Was meinem Vater seinerzeit nicht gelungen war, das gelang nun diesem
Liebeselend. Es erzog mich zum Zecher.
Für mein Leben und Wesen war das wichtiger als irgend etwas von dem, was
ich bisher erzählte. Der starke, süße Gott ward mir ein treuer Freund und
ist es heute noch. Wer ist so mächtig wie er? Wer ist so schön, so
phantastisch, schwärmerisch, fröhlich und schwermütig? Er ist ein Held und
Zauberer. Er ist ein Verführer und Bruder des Eros. Er vermag Unmögliches;
arme Menschenherzen füllt er mit schönen und wunderlichen Dichtungen. Er
hat mich Einsiedler und Bauern zum König, Dichter und Weisen gemacht. Leer
gewordene Lebenskähne belastet er mit neuen Schicksalen und treibt
Gestrandete in die eilige Strömung des großen Lebens zurück.
So ist der Wein. Doch ist es mit ihm wie mit allen köstlichen Gaben und
Künsten. Er will geliebt, gesucht, verstanden und mit Mühen gewonnen sein.
Das können nicht Viele, und er bringt tausend und tausend um. Er macht sie
alt, er tötet sie oder löscht die Flamme des Geistes in ihnen aus. Seine
Lieblinge aber lädt er zu Festen ein und baut ihnen Regenbogenbrücken zu
seligen Inseln. Er legt, wenn sie müde sind, Kissen unter ihr Haupt und
umfaßt sie, wenn sie der Traurigkeit zur Beute fallen, mit leiser und
gütiger Umarmung wie ein Freund und wie eine tröstende Mutter. Er
verwandelt die Wirrnis des Lebens in große Mythen und spielt auf mächtiger
Harfe das Lied der Schöpfung.
Und wieder ist er ein Kind, hat lange seidige Locken und schmale Schultern
und feine Glieder. Er lehnt sich dir ans Herz und reckt das schmale Gesicht
zu deinem empor und sieht dich erstaunt und traumhaft aus lieben großen
Augen an, in deren Tiefe Paradieserinnerung und unverlorene
Gotteskindschaft feucht und glänzend wogt wie eine neugeborene Quelle im
Wald.
Und der süße Gott gleicht auch einem Strom, der tief und rauschend eine
Frühlingsnacht durchwandert. Und gleicht einem Meere, welches Sonne und
Sturm auf kühler Woge wiegt.
Wenn er mit seinen Lieblingen redet, dann überrauscht sie schauernd und
flutend die stürmende See der Geheimnisse, der Erinnerung, der Dichtung,
der Ahnungen. Die bekannte Welt wird klein und geht verloren und in banger
Freude wirft sich die Seele in die straßenlose Weite des Unbekannten, wo
alles fremd und alles vertraut ist und wo die Sprache der Musik, der
Dichter und des Traumes gesprochen wird.
Nun, ich muß erst erzählen.
Es geschah, daß ich stundenlang selbstvergessen heiter sein konnte,
studierte, schrieb und Richards Musik anhörte. Aber kein Tag ging ganz ohne
Leid vorbei. Manchmal überfiel es mich erst nachts im Bette, daß ich
stöhnte und mich bäumte und spät in Tränen entschlief. Oder erwachte es,
wenn ich der Aglietti begegnet war. Meistens aber kam es am Spätnachmittag,
wenn die schönen, lauen, müdemachenden Sommerabende begannen. Dann ging ich
an den See, nahm ein Boot, ruderte mich heiß und müde und fand es dann
unmöglich, nach hause zu gehen. Also in eine Kneipe oder in einen
Wirtsgarten. Da probierte ich verschiedene Weine, trank und brütete und war
manchmal am andern Tage halbkrank Dutzendemal überfiel mich dabei ein so
schauderhaftes Elend und Ekelgefühl, daß ich beschloß nie mehr zu trinken.
Und dann ging ich wieder und trank. Allmählich unterschied ich die Weine
und ihre Wirkung und genoß sie mit einer Art von Bewußtsein, im ganzen
freilich noch naiv und roh genug. Schließlich fand ich am dunkelroten
Veltliner einen Halt. Er schmeckte mir beim ersten Glas herb und erregend,
dann verschleierte er mir die Gedanken bis zu einer stillen, stetigen
Träumerei, und dann begann er zu zaubern, zu schaffen, selber zu dichten.
Dann sah ich alle Landschaften, die mir je gefallen hatten, in köstlichen
Beleuchtungen mich umgeben und ich selbst wanderte darin, sang, träumte und
fühlte ein erhöhtes, warmes Leben in mir kreisen. Und es endete mit einer
überaus angenehmen Traurigkeit, als hörte ich Volkslieder geigen und als
wüßte ich irgendwo ein großes Glück, dem ich vorbeigewandert wäre und das
ich versäumt hätte.
Es kam von selbst so, daß ich allmählich selten mehr allein kneipte,
sondern allerlei Gesellschaft fand. Sobald ich von Menschen umgeben war,
wirkte der Wein anders auf mich. Dann wurde ich gesprächig, aber nicht
erregt, sondern fühlte ein kühles sonderbares Fieber. Eine mir selbst
bisher kaum bekannte Seite meines Wesens blühte über Nacht empor, doch
gehörte sie weniger zu den Garten- und Zierblumen, als in die Gattung der
Disteln und Nesseln. Zugleich nämlich mit der Beredtsamkeit kam ein
scharfer, kühler Geist über mich, machte mich sicher, überlegen, kritisch
und witzig. Waren Leute da, deren Gegenwart mich störte, so wurden sie bald
fein und listig, bald grob und hartnäckig so lange aufgezogen und geärgert,
bis sie gingen. Die Menschen überhaupt waren mir ja von Kind auf weder
sonderlich lieb noch notwendig gewesen, nun begann ich sie kritisch und
ironisch zu betrachten. Mit Vorliebe erfand und erzählte ich kleine
Geschichten, in welchen die Verhältnisse der Menschen untereinander lieblos
und mit scheinbarer Sachlichkeit satirisch dargestellt und bitter verhöhnt
wurden. Woher dieser verächtliche Ton mir kam, wußte ich selber nicht, er
brach wie eine reifende Schwäre aus meinem Wesen hervor, die ich lange
Jahre nicht wieder los ward.
Saß ich dazwischen einmal einen Abend allein, dann träumte ich wieder von
Bergen, Sternen und trauriger Musik.
In diesen Wochen schrieb ich eine Folge von Betrachtungen über
Gesellschaft, Kultur und Kunst unserer Zeit, ein kleines giftiges Büchlein,
dessen Wiege meine Wirtshausgespräche waren. Aus meinen ziemlich fleißig
weiterbetriebenen historischen Studien kam mancherlei geschichtliches
Material hinzu, welches meinen Satiren eine Art von solidem Hintergrunde
gab.
Auf Grund dieser Arbeit erhielt ich bei einer größeren Zeitung den Rang
eines ständigen Mitarbeiters, wovon ich nahezu leben konnte. Gleich darauf
erschienen jene Skizzen auch als selbständiges Büchlein und hatten einigen
Erfolg. Nun warf ich die Philologie vollends über Bord. Ich war nun schon
in höheren Semestern, Beziehungen zu deutschen Zeitschriften knüpften sich
an und hoben mich aus der bisherigen Verborgenheit und Armseligkeit in den
Kreis der Anerkannten empor. Ich verdiente mein Brot, verzichtete auf das
lästige Stipendium und trieb mit vollen Segeln dem verächtlichen Leben
eines kleinen Berufsliteraten entgegen.
Und trotz des Erfolgs und meiner Eitelkeit, und trotz der Satiren und trotz
meiner Liebesleiden lag über mir in Fröhlichkeit und Schwermut der warme
Glanz der Jugend. Trotz aller Ironie und einer kleinen, harmlosen
Blasiertheit sah ich in Träumen doch stets ein Ziel, ein Glück, eine
Vollendung vor mir. Was es sein sollte, wußte ich nicht. Ich fühlte nur,
das Leben müsse mir irgend einmal ein besonders lachendes Glück vor die
Füße spülen, einen Ruhm, eine Liebe vielleicht, eine Befriedigung meiner
Sehnsucht und eine Erhöhung meines Wesens. Ich war noch der Page, der von
Edeldamen und Ritterschlag und großen Ehren träumt.
Ich glaubte im Beginn einer emporstrebenden Bahn zu stehen. Ich wußte
nicht, daß alles bis jetzt Erlebte nur Zufälle waren und daß meinem Wesen
und Leben noch der tiefe, eigene Grundton fehle. Ich wußte noch nicht, daß
ich an einer Sehnsucht litt, welcher nicht Liebe noch Ruhm Grenze und
Erfüllung sind.
Und so genoß ich meinen kleinen, etwas herben Ruhm mit aller Jugendlust. Es
tat mir wohl, bei gutem Wein unter klugen und geistigen Menschen zu sitzen
und, wenn ich zu reden begann, ihre Gesichter begierig und aufmerksam mir
zugewendet zu sehen.
Zuweilen fiel mir auf, eine wie große Sehnsucht in allen diesen Seelen von
heute nach Erlösung schrie und was für wunderliche Wege sie sie führte. An
Gott zu glauben, galt für dumm und fast für unanständig, sonst aber wurde
an vielerlei Lehren und Namen geglaubt, an Schopenhauer, an Buddha, an
Zarathustra und viele andere. Es gab junge, namenlose Dichter, welche in
stilvollen Wohnungen feierliche Andachten vor Statuen und Gemälden
begingen. Sie hätten sich geschämt sich vor Gott zu beugen, aber sie lagen
auf Knieen vor dem Zeus von Otrikoli. Es gab Asketen, die sich mit
Enthaltsamkeit quälten und deren Toilette zum Himmel schrie. Ihr Gott hieß
Tolstoi oder Buddha. Es gab Künstler, die sich durch wohlerwogene und
abgestimmte Tapeten, Musik, Speisen, Weine, Parfüme oder Cigarren zu
aparten Stimmungen anregten. Sie sprachen geläufig und mit erkünstelter
Selbstverständlichkeit von musikalischen Linien, Farbenakkorden und
ähnlichem und waren überall auf der Lauer nach der »persönlichen Note,«
welche meist in irgend einer kleinen, harmlosen Selbsttäuschung oder
Verrücktheit bestand. Im Grunde war mir die ganze krampfhafte Komödie
amüsant und lächerlich, doch fühlte ich oft mit sonderbarem Schauder, wie
viel ernste Sehnsucht und echte Seelenkraft darin flammte und verloderte.
Von all den phantastisch einherschreitenden neumodischen Dichtern,
Künstlern und Philosophen, die ich damals mit Erstaunen und Ergötzen kennen
lernte, weiß ich keinen, aus dem etwas Notables geworden wäre. Es war unter
ihnen ein mir gleichaltriger Norddeutscher, ein gefälliges Figürchen und
ein zarter, lieber Mensch, delikat und sensibel in allem, was irgend
künstlerische Dinge betraf. Er galt für einen der zukünftigen großen
Dichter und ich hörte ein paar mal Gedichte von ihm vorlesen, die meiner
Erinnerung noch immer als etwas ungemein Duftiges, seelenvoll Schönes
vorschweben. Vielleicht war er der einzige von uns allen, aus dem ein
wirklicher Dichter hätte werden können. Zufällig erfuhr ich später einmal
seine kurze Geschichte. Durch einen literarischen Mißerfolg scheu geworden,
entzog sich der Überempfindliche aller Öffentlichkeit und fiel einem Lumpen
von Mäcen in die Hände, der ihn, statt ihn anzuspornen und zur Vernunft zu
bringen, schnell vollends zu Grunde richtete. Auf den Villen des reichen
Herrn trieb er mit dessen nervösen Damen ein fades Aesthetengeflunker,
stieg in seiner Einbildung zum verkannten Heros und brachte sich,
jämmerlich mißleitet, durch lauter Chopinmusik und präraphaelitische
Ekstasen systematisch um den Verstand.
An dies halbflügge Volk seltsam gekleideter und frisierter Dichter und
schöner Seelen kann ich mich nur mit Grauen und Mitleid erinnern, da ich
erst nachträglich das Gefährliche dieses Umganges einsah. Nun, mich
bewahrte mein Oberländer Bauerntum davor, an dem Tummel teilzunehmen.
Edler und beglückender aber als der Ruhm und der Wein und die Liebe und die
Weisheit war meine Freundschaft. Sie war's schließlich allein, die meiner
angebotenen Schwerlebigkeit aufhalf und meine Jugendjahre unverdorben
frisch und morgenrot erhielt. Ich weiß auch heute in der Welt nichts
Köstlicheres als eine ehrliche und tüchtige Freundschaft zwischen Männern
und wenn mich einmal an nachdenklichen Tagen etwas wie ein Jugendheimweh
befällt, so ist es allein um meine Studentenfreundschaft.
Seit meiner Verliebtheit in Erminia hatte ich Richard ein wenig
vernachlässigt. Es geschah im Anfang unbewußt, nach einigen Wochen aber
schlug mir das Gewissen. Ich beichtete ihm, er entdeckte mir daß er das
ganze Unglück mit Bedauern habe kommen und wachsen sehen, und ich schloß
mich ihm aufs neue herzlich und eifersüchtig an. Was ich damals etwa an
heiteren und freien kleinen Lebenskünsten mir erwarb, kam alles von ihm. Er
war schön und heiter an Leib und Seele und das Leben schien für ihn keine
Schatten zu haben. Die Leidenschaften und Irrungen der Zeit kannte er als
kluger und beweglicher Mensch wohl, aber sie glitten ohne Schaden an ihm
ab. Sein Gang und seine Sprache und sein ganzes Wesen war geschmeidig,
wohllaut und liebenswert. O wie er lachen konnte!
Für meine Weinstudien hatte er wenig Verständnis. Er ging gelegentlich mit,
hatte jedoch nach zwei Gläsern genug und betrachtete meinen wesentlich
größeren Konsum mit naivem Erstaunen. Aber wenn er sah, daß ich litt und
hilflos meiner Schwermut unterlag, musizierte er mir, las mir vor oder
führte mich spazieren. Auf unsern kleinen Ausflügen waren wir oft
ausgelassen wie zwei kleine Knaben. Einmal lagen wir auf warmer Mittagsrast
in einem waldigen Tal, warfen uns mit Tannenzapfen und sangen Verse aus der
frommen Helene auf gefühlvolle Melodieen. Der rasche klare Bach plätscherte
uns so lange kühl verlockend ins Ohr, bis wir uns entkleideten und uns ins
kalte Wasser legten. Da kam er auf die Idee Komödie zu spielen. Er setzte
sich auf einen moosigen Felsen und war die Lorelei, und ich segelte unten
als Schiffer im kleinen Schiffe vorüber. Dabei sah er so jungferlich
schamhaft aus und schnitt solche Grimassen, daß ich, der ich das wilde Weh
hätte markieren sollen, mich vor Lachen kaum halten konnte. Plötzlich
wurden Stimmen laut, eine Touristengesellschaft erschien auf dem Fußweg und
wir mußten uns in unsrer Blöße eiligst unter dem ausgewaschenen,
überhängenden Ufer verbergen. Als die ahnungslose Gesellschaft an uns
vorüberschritt, stieß Richard allerlei seltsame Töne aus, grunzte,
quietschte und fauchte. Die Leute stutzten, schauten um sich, stierten ins
Wasser und waren nahe daran uns zu entdecken. Da tauchte mein Freund mit
halbem Leibe aus seinem Schlupfwinkel auf, blickte die indignierte
Gesellschaft an und sprach mit tiefer Stimme und priesterlicher Geberde:
»Ziehet hin in Frieden!« Sogleich verschwand er wieder, zwickte mich in den
Arm und sagte: »Auch das war eine Charade.«
»Was für eine?« fragte ich.
»Pan erschreckt einige Hirten,« lachte er. »Es waren aber leider auch
Frauenzimmer dabei.«
Von meinen geschichtlichen Studien nahm er wenig Notiz. Meine fast
verliebte Vorliebe für den heiligen Franz von Assisi aber teilte er bald,
obschon er gelegentlich auch über ihn Witze machen konnte, die mich
entrüsteten. Wir sahen den seligen Dulder freundlich begeistert und heiter
wie ein liebes großes Kind durch die umbrische Landschaft wandern, seines
Gottes froh und voll demütiger Liebe zu allen Menschen. Wir lasen zusammen
seinen Unsterblichen Sonnengesang und kannten ihn fast auswendig. Einst, da
wir im Dampfboot über den See von einer Spazierfahrt zurückkehrten und der
abendliche Wind das goldige Wasser bewegte, fragte er leise: »Du, wie sagt
hier der Heilige?« Und ich zitierte:
Laudato si, mi Signore, per frate vento e per aere e nubilo et sereno et
onne tempo!
Wenn wir Streit bekamen und uns Schnödigkeiten sagten, warf er mir, immer
halb im Scherz, nach Art der Schuljungen eine solche Menge von drolligen
Übernamen an den Kopf, daß ich bald lachen mußte und dem Ärgernis der
Stachel genommen war. Verhältnismäßig ernst war mein lieber Freund nur,
wenn er seine Lieblingsmusiker hörte oder spielte. Auch dann konnte er sich
unterbrechen, um irgend einen Spaß zu machen. Dennoch war seine Liebe zur
Kunst voll reiner, herzlicher Hingabe und sein Gefühl für das Echte und
Bedeutende schien mir untrüglich.
Wunderbar verstand er die feine, zarte Kunst des Tröstens, des
teilnehmenden Dabeiseins oder des Erheiterns, wenn einer seiner Freunde in
Nöten war. Er konnte mir, wenn er mich übellaunig fand, ganze Mengen
kleiner anekdotischer Geschichten von grotesker Nettigkeit erzählen und
hatte dann etwas Beruhigendes und Erheiterndes im Ton, dem ich selten
widerstand.
Vor mir hatte er ein wenig Respekt, weil ich ernster war als er; noch mehr
imponierte ihm meine Körperkraft. Vor andern renommierte er damit und war
stolz einen Freund zu haben, der ihn einhändig hätte erdrücken können. Er
gab viel auf körperliche Fähigkeiten und Gewandtheit, er lehrte mich
Tennis, ruderte und schwamm mit mir, nahm mich zum Reiten mit und ruhte
nicht, bis ich fast eben so gut Billard spielte wie er selbst. Es war sein
Lieblingsspiel und er betrieb es nicht nur künstlerisch und meisterhaft,
sondern pflegte am Billard auch immer besonders lebhaft, witzig und
fröhlich zu sein. Häufig gab er den drei Bällen die Namen von Leuten unsrer
Bekanntschaft und konstruierte bei jedem Stoß aus Stellung, Annäherung und
Entfernung der Bälle ganze Romane voll von Witzen, Anzüglichkeiten und
karikierenden Vergleichen. Dabei spielte er ruhig, leicht und überaus
elegant und es war eine Lust ihn dabei zu betrachten.
Meine Schriftstellerei schätzte er nicht höher als ich selbst. Einmal sagte
er mir: »Sieh, ich hielt dich immer für einen Dichter und halte dich noch
dafür, aber nicht deiner Feuilletons wegen, sondern weil ich fühle daß du
etwas Schönes und Tiefes in dir leben hast, das früher oder später einmal
hervorbrechen wird. Und das wird dann eine wirkliche Dichtung sein.«
Indessen glitten uns die Semester wie kleine Münze durch die Finger und die
Zeit kam unverhofft, da Richard an die Rückkehr nach seiner Heimat denken
mußte. Mit einer etwas künstlichen Ausgelassenheit genossen wir die
schwindenden Wochen und kamen am Ende überein, daß vor dem bitteren
Abschied noch irgend eine glänzende und festliche Unternehmung diese
schönen Jahre heiter und verheißungsvoll beschließen sollte. Ich schlug
eine Ferientour in die Berner Alpen vor, doch war es freilich noch
Vorfrühling und für die Berge eigentlich viel zu früh. Während ich mir den
Kopf nach anderen Vorschlägen zerbrach, schrieb Richard seinem Vater und
bereitete mir in der Stille eine große und freudige Überraschung vor. Eines
Tages kam er mit einem stattlichen Wechsel angerückt und lud mich ein, ihn
als Führer nach Oberitalien zu begleiten.
Mir schlug bang und frohlockend das Herz. Ein seit Knabenzeiten gehegter,
tausendmal durchgeträumter, sehnlicher Lieblingswunsch sollte sich mir
erfüllen. Wie im Fieber besorgte ich meine kleinen Vorbereitungen, brachte
meinem Freund noch ein paar Worte Italienisch bei und fürchtete bis zum
letzten Tag, es möchte doch nichts daraus werden.
Unser Gepäck war vorausgeschickt, wir saßen im Wagen, die grünen Felder und
Hügel flirrten vorüber, der Urnersee und der Gotthard kam, dann die
Bergnester und Bäche und Geröllhalden und Schneegipfel des Tessin, und dann
die ersten schwärzlichen Steinhäuser in ebenen Weinbergen und die
erwartungsvolle Fahrt an den Seen hin und durch die fruchtbare Lombardei
dem lärmend lebhaften, sonderbar anziehenden und abstoßenden Mailand
entgegen.
Richard hatte sich vom Milaneser Dom nie eine Vorstellung gemacht, sondern
von ihm nur als von einem berühmten großen Bauwerk gewußt. Es war
ergötzlich, seine entrüstete Enttäuschung zu sehen. Als er den ersten
Schreck überwunden und seinen Humor wiedergefunden hatte, schlug er selber
vor, das Dach zu besteigen und sich in dem tollen Wirrsal von Steinfiguren
dort oben umherzutreiben. Wir stellten mit einiger Befriedigung fest, daß
es um die Hunderte von unseligen Heiligenstatuen auf den Fialen nicht so
sehr schade sei, denn sie erwiesen sich zumeist, wenigstens sämtliche
neuern, als Fabrikarbeit gewöhnlicher Art. Wir lagen fast zwei Stunden auf
den breiten, schrägen Marmorplatten, die ein sonniger Apriltag leise
durchglüht hatte. Behaglich gestand mir Richard: »Weißt du, im Grunde hab'
ich nichts dagegen, noch mehr solche Enttäuschungen zu erleben wie mit dem
verrückten Dom da. Auf der ganzen Reise hatte ich eine kleine Angst vor
alle den Großartigkeiten, die wir sehen und die uns erdrücken würden. Und
nun fängt die Sache so freundlich und menschlich-lächerlich an!« Dann
reizte ihn das wirre steinerne Figurenvolk, in dessen Mitte wir lagerten,
zu allerlei barocken Phantasieen.
»Vermutlich,« sagte er, »wird dort auf dem Chorturm, als der höchsten
Spitze, wohl auch der höchste und vornehmste Heilige stehen. Da es nun
keineswegs ein Vergnügen sein muß, ewig als steinerner Seiltänzer auf
diesen spitzen Türmchen zu balancieren, ist es billig, daß von Zeit zu Zeit
der oberste Heilige erlöst und in den Himmel entrückt wird. Nun denke dir,
was das jedesmal für ein Spektakel absetzt! Denn natürlich rücken nun
sämtliche übrige Heilige genau nach der Rangordnung je um einen Platz vor
und jeder muß mit einem großen Satz auf die Fiale des Vorgängers hüpfen,
jeder in großer Eile und jeder jaloux auf alle, die noch vor ihm kommen.«
So oft ich seither durch Mailand kam, fiel jener Nachmittag mir wieder ein
und ich sah mit wehmütigem Lachen die hunderte von Marmorheiligen ihre
kühnen Sprünge tun.
In Genua ward ich um eine große Liebe reicher. Es war ein heller, windiger
Tag, kurz nach der Mittagsstunde. Ich hatte die Arme auf eine breite
Mauerbrüstung gestützt, hinter mir lag das farbige Genua, und unter mir
schwoll und lebte die große blaue Flut. Das Meer. Mit dunklem Tosen und
unverstandenem Verlangen warf sich mir das Ewige und Unwandelbare entgegen
und ich fühlte, daß etwas in mir sich mit dieser blauen, schäumigen Flut
für Leben und Tod befreundete.
Ebenso mächtig ergriff mich der weite Meerhorizont. Wieder sah ich wie in
Kinderzeiten die duftblaue Ferne wie ein geöffnetes Tor auf mich warten.
Und wieder faßte mich das Gefühl, ich sei nicht zum stetig heimischen Leben
unter Menschen und in Städten und Wohnungen, sondern zum Schweifen durch
fremde Gebiete und zu Irrfahrten auf Meeren geboren. Mit dunklem Trieb
stieg das alte, traurigmachende Verlangen in mir empor, mich an Gottes
Brust zu werfen und mein kleines Leben mit dem Unendlichen und Zeitlosen zu
verbrüdern.
Bei Rapallo rang ich schwimmend zum erstenmal mit der Flut, schmeckte das
herbe Salzwasser und fühlte die Gewalt der Wogen. Ringsum blaue, klare
Wellen, braungelbe Strandfelsen, tiefer stiller Himmel und das ewige, große
Rauschen. Stets von neuem ergriff mich der Anblick der ferne gleitenden
Schiffe, schwarzer Masten und blanker Segel oder die kleine Rauchfahne
eines entfernt dahinfahrenden Dampfers. Nächst meinen Lieblingen, den
rastlosen Wolken, weiß ich kein schöneres und ernsteres Bild der Sehnsucht
und des Wanderns als solch ein Schiff, das in großer Ferne fährt, kleiner
wird und in den geöffneten Horizont hinein verschwindet.
Und wir kamen nach Florenz. Die Stadt lag da wie ich sie aus hundert
Bildern und tausend Träumen kannte -- licht, geräumig, gastlich, vom
grünen, überbrückten Strom durchzogen und von klaren Hügeln umgürtet. Der
kecke Turm des palazzo vecchio stach kühn in den lichten Himmel, in seiner
Höhe lag weiß und warmsonnig das schöne Fiesole und alle Hügel standen weiß
und rosenrot im Flor der Obstblüte. Das beweglich freudige, harmlose
toskanische Leben ging mir wie ein Wunder auf und ich war bald heimischer
als ich je zu Hause gewesen war. Die Tage wurden in Kirchen, auf Plätzen,
in Gassen, Loggien und Märkten verbummelt, die Abende in Hügelgärten
verträumt, wo schon die Limonen reiften, oder in kleinen naiven
Chiantischenken vertrunken und verplaudert. Dazwischen die beglückend
reichen Stunden in den Bildersälen und im Bargello, in Klöstern,
Bibliotheken und Sakristeien, die Nachmittage in Fiesole, San Miniato,
Settignano, Prato.
Nach einer schon zu Hause getroffenen Verabredung ließ ich nun Richard für
eine Woche allein und genoß die edelste und köstlichste Wanderung meiner
Jugendzeit, durch das reiche, grüne umbrische Hügelland. Ich ging die
Straßen des heiligen Franz und fühlte ihn in manchen Stunden neben mir
wandern, das Gemüt voll unergründlicher Liebe, jeden Vogel und jede Quelle
und jeden Hagrosenstrauch mit Dankbarkeit und Freude begrüßend. Ich
pflückte und verzehrte Limonen an sonnig glänzenden Hängen, nächtigte in
kleinen Dörfern, sang und dichtete in mich hinein und feierte die Ostern in
Assisi, in der Kirche meines Heiligen.
Mir ist immer, als seien diese acht Wandertage in Umbrien die Krone und das
schöne Abendrot meiner Jugendzeit gewesen. Jeden Tag sprangen Quellen in
mir auf und ich sah in die lichte, festliche Frühlingslandschaft wie in
Gottes gütige Augen.
In Umbrien war ich Franz, dem »Spielmann Gottes«, verehrend nachgegangen;
in Florenz genoß ich die beständige Vorstellung vom Leben des Quattrocento.
Ich hatte ja schon zu Hause Satiren auf die Formen unsres heutigen Lebens
geschrieben. In Florenz aber fühlte ich zum erstenmal die ganze schäbige
Lächerlichkeit der modernen Kultur. Dort überfiel mich zuerst die Ahnung,
daß ich in unsrer Gesellschaft ewig ein Fremdling sein würde, und dort
erwachte zuerst der Wunsch in mir, mein Leben außerhalb dieser Gesellschaft
und womöglich im Süden weiter zu führen. Hier konnte ich mit den Menschen
verkehren, hier erfreute mich auf Schritt und Tritt eine freimütige
Natürlichkeit des Lebens, über welcher adelnd und verfeinernd die Tradition
einer klassischen Kultur und Geschichte lag.
Glänzend und beglückend rannen uns die schönen Wochen hin; auch Richard
hatte ich nie so schwärmerisch entzückt gesehen. Übermütig und freudig
leerten wir die Becher der Schönheit und des Genusses. Wir erwanderten
abseitige, heiß gelegene Hügeldörfer, befreundeten uns mit Gastwirten,
Mönchen, Landmädchen und kleinen zufriedenen Dorfpfarrern, belauschten
naive Ständchen, fütterten bräunliche, hübsche Kinder mit Brot und Obst und
sahen von sonnigen Berghöhen Toskana im Glanz des Frühlings und fern das
schimmernde ligurische Meer liegen. Und wir hatten beide das kräftige
Gefühl, unseres Glückes würdig einem reichen, neuen Leben entgegen zu
gehen. Arbeit, Kampf, Genuß und Ruhm lagen so nah und glänzend und sicher
vor uns, daß wir ohne Hast uns der glücklichen Tagen freuten. Auch die nahe
Trennung schien leicht und vorübergehend, denn wir wußten fester als je,
daß wir einer dem andern notwendig und einer des andern für's Leben sicher
waren.
* * * * *
Das war die Geschichte meiner Jugend. Es scheint mir, wenn ich es
überdenke, als sei sie kurz wie eine Sommernacht gewesen. Ein wenig Musik,
ein wenig Geist, ein wenig Liebe, ein wenig Eitelkeit -- aber es war schön,
reich und farbig wie ein eleusisches Fest.
Und erlosch schnell und armselig wie ein Licht im Wind.
In Zürich nahm Richard Abschied. Zweimal stieg er wieder aus dem
Eisenbahnwagen, um mich zu küssen, und nickte mir noch, so lange es ging,
vom Fenster aus zärtlich zu.
Zwei Wochen später ertrank er beim Baden in einem lächerlich kleinen
süddeutschen Flüßchen. Ich sah ihn nicht mehr, ich war nicht dabei als er
begraben wurde, ich hörte alles erst ein paar Tage später, als er schon im
Sarge und in der Erde lag. Da lag ich in meinem Stüblein auf den Boden
hingestreckt, fluchte Gott und dem Leben in gemeinen und scheußlichen
Lästerworten, weinte und tobte. Ich hatte bis dahin nie bedacht, daß mein
einziger sicherer Besitz in diesen Jahren meine Freundschaft gewesen war.
Das war nun vorüber.
Es litt mich nicht länger in der Stadt, wo täglich eine Menge von
Erinnerungen sich an mich hängte und mir die Lust raubte. Was nun käme, war
mir einerlei; ich war im Kern der Seele krank und hatte ein Grauen vor
allem Lebendigen. Einstweilen schien die Aussicht gering, daß mein
zerstörtes Wesen sich wieder aufrichte und mit neu gespannten Segeln dem
herberen Glück der Mannesjahre entgegen treibe. Gott hatte gewollt, daß ich
das Beste meines Wesens einer reinen und fröhlichen Freundschaft hingäbe.
Wie zwei rasche Nachen waren wir miteinander vorangestürmt, und Richards
Nachen war der bunte, leichte, glückliche, geliebte, an dem mein Auge hing
und dem ich vertraute, er würde mich zu schönen Zielen mitreißen. Nun war
er mit kurzem Schrei versunken und ich trieb steuerlos auf plötzlich
verdunkelten Wassern umher.
Es wäre an mir gewesen, die harte Probe zu bestehen, mich nach den Sternen
zu richten und auf neuer Fahrt um den Kranz des Lebens zu kämpfen und zu
irren. Ich hatte an die Freundschaft, an die Frauenliebe, an die Jugend
geglaubt. Nun sie eine um die andere mich verlassen hatten, warum glaubte
ich nicht an Gott und gab mich in seine stärkere Hand? Aber ich war
zeitlebens zag und trotzig wie ein Kind und wartete immer auf das
eigentliche Leben, daß es im Sturme über mich käme, mich verständig und
reich machte und auf großen Flügeln einem reifen Glück entgegen trüge.
Das weise und sparsame Leben aber schwieg und ließ mich treiben. Es
schickte mir weder Stürme noch Sterne, sondern wartete, bis ich wieder
klein und geduldig und mein Trotz gebrochen wäre. Es ließ mich meine
Komödie des Stolzes und Besserwissens spielen, sah daran vorbei und
wartete, bis das verlaufene Kind die Mutter wieder finden würde.