Wenige Augenblicke, nachdem Gabriele sich so wenig höflich von Guntram
Krafft abgewandt hatte, trat Frau von Sprendlingen zu ihrer Tochter
heran und flüsterte ihr ein paar inhaltsschwere Worte in das Ohr.
Der breitgehaltene Fächer dämpfte den Klang derselben und verdeckte das
Gesicht der Generalin, aber man bemerkte trotzdem, daß sie erregt und
sehr energisch sprach.
Über Gabrieles reizendes Gesicht flog ein Schatten.
»Es war ja ein Glück, daß die Musik just schwieg.«
»Mama! Warum soll ich mit ihm tanzen? Es hat gar keinen Zweck!
Begeistern werde ich mich nie für das Muttersöhnchen -- warum also seine
lächerliche Sympathie für mich durch irgend welche Höflichkeit nähren?«
»Es ist hier nicht Zeit und Ort, darauf zu antworten; ich befehle dir
jedoch, den Grafen nicht unfreundlich zu behandeln, wenn er sich dir
noch einmal nähern sollte! Hörst du, Gabriele? Ich verlange und fordere
es von dir als ein Zeichen deiner Liebe für mich!«
Die junge Dame seufzte leicht auf.
»Ach, hätte Frau Gundula doch etwas Besseres getan, als ihrem Baby die
verlorenen Taler wieder zusammengespart! Je nun ... ich werde versuchen,
mich dem Reigen um diesen modernsten Götzen anzuschließen!«
»Frau Gundula handelte vortrefflich, indem sie für ihren Sohn sorgte,
aber der alte Herr von Heidler, der die Güter verpraßte, anstatt sie
seinem Erben zu erhalten ... wie handelte der?«
Gabriele kannte den scharf ironischen Zug um die Lippen der Mutter, sie
zuckte beinahe wehmütig die schönen Schultern: »Geld macht ja doch nicht
glücklich, Mama, -- und es ist doch tausendmal besser und moralischer,
einen armen Mann aus Liebe, als wie einen reichen aus Berechnung zu
heiraten!«
»Narrheit! Wenn du doch endlich merken wolltest, daß gerade der >arme<
Mann viel zu klug und kaltherzig ist, um je aus Liebe ein unbemitteltes
Mädchen zu freien!«
»Ich bin ja nicht unbemittelt, Mama!«
Frau von Sprendlingen biß momentan wie in großer Nervosität die Zähne
zusammen. »Gleichviel, du tust, wie ich dir befehle!« sagte sie kurz,
voll ganz ungewohnter Strenge, klappte den Fächer zu und wandte sich mit
liebenswürdigstem Lächeln wieder ein paar Damen und Herren zu, welche
sie schon seit Beginn des Festes wie den Stein der Weisen gesucht
hatten! --
* * * * *
Man hatte sich zu Tisch gesetzt.
Gräfin Thea bemerkte es zu ihrem großen Verdruß, daß Graf Hohen-Esp sie
nicht engagierte, so nahe sie es ihm auch gelegt hatte, daß sie das
Souper »vorsichtigerweise« noch freigehalten habe.
Guntram Krafft reagierte nicht darauf. -- Als er direkt nach seiner
Extratour mit ihr zu Gabriele schritt und »beinahe« mit ihr getanzt
hätte, grub Gräfin Sevarille die Zähnchen recht ärgerlich in die Lippen.
War denn der naive Schwärmer unverbesserlich, daß er so schnell den
fatalen Eindruck, den die »Verlobung« des Fräulein von Sprendlingen auf
ihn gemacht, abschüttelte und nach wie vor nach einem Zipfelchen ihrer
Schleppe haschte, um es als blinder Sklave durch die Saison zu tragen?
Seltsam, seine erst so melancholische Stimmung schien der strahlendsten
Laune Platz gemacht zu haben, welche selbst der »entgleiste« Walzer mit
der Angebeteten nicht zu trüben vermochte.
Der Graf kehrte ebenso heiter und guter Dinge zu ihr zurück, als wie er
von ihr gegangen, schien absolut kein Verständnis für die kleinen
Bosheiten zu haben, welche Thea so geschickt auf Fräulein von
Sprendlingen in Anwendung brachte, und bei welchen ihr ein paar
verblühte Präsidententöchter und ein sehr dicker Jagdjunker eifrigst
sekundierten. Er stand während der nachfolgenden Française vor dem
erhöhten Wandpolster und folgte dem Tanz mit sichtlichem Interesse, dann
sprach er noch recht lebhaft mit einem Ministerialrat, und als Gräfin
Thea für etliche Minuten durch eine sehr amüsante Konfusion in Anspruch
genommen ward und danach wieder verstohlen nach dem Bär von Hohen-Esp
ausschaute, war derselbe zu ihrem nicht geringen Schrecken spurlos
verschwunden!
Gerade jetzt, wo es zum Souper ging und Thea sich schon einen
scharmanten kleinen Trick ausgedacht hatte, um sich den bis jetzt so
unhöflich verweigerten Arm des Grafen zu erzwingen.
Wohin war er verschwunden?
Voll nervöser Unruhe schaute die junge Dame zuerst nach Gabriele aus und
sah es zu ihrer großen Genugtuung, daß dieselbe am Arme Heidlers den
Saal verließ.
Das beruhigte sie ein wenig, aber fatal war es momentan doch, daß sie
über keinen Tischherrn verfügte.
Ein blutjunger Artillerist schaute sich suchend um und trat hastig
näher.
»Sind Komtesse etwa nicht engagiert?«
»Selbstredend, -- aber man scheint mal wieder Konfusion gemacht zu haben
--«
»Darf ich gehorsamst bitten?« --
Etwas übellaunig und zögernd legte Thea die Hand auf den Arm dieses so
sehr nichtssagenden und unbedeutenden Tischherrn. Seit zwei Jahren
Leutnant! Gräßlich! So ein Gelbschnabel ohne jedweden goldenen
Hintergrund rechnete bei ihr überhaupt nicht mit.
»Ich hatte mich mit Graf Hohen-Esp für denselben Tisch verabredet, Herr
von Stark!« sagte sie schnell. »Der Graf ist fremd hier und wird gewiß
hilflos umherirren und in den diversen Galerien nach mir suchen! Lassen
Sie uns dem Ärmsten zu Hilfe kommen ...«
»Graf Esp? Haha ... moderner Parzival ... haha ... wird wohl schon
seinen Platz an König Artus Tafelrunde gefunden haben! Müßte mich sehr
irren, wenn er nicht von einem der Kammerherren in den Thronsaal
beordert ist! Was denken Komtesse? Der Mann ist ja Landstand! Trotz
seiner Hinterwäldlerart! -- Die Güter verschaffen ihm Sitz und Stimme!
-- und wir ... haha ... in die Ecke, alter Besen! -- Aber darum wollen
wir in unserem Turmstübchen doppelt fidel sein! -- Darf ich bitten,
Gnädigste ... wir bekommen sonst überhaupt keinen Platz mehr!« --
Thea zog die Brauen sehr ungnädig zusammen und folgte in denkbar
schlechtester Laune. Welch ein Pech, daß der naive Neuling nicht
rechtzeitig daran gedacht, sie zu engagieren -- im Thronsaal sitzen ist
just das, was Gräfin Sevarilles Ehrgeiz endlich einmal befriedigen
würde.
Dennoch wird es ihr in diesem Augenblick klarer wie je, daß Graf Guntram
Krafft es sein soll und muß, welcher sie das nächste Mal nicht nur an
die Tafel der höchsten Herrschaften, sondern baldmöglichst auch als
Herrin und Gebieterin in die Burg seiner Väter führen soll.
Daß die alte Bärin in derselben noch ihre despotische Herrschaft führt,
beunruhigt Thea durchaus nicht, denn wenn sie erst an der Seite des
gutmütigen und willenlosen Gatten zu befehlen hat, wird sich gar manches
ändern!
Die junge Dame hat schon ihren Plan fix und fertig ausgearbeitet, und
der moderne Parzival und Frau Herzeleide spielen eine verschwindend
kleine Rolle darin.
Graf Guntram Krafft gefällt ihr ja ganz gut, ja, sie müßte lügen, wenn
sie ihn nicht hübsch fände, aber Thea Sevarille ist viel zu modern
erzogen, ist viel zu sehr ein Kind ihrer übervernünftigen Zeit, um dem
Herzen jemals eine bestimmende Macht in ihrem Leben einzuräumen.
Alles, was sie denkt und tut, ist sehr vernünftig, und wenn
zufälligerweise das Herz mit der Klugheit Hand in Hand geht, so ist es
ein Vorteil mehr, mit welchem sie rechnen kann!
Aber zu der »ungeheuren Fröhlichkeit«, welche Herr von Stark für ihre
»unterste Ecke« prophezeit hatte, steuerte sie an diesem Abend wenig
bei.
* * * * *
Währenddessen hatte Guntram Krafft mit hochklopfendem Herzen hinter
seinem Stuhl gestanden und Fräulein von Sprendlingen entgegengeschaut.
Am Arm des Herrn von Heidler nahte sie, das sonst so kühle und spröde
Antlitz rosig überhaucht und seltsam belebt, die herrlichen, wundersamen
Nixenaugen zu ihrem Partner erhoben, so strahlend und bewundernd, daß
dem Bär von Hohen-Esp der Atem stockt. Und als sie ihre Plätze erreicht
haben, mustert der Dragoner den unvermuteten Nachbar mit einem seiner
finster blitzenden, beinahe beleidigend arroganten Blicke und sagt laut:
»Na nu! was ist denn das? An Ihrer Seite hatte doch Hardenstein belegt,
mein gnädiges Fräulein?« --
Schon steht der Haushofmeister neben dem Sprecher und verneigt sich sehr
devot.
»Um Entschuldigung, Herr Leutnant! Wir mußten auf Befehl noch Plätze
einschieben!«
»Hätten Sie auch mehr an der Ecke besorgen können!« zuckt Heidler in
seiner rücksichtslosen Art die Schultern und fügt brüsk hinzu: »Na -- es
hilft nichts, Fräulein Gabriele, nehmen wir Platz! Ist ja schließlich
auch gleichgültig.«
Die junge Dame nickt und lächelt, wirft den Fächer auf den Tisch und
läßt sich müde auf den Stuhl nieder, daß die starren Seidenfalten unter
dem duftigen Goldflor leise aufrauschen.
Ihr Blick trifft den Bär von Hohen-Esp, und die Augen blicken wieder so
kalt -- so unsagbar kalt und abweisend drein, daß all die frohe, heitere
Zuversicht des jungen Grafen sich an ihnen zu Tode friert. Aber sie
erwidert wenigstens durch eine kaum merkliche Neigung des reizenden
Köpfchens seinen stummen Gruß.
Während der ersten Zeit hat Fräulein von Sprendlingen kein Wort und
keinen Blick für ihren Nachbar, sie plaudert leise und lebhaft mit Herrn
von Heidler, wie Guntram Krafft aus vereinzelten lauten Worten des
jungen Offiziers entnehmen kann über Reiten und Sport.
Erst als das Gespräch allgemein wird und sich um die letzten Rennen
dreht, welche der Dragoner mit viel Erfolg mitgeritten hat, wendet sich
Gabriele recht gezwungen, ja beinahe widerwillig zu Graf Hohen-Esp und
fragt ihn, ob er auch ein passionierter Reiter sei?
Ihre erst so leuchtenden Augen werden wieder so kühl und gleichgültig,
daß den Gefragten dasselbe Gefühl der Befangenheit überkommt, welches
ihn in Gabrieles Nähe kaum noch verläßt.
Das Blut steigt ihm in die Schläfen.
»Reiten?« wiederholt er zögernd, »gewiß reite ich täglich auf die Felder
oder in den Wald hinaus, je nachdem es meine Tätigkeit als Landwirt
bedingt! Wir verfügen jedoch nur über Pferde, welche mehr dauerhaft wie
elegant sind, denn wir brauchen in erster Linie Arbeitspferde, aber
keine Vollblüter!«
»Dann ist das Reiten allerdings weder ein Sport noch ein Vergnügen!«
zuckt Fräulein von Sprendlingen die Achseln, und ihre Augen sehen aus
wie die klare See, wenn jähe Wolkenschatten sie dunkel färben, -- Herr
von Heidler aber lacht mit gedämpfter Stimme auf und fügt hinzu:
»Donnerwetter, nein! ein Hürdenrennen auf einem Ackergaul gibt es
nicht!« --
Gabriele sieht den Graf scharf an.
Wird er auf solch beleidigenden Spott eine stolze, energisch abweisende
Antwort haben? Nein, das Muttersöhnchen lacht mutig mit und findet es
entschieden viel zu gefährlich, mit dem schneidigen Dragoner Händel zu
bekommen, er sagt sogar ganz zustimmend: »Ich möchte es wenigstens nicht
versuchen! Selbst auf einem Ihrer gut trainierten Renner nicht, Herr von
Heidler! Das Reiten ist eine Kunst, welche gelernt und viel geübt sein
will, -- beides habe ich bisher versäumt!«
»Es gehört auch recht viel Courage und Schneid dazu, um auf der Rennbahn
etwas zu leisten!« lächelt Gabriele beinahe verächtlich und mustert noch
widerwilliger wie zuvor ihren Nachbar, welcher so hünenhaft groß und
gewaltig neben ihr sitzt und doch so kläglich vor ihrem kritischen Blick
zusammenschrumpft, wie ein Schatten vor der Sonne. --
Auch diese Ironie scheint der zahme Bär entweder nicht zu verstehen,
oder er hält es für praktischer, den Harmlosen zu spielen.
»Gewiß, mein gnädiges Fräulein! Es gehört viel persönlicher Mut dazu, um
flott über alle Hindernisse hinwegzugehen, denn leider gibt es jährlich
wohl traurige Beweise genug, daß auch der Turf seine Opfer fordert.«
»_Traurige_ Beweise?« Heidler klemmt das Monokel ein und zieht die
narbige Stirn in Falten: »Es ist meiner Ansicht nach nie traurig, wenn
ein Mann sich in seinem Beruf aufopfert und einen frischen, schönen
Reitertod stirbt! Gäbe es keine Gefahr bei Mauern und Gräben, würden
sie jedweden Reiz für mich verlieren!«
Gabrieles Blick leuchtete wie verklärt zu dem Sprecher auf, und Guntram
Krafft nickt zustimmend vor sich hin und sagt leise: »Ja, es ist
seltsam, daß gerade die Gefahr einen so seltsamen Reiz ausübt!« und
er denkt dabei an sein wildes donnerndes Meer und an das gebrechliche
Lotsenboot, welches er auf Tod und Leben in die Brandung hinaustreibt.
Gabriele kann aber diese Gedanken nicht von seinem geneigten Antlitz
ablesen, sie glaubt nur ein gewisses zaghaftes Gruseln aus seinen
Worten herauszuhören, und ihr Blick flammt beinahe verächtlich zu ihm
auf.
»Wenn Sie nicht reiten -- was tun Sie sonst den ganzen Tag auf
Hohen-Esp?« --
Er lacht, als ob ihn diese Frage amüsiere: »Ich bin der erste Arbeiter
meiner Mutter und schaffe das Meine; wissen Sie nicht, daß es auf dem
Lande unendlich viel zu tun gibt, wenn der Gutsherr nicht auf der
faulen Haut liegt, sondern selber Hand anlegt, wo und was es auch
sei?« --
Sie verzieht den Mund noch ironischer. »Ich kenne das Landleben nur vom
Hörensagen und halte das Säen, Pflügen und Dreschen für recht harmlose
Beschäftigungen. Irgendeinen Sport üben Sie gar nicht aus?«
Er sieht abermals sehr betroffen, beinahe verlegen aus, und dieser
Ausdruck im Gesicht steht ihm nicht.
»Ich weiß nicht recht, was Sie unter Sport verstehen, mein gnädiges
Fräulein! Wenn meine Arbeit getan ist, gewährt es mir viel Freude und
Genugtuung, auf der See zu rudern oder zu segeln!«
»Also -- also doch eine Art Wassersport! Das ist ja jetzt auch modern!«
»Lieben Sie das Meer?«
Sie schüttelt unendlich gleichgültig den Kopf.
»Nein! Ich habe nicht das mindeste Interesse dafür. So eine ewig
gleiche, endlose Wasserfläche ist für mich unaussprechlich öde und
reizlos!«
Mit weit offenen Augen starrte er sie an.
»Kennen Sie die See? Haben Sie schon einmal längere Zeit am Strande
gelebt?«
»Nein! Gott sei Dank, wir mußten ja nach acht Tagen schon wieder von
Heringsdorf abreisen, weil meiner Mutter die Luft nicht bekam. Ich
denke mit großer Gleichgültigkeit an diese acht Tage voll blendender
Sonnenglut, gelben Sandes und beinahe regungsloser Wasserfläche zurück.
-- Später suchten wir im Sommer nur noch Quellenbäder auf, und ich habe
mich nie nach Heringsdorf zurückgesehnt!«
Noch immer starrte er sie an wie eine Vision. »Sind Sie im Boot
gefahren?«
»Gewiß! Abends ruderten uns meine beiden Vettern in die >blaue
Unendlichkeit< hinaus, und wir schaukelten eine Zeitlang auf dem
Wasser, sangen: >Das Meer erglänzte weit hinaus!< und sahen die Sonne
am Horizont verschwinden, -- einen Tag wie den andern ...«
»Schwefelgelb und still und lautlos wie eine Apfelsine auf
Gummischuhen!!« -- warf Herr von Heidler mit übermütiger Grimasse ein,
und ein schallendes Gelächter erhob sich im Kreise.
Nur Guntram Krafft lachte nicht mit.
Er starrte in sein Sektglas nieder und sah aus wie ein Mensch, welcher
vor einem großen, unlösbaren Rätsel steht.
»Und einen Sturm, einen großen, gewaltigen Sturm sahen und erlebten Sie
nie?« fragte er.
»Nein! Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß das Wasser, welches
immer so glatt dalag wie ein Tischtuch, mal zornig aufbrausen kann!
All die Seegeschichten, welche man hört oder liest, kann ich nie recht
glauben, denn mir fehlt die Phantasie, um sie mir auszumalen!«
Heidler hob sein Sektglas und sah tief und leidenschaftlich mit einem
seiner zündenden Blicke in Gabrieles Auge.
»Soll ich den Sattel an den Nagel hängen? Soll ich ein Seemann werden,
und kommen Sie mit auf die weiten Meere hinaus, den fliegenden
Holländer zu suchen?« --
Heiße Glut flammt über ihr Antlitz, die rosigen Lippen beben, und in
ihren Augen steht die Antwort geschrieben, -- aber sie beherrscht sich,
schüttelt mit leisem Lachen das Köpfchen und antwortet: »Wenn Sie
aufhören wollten zu reiten, würden Sie ein Verbrechen an dem modernen
Heldentum begehen, und das würde ich Ihnen am allerletzten verzeihen!
-- Was wollen Sie auf dem Wasser? Da gibt es keine Lorbeeren zu holen
...«
»Erlauben Sie, meine Gnädigste! Die jüngsten, welche auf Chinas Boden
sproßten, holte sich unsere Marine!«
»Die Marine! ja die!!« zuckte Gabriele die Schultern.
»Die besteht auch aus Soldaten und mutigen Männern, welche den Feind
zu Schiff aufsuchen, weil sie ihn zu Lande nicht erreichen können!
Die Marine imponiert mir fraglos, aber die Sportsmen, welche bei
hellem Sonnenschein ein wenig die Ruder führen und in idyllischen
Sommernächten eine Segelpartie machen, die können doch unmöglich mit
unseren verdienstvollsten Männern rangieren!«
Der Blick der Sprecherin traf wie eine kühne Herausforderung den Bären
von Hohen-Esp, welcher schweigend an ihrer Seite saß und vor sich
nieder auf das Fürstenwappen inmitten seines Tellers sah, -- er sah
nicht den Ausdruck ihres Auges, er hörte nur ihre Worte, und sein erst
so heiß gerötetes Antlitz ward um einen Schein blasser.
Die Umsitzenden hatten sehr betroffene Blicke gewechselt, Heidler
murmelte sehr amüsiert: »Alle Wetter, mein gnädiges Fräulein, das war
deutlich!« Dann lenkte ein gegenübersitzender Kammerjunker das Gespräch
voll nervöser Hast auf ein anderes Thema und verwickelte Guntram Krafft
voll besonderer Liebenswürdigkeit in ein Gespräch.
Gabriele aber warf triumphierend das reizende Köpfchen zurück und
wandte sich wieder ausschließlich zu Heidler.
»Er _mußte_ einmal meine aufrichtige Meinung hören!« flüsterte sie
erregt, »es ist ja eine Schande, wenn ein Mensch, welcher wahrlich
gewachsen ist wie ein Parzival, gar nicht zum Bewußtsein seiner
Bärenkräfte kommt und >das Eisen in der Halle rosten< läßt, anstatt es
zu Ruhm und Ehren seines Vaterlandes im Feuer zu schmieden!«
Herr von Heidler gehörte zu den Menschen, welche ihr Licht mit Vorliebe
auf Kosten anderer leuchten lassen, und da es seiner Eitelkeit
schmeichelte, von dem reizendsten aller jungen Mädchen als Held
gefeiert zu werden, so löschte sein scharfer Witz noch das letzte
Fünkchen Sympathie, welches in Gabrieles Herzen für den Bären von
Hohen-Esp geleuchtet hatte.
Das Souper näherte sich seinem Ende, und als man sich erhob, wieder
nach dem Tanzsaal zurückzuschreiten, wandte sich Fräulein von
Sprendlingen zum erstenmal wieder an ihren Nachbar zur Rechten und
erwiderte seine stumme Verneigung nur durch ein kurzes, flüchtiges
Nicken.
Sie wollte ihn nicht ansehen, aber ganz zufällig streifte ihr Blick
dennoch sein schönes Antlitz und traf sein Auge.
Welch ein Ausdruck darin!
Nicht mehr das strahlende Entzücken, wie es ihr sonst daraus
entgegengelacht, sondern eine schmerzliche, vorwurfsvolle Trauer, wie
ein herb getadelter Knabe dreinschaut, ehe er anfängt zu weinen!
Mit jäher Bewegung wandte sich Gabriele ab.
Laut auflachen hätte sie mögen!