»Wenn ein Mädchen einen reichen Mann bekommt, ist es immer glücklich
verheiratet!« hatte der alte Kammerherr von Wahnfried gesagt und dabei
die weißbuschigen Augenbrauen noch grimmiger zusammengezogen wie sonst.
»Gundula kann Gott danken, daß der Bär von Hohen-Esp sie zum Weibe
begehrt! Ist wohl kein Nest so weich gepolstert wie das seine, und
wenn man den Grafen ansieht, lacht selbst solch altem Kerl wie mir
das Herz im Leibe; wieviel mehr meiner jungen Tochter, die sich ihr
Männerideal nach Romanbüchern gebildet hat! Na, und in den Büchern sind
die gräflichen Freier meist jung, schön, reich und ritterlich, just so
wie Friedrich Karl von Hohen-Esp!« --
Die alte Dame, welche dem Sprecher gegenübersaß, richtete sich noch
straffer empor und legte die großen, kräftigen, schneeweißen und
ungeschmückten Hände im Schoß zusammen.
Ihre klaren, durchdringend ernsten Augen hefteten sich ruhig auf die
hünenhafte Gestalt des Bruders, welcher auf seinen Krückstock gestützt
vor ihr stand und sie schier herausfordernd anblickte.
»Jung, schön, reich und ritterlich!« wiederholte sie langsam, »ja, das
ist er, -- aber er ist noch mehr, und dieses >mehr< will mir nicht
behagen.«
»Und das wäre, meine Allergnädigste?« Der Kammerherr mußte sich des
gichtgeschwollenen Fußes wegen auf den Stock stützen, er konnte nicht
den grauen Schnauzbart seiner Angewohnheit gemäß mit ungestümem Ruck
emporstreichen, aber seine Muskeln arbeiteten desto kräftiger in dem
scharfgeschnittenen Gesicht, so daß sich die starren Haare auf der
Oberlippe sträubten wie in zornigem Aufbegehren.
Alle fürchteten dieses Anzeichen bei dem alten Herrn, nur Fräulein
Agathe von Wahnfried nicht. Sie glättete mit der Hand die rauschenden
Seitenfalten ihres Kleides und antwortete voll unerschütterlicher Ruhe:
»Graf Friedrich Karl ist leichtsinnig. Er ist durch und durch Lebemann,
-- die große Welt, in welcher er, der Frühwaise, so jung schon,
selbständig ward, droht sein Verderben zu werden.«
»So! -- Inwiefern, wenn man fragen darf?«
»Weil er sich ruiniert, -- weil er über seine Verhältnisse lebt!«
Der Kammerherr lachte hart auf.
»Ein Hohen-Esp sich ruinieren! Ein Hohen-Esp über seine Verhältnisse
leben! -- Ahnst du, wie reich der Mann ist?«
»Man kann in einer einzigen Nacht Hunderttausende verspielen!«
»Tut er aber nicht!«
»Tut er doch! -- Der Graf ist ein leidenschaftlicher Spieler.
Möglicherweise hat er bis jetzt Glück am grünen Tisch gehabt, -- wenn
das aber einmal aufhört, wird er sich und die Seinen rücksichtslos an
den Bettelstab bringen!«
»Lächerlich! -- Es gibt keinen vernünftigeren Mann wie Hohen-Esp! Bei
Whist und Ekarté macht man sich nicht bankrott! Ich als Mann dürfte
wohl mit den Gepflogenheiten des Grafen besser Bescheid wissen, wie
eine alte Jungfer! Was in deinen Weiberkaffees zusammengeklatscht wird,
kümmert mich nicht!«
»Ich habe nie mit einer Dame über den Freier deiner Tochter
gesprochen!« Fräulein Agathe von Wahnfried sah weder gereizt noch
beleidigt aus, ihr großes, gradliniges Gesicht blieb so ruhig
und energisch wie stets. »Hast du dich bei seinem ehemaligen
Regimentskommandeur erkundigt?«
»Nein!«
»Weil du es leider für überflüssig hieltest. Daß der Graf Hohen-Esp ein
Spieler ist, pfeifen die Spatzen auf dem Dache.«
Der alte Herr stieß seinen Krückstock ingrimmig auf das Parkett. »So;
gut; -- ein Spieler. Und was noch weiter? Vielleicht ein Säufer? Ein
Weiberheld ... ein Totschläger ...? He? -- Nur hübsch weiter im Text!«
»Von diesen genannten Eigenschaften ist mir nichts bekannt, --
im Gegenteil, man lobt den jungen Mann als einen sonst sehr
liebenswürdigen und ehrenhaften ...«
»Na, also! Wozu denn das ganze Lamento! Verlangst du etwa, daß ich ihm
einen Korb geben soll, lediglich, weil er mal in fideler Gesellschaft
ein Spielchen macht?!« -- und Herr von Wahnfried nahm seine Promenade
durch den Salon wieder auf, daß der Krückstock auf dem Parkett dröhnte.
»Das wäre mir freilich das liebste, denn das ganze Lebensglück unseres
Lieblings einem Spieler anvertrauen ...«
»Blödsinn! Infamer Blödsinn! Du bist eifersüchtig, du willst das Mädel
überhaupt nicht fortgeben ...«
»Einem Mann, der mir eine glückselige, sorgenfreie Zukunft garantiert
-- sofort! Aber dem Grafen von Hohen-Esp ...?! Nein; wenn _du_
mich fragst, sage ich tausendmal nein, denn ich weiß, daß sie einem
namenlosen Elend entgegengeht!« --
»Sieh mal an! -- Namenloses Elend! -- Nette Zukunftsmusik! Haha!... Na,
und was sagt Gundula selber zu dem riesengroßen Waschkorb, welchen du
für ihren Freier bereitstellst?«
Da seufzte die große resolute Frau zum erstenmal schwer auf, und über
das ernste Gesicht zog es wie tiefe Schatten.
»Gundula ist verblendet!« sagte sie leise, »sie ist ebenso wie alle
anderen von der Schönheit und Liebenswürdigkeit dieses glänzendsten
aller Kavaliere eingenommen! Auch ist sie ideal genug, alles Gold nur
für Schimäre zu halten. Was fragt sie danach, ob er die Dukaten auf
den grünen Tisch wirft ... wenn _er_ selber nur ihr zu eigen bleibt
... man kennt ja die schwärmerische Genügsamkeit verliebter Menschen,
welche sich mit einem Herz und einer Hütte überreich wähnen!«
»Gut! -- Warum also diesen schönen Wahn zerreißen?«
»Weil es nicht immer bei einer Flitterwochenliebe bleibt! Wenn sie ihr
Unglück erst einsieht und begreifen lernt, ist es zu spät!«
»Hast du dich von all dem Unglück, welches dich im Leben getroffen, zu
Boden schlagen lassen?«
»Nein ... ebensowenig wie du; aber Gundula ...«
»Ist unser Fleisch und Blut! Ist eine Wahnfried reinster Rasse; ist
genau dasselbe eisenfeste energische Weib, wie es alle gewesen sind,
welche unser kraftvolles Geschlecht hervorgebracht!«
»Komm einmal her, sieh mal da hinab! Na, gäbe es wohl auf der ganzen
Welt eine bessere Bärin von Hohen-Esp, welche mit stolzen, wehrhaften
Pranken um ihr Glück kämpfen wird?«
Der Kammerherr lachte kurz auf und raffte mit schnellem Griff den
schweren Fenstervorhang zur Seite: »He! Ist das Mädel da unten ein
Mondscheinprinzeßchen, welches ein Wettersturm über den Haufen bläst --
eine Wachspuppe, welche unter ihren eigenen heißen Tränen zerschmilzt?
Ich dächte, nein! Und Graf Friedrich Karl hat wohl genau gewußt, daß
er keine bessere Schirmherrin in seine Bärenburg einführen kann, als
unsere Gundula!«
Tante Agathe hatte sich erhoben und war mit wuchtigem Schritt hinter
den Bruder getreten; ihr Blick flog hinab in den großen Hof, in dessen
Mitte sich ihren Augen ein Bild zeigte, wahrlich dazu angetan, ihr
besorgtes Herz zu beruhigen.
Baronesse Gundula kehrte vom Reiten heim. Sie hatte ihrem kleinen
Groom die Zügel zugeworfen und verabschiedete sich eben noch von dem
Rittmeister von Hammer und dessen Gattin, welche sie begleitet hatten,
als eine hohe Leiter, welche seitlich an dem Hausflügel lehnte, ins
Wanken geriet und mit lautem Krach neben dem Pferde niederschmetterte.
Der Goldfuchs stieg kerzengrad empor und brach in jähem Schreck wild
aus, das Hoftor zu erreichen; machtlos hing der Groom am Zügel und ließ
sich schleifen, dieweil er voll verzweifelter Angst nach dem Kutscher
schrie.
Schon aber war Gundula dem erregten Tier entgegengeeilt.
Mit kraftvoller Hand griff sie zu und drängte den schnaufenden Fuchs
zurück.
Ihre hohe, wundervolle Gestalt, von dem knappen Reitkleid eng
umschlossen, schien aus Stahl und Eisen, energisch, sicher, und doch
bei aller Kraft voll schmiegsamer Grazie stand Gundula neben dem
Durchgänger und zwang ihn zum Gehorsam.
Leuchtend rot stieg das Blut in ihre Wangen, die großen, stahlgrauen
Augen blitzten einen stummen Befehl, und das Pferd schäumte ins Gebiß
und fügte sich gehorsam der Gebieterin.
»Bravo, mein gnädiges Fräulein!« applaudierte der Rittmeister, und
Gundula lachte ihm heiter zu und rief ein paar siegesfrohe Worte.
Wie sie so dastand in dem hellen Sonnenlicht, zeigte es sich besonders
auffallend, wie ähnlich sie in Gestalt und Wesen ihrem Vater und Tante
Agathe war, von welchem die Welt sagte, daß sie energisch bis zur
Starrköpfigkeit, klug und zielbewußt bis zur Rücksichtslosigkeit seien.
»Und _die_ sollte nicht ihren Weg gehen und sich von ein paar
Kartenblättern um Glück und Existenz bringen lassen?«
Wieder lachte der Kammerherr sein dröhnend tiefes Lachen.
»Unbesorgt, Agathe! Ich frage jetzt das Mädel, und will sie ihn -- so
bekommt sie ihn!«
»Ein wildes Pferd zu bändigen, ist wohl leichter, als wie einen
leichtsinnigen Menschen im Zügel zu behalten! Wenn ein Weib liebt, so
ist es schwach und ohnmächtig -- und Gundula wird ihren Gatten lieben!
Sie wird auch an seiner Seite so selbstlos und uneigennützig sein, wie
sie es jetzt ist, und das öffnet dem Bankrott Tür und Tor!« --
Herr von Wahnfried starrte mit wunderlichem Lächeln grad aus. »Sie wird
ihren Gatten lieben -- ja ... Aber nur so lange voll blinder Nachsicht,
bis ein anderer kommt, den sie noch mehr liebt!«
Beinahe entsetzt blickte Agathe auf. »Wie soll ich das verstehen? Wen
könnte sie je mehr lieben wie den Mann ihrer Wahl?«
»Ihren Sohn!« -- antwortete der Kammerherr langsam, voll schweren
Nachdrucks und in seinen tiefliegenden Augen glimmte es wieder so
seltsam wie zuvor: »Eine Bärin ist das gutmütigste Geschöpf der Welt,
welches sich geduldig den Pelz zausen läßt, solange sie nichts anderes
hat, als ihren Meister Petz! Wenn aber erst junge Brut in der Höhle
liegt, dann wird aus dem sanftmütigen und indolenten Weibchen eine gar
wilde, leidenschaftliche Mutter, welche die wehrhaften Pranken hebt und
zerbeißt und zerreißt, was das sichere Nest ihrer Jungen gefährdet! --
Je nun! Auch Gundula wird eine Bärin von Hohen-Esp sein, und wenn sie
zuvor nicht für sich selber kämpfte, für ihre Söhne tut sie es so wahr
und sicher, wie es mein Blut ist, welches in ihren Adern kreist! -- --
=Dixi=, Agathe; -- ich habe geredet.« --
»Ja, du hast geredet!« nickte die alte Dame und reckte ihre markige
Gestalt noch entschlossener empor, denn zuvor, »ich aber werde
handeln.« --
Gundula von Wahnfried stand im Brautkleid und harrte ihres Verlobten,
welcher sie in seiner glänzenden Equipage, mit dem elegantesten
Viererzug, welchen die Residenz aufwies, zur Trauung abholen wollte.
Jungfer und Modistin hatten noch geschäftig an Schleppe, Kranz und
Schleier geordnet, als Tante Agathe einen Blick auf die Uhr warf und
den Diensteifrigen in ihrer kurzen, energischen Art bedeutete, das
Zimmer zu verlassen.
Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit ihrer geliebten
Pflegemutter, welche sie voll strenger, aber zärtlicher Sorge
großgezogen, zu ersehnen.
Sie schlang die blühenden Arme um den Nacken der alternden Frau und
blickte ihr mit leuchtenden Augen in das ernste Antlitz.
»Tante Agathe!« flüsterte sie, »ich weiß, daß du meine Verlobung
mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben hast! Du liebe, treue
Seele hast so schwarz gesehen und die kleine, harmlose Passion meines
Herzliebsten zu einer wüsten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach
deiner Ansicht ruinieren muß! -- Hast du auch jetzt noch keine bessere
Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er es doch auf meinen Wunsch
über sich vermocht hat, während unserer ganzen Verlobungszeit keine
Karte anzurühren?«
-- -- -- Fräulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem Ausdruck in
die verklärten Augen der reizenden Braut, welche so gar nicht stolz,
stark und energisch, sondern weich, lieblich und hold erglühend wie das
verliebteste und schwächste aller Weiber vor ihr stand. --
Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen Mund.
»Ich sehe, daß du glücklich bist, mein Liebling,« sagte sie, ihre
Lippen auf das wunderschöne Antlitz der Braut drückend, »und es sei
fern von mir, dir diesen sonnigen Tag durch meine Angst vor dräuenden
Wolken zu verdunkeln. Du hast Zeit gehabt, um zu überlegen, was du
tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche das Leben an dich
stellt, gewachsen sein.« --
»Ich bin es, Tante! Ich fühle die hohe, heilige Kraft der Liebe in mir,
um meines Gatten willen alles zu ertragen, was da kommt, alles!«
»So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die Herrin von
Hohen-Esp!«
Ein süßes, reizendes Lächeln verklärte das Antlitz der jungen Braut.
»Dieser Titel deucht mir heute befremdlicher wie je! -- Welch eine
Herrschaft möchte ich wohl erstreben, außer jener einzigen -- über
sein Herz! -- Du fürchtest, Tante, daß ich einst Mangel an Geld und
Gut leiden werde! -- Was frage ich danach? -- Wäre Friedrich Karl
der ärmste aller Männer gewesen, ich würde ihn ebenso geliebt haben,
ihm ebenso überglücklich meine Hand gereicht haben, wie jetzt! Was
verlange ich noch vom Leben, da es mir ihn und seine Liebe schenkte?
Nichts! Tausendmal nichts! -- Du weißt, daß ich niemals viel Sinn für
Glanz, Pracht und Wohlleben gehabt habe. Dazu hast du mich zu ernst
und solide erzogen, hast mich eine bessere und höhere Werte des Lebens
kennen gelehrt. Die bunte, große Welt mit all ihrer Lust und ihren
Zerstreuungen war mir gleichgültig, ich habe in ihr gelebt, weil ich
von dem Schicksal auf ihren glänzenden Boden gestellt wurde, aber im
Gegenteil, ich würde meiner Liebe und meines Glückes froher sein, wenn
ich es nicht mit andern teilen müßte. -- Dies ist ja der einzige Punkt,
in welchem ich nicht mit meinem Herzallerliebsten harmoniere!«
»Das glaube ich!«
»Wie bitter das klingt, Tantchen! -- Ist es denn ein Unrecht, wenn
Friedrich Karl sich seines Lebens freut, es gern in möglichst
glänzendem Rahmen genießt? Gewiß nicht, das ist nur Geschmackssache;
und da er die Mittel besitzt, um in der großen Welt zu leben,
und gewissermaßen auch die Verpflichtung hat, seinen Namen zu
repräsentieren, so lasse ich es sehr dahingestellt, ob seine
Geschmacksrichtung nicht viel natürlicher und richtiger ist, als die
meine!«
»So wirst du dich bekehren lassen?«
Gundula neigte das schöne Antlitz so tief, daß die duftigen Wogen des
Brautschleiers darüber hinflossen.
»Das dürfte schwierig, aber nicht unmöglich sein! Ich werde mich gern
dem Geschmack meines Mannes anpassen ...«
»Auch wenn dich derselbe in herben Widerspruch zu deinen Pflichten
setzt?«
Die junge Braut blickte erschrocken, beinahe verständnislos empor. »Wie
könnte das möglich sein?«
»Wirst du blindlings _alles_ gut heißen, was dein Gatte tut? Als Frau
lernt man oft sehr viel schärfer und weitsichtiger urteilen, wie als
Mädchen!«
Das rosige Antlitz war jählings erbleicht, Gundula hob ihr Haupt und
schaute der Sprecherin starr in die prüfenden Augen. Ein seltsam
fremder Zug schlich sich plötzlich um die lächelnden Lippen, fest und
energisch, ein Gemisch von Stolz und Unwillen.
»Wenn Friedrich Karl jemals unedel oder frevlerisch handelt -- was Gott
verhüten möge --, werde ich _nicht_ derselben Meinung sein wie er,
sondern so handeln, wie _ich_ es für recht und gut erachte!«
Sie atmete schwer auf und senkte wieder, wie erschreckt über ihre
eigenen Worte, das Köpfchen.
»Aber wie sollte das geschehen? -- Wenn er sein Hab und Gut verspielt,
schädigt er ja nicht Fremde, sondern höchstens sich selber -- --«
»Und dich!« --
Da lächelt sie wieder. »Ich sagte dir, Tante, daß ich für meine Person
gern auf alles verzichte!«
Wie weich, wie innig und rührend klang das, wie leuchteten die blauen
Augen so demütig und ergebungsvoll sanft und treu!
Agathe preßte die Lippen zusammen und kämpfte sekundenlang einen
schweren Kampf.
Dann schüttelte sie seufzend den grauen Kopf und strich liebkosend
über das blonde Haupt ihres Lieblings, um welches die blühenden Myrten
rankten.
»Nein, Kind, ich will dir deinen Glauben und dein Vertrauen nicht
nehmen, -- ich will in dieser Stunde nicht mit Möglichkeiten rechnen,
welche vorläufig noch in Gottes Hand stehen; nur eine Bitte möchte ich
dir noch aussprechen, eine ernste, innige Bitte ...«
»Tante! Meine liebe -- liebe Tante!« --
»Dein Vater hat am gestrigen Tage sein Testament gemacht und dich nach
seinem Tode zur Erbin eingesetzt, welche unumschränkte Vollmacht über
ihr Vermögen hat, -- er hat dies entgegen meinen inständigen Bitten
getan, er hat auch keinerlei Bedingungen mehr gestellt, obwohl er weiß,
daß du mit deinem Gatten in Gütergemeinschaft leben wirst. -- Je nun,
er ist ein Starrkopf und sein eigener Herr, ich bin überzeugt, daß er
nach bester Überzeugung gehandelt hat. Du selber, Gundula, bist in
Geldangelegenheiten und Geschäftssachen leider Gottes unerfahren wie
ein Kind, darum kann ich dir kaum klarmachen, welch eine Gefahr dieses
Testament für deine Zukunft birgt! -- Um so berechtigter ist aber meine
Bitte, welche du hoffentlich nicht abschlägst, auch wenn du dieselbe in
diesem Augenblick noch nicht verstehst!«
»Sprich, Herzliebe ...«
»Du weißt, daß Tante Margarete dir ihr ganzes Vermögen vermachte,
allerdings mit der Klausel, daß ich, solange ich lebe, den Nießbrauch
des Kapitals habe?«
»Ja, Tantchen! So Gott will, wirst du dich noch viele lange Jahre
dieser Renten freuen!«
Agathe überhörte die Worte, sie blickte mit sorgenvoller Stirn
geradeaus ins Leere und fuhr beinahe hastig fort:
»Von diesem Erbe, welches dir zusteht, weiß niemand etwas, -- dein
Vater hat es selbst mir gegenüber nie erwähnt, er wird auch ganz
bestimmt bei Friedrich Karl nichts davon gesagt haben, wie ja
seltsamerweise der Geldpunkt bei den Herren nie erwähnt worden ist!
Dein Gatte wird also nie von diesem, deinem Besitz etwas ahnen, wenn du
ihm nicht selber Mitteilungen davon machst!«
»Aber Tante Agathe, wie sollte ich! Das Geld gehört ja noch gar nicht
mir!«
Ein herbes Zucken umzog die Lippen der alten Dame. »Es gibt Fälle,
wo Menschen mit aller und jeder Möglichkeit rechnen, wenn sie ...«
Die Sprecherin brach kurz ab und fuhr in dringlichem Tone fort: »Auf
dieses Kapital bezieht sich meine Bitte, Herzensliebling! Gelobe es
mir in dieser Stunde mit heiligem Eide, _nie_ und _nimmer_ deinem
Gatten gegenüber von diesem Erbe zu sprechen! Gelobe es mir! Schwöre
es mir, wenn dir die Ruhe meiner Seele wert ist! -- Sieh mich nicht so
fragend, so erstaunt an! Ich kann und will dir nicht die Gründe sagen,
welche mich zu dieser Forderung bewegen, -- ich beschwöre dich nur mit
all der innigen Liebe, welche ich dir seit langen Jahren gezeigt, ich
flehe dich an als Stellvertreterin deiner teuren, verewigten Mutter:
Schwöre mir, Gundula, nie und nimmer zu Friedrich Karl von diesem Geld
zu sprechen!«
In den Augen der jungen Braut glänzten Tränen. Sie warf sich an die
Brust der Sprecherin und schluchzte leise auf: »Obwohl ich nicht
den Grund für diese seltsame Bitte einsehe, Herzenstante, und das
Empfinden habe, als ob es nur ein unbegreifliches Mißtrauen gegen
meinen Geliebten sei, welches sich dir auf die Lippen drängt, will
ich dir dennoch ewiges Schweigen geloben, -- dir zur Beruhigung! --
Soll ich auf das Bildchen meiner lieben Mutter schwören? Ach, warum so
feierlich, -- es ängstigt mich! Aber wie du willst, Liebste! Ich bin
überzeugt, daß du es gut mit mir meinst!«
Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild ihrer toten Mutter
und flüsterte tief erbleichend den Schwur, welcher ihr ein so
unerklärliches Schweigen auferlegte.
»Amen!« sagte Agathe mit fester Stimme, umschloß die Rechte ihres
Pflegekindes mit den gefalteten Händen und sank neben ihr nieder auf
die Knie.
Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula hörte nicht die Worte,
welche sie sprach.
Unten auf der Straße klang ein jubelndes Hurra! -- brausende Hochrufe
aus unzähligen Kinderkehlen.
Der Bräutigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern banger
Glückseligkeit rann wie erlösend durch die Glieder des jungen Mädchens.
Sie trat jählings einen Schritt in den Erker vor und schaute hinab.
Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender Uniform aus
dem Wagen springen, sie sah das strahlende Lachen in seinem schönen
Antlitz, wie er nach allen Seiten grüßte, wie sein Blick voll
ungeduldiger Sehnsucht zu den Fenstern emporflog. --
Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz schlug heiß und zärtlich
in ihrer Brust, und im Übermaß des Empfindens schwang sie die Arme um
Tante Agathe.
»Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen Schwur halten,
wenngleich ich überzeugt bin, daß Friedrich Karl mich nie nach diesem
Gelde fragen wird, daß wir dieses Erbes nie bedürfen! O, liebe, liebe
Tante -- ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem Himmel, und im
ganzen Lande ist kein zweites Weib, welches so beneidet sein wird wie
ich in meinem übergroßen Glück!«
»Das gebe Gott!« flüsterte die alte Dame und küßte ihr Herzenskind
feierlich auf die Stirn. In demselben Augenblick aber ward die Tür
stürmisch geöffnet, und voll jubelnden Entzückens, schön und strahlend
wie ein junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp seine Arme
nach der Geliebten aus. --
Diese Augenblicke gehörten dem jungen Paar; Tante Agathe trat
schweigend in den Erker und blickte auf die Straße hinab.
Wohl konnte sie kaum ein herrlicheres Bild sehen als diese beiden
jugendschönen Menschen, welche sich so glückverklärt in die Augen
schauten, als sei die ganze Welt ein Zauberland trunkener Wonne
geworden, -- aber sie wandte sich dennoch ab, als sei dieses Licht zu
grell und blendend, als tue es den Augen weh.
Sonne ohne Schatten versengt und verdorrt ...
Drunten drängte sich eine neugierig erregte Menge um die prunkende
Galakutsche der Bären von Hohen-Esp.
Auf dem Wagenschlag prangte das Wappen, der schreitende Bär im goldenen
Feld. --
Wird Gundula eine echte, kampfesmutige Bärin werden, welche zur rechten
Zeit die Zähne weisen kann?
Agathe seufzte tief auf.
Jenes kraftvoll schöne Mädchen, welches wie eine Walküre das scheuende
Pferd bändigt, ist doch nur ein schwaches, liebendes, demütiges und
unendlich sanftes Weib, welches sich von dem heißgeliebten Mann ohne
Vorwurf und Groll zugrunde richten läßt. -- Ihr Vater war blind, wenn
er von der stolzen Festigkeit ihres Charakters sprach!
Und doch ... wie hatte es vorhin so wundersam in den samtweichen
Taubenaugen aufgeblitzt, als sie der Möglichkeit dachte, daß der Mann,
welcher für sie der Inbegriff aller edeln Vollkommenheit war, einmal
eine gewissenlose und schlechte Tat begehen könne!
Versteckt sich unter den weißen Taubenschwingen dennoch der trotzige
Nacken der Bärin? -- Je nun, ob sie einst selber für sich und ihre
Existenz kämpfen wird, die reiche, reiche Gräfin von Hohen-Esp, oder ob
sie es nicht tut und schwach und hilflos von dem ehernen Schritt des
Verhängnisses ereilt wird -- Tante Agathe hat in dieser Stunde für die
arme Verblendete gesorgt -- für sie und ihre Kinder.
Nun erst ist sie ruhig, nun sieht sie still und leichten Herzens auf
all die gleißende Pracht, welche ihre grellen Funken über Kranz und
Schleier der jungen Frau wirft. --
* * * * *
Der Kammerherr war eingetreten.
Er trug seine elegante Hofuniform, welche sonst seiner markigen Gestalt
so besonders kleidsam gewesen. Auch gerne ging er trotz des Krückstocks
hoch und stolz aufgerichtet, und ein Ausdruck großer Genugtuung lag
auf den eisernen Zügen; dennoch erschienen dieselben farblos und
greisenhaft, und das nervöse Zucken der graubuschigen Augenbrauen fiel
mehr noch auf denn sonst.
»Ich bin froh, daß ich diesen Tag noch erlebe!« hatte er am Morgen
gesagt, »er gibt meinem Leben einen guten Abschluß.«
Jetzt streifte sein Blick aufleuchtend das junge Paar, ein
schmunzelndes Nicken -- und dann bot er seiner Schwester Agathe den Arm
-- es schien wenigstens so -- in Wahrheit führte sie ihn.
»Komm, du treue Pflegemutter, unser Wagen wartet.«
Die beiden Alten gingen, und Friedrich Karl schlang den Arm noch
inniger um die reizende Braut, welche in der Residenz als gefeiertste
Schönheit galt.
Er blickte ihr tief in die ernsten blauen Augen, welche ihm wie
verklärt in Glückseligkeit entgegenstrahlten.
»Nun bist du mein, Gundula!« flüsterte er, und sein frisches, hübsches,
so lebenslustig lachendes Antlitz färbte sich höher.
»Für Zeit und Ewigkeit!«
»Und wirst nie einen andern lieber haben wie mich?« --
»O, daß du fragen kannst!«
Er lachte beinahe übermütig: »Und wirst nie ein Geheimnis vor mir
haben, kleine Frau?« Er dachte sich wohl selber nicht viel bei dieser
Frage, denn er blickte nicht forschend in ihr Antlitz, sondern zog
ihr Köpfchen noch fester an die Brust und drückte die Lippen kosend
auf die blühende Myrte in ihrem Haar. Er bemerkte es nicht, wie sie
zusammenzuckte, er sah nicht, wie sie erbleichte, er wartete auch
kaum auf eine Antwort, sondern fuhr nach kleiner Pause fort: »Deine
süßen Augen verraten mir ja doch alles, und in ihnen laß mich täglich
lesen, daß du glücklich bist! Wahrlich, Gundula, kein Mensch kann eine
festere, redlichere Absicht haben wie ich, alles zu tun, um dein Leben
sonnig und schön zu gestalten! Man sagt zwar, der Weg zur Hölle sei
mit guten Vorsätzen gepflastert, aber das ist Torheit, denn unser
gemeinsamer führt direkt in den offenen Himmel hinein! Gundula -- hast
du mich lieb?«
Wie ein Aufschluchzen klang es von ihren Lippen, sie antwortete nicht,
sondern küßte ihn. -- Sonnengold flutete über sie hin, in ihr Herz aber
war ein Schatten gefallen, der lastete dunkel und schwer, und in all
ihrem traumesschönen Glück zog es wie ein anklagender Schmerzensschrei
durch ihre Seele: »Tante Agathe, warum hast du mir das getan!«
* * * * *