Die Zeit verging, -- für Gundula schleichend, mit bleiernen Flügeln,
für ihren Gatten in wirbelndem Tanz.
Da es der Gräfin in das Herz schnitt, unter so gänzlich veränderten
Verhältnissen auf Hohen-Esp zu weilen, so hatte sie eigentlich darauf
verzichten wollen, in diesem Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort
zu reisen, da trat jählings ein Ereignis ein, welches das bleiche
Antlitz der müden jungen Frau in schier blendende Sonnenhelle tauchte.
Anfänglich wagte sie es kaum, an ihr verspätetes Glück zu glauben, ihr
Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre Seele jauchzte in Hoffnung,
und auf ihren Wangen blühten wieder Rosen auf, ihre Lippen lächelten
wie im Traum. Friedrich Karl beobachtete überrascht und erfreut die
sichtliche Veränderung seiner sonst so resignierten Frau, und als er
sich eines Tages sogleich nach dem Diner mit scherzenden Worten und
einer kleinen Galanterie über ihre leuchtenden Augen und blühenden
Wangen zurückziehen wollte, -- da hielt sie sanft seine Hände fest,
führte ihn nach ihrem dämmrig stillen Salon und warf sich voll bebender
Erregung an seine Brust.
»Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und frägst doch
nicht nach der Ursache, welche mich neu aufleben läßt in übergroßer
Seligkeit?«
Überrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf dem Diwan Platz
und murmelte betroffen: »Ich verstehe dich nicht, Gundula ... hast du
etwa das große Los gewonnen?«
Sie lachte unter Tränen. »Nur das große Los? Ach, was bedeutet alles
Geld und Gut der Welt gegen unser Glück?!«
Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem schönen Haupt. »Sprich, Liebling
... foltere mich nicht!«
Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm und flüsterte ihm
ein paar Worte in das Ohr.
»Gundula!« -- schrie er beinahe auf: »Gundula -- ist das Wahrheit? --
Uns sollte ein Erbe geboren werden -- ich sollte noch ein Kind auf den
Armen wiegen?«
Er sprang empor, er stürmte im Zimmer auf und nieder, und dann bedeckte
er ihre Hände, ihr verklärtes Gesicht mit brennenden Küssen.
»Ja, das ist ein unerwartetes Glück, Gundula!« jubelte er, »nun ist ja
dein heißester und sehnlichster Wunsch erfüllt!« --
»Und der deine nicht auch?«
Wie ein Erbleichen ging es über sein erhitztes Gesicht, er sah sie
nicht an, sondern preßte die Wange gegen ihre Hand.
»Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir gleichgültig sei, ob
die Hohen-Esps aussterben oder nicht! Neun Jahre lang hatte ich
mich freilich an diesen Gedanken gewöhnt ... ich rechnete mit jeder
Möglichkeit, nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!«
Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch über die perlende
Stirn, dann lachte er abermals hell, beinahe übermütig auf und fuhr
fort: »Ja, nun müssen wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp
fahren, damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und
Allongeperücke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze Glück erzählen
kannst, daß ihnen ein Urenkel geboren werden soll, daß Gräfin Gundula
der alten Bärenburg für einen jungen Bären sorgen will!« --
»Und wenn es eine Bärin ist?«
»Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu hüten«, lächelte er galant,
und dann küßte er die Lippen seiner Frau und setzte die elektrische
Klingel in Bewegung, um dem Diener zu sagen, daß er heute abend zu
Hause bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden mit der
Meldung, daß der Herr Graf heute verhindert sei zu kommen. --
Gundula aber faltete die bebenden Hände und schloß lächelnd die Augen
... kam es noch einmal zurück, das Glück, das große, märchenhafte Glück
von ehemals? -- --
-- -- -- Als der Gräfin lächelndes Antlitz sich zum Schlaf in die
Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl ruhe- und rastlos in seinem
Zimmer auf und nieder.
Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen Brief, welcher den
Administrator anwies, sofort dem Abholzen der Hohen-Esper Waldungen
Einhalt zu tun.
Er hatte sich in sehr mißlicher Lage befunden und nach kurzem Kampf
den Befehl gegeben, die herrlichen Buchenwaldungen um die Burg herum
schlagen zu lassen, -- hatte doch Gundula geäußert, daß sie keinen
Aufenthalt wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie schämte sich vor all
den Ahnherren im Saal, daß sie ihnen noch immer keinen Stammhalter
zuführen könne!
Das war nun anders geworden!
Jetzt, nach neunjähriger Ehe! Wer hätte das gedacht!
Nun war Gundulas Liebe für den alten Ahnensitz neu entflammt, und auf
keinen Fall durfte sie die Verwüstungen in ihren geliebten Wäldern
erblicken!
Das war ein recht fataler Zwischenfall!
Was sollte er nun beginnen?
Seine Lage war von Jahr zu Jahr schlechter geworden, ach, Gundula ahnte
es nicht, _wie_ schlecht!
Er mußte absolut eine bedeutende Summe flüssig machen, um eine
Spielschuld zu bezahlen!
Infam! er hatte während der letzten Zeit so viel Pech gehabt, und wenn
er einmal gewann, so rannen die Dukaten wie Wassertropfen durch die
Finger! Es ist seltsam, daß in Spielgewinnen so gar kein Segen steckt!
Es wäre auch richtiger gewesen, wenn er das gewonnene Geld angelegt
hätte, anstatt es jedesmal zu verjubeln, ... aber du liebe Zeit! Für
wen hätte er sparen sollen! Wie konnte er ahnen, daß noch einmal Kinder
kommen würden!
Je nun, das muß jetzt alles anders werden. Er wird diese eine
Spielschuld noch bezahlen und dann mit allem Ernst danach trachten,
seine Verhältnisse wieder zu arrangieren! Er muß noch eine Hypothek
auf Hohen-Esp aufnehmen!
Walsleben, Mönchhagen und Gottern sind bereits derart belastet, daß er
mit diesen Gütern kaum noch rechnen kann, und das Kapital ist lange
verbraucht, ebenso das Erbe seiner Frau!
Friedrich Karl stöhnt leise auf, schlägt die Hände vor das Antlitz und
sinkt in einen Sessel nieder.
Wie Gundula sich auf das Kind freut! Ihr Antlitz ist wie verklärt --
ihr ganzes Wesen atmet jauchzende Glückseligkeit!
Kann auch er sich auf einen Erben freuen? Im ersten Rausch der
Überraschung tat auch er es! -- gewiß! -- welch eines Mannes Herz
schwellt nicht Stolz und Genugtuung, wenn er Vater werden soll!
Ja, er freute sich wie ein Trunkener, -- ohne jede Überlegung, -- die
rührende Ergriffenheit seiner guten Frau steckte auch ihn an!
Aber jetzt, in der stillen, einsamen Nacht, bei nüchterner Überlegung,
da schleicht sich in dieses Glücksgefühl eine beklemmende Angst, die
sorgende Frage: was soll aus dem Kind werden?
Wie willst du es ernähren? Von was einst standesgemäß unterhalten?
Was antworten, wenn einst der Sohn den Vater fragt: »Wo blieb das
Erbe meiner Väter?« Welch ein bitterer, qualvoller Vorwurf! Graf
Friedrich Karl will ihn nie hören, -- nie! -- Er will, er muß es wieder
einbringen, was er vergeudet hat! --