Zehn Uhr morgens. Wir sind im Hause Marja Alexandrownas, an der großen
Straße, in jenem Zimmer, das die Hausfrau bei feierlichen Gelegenheiten
„^mon salon^“ nennt. Marja Alexandrowna hat sogar ein Boudoir. In diesem
Salon ist der Fußboden gut gestrichen und die Wände sind mit hübschen
Tapeten versehen. Im Möbelstoff ist rot die vorherrschende Farbe. An
einer Wand ist ein Kamin, über dem Kamin ein Spiegel, vor dem Spiegel
eine bronzene Stutzuhr mit einem Amor, der von schlechtem Geschmack
zeugt. Zwischen den Fenstern sind zwei Pfeilerspiegel, von denen die
Überzüge entfernt sind. Vor diesen Spiegeln stehen auf kleinen Tischen
wieder Uhren. An der Rückwand steht ein prächtiger Flügel, der für Sina
verschrieben ist, denn Sina ist – musikalisch. Vor dem brennenden Kamin
sind weiche Polstermöbel gruppiert, nach Möglichkeit in malerischer
Unordnung, zwischen ihnen steht ein kleines Tischchen. Am anderen Ende
des Zimmers steht ein größerer Tisch, bedeckt mit einer blendend weißen
Tischdecke: auf ihm kocht ein silberner Ssamowar neben einem reizenden
Teeservice. Das Eingießen des Tees besorgt eine Dame, Nastassja Petrowna
Sjäblowa, die als entfernte Verwandte Marja Alexandrownas bei dieser
lebt. Zwei Worte über sie. Sie ist Witwe, etwas über dreißig Jahre alt,
brünett, mit einer frischen Gesichtsfarbe und lebhaften braunen Augen.
Durchaus nicht häßlich. Sie hat einen heiteren Charakter, lacht viel und
gern, ist ziemlich schlau, klatscht natürlich, und versteht es, ihr
Schäfchen ins trockne zu bringen. Sie hat zwei Kinder, die beide
irgendwo lernen. Sie würde gern zum zweitenmal heiraten; ihr erster Mann
war aktiver Offizier. Im übrigen tritt sie ziemlich selbstbewußt auf.
Marja Alexandrowna, die Hauptperson, sitzt am Kamin in vorzüglicher
Stimmung und in einem hellgrünen Kleide, das ihr sehr gut steht. Sie ist
unsäglich erfreut über den Besuch des Fürsten, der vorläufig mit seiner
Toilette beschäftigt und folglich noch unsichtbar ist. Sie ist so froh,
daß sie ihre Freude nicht einmal zu verbergen sucht. Vor ihr steht ein
junger Mann, der ihr überschwenglich irgend etwas erzählt. Seinen Augen
sieht man es an, daß er seinen Zuhörerinnen gefallen will. Er ist
fünfundzwanzig Jahre alt. Sein Benehmen wäre nicht schlecht, doch gerät
er leicht in Begeisterung und möchte außerdem als witzig und geistreich
gelten. Tadellos gekleidet, blond, nicht häßlich. Aber wir haben ja
schon von ihm gesprochen: das ist Herr Mosgljäkoff, ein junger Mann, der
zu großen Hoffnungen berechtigt. Marja Alexandrowna findet im stillen,
daß sein Kopf etwas hohl sei, ist aber trotzdem die Liebenswürdigkeit
selbst zu ihm. Er wirbt um ihre Tochter Sina, in die er, nach seinen
Worten, bis zum Wahnsinn verliebt ist. In jedem Augenblick wendet er
sich zu Sina, bemüht, sie durch seinen Humor und Geist zum Lächeln zu
bringen. Sie aber ist auffallend kühl zu ihm und beachtet ihn kaum. In
diesem Augenblick steht sie abseits am Klavier. Ihre schmalen Finger
blättern in einem Kalender. Sie gehört zu jenen Erscheinungen, die
allgemeine – ich möchte sagen begeisterte Verwunderung hervorrufen, wenn
sie in einen Ballsaal, einen Gesellschaftsraum eintreten. Sie ist
unbeschreiblich schön: von hohem, schlankem Wuchs, mit prächtigem
braunen Haar, wundervollen, fast schwarzen Augen, vorzüglich gebaut:
Schultern, Arme, Brust – wie die einer antiken Göttin, das Füßchen
verführerisch, der Gang königlich. Heute ist sie ein wenig bleich; dafür
aber wird man ihre blaßrosa, seidigen Lippen, die wundervoll geschnitten
sind und zwischen denen wie eine Perlenschnur ihre weißen Zähne glänzen,
drei Nächte noch im Traume sehen, wenn man sie einmal in Wirklichkeit
gesehen hat. Sie sieht ernst und sogar streng aus. Herr Mosgljäkoff
scheint ihren aufmerksamen Blick gewissermaßen zu fürchten, wenigstens
fühlt er sich nicht ganz geheuer, wenn er es wagt, sie anzusehen. Ihre
Bewegungen sind von hochmütiger Nachlässigkeit. Sie trägt ein einfaches
weißes Musselinkleid. Weiß steht ihr ganz besonders gut; doch übrigens,
was steht ihr nicht gut? An einem ihrer schmalen Finger steckt ein aus
Haar geflochtener Ring – nach der Farbe zu urteilen, nicht aus dem Haar
der Mutter. Mosgljäkoff hat es nie gewagt, sie zu fragen, wessen Haar es
ist. An diesem Morgen ist Sina auffallend schweigsam und sogar traurig,
als quälten sie gewisse Sorgen. Dafür ist Marja Alexandrowna zu
ununterbrochenem Reden bereit, wenn sie auch mitunter gleichfalls einen
besonderen, gleichsam mißtrauischen Blick zur Tochter hinübersendet –
was sie jedoch nur heimlich tut –, ganz als fürchte auch sie ihre
Tochter.
„Ich bin so froh, so froh, Pawel Alexandrowitsch,“ beteuert sie, „daß
ich es jedem Menschen, der an meinem Hause vorübergeht, aus dem Fenster
zurufen könnte. Ich rede schon gar nicht von der reizenden Überraschung,
die Sie mir und Sina bereitet haben, indem Sie zwei Wochen früher
gekommen sind, als Sie es versprochen hatten; das versteht sich von
selbst! Es freut mich so unsäglich, daß Sie unseren lieben Fürsten
hergebracht haben. Wissen Sie auch, wie sehr ich diesen bezaubernden
alten Herrn liebe! Doch nein, nein! Sie werden mich nicht verstehen! Sie
gehören zur Jugend und werden die Gefühle meines Lebensalters nie
verstehen, wenn ich sie Ihnen auch noch so beredt schildern wollte!
Wissen Sie auch, was er mir in früheren Zeiten gewesen ist, vor sechs
Jahren – weißt du noch, Sina? Ach nein, ich hatte es vergessen: Du warst
ja damals bei deiner Tante zum Besuch ... Sie werden es mir nicht
glauben, Pawel Alexandrowitsch; ich war seine Führerin, seine Schwester,
seine Mutter! Er hörte auf mich wie ein Kind! Es war etwas Naives,
Zärtliches und Höheres in unserem Verhältnis zueinander ... Ich weiß
nicht, wie ich es ausdrücken soll! Und das ist auch der Grund, weshalb
er sich jetzt meines Hauses in Dankbarkeit erinnert hat, ^ce pauvre
prince^! Wissen Sie auch, Pawel Alexandrowitsch, daß Sie ihn damit
vielleicht sogar gerettet haben, daß Sie auf den Gedanken gekommen sind,
ihn zu mir zu bringen? Mit wehem Herzen habe ich in diesen langen sechs
Jahren an ihn gedacht. Sie werden es mir nicht glauben: mir hat sogar in
der Nacht von ihm geträumt! Man sagt, diese ungeheuerliche Frau habe ihn
behext und wolle ihn zugrunde richten. Aber Gott sei Dank, jetzt haben
Sie ihn endlich aus diesen Krallen befreit! Nein, jetzt muß man die
Gelegenheit benutzen und ihn endgültig retten! Aber erklären Sie mir
doch einmal, erzählen Sie, wie Ihnen das alles gelungen ist? Beschreiben
Sie mir so ausführlich als möglich Ihre Begegnung mit ihm. Vorhin, als
Sie ankamen, waren meine Gedanken nur bei der Hauptsache, während doch
gerade alle diese Details, wie man sagt, den Charakter geben! Ich liebe
über alles die Details, sogar in den wichtigsten Dingen lenke ich meine
Aufmerksamkeit zuerst auf die Details ... und ... solange er noch mit
der Toilette beschäftigt ist ...“
„Ich kann nur das wiederholen, was ich bereits erzählt habe, Marja
Alexandrowna!“ griff Mosgljäkoff sofort bereitwillig auf, da er es
vielleicht auch noch zum zehnten Mal erzählt hätte – sich selbst hören,
war für ihn das größte Vergnügen. „Ich fuhr die ganze Nacht durch und,
versteht sich, schlief die ganze Nacht nicht, – Sie können sich denken,
welche Eile ich hatte!“ fügte er mit halber Wendung zu Sina hinzu. „Mit
einem Wort, ich habe geschrien, Pferde verlangt und auf den Stationen
wegen der Pferde Lärm geschlagen: wenn man es niederschreiben und
drucken lassen wollte, so würde es eine ganze Dichtung im neuesten
Geschmack werden! Doch das nur nebenbei bemerkt. Um Punkt sechs Uhr
morgens erreiche ich die letzte Station, Igischewo. Zitternd vor Kälte –
ich wollte mich nicht einmal erwärmen – schrie ich nach neuen Pferden.
Habe bei der Gelegenheit die Stationshalterin und ihren Säugling
erschreckt: jetzt, glaube ich, kann sie ihn nicht mehr stillen ...
Wundervoller Sonnenaufgang. Wissen Sie, wenn dieser Froststaub sich rot
und silbern färbt! Ich beachte aber nichts; mit einem Wort, ich eile
Hals über Kopf weiter. Um die Pferde habe ich regelrecht gekämpft, nahm
sie einem Kollegienassessor fort und forderte ihn fast zum Duell. Man
erzählte mir, daß vor einer viertel Stunde irgendein Fürst von dort
abgefahren sei, er fuhr mit eigenen Pferden, habe dort genächtigt. Höre
nur mit halbem Ohr, steige ein und fort geht es, als hätte ich mich von
der Kette losgerissen. Habe einmal etwas Ähnliches in einer modernen
Elegie gelesen. Genau auf der neunten Werst vor der Stadt, dort wo der
Weg zur Sswetosersker Einsiedelei abzweigt, ist, wie ich plötzlich sehe,
etwas Wunderliches passiert. Ein riesengroßer Reisewagen liegt auf der
Seite, der Kutscher und zwei Diener stehen ratlos vor ihm, und aus dem
Wagen, der auf der Seite liegt, dringt herzzerreißendes Geschrei.
Beabsichtigte zuerst vorüberzufahren, dachte: lieg mal zu auf der Seite,
gehöre nicht zu deiner Gemeinde. Doch die Nächstenliebe siegte, die, wie
Heine sagt, ihre Nase überallhin steckt. Lasse halten. Ich, mein Ssemjon
und der Kutscher – gleichfalls eine russische Seele – eilen zur Hilfe
und so stellen wir, sechs Mann hoch, mit vereinten Kräften die Equipage
wieder auf die Beine, die sie in Wirklichkeit zwar nicht hat, da sie ja
auf Rädern rollt. Auch ein paar Bauern halfen noch mit Stangen, fuhren
zur Stadt, erhielten von mir ein Trinkgeld. Denke: das ist sicherlich
jener alte Fürst! Sehe ihn mir an: Himmel, ja! Das ist er selbst, Fürst
Gawrila! Das war eine Überraschung! Rufe ihm zu: ‚Prince! Onkelchen!‘ Er
aber erkannte mich natürlich nicht auf den ersten Blick ... Das heißt,
er erkannte mich übrigens sogleich ..., auf den zweiten Blick.
Einstweilen aber ... unter uns: ich glaube, daß er selbst jetzt noch
nicht recht weiß, wer ich eigentlich bin, und mich, wie mir scheint, für
einen ganz anderen Menschen hält, nicht aber für seinen Anverwandten.
Ich habe ihn vor zirka sieben Jahren in Petersburg zum letztenmal
gesehen. Damals war ich, wie Sie sich denken können, noch ein halber
Knabe. Ich erinnerte mich seiner sehr wohl: er hatte einen starken
Eindruck auf mich gemacht. Er aber – nun, wie soll er sich noch meiner
entsinnen! Stelle mich vor: er ist entzückt, umarmt mich, selbst aber
zittert er noch von dem Schreck und weint, bei Gott, _weint_, ich habe
es mit meinen eigenen Augen gesehen! Wir sprachen dies und das – ich
beredete ihn endlich dazu, in meinen Wagen einzusteigen und – sei’s auch
nur auf einen Tag – mit mir nach Mordassoff zu kommen, um sich etwas zu
zerstreuen und zu erholen. Er willigt widerspruchslos ein ... Erklärt
mir, daß er in das Kloster Sswetosersk zum Priestermönch Missaïl fahre,
den er überaus achte und verehre; daß Stepanida Matwejewna – wer von uns
Verwandten hat nicht von Stepanida Matwejewna gehört? – mich hat sie
noch vor kaum einem Jahr mit dem Ofenbesen aus Duchanowo hinausgejagt –,
daß also seine Stepanida Matwejewna einen Brief erhalten habe, des
Inhalts, daß in Moskau irgend jemand in den letzten Zügen liege: ihr
Vater oder ihre Tochter, genau weiß ich es nicht und habe auch kein
Interesse dafür übrig; vielleicht sind es beide, sowohl der Vater wie
die Tochter ... vielleicht noch mit Zugabe irgend eines Neffen, der dort
im Ressort der Getränke dient ... Um mich kurz zu fassen – sie war
dermaßen in Verwirrung geraten, daß sie sich entschlossen hatte, auf
etwa zehn Tage ihren Fürsten zu verlassen und nach Moskau zu fahren, um
diese Stadt durch ihre Anwesenheit zu verschönen. Der Fürst saß
inzwischen einen Tag zu Hause, saß einen zweiten, setzte sich zur Probe
eine Perücke nach der anderen auf, pomadisierte sich, färbte seinen
Schnurrbart, legte sich Karten aus, spielte vielleicht auch Preference,
allein, zum Zeitvertreib. Aber dennoch ging es über seine Kräfte – ohne
Stepanida Matwejewna! Da hatte er seine Reiseequipage befohlen, um sich
ins Sswetosersker Kloster zu begeben. Irgend jemand von den dienstbaren
Geistern, der Stepanida Matwejewna sogar in ihrer Abwesenheit fürchtet,
hatte zwar einiges einzuwenden gewagt: der Fürst aber hatte darauf
bestanden. Gestern nach dem Mittag war er ausgefahren, hatte in
Igischewo übernachtet, war dann nach Sonnenaufgang von der Station
weitergefahren, um genau vor dem Abbiegen von der Landstraße zu dem
berühmten Priestermönch Missaïl samt seiner ganzen Equipage fast in den
Graben zu fallen. Ich errette ihn, berede ihn, mit mir zu unserer
gemeinsamen Freundin, der hochverehrten Marja Alexandrowna zu fahren ...
Er sagt von Ihnen, Sie seien die bezauberndste Dame von allen, die er
jemals gekannt habe, – und jetzt sind wir hier, der Fürst aber frischt
vorläufig noch seine Toilette auf, mit Hilfe seines Kammerdieners, den
er nicht vergessen hat mitzunehmen und den er niemals, in keinem Fall
und unter keinen Bedingungen vergessen wird, mitzunehmen, denn er würde
eher zu sterben einwilligen, als daß er in Damengesellschaft ohne einige
Vorbereitungen oder richtiger – Zubereitungen erscheinen würde ... Und
das ist die ganze Historie. – Allerliebst – nicht wahr?“
„Aber was für ein Humorist Sie sind! Findest du nicht auch, Sina?“ ruft
Marja Alexandrowna entzückt aus, nachdem er geendet hat. „Wie reizend er
es zu erzählen weiß! – Aber hören Sie, Monsieur Paul – eine Frage:
erklären Sie mir doch einmal ausführlich Ihre Verwandschaft mit dem
Fürsten! Sie nennen ihn Onkel?“
„Ehrenwort: ich weiß es nicht, Marja Alexandrowna, wie und inwiefern ich
mit ihm verwandt bin: ich glaube, im siebenten Grade wird es sein ...
doch nicht etwa Reaumur, sondern Verwandtschaft, wie gesagt.
Diesbezüglich habe ich mir wirklich kein Verschulden zuschulden kommen
lassen – ich bin vollkommen schuldlos in der Sache! Schuld ist vielmehr
meine Tante Aglaja Michailowna. Übrigens hat diese meine Tante Aglaja
Michailowna nichts anderes zu tun, als die ganze Verwandtschaft an den
Fingern herzuzählen. Sie ist es auch, die mich vor einem Jahr zu dieser
Reise nach Duchanowo bewogen hat. Sie wäre gern selbst gefahren. Ich
nenne ihn ganz einfach Onkelchen – und er fühlt sich angeredet. Das aber
ist ja schließlich die Hauptsache. Ja, ja, das wäre denn unsere ganze
Verwandtschaft, bis heute wenigstens ...“
„Aber ich bleibe dennoch bei meiner Behauptung, daß nur Gott allein Sie
auf den Gedanken hat bringen können, mit ihm geradeswegs zu mir zu
kommen! Ich zittere, wenn ich daran denke, was ihm, dem Armen, alles
hätte zustoßen können, falls er in ein anderes Haus, statt in meines,
geraten wäre! Man hätte ihn ja hier zerrissen, zerrissen, jeden Knochen
zerpflückt, man hätte ihn verschlungen! Man hätte sich auf ihn gestürzt
wie auf eine Fundgrube, eine Goldmine – man hätte ihn womöglich
bestohlen! Sie können es sich nicht vorstellen, Pawel Alexandrowitsch,
was es hier für gierige, niedrige und heimtückische Menschen gibt! ...“
„Ach, mein Gott, zu wem hätte er ihn denn bringen sollen, wenn nicht zu
Ihnen! – wie Sie wirklich sind, Marja Alexandrowna!“ ruft Nastassja
Petrowna aus, die Witwe, die den Tee eingießt. „Doch nicht zu Anna
Nikolajewna – was meinen Sie?“
„Aber ... wie kommt es, daß er sich noch immer nicht sehen läßt? Das ist
doch etwas sonderbar,“ sagt Marja Alexandrowna, die sich ungeduldig
erhebt.
„Meinen Sie meinen Onkel? O, ich glaube, der wird noch ganze fünf
Stunden zu seiner Toilette brauchen! Zudem, da er ja kein Atom
Gedächtnis mehr besitzt, wird er vielleicht schon vergessen haben, daß
er bei Ihnen zum Besuch ist. Das ist ja doch ein außergewöhnlicher
Mensch, müssen Sie nicht vergessen, Marja Alexandrowna!“
„Ach, gehen Sie, hören Sie doch auf!“
„Durchaus nicht ‚Gehen Sie‘, Marja Alexandrowna, sondern die reinste
Wahrheit, wie gesagt! Das ist doch halbwegs nur eine Komposition, aber
kein Mensch! Sie haben ihn vor sechs Jahren gesehen, ich dagegen noch
vor einer Stunde. Das ist doch eine halbe Leiche! Das ist ja nur noch
eine Erinnerung an einen Menschen, man hat ihn sozusagen nur zu
beerdigen vergessen! Er hat doch imitierte, eingesetzte Augen, Beine von
Korkholz, der ganze Mensch ist auf Federn, und auch sprechen tut er
nicht anders als mit Hilfe gewisser Federn!“
„Mein Gott, was Sie doch für ein leichtsinniger Mensch sind, wie ich
sehe!“ ruft Marja Alexandrowna aus und nimmt eine strenge Miene an. „Und
schämen Sie sich denn nicht – Sie, als junger Mensch, als Verwandter! –
so von diesem ehrwürdigen alten Herrn zu reden! Ich sage weiter nichts
von seiner grenzenlosen Güte“ – ihre Stimme nimmt die Klangfarbe
aufrichtiger Rührung an – „bedenken Sie doch, daß er sozusagen ein
Überbleibsel, eine Ruine, ein Trümmerstück unserer Aristokratie ist.
Mein Freund, ^mon ami^! Ich begreife vollkommen, daß Sie infolge
irgendwelcher neuen Ideen, von denen Sie beständig sprechen, den
Leichtsinnigen spielen. Aber, mein Gott! – ich bekenne mich ja selbst zu
Ihren neuen Ideen! Ich weiß, daß der Grundsatz Ihrer neuen Richtung edel
und ehrenhaft ist. Ich fühle es, daß es in diesen neuen Ideen sogar
etwas Erhabenes gibt; aber alles das hindert mich nicht, auch die, sagen
wir, die praktische Seite der Sache zu sehen. Ich habe in der Welt
gelebt, ich habe mehr als Sie gesehen, und schließlich, ich bin Mutter,
Sie aber sind noch jung. Er ist ein alter Mann und daher haftet ihm in
unseren Augen vielleicht manches Lächerliche an. Ja, das letzte Mal
sprachen Sie sogar davon, daß Sie Ihre Leibeigenen befreien wollten und
daß man doch etwas für das Jahrhundert tun müsse, aber das kommt alles
nur daher, daß Sie Ihren Kopf voll Shakespeare haben! Glauben Sie mir,
Pawel Alexandrowitsch, Ihr Shakespeare hat schon lange seine Zeit
abgelebt, und wenn er jetzt aufstehen würde, so würde er bei all seinem
ganzen Verstande doch keine Silbe von unserem gegenwärtigen Leben
begreifen. Wenn es in der Gesellschaft unserer Zeit etwas Erhabenes und
Ritterliches gibt, so finden wir das einzig und allein in der höheren
und höchsten Gesellschaft. Ein Fürst ist auch im Bauernkittel ein Fürst,
ist auch in einer elenden Hütte wie in einem Schloß ein Fürst. Da hat
sich nun der Mann unserer Natalja Dmitrijewna fast ein Schloß gebaut,
aber dennoch ist er nur der Mann Natalja Dmitrijewnas und nichts mehr!
Und auch Natalja Dmitrijewna ist und bleibt, wenn sie sich auch mit
fünfzig Krinolinen ausstatten wollte – immer nur die frühere Natalja
Dmitrijewna und wird nicht ein Atom mehr. Und Sie sind zum Teil
gleichfalls ein Repräsentant der höheren Gesellschaft, da Sie von ihr
abstammen. Auch mich halte ich nicht für eine Fremde in ihrem Kreise –
das aber ist ein schlechtes Kind, das sein eigenes Nest beschmutzt.
Übrigens werden Sie einmal alles das selbst noch viel besser einsehen,
als ich, ^mon cher Paul^, und Sie werden Ihren Shakespeare mit der Zeit
hübsch vergessen. Das sage ich Ihnen im voraus, ich prophezeie es Ihnen.
Ich bin sogar überzeugt, daß Sie diesmal nicht aufrichtig sind und sich
nur so ... nach der Mode richten. Ach, da bin ich nun ins Schwatzen
hineingekommen. Bleiben Sie ruhig hier, ^mon cher Paul^, und vergessen
Sie Ihren Shakespeare, ich werde selbst nach oben gehen und mich nach
dem Fürsten erkundigen. Vielleicht bedarf er irgend wessen, und mit
meinen Dienstboten ...“
Marja Alexandrowna verließ ziemlich eilig das Zimmer, denn sie dachte an
ihre Dienstboten.
„Marja Alexandrowna scheint sehr froh darüber zu sein, daß der Fürst
nicht bei dieser Modedame, der Anna Nikolajewna, abgestiegen ist. Hat
diese unverschämte Person doch allen gesagt, daß sie mit ihm verwandt
sei. Die wird sich jetzt, denke ich, zerreißen wollen vor Ärger!“
bemerkte Nastassja Petrowna. Als sie aber bemerkte, daß ihr nicht
geantwortet wurde, sah sie auf. Ein Blick auf Sina und Pawel
Alexandrowitsch genügte, um sie erraten zu lassen, wie die Sache stand,
und sie verließ sogleich das Zimmer, als hätte sie irgend etwas
vergessen, das sie zum Tee brauchte. Übrigens wußte sie sich sofort
dafür zu entschädigen: sie versteckte sich hinter der Tür und horchte.
Pawel Alexandrowitsch wandte sich im Augenblick zu Sina. Er war
unbeschreiblich erregt, seine Stimme zitterte.
„Sinaïda Afanassjewna, Sie sind mir doch nicht böse?“ fragte er mit
zaghafter und flehender Miene.
„Ihnen böse? Weshalb denn?“ fragte Sina, die leicht errötete und ihre
wundervollen Augen zu ihm erhob.
„Weil ich früher als verabredet hergekommen bin! Sinaïda Afanassjewna,
ich hielt es nicht aus, ich konnte nicht noch ganze zwei Wochen warten
... Sie sind mir sogar im Traume erschienen. Ich bin hergeeilt, um
meinen Schicksalsspruch zu erfahren ... Doch Sie ziehen die Brauen
zusammen, Sie ärgern sich! Werde ich denn wirklich auch jetzt nichts
Positives erfahren?“
Sina hatte tatsächlich die Stirn gerunzelt.
„Ich habe es nicht anders erwartet, als daß Sie wieder darauf
zurückkommen würden,“ antwortete sie, nachdem sie den Blick gesenkt
hatte, mit fester und strenger Stimme, die deutlich ihren Ärger verriet.
„Und da mir diese Erwartung sehr unangenehm war, so ist es – je
schneller abgetan, um so besser. Sie verlangen oder bitten wieder um
eine Antwort. Wie Sie wünschen, ich kann sie Ihnen noch einmal
wiederholen, denn meine Antwort ist dieselbe: warten Sie. Ich sage es
Ihnen nochmals – ich habe mich noch nicht entschlossen und kann Ihnen
daher auch nicht das Versprechen geben, Ihre Frau zu werden. Ein solches
Versprechen soll man nicht zu erzwingen versuchen, Pawel
Alexandrowitsch. Doch um Sie zu beruhigen, füge ich hinzu, daß ich Ihnen
noch nicht endgültig absage. Und merken Sie sich noch eines: wenn ich
Ihnen jetzt noch eine Hoffnung lasse, so tue ich es einzig aus dem
Grunde, weil ich mit Ihrer Ungeduld und Unruhe Nachsicht habe. Ich
wiederhole es: ich will vollkommen frei sein und wenn ich Ihnen
schließlich sagen sollte, daß ich nicht will, so dürfen Sie mich nicht
beschuldigen, mir nicht vorwerfen, daß ich Ihnen falsche Hoffnungen
gemacht habe. So, das ist alles!“
„Aber ... aber was ist denn das!“ rief Mosgljäkoff mit kläglicher Stimme
aus. „Ist denn das eine Hoffnung! Kann ich denn auch nur auf die
geringste Hoffnung aus Ihren Worten schließen, Sinaïda Afanassjewna?“
„Denken Sie an alles, was ich Ihnen gesagt habe, und dann schließen Sie
daraus, auf was Sie wollen. Das steht Ihnen frei. Ich aber kann nichts
mehr hinzufügen. Ich sage Ihnen noch nicht ganz ab, sondern sage nur:
warten Sie. Nur eines, bitte nicht zu vergessen: daß ich die volle
Freiheit habe, Ihnen endgültig abzusagen, sobald ich will. Und dann noch
eines, Pawel Alexandrowitsch: wenn Sie vor dem für die Antwort
verabredeten Termin gekommen sind, um auf Umwegen etwas zu erreichen, in
der Hoffnung, vielleicht auf Befürwortung von anderer Seite, nehmen wir
an, zum Beispiel, den Einfluß meiner Mutter, so haben Sie sich in Ihrer
Berechnung sehr getäuscht. Dann werde ich Ihnen rund absagen, hören Sie?
Doch jetzt – genug davon, und, bitte, erinnern Sie mich bis dahin mit
keinem Wort mehr daran.“
Diese ganze Rede war trocken, sehr bestimmt und ohne die geringsten
Stockungen gesprochen, als hätte sie sie früher schon auswendig gelernt.
Monsieur Paul fühlte, daß er mit einer langen Nase abzog. In dem
Augenblick kehrte Marja Alexandrowna zurück. Ihr folgte fast auf dem
Fuße Frau Sjäblowa.
„Er wird, glaube ich, sogleich erscheinen, Sina! Nastassja Petrowna,
bereiten Sie schnell neuen Tee!“ – Die Dame schien nicht wenig erregt zu
sein.
„Anna Nikolajewna hat sich erkundigen lassen. Ihre Zofe Anjutka ist in
unsere Küche gekommen, um auszuforschen. Die wird sich jetzt ärgern!“
rief Nastassja Petrowna Sjäblowa aus und eilte zu ihrem Ssamowar.
„Was geht das mich an!“ fragte Marja Alexandrowna über die Schulter.
„Als ob ich mich dafür interessiere, was Ihre Anna Nikolajewna denkt!
Sie können mir glauben, daß ich meine Zofe nicht in ihre Küche schicken
werde. Und es wundert mich, es wundert mich aufrichtig, weshalb Sie mich
immer für eine Feindin dieser armen Anna Nikolajewna halten, und nicht
nur Sie allein, sondern die ganze Stadt. Ich verlasse mich auf Sie,
Pawel Alexandrowitsch! Sie kennen uns beide, – sagen Sie doch selbst,
weshalb sollte ich ihre Feindin sein? Wegen des Vorranges? Dieser
Vorrang läßt mich gleichgültig. Mag sie doch, mag sie doch die Erste
sein! Ich werde als erste zu ihr hinfahren, um sie zu beglückwünschen.
Und schließlich, – das ist doch alles ungerecht. Ich nehme sie stets in
Schutz, es ist meine Pflicht, sie zu verteidigen! Sie wird von allen
verleumdet. Aber weshalb fallen denn alle so über sie her? Sie ist jung
und putzt sich gern, – deswegen vielleicht? Meiner Meinung nach ist es
aber doch besser, Putz zu lieben, als etwas anderes, wie zum Beispiel
Natalja Dmitrijewna, die ... so etwas liebt, daß man es nicht einmal
aussprechen darf. Oder deshalb, weil Anna Nikolajewna ewig zu Besuch
fährt und nie zu Hause sitzen kann? Aber, mein Gott! Sie hat ja doch
überhaupt keine Erziehung, keine Bildung genossen, und daher fällt es
ihr natürlich schwer, ein Buch aufzuschlagen und sich zwei Minuten
nacheinander mit ein und demselben zu beschäftigen. Sie kokettiert und
liebäugelt mit jedem, der an ihrem Hause vorübergeht. Aber weshalb
versichert man ihr denn ewig, daß sie hübsch sei, wenn sie nur ein
weißes Gesicht hat und nichts weiter? Sie erheitert beim Tanz die
Zuschauer – schön! Aber weshalb beteuert man ihr denn fortwährend, daß
sie so wundervoll tanze? Sie trägt ganz entsetzliche Hüte und noch
ärgeren Kopfputz, – aber was kann sie denn dafür, daß Gott ihr keinen
Geschmack verliehen hat, sondern statt dessen nur so viel
Leichtgläubigkeit? Sagen Sie ihr, daß es gut sei, ein Konfektpapier ins
Haar zu stecken – und sie wird es tun. Sie ist eine Klatschbase, – aber
das ist doch hier nichts Außergewöhnliches: wer klatscht hier nicht?
Ssuschiloff mit seinem schönen Bart fährt morgens und abends zu ihr und
womöglich auch noch in der Nacht. Ach, mein Gott! wenn der Mann noch bis
fünf Uhr morgens am Kartentisch sitzt! Und zudem gibt es hier so viel
schlechte Beispiele! Und schließlich ist das alles _vielleicht_ nur
Verleumdung. Wie gesagt, ich werde sie immer, immer in Schutz nehmen!
... Aber, mein Gott! ... Da ist ja der Fürst! Das ist er, er! Jetzt
würde ich ihn unter Tausenden erkannt haben! Endlich sehe ich Sie
wieder, ^mon prince^!“ rief Marja Alexandrowna aus und eilte dem
eintretenden Fürsten entgegen.