Ich muß vorausschicken, daß Fürst K. den Jahren nach durchaus noch kein
Greis war. Doch dessenungeachtet kam einem bei seinem Anblick
unwillkürlich der Gedanke, daß er sogleich auseinanderfallen müsse:
dermaßen verlebt oder verbraucht war der Mann und sah er aus. In
Mordassoff hat man sich von diesem Fürsten stets äußerst sonderbare,
mitunter selbst phantastische Dinge erzählt. Es hieß sogar einmal, der
alte Herr sei irrsinnig geworden. Am sonderbarsten fanden aber alle, daß
ein so reicher Gutsbesitzer, der viertausend Seelen besaß, unter seinen
Verwandten bekannte Würdenträger hatte und folglich, sobald er nur
gewollt hätte, eine große Rolle im Gouvernement hätte spielen können,
auf seinem prächtigen Gut von aller Welt völlig zurückgezogen lebte.
Viele Honoratioren hatten ihn vor sechs oder sieben Jahren gekannt, als
er eine Zeitlang in unserer Stadt gelebt hatte, und sie versicherten,
daß er damals Einsamkeit nicht habe ertragen können und alles eher als
ein Einsiedler gewesen sei.
Doch wie dem auch sei, jedenfalls habe ich aus glaubwürdigster Quelle
Folgendes von seiner Lebensgeschichte erfahren:
Einmal in jungen Jahren, was übrigens schon lange her ist, war der Fürst
in glänzendster Weise ins Leben eingetreten, hatte gejeut, geliebt, war
mehrmals im Auslande gewesen, hatte Romanzen gesungen, Bonmots gemacht
und sich nie durch glänzende Geistesgaben ausgezeichnet. Wie es sich
wohl von selbst versteht, verlebte er sein ganzes Vermögen, so daß er
sich, als das Alter kam, plötzlich ohne eine Kopeke sah. Da hatte ihm
irgend jemand den Rat gegeben, auf sein Gut überzusiedeln, das bereits
versteigert werden sollte, und so war er denn nach Mordassoff gefahren
und hatte dort ganze sechs Monate verlebt, ohne an die Weiterfahrt zu
denken. Das Provinzleben hatte ihm sehr gefallen und die Folge davon
war, daß er in diesem halben Jahr das Letzte, was ihm noch geblieben
war, gleichfalls durchbrachte, da er weder auf das Jeu, noch auf
verschiedene Intimitäten mit – diesmal Provinzdamen verzichten konnte.
Hinzu kommt, daß er ein gutmütiger Mensch war, freilich nicht ohne
einige besondere fürstliche Gewohnheiten unangenehmer Art, die aber in
Mordassoff für als ausschließlich der höchsten Gesellschaft eigen
angesehen wurden, und daher, statt Verdruß zu erwecken, sogar einen
guten Eindruck machten. Namentlich die Damen waren von ihrem lieben Gast
außerordentlich entzückt. Man bewahrte gar manche interessante
Erinnerung an ihn. Unter anderem erzählte man, daß der Fürst einen
halben Tag zum Ankleiden brauche und der ganze Mensch aus
zusammensetzbaren Stücken bestände. Niemand wußte sich zu erklären, wann
und wo er sich aller der ihm fehlenden Körperteile zu entledigen
vermocht hatte. Er trug eine Perücke, falschen Schnurr- und Backenbart,
und sogar die Fliege a la Mazarin unter der Unterlippe war unecht. Ihm
war buchstäblich jedes Haar angeklebt und jedes glänzte im schönsten
Schwarz. Er schminkte und puderte sich täglich. Es wurde sogar
behauptet, daß er mittels gewisser kleiner Federn, die in seinen Haaren
unsichtbar angebracht sein sollten, die Runzeln in seinem Gesicht
glätte. Auch hieß es, daß er ein Korsett trage, da er bei einem
ungeschickten Sprung aus dem Fenster – während eines Liebesfeldzuges in
Italien – sich ein paar Rippen gebrochen habe. Mit dem linken Fuß hinkte
er. Es wurde behauptet, daß sein linker Fuß unecht sei und er den echten
in Paris gleichfalls bei Gelegenheit eines Liebesabenteuers eingebüßt
habe und zum Ersatz ihm ein Holz- oder Korkfuß angesetzt worden sei.
Aber schließlich, was wird nicht alles erzählt? Tatsache war jedoch, daß
sein rechtes Auge ein Glasauge war, natürlich ein sehr teures, sehr
kunstvoll gearbeitetes. Seine Zähne waren alle unecht. Ganze Tage lang
wusch er sich mit den verschiedensten patentierten Flüssigkeiten,
parfümierte und pomadisierte sich unermüdlich. Übrigens entsinnt man
sich, daß der Fürst damals schon merklich gealtert war und entsetzlich
schwatzhaft wurde. Seine Zukunft war, wie man meinte, hoffnungslos. Alle
wußten, daß er nichts mehr besaß. Da sollte es aber geschehen, daß
gerade zu der Zeit eine seiner Verwandten, eine uralte Greisin, die
beständig in Paris lebte und von der er eigentlich nichts zu erwarten
hatte, – starb, nachdem sie vor ausgerechnet einem Monat ihren einzigen
Erben begraben hatte. So wurde plötzlich und unerwartet der Fürst ihr
gesetzmäßiger Universalerbe. Viertausend Seelen und ein wundervolles
Gut, sechzig Werst von unserer Stadt gelegen, erhielt er ganz allein.
Ohne lange zu säumen, machte er sich nach Petersburg auf, um dort die
Angelegenheit zu erledigen. Zum Abschied gaben unsere Damen ihrem lieben
Gast noch ein glänzendes Diner, das sie gemeinsam bezahlten, wozu eine
Kollekte veranstaltet worden war. Der Fürst, sagt man, sei an diesem
Abend bezaubernd liebenswürdig gewesen, habe gescherzt und gelacht und
die ungewöhnlichsten Anekdoten erzählt. Zum Schluß habe er versprochen,
sich so bald als möglich in Duchanowo, so hieß sein neues Gut,
niederzulassen, und dann – darauf habe er sein Wort gegeben – würde er
fortwährend Feste, Picknicks, Bälle und italienische Nächte mit
Feuerwerk und Lampions veranstalten. Ein ganzes Jahr lang nach seiner
Abfahrt sprachen die Damen nur von den verhießenen Freuden und
erwarteten ihren alten Freund mit größter Ungeduld. Inzwischen aber
begnügte man sich mit kurzen Ausfahrten nach Duchanowo, wo das alte
Herrenhaus und der große Park besichtigt wurden. In diesem Park gab es
Akazienhecken, die zu Löwen und anderen Tieren zurechtgestutzt waren,
künstliche Hünengräber, Teiche, auf denen sich Boote schaukelten mit
holzgeschnitzten Türken, die Hirtenflöten bliesen, Lauben, Pavillons,
Monplaisirs und noch viele andere Späße.
Endlich kehrte der Fürst zurück, doch zur allgemeinen Verwunderung und
Enttäuschung zeigte er sich nicht einmal in der Stadt, sondern ließ sich
auf seinem Gut nieder und lebte wie ein Einsiedler. Alsbald verbreiteten
sich sonderbare Gerüchte, und überhaupt kann man sagen, daß die
Lebensgeschichte des Fürsten seit eben dieser Zeit schleierhaft und
phantastisch wird. So erzählte man denn, daß er in Petersburg nicht
gerade Glück gehabt habe, daß einige seiner Verwandten und dereinstigen
Erben ihn wegen seiner Geistesschwäche unter irgend jemandes
Vormundschaft hätten stellen wollen, wahrscheinlich aus Furcht, daß er
wieder sein ganzes Vermögen durchbringen könne. Ja einige behaupteten
sogar, daß man ihn in eine Irrenanstalt habe einsperren wollen, doch
einer seiner Verwandten, ein angesehener Mann, sei für ihn eingetreten
und habe den anderen klar bewiesen, daß der arme Fürst, von dem ja
ohnehin nur noch die eine Hälfte lebe, wahrscheinlich bald von selbst
sterben würde – und dann bekämen sie das Gut auch ohne Irrenhaus. Doch
ich sage nochmals: wird denn wenig in der Welt geklatscht und noch dazu
bei uns in Mordassoff! Diese Gerüchte von dem Vorhaben seiner Verwandten
sollen den armen Fürsten so kopfscheu gemacht haben, daß er auch seinen
Charakter vollkommen änderte und wie ein Einsiedler lebte! Einige
unserer Spitzen der Gesellschaft waren mit Glückwünschen zu ihm aufs Gut
gefahren: doch sie waren entweder überhaupt nicht, oder in sehr
seltsamer Weise empfangen worden. Der Fürst, sagt man, habe seine
früheren Bekannten nicht einmal erkannt oder habe sie nicht erkennen
wollen.
Eines Tages fuhr auch unser Gouverneur zu ihm. Er kehrte mit der
Nachricht zurück, daß der Fürst seiner Meinung nach tatsächlich „etwas
verdreht“ sei, und er machte später jedesmal ein schiefes Gesicht, wenn
man ihn an seine Fahrt nach Duchanowo erinnerte. Die Damen sprachen laut
ihren Unwillen darüber aus. Endlich erfuhr man einen Umstand von
erschütternder Wichtigkeit, und zwar: daß irgendeine unbekannte
Stepanida Matwejewna sich des Fürsten bemächtigt habe, Gott weiß was für
eine Weibsperson, die aus Petersburg mit ihm angekommen war, dick und
bejahrt, die nur in Kattunkleidern und mit dem Schlüsselbund in der Hand
umherging; daß der Fürst ihr in allem wie ein Kind gehorche und ohne
ihre Erlaubnis keinen Schritt zu tun wage; daß sie ihn sogar eigenhändig
bediene, sehr verwöhne, auf den Händen umhertrage und wie einen Säugling
einlulle, und schließlich, daß sie es sei, die jeden Besuch von ihm
fernhalte, namentlich seine Verwandten, die jetzt, wie begreiflich, zum
Zweck verschiedener Nachforschungen von Zeit zu Zeit nach Duchanowo
kamen. In Mordassoff wurde viel über diese unbegreifliche Verbindung
gesprochen, besonders seitens der Damen. Zu alledem wurde noch
hinzugefügt, daß Stepanida Matwejewna das ganze Gut des
Fürsten unumschränkt und eigenmächtig verwalte, ungefragt das
Wirtschaftspersonal, die Dienstboten, Verwalter und Förster absetze und
die Einnahmen empfange – doch mache sie alles so gut, daß die
Leibeigenen ihr Schicksal geradezu priesen.
Was nun den Fürsten selbst anbetrifft, so wußte man, daß er seine Tage
fast ausschließlich im Ankleidezimmer zubrachte und sich nur mit dem
Anpassen von Perücken und Fracks beschäftigte, daß er die übrige Zeit in
der Gesellschaft Stepanida Matwejewnas verbringe, mit ihr Karten spiele,
sich die Karten lege, hin und wieder auf einer frommen englischen Stute
ausreite, wobei ihn Stepanida Matwejewna unfehlbar in einem gedeckten
Wagen begleite – „für alle Fälle“, versteht sich: denn der Fürst reite
nur aus Eitelkeit, könne sich aber kaum noch im Sattel halten. Zuweilen
hatte man ihn auch zu Fuß ausgehen sehn, in einem eleganten Paletot,
breitkrämpigem Strohhut, rosafarbenem Damenhalstuch, mit seinem Monokel
im Auge, mit einem Körbchen für die gesammelten Pilze, und mit
Kornblumen in der linken Hand. Stepanida Matwejewna begleitete ihn
regelmäßig und hinter ihm gingen zwei galonierte Diener und folgte –
„für alle Fälle“, da man ja nie wissen konnte – ein Wagen: kam ihnen
unterwegs ein Bauer entgegen und grüßte er sie, zur Seite tretend, tief
und ehrerbietig: „Guten Tag, Väterchen Fürst, guten Tag, Euer Gnaden
unser Sonnenlicht!“ so richtete der Fürst sogleich sein Monokel auf ihn
und antwortete freundlich mit gnädigem Kopfnicken: „^Bonjour, mon ami,
bonjour!^“
Solche und ähnliche Gerüchte gingen in Mordassoff von Mund zu Mund. Es
schien ganz unmöglich zu sein, den Fürsten zu vergessen. Aber er lebte
ja auch in nächster Nachbarschaft. Wie groß nun war die Verwunderung,
als eines schönen Morgens das Gerücht sich verbreitete, daß der Fürst,
dieser Einsiedler und Sonderling, in eigener Person in Mordassoff
angelangt und im Hause Marja Alexandrownas abgestiegen sei. Alles geriet
in Aufregung, alle erwarteten eine Aufklärung, alle fragten einander,
was das zu bedeuten habe. Einige Damen wollten sich sogleich zu Marja
Alexandrowna aufmachen, denn die Ankunft des Fürsten erschien ihnen als
ein gar zu großes Wunder. Sie schrieben sich Zettelchen, machten
einander Morgenvisiten, schickten ihre Stubenmädchen und Männer auf
Kundschaft aus. Am meisten wunderte man sich darüber, daß der Fürst
gerade bei Marja Alexandrowna abgestiegen war. Und am meisten ärgerte
sich darüber Anna Nikolajewna Antipowa, weil der Fürst über Tanten,
Großtanten und Schwägerinnen hinweg entfernt mit ihr verwandt war. Aber
ich sehe, um alle diese Fragen beantworten zu können, müssen wir Marja
Alexandrowna selbst in ihrem Hause aufsuchen, wohin uns zu folgen wir
den verehrten Leser untertänigst bitten. Es ist allerdings noch früh,
kaum zehn Uhr, aber ich bin überzeugt, daß sie uns, ihre besten Freunde,
nicht von der Tür weisen, vielmehr uns empfangen wird.