I.

„Verzeihung, mein Herr, gestatten Sie die Frage ...“

Der Vorübergehende zuckte zusammen und blickte etwas erschrocken einen

Herrn in einem Waschbärpelz an, der ihn so ohne weiteres gegen acht Uhr

abends auf der Straße anredete. Bekanntlich erschrickt jeder

Petersburger, wenn ihn ein Unbekannter auf der Straße plötzlich anredet,

auch wenn er es noch so höflich tut.

Also der Vorübergehende zuckte zusammen und erschrak ein wenig.

„Verzeihen Sie, daß ich Sie belästige,“ fuhr der Herr im Waschbärpelz

fort, „aber ich ... ich, wirklich, ich weiß nicht ... Sie werden mich,

hoffe ich, entschuldigen ... wie Sie sehen, bin ich etwas aus der

Fassung gebracht ...“

Da erst gewahrte der junge Mann in der Pekesche – einem kürzeren

Pelzüberrock –, daß der Herr im Waschbärpelz allerdings nichts weniger

als gefaßt aussah. Sein runzliges Gesicht war bleich, seine Stimme

unsicher, und seine Gedanken schienen sich gänzlich verwirrt zu haben:

schnell und unüberlegt stieß er die Worte hervor, und man sah es ihm an,

daß es ihm schwer fiel, sich mit einer Bitte an eine dem Rang und der

gesellschaftlichen Stellung nach offenbar unter ihm stehende

Persönlichkeit zu wenden. Hinzu kam noch, daß diese Bitte an und für

sich höchst peinlicher Art war und von einem Herrn, der einen so soliden

Pelz, einen so tadellosen dunkelgrünen Frack und so bedeutsame Abzeichen

auf diesem Frack trug, zum mindesten befremdend erscheinen mußte. Alles

dessen war sich der Herr im Waschbärpelz auch vollkommen bewußt, und es

verwirrte ihn so sehr, daß er seinen eigenen Gefühlen nicht widerstehen

konnte, seine Aufregung so gut es ging niederzwang und kurz entschlossen

der peinlichen Szene, die er selbst heraufbeschworen hatte, ein Ende

machte.

„Entschuldigen Sie, ich war mir meiner Handlungsweise nicht ganz bewußt.

Aber Sie kennen mich nicht, glauben Sie mir, ich ... Verzeihen Sie, daß

ich Sie aufgehalten habe ...“

Damit lüftete er den Hut und entfernte sich schnell.

„Aber ich bitte Sie, es hat nichts zu sagen ...“

Doch der kleine Herr im Waschbärpelz war bereits in der Dunkelheit

verschwunden, und dem jungen Mann blieb nichts übrig, als ihm verdutzt

nachzusehen.

„Was war das für ein Kauz?“ fragte er sich verwundert, stand noch ein

Weilchen und vergaß dann den Vorfall, um sich wieder in seine eigenen

Gedanken zu versenken, worauf er von neuem auf der Straße auf und nieder

zu gehen begann, ohne dabei die Tür eines endlos hohen Hauses aus dem

Auge zu lassen. Es war neblig geworden, was dem jungen Mann eine Sorge

vom Herzen nahm, denn im Nebel mußte sein unermüdliches Hin- und

Hergehen den Menschen weniger auffallen, abgesehen vielleicht von einem

müßigen Droschkenkutscher, der in Ermangelung einer besseren

Beschäftigung die Vorübergehenden beobachtete.

„Entschuldigen Sie!“

Der junge Mann zuckte wieder zusammen und sah zu seiner Verwunderung

wieder jenen Herrn im Waschbärpelz vor sich stehen.

„Entschuldigen Sie, daß ich nochmals ...“ begann er von neuem, „doch Sie

... Sie sind ganz gewiß ein Ehrenmann! Beachten Sie mich weiter nicht

... ich meine, als Vertreter und Mitglied einer bestimmten

Gesellschaftsklasse ... Übrigens war es nicht das, was ich sagen wollte.

Aber ... fassen Sie die Sache menschlich auf ... Vor Ihnen, mein Herr,

steht ein Mensch, der sich mit einer dringenden Bitte an Sie wenden muß

...“

„Wenn es in meiner Macht steht ... Um was handelt es sich?“

„Sie denken vielleicht, daß ich Sie um Geld bitten will!“ Der

geheimnisvolle Herr verzog den Mund zu einem Lächeln, erbleichte und

lachte hysterisch auf.

„Aber ich bitte Sie ...“

„Nein, ich sehe, daß ich Ihnen lästig falle! Verzeihen Sie, aber ich

kann mich selbst nicht ertragen! Betrachten Sie mich als einen

Unzurechnungsfähigen, einen fast Wahnsinnigen, denken Sie aber nicht

etwa –“

„Aber zur Sache, zur Sache!“ unterbrach ihn der junge Mann, zwar in

aufmunterndem Tone, doch mit merklich ungeduldigem Kopfnicken.

„Ah! Also so sind Sie! Sie – solch ein junger Mann wie Sie – erinnern

mich an das Wichtige, ganz als wäre ich ein dummer Junge! Mein Gott, ich

muß wirklich den Verstand verloren haben! ... Als was erscheine ich

Ihnen jetzt in meiner Erniedrigung, sagen Sie es mir aufrichtig?“

Der junge Mann blickte ihn etwas betreten an, sagte jedoch nichts.

„Erlauben Sie, daß ich Sie ganz offen frage: haben Sie hier nicht eine

Dame gesehen? Darin besteht meine ganze Bitte an Sie!“ sagte schließlich

der Herr im Waschbärpelz kurz entschlossen.

„Eine Dame?“

„Jawohl, eine Dame.“

„Allerdings ... aber ich muß gestehen, es sind ihrer so viele hier

vorübergegangen ...“

„Ganz recht,“ unterbrach ihn der geheimnisvolle kleine Herr mit einem

bitteren Lächeln. „Ich bin etwas zerstreut und verwirrt im Kopf, es war

nicht das, was ich sagen wollte; ich wollte Sie nur fragen, ob Sie eine

Dame in einem Fuchspelz, mit einer Kapuze aus dunklem Samt und einem

schwarzen Schleier gesehen haben?“

„Nein, eine solche habe ich nicht gesehen ... nein, ich glaube, eine

solche nicht bemerkt zu haben.“

„Ah! dann – entschuldigen Sie!“

Der junge Mann wollte nun seinerseits noch etwas fragen, doch der Herr

im Waschbärpelz war bereits wieder verschwunden und sein geduldiger

Zuhörer konnte ihm wieder nur verdutzt nachsehen.

„Ach, hol’ ihn der Teufel!“ dachte er schließlich bei sich, zog offenbar

ärgerlich seinen Biberkragen fester um den Hals und nahm von neuem den

unterbrochenen Spaziergang auf, ohne seine Vorsichtsmaßregeln zu

vergessen oder die Tür des endlos hohen Hauses aus dem Auge zu lassen.

Er ärgerte sich.

„Weshalb kommt sie denn noch nicht?“ dachte er. „Bald ist es acht Uhr!“

Da schlug die nächste Turmuhr auch schon acht.

„Ah, zum Teufel, das ist doch! ...“

„Entschuldigen Sie! ...“

„Verzeihen Sie, daß ich Sie so ... Aber Sie kamen mir so plötzlich vor

die Füße, daß ich geradezu erschrak,“ entschuldigte sich der junge Mann,

doch klang es diesmal schon fast unwirsch.

„Ich wende mich wieder an Sie. Natürlich muß ich Ihnen seltsam

erscheinen ...“

„Haben Sie die Güte, sich ohne Umschweife zu erklären. Ich habe bis

jetzt noch nicht erfahren können, was Sie eigentlich von mir wünschen

...“

„Ah, Sie haben wohl wenig Zeit? Sehen Sie mal. Ich werde Ihnen alles

ganz offen erzählen, ohne ein überflüssiges Wort. Was soll ich tun! Die

Umstände bringen bisweilen Menschen zusammen, die, was ihre Charaktere

betrifft, im Grunde ganz verschieden sind ... Doch ich sehe, Sie sind

ungeduldig, junger Mann ... Also, wie gesagt ... übrigens weiß ich nicht

einmal, wie ich mich ausdrücken soll! Kurz, ich suche eine Dame – Sie

sehen, ich habe mich schon entschlossen, alles zu sagen. Ich muß, wie

gesagt, unbedingt erfahren, oder feststellen, wenn Sie wollen, wohin

diese Dame gegangen ist. Wer sie ist, – das, denke ich, wird Sie nicht

interessieren, junger Mann.“

„Nun, nun, weiter! weiter!“

„Weiter! Ihr Ton ist ja recht ... Das heißt, verzeihen Sie, vielleicht

hat es Sie gekränkt, daß ich Sie ‚junger Mann‘ nannte ... aber ich

versichere Ihnen, ich habe nichts ... mit einem Wort, wenn Sie mir einen

unermeßlichen Gefallen erweisen wollten, dann also, wie gesagt: diese

eine Dame ... das heißt, ich will nur sagen, daß sie eine anständige

Dame ist, aus der besten Familie, mit der auch ich bekannt bin ... und

da bin ich nun beauftragt ... ich, sehen Sie, ich habe selbst keine

Familie ...“

„Nun und?“

„Also versetzen Sie sich in meine Lage, junger Mann! – Ach, wieder!

Verzeihen Sie, bitte! Ich nenne Sie immer junger Mann! Jeder Augenblick

ist dabei kostbar ... Stellen Sie sich vor, diese Dame ... aber können

Sie mir nicht sagen, wer hier in diesem Hause wohnt?“

„Ja ... hier wohnen sehr viele.“

„Ja, das heißt, Sie haben vollkommen recht,“ versetzte schnell der Herr

im Waschbärpelz und er lachte kurz auf, wie um die Situation zu retten.

„Ich sehe, daß ich mich zu ungenau ausgedrückt habe. Doch weshalb

schlagen Sie einen solchen Ton an? Wie Sie sehen, gebe ich doch

offenherzig zu, daß ich mich nicht ganz treffend ausgedrückt habe, so

daß Sie, wenn Sie ein hochmütiger Mensch wären, mich zur Genüge

erniedrigt gesehen hätten ... Ich sage Ihnen, eine Dame von anständigem

Lebenswandel, das heißt, nur ‚leichten Inhalts‘ ... Verzeihen Sie, ich

bin so verwirrt. Ich rede ja, als spräche ich von Literatur! ... Da hat

man sich nämlich jetzt eingeredet, daß Paul de Kocks Romane leichten

Inhalts seien, während doch bei seinen Romanen das ganze Malheur, wie

gesagt ... nun eben ...“

Der junge Mann blickte mitleidig den Herrn im Waschbärpelz an, der sich

schließlich rettungslos verwirrt hatte und ihn mit sinnlosem Lächeln

ansah, während seine bebende Hand ohne jeden sichtbaren Grund immer

wieder nach dem Aufschlag der Pekesche des anderen griff.

„Sie fragten, wer hier wohnt?“ fragte der junge Mann, ein wenig

zurückweichend.

„Ja, Sie haben ja schon gesagt, hier wohnen viele.“

„Hier ... hier wohnt, wie ich zufällig weiß, unter anderen Ssofja

Osstafjewna,“ sagte der junge Mann flüsternd und sogar mit einem

gewissen Mitgefühl.

„Nun sehen Sie, sehen Sie! Sie wissen unbedingt etwas Näheres, junger

Mann!“

„Ich versichere Ihnen, nein, ich weiß nichts ... Ich habe nur so

kombiniert, so nach Ihrem verstörten Aussehen ...“

„Ich ... ich habe soeben erst von der Köchin erfahren, daß sie in dieses

Haus hier geht; doch Sie sind in Ihrer Vermutung fehlgegangen, das

heißt, ich will sagen, sie ist nicht zu Ssofja Osstafjewna gegangen ...

sie kennt sie ja gar nicht ...“

„Nicht? Dann entschuldigen Sie ...“

„Man sieht, daß Sie das alles nicht interessiert, junger Mann,“ bemerkte

der seltsame Herr mit bitterer Ironie.

„Hören Sie mal,“ begann der junge Mann etwas unsicher, „ich kenne

allerdings nicht die Ursache Ihrer gegenwärtigen ... Verfassung, aber

sagen Sie doch offen: Sie sind wohl hintergangen worden, nicht?“

Der junge Mann lächelte verständnisvoll.

„... Wir werden uns dann wenigstens schneller verstehen,“ fügte er

lächelnd hinzu und seine ganze Gestalt verriet die großmütige

Bereitwilligkeit, sogleich eine leichte Verbeugung zu machen.

„Sie vernichten mich! Aber wissen Sie – ich gestehe Ihnen ganz offen –

Sie haben vollkommen erraten, um was es sich – ... Aber wem kann das

nicht passieren! ... Ihre Teilnahme rührt mich tief. Unter jungen

Leuten, nicht wahr, das werden Sie doch zugeben ... Übrigens bin ich ja

nicht mehr ganz jung, aber, wissen Sie, die Gewohnheit, das

Junggesellenleben, wie gesagt, unter uns Junggesellen, na, Sie wissen

schon ...“

„O, versteht sich, selbstverständlich! Doch womit kann ich Ihnen nun

dienen?“

„Ja sehen Sie! Sie werden zugeben, daß ein Besuch bei Ssofja Osstafjewna

... Übrigens weiß ich noch nicht einmal genau, zu wem sich diese Dame

begeben hat, ich weiß nur, daß sie sich in diesem Hause befindet. Als

ich Sie nun hier auf und ab gehen sah – ich selbst spazierte dort auf

jener Seite – dachte ich, wie gesagt ... Sehen Sie, ich erwarte nämlich

diese Dame ... ich weiß, daß sie hier ist – da wollte ich mit ihr

zusammentreffen und ihr erklären, ihr vernünftig auseinandersetzen, wie

wenig anständig, wie schändlich ... mit einem Wort, wie gesagt – Sie

verstehen mich ...“

„Hm! Nun?“

„Ich tue es ja gar nicht für mich! Denken Sie nur nicht etwa ... O nein!

Das ist eine ganz fremde Frau! Der Mann steht dort auf der

Wosnessenskij-Brücke; er will sie hier überrumpeln, kann sich aber nicht

entschließen, – er glaubt eben noch nicht, wie jeder Gatte ...“ Hier

machte der Herr im Waschbärpelz wieder einen Versuch, zu lächeln. „Ich

bin nur sein Freund. Und nicht wahr, Sie werden mir doch zugeben, daß

ich als Mensch, der sich sozusagen einer gewissen, allgemeinen Achtung

erfreut, nicht wohl derjenige sein kann, für den Sie mich zu halten

offenbar geneigt sind, – das ist doch klar!“

„Selbstverständlich. Nun, und?“

„Also wie gesagt, ich bin hier auf der Lauer, ich bin beauftragt – Sie

verstehen – Der arme Mann! Aber ich weiß, daß die listige junge Frau –

ewig hat sie einen Paul de Kock unter ihrem Kopfkissen! – ich bin

überzeugt, daß sie es doch verstehen wird, irgendwie unbemerkt

durchzuschlüpfen ... Mir hat nämlich, offen gestanden, nur die Köchin

gesagt, daß sie hierhergehe, und da bin ich denn wie ein Sinnloser

hergestürzt, kaum daß sie es ausgesprochen hatte. Ich will ihrer habhaft

werden, ich muß es, koste es, was es wolle! Ich habe ja schon längst

Verdacht geschöpft. Deshalb wollte ich Sie fragen – Sie gehen hier auf

und ab ... Sie ... Sie ... ich weiß nicht, wie ich ...“

„Ja, _was_ denn? Was wünschen Sie zu wissen?“

„Ja ... ja, ja ... Ich, ich habe leider nicht das Vergnügen, Sie zu

kennen, und, offen gestanden, ich wage auch gar nicht, eine solche

Neugierde zu bekunden, zum Beispiel, ... ich meine ... wer und ... was

... und weshalb ... Jedenfalls aber werden Sie erlauben, daß wir uns,

wie gesagt ...“

Und der bebende Herr im Waschbärpelz ergriff die Hand des jungen Mannes

und schüttelte sie kräftig und mit glühender Aufrichtigkeit.

„Freut mich, freut mich! Das hätte ich eigentlich sogleich tun sollen,“

fuhr er erregt fort, „aber man ist mitunter so zerfahren, daß man alles

vergißt!“

Der Herr konnte vor Unruhe keinen Augenblick still stehen, blickte nach

links, nach rechts, trat von einem Bein aufs andere, fast zappelnd vor

Ungeduld, und griff, wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm,

fortwährend nach einem Knopf oder einem Aufschlag der Pekesche des

jungen Mannes.

„Sehen Sie mal,“ fuhr er fort, „ich wollte mich in voller Freundschaft

an Sie wenden – verzeihen Sie die Freiheit – und wollte Sie bitten:

könnten Sie nicht dort in jener Straße, an der anderen Seite des Hauses,

wo sich der hintere Ausgang befindet, promenieren, so, wissen Sie, hin

und her? Und ich – ich werde dasselbe tun, bloß hier, vor dem

Haupteingang, damit sie nicht unbemerkt durchschlüpfen kann – verstehen

Sie? Ich fürchte nämlich die ganze Zeit, sie könne vielleicht doch

unbemerkt durchschlüpfen. Das aber darf auf keinen Fall geschehen. Und

Sie, sobald Sie sie erblicken – rufen Sie mich schnell, schreien Sie und

halten Sie sie auf ... Doch was sage ich! ich bin verrückt! Jetzt erst

begreife ich die ganze Dummheit und Unanständigkeit meines Vorschlages!“

„Nein, wieso! Ich bitte Sie! ...“

„Nein, nein, versuchen Sie nicht, mich zu entschuldigen. Ich bin

unzurechnungsfähig, ich ... ich kann meine Gedanken nicht mehr

zusammenhalten! Das ist mir so noch nie passiert! Es ist, als hätte ich

mein Todesurteil vernommen! Ich will Ihnen sogar gestehen – ich bin ganz

offen und ehrlich mit Ihnen, junger Mann – ja, ich habe anfangs _Sie_

für den Liebhaber gehalten!“

„Sie wollen also, einfach ausgedrückt, wissen, was ich hier tue?“

„Aber mein Bester, Verehrtester, der Gedanke sei mir fern, daß _Sie_ der

Betreffende sein könnten! Es sei, wie gesagt, fern von mir, Sie auch nur

in Gedanken mit einem solchen Verdacht zu ... Aber ... aber können Sie

mir Ihr Ehrenwort darauf geben, daß Sie kein Liebhaber sind? ...“

„Nun, gut: mein Ehrenwort, daß ich ein Liebhaber bin, nur nicht

derjenige Ihrer Frau; anderenfalls wäre ich jetzt nicht auf der Straße,

sondern bei ihr, wie Sie wohl zugeben werden.“

„Meiner Frau? Wer hat Ihnen das gesagt, junger Mann? Ich bin

unverheiratet, bin, wie gesagt, Junggeselle, ich ... das heißt, nun ja

... ich bin selbst ein Liebhaber ...“

„Sie sagten, der Gatte ... warte dort auf der Brücke ...“

„Gewiß, gewiß – wenn ich es schon gesagt habe? Aber sehen Sie, es gibt

noch andere ... Verwicklungen! Und Sie werden mir doch zugeben, junger

Mann, daß eine gewisse Leichtfertigkeit, namentlich wenn sie beiden

Charakteren eigen ist, das heißt, ich meine ...“

„Schon gut, schon gut, aber um was ...“

„Das heißt, ich bin durchaus nicht der Gatte ...“

„Ganz recht, das haben Sie schon gesagt. Aber jetzt bitte ich Sie,

nachdem ich Sie beruhigt habe, auch mir Ruhe zu gönnen, und damit Ihnen

das leichter wird, verspreche ich Ihnen nochmals, Sie sogleich zu rufen.

Doch jetzt werden Sie wohl die Güte haben, sich zurückzuziehen und mir

den Weg gefälligst frei zu geben. Ich warte nämlich gleichfalls.“

„O, bitte, bitte, sofort, sofort werde ich mich entfernen! Ich kann

Ihnen die leidenschaftliche Ungeduld Ihres Herzens nur zu gut

nachfühlen. Ich verstehe das, junger Mann. O, wie gut ich Sie jetzt

verstehe!“

„Ja, was ...“

„Auf Wiedersehen! ... Übrigens, verzeihen Sie, junger Mann, ich komme

wieder zu Ihnen ... Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ...

Geben Sie mir noch einmal Ihr Ehrenwort, daß Sie nicht der Liebhaber

sind!“

„Herr des Himmels! ...“

„Nur noch eine Frage, die letzte: ist Ihnen der Familienname des Mannes

Ihrer ... das heißt, ich wollte sagen, derjenigen bekannt, für die Sie

sich interessieren?“

„Selbstverständlich ist er mir bekannt, jedenfalls ist es nicht der

Ihrige. Doch jetzt basta!“

„Aber woher kennen Sie denn meinen Namen?“

„Hören Sie, ich gebe Ihnen einen Rat: machen Sie, daß Sie davon kommen.

So verlieren Sie nur Ihre Zeit und sie kann inzwischen tausendmal

unbemerkt aus dem Hause schlüpfen ... Was wollen Sie denn noch? Die, die

Sie suchen, ist in einem Fuchspelz und trägt einen Kapotthut, und die,

die ich suche, hat einen karierten Umwurf und ein hellblaues Samthütchen

... Was wollen Sie mehr?“

„Ein hellblaues Samthütchen! Aber sie hat ja gleichfalls einen karierten

Umwurf und ein solches Hütchen!“ rief der lästige Herr bestürzt aus, der

plötzlich wie angewurzelt vor dem jungen Manne stand.

„Ach, der Teufel! Na ja, das nennt man eben Zufall, mein Herr, so etwas

kommt vor. Doch wozu rege ich mich auf! – Die, die ich erwarte, pflegt

ja nicht dorthin zu gehen!“

„Aber wo ist sie denn jetzt – diejenige, die _Sie_ erwarten?“

„Interessiert Sie das?“

„Offen gestanden, ich habe nichts anderes ...“

„Pfui, Teufel! Sie haben ja, weiß Gott, überhaupt kein Schamgefühl! Na,

zum Kuckuck, ich will es Ihnen sagen: die, die _ich_ erwarte, hat hier

Bekannte in diesem Hause, im dritten Stockwerk des Vorderhauses. So, und

was wollen Sie jetzt noch wissen? Jetzt fehlte nur noch, daß Sie auch

die Namen zu hören wünschen!“

„Mein Gott! Auch ich habe Bekannte im dritten Stockwerk, hier im

Vorderhause ... General ...“

„General? ...“

„Jawohl, ein General. Ich kann Ihnen, wenn Sie wollen, auch sagen, welch

ein General ... es ist General Polowizyn.“

„Da haben wir’s! – Nein, der ist es nicht!“ versetzte er schnell gefaßt

– im geheimen aber fluchte er ganz gotteslästerlich:

„Ach, der Teufel! da schlag’ doch der Henker drein!“

„Nicht die?“

„Nein.“

Beide schwiegen plötzlich und starrten verständnislos einander an.

„Na, zum ... was starren Sie mich denn so an?“ fuhr plötzlich der junge

Mann auf, ärgerlich die Starrheit von sich abschüttelnd.

Der Herr im Waschbärpelz wurde unruhig.

„Ich, ich, offen gestanden ...“

„Nein, erlauben Sie mal, jetzt lassen Sie uns vernünftig reden. Die

Sache geht uns beide an. Erklären Sie mir: wen haben Sie dort?“

„Das heißt, Sie meinen meine Bekannten?“

„Ja, Ihre Bekannten ...“

„Nun sehen Sie, sehen Sie! Ich sehe es ja Ihren Augen an, daß ich es

erraten habe!“

„Teufel! Aber nein doch, nein! Hol’s der Teufel! Sind Sie denn etwa

blind? Ich stehe doch leibhaftig vor Ihnen, also kann ich doch nicht bei

ihr sein. Aber jetzt reden Sie endlich! Übrigens hol’s der Teufel, mir

ist es schließlich auch gleichgültig, ob Sie reden oder nicht!“

Und der junge Mann drehte sich wütend auf dem Absatz um, schlug mit der

Hand eine bezeichnende Gebärde und stampfte sogar mit dem Fuß auf.

„Ja, aber, ich sage ja nichts, ich bitte Sie, ich bin gern bereit, Ihnen

als einem Ehrenmanne alles zu erzählen: anfangs ging meine Frau allein

zu ihnen – sie ist mit ihnen verwandt, müssen Sie wissen – und ich ahnte

natürlich nichts, das heißt, jeder Verdacht lag mir vollkommen fern.

Gestern aber traf ich auf der Straße Se. Exzellenz: da mußte ich zu

meiner Verwunderung vernehmen, daß sie bereits vor drei Wochen die

Wohnung gewechselt hatten, meine Frau aber ... das heißt, was sage ich!

– nicht _meine_ Frau, sie ist die Frau eines anderen – der Mann wartet,

wie gesagt, dort auf der Wosnessenskij-Brücke. Diese Dame also hat aber

gesagt, daß sie noch vor zwei Tagen bei ihnen gewesen sei und zwar hier

in dieser Wohnung ... Die Köchin wiederum erzählte mir, daß die Wohnung

Sr. Exzellenz ein junger Mann, Bobynizyn mit Namen, gemietet habe ...“

„Ach, der Teufel! ach, der Teufel!“

„Mein Herr, ich bin außer mir, ich bin entsetzt!“

„Ach, hol’ Sie der Henker! Was geht das mich an, ob Sie außer sich sind

oder nur entsetzt! Ach! Da, da schimmerte etwas Helles! Dort! ... Sehen

Sie?“

„Wo? wo? Rufen Sie nur ‚Iwan Andrejewitsch‘ und ich komme sofort ...“

„Gut, gut. Ach, der Teufel, so etwas ist mir bisher doch noch nicht

vorgekommen, Iwan Andrejewitsch!“

„Hier!“ schrie im Augenblick der Gerufene und kehrte wie der Wind

zurück, atemlos vor Schreck und Aufregung. „Was? was? Wo?“

„Nein, diesmal rief ich nur so ... ich wollte bloß wissen, wie diese

Dame heißt?“

„Glaf...“

„Glafira ...?“

„Nein, nicht ganz so, nicht gerade Glafira ... verzeihen Sie, aber ich

kann Ihnen ihren Namen nicht nennen.“

Der ehrenwerte Mann war bei diesen Worten weiß wie Kalk.

„Nun ja, selbstverständlich heißt sie nicht Glafira, das weiß ich

selbst, daß sie nicht Glafira heißt, auch jene heißt nicht Glafira ...

Doch übrigens, bei wem ist sie denn dort?“

„Wo?“

„Dort! Herr des Himmels! Da schlag’ doch der Henker drein!“

Der junge Mann konnte buchstäblich nicht stille stehn vor Wut.

„Aha! Sehen Sie? Woher wußten Sie denn, daß sie Glafira heißt?“

„Ach, zum Teufel damit! Da hab’ ich nun auch Sie noch auf dem Halse!

Aber Sie sagen doch selbst, daß diejenige, die _Sie_ suchen, nicht

Glafira heißt! ...“

„Mein Herr, welch ein Ton!“

„Ach, zum Teufel, jetzt ist es mir wohl gerade um den Ton zu tun! Was

ist sie denn? – Ihre Frau etwa?“

„Nein, das heißt ... ich bin unverheiratet ... Nur finde ich es

anstößig, so einem unglücklichen Menschen, so einem Menschen, der – ich

will nicht sagen: der jeder Achtung wert ist, aber zum mindesten doch so

einem wohlerzogenen Menschen nach jedem Wort ‚hol’s der Teufel‘ zu

sagen. Von Ihnen aber hört man ja überhaupt nichts anderes als ‚hol’s

der Teufel, hol’s der Teufel‘!“

„Nun, ja, schon gut, hol’s der Teufel! Na, da haben Sie es wieder,

freuen Sie sich darüber!“

„Sie sind vom Zorn geblendet und deshalb schweige ich. Mein Gott, wer

ist das?“

„Wo?“

Sie hörten Geräusch und Lachen, zwei schmutzig gekleidete Mädchen traten

aus dem Hause. Beide Herren stürzten ihnen entgegen.

„Nein! So sehen Sie doch! ...“

„Was wollen Sie?“

„Nein, das ist sie nicht!“

„Was, seid nicht auf die Bewußten gestoßen? – He! Droschke!“

„Wohin will sie denn, Fräulein?“

„Steige ein, Annuschka, ich werde dich hinbringen.“

„Ich muß aber dorthin, in jene Gegend. Fahr los! Aber daß du schnell

fährst ...“

Die Droschke fuhr davon.

„Woher mögen die gekommen sein?“

„Herr des Himmels! Das ist ja, um ... Aber sollte man nicht hingehen?“

„Wohin?“

„Zu Bobynizyn, wohin denn sonst! ...“

„Nein, das geht nicht ...“

„Weshalb nicht?“

„Ich würde natürlich gehen, aber dann sagt sie etwas anderes, sie ...

würde den Spieß umdrehen; ich kenne sie! Sie würde sagen, daß sie

absichtlich gekommen sei, um mich bei irgend einer zu überraschen und

damit würde sie alles mir in die Schuhe schieben.“

„Und dabei zu wissen, daß sie vielleicht dort ist! Ja aber, hören Sie –

ich weiß nicht – aber weshalb schließlich nicht den Versuch riskieren?

Hören Sie, gehen Sie zum General ...“

„Aber der wohnt doch nicht mehr hier!“

„Gleichviel! – begreifen Sie denn nicht? Sie ist doch hingegangen, und

Sie gehen gleichfalls hin – verstehen Sie? Tun Sie, als wüßten Sie

nichts von seinem Wohnungswechsel, als wollten Sie nur auf einen

Augenblick bei ihm vorsprechen, um Ihre Frau abzuholen, nun und so

weiter!“

„Und dann?“

„Nun und dann ertappen Sie eben wen Sie wollen bei Bobynizyn. Pfui

Teufel, ist das aber ein Rüp...“

„Ja, aber was haben _Sie_ denn davon, wenn ich dort jemanden ertappe?

Sehen Sie, sehen Sie!“

„Was, was? Kommen Sie wieder damit? Ach du Grundgütiger! Haben Sie denn

schon jegliches Schamgefühl verloren, Sie ...“

„Ja, aber weshalb regen _Sie_ sich denn deshalb so auf? Offenbar wollen

Sie wissen ...“

„Was? was will ich wissen? was? Ach nun, zum Teufel mit Ihnen, jetzt

ist’s mir nicht um Sie zu tun! Ich kann auch allein gehen, gehen Sie,

gehen Sie fort, bewachen Sie dort den Ausgang, laufen Sie, nun, aber

schnell!“

„Mein Herr, Sie vergessen sich fast!“ rief der Herr im Waschbärpelz

verzweifelt.

„Was? Was liegt daran, daß ich mich vergesse?“ fragte der junge Mann

durch die Zähne, in seiner Wut mit geballter Faust auf den Herrn im

Waschbärpelz eindringend. „Nun, was? Wem gegenüber vergesse ich mich?!“

knirschte er zornbebend.

„Aber, mein Herr, erlauben Sie ...“

„Nun, wer sind Sie, dem gegenüber ich mich vergesse, wer, wie ist Ihr

Name?“

„Ich weiß nicht, ich ... wie ich das nennen soll, junger Mann. Wozu denn

meinen Namen? ... Ich, ich kann es nicht ... Ich werde lieber mit Ihnen

gehen. Also gehen wir, ich werde nicht zurückbleiben, ich bin zu allem

bereit ... Nur, glauben Sie mir: ich habe wirklich höflichere Ausdrücke

verdient! Man soll sich nie die Geistesgegenwart nehmen lassen. Wenn Sie

aber durch irgendeinen Umstand aus der Fassung gebracht sind – und ich

errate die Ursache – so brauchen Sie sich deshalb noch nicht zu

vergessen ... Sie sind noch ein sehr, sehr junger Mann ...!“

„Eh, was geht das mich an, daß Sie alt sind! Machen Sie, daß Sie

fortkommen, was laufen Sie hier herum? ...“

„Wieso, inwiefern bin ich denn alt? Ich bin doch noch gar nicht so alt!

Allerdings, daß ich es schon weit gebracht habe, aber ... aber ich laufe

durchaus nicht hier herum ...“

„Das sieht man, weiß Gott. So packen Sie sich zum Teufel ...“

„Nein, es bleibt dabei, daß ich mit Ihnen gehe; das können Sie mir nicht

verbieten; ich bin gleichfalls beteiligt; ich gehe mit Ihnen ...“

„Aber dann still, ganz leise, schweigen Sie! ...“

Sie traten ins Haus und stiegen die Treppe hinauf zum dritten Stockwerk.

Es war ziemlich dunkel.

„Warten Sie! Haben Sie Streichhölzer?“

„Streichhölzer? Was für Streichhölzer?“

„Zum ... rauchen Sie keine Zigaretten?“

„Ach, ja! Gewiß habe ich, hier, hier sind sie, sogleich ...“ Der Herr im

Waschbärpelz befühlte hastig alle seine Taschen.

„Teufel, das ist aber ein ... Ich glaube, diese Tür muß es sein ...“

„Ja, ja, ja, diese – diese – diese – diese ...“

„Diese – diese – diese – schreien Sie doch noch lauter! Können Sie denn

nicht still sein? Halten Sie den Schnabel.“

„Mein Herr, ich bin an so etwas nicht gewöhnt, ich, ich muß mir Gewalt

antun ... Sie sind ein ungezogener, frecher Mensch!“

Das Streichholz flammte zischend auf.

„Da, sehen Sie? Das Metallschildchen? Da steht ja: Bobynizyn; sehen Sie:

Bobynizyn? ...“

„Ich sehe, ich sehe!“

„Lei–se! Was, ausgelöscht?“

„Ja, ausgelöscht.“

„Soll man klopfen?“

„Ja,“ entschied der Herr im Waschbärpelz.

„Dann klopfen Sie!“

„Nein, weshalb denn ich? Fangen Sie an, pochen Sie zuerst an die Tür.“

„Memme!“

„Sie sind selbst eine Memme!“

„So packen Sie sich doch!“

„Ich muß sagen, ich bereue es fast, Sie in das Geheimnis eingeweiht zu

haben. Sie ...“

„Ich? Nun, was?“

„Sie haben meine Verstörtheit ausgenutzt, Sie haben gesehen, wie ich

...“

„Ach, zum Teufel damit! Ich finde Sie nur lächerlich und damit basta!“

„Weshalb sind Sie denn hier?“

„Und Sie? weshalb sind Sie denn hier?“

„Das ist mir mal eine schöne Moral!“ versetzte höchst unwillig der Herr

im Waschbärpelz.

„Was reden Sie von Moral – was sind Sie denn selbst?“

„Sehen Sie, das ist eben unmoralisch von Ihnen!“

„Was?“

„Ja, Ihrer Meinung nach ist jeder beleidigte Gatte ein ... ein

Pantoffelheld!“

„Sind Sie denn ein Gatte? Der Gatte wartet doch dort auf der Brücke?

Weshalb regen Sie sich denn so auf? Weshalb mischen Sie sich überhaupt

in fremde Angelegenheiten?“

„Mir aber will es scheinen, daß gerade Sie der Liebhaber sind! ...“

„Hören Sie, wenn Sie so fortfahren, muß ich gestehen, daß meiner

Überzeugung nach kein anderer – Pantoffelheld sein kann, als gerade Sie!

Es gibt aber auch noch eine andere Benennung dafür.“

„Das heißt, Sie wollen sagen, daß ich der Mann bin!“ versetzte der Herr

im Waschbärpelz wie mit heißem Wasser übergossen und unwillkürlich einen

Schritt zurückweichend.

„Ssst! Schweigen Sie! Hören Sie? ...“

„Das ist sie!“

„Nein!“

„Wie dunkel es hier ist.“

Auf der Treppe wurde es mäuschenstill. Aus der Wohnung Bobynizyns ließ

sich allerdings Geräusch vernehmen.

„Weshalb sollen wir uns streiten, mein Herr?“ flüsterte der Kleine im

Waschbärpelz.

„Ja, zum Teufel, Sie haben sich doch als erster beleidigt gefühlt!“

„Aber wie haben Sie mich auch behandelt!“

„Schweigen Sie!“

„Sie müssen mir doch zugeben, daß Sie ein noch sehr junger Mann sind

...“

„Schweigen Sie! zum ...“

„Gewiß, ich bin mit Ihrer Auffassung vollkommen einverstanden, daß der

Gatte in einer solchen Lage ein Pantoffelheld ist ...“

„Aber, so schweigen Sie doch endlich! verflucht noch einmal!“

„Aber weshalb denn diese boshafte Verfolgung des unglücklichen Gatten?

...“

„Das ist sie!“

Doch in dem Augenblick verstummte das Geräusch.

„Ist sie es?“

„Ja, sie ist es! Aber weshalb regen Sie sich denn so auf? Was geht das

Sie als fremden Menschen an?“

„Mein Herr, mein Herr!“ stammelte der Kleine im Waschbärpelz mit

versagender, erstickender Stimme, aus der es fast wie ein Schluchzen

klang. „Ich ... versteht sich, in der Verstörtheit ... Sie haben mich

zur Genüge erniedrigt gesehen; doch jetzt ist es Nacht, aber morgen ...

übrigens werden wir uns morgen sicherlich nicht wiedersehen, obschon ich

mich nicht zu fürchten brauche, Ihnen zu begegnen – und übrigens bin ja

gar nicht ich es, es ist nur mein Freund, wie gesagt, der auf der

Wosnessenskij-Brücke wartet. Wirklich, Sie können mir glauben! Das ist

seine Frau, wie gesagt, nicht meine Frau. Der arme Mensch! Ich ... ich

versichere Ihnen! Ich bin sehr gut mit ihm bekannt; erlauben Sie, ich

werde Ihnen alles erzählen. Ich bin sein Freund, wie Sie sehen, denn –

würde ich anderenfalls so lebhaften Anteil an seinem Unglück nehmen? Und

Sie sehen doch! – Ich habe ihm ja selbst gesagt, unzählige Mal gesagt:

wozu heiratest du? Bist du nicht ein ehrenwerter Mensch, bist du nicht

wohlhabend, bekleidest du nicht einen angesehenen Posten, weshalb also

willst du das alles gegen die Launen einer Koketten eintauschen? oder

zum mindesten doch aufs Spiel setzen? Hab ich nicht recht? Nein, aber, –

ich heirate, sagt er, ich will Familienglück ... Da hat er jetzt sein

Familienglück! Zuerst hatte er selbst Ehemänner betrogen, jetzt aber kam

die Reihe an ihn, den Kelch zu leeren. Sie werden mich entschuldigen,

diese Erklärungen hat mir nur die Notwendigkeit entrissen! ... Er ist

ein unglücklicher Mensch, der jetzt selbst den Kelch leeren muß ...“

Hier begann die Stimme des Herrn im Waschbärpelz zu versagen und der

junge Mann hörte so etwas wie ein Schluchzen, als ob sein Gefährte allen

Ernstes zu weinen begonnen.

„Ach, daß der Teufel sie alle holte! Es gibt doch wahrlich genug

Dummköpfe in der Welt! Wer sind Sie denn eigentlich?“

Der junge Mann knirschte vor Wut.

„Nein, das müssen Sie zugeben, das geht nicht ... ich handelte edel und

offen ... Sie aber schlagen jetzt wieder einen solchen Ton an!“

„Nun, verzeihen Sie, – wie lautet denn Ihr werter Familienname?“

„Nein, wozu, was hat das hier mit dem Familiennamen zu schaffen?“

„Ah!!“

„Es ist mir ganz unmöglich, meinen Namen zu nennen ...“

„Kennen Sie Herrn Schabrin?“ fragte plötzlich der junge Mann.

„Schabrin!!!“

„Ja, Schabrin! Ah!!!“ Der junge Mann erlaubte sich, die Stimme des

älteren ein wenig nachzuäffen. „Haben Sie jetzt begriffen?“

„Nein, wieso, was für ein Schabrin?“ stotterte mit hervorquellenden

Augen der Herr im Waschbärpelz. „Durchaus nicht Schabrin! Er ist ein

Ehrenmann, ich kenne ihn zufällig! Und Ihre Unhöflichkeiten kann ich

mir nur durch Ihre Eifersucht erklären, die Sie vollkommen

unzurechnungsfähig macht.“

„Ein Spitzbube ist er, aber kein Ehrenmann, eine käufliche Seele, ein

Prozentschneider, ein Betrüger, der die Kasse bestohlen hat! Bald wird

er vors Gericht gebracht werden!“

„Entschuldigen Sie,“ sagte der Herr im Waschbärpelz, der bleich geworden

war, „Sie kennen ihn nicht; wie ich sehe, muß er Ihnen vollkommen

unbekannt sein.“

„Freilich, persönlich kenne ich ihn nicht, dafür kenne ich aber um so

besser das Wesen seiner werten Person aus gewissen ihm sehr

nahestehenden Quellen.“

„Mein Herr, aus welchen Quellen? Ich bin ... so zerstreut, wie Sie sehen

...“

„Ein Esel! Ein Dummkopf erster Sorte! Ein eifersüchtiger Pantoffelheld,

der seine Frau nicht zu bewachen versteht – das ist er! Finden Sie sich

damit ab, daß Sie jetzt erfahren haben, was er ist!“

„Ich bitte um Entschuldigung, aber Sie täuschen sich in Ihrem Eifer,

junger Mann ...“

„Ach!“

„Ach!“

In der Wohnung Bobynizyn ließ sich wieder Geräusch vernehmen. Die Tür

wurde aufgeschlossen, Stimmen wurden laut.

„Ach, das ist nicht sie, nein, das ist sie nicht! Ich erkenne ihre

Stimme! Jetzt habe ich alles erfahren! ... Glauben Sie mir, das ist sie

nicht!“ versicherte der Herr im Waschbärpelz fast beschwörend, während

sein Gesicht so weiß wie die Wand hinter ihm wurde.

„Schweigen Sie!“

Der junge Mann drückte sich in den Winkel, um nicht gesehen zu werden.

„Mein Herr, ich eile: sie ist es nicht, das freut mich sehr.“

„Nun, nun, dann machen Sie, daß Sie fortkommen, gehen Sie!“

„Aber weshalb bleiben Sie denn hier?“

„Weshalb gehen Sie denn nicht?“

Die Tür wurde aufgemacht und der Herr im Waschbärpelz eilte wie der

Blitz die Treppe hinab.

Am jungen Mann gingen ein Herr und eine Dame vorüber und sein Herz

drohte stille zu stehen ... Er vernahm nur eine helle, bekannte

Frauenstimme und dann eine rauhe Männerstimme, die ihm jedoch ganz

unbekannt war.

„Das hat nichts auf sich, ich werde einen Schlitten nehmen,“ sagte die

rauhe Stimme.

„Ach, nun ja, dann ja; gut, ich willige ein ...“

„Er wird bereits vor der Tür halten. Im Augenblick.“ Und damit

verschwand der Herr. Die Dame blieb allein zurück.

„Glafira! Wo sind deine Schwüre?“ rief der junge Mann in der Pekesche,

die Dame am Handgelenk fassend.

„Ach! Wer ist das? Sind Sie es? Sie, Tworogoff? Mein Gott im Himmel! Was

tun Sie hier?“

„Wer war jener Herr?“

„Aber das ist ja doch mein Gemahl, gehen Sie, gehen Sie, er wird

sogleich zurückkehren ... von Polowizyns. So gehen Sie doch fort, um

Gottes willen, gehen Sie!“

„Polowizyns sind aus dieser Wohnung schon vor drei Wochen ausgezogen!

Ich weiß alles!“

„Ach!“ Und damit eilte die Dame so schnell sie konnte die Treppe hinab.

Der junge Mann holte sie aber doch noch ein.

„Wer hat es Ihnen gesagt?“ fragte die Dame.

„Ihr Herr Gemahl, meine Gnädigste, Iwan Andrejewitsch, der sich hier in

nächster Nähe befindet, der – vor Ihnen steht, meine Gnädigste ...“

Iwan Andrejewitsch – so hieß der Herr im Waschbärpelz – stand in der Tat

auf der Treppe dicht vor seiner Gemahlin.

„Ach, das sind Sie?“ rief der Herr Gemahl.

„Ah, ^c’est vous^?“ rief Glafira Petrowna, die mit ungefälschter Freude

zu ihm stürzte. „O Gott! Was mir alles zugestoßen ist! Ich war bei

Polowizyns; und kannst du dir vorstellen ... du weißt, sie wohnen jetzt

an der Ismailoff-Brücke; ich sagte es dir, weißt du noch? Und dort stieg

ich in einen Schlitten. Die Pferde scheuten, jagten dahin,

zerschmetterten den Schlitten und ich wurde, keine hundert Schritt von

hier, in den Schnee geschleudert; der Kutscher wurde aufs Polizeibureau

gebracht; ich war natürlich außer mir. Zum Glück kam da Monsieur

Tworogoff ...“

„Was?“

Mr. Tworogoff glich eher Loths Weib, nachdem es zur Salzsäule geworden,

als Herrn Tworogoff.

„Mr. Tworogoff erblickte mich hier und war so liebenswürdig, mich zu

begleiten. Doch jetzt sind Sie hier, da kann ich mit Ihnen zu uns nach

Hause fahren, und Sie, Mr. Tworogoff, erlauben wohl, daß ich Sie meiner

ganzen Dankbarkeit versichere.“

Und damit reichte die Dame dem immer noch erstarrten Herrn Tworogoff die

Hand, die sie aber so stark drückte, daß er fast aufgeschrien hätte.

„Mr. Iwan Iljitsch Tworogoff!“ stellte sie ihn ihrem Gatten vor. „Ein

Bekannter von mir. Ich hatte das Vergnügen, ihn auf dem letzten Ball bei

Skorlupoffs kennen zu lernen, – ich glaube, daß ich dir von ihm schon

erzählt habe? Entsinnst du dich nicht, Coco?“

„Ach, aber gewiß, gewiß, mein Kind! Sehr gut entsinne ich mich!“

versicherte eilfertig der Herr im Waschbärpelz, der Coco genannt worden

war. „Freut mich, freut mich ungemein!“

Und er drückte in aufrichtiger Freude die Rechte des Herrn Tworogoff.

„Mit wem reden Sie denn da? Was hat denn das zu bedeuten? Ich warte ...“

ertönte plötzlich eine rauhe Stimme.

Vor der Gruppe stand plötzlich ein endlos langer Herr, der ein Lorgnon

hervorzog und den Herrn im Waschbärpelz aufmerksam zu betrachten begann.

„Ach, ^voilà^ Mr. Bobynizyn!“ rief die Dame in den süßesten Tönen.

„Woher kommen Sie denn, wenn man danach fragen darf? Das nenne ich eine

Begegnung! Denken Sie sich, mich haben die Pferde soeben aus dem

Schlitten geworfen ... Doch hier mein Mann! Jean! Mr. Bobynizyn, den ich

auf dem Ball bei Karpoffs kennen gelernt habe.“

„Ah, sehr, sehr, sehr angenehm! ... Ich werde sogleich ein Gefährt

besorgen, mein Kind.“

„Ja, ja, tu’ es, Jean, tu’ es. Ich zittere noch, ich bebe von dem

Schreck. Mir ist gar nicht wohl ... Heute abend auf dem Maskenball,“

flüsterte sie schnell Tworogoff zu ... „Leben Sie wohl, leben Sie wohl,

Herr Bobynizyn! Wir werden uns doch wohl morgen auf dem Ball bei

Karpoffs wiedersehen?“

„Nein, pardon, ich werde dort nicht zu finden sein; ich werde morgen ...

wenn es jetzt nicht geht ...“ brummte Herr Bobynizyn undeutlich zwischen

den Zähnen, so daß der Nachsatz nicht zu verstehen war, machte mit

seinem Riesenstiefel einen Kratzfuß, setzte sich in seinen Schlitten und

fuhr von dannen.

Da fuhr schon ein zweites Gefährt vor: die Dame setzte sich hinein, doch

der Herr im Waschbärpelz zögerte mit dem Einsteigen. Wie es schien, war

er noch nicht recht fähig, eine Bewegung zu machen und mit völlig

sinnlosem Blick sah er unverwandt den jungen Mann in der Pekesche an,

worauf dieser nichts als ein Lächeln zur Erwiderung hatte, ein Lächeln,

das auffallend wenig geistreich war.

„Ich weiß nicht ...“

„Es freut mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,“ versetzte der

junge Mann mit einem leichten Bückling, gewissermaßen um vorzubeugen, da

er plötzlich so etwas wie einen Schreck oder wie Furcht verspürte, wie

sie Gewissensbisse hervorzurufen pflegen ...

„Freut mich, freut mich sehr ...“

„Sie haben, glaube ich, eine Galosche verloren ...“

„Ich? Ach, richtig! Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Ich habe mir immer

Gummigaloschen anschaffen wollen ...“

„In Gummigaloschen sollen aber die Füße transpirieren, sagt man,“

bemerkte der junge Mann, allem Anschein nach mit unbegrenzter Teilnahme.

„Jean! So komm doch endlich!“

„Ganz recht, sie sollen transpirieren, wie man hört. Sogleich, sogleich,

Herzchen, im Augenblick, wir haben hier nur ein Gespräch zu beenden! Ja,

gerade wie Sie zu bemerken beliebten: die Füße transpirieren ...

Übrigens, verzeihen Sie, ich ...“

„O, ich bitte!“

„Freut mich, freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben

...“

Der Herr im Waschbärpelz setzte sich neben seine Gemahlin in den

verdeckten Schlitten. Die Pferde griffen aus.

Der junge Mann aber stand noch lange unbeweglich und blickte dem

entschwundenen Paare verwundert nach.

Sämtliche Werke 17 · 第 27 / 36 题