Den ganzen Nachmittag über grub ich heute hinten im Garten, und nun hab
ich gegessen, in der Laube, der vollbrachten Arbeit gegenüber, zwischen
flüsterndem Weingerank, an weiß gedecktem Tisch. Milch, Eier, Landkäse,
Schinken und braunes Brot. Mit einem Appetit wie ein Scheunendrescher.
Nun ist es gegen Sonnenuntergang, und vorm Schlafengehn mach ich noch
meine Runde durch die Felder.
Auf der Dorfgasse schreiende Kinder. Leute vor den Häuserchen, die ihre
arbeitsmüden Glieder in der Abendfrische kühlen. Auf den Höfen bellen
die Hunde. Das Brüllen einer Kuh. Dumpfes Pferdegestampf und
Stallgeruch.
Drüben das letzte Gehöft. Mit einem langen, windschiefen Staket streckt
es sich spitz in das freie Land hinein, das sanft ansteigt. Eine
Gänseschar, weiß, an der äußersten Spitze des Gartens, kreischt in die
tiefe, milde Abendruhe.
Bis Mittag war heute eine drückende Hitze gewesen, dann war ein kleines
Gewitter vorübergerauscht und hatte Kühlung geschaffen. Davon ist der
Himmel jetzt noch mit einem dünnen, gleichmäßigen Dunst überzogen. Am
Horizont über den Feldern hin verdichtet er sich zu einer breiten,
blaugrauen Schicht. Dazwischen hängt die Sonne, ein mächtiger,
dunkelroter Nebelball. Nach rechts und links ist eine breite, schmutzige
Röte über den Himmel hingewischt.
Ein ungewisses Licht. Ein Abendsonnenschein, mehr zu fühlen als zu
sehen. Nirgends ein Schatten. Und doch liegt es über dem Wegstaub wie
ein zartes, lila Lichtdämmern, und in den Lüften webt es wie ein feiner
Lichtdunst.
Ferner, immer ferner verklingt hinter mir das Kreischen der Gänse, das
Gekläff der Hunde. Lauter und immer vernehmlicher jetzt das Schrillen
der Heimchen im Weggras und überall zwischen den leise knisternden,
überreifen, bronzefarbenen Getreidehalmen das Schnarren der Rebhühner
aus dem weiten Dämmern. Die mild schmeichelnde Abendkühle; das scharfe,
würzige Duften von den Kartoffelfeldern her, und dieses geahnte
Sonnenlicht in der ganzen abendlichen Landschaft.
Die dicken Ähren nicken und beugen sich, und leise wühlt es in matten,
rotgoldigen Lichtern über eine Haferbreite hin. Drüben rutscht die
Sonnenscheibe zwischen den Dunstschichten hinunter. Jetzt nur noch die
Hälfte, jetzt nur noch ein rotes Tupfchen - und nun ist auch das weg.
Nun ganz das heimische, trauliche Dämmern über den weiten, weiten
Feldern, und im Westen, schräg über den Himmel hin, die matte Röte ...
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Allein. Mitten zwischen den Feldern. Ganz allein.
Ein so eigenes Gefühl, immer vorwärts, vorwärts, ziellos in das
zunehmende Dämmern hineinzuschlendern mit seinen hundert geheimen
Lauten.
Ab und zu zuckt es mir in den Armmuskeln von der getanen Arbeit. Über
den ganzen Körper eine süße, wohlige Müdigkeit. Frei und ruhig geht mein
Atem.
Allmählich nimmt es den Horizont weg, und die Nähe wird lebendig. Eine
Feldmaus, raschelnd in eine Furche hinein. Das leise, flüsternde
Rauschen in den schwarzen Wipfeln der Kirschbäume zu beiden Seiten des
Weges.
Ein leises, metallisches Surren vor meinem Ohr, und an meine Backe weht
ein feiner, leichter, ganz leichter Lufthauch.
Ich bleibe stehen. Fast erschrocken, was es ist. - Ein Mückenschwarm.
Gegen das verblassende Abendrot kann ich ihn noch erkennen, wie er
durcheinanderwirbelt in regelmäßigen, zuckenden Spiralen.
Und dunkler wird die Welt, und dunkler, und verschwimmt in Dämmerungen.
Und weiter und weiter zieht es einen ins Einsame. Jeder Wille ist
umsponnen, süß gelähmt von einem heimischen Grauen.
Fern, weit von allen Menschen!
Nur die dunkelnden Felder in der Runde.
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Dort schiebt es sich über den Horizont in die Höhe, ein roter
Kreisabschnitt. Breit, riesig, daß es einen erschreckt. Und immer höher
und immer runder wächst es herauf und wird ein mächtiger Halbkreis. Und
nun steht eine ungeheure Scheibe rot auf dem Horizont. Wie ein nie
gesehenes, rätselhaftes, plötzlich an das Firmament gezaubertes neues
Gestirn.
Der volle Mond.
Zwischen zergehendem Dunst hebt er sich und steigt langsam empor in das
freiere Blau, und sein Licht fängt an, mit silbrigem Glast sich
hinzuweben über die weiten, stillen Felder.
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Hier, auf kühler Höhe, schwarz mit seinen dunkelroten Fensterlöchern,
mitten im einsamen Land, ein Schachthaus. Drinnen, dumpf, das Stöhnen
und Keuchen einer Maschine. Hier oben der freie Nachtfrieden, und da
unten, tief unter meinen Füßen, mühen sich Menschen in enger, dunstiger
Finsternis.
Ein paar hundert Schritt weiter ein Tagesschacht. Steil, mit schwarzen,
riesigen Wandflächen senkt er sich in die dunkle Tiefe. Fern aus dem
stillen Grunde kommt es herauf wie ein Rieseln und Kluckern von
verborgenen Gewässern. Dies und das ewige Schrillen der Heimchen sind
hier die einzigen Laute. Drüben, auf der anderen Seite, mir gegenüber,
ein Stück Staket, das sich schwarz gegen den Himmel abzeichnet, und ein
paar kümmerliche Bäumchen, und hintereinander drei niedrige Wagen, mit
denen am Tage allerlei Schutt aus dem Schachte heraufgefördert wird.
Überall dick schwarzbrauner, von unzähligen Radspuren durchfurchter
Kohlenstaub. Drüberhin wird es jetzt lebendig von einem feinen Glanz,
und neugierige Lichter dringen mit breiten Streifen hinein in die
schwarze Tiefe.
Am Tage ist hier oben und da unten ein lautes Leben von hundert
fleißigen Menschen, Peitschen knallen, die schwergeladenen Wagen knarren
in ihren Achsen, die Fuhrknechte brüllen und fluchen. Die Kohlenwagen
rollen und klirren über die Schienenstränge.
Und jetzt das öde, lastende Schweigen.
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Der Dunst hoch oben am Himmel ist zergangen vor dem aufsteigenden Mond
her, der nun goldig leuchtend über den hellen Feldern steht. Es ballt
sich da oben zu weißen Wölkchen und dehnt sich hin zu milchigen, dünnen
Streifen, zwischen denen Sterne flimmern.
Dort ein umgekippter Kohlenkarren, die eisernen Räder schief nach oben;
das Mondlicht drauf mit stilleuchtenden Reflexen. Ich schreite hin und
setze mich und blicke von hier über das mondlichte Land hin.
Und alles, was ich dachte und je gedacht habe, und alles, was ich litt
und was mich freute: es wird ein einziges Empfinden, es verdichtet sich
zu einem unaussprechlichen Gefühl, zu einer unsagbaren, stillheiteren,
wonnigen Sehnsucht: einer wollüstigen Sehnsucht zu sterben ...
Ich kenne sie. Ich kenne sie ganz genau. Willenlos nimmt sie mich hin.
Ein wunderbares Träumen und Sehnen, wer weiß wohin? Mir ist, als ob es
mich hinnähme in rätselhafte Weiten.
Was ist es? Rausch? Lebendigstes Leben?
Glück! Glück! - Zuviel Glück! Ein böses, gefährliches Glück!...
Zuviel Glück: denn das Unsagbare benennen, es festzuhalten, es auskosten
in flüchtigen Symbolen, ist allein erträgliches Glück und erträgliches
Leid. Darin leben wir alle, wie wir sind, was wir sind ...
Stimmen. Dunkle Gestalten gegen den hellen Himmel hin. Eine Schar
Bergleute vom Schachthause her. Es ist mir wie eine Befreiung.
Talabwärts geh ich ihnen nach zum Dorf hinunter.
Vor den ersten Häuserchen unten singen sie zu einer Ziehharmonika. Die
dünnen Klänge verklingen über die Felder, über die nun weit, weit der
Mond leuchtet.
Ah! Ich bin müde zum Umfallen!
Werd ich schlafen!...