unübersetzbar -- der Begriff des Seins, des eigentlichen, wahren,
wesenhaften Seins und der Begriff des Guten sich vereinigt; das »Echte«
klingt an, genügt aber doch auch nicht. »Wesenheit«, wie Boxberger
übersetzt, ist ein viel zu leeres, viel zu wenig besagendes Wort. Wir
können das Manko unserer Sprache nicht ausfüllen, müssen uns nur immer
daran erinnern, daß das indische Wort mehr umfaßt als das deutsche. Man
vgl. übrigens unten Gesang 17, Vers 26-28, wo der Dichter selbst den
Begriff des sat, des »Seienden«, erläutert. -- Die Übersetzung der drei
Qualitäten bei Dahlmann durch Licht, Trübung, Finsternis nimmt sich zwar
sehr gut aus, aber sattva heißt nun leider niemals Licht!
[160] Der Durst im übertragenen Sinne, die Begierde. -- Vgl. übrigens R.
Garbes Übersetzung und seine zugehörige Anmerkung.
[161] D. h. verdaue ich die vierfache Speise, nämlich Getrunkenes,
Gelecktes, Gekautes und Verschlungenes; cf. DEUSSEN, Der Gesang des
Heiligen, p. 103.
[162] »Das Ende des Veda«, -- Bezeichnung der Upanishaden, wie auch der auf
diesen fußenden systematischen Philosophie des Idealismus.
[163] DEUSSEN: Auf maßloses, zum Verderben ausschlagendes Denken sich
stützend; GARBE: Endlosem Trachten bis zum Tode hingegeben.
[164] Oder: wodurch das Selbst vernichtet wird. Seele und Selbst sind Eins
und dasselbe -- âtman, wie auch die Weltseele das ewige, göttliche Selbst,
der Atman-Brahman, ist -- schon in den Upanishaden.
[165] sat »seiend«, zugleich auch »gut« bedeutend; vgl. oben Gesang 14.
v. 5 Anm.
[166] asat »nicht seiend«, auch »nicht gut«.
[167] Die auf Reflexion gestützte Lehre, von der schon öfters die Rede war.
Ich habe an dieser Stelle die indische Bezeichnung Sânkhya-Lehre
beibehalten, weil hier wie im Vorausgehenden die dem späteren
Sânkhya-System so überaus charakteristische Lehre von den drei Qualitäten
bereits so stark ausgeprägt hervortritt.
[168] Unter dem Standort ist der Körper verstanden, unter dem Handelnden
die empirische individuelle Seele.
[169] So hart dies auch klingt, geht es doch nicht nur auf den Fall des
Arjuna, sondern stimmt im Grunde auch mit unseren Anschauungen überein: Der
Soldat, der in der Schlacht seine Pflicht tut, wird auch von uns nicht als
ein Mörder betrachtet.
[170] Es sind dies die vier alten Kasten der Inder. Unter »Volk« wird die
Gesamtheit der arischen Inder verstanden, sofern sie nicht Priester
(Brahmanen) oder Adlige (Ritter, Krieger) sind. Die Çûdras sind
nichtarische Inder, welche sich aber dem System der brahmanischen
Lebensordnung gefügt haben und nun als unterste, dienende Kaste gezählt
werden.
[171] D. h. die Taten, zu welchen ein Jeder durch seine Geburt in dieser
oder jener Kaste verbunden und verpflichtet ist, seinem Wesen entsprechend.
[172] Ich erinnere hier an das tiefsinnige Wort Goethes: Der Handelnde hat
immer Unrecht, nur der Betrachtende hat Recht.
[173] D. h. zur höchsten Vollendung, welche in der völligen Befreiung von
den Taten, resp. den Fesseln der Taten, besteht.
[174] Vgl. über J. LORINSER und den präsumptiven Einfluß des Christentums
auf die Bhagavadgîtâ R. GARBE in der Einleitung zu seiner Übersetzung
p. 55-57.
Anmerkungen zur Transkription:
Seite VII, Fußnote 12: nach »Abteilung 1 und 2« wurde ein Komma ergänzt
Seite 22, Vers 3: nach »ein hehr Geheimnis ist sie ja« wurde ein Punkt
ergänzt
Seite 61, Vers 4: »Ryhthmen« wurde geändert in »Rhythmen«
Seite 82, Vers 67: »for und fort« wurde geändert in »fort und fort«