Achtes Kapitel

Wie Fabian seiner langen Rockschöße halber für einen Sektierer

und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fürst Barsanuph hinter

den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natürlichen

Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.

- Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden

wollte, dann aber zu Bette ging.

In der frühesten Morgendämmerung, als Wege und Straßen noch einsam,

schlich sich Balthasar hinein nach Kerepes und lief augenblicklich

zu seinem Freunde Fabian. Als er an die Stubentüre pochte, rief eine

kranke matte Stimme: "Herein!" -

Bleich - entstellt, hoffnungslosen Schmerz im Antlitz, lag Fabian auf

dem Bette. "Um des Himmels willen," rief Balthasar, "um des Himmels

willen - Freund! sprich! - was ist dir widerfahren?"

"Ach Freund," sprach Fabian mit gebrochener Stimme, indem er sich

mühsam in die Höhe richtete, "mit mir ist es aus, rein aus. Der

verfluchte Hexenspuk, den, ich weiß es, der rachsüchtige Prosper

Alpanus über mich gebracht, stürzt mich ins Verderben!" -

"Wie ist das möglich?" fragte Balthasar; "Zauberei, Hexenspuk,

du glaubtest sonst an dergleichen nicht." "Ach," fuhr Fabian mit

weinerlicher Stimme fort, "ach, ich glaube jetzt an alles, an Zauberer

und Hexen und Erdgeister und Wassergeister, an den Rattenkönig und

die Alraunwurzel - an alles, was du willst. Wem das Ding so auf den

Hals tritt wie mir, der gibt sich wohl! - Du erinnerst dich an den

höllischen Skandal mit meinem Rocke, als wir von Prosper Alpanus

kamen! - Ja! wär' es nur dabei geblieben! - Sieh dich doch etwas um in

meinem Zimmer, lieber Balthasar!" -

Balthasar tat es und gewahrte an allen Wänden rings umher eine Unzahl

von Fracks, Überröcken, Kurtken von allem möglichen Zuschnitt, von

allen möglichen Farben. "Wie," rief er, "willst du einen Kleiderkram

anlegen, Fabian?"

"Spotte nicht," erwiderte Fabian, "spotte nicht, lieber Freund. Alle

diese Kleider ließ ich anfertigen von den berühmtesten Schneidern,

immer hoffend, endlich einmal der unseligen Verdammnis zu entgehen,

die auf meinen Röcken ruht, aber umsonst. Sowie ich den schönsten

Rock, der mir steht wie angegossen an den Leib, nur einige Minuten

trage, rutschen die Ärmel mir an die Schultern herauf, und die Schöße

schwänzeln mir nach sechs Ellen lang. In der Verzweiflung ließ ich mir

jenen Spenzer mit den eine Welt langen Pierrotsärmeln machen: 'Rutscht

nur, Ärmel,' dacht' ich, 'dehnt euch nur aus, Schöße, so kommt alles

ins Gleiche': aber! - ganz dasselbe wie mit allen andern Röcken war

es in wenigen Minuten! Alle Kunst und Kraft der mächtigsten Schneider

richtete nichts aus gegen den verwünschten Zauber! Daß ich verhöhnt,

verspottet wurde, wo ich mich nur blicken ließ, versteht sich von

selbst, aber bald veranlaßte meine unverschuldete Hartnäckigkeit,

immer wieder in einem solch verteufelten Rock zu erscheinen, ganz

andere Urteile. Das Geringste war noch, daß die Frauen mich grenzenlos

eitel und abgeschmackt schalten, da ich aller Sitte entgegen mich

durchaus mit nackten Armen, sie wahrscheinlich für sehr schön haltend,

sehen lassen wolle. Die Theologen aber schrien mich bald für einen

Sektierer aus, stritten sich nur, ob ich zur Sekte der Ärmelianer oder

Schößianer zu rechnen, waren aber darin einig, daß beide Sekten höchst

gefährlich zu nennen, da beide vollkommene Freiheit des Willens

statuierten und sich erfrechten zu denken, was sie wollten.

Diplomatiker hielten mich für einen schnöden Aufwiegler. Sie

behaupteten, ich wolle durch meine langen Rockschöße Unzufriedenheit

im Volke erregen und es aufsässig machen gegen die Regierung, gehöre

überhaupt zu einem geheimen Bunde, dessen Zeichen ein kurzer Ärmel

sei. Schon seit langer Zeit fänden sich hie und da Spuren der

Kurzärmler, die ebenso zu fürchten als die Jesuiten, ja noch mehr,

da sie sich bemühten, überall die jedem Staate schädliche Poesie

einzuführen, und an der Infallibilität der Fürsten zweifelten. Kurz! -

das Ding wurde ernster und ernster, bis mich der Rektor zitieren ließ.

Ich sah mein Unglück vorher, wenn ich einen Rock anzog, erschien also

in der Weste. Darüber wurde der Mann zornig, er glaubte, ich wolle ihn

verhöhnen, und fuhr auf mich los, ich solle binnen acht Tagen in einem

vernünftigen anständigen Rock vor ihm erscheinen, widrigenfalls er

ohne alle Gnade die Relegation über mich aussprechen würde. - Heute

geht der Termin zu Ende! - O ich Unglücklicher! - O verdammter Prosper

Alpanus!" -

"Halt ein," rief Balthasar, "halt ein, lieber Freund Fabian, schmäle

nicht auf meinen teuern lieben Oheim, der mir ein Landgut geschenkt

hat. Auch mit _dir_ meint er es gar nicht so böse, ungeachtet er,

ich muß es gestehen, den Vorwitz, womit du ihm begegnetest, zu hart

gestraft hat. - Doch ich bringe Hülfe! - er sendet dir dies Döschen,

welches alle deine Leiden enden soll."

Damit zog Balthasar das kleine schildkrötene Döschen, welches er

von Prosper Alpanus erhalten, aus der Tasche und überreichte es dem

trostlosen Fabian.

"Was soll," Sprach dieser, "was soll mir denn der dumme Quark helfen?

wie kann ein kleines schildkrötenes Döschen Einfluß haben auf die

Gestaltung meiner Röcke?" "Das weiß ich nicht," erwiderte Balthasar,

"aber mein lieber Oheim kann und wird mich nicht täuschen, ich habe

das vollste Zutrauen zu ihm; darum öffne nur die Dose, lieber Fabian,

wir wollen sehen, was darin enthalten."

Fabian tat es - und aus der Dose quoll ein herrlich gemachter

schwarzer Frack von dem feinsten Tuche hervor. Beide, Fabian und

Balthasar, konnten sich des lauten Ausrufs der höchsten Verwunderung

nicht erwehren.

"Ha, ich verstehe dich," rief Balthasar begeistert, "ha, ich verstehe

dich, mein Prosper, mein teurer Oheim! Dieser Rock wird passen, wird

allen Zauber lösen." -

Fabian zog den Rock ohne weiteres an, und was Balthasar geahnet, traf

wirklich ein. Das schöne Kleid saß dem Fabian, wie noch niemals ihm

eins gesessen, und an Rutschen der Ärmel, an Verlängerung der Schöße

war nicht zu denken.

Ganz außer sich vor Freude, beschloß Fabian nun sogleich in seinem

neuen wohlpassenden Rock zum Rektor hinzulaufen und alles ins Gleiche

zu bringen.

Balthasar erzählte nun seinem Freunde Fabian ausführlich, wie sich

alles begeben mit Prosper Alpanus, und wie dieser ihm die Mittel in

die Hand gegeben, dem heillosen Unwesen des mißgestalteten Däumlings

ein Ende zu machen. Fabian, der ein ganz anderer worden, da ihn alle

Zweifelsucht ganz verlassen, rühmte Prospers hohen Edelmut über alle

Maßen und erbot sich, bei Zinnobers Entzauberung hülfreiche Hand zu

leisten. In dem Augenblick gewahrte Balthasar aus dem Fenster seinen

Freund, den Referendarius Pulcher, der ganz trübsinnig um die Ecke

schleichen wollte. Fabian steckte auf Balthasars Geheiß den Kopf zum

Fenster heraus und winkte und rief dem Referendarius zu, er möge doch

nur gleich heraufkommen.

Sowie Pulcher eintrat, rief er gleich: "Was hast du denn für einen

herrlichen Rock an, lieber Fabian!" Dieser sagte aber, Balthasar werde

ihm alles erklären, und lief fort zum Rektor.

Als nun Balthasar dem Referendarius alles ausführlich erzählt, was

sich zugetragen, sprach dieser. "Gerade an der Zeit ist es nun, daß

der abscheuliche Unhold tot gemacht wird. Wisse, daß er heute seine

feierliche Verlobung mit Candida feiert, daß der eitle Mosch Terpin

ein großes Fest gibt, wozu er selbst den Fürsten geladen. Gerade bei

diesem Feste wollen wir eindringen in des Professors Haus und den

Kleinen überfallen. An Lichtern im Saal wird's nicht fehlen zum

augenblicklichen Verbrennen der feindseligen Haare."

Noch manches hatten die Freunde gesprochen und miteinander verabredet,

als Fabian eintrat mit vor Freude glänzendem Gesicht.

"Die Kraft," sprach er, "die Kraft des Rocks, der der schildkrötenen

Dose entquollen, hat sich herrlich bewährt. Sowie ich eintrat bei dem

Rektor, lächelte er zufrieden. 'Ha' redete er mich an, 'ha! - ich

gewahre, mein lieber Fabian, daß Sie zurückgekommen sind von Ihrer

seltsamen Verirrung! - Nun! Feuerköpfe wie Sie lassen sich leicht

hinreißen zu dem Extremen! - Für religiöse Schwärmerei habe ich Ihr

Beginnen niemals gehalten - mehr falsch verstandener Patriotismus

- Hang zum Außerordentlichen, gestützt auf das Beispiel der Heroen

des Altertums. - Ja, das lasse ich gelten, solch ein schöner,

wohlpassender Rock! - Heil dem Staate, Heil der Welt, wenn hochherzige

Jünglinge solche Röcke tragen, mit solchen passenden Ärmeln und

Schößen. Bleiben Sie treu, Fabian, bleiben Sie treu solcher Tugend,

solchem wackren Sinn, daraus entsproßt wahre Heldengröße!' - Der

Rektor umarmte mich, indem helle Tränen ihm in die Augen traten.

Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, die kleine schildkrötene

Dose, aus der der Rock entstanden und die ich nun in dessen Tasche

gesteckt, hervorzuziehen. 'Bitte!' sprach der Rektor, indem er Daum

und Zeigefinger zusammenspitzte. Ohne zu wissen, ob wohl Tabak

darin enthalten, klappte ich die Dose auf. Der Rektor griff hinein,

schnupfte, faßte meine Hand, drückte sie stark, Tränen liefen ihm über

die Wangen; er sprach tiefgerührt: 'Edler Jüngling! - eine schöne

Prise! - Alles ist vergeben und vergessen, speisen Sie bei mir heut

mittags!' - Ihr seht, Freunde, all mein Leiden hat ein Ende, und

gelingt uns heute, wie es anders gar nicht zu erwarten steht, die

Entzauberung Zinnobers, so seid auch ihr fortan glücklich!" -

In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine

Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den großen Orden des

grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite,

Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida bräutlich geschmückt,

in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt,

die er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht widrig grinste und

lächelte. Und jedesmal überflog dann ein höheres Rot Candidas Wangen,

und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der innigsten Liebe.

Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und nur die Verblendung,

in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß man

nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung, den kleinen

Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise

in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft gesammelt. Nur

Fürst Barsanuph stand neben Candida und mühte sich, bedeutungsvolle

gnädige Blicke umherzuwerfen, auf die indessen niemand sonderlich

achtete. Alles hatte nur Auge für das Brautpaar und hing an Zinnobers

Lippen, der hin und wieder einige unverständliche Worte schnurrte,

denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung, das die

Gesellschaft ausstieß, folgte.

Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt werden sollten.

Mosch Terpin trat in den Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem

die Ringe funkelten. Er räusperte sich - Zinnober hob sich auf den

Fußspitzen so hoch als möglich, beinahe reichte er der Braut an den

Ellbogen. - Alles stand in der gespanntesten Erwartung - da lassen

sich plötzlich fremde Stimmen hören, die Türe des Saals springt auf,

Balthasar dringt ein, mit ihm Pulcher - Fabian! - Sie brechen durch

den Kreis - "Was ist das, was wollen die Fremden?" ruft alles

durcheinander. -

Fürst Barsanuph schreit entsetzt: "Aufruhr - Rebellion - Wache!" und

springt hinter den Kaminschirm. - Mosch Terpin erkennt den Balthasar,

der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: "Herr Studiosus!

- Sind Sie rasend - sind Sie von Sinnen? - wie können Sie sich

unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! - Leute -

Gesellschaft - Bediente, werft den Grobian zur Türe hinaus!" -

Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat

Balthasar schon Prospers Lorgnette hervorgezogen und richtet durch

dieselbe den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen

Strahl getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei aus, daß

der ganze Saal widerhallt. Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl;

der eng geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander. -

Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende Haarstreif, er

spring zu auf Zinnober - faßt ihn, der strampelt mit den Beinchen und

sträubt sich und kratzt und beißt.

"Angepackt - angepackt!" ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher

den Kleinen, daß er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und

Balthasar faßt sicher und behutsam die roten Haare, reißt sie mit

einem Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins

Feuer, sie prasseln auf, es geschieht ein betäubender Schlag, alle

erwachen wie aus dem Traum. - Da steht der kleine Zinnober, der sich

mühsam aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmält und befiehlt,

man solle die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten Person

des ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich packen und ins

tiefste Gefängnis werfen! Aber einer frägt den andern: "Wo kommt denn

mit einemmal der kleine purzelbäumige Kerl her? - was will das kleine

Ungetüm?" - Und wie der Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen

den Boden stampft und immer dazwischen ruft: "Ich bin der Minister

Zinnober - ich bin der Minister Zinnober - der grüngefleckte Tiger mit

zwanzig Knöpfen!" da bricht alles in ein tolles Gelächter aus. Man

umringt den Kleinen, die Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu

wie einen Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom

Leibe - er verliert den Hut - den Degen, die Schuhe. - Fürst Barsanuph

kommt hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den

Tumult. Da kreischt der Kleine: "Fürst Barsanuph - Durchlaucht -

retten Sie Ihren Minister - Ihren Liebling! - Hülfe - Hülfe - der

Staat ist in Gefahr - der grüngefleckte Tiger - Weh - weh!" - Der

Fürst wirft einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann

rasch vorwärts nach der Türe. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den

faßt er, zieht ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen:

"Sie erdreisten sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater hier eine dumme

Komödie vorspielen zu wollen? - Sie laden mich ein zur Verlobung

Ihrer Tochter mit meinem würdigen Minister Zinnober, und statt

meines Ministers finde ich hier eine abscheuliche Mißgeburt, die

Sie in glänzende Kleider gesteckt? - Herr, wissen Sie, daß das ein

landesverräterischer Spaß ist, den ich strenge ahnden würde, wenn

Sie nicht ein ganz alberner Mensch wären, der ins Tollhaus gehört.

- Ich entsetze Sie des Amts als Generaldirektor der natürlichen

Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere Studieren in meinem

Keller! - Adieu!"

Dann stürmte er fort.

Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, faßte

ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin nach dem

Fenster: "Hinunter mit dir," schrie er, "hinunter mit dir, schändliche

heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, mich um

alles Glück des Lebens gebracht hat!"

Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das geöffnete Fenster, doch

der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit

Blitzesschnelle hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn Mosch Terpins

Fäusten. "Halten Sie ein," sprach der Aufseher, "halten Sie ein, Herr

Professor, vergreifen Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum. Es ist

keine Mißgeburt, es ist der Mycetes Belzebub, Simia Belzebub, der dem

Museo entlaufen." "Simia Belzebub - Simia Belzebub!" ertönte es von

allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum hatte der Aufseher

den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht angesehen, als er

unmutig ausrief: "Was sehe ich! - das ist ja nicht Simia Belzebub, das

ist ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! - pfui" -

Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem lauten

Hohngelächter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend und knurrend

durch die Türe fort die Treppe herab - fort, fort nach seinem Hause,

ohne daß ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.

Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab, hatte sich

Balthasar in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, die

ohnmächtige Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen, drückte

ihre Hände an seine Lippen, nannte sie mit den süßesten Namen. Sie

erwachte endlich mit einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar

erblickte, da rief sie voll Entzücken:

"Bist du endlich - endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, ich bin

ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und Liebesschmerz! - und immer

erklangen mir die Töne der Nachtigall, von denen berührt, der

Purpurrose das Herzblut entquillt!" -

Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein böser

abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe

sich ein häßlicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe

schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich

zu verstellen gewußt, daß er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie

recht lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt, daß der

Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche

Weise gewesen, als müsse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars

willen.

Balthasar klärte ihr so viel auf, als es geschehen konnte, ohne ihre

ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,

wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend

Versicherungen, tausend Schwüre ewiger Liebe und Treue. Und dabei

umfingen sie sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten

Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller

Wonne, von allem Entzücken des höchsten Himmels.

Mosch Terpin trat ein, händeringend und lamentierend, mit ihm kamen

Pulcher und Fabian, die immerfort, jedoch vergebens trösteten.

"Nein," rief Mosch Terpin, "nein, ich bin ein total geschlagener

Mann! - nicht mehr Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten im

Staate. - Kein Studium mehr im fürstlichen Keller - die Ungnade des

Fürsten - ich gedachte Ritter zu werden des grüngefleckten Tigers,

wenigstens mit fünf Knöpfen. - Alles aus! - Was wird nur Se. Exzellenz

der würdige Minister Zinnober dazu sagen, wenn er hört, daß ich eine

schnöde Mißgeburt, den Simia Belzebub cauda prehensili, oder was weiß

ich sonst, für ihn gehalten! - O Gott, auch sein Haß wird auf mich

lasten! - Alikante! - Alikante!" -

"Aber, bester Professor," trösteten die Freunde - "verehrter

Generaldirektor, bedenken Sie doch nur, daß es gar keinen Minister

Zinnober mehr gibt! - Sie haben sich ganz und gar nicht vergriffen,

der ungestaltete Knirps hat vermöge der Zaubergabe, die er von der Fee

Rosabelverde erhalten, Sie ebensogut getäuscht, wie uns alle!" -

Nun erzählte Balthasar, wie sich alles begeben von Anfang an. Der

Professor horchte und horchte, bis Balthasar geendet, da rief er:

"Wach' ich! - träum' ich - Hexen - Zauberer - Feen - magische Spiegel

- Sympathien - soll ich an den Unsinn glauben" -

"Ach liebster Herr Professor," fiel Fabian ein, "hätten Sie nur eine

Zeitlang einen Rock getragen mit kurzen Ärmeln und langer Schleppe, so

wie ich, Sie würden schon an alles glauben, daß es eine Lust wäre!" -

"Ja," rief Mosch Terpin, "ja, es ist alles so - ja! - ein verhextes

Untier hat mich getäuscht - ich stehe nicht mehr auf den Füßen -

ich schwebe auf zur Decke -Prosper Alpanus holt mich ab - ich reite

aus auf einem Sommervogel - ich laß mich frisieren von der Fee

Rosabelverde - von dem Stiftsfräulein Rosenschön, und werde Minister!

- König - Kaiser!" -

Und damit sprang er im Zimmer umher und schrie und juchzte, daß

alle für seinen Verstand fürchteten, bis er ganz erschöpft in einen

Lehnsessel sank. Da nahten sich ihm Candida und Balthasar. Sie

sprachen davon, wie sie sich so innig, so über alles liebten, wie sie

gar nicht ohne einander leben könnten, und das war recht wehmütig

anzuhören, weshalb Mosch Terpin auch wirklich etwas weinte. "Alles,"

sprach er schluchzend, "alles, was ihr wollt, Kinder! - heiratet

euch, liebt euch - hungert zusammen, denn ich gebe der Candida keinen

Groschen mit" -

Was das Hungern beträfe, sprach Balthasar lächelnd, so hoffe er morgen

den Herrn Professor zu überzeugen, daß davon wohl niemals die Rede

sein könne, da sein Oheim Prosper Alpanus hinlänglich für ihn gesorgt.

"Tue das," sprach der Professor matt, "tue das, mein lieber Sohn, wenn

du kannst, und zwar morgen; denn soll ich nicht in Wahnsinn verfallen,

soll mir der Kopf nicht zerspringen, so muß ich sofort zu Bette

gehen!" -

Er tat das wirklich auf der Stelle.

Klein Zaches, genannt Zinnober: Ein Märchen · 第 10 / 12 题