Schirmherr der Not! --

Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher hochherzig und

selbstlos sein Leben einsetzt, der Not des Nächsten zu Hilfe zu kommen?

--

Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen Jahrhunderten ihr

Schwert und ihren starken Arm in den Dienst der Not gestellt.

Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp!

* * * * *

Gräfin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits erwartet zu

haben.

Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter und zufrieden

aus.

»Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Fräulein noch ein warmes Tuch

an den Strand nachtragen!« scherzte sie, »denn eine Stadtdame, wie

Baronesse Gabriele, muß sich erst an unsere frischen Brisen gewöhnen!

Statt dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zurück und meldet, daß

das gnädige Fräulein mit dem Herrn Grafen hinausgerudert sei! -- Das

nenne ich Courage, liebe Gabriele, denn soviel ich von hier aus

beurteilen kann, ist die See bewegt!«

»Und wie bewegt, Frau Gräfin! Für meine Begriffe war es Sturm!«

Gundula lacht und kehrt das junge Mädchen dem Fenster zu.

»Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen ist! Nun ja ...

blaß, wie eine weiße Rose! Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife

meinen Sohn nicht, daß er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren hat!

Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit Sie wieder Farbe bekommen!«

Jähe Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bemühte sich, so harmlos und

heiter zu plaudern, wie sonst, und empfand es doch, daß es ihr heute

nicht so leicht wurde, wie zuvor.

»Ihr Herr Sohn war völlig unschuldig, gnädigste Gräfin, und nur ein

Opfer seiner großen Liebenswürdigkeit, welche ich hart auf die Probe

stellte.« --

»Ah -- so war es _Ihr_ Wunsch, zu fahren?« unterbrach die Herrin von

Hohen-Esp und sah noch erfreuter aus, wie erst: »Hat es unser schönes

Meer Ihnen nun doch angetan?« --

»Es war in seiner Erregung entschieden viel berückender, wie in seinem

=dolce far niente=!« lachte das junge Mädchen und trat noch weiter

aus dem Fensterlicht zurück in die dämmrige Halle: »Ja, es war so

herrlich anzusehen, daß mich das unwiderstehliche Verlangen ankam, mich

einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam mir just in den Weg, und da er

die Gutmütigkeit der Hohen-Esp mit dem Bärenblut geerbt, so erfüllte er

stehenden Fußes meinen unbescheidenen Wunsch!«

»Er wird sich gewiß sehr gefreut haben! Man kann ihm ja nichts Lieberes

antun, als Interesse für die See und alles, was ihr angehört, zu

zeigen!«

»Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das Unvermeidliche zu

fügen!«

»Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zurück?«

»Nein, liebe Burgfrau --« Gabriele neigte das Köpfchen und küßte beinahe

zärtlich die Hand der alten Dame, welche sich auf ihre Schulter legte

-- »er muß nun erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein Übermut

unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen! Ich glaube, der

edle Renner soll erst für die Nacht in den Stall geschafft werden!«

Gundula nickte heiter. »Der Wind scheint tüchtig aufzufrischen, da

werden sie zur Nacht wohl alles am Strande bergen wollen, falls eine

stärkere Boe einsetzt! Wie war Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich

seetüchtig?«

»Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt, Frau Gräfin, ich

habe mich schrecklich gefürchtet! Wollte mich nur nicht allzusehr vor

dem Grafen blamieren, sonst wäre ich sehr bald wieder ausgestiegen, als

ich merkte, wie hoch die Wellen gingen!«

»Fürchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder führt?« -- Wie ruhig, wie stolz

und zuversichtlich klangen diese Worte. --

Gabriele neigte das Köpfchen: »Der Graf ist gewiß sehr stark und

kräftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen, vermag schließlich

niemand, und ich glaube, Ihr Herr Sohn wußte es anfangs selber nicht,

wie arg der Wind war, sonst hätte er vielleicht die Fahrt gar nicht

unternommen!«

Nun lachte die Gräfin ebenso laut auf, wie zuvor Guntram Krafft, als sie

von dem Sturm gesprochen.

»Ich wünschte nur, Sie erlebten bald einmal das, was wir hier >grobe

See< nennen!« sagte sie dann mit seltsam leuchtendem Blick. »Ich glaube,

Sie kennen bisher weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer,

wenn es zornig wird, noch den Bären von Hohen-Esp, wenn er beiden die

Zähne weist. -- Was bringen Sie, Anton? -- Wollen Sie Licht anstecken?

Wir warten mit dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.«

Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten, ein kleines Spitzglas

voll Tokayer für Gabriele zu füllen, der alte Kammerdiener aber

verneigte sich respektvoll und nahm eilig ein Tablett, dem gnädigen

Fräulein den Wein zu servieren.

»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin. Soeben bringt einer aus dem Dorfe die

Nachricht, daß der Herr Graf nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen

könne. Man wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei

Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen die Damen bitten, allein

den Tee zu trinken, da es spät bis zu seiner Rückkehr werden könne.«

»Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar noch keine

telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn eingetroffen, aber der

Seemann versteht sich schon auf die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten.

So stecken Sie die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, daß für uns

angerichtet werde.«

Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, daß Guntram Krafft

heute fernbleiben werde. Sie wußte es selber nicht, warum sie ein

gewisses Bangen empfand, ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch

schlug ihr Herz zu ungestüm, wenn sie an den Augenblick dachte, wo er

sie an der Brust gehalten; es war gut, wenn sie Zeit gewann, ihre

törichte Verlegenheit zu überwinden.

»Arme Mike!« fuhr die Gräfin mitleidig fort, »sie bekommt gewiß einen

stürmischen Hochzeitstag! Das Heulen, Sausen und Wogenbranden ist zwar

für eine wackere Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir

leidsein, wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich in bös

Wetter hinausschicken müßte!«

»Mike?« fragte Gabriele nachdenklich, »ist das nicht das blonde, hübsche

Mädel, mit welchem Sie vorgestern im Dorfe sprachen, Frau Gräfin?«

»Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen meines

Sohnes, Jöschen Grotrian mit Namen, einen wackern, prächtigen Bursch,

der beste unter Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der Mutter

bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur Hochzeit einzuladen!

Ich habe zugesagt, auch für Sie, liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie

teilen unsere Vorurteilslosigkeit in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und

unsere braven Fischer drunten gehören in Freud und Leid zusammen! Wir

sind in der langen Reihe der Jahre wie eine große Familie geworden, und

gemeinsame Not, Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am Strande

waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu zusammengefügt hat. -- Da ist

es undenkbar, daß sich im Dorfe drunten jemand freuen oder betrüben

könne, ohne daß wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben gewiß noch

keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, und die sehr

primitiven Verhältnisse solcher Feiern sind Ihnen unbekannt! Dennoch

hoffe ich, daß Ihr gutes Herz sich in all dies Fremde und für Sie gewiß

sehr wenig >Hoffähige< finden wird, und daß Sie mir zuliebe nicht das

Näschen rümpfen, sondern lustig und guter Dinge mit den biederen

Menschen sind!« --

Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem Forschen auf

das reizende Antlitz des jungen Mädchens geheftet, und als sie das

freudige Aufleuchten in den großen Augen und das Lächeln um die rosigen

Lippen sah, streckte sie Gabriele jählings die Hand entgegen und sagte

so herzlich, wie noch nie zuvor: »Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie werden

uns gern begleiten! Sie fühlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich

danke Gott dem Herrn, daß er Sie in unser Haus geführt!«

Wieder drückte Fräulein von Sprendlingen die Lippen auf die schlanken

Finger Gundulas.

»Wo könnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer Nähe, Frau Gräfin,

gleichviel, wohin Sie mich führen! So neu wie mir diese Welt auch noch

ist, so lieb ist sie mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar

getraut werden? Müssen wir alle in das Nachbardorf zur Kirche?«

»O nein!«

»Aber drunten bei uns am Strande ist keine!«

»Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im Turm drüben?«

»Eine Kapelle? Hier in der Burg?«

»Wir benutzen sie für gewöhnlich nicht, um dem Pfarrer den sehr

unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen, auch müßte er zweimal an

jedem Sonntag predigen, in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu

ihm! Bei außergewöhnlichen Gelegenheiten aber kommt er hierher, und

Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.«

»O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm für die

Hochzeitsgesellschaft!«

»Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem Wagen holen, die

Kirche wird geschmückt ...«

»O, herrlich! Wer besorgt das?« --

»Immer der, der fragt!« neckte die Bärin von Hohen-Esp. »Die Guirlande

nagelt freilich einer der Knechte über die Tür, und die Tannenbäumchen

stellt wohl die Mamsell mit den Mägden um den Altar herum auf, aber wenn

sich sonst noch ein paar geschickte Händchen finden wollten, den Altar

selber recht schön und poetisch zu schmücken, so wäre mir das sehr lieb,

denn für gewöhnlich war das meine Sorge, welche ich jetzt aber gern

jüngeren Kräften überlassen möchte!«

Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. »O, wie danke ich Ihnen für

diese reizende Pflicht, Frau Gräfin, und wie freue ich mich darauf, die

Kapelle zu sehen!«

»Wenn die Mägde morgen früh mit Fegen und Scheuern fertig sind, soll man

Sie rufen, liebe Gabriele! Sie sorgen wohl selber im Garten für die

Blumen! Kaiserkronen, Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch noch

Krokus und Fürwitzchen, -- nehmen Sie alles, was Sie brauchen, die

Sträuße können dann später noch auf den Hochzeitstisch gebracht werden.«

--

Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen.

Spät erst kehrte Guntram Krafft heim.

Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gräfin vor, sondern schritt

sogleich nach seinem Zimmer hinauf.

Auch Frau Gundula ward müde, küßte Gabriele auf die Stirn und sagte ihr

»Gute Nacht«.

Wie allabendlich begleitete sie das junge Mädchen erst nach seinem

Erkerstübchen.

Ganz erschrocken wich Gabriele zurück.

»Was ist das?« fragte sie betroffen.

Die Gräfin lachte und entzündete ihr Licht an der brennenden Kerze auf

dem Toilettentisch. »Das ist der Wind! -- Hörten Sie ihn noch nie um

alten Gemäuer sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da braust

es in allen Tonarten von der See herüber. Ich fürchte, die Nacht wird

schlimm, -- aber Gottlob ist niemand von unsern Leuten draußen. Die

Armen aber, welche auf hoher See mit Wind und Wogen kämpfen! Vergessen

Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, auch das ist so Sitte

auf Hohen-Esp!« --

Das junge Mädchen stand regungslos und starrte nach den spitzen, kleinen

Bogenfenstern, um welche es pfiff und schrillte.

»Fürchten Sie sich, liebes Kind?« Gundula legte zärtlich den Arm um die

weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen Gastin: »O, nicht doch! Sie

sind hier sicher wie in Abrahams Schoß, und es ist heute nur das

Ungewohnte, was Sie ängstigt! Für mich gibt es kaum noch ein

behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen und das ferne

Donnern der See! Auch Sie werden es bald lieb gewinnen! -- Wenn freilich

der Wind zum Sturm und Orkan wird, dann läßt einem der Gedanke an die

Schiffe, welche draußen sind, keine Ruh ... dann kommt die Sorge, ob

Guntram Krafft nicht hinaus muß, Hilfe zu bringen! Aber davon ist heute

keine Rede, -- diesen Wind haben wir oft, sehr oft, wir achten seiner

kaum noch! Falls es ihnen aber lieber ist, Gabriele, will ich die Tür

nach meinem Zimmer öffnen, -- Sie fühlen sich dann nicht so vereinsamt!«

--

»Nein, nein, liebe Frau Gräfin, das wäre noch schöner, wenn ich ein

solcher Hasenfuß sein wollte! Nun, wo ich weiß, was für Stimmen da

draußen lärmen, lachen und rufen, fürchte ich mich nicht mehr vor

ihnen!«

Und als sich nach herzlichem »Gute Nacht« die Gräfin zurückgezogen, trat

Gabriele an das Fenster und blickte in die dunkle Nacht hinaus.

Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen über den Himmel -- die Bäume

drunten bogen sich und ächzten, und die Fensterriegel klappten und

greinten wie mit leisem, wehmütigem Klagelaut.

Gabriele schloß die Vorhänge und begab sich zur Ruhe.

Aber sie fand lange keinen Schlaf.

Ihr war's, als säße sie noch in dem Boot, das auf und ab geschleudert

ward von tosenden Wellen.

Guntram Krafft saß ihr gegenüber und führte das Ruder -- und er sah sie

nicht an, sondern blickte starr geradeaus in die gähnend finstere Nacht

-- und sein Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp, der

ertrunken war um 1503! --

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 81 / 110 题