Sie nickt. »Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.«

Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher auf der Bank lag,

und reichte ihn zu ihr hinüber.

»Ich bitte, legen Sie ihn um. -- In wenig Minuten sind wir am Strande.«

--

Guntram Krafft wandte den Bug des Bootes nach der See hin und strich dem

Lande zu, jeder heranlaufenden See einige Schläge entgegenrudernd,

damit sie das Boot schneller passiere. Wie ruhig er sich bewegte, wie

energisch und sicher seine starken Arme das Fahrzeug regierten!

Und wie schön er aussah!

Nie hatte Gabriele die glänzendste Galauniform eines Mannes besser

gefallen, als dieser schlichte, so wunderbar kleidsame Fischeranzug.

Wie kernig, wie wetterfest und männlich sah der Bär von Hohen-Esp darin

aus, wie edel und kühn sein Antlitz, welches sich soeben noch der

sinkenden Sonne zugewandt und ein Märchen voll schwärmerischer Weichheit

geträumt hatte! --

Gabriele war noch nie auf bewegter See gefahren.

Ihr deuchte das Auf- und Niedergehen des Bootes gefahrvoll und

beängstigend, sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, wie ihre Hände

leise erbebten, wenn ein Schaumkamm hoch aufstieg und drohte, über das

Schifflein hinwegzubranden.

Mit keinem andern Fährmann hätte sie in diesem gebrechlichen Fahrzeug

sitzen mögen, als mit dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr so ruhig und

unbesorgt gegenübersaß, als habe er nur seine herzliche Freude an dem

scherzenden Spiel der Meerfrauen. Und immer stärker sauste der Wind, und

immer schneller schoß das Boot der Küste zu. Guntram Krafft wandte sich

um und blickte nach dem Strand.

Eine jähe Betroffenheit malte sich auf seinen Zügen.

»Die Fischer scheinen uns noch nicht zu erwarten!« sagte er, griff mit

der einen Hand hastig in die Tasche und führte eine Torpedopfeife an die

Lippen.

Niemand zeigte sich in den Dünen.

»Wir müssen landen, -- es wird immer kühler, und der Wind kommt auf!«

»Sind wir noch nicht zur Stelle?«

Das Boot schoß auf den Sand und saß mit hartem Rucke fest; eine kräftige

Welle schoß über und übergoß es mit einem Spritzer.

Guntram Krafft stand aufrecht und blickte noch immer hilfesuchend nach

dem Strand. Dann warf er die Riemen hin und sagte zu Gabriele, indem er

sich aus dem Boot schwang: »Wir haben leider keinen Landungssteg hier.

Die Brandung duldet ihn nicht. Das Boot liegt aber noch halb im Wasser.

Sie müssen gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich Sie diese paar Schritte

an Land trage!«

Gabriele fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß, aber sie erhob

sich und trat sehr ruhig an den Rand des Kahnes.

»Das wäre sehr freundlich, Graf, meine Schuhe sind nicht auf Waten

eingerichtet.«

Er stand halbabgewandt, legte den Arm um sie, ohne sie anzusehen, und

hob sie an seine Brust.

Mit sehr hastigen Schritten erreichte er den trockenen Strand und ließ

die junge Dame sanft hinabgleiten. Droben in den Dünen erschienen im

Laufschritt die Fischer.

»Wollen Sie die Güte haben, vorauszugehen, wir müssen das Boot erst

bergen!« -- Seine Stimme klang rauh, atemlos.

»Ich habe Ihnen so viele Mühe gemacht, Graf, ich danke Ihnen von

Herzen!« Sie reichte ihm die Hand hin, und er umschloß sie mit kurzem,

krampfhaftem Druck. Er murmelte ein paar Worte -- sie verstand sie

nicht, der Wind brauste daher, und Gabriele eilte geneigten Hauptes zur

Burg.

* * * * *

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 78 / 110 题