II.

Am Abend des nächsten Tages fand in der „Italienischen Oper“ irgendeine

Aufführung statt. Der Saal war bereits brechend voll und der erste Akt

hatte schon begonnen, als plötzlich noch jemand mit größter

Geschwindigkeit eintrat und wie eine Rakete zu seinem Platz schoß.

Dieser jemand war Iwan Andrejewitsch, der Besitzer jenes Waschbärpelzes.

Noch nie hatte man ihm ein so großes Verlangen nach Musik angemerkt, wie

er es jetzt offenkundig zur Schau trug. Das war aber um so befremdender,

als man die Vorliebe Iwan Andrejewitschs, sich im Saale der

„Italienischen Oper“ ein Stündchen von Gott Morpheus in den Armen wiegen

zu lassen und sein Wohlbehagen in diesen Armen durch mehr oder minder

vernehmbares Schnarchen zu bekunden, allgemein seit Jahren kannte. Auch

hatte man ihn oft genug sagen hören, wie schön es sei, im Traum die

Primadonna „so zärtlich wie ein weißes Kätzchen miauen zu wissen, ohne

durch das Wiegenlied gestört zu werden“. Doch es war eigentlich schon

lange her, daß er das gesagt hatte, mindestens ein halbes Jahr, wenn

nicht länger. Jetzt war alles anders geworden! Jetzt konnte Iwan

Andrejewitsch nicht einmal mehr nachts zu Hause in seinem Bette schlafen

...

Und so kam es denn wie eine Rakete in den Saal geschossen, dieses fast

fünfzigjährige graue Männchen – das übrigens doch noch nicht ganz grau

war. Mit einem Blick überflog er alle Logen im zweiten Rang, und – o,

Entsetzen! Sein Herzschlag setzte aus: sie war hier! Sie saß in einer

Loge mit General Polowizyn, dessen Gattin und Schwägerin. Und in

derselben Loge befand sich noch der Adjutant des Generals – ein äußerst

gewandter und liebenswürdiger Mann – und dann noch ein Herr in Zivil ...

Iwan Andrejewitsch strengte seinen Blick bis zur größtmöglichen Schärfe

an, doch – o, Angst und Pein! Dieser Unbekannte in Zivil machte sich

hinter dem Rücken des Adjutanten unsichtbar und blieb völlig

unkenntlich.

Sie war hier und hatte doch gesagt, daß sie bestimmt nicht hier sein

werde!

Gerade diese ... diese Duplizität, die Glafira Petrowna auf Schritt und

Tritt an den Tag legte, war es, was den guten Iwan Andrejewitsch

vernichtete! Und dieser Jüngling in Zivil, der brachte ihn vollends zur

Verzweiflung. Wie ein tödlich Verwundeter sank er in seinen Sessel.

Weshalb nur diese Verzweiflung, fragt sich wohl ein jeder? Die Sache war

doch sehr einfach ...

Der Sessel, auf den sich Iwan Andrejewitsch in seiner Verzweiflung hatte

niedersinken lassen, befand sich dicht an den Parterrelogen und in

gerader Linie unter jener Loge, in der seine Frau und General Polowizyn

nebst Familie saßen, so daß er zu seinem größten Ungemach nicht einmal

sehen konnte, was dort vor sich ging. Wie verständlich ist’s daher, daß

die Wut in ihm wie das Wasser in einem Ssamowar kochte! Vom ganzen

ersten Akt vernahm er keinen Ton. Man sagt, das Beste an der Musik sei,

daß man sie mit jedem beliebigen Gefühl in Einklang bringen könne: wer

sich freut, höre Freude aus ihr heraus, der Traurige dagegen Trauer –

was will man mehr? Doch in den Ohren Iwan Andrejewitschs begann ein

ganzer Sturm zu heulen. Zum Überfluß erschallten noch von allen Seiten

so entsetzliche Stimmen, daß er glaubte, sein Herz müsse zerspringen.

Endlich war der erste Akt zu Ende. Doch siehe, im Augenblick, als der

Vorhang sank, geschah mit unserem Helden etwas so Seltsames, daß die

Feder sich fast sträubt, es niederzuschreiben.

Es pflegt bisweilen zu geschehen, daß von der Brüstung einer der

höchsten Logen ein Theaterzettel langsam herabfällt. Ist das betreffende

Schauspiel langweilig und das Publikum unbeteiligt, so ist ihm damit

eine willkommene Zerstreuung geboten. Geradezu teilnahmsvoll verfolgen

die Blicke den im Zickzack zurückgelegten Flug des weichen, leichten

Papiers, wobei sie mit besonderem Interesse die voraussichtliche

Endstation ins Auge fassen, jenes ahnungslose Haupt, über dem

buchstäblich das Verhängnis schwebt. Es ist allerdings auch sehr

interessant zu beobachten, wie dieser Kopf dann plötzlich erschrickt,

wie verwirrt er sich umblicken wird – denn der Betreffende wird im

ersten Augenblick ganz unfehlbar betroffen und sehr verwirrt sein. Auch

wegen der Operngläser, die die Damen so unvorsichtig auf den

Logenbrüstungen liegen lassen, stehe ich jedesmal große Angst aus: ich

kann den Gedanken nicht loswerden, daß sie sogleich und unfehlbar auf

irgendjemandes vollständig unvorbereitetes Haupt herabfallen werden.

Doch Iwan Andrejewitsch widerfuhr etwas, das bisher noch keinem Menschen

widerfahren oder das wenigstens noch nie beschrieben worden ist. Auf

sein ahnungsloses Haupt – das seines Haarschmuckes schon ziemlich

beraubt war – fiel kein Theaterzettel. Ich spüre, daß es mir eigentlich

recht peinlich ist, das Ereignis wahrheitsgetreu wiederzugeben, denn es

ist doch nichts weniger als höflich, zu sagen, daß auf das ehrenwerte,

entblößte Haupt des eifersüchtigen und schwer gereizten Iwan

Andrejewitsch tatsächlich ein so unmoralischer Gegenstand fiel, wie es

z. B. ein süßduftender Liebesbrief ist. Wenigstens fuhr der arme Iwan

Andrejewitsch, dessen Haupt alles andere eher als eine solche

Überraschung erwartete, so heftig zusammen, als habe er auf seinem

ehrenwerten Haupte zum mindesten eine lebende Maus oder ein anderes

wildes Tier verspürt.

Daß der Brief ein Liebesbrief war – das sah man ihm nur zu deutlich an.

Erstens war er auf zartem, verräterisch duftendem Papier geschrieben und

zweitens war das Format so klein, daß eine Dame ihn in ihrem Handschuh

hätte verbergen können. Gefallen war er offenbar während der Übergabe,

vielleicht beim Überreichen eines Theaterzettels, unter dem der Brief

geschickt und schnell verborgen worden war. Vielleicht war auch nur eine

unbeabsichtigte Bewegung des Adjutanten die Ursache gewesen, daß der

Brief aus dem Theaterzettel heraus fiel, bevor der Empfänger ihn

bemerken und verbergen konnte. Jedenfalls erhielt der Jüngling in Zivil

nur den Theaterzettel, mit dem er dann entschieden nichts anzufangen

wußte. Fürwahr, eine höchst unangenehme Situation, doch muß man zugeben,

daß die Lage Iwan Andrejewitschs noch um ein Bedeutendes unangenehmer

war.

„^C’est prédestiné^,“ murmelte er, indes kalter Schweiß ihm aus den

Poren trat und er den kleinen Brief krampfhaft in der Hand

zusammenpreßte, als wenn ihm jemand das Kleinod hätte entreißen wollen,

„^prédestiné^! Die Kugel wird den Schuldigen finden!“ zuckte es durch

seine Gedanken. „Nein, das ist nicht das Richtige! Was habe ich

verbrochen, daß ich mein Leben aufs Spiel setzen soll?“ überlegte er

sofort weiter und ein Gedanke verdrängte den anderen. Doch wer vermag

all die Gedanken aufzuzählen, die ein Gehirn nach solch einer

Erschütterung gebiert!

Iwan Andrejewitsch saß vorläufig regungslos, als wäre er in der Tat das

gewesen, was er zu sein schien: weder tot noch lebendig. Er war

überzeugt, daß das ganze Publikum sein lächerliches Unglück bemerkt

hatte, obschon gerade in dem Augenblick der Vorhang unter schallendem

Applaus gefallen war und ein wahrer Sturm die Primadonna hervorrief.

Doch er war so verwirrt und verlegen, daß er seinen Blick nicht zu

erheben wagte, als wäre mit ihm das Schrecklichste geschehen, das ein

Mensch sich nur ausdenken kann.

„Sehr gut gesungen!“ bemerkte er schüchtern zu seinem Nachbarn zur

Linken, einem auffallenden Gecken.

Der Geck, der sich im höchsten Stadium der Ekstase befand, unermüdlich

in die Hände klatschte und sogar mit den Füßen scharrte, warf nur einen

flüchtigen, zerstreuten Blick auf Iwan Andrejewitsch, baute dann

geschwind aus seinen Händen ein Schallrohr vor seinen Mund und rief

dumpf brüllend den Namen der Sängerin. Iwan Andrejewitsch, der noch

nichts Ähnliches vernommen hatte, war entzückt. „Nein, der hat nichts

bemerkt!“ sagte er vollbefriedigt von sich selbst und wandte sich

zurück. Doch der dicke Herr, der hinter seinem Rücken saß, stand jetzt,

ihm seinerseits den Rücken zuwendend, und musterte durch sein Opernglas

die Reihen der Logen. „Auch gut!“ dachte Iwan Andrejewitsch. In den

Reihen vor ihm hatte man natürlich nichts gesehen. Schüchtern, doch voll

froher Hoffnung wagte er einen Blick in die Parterreloge zu werfen,

neben der er saß, zuckte aber plötzlich mit der unangenehmsten

Empfindung zusammen, denn was er dort erblickt hatte, war wenig

trostreich: er sah eine schöne Dame, die, im Sessel zurückgelehnt,

krampfhaft ihr Taschentuch an die Lippen preßte und unbändig lachte.

„O, diese Weiber, diese Weiber!“ seufzte und knirschte Iwan

Andrejewitsch und schlängelte sich schleunigst zur Ausgangstür, bemüht,

dem Publikum nicht gar zu rücksichtslos auf die Füße zu treten.

Nun fragte es sich: wie kam Iwan Andrejewitsch darauf, anzunehmen, daß

dieser Liebesbrief gerade aus der Loge im zweiten Rang stammte? Gab es

doch über dem zweiten Rang noch einen und dann noch einen und dann noch

die Galerie – im ganzen gab es fünf Ränge. Weshalb sollte er

ausgerechnet aus jener bewußten Loge im zweiten Rang gefallen sein,

warum nicht z. B. von hoch oben, von der Galerie, wo doch gleichfalls

Damen saßen? Doch Leidenschaft ist etwas Außerordentliches und

Eifersucht die außerordentliche Leidenschaft, die sich nicht irrt.

Iwan Andrejewitsch stürzte, kaum daß er die Tür erreicht hatte, ins

Foyer, blieb bei der nächsten Lampe stehen, erbrach das Kuvert und las:

„Heute abend nach der Vorstellung in der G–straße im Hause K–offs, im

dritten Stockwerk, rechts von der Treppe, Eingang von der Straße. Sei

dort. ^Sans faute!^“

Die Handschrift war Iwan Andrejewitsch unbekannt, doch eines stand für

ihn fest: daß es eine Bestellung zu einem Rendezvous war. Sein erster

Gedanke war deshalb: „Vorbeugen, überrumpeln, das Übel verhüten, so

lange es noch nicht zu spät war!“

Einen Augenblick dachte er sogar daran, „die Schuldigen sogleich zu

überführen, sofort, hier im Theater!“ Doch wie das anstellen? Iwan

Andrejewitsch eilte sogar die Treppe hinauf zum zweiten Rang, besann

sich aber zum Glück noch rechtzeitig und machte vor der Logentür wieder

Kehrt. Er wußte entschieden nicht, wohin er sich wenden oder wo er sich

überhaupt lassen sollte. In seiner Ratlosigkeit eilte er auf die andere

Seite und blickte durch die offene Tür der gegenüberliegenden Loge.

Tatsächlich: in jeder der fünf Logen, die sich in vertikaler Linie über

seinem Platz befanden, saßen junge Damen und junge Herren. Der

Liebesbrief hätte aus allen fünf zugleich fallen können, um so mehr, als

Iwan Andrejewitsch die Insassen aller fünf gegen sich verschworen

glaubte. Doch ungeachtet aller sichtbaren Möglichkeiten blieb Iwan

Andrejewitsch bei seiner Überzeugung. Den ganzen zweiten Akt verbrachte

er in den Korridoren, die er nach allen Richtungen durchirrte, ohne

Seelenruhe finden zu können. Er eilte sogar an die Kasse, um vom

Kassierer die Namen aller fünf Logeninhaber zu erfahren – doch leider

war die Kasse schon geschlossen. Endlich erschallte Applaus, helle

Stimmen, die Bravo und die Namen der Künstler riefen. Die Vorstellung

war zu Ende. Doch Iwan Andrejewitsch hatte etwas ganz bestimmtes im

Sinn: er griff nach seinem Waschbärpelz und eilte in die G–straße, um

dort „an Ort und Stelle zu überführen, abzufangen, und überhaupt

energischer vorzugehen als gestern“. Bald hatte er auch das Haus

gefunden, und er war gerade im Begriff einzutreten, als plötzlich, fast

unter seinem Arm, eine Männergestalt in einem geckenhaften Paletot durch

die Tür schlüpfte und die Treppen zum dritten Stockwerk hinaufeilte.

Iwan Andrejewitsch schien es, daß es der junge Fant von gestern gewesen

sei, obschon er sein Gesicht weder jetzt noch am Abend vorher gesehen

hatte. Sein Herz blieb stehen. Der Geck hatte bereits einen Vorsprung

von zwei Treppen – wie ihn einholen, wie ihm zuvorkommen? Da hörte Iwan

Andrejewitsch wie eine Tür schon geöffnet wurde – und zwar ohne

Schlüssel, als sei der Betreffende erwartet worden. Iwan Andrejewitsch

erreichte diese Tür, als der junge Mann kaum hinter ihr verschwunden und

noch niemand sie von innen zugeschlossen hatte. Er gedachte sich zwar

noch ein wenig zu sammeln, den bevorstehenden wichtigen Schritt zu

erwägen, sich so manches zu überlegen, dies und jenes noch zu befürchten

und sich dann erst zu etwas Endgültigem zu entschließen. Da wollte es

das Schicksal, daß in dem Augenblick eine schwere Equipage vor das Haus

rollte und plötzlich hielt. Die Paradetür wurde geräuschvoll aufgerissen

und jemandes schwere Schritte begannen, begleitet von Husten und

Gekrächz, langsam die Treppen empor zu steigen. Dieser Situation war

Iwan Andrejewitsch nicht gewachsen: er klinkte die Tür auf und betrat

mit der ganzen Feierlichkeit des hintergangenen, sich im Recht fühlenden

Gatten das Vorzimmer einer fremden Wohnung. Eine Kammerzofe trat ihm

sehr erregt entgegen, ihr folgte auf dem Fuß ein Diener, doch nichts

vermochte Iwan Andrejewitsch aufzuhalten: er war im Recht, er war der

Gatte!

Wie eine Bombe in eine harmlose Versammlung, so flog er in das nächste

Gemach, durchschritt zwei fast dunkle Zimmer und befand sich plötzlich

in einem Schlafgemach vor einer jungen schönen Dame, die ihn zitternd

und verständnislos anstarrte. Da erschallten aber, noch bevor Iwan

Andrejewitsch zu sich gekommen war, schwere Schritte im Nebenzimmer und

näherten sich merklich der Tür: das waren dieselben Schritte, die Iwan

Andrejewitsch unter sich auf der Treppe vernommen hatte.

„Gott! Da kommt mein Mann!“ rief die Dame entsetzt, bleicher als ihr

Peignoir, und sie rang hilflos die Hände.

Iwan Andrejewitsch fühlte, daß er in eine Sackgasse geraten, aus der es

kein Entrinnen gab, fühlte, daß er eine bodenlose Dummheit begangen, die

nun nicht mehr gutzumachen war. Schon öffnete sich die Tür, schon trat

der schwere Mann – nach seinen schweren Schritten zu urteilen – ins

Zimmer ... Ich weiß nicht, für wen oder was Iwan Andrejewitsch sich in

diesem Augenblick hielt. Auch vermag ich nicht zu sagen, was ihn davon

abhielt, dem Fremden frank und frei entgegenzutreten, seinen Irrtum zu

erklären, für seine Unhöflichkeit um Verzeihung zu bitten und sich dann

zurückzuziehen – freilich nicht ruhmbedeckt, nicht heldenhaft – aber man

hätte es doch immerhin eine anständige, offene Handlungsweise nennen

müssen.

Aber nein: Iwan Andrejewitsch verfuhr wieder wie ein Schulbube, der

nicht weiß, was Überlegung ist, oder als hätte er sich für einen zweiten

Don Juan gehalten.

Im ersten Augenblick verbarg er sich hinter dem Bettvorhang, doch schon

nach zwei Sekunden brach er vor Angst in die Knie und kroch, jedes

Gedankens bar, auf allen Vieren unter das Bett des fremden Ehepaares.

Der Schreck hatte in ihm jede Regung der Vernunft gelähmt – nur so läßt

es sich erklären, daß Iwan Andrejewitsch, der selbst ein hintergangener

Gatte war oder sich wenigstens für einen solchen hielt, nun tat, als tue

er das, was ihm widerfuhr, selbst einem andern an. Vielleicht konnte er

es bloß nicht übers Herz bringen, in einem anderen Manne diese ihm

wohlbekannten Qualen durch seine Gegenwart hervorzurufen. Doch wie dem

auch gewesen sein mag, Tatsache ist, daß er unter dem Bett lag, ohne

selbst zu begreifen, wie er dorthin gelangt war. Das Erstaunlichste war

aber für ihn in diesem Augenblick, daß die Dame es widerspruchslos hatte

geschehen lassen. Sie hatte nicht einmal aufgeschrieen, als er plötzlich

vor ihr aufgetaucht war, dieser fremde bejahrte kleine Mann, um darauf

ungefragt unter ihrer Ruhestätte zu verschwinden. Anzunehmen ist, daß

sie vor Schreck die Sprache verloren hatte.

Inzwischen war langsam, stöhnend und mit Ach und Weh ihr schwerer Gatte

ins Zimmer getreten. Mit greisenhafter Langsamkeit wünschte er seiner

Frau einen guten Abend, worauf er sich so schwer in den tiefen Sessel

fallen ließ, als hätte er soeben eine riesige Last Holz hereingetragen.

Darauf folgte ein langanhaltender Hustenanfall. Iwan Andrejewitsch, der

sich aus einem gereizten Tiger in ein Lämmlein verwandelt hatte und nun

zitterte und zagte wie ein Mausejunges vor einem Kater, wagte kaum zu

atmen, obwohl er doch eigentlich aus eigener Erfahrung wissen mußte, daß

nicht alle hintergangenen Ehemänner beißen. Doch das kam ihm gar nicht

in den Sinn – sei es aus Mangel an Überlegungskraft, sei es aus irgend

einem anderen Mangel in diesem Augenblick. Vorsichtig, nur leise

tastend, wagte er unter dem Bett einen kleinen Orientierungsversuch, um

seine Gliedmaßen in eine etwas bequemere Lage bringen zu können. Wie

groß aber war sein Erstaunen, sein Schreck und seine Verwunderung, als

seine tastende Hand plötzlich an einen Gegenstand stieß, der sich

bewegte und ihn seinerseits mit einer Hand anfaßte!

Unter dem Bett war noch ein anderer Mensch!

„Wer ist da?“ fragte Iwan Andrejewitsch flüsternd und zitternd.

„Ich soll Ihnen wohl meinen Namen nennen!“ kam es flüsternd, doch mit

deutlicher Ironie zurück. „Liegen Sie und halten Sie den Mund, wenn Sie

in die Falle geraten sind!“

„Mein Herr, Ihr Ton ...“

„Still!“

Und der überflüssige Mensch – denn einer hätte unter dem fremden Ehebett

vollkommen genügt – dieser freche Mensch preßte die Hand Iwan

Andrejewitschs so stark in seiner Faust, daß dieser vor Schmerz fast

aufgeschrien hätte.

„Mein Herr, mein Herr ...“

„Sst!“

„So zerdrücken Sie mir doch nicht meine Hand! oder ich schreie!“

„Na los! Schreien Sie nur, wenn Sie’s wagen!“

Iwan Andrejewitsch errötete vor Scham. Der Unbekannte schien kein

Erbarmen zu kennen. Vielleicht war er schon so manches Mal der

Verfolgung des Schicksals ausgesetzt gewesen und befand sich

infolgedessen nicht zum ersten Male in dieser Enge. Iwan Andrejewitsch

war aber jedenfalls ein Neuling in dieser Situation und glaubte daher,

schier vergehen zu müssen. Das Blut stieg ihm beängstigend heiß zu Kopf.

Was sollte er tun? Er mußte liegen wie er lag: platt auf dem Bauch. Da

faßte er sich in Demut und schwieg.

„Ich war, mein Herzchen,“ begann der alte Gatte, „ich war, mein

Herzchen, bei Pawel Iwanytsch. Wir begannen Préférence zu spielen, aber

weißt du, köchö-köch-köch!“ – er hustete – „so ... köch-kch-kch! Mein

Rücken ... Köch! Ach Gott ... Köch-kch-kch!“

Und der Greis hustete endlos.

„Mein Rücken ...“ fuhr er endlich mit schwacher Stimme fort, sich die

Tränen aus den Augen wischend, „begann so zu schmerzen ... von diesen

verwünschten Hämorrhoiden ... daß ich weder stehen noch sitzen ... noch

sitzen konnte! Kököch-köch-köch!“

Es schien, daß dem neuen Hustenanfall ein weit längeres Leben

bevorstand, als dem Alten, der diesen Husten hatte. Ließ der Husten

etwas nach, so brummte er mitunter ein paar unverständliche Worte, die

bald wieder im Husten erstickt waren.

„Mein Herr, ich bitte Sie, rücken Sie um Christi willen etwas zur

Seite!“ flüsterte inzwischen Iwan Andrejewitsch.

„Wohin soll ich denn rücken, ich habe selbst keinen Platz!“

„Aber, einstweilen, Sie müssen doch zugeben, daß ich nicht lange so

liegen kann! Ich befinde mich zum erstenmal in einer solchen Lage.“

„Und ich mich zum erstenmal in so unangenehmer Nachbarschaft.“

„Einstweilen aber, junger Mann, ich muß sagen ...“

„Still!“

„Still? Ich möchte Ihnen nur bemerken, junger Mann, daß Ihre Redeweise,

gelinde gesagt, sehr unhöflich ist ... Wenn ich mich nicht täusche, sind

Sie noch sehr jung; ich bin älter als Sie.“

„Schweigen Sie!“

„Mein Herr! Sie vergessen sich, Sie wissen nicht, mit wem Sie reden!“

„Mit einem Herrn, der unter einem fremden Bett liegt ...“

„Aber mich hat doch nur ein Zufall, ein Irrtum hergeführt ... Sie aber,

wenn ich mich nicht täusche, Ihre Sittenlosigkeit, Unsittlichkeit.“

„Gerade darin täuschen Sie sich eben.“

„Mein Herr! Ich bin älter als Sie, ich sage Ihnen ...“

„Mein Herr, vergessen Sie gefälligst nicht, daß wir hier auf _einem_

Brett liegen. Und ich bitte Sie, mir nicht mit Ihren Händen ins Gesicht

zu fahren!“

„Mein Herr! Glauben Sie mir, ich kann hier nichts sehen. Verzeihen Sie,

aber ich habe ja doch keinen Platz.“

„Weshalb sind Sie denn so dick?“

„Herrgott, Vater im Himmel! Noch nie hast du mich in eine so

erniedrigende Lage gebracht!“

„Ja, noch niedriger kann man nicht gut liegen.“

„Mein Herr, ich muß Sie bitten, mein Herr! Ich weiß zwar nicht, wer Sie

sind, ich weiß auch nicht, wie das alles gekommen ist: ich weiß nur, daß

ich irrtümlicherweise hierher geraten bin – ich bin nicht das, was Sie

von mir glauben ...“

„Ich würde durchaus nichts von Ihnen glauben, wenn Sie mich nicht immer

stoßen würden. So schweigen Sie doch endlich!“

„Mein Herr! Wenn Sie nicht weiterrücken, bekomme ich einen Schlaganfall!

Sie werden meinen Tod zu verantworten haben. Ich versichere Ihnen ...

Ich bin ein ehrenwerter Mensch, ein ... ein Familienvater. Ich kann mich

doch nicht in solch einer Lage befinden! ...“

„Sie haben sich doch selbst und freiwillig in eine solche Lage gebracht.

Na, rücken Sie doch weiter, dann haben Sie noch etwas Platz. Aber mehr

gibt’s davon nicht.“

„Mein Herr! O, ich sehe, Sie sind ein edler junger Mann! Ich sehe, daß

ich mich in Ihnen getäuscht habe ...“ begann Iwan Andrejewitsch in

aufwallender Dankbarkeit, indes er seine abgetaubten Gliedmaßen in eine

glücklichere Lage zu bringen suchte. „Ich kann Ihnen Ihre eigene

Bedrängnis lebhaft nachfühlen, aber was soll man tun? Ich sehe, daß Sie

schlecht von mir denken. Erlauben Sie, daß ich meine Reputation in Ihren

Augen wieder herstelle ... Erlauben Sie, daß ich Ihnen auseinandersetze,

wer ich bin, wie ich mich gegen meinen Willen hierher verirrt habe –

nochmals, ich versichere Ihnen! Ich bin nicht aus dem Grunde hier, den

Sie annehmen ... Ich fürchte mich entsetzlich ...“

„So schweigen Sie doch endlich, Herrgott noch ’nmal! Begreifen Sie denn

nicht, wem Sie sich aussetzen, wenn man Sie hört? Sst! Er wird sogleich

aufhören zu husten!“

In der Tat hatte der Husten des Greises nachgelassen und dieser schickte

sich wieder an, zu sprechen.

„Also, mein Herzchen,“ krächzte der Greis mühsam und mit kläglicher

Stimme, „also, mein Herzchen, köch-köch! Ach! diese Plage! Fedossei

Iwanowitsch sagte mir: ‚Sie sollten doch versuchen,‘ sagte er, köch! –

‚doch versuchen, einmal Schafgarbentee zu trinken‘. Hörst du, Herzchen?“

„Ich höre, mein Freund.“

„Nun, also er sagte: ‚Sie sollten doch Schafgarbentee trinken.‘ Ich

sagte aber: ‚Ich habe schon Blutegel angesetzt‘. Er aber sagte: ‚Nein,

Alexander Demjanowitsch, Schafgarbentee ist besser, ist vor allem ein

gutes Purgativ, sage ich Ihnen ...‘! Köch-köch! Ach, mein Gott! Was

meinst du nun dazu, mein Herzchen? Köch-köch! Ach, Schöpfer! Köch-köch!

... Also du meinst, Schafgarbentee wäre besser, wie? ... Köch-köch! Ach

Gott! Köch! ...“ usw., usw.

„Ich meine, daß es nicht schlecht sein kann, dieses Mittel zu

versuchen,“ meinte die junge Frau.

„Ja, nicht schlecht! ‚Sie haben,‘ sagte er, ‚vielleicht sogar die

Schwindsucht.‘ Köch-köch! Ich aber sagte: ‚Nein, Podagra, und außerdem

einen Magenkatarrh ...‘ Köch-köch! Er aber sagt: ‚vielleicht auch

Schwindsucht.‘ Also was, köch-köch! Was meinst du dazu, mein Herzchen:

habe ich die Schwindsucht? Köch!“

„Ach, wie kommen Sie nur darauf, Alexander Demjanowitsch! Welch ein

Unsinn das ist!“

„Ja, Schwindsucht, sagt er. Aber du, mein Herzchen, könntest dich jetzt

auskleiden und zu Bett gehen ... Köch-köch! Ich habe aber heute, köch!

heute Schnupfen.“

„Uff!“ seufzte Iwan Andrejewitsch in seiner Zwangslage unter dem Bett.

„Um Gottes und Christi willen, rücken Sie weiter!“

„Ich kann mich wahrhaftig nur über Sie wundern: können Sie denn keinen

Augenblick still sein? ...“

„Sie sind gegen mich erbittert, junger Mann, Sie wollen mich verletzen,

das sehe ich. Sie sind wahrscheinlich der Liebhaber dieser Dame?“

„Schweigen Sie!“

„Ich werde nicht schweigen! Ich werde Ihnen nicht erlauben, hier zu

kommandieren! Ganz gewiß sind Sie der Liebhaber! Wenn man uns entdeckt,

bin ich vollkommen unschuldig, ich ... ich weiß von nichts.“

„Wenn Sie nicht endlich den Mund halten,“ unterbrach ihn der junge Mann

zähneknirschend, „werde ich sagen, daß Sie mich hergelockt haben, daß

Sie mein Onkel seien, der sein Vermögen durchgebracht hat. Dann wird man

wenigstens nicht annehmen, daß ich der Liebhaber dieser Dame sei.“

„Mein Herr! Sie wollen mich zum Narren machen! Wissen Sie auch, daß

meine Geduld reißen kann?“

„Sst! oder ich werde Sie das Schweigen anders lehren! Sie sind mein

Unglück! So sagen Sie doch, weshalb sind Sie hier? Ohne Sie würde ich

ruhig bis zum Morgen liegen, wo ich liege, und dann bei passender

Gelegenheit fortgehen ...“

„Aber ich kann hier doch nicht bis zum Morgen so liegen, ich bin doch

ein denkender Mensch! Ich habe Verbindungen, habe Protektion ... Was

meinen Sie, wird er wirklich hier schlafen?“

„Wer?“

„Nun, dieser Greis?“

„Selbstverständlich wird er! Es sind doch nicht alle Männer so wie Sie.

Einige übernachten auch zu Hause.“

„Mein Herr, mein Herr!“ rief Iwan Andrejewitsch erkaltend vor Schreck,

„seien Sie überzeugt, daß auch ich zu Hause zu schlafen pflege, es ist

das erstemal ... Aber mein Gott, ich sehe ja, daß Sie mich nicht kennen!

Wer sind Sie, junger Mann? Sagen Sie es mir ohne Umschweife, ich flehe

Sie an, aus uneigennützigster Liebe bitte ich Sie darum, – wer sind

Sie?“

„Hören Sie mal! Entweder – oder ich gebrauche Gewalt ...“

„Aber erlauben Sie, erlauben Sie, daß ich Ihnen erzähle, mein Herr, daß

ich Ihnen diese ganze entsetzliche Geschichte erkläre ...“

„Ich will nichts von Ihnen hören, ich will nichts wissen, lassen Sie

mich in Ruh! Schweigen Sie oder ...“

„Aber ich kann doch nicht ...“

Unter dem Bett spielte sich ein zwar kurzer, doch dafür um so

verzweifelterer Kampf ab, bis Iwan Andrejewitsch verstummte.

„Herzchen, knurrt hier nicht der Kater irgendwo?“

„Der Kater? Wie ... wie kommen Sie darauf?“

Offenbar wußte die junge Frau nicht, was sie mit ihrem alten Gatten

reden sollte, da sie ihre Geistesgegenwart noch nicht völlig

wiedererlangt zu haben schien, was ihre erschrockene Stimme und ihre

Verwirrung verriet.

„Was für ein Kater?“

„Unser Wassjka, Herzchen. Vor ein paar Tagen ging ich in mein

Arbeitszimmer, da saß er und schnurrte so vor sich hin. Ich fragte ihn:

was hast du, Wassenjka? Er aber schnurrt und schnurrt. Da dachte ich:

ach ihr Heiligen! Sollte er mir etwa meinen Tod prophezeien?“

„Pfui, welch einen Unsinn Sie heute reden! Schämen Sie sich!“

„Nu, nu, sei nicht böse, Herzchen. Ich sehe, der Gedanke, daß ich

sterben könnte, ist dir unangenehm, sei aber nicht böse deshalb. Ich

sagte es nur so. Aber du könntest dich wirklich, Herzchen, jetzt

auskleiden und zu Bett gehen, ich werde hier noch – Köch-köch! – solange

sitzen ... Köch-köch-köch!“

„O, um’s Himmels willen, hören Sie auf! Später ...“

„Nu, nu, sei nicht böse, sei nicht böse! Nur war es wirklich so, als

raschelten hier Mäuse ...“

„Ach, bald glauben Sie den Kater, bald Mäuse zu hören! Ich weiß nicht,

was heute mit Ihnen ist!“

„Nu, nu ... Köch-köch! Nichts, nichts, köch-köch-köch-köch! Ach, du mein

großer Gott! Köch!“

„Da haben Sie’s! Sie schreien so laut, daß er es glücklich gehört hat!“

flüsterte der junge Mann seinem Nachbar zu, während der Alte hustete.

„Wenn Sie nur wüßten, was in mir vorgeht! Meine Nase blutet ...“

„So lassen Sie sie bluten, nur schweigen Sie. Warten Sie, bis er

fortgegangen ist.“

„Aber, junger Mann, so versetzen Sie sich doch in meine Lage: ich weiß

doch nicht einmal, mit wem ich hier liege.“

„Ja, würde es Ihnen denn leichter werden, wenn Sie’s wüßten? Ich

interessiere mich nicht im geringsten für Ihren Namen. Und wenn schon –

Na, wie lautet er denn, sagen Sie doch zuerst?“

„Nein, wozu den Namen nennen ... Ich will nur erklären, durch welchen

sinnlosen Zufall ...“

„Sst ... er hat aufgehört ...“

„Glaube mir, mein Herzchen, jetzt habe ich ganz deutlich flüstern

gehört!“

„Ach, nein, das ist doch nicht möglich, es wird sich nur die Watte in

Ihren Ohren verschoben haben.“

„Ach, à propos! Weißt du, hier ... Köch-köch ... über uns ... Koch ...

in der Wohnung über uns, hier, köch-köch-köch!“ usw.

„Über uns?!“ flüsterte der junge Mann. „Ach, der Teufel! Und ich dachte,

dies sei das letzte Stockwerk! Ist denn dies erst das zweite?“

„Junger Mann, mein Herr,“ fuhr Iwan Andrejewitsch wie von jemandem

gekniffen auf, „was sagen Sie da? Um Gotteswillen, weshalb interessiert

Sie das? Auch ich war der Meinung, daß dies das dritte und letzte

Stockwerk sei! Um Gotteswillen, ist hier denn noch ein Stockwerk?“

„Nein wirklich, mein Herzchen, es muß hier jemand sein,“ sagte der

Greis, dessen Husten sich wieder gelegt hatte.

„Sst! Hören Sie?“ flüsterte der junge Mann, dessen Hand wie eine eiserne

Klammer Iwan Andrejewitschs Hände packte.

„Mein Herr, Sie zermalmen mir alle Finger! Das ist Vergewaltigung!

Lassen Sie los!“

„Sst!“

Wieder kam es zu einem kurzen Kampf, dem wieder vollständige Stille

folgte.

„Ja, ich traf eine nette Kleine ...“ fuhr der Greis fort.

„Wie, eine nette? ...“ unterbrach ihn seine junge Frau.

„Ja ... habe ich dir noch nicht erzählt, daß ich einer netten Dame auf

der Treppe begegnet bin? ... oder habe ich es vergessen, zu erzählen ...

Mein Gedächtnis ist schwach. Johanniskraut müßte ich trinken ... Köch!“

„Was?“

„Johanniskraut müßte ich trinken: man sagt, das helfe ...

Köch-köch-köch! ... denn das helfe, sagt man.“

„Da haben Sie ihn unterbrochen!“ flüsterte der junge Mann, knirschend.

„Du sagtest, dir sei heute eine nette Dame begegnet?“ fragte die junge

Frau.

„Wie?“

„Dir ist heute eine nette Dame begegnet?“

„Wem das?“

„Aber dir doch!“

„Mir? Wann? Ach so, richtig, ja! ...“

„Endlich! O, du verfluchte Mumie!“ murmelte der junge Mann unterm Bett,

der dem vergeßlichen Greise am liebsten einen aufmunternden Rippenstoß

versetzt hätte.

„Mein Herr! Ich zittere vor Angst! Mein Gott, mein Gott! was höre ich?

Das ist ja wie gestern, ganz wie gestern! ...“

„Sst!“

„Jajaja! Jetzt fällt es mir wieder ein: ein ganz reizender Käfer! So

blanke Augen ... unter einem hellblauen Hütchen ...“

„Hellblauen Hütchen! Teufel noch eins!“

„Das ist sie! Sie hat einen kleinen hellblauen Hut! Mein Gott, mein

Gott!“ stöhnte Iwan Andrejewitsch wie ein Verzweifelter.

„Sie? Welche ‚sie‘?“ fragte der junge Mann flüsternd, doch mit

unheimlichem Händedruck.

„Sst!“ machte nun seinerseits Iwan Andrejewitsch, „er spricht!“

„Zum Teufel! ... Teufel ...“

„Übrigens kann jede Dame einen hellblauen Hut tragen ...“ flüsterte Iwan

Andrejewitsch zaghaft.

„Und solch eine Schelmin scheint sie zu sein!“ fuhr der Greis fort,

„köch! Sie kommt immer hierher, zu irgendwelchen Bekannten. Und immer

liebäugelt sie. Zu diesen Bekannten kommen aber wieder andere Bekannte

...“

„Pfui, wie langweilig das ist,“ unterbrach ihn seine junge Frau. „Ich

begreife nicht, wie einen so etwas interessieren kann.“

„Nun, schon gut, schon gut! Sei nur nicht böse!“ beschwichtigte sie

wieder der Greis „ich ... ich – Köch! – ich werde nicht mehr davon

erzählen, wenn du es nicht willst. Du bist heute nicht bei ganz guter

Laune ...“

„Aber wie sind Sie denn hierher geraten?“ forschte plötzlich in

gereiztem Flüsterton der junge Mann unterm Bett.

„Ach, sehen Sie, sehen Sie! Jetzt fangen Sie an, sich dafür zu

interessieren, vorher aber wollten Sie mich überhaupt nicht anhören!“

„Ach, nun, dann nicht! Mir ist’s schließlich gleich. Aber seien Sie dann

still! Hol’s der Teufel, die Geschichte ist, bei Gott! um aus der Haut

zu fahren ...“

„Junger Mann, hören Sie, ärgern Sie sich nicht! Ich weiß nicht, was ich

rede! Ich ... ich wollte nur sagen, daß Sie sich wohl kaum grundlos für

den Zwischenfall interessieren werden ... Aber wer sind Sie, junger

Mann? Sie sind mir unbekannt, wie ich sehe, aber wer sind Sie nun

eigentlich! Mein Gott! Ich weiß selbst nicht mehr, was ich rede!“

„Hören Sie auf,“ riet ihm der junge Mann, als sei er innerlich mit

anderem beschäftigt.

„Ich werde Ihnen alles erzählen, alles! Sie denken vielleicht, daß ich

nicht erzählen werde, daß ich Ihnen böse bin, nicht? Hier haben Sie

meine Hand! Ich bin nur in einer etwas niedergeschlagenen Stimmung, das

ist alles. Aber sagen Sie mir um Gotteswillen zuerst: wie sind Sie

hierher geraten? Aus welchem Grunde, zu welchem Zweck sind Sie in dieses

Haus gekommen? Was mich betrifft, so bin ich nicht böse, bei Gott, ich

bin Ihnen nicht böse, hier haben Sie meine Hand darauf. Nur wird sie

nicht allzu sauber sein, denn hier ist es etwas staubig. Aber was will

das besagen!? Auf das Gefühl kommt es an!“

„Eh, gehn Sie zum Teufel mit Ihrer Hand! Kaum, daß man hier Platz hat,

platt auf dem Bauch zu liegen – da will er noch Armverrenkungen

versuchen!“

„Aber, mein Herr! Sie gehen mit mir um, als wäre ich, mit Erlaubnis zu

sagen, eine alte Stiefelsohle!“ wendete Iwan Andrejewitsch in einer

Aufwallung der keuschesten Verzweiflung mit einer Stimme ein, wie man

sie sonst nur zu flehentlichem Bitten gebraucht. „Behandeln Sie mich nur

ein wenig höflicher – hören Sie? – nur ein wenig höflicher, und ich

werde Ihnen alles erzählen! Wir würden einander lieb gewinnen; ich bin

sogar bereit, Sie zu mir zu Tisch einzuladen. So aber können wir nicht

beisammen liegen bleiben, das sage ich Ihnen ganz offen. Sie sind auf

einem Irrwege, junger Mann, Sie wissen nicht ...“

„Wann kann er ihr denn begegnet sein?“ murmelte der junge Mann vor sich

hin, offenbar in größter Aufregung. „Vielleicht wartet sie dort auf mich

... Nein, ich muß unbedingt fort von hier, koste es, was es wolle!“

„Sie? Wer ist diese ‚sie‘? Mein Gott! von wem reden Sie, junger Mann?

Sie glauben, daß hier oben über uns ... Mein Gott, mein Gott, wofür

werde ich so gestraft?!“

Und Iwan Andrejewitsch wollte sich, zum Zeichen seiner Verzweiflung, auf

den Rücken kehren, doch der Versuch mißlang, was ihn noch unglücklicher

machte.

„Was geht das Sie an, wer sie ist? Eh, zum Teufel! – ich krieche hinaus!

...“

„Mein Herr! Was fällt Ihnen ein? Und ich? Wo soll ich denn bleiben?“

stotterte Iwan Andrejewitsch entsetzt und er klammerte sich an die

Frackschöße des anderen.

„Was geht das mich an? So bleiben Sie doch allein hier. Oder wenn Sie

das nicht wollen, kann ich ja sagen, daß Sie mein Onkel seien, der sein

Vermögen durchgebracht hat, damit der Klappergreis nicht auf den

Gedanken kommt, in mir den Geliebten seiner Frau zu sehen.“

„Aber, junger Mann, das ist doch ganz unmöglich, ganz ausgeschlossen!

Wer wird Ihnen denn das glauben, daß ich Ihr Onkel sei? Kein

dreijähriges Kind wird es Ihnen glauben!“ flüsterte in beschwörendem

Tone Iwan Andrejewitsch.

„Na dann schwatzen Sie wenigstens nicht und legen Sie sich platt! Sie

können doch hier ruhig übernachten und dann morgen sehen, wie Sie

entkommen. Kein Mensch wird Sie hier bemerken; denn wenn einer schon

herausgekrochen ist, wird niemand noch einen zweiten unter dem Bett

vermuten – da könnte ein ganzes Dutzend sich gesichert fühlen. Übrigens

wiegen Sie allein ein ganzes Dutzend auf. Rücken Sie zur Seite, ich

krieche hinaus.“

„Sie drücken mich, junger Mann ... Aber wie, wenn ich zu husten beginne?

Man muß doch alles voraussehen ...“

„Sst!“

„Was ist das, mein Herzchen, ich glaube über uns hat wieder ein

Spektakel begonnen,“ bemerkte der Greis, der inzwischen wohl

eingeschlummert war, mit schläfriger Stimme.

„Über uns?“

„Hören Sie, junger Mann: ich werde hinauskriechen.“

„Ich höre, – nun!“

„Mein Gott, junger Mann, ich werde hinauskriechen!“

„Ich nicht. Mir ist alles gleich. Wenn schon einmal ein Strich durch die

Rechnung gemacht ist, dann – ... Aber wissen Sie, was ich stark vermute?

Daß Sie, gerade Sie und kein anderer ein betrogener Ehemann sind! –

Verstanden?“

„Mein Gott, welch ein Zynismus! ... Vermuten Sie das wirklich? Aber

weshalb denn gerade ein Ehemann ... ich bin doch nicht verheiratet ...“

„Was, nicht verheiratet? Sie? Wer das glaubt!“

„Ich bin vielleicht selbst ein Liebhaber, Sie können es doch nicht

wissen!“

„Famoser Liebhaber das! Ha–ha!“

„Mein Herr, mein Herr! Nun gut, ich werde Ihnen alles erzählen.

Vernehmen Sie also meine Beichte, – die Beichte eines Verzweifelten.

Nicht ich bin der Betreffende, ich bin nicht verheiratet. Ich bin

gleichfalls Junggeselle – ganz wie Sie. Es ist das nur mein Freund, mein

Jugendfreund, um den es sich handelt ... Ich aber bin ein Liebhaber ...

Da sagt er mir eines Tages: ‚Ich bin ein unglücklicher Mensch, ich muß

den bittersten Kelch leeren, denn ich mißtraue meiner Frau.‘ Aber,

Freund, sage ich, wessen verdächtigst du sie denn? ... Aber Sie hören

mich ja gar nicht! So hören Sie, hören Sie doch! ... Eifersucht ist

lächerlich, sage ich zu ihm, Eifersucht ist ein Laster! ... Er aber

sagt: ‚Nein, ich bin ein unglücklicher Mensch! Ich – wie gesagt ... ich

leere den Kelch, den bittersten Kelch ... d. h. ich habe sie im Verdacht

...‘ – Du bist mein Jugendfreund, sagte ich zu ihm. Wir haben gemeinsam

Blumen gepflückt, gemeinsam die ersten Freuden genossen ... Mein Gott,

ich weiß nicht mehr, was ich rede! Sie lachen die ganze Zeit, junger

Mann. Sie werden mich noch verrückt machen!“

„Das sind Sie ja schon.“

„Da haben wir’s! Ich ahnte es ja, daß Sie mir das sagen würden, als ich

das Wort noch nicht einmal ausgesprochen hatte – da schon ahnte ich es!

Lachen Sie nur, lachen Sie nur, junger Mann! Ebenso bin auch ich

gewesen, zu meiner Zeit, ebenso habe auch ich verführt! Ach, ja! – jetzt

aber, ... jetzt werde ich sicher verrückt werden!“

„Was ist das, mein Herzchen, hat hier nicht jemand geniest?“ fragte

wieder der Greis mit seiner trägen Langsamkeit. „Warst du es, mein

Herzchen?“

„Oh, ^mon Dieu^!“ stöhnt die arme junge Frau.

„Sst!“ hörte man unter dem Bett.

„Das muß über uns im dritten Stockwerk sein,“ bemerkte die junge Frau in

ihrer Herzensangst. Unter dem Bett wurde es schon allzu verräterisch

laut und immer lauter.

„Ja, das scheint mir auch,“ meinte der Greis bedächtig. „Über uns! ...

Habe ich dir schon erzählt, daß ich einem jungen Mann – Köch-köch! einem

jungen Mann mit einem Schnurrbärtchen – Köch-köch! Ach, mein Gott und

Vater! – mein Rücken! ... einem jungen Fant soeben begegnet bin, mit

einem Schnurrbärtchen ...“

„Mit einem Schnurrbärtchen! Großer Gott, das sind gewiß Sie!“ flüsterte

Iwan Andrejewitsch entsetzt.

„Herrgott, ist das ein Mensch! Ich bin doch hier, hier unter dem Bett,

liege hier dicht neben Ihnen! Wo kann er mir denn begegnet sein! Aber so

fahren Sie mir doch nicht ewig mit Ihren Händen ins Gesicht!“

„Gott, ich werde sogleich ohnmächtig werden!“

In diesem Augenblick hörte man in der Wohnung darüber allerdings großen

Lärm.

„Was mögen sie dort nur treiben?“ fragte sich der junge Mann.

„Mein Herr! Ich zittere, mir graut! Helfen Sie mir!“

„Sst!“

„Ja, mein Herzchen, jetzt höre ich es ganz deutlich, es ist ja fast ein

Höllenspektakel dort oben. Und das gerade über deinem Schlafzimmer.

Sollte man da nicht hinaufschicken, und um Ruhe bitten lassen?“

„Ach, das fehlte noch!“

„Nun, nun, schon gut, dann nicht. Warum bist du heute so böse?“

„Oh, ^mon Dieu^! Werden Sie nicht bald schlafen gehn?“

„Lisa, du liebst mich gar nicht.“

„Ach, gewiß liebe ich Sie! Nur ... um Gotteswillen, ich bin so müde.“

„Nun, nun, schon gut, ich gehe ja schon.“

„Ach, nein, nein, gehen Sie nicht fort!“ rief die junge Frau plötzlich

angstvoll. „Oder nein, gehen Sie, gehen Sie!“

„Was hast du nur, mein Herzchen! Bald sagst du, ich soll fortgehen, bald

wieder, ich soll hierbleiben ... Köch-köch! Aber es wäre wirklich Zeit

zum ... Köch-köch! Bei Panafidins hatten die kleinen Mädchen ...

Köch-köch! ... Mädchen ... Köch! Eine Nürnberger Puppe sah ich bei der

Kleinen, köch-köch! ...“

„Ach, jetzt redet er noch von Puppen!“

„Köch-köch! Eine sehr schöne Puppe war es ... Köch-köch!“

„Er verabschiedet sich schon!“ flüsterte der junge Mann seinem

Leidensgenossen zu, „er geht und dann können wir sogleich

hinausschlüpfen. Hören Sie? So freuen Sie sich doch!“

„O, gäbe Gott! Gäbe Gott!“

„Das war eine Lehre für Sie ...“

„Junger Mann! Was für eine Lehre? Wofür? Ich fühle, daß ... Doch Sie

sind noch zu jung, Sie können mir keine Lehre geben.“

„Trotzdem gebe ich sie aber ... Hören Sie?“

„Gott! Ich will niesen! ...“

„Sst! Wenn Sie es nur wagen!!“

„Aber was soll ich denn tun? Es riecht hier nach Mäusen, ich habe Staub

eingeatmet! Ich kann doch nicht! Geben Sie mir mein Taschentuch, aus

meiner Rocktasche, um Gotteswillen, ich kann mich nicht rühren ... O

Gott, o Gott! Wofür werde ich so gestraft?“

„Da haben Sie Ihr Taschentuch! Wofür Sie bestraft werden, das will ich

Ihnen sogleich sagen: Sie sind eifersüchtig. Auf Grund Gott weiß welcher

Zweifel rennen Sie wie ein Verrückter durch die Straßen der Stadt,

brechen in fremde Häuser ein, belästigen die Menschen in ihren

Wohnungen, verursachen einen Skandal ...“

„Junger Mann! Ich habe noch keinen Skandal verursacht!“

„Schweigen Sie!“

„Junger Mann, Sie können und dürfen mir nicht Moral predigen! Ich bin

moralischer als Sie!“

„Schweigen Sie!“

„O Gott, o Gott!“

„Sie verursachen einen Skandal, erschrecken eine schöne junge Frau, die

nicht weiß, wo sie sich vor Angst lassen soll, und die vielleicht noch

krank werden wird von dieser ganzen Aufregung; Sie beunruhigen einen

ehrwürdigen Greis, der durch seine verschiedenen Leiden ohnehin schon

genug gequält wird, einen Greis, der vor allen Dingen der Ruhe bedarf, –

und das alles aus welchem Grunde? Nur weil Sie sich da irgendeinen

Unsinn in den Kopf gesetzt haben, mit dem Sie nun durch alle Gassen und

in alle Häuser laufen! Begreifen Sie auch, begreifen Sie auch, in

welches Licht Sie sich selbst gestellt haben, als was Sie dastehen, was

man von Ihnen denken muß? Fühlen, begreifen Sie das auch wirklich so,

wie es sich gehört?“

„Mein Herr! Gut! Ich fühle es! Aber Sie haben kein Recht ...“

„Schweigen Sie! Was reden Sie hier von Recht oder kein Recht! Begreifen

Sie denn nicht, wie tragisch das enden kann? Begreifen Sie denn nicht,

daß dieser Greis, der seine junge Frau über alles liebt, einfach

irrsinnig werden kann, wenn er sieht, wie Sie unter dem Bett seiner Frau

hervorkriechen? Doch nein, Sie können nicht die Ursache einer Tragödie

sein! Wenn Sie hervorkriechen, muß ein jeder, denke ich, sich vor Lachen

krummbiegen. Ich würde viel dafür geben, könnte ich Sie mal bei Licht

betrachten! Sie müssen ja zum Platzen komisch sein!“

„Und Sie? In einer solchen Lage, unter dem Bett hervorkriechend, würden

Sie gleichfalls lächerlich sein. Auch ich würde Sie gern einmal bei

Licht betrachten.“

„Sie!!“

„Ihrem Gesicht wird zweifellos der Stempel der Unsittlichkeit

aufgedrückt sein, junger Mann!“

„Ah! Sie kommen wieder auf die Sittlichkeit zu sprechen! Woher wissen

Sie denn, weshalb ich hier bin? Ich bin irrtümlicherweise hierher

geraten, ich wollte eine Treppe höher hinauf. Und der Teufel mag wissen,

weshalb man mich hereingelassen hat! Offenbar muß sie selbst jemanden

erwartet haben – doch, versteht sich, jedenfalls nicht Sie. Ich

versteckte mich sofort unter dem Bett, als ich Ihre Schritte hörte und

als ich sah, daß die Dame so heftig erschrak. Zudem war es hier noch

ziemlich dunkel. Übrigens kann auch meine Anwesenheit Ihre Anwesenheit

noch lange nicht rechtfertigen. Sie sind, mein Herr, nichts als ein

lächerlicher eifersüchtiger Alter! Weshalb ich nicht hinausgehe? Sie

denken vielleicht, ich fürchte mich? Nein, mein Verehrtester, ich wäre

schon längst gegangen, ich bin nur aus Mitleid mit Ihnen hiergeblieben.

Sie würden ja am Ende gar Ihren Geist aufgeben, wenn ich Sie verließe.

Sie würden ja wie ein alter Klotz vor ihnen stehen, wenn man Sie endlich

ans Licht beförderte, Sie würden sich doch nie und nimmer zurechtfinden

...“

„Weshalb denn wie ein alter Klotz? Weshalb gerade wie dieser Gegenstand?

Konnten Sie mich nicht mit einem anderen vergleichen, junger Mann?

Weshalb sollte ich mich denn nicht zurechtfinden? Nein, ich würde mich

sehr gut zurechtfinden!“

„Sst! Hören Sie nicht, wie der Schoßhund bellt! Das kommt alles von

Ihrem ewigen Geschwätz! Jetzt haben Sie das Hündchen aufgeweckt! Dieses

elende Vieh kann noch zu unserem Verräter werden!“

In der Tat: das Schoßhündchen der Dame, das bis dahin ruhig auf seinem

Kissen in der Ecke geschlafen hatte, war plötzlich aufgewacht, hatte ein

wenig geschnuppert und war dann mit empörtem Gekläff unter das Bett

gestürzt.

„O Gott! Solch ein elendes Vieh!“ murmelte Iwan Andrejewitsch, halb tot

vor Schreck und Angst. „Es wird uns bestimmt verraten! Es wird alles

offenbar werden! Wodurch habe ich nur diese Strafe verdient, o du mein

Gott!“

„Durch Ihre Feigheit natürlich!“

„Ami, Ami, komm her!“ rief plötzlich, erschrocken auffahrend, die junge

Frau. „^Ici, ici, viens ici!^“

Doch das Hündchen kümmerte sich nicht um sie, sondern griff mutig Iwan

Andrejewitsch an.

„Was ist das, mein Herzchen, weshalb bellt denn Amischka so laut?“

fragte der Greis. „Sind etwa Mäuse unter dem Bett, oder sitzt dort der

Kater? Deshalb – ich hörte ihn doch die ganze Zeit schnurren ... Und du

weißt doch, Wassjka hat heut Schnupfen ...“

„Liegen Sie ganz still!“ flüsterte der junge Mann. „Rühren Sie sich

nicht! Dann wird das Vieh sich vielleicht beruhigen.“

„Mein Herr! Mein Herr! Geben Sie meine Hände frei! Weshalb halten Sie

sie?“

„Sst! still!“

„Aber ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, der Hund beißt mich in die Nase!

Sie wollen wohl, daß ich meine Nase verliere?“

Es folgte ein Handgemenge, in dem es Iwan Andrejewitsch schließlich

gelang, seine Hände zu befreien. Das Hündchen bellte wie rasend;

plötzlich aber quietschte es auf und verstummte.

„Ach!“ schrie die Dame auf.

„Was tun Sie?“ flüsterte der junge Mann wütend. „Sie verraten uns!

Weshalb haben Sie den Hund gepackt? Teufel, der Kerl würgt ihn noch

obendrein! So hören Sie doch, was ich Ihnen sage! Lassen Sie ihn laufen!

Hören Sie! Sie Kameel! Haben Sie denn keine Ahnung von einem

Weiberherzen? Sie wird uns beide noch an den Galgen bringen, wenn Sie

ihren Hund erwürgen!“

Doch Iwan Andrejewitsch hatte die Angst wie taub gemacht: er hörte auf

nichts. Es war ihm gelungen, den kleinen Köter am Kragen zu fassen: und

da hatte er ihm denn in übergroßem Selbsterhaltungstriebe den Hals mit

einem Griff so zugeschnürt, daß dem Tierchen kaum Zeit geblieben war,

noch einmal zu quieken, bevor es den Geist aufgab.

„Wir sind verloren!“ flüsterte der junge Mann.

„Amischka, Amischka!“ rief die Dame. „^Mon Dieu^, was haben sie mit

meinem Ami gemacht! Amischka, Amischka! ^Ici!^ O, diese Schändlichen!

Diese Barbaren! Mein Gott, mir wird schlecht!“

„Was ist denn, was ist denn geschehen, mein Herzchen?“ sagte der Greis,

der wohl gerade im Begriff gewesen war, ein wenig einzuschlummern, „was

hast du, mein Herz? Amischka, hierher! Zum Fuß! Amischka, Amischka,

Amischka!“ rief der Alte eifrig, schnalzte mit der Zunge, schnippte mit

den Fingern, doch es half alles nicht: Amischka kam nicht wieder zum

Vorschein. „Wo ist er denn geblieben? Amischka! ^Ici.^ Wirst du wohl! Es

kann doch nicht sein, daß der Kater ihn dort aufgefressen hat?

Jedenfalls muß Wassjka Prügel bekommen, meine Liebe, er ist schon einen

ganzen Monat nicht mehr bestraft worden. Was meinst du dazu? Ich werde

morgen Praskowja Sacharjewna fragen, was sie dazu meint. Aber um Gottes

willen, mein Herz, was ist mit dir? Du bist ganz bleich! Oh, oh! Wasser!

Hilfe! Hilfe!“

Und der Alte stürzte kopflos zur Tür.

„Diese Mörder! Diese Räuber!“ schrie die Dame und sank auf die

Chaiselongue.

„Wer, wer, wer das?“ rief der Alte von der Tür her.

„Dort sind Menschen! Fremde Menschen! Dort ... unter meinem Bett! Oh,

^mon Dieu^! Amischka, Amischka! Was haben sie mit dir getan!!“

„Ach, Gott im Himmel! Was für Menschen? Amischka ... Nein, zuerst Leute

her, Leute! Leute! Wer ist dort? Wer?“ schrie der Alte ganz heiser vor

Aufregung, und er griff nach dem Licht und beugte sich, um unter das

Bett zu sehen. „Wer ist dort! Zu Hilfe! Leute! ...“

Iwan Andrejewitsch lag mehr tot als lebendig neben dem Leichnam

Amischkas. Der junge Mann aber verfolgte aufmerksam jede Bewegung des

Alten. Plötzlich sah er, daß dieser zur Wand ging und sich dort

niederbeugte. Im Augenblick kroch er unter dem Bett hervor, während der

Alte die Einbrecher auf der anderen Seite des Ehebettes suchte.

„^Mon Dieu!^“ murmelte die Dame ganz erstaunt, als sie plötzlich einen

jungen eleganten Mann vor sich stehen sah. „Wer sind Sie? Ich dachte

...“

„Der andere ist noch unterm Bett,“ erklärte ihr der junge Mann leise und

schnell. „Er ist schuld an Amischkas Tod!“

„Ach!“ schrie die Dame entsetzt auf.

Doch schon war der junge Mann aus dem Zimmer.

„Ach! Wer ist hier? Hier sehe ich einen Stiefel! Ein Bein!“ keuchte der

Alte, der Iwan Andrejewitsch am Fuß hervorzuziehen versuchte.

„Der Mörder! dieser Mörder! oh Ami, oh Ami!“ jammerte die Dame.

„Kommen Sie heraus! Kommen Sie heraus!“ schrie der Alte, mit den Beinen

auf den Teppich stampfend. „Wer sind Sie? Was suchen Sie hier? Was

wollen Sie? Gott im Himmel! Was das für ein Mensch ist!“

„Das sind ja Mörder!“

„Um Gottes und aller Heiligen willen! Um Christi willen!“ flehte Iwan

Andrejewitsch, der auf allen Vieren hervorkroch, sich kniend erhob und

flehend die Hände faltete und dann wieder weiterkroch. „Um Gottes

willen, Ew. Exzellenz, rufen Sie keine Menschen herbei! Exzellenz, rufen

Sie keine Menschen herbei! Das ... das ist ganz überflüssig! Sie ... Sie

können mich nicht vor die Tür setzen lassen! ... Ich bin nicht solch

einer! ... Ich bin ein freier Mensch ... Das ist ein Irrtum, Exzellenz,

ich habe mich nur geirrt! Ich werde Ihnen sogleich alles erklären,

Exzellenz, alles, alles, alles!“ fuhr Iwan Andrejewitsch schluchzend mit

versagender Stimme fort. „An allem ist nur meine Frau schuld, das heißt,

nicht meine Frau, sondern eine fremde Frau, – denn ich bin ja gar nicht

verheiratet, ich bin nur so ... Das ist mein Schulkamerad und

Jugendfreund ...“

„Was für ein Jugendfreund!“ schrie der Alte und er stampfte zornig mit

dem Fuß auf. „Sie sind ein Dieb, ein Einbrecher, ein Mörder! Stehlen

wollten Sie! ... Aber nicht Jugendfreund! ...“

„Nein, ich bin kein Dieb, Exzellenz, ich bin wirklich sein Jugendfreund

... ich ... ich habe mich nur zufällig verirrt, ich habe nur die

Haustüren verwechselt! ...“

„Das kennt man! – Haustüren verwechselt!“

„Ew. Exzellenz! Ich bin nicht solch ein Mensch! Sie täuschen sich! Ich

versichere Ihnen, daß Sie sich in einem grausamen Irrtum befinden,

Exzellenz! Sehen Sie mich an, betrachten Sie mich, und Sie werden an

allen Anzeichen erkennen, daß ich kein Dieb sein kann. Exzellenz! Ew.

Exzellenz!“ flehte Iwan Andrejewitsch, sich mit beschwörender Gebärde an

die junge Frau wendend. „Sie, Sie werden mich als zartfühlende Dame eher

verstehen ... Ich ... ich habe Amischka umgebracht ... Aber ich bin

nicht schuld daran ... bei Gott nicht! Daran ist meine ... das heißt,

nicht meine, sondern eine fremde Frau schuld! Ich ... ich bin ein

unglücklicher Mensch, ich habe den Kelch geleert ...“

„Was geht das mich an, was Sie da geleert haben – es wird wohl nicht nur

_ein_ Kelch gewesen sein, nach Ihrem Aussehen zu urteilen! Aber wie sind

Sie hierher gekommen, mein Herr, wenn Sie mir das erklären wollten?!“

schrie der Alte zitternd vor Aufregung, obschon er sich selbst

eingestand, daß dieser Fremde offenbar kein gewöhnlicher Dieb sein

konnte. „Ich frage Sie: wie – sind – Sie – hierher gekommen? Zum

Donnerwetter! ... Daß Sie kein Räuber sind ...“

„Ich bin kein Räuber, ich bin kein Räuber, Exzellenz! Ich ... ich bin

nur in eine andere Tür ... bei Gott, ich bin kein Räuber! Das kommt

alles nur daher, daß ich eifersüchtig bin! Ich werde Ihnen alles

erzählen, Exzellenz, alles und ganz offenherzig, Exzellenz, wie meinem

Vater werde ich es Ihnen erzählen, wie meinem leiblichen Vater, denn den

Jahren nach könnte ich Sie doch für meinen Vater halten!“

„Was?! Für Ihren Vater?!“

„Exzellenz, Ew. Exzellenz! Ich habe Sie vielleicht verletzt! – o,

verzeihen Sie es mir! In der Tat, eine so junge Dame ... und Ihre Jahre

... sehr-sehr-sehr angenehm, Ew. Exzellenz, glauben Sie mir, eine ...

eine solche Ehe zu sehen ... in den besten Jahren! ... Rufen Sie nur

nicht die Leute herbei, um Gottes willen, rufen Sie nicht Ihre Leute her

... die würden nur lachen ... ich kenne sie ... Das heißt, ich will

damit nicht sagen, daß ich nur mit Bedienten bekannt bin, – ich habe

selbst Bediente, Exzellenz, und ewig lachen sie, die ... Esel! Exzellenz

... Ich glaube, mich nicht getäuscht zu haben ... Durchlaucht ... ich

habe doch die Ehre, mit einem Fürsten zu sprechen ...“

„Nein, nicht mit einem Fürsten, mein Herr, ich bin ... ein Privatmann.

Und ich bitte Sie, mich mit Ihren Titeln zu verschonen, sich nicht mit

ihnen bei mir einschmeicheln zu wollen! Das würde Ihnen auch nicht

gelingen! Was ich von Ihnen hören will, ist: wie Sie hierher gekommen

sind? Also erklären Sie es mir gefälligst!“

„Durchlaucht! das heißt, nein! Ew. Exzellenz ... verzeihen Sie, ich

dachte, Sie seien ein Fürst. Ich habe mich versehen, es war ein Irrtum,

verzeihen Sie ... das kommt vor ... Sie ähneln so auffallend dem Fürsten

Korotkuchoff, den ich bei meinem Bekannten, Herrn Pusyreff, die Ehre

hatte, einmal zu sehen ... Sie sehen, ich bin gleichfalls mit Fürsten

bekannt, ich habe einen wirklichen Fürsten bei einem Bekannten gesehen:

Sie können mich nicht für das halten, für was Sie mich halten! Ich bin

kein Räuber, ich bin kein Dieb! Exzellenz, rufen Sie keine Menschen, um

Gottes willen, haben Sie Erbarmen mit mir! Bedenken Sie doch: wenn Sie

die Leute herrufen – was wird daraus entstehen!“

„Aber wie sind Sie denn hierhergekommen?“ rief die Dame. „Wer sind Sie

überhaupt?“

„Ja, wer sind Sie überhaupt?“ griff der Alte die Frage auf. „Und ich,

mein Herzchen, glaubte wirklich, es sei der Kater Wassjka, der da

irgendwo schnurrt! Und statt dessen ist es dieser! Ach, Sie Bandit! ...

Wer sind Sie? So reden Sie doch!“

Und der Alte stampfte wieder mit dem Fuß auf vor Ungeduld.

„Ich kann nicht, Exzellenz! Ich warte, bis Sie aufgehört haben ... Was

mich betrifft, so ist es eine lächerliche Geschichte, Exzellenz. Ich

werde Ihnen alles erzählen, es wird sich alles auch ohnedem erklären

lassen ... das heißt, ich will damit sagen: rufen Sie nicht fremde Leute

her, Exzellenz! Seien Sie großmütig, haben Sie Erbarmen mit mir ... Das

hat nichts zu sagen, daß ich unter dem Bett gelegen habe ... das hat

mich nicht meiner Würde berauben können. Es ist die lächerlichste

Geschichte der Welt, meine Gnädigste!“ wandte sich der arme Iwan

Andrejewitsch flehentlich an die junge Frau. „Namentlich Sie, meine

Gnädigste, wollte sagen Exzellenz, werden über sie lachen! Sie sehen vor

sich einen – eifersüchtigen Gatten! Wie Sie sehen, erniedrige ich mich

selbst, tue es selbst und freiwillig! Allerdings bin ich es, der

Amischka erwürgt hat, aber ... Mein Gott, ich weiß nicht mehr, was ich

rede!“

„Aber wie, _wie_ sind Sie denn hierher gekommen?“

„Im ... im Schutze der Dunkelheit, Exzellenz, indem ich mich der

Dunkelheit bediente ... Verzeihung! O, verzeihen Sie, Exzellenz! Ich

bitte Sie kniefällig um Verzeihung! Ich bin nur ein gekränkter Gatte,

nichts weiter! Denken Sie nicht, Exzellenz, daß ich ein Liebhaber sei!

Ich bin kein Liebhaber, ich versichere Ihnen! Ihre Gemahlin ist sehr

tugendreich, wenn ich es wagen darf, mich so auszudrücken. Sie ist rein

und unschuldig, glauben Sie es mir!“

„Was? Was? Wessen erfrecht sich der Kerl!“ schrie der Alte, ganz rot im

Gesicht, und wieder trampelte er mit den Füßen. „Sind Sie verrückt

geworden? übergeschnappt? Wie unterstehen Sie sich, von meiner Frau zu

reden?“

„Dieses Scheusal, dieser Mörder, der meinen Ami erwürgt hat!“ rief die

junge Frau empört aus. Sie war in Tränen aufgelöst ob des Verlustes

ihres Amischka. „Und er wagt noch, mich zu beleidigen!“

„Exzellenz, Gnade, Exzellenz! Ich habe mich nur versprochen!“ beteuerte

halb besinnungslos Iwan Andrejewitsch. „Betrachten Sie mich, wenn Sie

wollen, als Wahnsinnigen ... Um Gottes willen! – als Wahnsinnigen, wenn

Sie wollen ... Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß Sie mir damit

einen großen Dienst erweisen. Ich würde Ihnen meine Hand reichen, aber

ich wage es nicht ... Ich war nicht allein, ich bin der Onkel ... das

heißt, ich will nur sagen, daß man nicht mich für den Liebhaber halten

darf ... Gott! Ich weiß wieder nicht, was ich rede! Ich habe Sie nicht

kränken wollen, Exzellenz!“ rief Iwan Andrejewitsch der Frau zu. „Sie

sind eine Dame, Sie werden begreifen, was Liebe ist – dieses zarte

Gefühl ... Doch was rede ich, was rede ich da wieder! ... Ich will nur

sagen, daß ich ein Greis bin, das heißt, kein Greis, sondern ein schon

bejahrter Mann ... ein Greis in den besten Jahren ... Ich will damit

sagen, daß ich gar nicht Ihr Liebhaber sein kann, meine Gnädigste, daß

ein Liebhaber immer ^à la^ Mister Richardson oder ^à la^ Don Juan zu

sein pflegt, ich aber ... O Gott, was rede ich! ... Aber Sie sehen doch

jetzt wenigstens, Exzellenz, daß ich ein gebildeter Mensch bin, der die

Literatur kennt. Sie lächeln, meine Gnädigste. Es freut mich, es freut

mich ungemein, daß ich Sie zum Lächeln habe bringen können! O, wie es

mich freut, daß Sie lächeln!“

„^Mon Dieu!^ Was das für ein komischer Mensch ist!“ bemerkte die Dame,

die sich die Lippen biß, um jetzt nicht wirklich laut aufzulachen.

„Ja, das ist er,“ meinte gleichfalls lächelnd der Alte, sichtlich

erfreut darüber, daß seine Frau lachte. „Mein Herzchen, weißt du, ich

denke, er kann kein Dieb sein. Aber wie ist er hierher gekommen?“

„Ich weiß, ich begreife – das ist sehr sonderbar, sogar noch mehr als

sonderbar! Wirklich, so etwas kommt sonst nur in Romanen vor! Wie? Um

Mitternacht in der Großstadt, plötzlich – ein fremder Mensch unter dem

Bett im Schlafzimmer! Da hört doch alles auf! Ist das nicht seltsam,

entsetzlich? ^À la^ Rinaldo Rinaldini, nicht wahr? Doch das hat nichts

auf sich, das hat alles nichts zu sagen, Exzellenz. Ich werde Ihnen

alles erzählen ... Und Ihnen, meine gnädigste gnädige Frau, werde ich

ein anderes Schoßhündchen zur Stelle schaffen ... ein ebenso

entzückendes! Mit so langer seidenweicher Wolle und so kleinen Beinchen,

daß es keine zwei Schritte zu gehen vermag: es verwickelt sich sonst in

seinem eigenen Fell und fällt. Und gefüttert wird es nur mit

Zuckerstückchen. Ich werde es Ihnen besorgen, gnädige Frau, ich werde es

unfehlbar besorgen!“

„Hahahahaha!“ lachte die Dame von ganzem Herzen über den armen Iwan

Andrejewitsch. „^Mon Dieu, mon Dieu^, wie ist er komisch!“

„Ja, das ist er! Ha–ha–ha! Köch-köch-köch! Zum Lachen ... köch! und so

zerzaust und bestaubt ... köch-köch-köch!“

„Exzellenz, meine Gnädigste, ich bin jetzt vollkommen glücklich! Ich

würde jetzt um Ihre Hand bitten, aber ich wage es nicht, meine

Gnädigste, ich fühle, daß ich mich seither geirrt habe, in allem, doch

jetzt öffne ich die Augen! Jetzt glaube ich, daß auch meine Frau rein

und unschuldig ist! Ich habe sie grundlos verdächtigt.“

„Seine Frau! Er hat eine Frau!“ rief die Dame, die ihr Lachen nicht mehr

meistern konnte.

„Was! Er ist verheiratet? Ist’s möglich? Das hätte ich nicht gedacht!

Hahaha! Köch-köch-köch!“

„Exzellenz, Exzellenz! Aber meine Frau ist an allem schuld ... das

heißt, vielmehr: ich bin schuld, denn ich verdächtigte sie; ich wußte,

daß hier in diesem Hause ein Rendezvous stattfinden sollte – im dritten

Stockwerk, hier über Ihrer Wohnung; der Brief war in meine Hände

geraten. Ich versah mich aber, ich dachte, vor der richtigen Tür bereits

angelangt zu sein, und da lag ich denn unter dem Bett, noch eh’ ich mich

dessen versah ...“

„He–he–he–he! Köch-köch-köch!“

„Hahahahaha!“

„Hahahaha!“ begann zuguterletzt auch Iwan Andrejewitsch zu lachen. „O,

wie glücklich ich bin! O, wie rührend es ist, uns alle so friedlich und

einträchtig miteinander zu sehen! Und meine Frau ist – oh, das weiß ich

jetzt! – vollkommen schuldlos! Davon bin ich fest überzeugt. Nicht wahr,

so muß es doch sein, meine Gnädigste?“

„Ha–ha–ha! Köch-köch! Weißt du, Herzchen, wer das ist?“ wandte sich

lachend und hustend der Alte an seine Frau.

„Wer? Hahaha! Wen meinst du?“

„Köch-köch! Hahaha! Das ist dasselbe nette Frauenzimmerchen, das mit

allen kokettiert! Das ist sie! Ich könnte wetten, daß das seine Frau

ist!“

„Nein, Exzellenz, ich bin überzeugt, daß Sie eine andere meinen; ich bin

vollkommen überzeugt davon ...“

„Aber, mein Gott! – weshalb verlieren Sie dann Ihre kostbare Zeit!“

unterbrach ihn die Dame, indem sie zu lachen aufhörte. „So eilen Sie

doch! Gehen Sie nach oben, vielleicht treffen Sie sie noch an ...“

„Sie haben recht, gnädige Frau, ich werde nach oben eilen. Doch ich

weiß, daß ich niemanden antreffen werde, gnädige Frau. Das kann nicht

meine Frau sein, davon bin ich fest überzeugt. Sie ist jetzt zu Hause!

Ich allein bin der Schuldige! Ich habe es meiner eigenen Eifersucht

zuzuschreiben ... Was meinen Sie, oder werde ich sie wirklich dort

antreffen, gnädige Frau?“

„Hahahahaha!“

„He–he–he! Köch-köch!“

„Gehen Sie! Gehen Sie! Und wenn Sie wieder an unserer Tür vorüberkommen,

dann treten Sie ein und erzählen Sie!“ rief die Dame lebhaft. „Oder

nein: kommen Sie morgen und bringen Sie Ihre Frau mit: ich will sie

kennen lernen.“

„Leben Sie wohl, gnädige Frau, besten Dank, ich werde sie unfehlbar

mitbringen. Es hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich

bin glücklich und froh, daß alles so schnell und gut seine Lösung

gefunden hat!“

„Und den Schoßhund! Vergessen Sie den nicht!“

„Nie im Leben, gnädige Frau! Ich werde ihn unfehlbar bringen!“ beteuerte

Iwan Andrejewitsch, der bereits an der Tür stand. „So weiß wie ein

Zuckerstückchen und auch nicht viel größer als ein solches, mit langem

seidigen Fell! – Leben Sie wohl, gnädige Frau, es hat mich sehr, sehr,

sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, sehr gefreut!“

Und Iwan Andrejewitsch verbeugte sich und verschwand.

„He! Sie! Mein Herr! Warten Sie, kommen Sie zurück ... köch-köch!“ rief

ihm plötzlich die heisere Stimme des Alten nach.

Iwan Andrejewitsch kehrte zurück.

„Ich kann den Kater Wassjka nicht finden – sagen Sie, war er nicht unter

dem Bett, als Sie dort waren?“

„Nein, da war er nicht, Exzellenz ... Übrigens, es freut mich wirklich,

Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich rechne es mir zur großen Ehre

an ...“

„Er hat jetzt Schnupfen und da schnurrt er immer und niest! Man muß ihn

wieder einmal prügeln.“

„Ja, Exzellenz, gewiß; Erziehungsstrafen sind bei Haustieren sehr

angebracht.“

„Was?“

„Ich sagte nur, daß Erziehungsstrafen, Exzellenz, bei Haustieren sehr

angebracht sind, um sie an Gehorsam zu gewöhnen.“

„Ah? Wirklich? ... Nun, mit Gott, das war alles, was ich wissen wollte,

besten Dank! Köch-köch!“

Als Iwan Andrejewitsch auf die Straße trat, blieb er lange Zeit

regungslos auf einem Fleck stehen, als erwarte er im Augenblick einen

Schlaganfall. Dann nahm er langsam den Hut ab, wischte sich den kalten

Schweiß von der Stirn, schüttelte sich, dachte nach und begab sich nach

Haus.

Wie groß aber war sein Erstaunen, als er, zu Hause angelangt, erfuhr,

daß Glafira Petrowna schon längst aus dem Theater zurückgekehrt war, daß

ihre Zähne zu schmerzen begonnen hatten, daß sie nach dem Arzt und nach

Blutegeln gesandt, und daß sie nun im Bett lag und voll Ungeduld ihren

Gatten erwartete.

Iwan Andrejewitsch schlug sich zuerst vor die Stirn, dann verlangte er

Wasser und Bürsten, um sich zu waschen und zu reinigen, und erst nachdem

dies geschehen war, entschloß er sich, das Schlafgemach seiner Frau zu

betreten.

„Jetzt sagen Sie mir, bitte, wo Sie die Nächte zubringen! So sehen Sie

doch, wie Sie aussehen! Wo waren Sie? Das ist doch noch nicht dagewesen:

während die Frau zu Hause fast im Sterben liegt, ist der Mann in der

ganzen Stadt nicht zu finden! Wo waren Sie? Oder waren Sie wieder auf

der Suche nach mir, um mich bei einem Rendezvous zu ertappen, zu dem ich

Gott weiß wen bestellt haben soll? Schämen Sie sich denn nicht? Das will

ein Mann sein! Bald wird man mit dem Finger auf Sie weisen!“

„Herzchen!“ stammelte Iwan Andrejewitsch, doch verspürte er schon im

selben Augenblick eine solche Rührung, daß er nach seinem Taschentuch

greifen mußte, da es ihm zu einer Rede an Worten, Gedanken und Luft

gebrach ... Doch wer beschreibt seinen Schreck, sein grauenvolles

Entsetzen, als aus seiner Rocktasche, aus der er das Taschentuch

hervorzog, plötzlich die Leiche Amischkas herausfiel! Er war sich dessen

gar nicht bewußt, daß er im Augenblick der größten Verzweiflung, als er

gezwungen war, unter dem Bett hervorzukriechen, die Leiche seines

Opfers in die Tasche gesteckt hatte, vielleicht in einer Art

Selbsterhaltungstrieb, um die Spuren seiner Tat zu verbergen und somit

der Strafe zu entgehen.

„Was ist das?“ rief entsetzt seine Gattin. „Ein totes Hündchen! Gott!

Woher kommt das? ... Was fällt Ihnen ein? ... Wo waren Sie? Sagen Sie

sofort, wo Sie waren!“

„Herzchen!“ stammelte Iwan Andrejewitsch, dessen eigenes Herz beinahe

stille stand, „Herzchen! ...“

Doch nun ziehen wir vor, unseren Helden zu verlassen, denn hier setzt

etwas ganz Neues ein, das mit seinen früheren Abenteuern nichts

Gemeinsames hat. Es ist möglich, daß ich noch einmal alle diese

Unglücksfälle mit ihren Schicksalstücken wiedergebe ... Nur eines müssen

Sie, meine verehrten Leser, mir heute schon zugeben: daß Eifersucht eine

unverzeihliche Leidenschaft ist, ja sogar noch mehr als das: sogar ein –

Unglück! ...

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