Aus der nüchternen und drückenden Luft der Heimat herausgekommen, tat ich
große Flügelschläge der Wonne und Freiheit. Wenn ich sonst im Leben je und
je zu kurz gekommen bin, so habe ich doch die absonderliche, schwärmerische
Lust der Jugendzeit reich und rein genossen. Gleich einem jungen Krieger,
der am blühenden Waldrand rastet, lebte ich in seliger Unruhe zwischen
Kampf und Getändel; und wie ein ahnungsvoller Seher stand ich an dunkeln
Abgründen, dem Brausen großer Ströme und Stürme lauschend und die Seele
gerüstet den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens zu
vernehmen. Tief und beglückt trank ich aus den vollen Bechern der Jugend,
litt in der Stille süße Leiden um schöne, scheu verehrte Frauen und kostete
das edelste Jugendglück einer männlich frohen, reinen Freundschaft bis zum
Grunde.
In einem neuen Bukskinanzug und mit einer kleinen Kiste voll Bücher und
sonstiger Habe kam ich angefahren, bereit mir ein Stück Welt zu erobern und
so bald als möglich den Rauhbeinen daheim zu beweisen, daß ich aus einem
anderen Holze als die übrigen Camenzinde geschnitten sei. Drei wundervolle
Jahre wohnte ich in derselben weithinblickenden, windigen Mansarde, lernte,
dichtete, sehnte mich und fühlte alle Schönheit der Erde mich mit warmer
Nähe umgeben. Nicht jeden Tag hatte ich etwas Warmes zu essen, aber jeden
Tag und jede Nacht und jede Stunde sang und lachte und weinte mir das Herz,
einer starken Freude voll, und hielt das liebe Leben heiß und sehnlich an
sich gedrückt.
Zürich war die erste große Stadt, die ich grüner Peter zu sehen bekam, und
ein paar Wochen lang machte ich beständig große Augen. Das städtische Leben
aufrichtig zu bewundern oder zu beneiden, fiel mir zwar nicht ein -- darin
war ich eben ein Bauer; aber ich hatte Freude an dem Vielerlei der Straßen,
Häuser und Menschen. Ich beschaute die von Wagen belebten Gassen, die
Schifflände, Plätze, Gärten, Prunkbauten und Kirchen; ich sah fleißige
Leute in Scharen zur Arbeit laufen, sah Studenten bummeln, Vornehme
ausfahren, Gecken sich brüsten, Fremde umherschlendern. Die modisch
eleganten, hoffärtigen Weiber der Reichen kamen mir wie Pfauen im
Hühnerhofe vor, hübsch, stolz und ein wenig lächerlich. Schüchtern war ich
eigentlich nicht, nur steif und trotzig, und ich zweifelte nicht, daß ich
ganz der Kerl dazu sei, dies rege Leben der Städte gründlich kennen zu
lernen und später selber einmal meinen sicheren Platz darin zu finden.
Die Jugend traf mich an in der Gestalt eines schönen, jungen Menschen, der
in derselben Stadt studierte und im ersten Stockwerk meines Hauses zwei
hübsche Zimmer gemietet hatte. Jeden Tag hörte ich ihn unten Klavier
spielen und spürte dabei zum erstenmal etwas vom Zauber der Musik, der
weiblichsten und süßesten Kunst. Dann sah ich den hübschen Jungen das Haus
verlassen, ein Buch oder Notenheft in der Linken, in der Rechten die
Cigarette, deren Rauch hinter seinem biegsam schlanken Gang verwirbelte.
Mich zog eine scheue Liebe zu ihm hin, doch blieb ich abgesondert und
fürchtete mich mit einem Menschen Umgang zu haben, neben dessen leichtem,
freiem und wohlhabendem Wesen meine Armut und mein Mangel an Lebensart mich
nur demütigen würde. Da kam er selber zu mir. Eines Abends klopfte es an
meiner Tür und ich erschrak ein wenig; denn ich hatte noch nie Besuch bei
mir gesehen. Der schöne Student trat ein, gab mir die Hand, nannte seinen
Namen und tat so frei und fröhlich, als wären wir alte Bekannte.
»Ich wollte fragen ob Sie nicht Lust hätten ein wenig mit mir zu
musizieren,« sagte er freundlich. Aber ich hatte in meinem Leben nie ein
Instrument berührt. Ich sagte ihm das und fügte hinzu, daß ich außer Jodeln
keinerlei Künste verstehe, doch habe mir sein Klavierspiel oft schön und
verlockend heraufgeklungen.
»Wie man sich täuschen kann!« rief er lustig. »Ihrem Äußeren nach hätte ich
geschworen, Sie seien Musiker. Merkwürdig! Aber Sie können jodeln? O bitte,
jodeln Sie doch einmal! Ich höre es ums Leben gern.«
Ich war ganz bestürzt und erklärte ihm, daß ich so auf Verlangen und in der
Stube drin durchaus nicht jodeln könne. Das müsse auf einem Berge oder
mindestens im Freien und ganz aus eigener Lust geschehen.
»Dann jodeln Sie also auf einem Berge! Vielleicht morgen? Ich bitte Sie
sehr darum. Wir könnten etwa gegen Abend miteinander ausfliegen. Wir
bummeln und plaudern ein wenig, droben jodeln Sie dann, und nachher essen
wir in irgend einem Dorf zu Nacht. Sie haben doch Zeit?«
O ja, Zeit genug. Ich sagte eilig zu. Und dann bat ich ihn, mir etwas
vorzuspielen, und stieg mit ihm in seine schöne, große Wohnung hinunter.
Ein paar modern eingerahmte Bilder, das Klavier, eine gewisse zierliche
Unordnung und ein feiner Cigarettenduft erzeugten in dem hübschen Raum eine
Art von freier und behaglicher Eleganz und wohnlicher Stimmung, die mir
ganz neu war. Richard setzte sich ans Klavier und spielte ein paar Takte.
»Sie kennen das, nicht wahr?« nickte er herüber und sah prachtvoll aus, wie
er so vom Spielen weg den hübschen Kopf herüberbog und mich glänzend ansah.
»Nein,« sagte ich, »ich kenne nichts.«
»Es ist Wagner,« rief er zurück, »aus den Meistersingern,« und spielte
weiter. Es klang leicht und kräftig, sehnsüchtig und heiter, und umfloß
mich wie ein laues, erregendes Bad. Zugleich betrachtete ich mit heimlicher
Lust den schlanken Nacken und Rücken des Spielers und seine weißen
Musikerhände, und dabei überlief mich dasselbe scheue und bewundernde
Gefühl von Zärtlichkeit und Achtung, mit dem ich früher jenen
dunkelhaarigen Schüler betrachtet hatte, zusammen mit der schüchternen
Ahnung, dieser schöne vornehme Mensch würde vielleicht wirklich mein Freund
werden und meine alten, nicht vergessenen Wünsche nach einer solchen
Freundschaft wahr machen.
Tags darauf holte ich ihn ab. Langsam und plaudernd erstiegen wir einen
mäßigen Hügel, überschauten Stadt, See und Gärten und genossen die satte
Schönheit des Vorabends.
»Und nun jodeln Sie!« rief Richard. »Wenn Sie sich immer noch genieren, so
drehen Sie mir den Rücken zu. Aber bitte, laut!«
Er konnte zufrieden sein. Ich jodelte wütend und frohlockend in die rosige
Abendweite hinein, in allen Tonarten und Brechungen. Als ich aufhörte,
wollte er etwas sagen, hielt aber sogleich wieder inne und deutete horchend
gegen die Berge. Von einer fernen Höhe her kam Antwort, leise, langgezogen
und schwellend, der Gruß eines Hirten oder Wanderers, und wir hörten still
und freudig zu. Während dieses gemeinsamen Stehens und Lauschens überrann
mich mit köstlichem Schauer die Empfindung, zum erstenmal neben einem
Freunde zu stehen und so zu zweien in schöne, rosig verwölkte Lebensweiten
zu blicken. Der abendliche See begann sein weiches Farbenspiel und kurz vor
Sonnenuntergang sah ich aus zerfließendem Gedünste ein paar trotzige, frech
gezackte Alpengipfel hervortreten.
»Dort ist meine Heimat,« sagte ich. »Die mittlere Schroffe ist die rote
Fluh, rechts das Geishorn, links und weiter entfernt der runde
Sennalpstock. Ich war zehn Jahr und drei Wochen alt, als ich zum erstenmal
auf dieser breiten Kuppe stand.«
Ich strengte die Augen an, um etwa noch einen der südlicheren Gipfel zu
erspähen. Nach einer Weile sagte Richard etwas, das ich nicht verstand.
»Was sagten Sie?« fragte ich.
»Ich sage, daß ich nun weiß, welche Kunst Sie treiben.«
»Welche denn?«
»Sie sind Dichter.«
Da wurde ich rot und ärgerlich und war zugleich erstaunt, wie er das
erraten habe.
»Nein,« rief ich, »ein Dichter bin ich nicht. Ich habe zwar auf der Schule
Verse gemacht, aber nun schon lang keine mehr.«
»Darf ich die einmal sehen?«
»Sie sind verbrannt. Aber Sie dürften sie doch nicht sehen, auch wenn ich
sie noch hätte.«
»Es waren gewiß sehr moderne Sachen, mit viel Nietzsche drin?«
»Was ist das?«
»Nietzsche? Ja großer Gott, kennen Sie den nicht?«
»Nein. Woher soll ich ihn kennen?«
Nun war er entzückt, daß ich Nietzsche nicht kannte. Ich aber wurde
ärgerlich und fragte, über wieviel Gletscher er schon gegangen sei. Als er
sagte über keinen, tat ich darüber ebenso spöttisch erstaunt wie er vorher
über mich. Da legte er mir die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst: »Sie
sind empfindlich. Aber Sie wissen ja selber gar nicht, was für ein
beneidenswert unverdorbener Mensch Sie sind und wie wenig solche es gibt.
Sehen Sie, in einem Jahr oder zwei werden Sie Nietzsche und all den Kram ja
auch kennen, viel besser als ich, da Sie gründlicher und gescheiter sind.
Aber gerade so, wie Sie jetzt sind, hab ich Sie gern. Sie kennen Nietzsche
nicht und Wagner nicht, aber Sie sind viel auf Schneebergen gewesen und
haben so ein tüchtiges Oberländergesicht. Und ganz gewiß sind Sie auch ein
Dichter. Ich kann das am Blick und an der Stirn sehen.«
Auch das, daß er so freimütig und ungeniert mich betrachtete und seine
Meinung herausplauderte, erstaunte mich und kam mir ungewöhnlich vor.
Noch viel erstaunter und glücklicher war ich aber, als er acht Tage später
in einem vielbesuchten Biergarten Brüderschaft mit mir schloß, vor allen
Leuten aufsprang, mich küßte und umfaßte und mit mir wie verrückt um den
Tisch herum tanzte.
»Was werden die Leute denken!« warnte ich ihn schüchtern.
»Sie werden denken: die zwei sind außerordentlich glücklich oder ganz
außerordentlich besoffen; die meisten aber werden gar nichts denken.«
Überhaupt schien Richard mir oft, obwohl er älter, klüger, besser erzogen
und in allem beschlagener und raffinierter war als ich, doch im Vergleich
mit mir das reine Kind zu sein. Auf der Straße machte er halbwüchsigen
Schulmädchen feierlich-spöttisch den Hof, die ernsthaftesten Klavierstücke
unterbrach er unerwartet mit völlig kindischen Witzen, und als wir einmal
Spaßes halber in eine Kirche gegangen waren, sagte er plötzlich mitten
während der Predigt nachdenklich und wichtig zu mir: »Du, findest du nicht,
der Pfarrer sieht aus wie ein Kaninchengreis?« Der Vergleich traf zu, ich
fand aber, er hätte mir das auch nachher mitteilen können, und sagte ihm
das.
»Wenn es doch richtig war!« schmollte er. »Bis nachher hätte ich es
wahrscheinlich wieder vergessen.«
Daß seine Witze keineswegs immer geistreich waren, häufig sogar nur auf das
Citieren eines Buschverses hinausliefen, störte weder mich noch andere,
denn was wir an ihm liebten und bewunderten, war nicht Witz und Geist,
sondern die unbezwingliche Heiterkeit seines lichten, kindlichen Wesens,
welche jeden Augenblick hervorbrach und ihn mit einer leichten, fröhlichen
Atmosphäre umgab. Sie konnte sich in einer Geberde, in einem leisen Lachen,
in einem fidelen Blicke äußern, aber lange sich verbergen konnte sie nicht.
Ich bin überzeugt, daß er auch im Schlaf zuweilen lachen oder eine Geste
der Heiterkeit machen mußte.
Richard brachte mich häufig mit andern jungen Leuten zusammen, Studenten,
Musikanten, Malern, Literaten, allerlei Ausländern, denn was an
interessanten, kunstliebenden und aparten Personen in der Stadt herumlief,
geriet in seinen Umgang. Es waren manche ernste und heftig ringende Geister
dabei, Philosophen, Ästhetiker und Sozialisten, und von vielen konnte ich
ein gutes Stück lernen. Kenntnisse aus den verschiedensten Gebieten flogen
mir stückweise an, ich ergänzte und las viel nebenher, und so gewann ich
allmählich eine gewisse Vorstellung von dem, was die regsamsten Köpfe der
Zeit plagte und bannte, und bekam einen wohltätig anspornenden Einblick in
die geistige Internationale. Ihre Wünsche, Ahnungen, Arbeiten und Ideale
waren mir anziehend und verständlich, ohne daß ein starker eigener Trieb
mich genötigt hätte, für oder wider mitzustreiten. Bei den meisten fand ich
alle Energie des Gedankens und der Leidenschaft auf Zustände und
Einrichtungen der Gesellschaft, des Staates, der Wissenschaften, der
Künste, der Lehrmethoden gerichtet, die wenigsten aber schienen mir das
Bedürfnis zu kennen, ohne äußeren Zweck an sich selber zu bauen und ihr
persönliches Verhältnis zur Zeit und Ewigkeit zu klären. Auch in mir selber
lag dieser Trieb noch zumeist im Halbschlummer.
Freundschaften schloß ich keine mehr, da ich Richard ausschließlich und mit
Eifersucht liebte. Auch den Frauen, mit denen er viel und vertraut umging,
suchte ich ihn zu entziehen. Die kleinsten mit ihm getroffenen
Verabredungen hielt ich peinlich genau und war empfindlich, wenn er mich
warten ließ. Einmal bat er mich, ihn zu einer bestimmten Stunde zum Rudern
abzuholen. Ich kam, fand ihn aber nicht zuhause und wartete drei Stunden
vergebens auf sein Kommen. Tags darauf warf ich ihm seine Nachlässigkeit
heftig vor.
»Warum bist du denn nicht einfach allein rudern gegangen?« lachte er
verwundert. »Ich hatte die Sache ganz vergessen; das ist doch schließlich
kein Unglück.«
»Ich bin gewohnt mein Wort pünktlich zu halten,« antwortete ich heftig.
»Aber freilich bin ich auch daran gewöhnt, daß du dir wenig daraus machst,
mich irgendwo auf dich warten zu wissen. Wenn man so viele Freunde hat wie
du!«
Er sah mich mit maßlosem Erstaunen an.
»Ja, so ernst nimmst du jede Bagatelle?«
»Meine Freundschaft ist mir keine Bagatelle.«
»Dies Wort drang ihm in die Natur,
So daß er schleunigst Bessrung schwur,«
zitierte Richard feierlich, faßte mich um den Kopf, rieb nach
orientalischem Liebesbrauch seine Nasenspitze an der meinen und liebkoste
mich, bis ich ärgerlich lachend mich ihm entzog; die Freundschaft aber war
wieder heil.
In meiner Mansarde lagen in entlehnten, oft kostbaren Bänden die modernen
Philosophen, Dichter und Kritiker, literarische Revuen aus Deutschland und
Frankreich, neue Theaterstücke, Pariser Feuilletons und Wiener
Modeästheten. Ernster und liebevoller als mit diesen rasch gelesenen Sachen
beschäftigte ich mich mit meinen altitalienischen Novellisten und mit
historischen Studien. Mein Wunsch war, baldmöglichst die Philologie
beiseite zu legen und einzig Geschichte zu studieren. Neben Werken über
Gesamtgeschichte und historische Methode las ich namentlich Quellen und
Monographieen über die Zeit des Spätmittelalters in Italien und Frankreich.
Dabei lernte ich zum erstenmal meinen Liebling unter den Menschen, Franz
von Assisi, den seligsten und göttlichsten aller Heiligen, genauer kennen.
Und so ward mein Traum, in dem ich die Fülle des Lebens und Geistes vor mir
eröffnet gesehen hatte, täglich wahr und erwärmte mir das Herz mit Ehrgeiz,
Freude und Jugendeitelkeit. Im Hörsaal nahm mich die ernste, etwas herbe
und gelegentlich etwas langweilige Wissenschaft in Anspruch. Zuhause kehrte
ich bei den heimelig frommen oder schauerlichen Geschichten des
Mittelalters oder bei den behaglichen alten Novellisten ein, deren schöne
und wohlige Welt mich wie ein schattiger, dämmernder Märchenwinkel
umschloß, oder ich fühlte die wilde Woge moderner Ideale und Leidenschaften
über mich weg rollen. Dazwischen hörte ich Musik, lachte mit Richard, nahm
an den Zusammenkünften seiner Freunde Teil, verkehrte mit Franzosen,
Deutschen, Russen, hörte sonderbare moderne Bücher vorlesen, trat da und
dort in die Ateliers der Maler oder wohnte Abendgesellschaften bei, in
denen eine Menge aufgeregter und unklarer junger Geister erschien und mich
wie ein phantastischer Karneval umgab.
Eines Sonntags besuchte Richard mit mir eine kleine Ausstellung neuer
Gemälde. Mein Freund blieb vor einem Bilde stehen, das eine Alp mit ein
paar Ziegen vorstellte. Es war fleißig und nett gemalt, aber ein wenig
altmodisch und eigentlich ohne rechten künstlerischen Kern. Man sieht in
jedem beliebigen Salon genug solche hübsche, wenig bedeutende Bildchen.
Immerhin erfreute es mich als eine ziemlich treue Darstellung der
heimatlichen Almen. Ich fragte Richard, was ihn denn an dem Bildchen
anziehe.
»Das hier,« sagte er und deutete auf den Malernamen in der Ecke. Ich konnte
die rotbraunen Buchstaben nicht entziffern. »Das Bild,« sagte Richard, »ist
keine große Leistung. Es gibt schönere. Aber es gibt keine schönere Malerin
als die, die das gemacht hat. Sie heißt Erminia Aglietti und wenn du
willst, können wir morgen zu ihr gehen und ihr sagen, sie sei eine große
Malerin.«
»Kennst du sie?«
»Jawohl. Wenn ihre Bilder so schön wären wie sie selber, dann wäre sie
schon lange reich und würde keine mehr malen. Sie tut es nämlich ohne Lust
und nur, weil sie zufällig nichts anderes gelernt hat, wovon sie leben
könnte.«
Richard vergaß die Sache wieder und kam erst ein paar Wochen später darauf
zurück.
»Ich bin gestern der Aglietti begegnet. Wir wollten sie ja eigentlich
neulich schon besuchen. Also komm! Du hast doch einen reinen Kragen? Sie
sieht nämlich darauf.«
Der Kragen war rein und wir gingen zusammen zur Aglietti, ich mit einigem
inneren Widerstreben, denn der freie, etwas burschikose Verkehr Richards
und seiner Kameraden mit Malweibern und Studentinnen hatte mir nie
gefallen. Die Männer waren dabei ziemlich rücksichtslos, bald grob, bald
ironisch; die Mädchen aber waren praktisch, klug und gerissen und nirgends
war etwas von dem verklärenden Duft zu merken, in welchem ich die Frauen
gerne sah und verehrte.
Etwas befangen trat ich in das Atelier. Mit der Luft der Malerwerkstätten
war ich zwar wohl vertraut, doch betrat ich jetzt zum erstenmal ein
Frauenatelier. Es sah recht nüchtern und sehr ordentlich aus. Drei oder
vier fertige Bilder hingen in Rahmen, eines stand noch kaum ganz untermalt
auf der Staffelei. Den Rest der Wände bedeckten sehr saubere, appetitlich
aussehende Bleistiftskizzen und ein halbleerer Bücherschrank. Die Malerin
nahm unsre Begrüßung kühl entgegen. Sie legte den Pinsel weg und lehnte
sich im Malschurz gegen den Schrank und es sah aus, als verlöre sie nicht
gerne viel Zeit an uns.
Richard machte ihr ungeheuerliche Komplimente über das ausgestellte Bild.
Sie lachte ihn aus und verbat es sich.
»Aber Fräulein, ich konnte ja im Sinn haben das Bild zu kaufen! Übrigens
sind die Kühe darauf von einer Wahrheit --«
»Es sind ja Ziegen,« sagte sie ruhig.
»Ziegen? Natürlich Ziegen! Von einem Studium, wollte ich sagen, das mich
verblüfft hat. Es sind Ziegen, wie sie leben, so recht ziegenmäßig. Fragen
Sie meinen Freund Camenzind, der selbst ein Sohn der Berge ist; er wird mir
Recht geben.«
Hier fühlte ich, während ich verlegen und belustigt dem Geschwätz zuhörte,
mich vom Blick der Malerin überflogen und gemustert. Sie sah mich lange und
unbefangen an.
»Sie sind Oberländer?«
»Ja, Fräulein.«
»Man sieht es. Nun, und was halten Sie von meinen Ziegen?«
»O, sie sind gewiß sehr gut. Wenigstens hab' ich sie nicht für Kühe
gehalten wie Richard.«
»Sehr gütig. Sie sind Musiker?«
»Nein, Student.«
Weiter sprach sie kein Wort mit mir und ich fand nun Ruhe, sie zu
betrachten. Die Gestalt war durch den langen Schurz verdeckt und entstellt,
und das Gesicht erschien mir nicht schön. Der Schnitt war scharf und knapp,
die Augen ein wenig streng, das Haar reich, schwarz und weich; was mich
störte und fast abstieß, war die Farbe des Gesichts. Sie erinnerte mich
schlechterdings an Gorgonzola und ich wäre nicht erstaunt gewesen, grüne
Ritzen darin zu finden. Ich hatte noch nie diese welsche Blässe gesehen und
jetzt, im ungünstigen morgendlichen Atelierlicht, sah sie erschreckend
steinern aus -- nicht wie Marmor, sondern wie ein verwitternder, sehr
gebleichter Stein. Ich war auch nicht gewohnt, ein Frauengesicht auf seine
Formen zu prüfen, sondern pflegte in solchen noch in etwas knabenhafter
Weise mehr nach Schmelz, nach Rosigem, nach Liebreiz zu suchen.
Auch Richard war vom heutigen Besuch verstimmt. Desto mehr war ich erstaunt
oder eigentlich erschrocken, als er mir nach einiger Zeit mitteilte, die
Aglietti wäre froh mich zeichnen zu dürfen. Es handle sich nur um ein paar
Skizzen, das Gesicht brauche sie nicht, aber meine breite Figur habe etwas
Typisches.
Ehe weiter hiervon die Rede war, kam ein anderes kleines Ereignis, das mein
ganzes Leben geändert und für Jahre meine Zukunft bestimmt hat. Eines
Morgens, da ich erwachte, war ich Schriftsteller geworden.
Auf das Drängen Richards hatte ich, rein als Stilübungen, gelegentlich
Typen aus unsrem Kreis, kleine Erlebnisse, Gespräche und anderes
skizzenhaft und möglichst treu dargestellt, auch einige Essays über
Literarisches und Historisches geschrieben.
Eines Morgens nun, ich lag noch im Bette, trat Richard bei mir ein und
legte fünfunddreißig Franken auf meine Bettdecke. »Das gehört dir,« sagte
er im Geschäftston. Endlich, als ich im Fragen alle Vermutungen erschöpft
hatte, zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte mir darin eine
meiner kleinen Novellen abgedruckt. Er hatte mehrere meiner Manuskripte
abgeschrieben, einem ihm befreundeten Redakteur gebracht und in aller
Stille für mich verkauft. Das erste, was gedruckt war, samt dem Honorar
dafür hielt ich nun in Händen.
Mir war nie so sonderbar zu mut. Eigentlich ärgerte ich mich über Richards
Vorsehungspielen, aber der süße erste Schreiberstolz und das schöne Geld
und der Gedanke an einen etwaigen kleinen Literatenruhm war doch stärker
und überwog schließlich.
In einem Café brachte mich mein Freund mit dem Redakteur zusammen. Er bat,
die ihm von Richard gezeigten anderen Arbeiten behalten zu dürfen und lud
mich ein, ihm je und je neue zu schicken. Es sei ein eigener Ton in meinen
Sachen, besonders in den historischen, deren er gerne mehr bekomme und die
er mir ordentlich bezahlen wolle. Nun sah ich erst die Wichtigkeit der
Sache. Ich würde nicht nur täglich ordentlich essen und meine kleinen
Schulden bezahlen, sondern auch das Zwangsstudium wegwerfen und vielleicht
in Bälde, auf meinem Lieblingsfelde arbeitend, ganz vom eigenen Erwerbe
leben können.
Einstweilen bekam ich von jenem Redakteur einen Stoß neuer Bücher zum
Rezensieren ins Haus geschickt. Ich fraß mich durch und hatte wochenlang
damit zu tun; da aber die Honorare erst zu Ende des Quartals fällig waren
und ich in Aussicht auf dieselben besser als sonst gelebt hatte, sah ich
mich eines Tages der letzten Rappen ledig und konnte wieder einmal eine
Hungerkur antreten. Ein paar Tage hielt ich bei Brot und Kaffee in meiner
Bude aus, dann trieb mich der Hunger in eine Speisehalle. Ich nahm drei von
den Rezensionsbänden mit, um sie als Pfand für die Zeche dortzulassen. Beim
Antiquar hatte ich sie schon vergeblich anzubringen versucht. Das Essen war
vorzüglich, beim schwarzen Kaffee aber ward mir etwas ängstlich ums Herz.
Zaghaft gestand ich der Kellnerin, ich hätte kein Geld, wolle aber die
Bücher als Pfand dalassen. Sie nahm eines davon, einen Band Gedichte, in
die Hand, blätterte neugierig darin herum und fragte, ob sie das lesen
dürfe. Sie lese so gern, könne aber nie zu Büchern kommen. Ich fühlte, daß
ich gerettet sei und schlug ihr vor, die drei Bändchen an Zahlungsstatt für
das Essen zu behalten. Sie ging darauf ein und hat mir nach und nach für
siebzehn Franken Bücher auf diese Weise abgenommen. Für kleinere
Gedichtbände beanspruchte ich etwa einen Käse mit Brot, für Romane dasselbe
mit Wein, einzelne Novellen galten nur eine Tasse Kaffee mit Brot. Soweit
ich mich erinnere, waren es meist geringe Sachen in krampfhaft neumodischem
Stil und das gutmütige Mädchen mag von der modernen deutschen Literatur
einen sonderbaren Eindruck erhalten haben. Ich erinnere mich mit Vergnügen
an jene Vormittage, da ich im Schweiß meines Angesichts schnell noch einen
Band im Galopp zu Ende las und ein paar Zeilen darüber schrieb, um ihn zur
Mittagszeit fertig zu haben und etwas Eßbares dafür erhalten zu können. Vor
Richard suchte ich meine Geldnöte sorgfältig zu verbergen, da ich mich
unnötiger Weise ihrer schämte und seine Hilfe nur ungern und stets nur für
ganz kurze Fristen annehmen mochte.
Für einen Dichter hielt ich mich nicht. Was ich gelegentlich schrieb, war
Feuilleton, nicht Dichtung. Im stillen trug ich aber die geheimgehaltene
Hoffnung, es werde mir eines Tages gegeben werden eine Dichtung zu
schaffen, ein großes, kühnes Lied der Sehnsucht und des Lebens.
Der fröhlich klare Spiegel meiner Seele wurde zuweilen von einer Art von
Schwermut verschattet, doch einstweilen nicht ernstlich gestört. Sie kam
zuweilen für einen Tag oder eine Nacht, als eine träumende, einsiedlerische
Trauer, verschwand wieder spurlos und kehrte nach Wochen oder Monaten
zurück. Ich ward an sie allmählich wie an eine vertraute Freundin gewöhnt
und empfand sie nicht quälend, sondern nur als ein unruhiges Müdesein, das
seine eigene Süßigkeit hatte. Wenn sie mich nachts befiel, lag ich statt zu
schlafen stundenlang im Fenster, sah den schwarzen See, die auf den
bleichen Himmel gezeichneten Silhouetten der Berge und darüber die schönen
Sterne. Dann ergriff mich oft ein ängstlich süßes, starkes Gefühl, als sähe
all diese nächtige Schönheit mich mit einem gerechten Vorwurf an. Als
sehnten sich Sterne, Berge und See nach Einem, der ihre Schönheit und das
Leiden ihres stummen Daseins verstünde und ausspräche, und als wäre ich
dieser Eine und als wäre dies mein wahrer Beruf, der stummen Natur in
Dichtungen Ausdruck zu gewähren. Auf welche Weise das möglich wäre darüber
dachte ich niemals nach, sondern fühlte nur die schöne, ernste Nacht
ungeduldig in stummem Verlangen auf mich warten. Auch schrieb ich nie etwas
in solcher Stimmung. Doch spürte ich gegen diese dunkeln Stimmen ein Gefühl
der Verantwortung und trat gewöhnlich nach solchen Nächten mehrtägige
einsame Fußwanderungen an. Es schien mir, ich könnte damit der Erde, die
sich in stummem Flehen mir anbot, ein wenig Liebe erweisen, über welche
Vorstellung ich dann selbst wieder lachte. Diese Wanderungen wurden eine
Grundlage meines späteren Lebens; einen großen Teil der seitherigen Jahre
habe ich als Wanderer verbracht, auf wochen- und monatelangen Touren durch
mehrere Länder. Ich gewöhnte mich daran, mit wenig Geld und einem Stück
Brot in der Tasche weit zu marschieren, tagelang einsam unterwegs zu sein
und häufig im Freien zu nächtigen.
Die Malerin hatte ich über der Schriftstellerei ganz vergessen. Da kam ein
Zettel von ihr: »Ein paar Freunde und Freundinnen werden am Donnerstag zum
Tee bei mir sein. Bitte kommen Sie auch und bringen Sie Ihren Freund mit.«
Wir gingen hin und fanden eine kleine Künstlerkolonie beisammen. Es waren
fast lauter Unberühmte, Vergessene, Erfolglose, was für mich etwas
Rührendes hatte, obwohl alle ganz zufrieden und fidel schienen. Man bekam
Tee, Butterbrot, Schinken und Salat. Da ich keine Bekannten dort fand und
ohnehin nicht gesprächig war, gab ich meinem Hunger nach und aß etwa eine
halbe Stunde lang still und ausdauernd, während die andern nur erst Tee
nippten und schwatzten. Als diese nun, einer um den andern, auch ein wenig
zugreifen wollten, zeigte es sich, daß ich fast den ganzen Schinkenvorrat
allein verzehrt hatte. Ich war des trüglichen Glaubens gewesen, es stehe
mindestens noch eine zweite Platte in Reserve. Da man nun leise lachte und
ich einige ironische Blicke einheimste, wurde ich wütend und verwünschte
die Italienerin samt ihrem Schinken. Ich stand auf und entschuldigte mich
kurz bei ihr, erklärte ein andermal mein Abendessen selber mitbringen zu
wollen, und griff nach meinem Hütlein.
Da nahm die Aglietti mir den Hut aus der Hand, sah mich erstaunt und ruhig
an und bat mich ernstlich, dazubleiben. Auf ihr Gesicht fiel das Licht
einer Stehlampe, durch den Florschirm gemäßigt, und da sah ich mitten in
meinem Ärger mit plötzlich begreifendem Auge die wunderbare, reife
Schönheit dieser Frau. Ich erschien mir auf einmal sehr unartig und dumm
und nahm wie ein gemaßregelter Schuljunge in einer abseitigen Ecke Platz.
Dort blieb ich sitzen und blätterte in einem Album vom Comersee. Die andern
tranken Tee, gingen hin und her, lachten und redeten durcheinander, und
irgendwo im Hintergrund hörte man Geigen und ein Cello stimmen. Ein Vorhang
wurde zurückgeschlagen und man sah vier junge Leute vor improvisierten
Pulten sitzen, bereit ein Streichquartett aufzuführen. In diesem
Augenblicke trat die Malerin zu mir, stellte eine Tasse Tee vor mir aufs
Tischchen, nickte mir gütig zu und nahm neben mir Platz. Das Quartett
begann und dauerte lang, aber ich hörte nichts davon, sondern staunte mit
runden Augen die schlanke, feine, schöngekleidete Dame an, an deren
Schönheit ich gezweifelt und deren Vorräte ich aufgegessen hatte. Mit
Freude und Angst erinnerte ich mich daran, daß sie mich hatte zeichnen
wollen. Dann dachte ich an Rösi Girtanner, an die Besteigung der
Alpenrosenwand, an die Geschichte der Schneekönigin, die mir jetzt alle nur
wie eine Vorbereitung auf diesen heutigen Augenblick erschienen.
Als die Musik zu Ende war, ging die Malerin nicht, wie ich gefürchtet
hatte, wieder weg, sondern blieb ruhig sitzen und fing mit mir zu plaudern
an. Sie gratulierte mir zu einer Novelle, die sie in der Zeitung gesehen
hatte. Sie scherzte über Richard, um den sich ein paar junge Mädchen
drängten und dessen sorgloses Gelächter zuweilen alle anderen Stimmen
überklang. Dann bat sie wieder, mich zeichnen zu dürfen. Da hatte ich einen
Einfall. Unvermittelt führte ich das Gespräch italienisch fort und erntete
dafür nicht nur einen fröhlich überraschten Blick ihrer lebhaften
Südländeraugen, sondern hatte den köstlichen Genuß sie ihre Sprache reden
zu hören, die Sprache, die ihrem Mund und ihren Augen und ihrer Gestalt
entsprach, die wohllaute, elegante, raschfließende lingua Toscana mit einem
entzückenden leichten Anflug von Tessinerwelsch. Ich selbst sprach weder
schön noch fließend, doch störte es mich nicht. Andern Tags sollte ich
kommen, um von ihr gezeichnet zu werden.
»A rivederla,« sagte ich beim Abschied und verbeugte mich so tief ich
konnte.
»A rivederci domani,« lächelte sie und nickte.
Von ihrem Hause weg schritt ich immerzu weiter, bis die Straße einen
Hügelkamm erreichte und plötzlich das dunkle Land schön und nächtig vor mit
ruhte. Ein einzelnes Boot mit roter Laterne strich über den See und warf
ein paar flackernde Scharlachstreifen auf das schwarze Wasser, aus welchem
sonst nur da und dort ein vereinzelter schmaler Wellenkamm mit dünnem,
silberfahlem Umriß hervortrat. In einem nahen Garten war Mandolinenspiel
und Gelächter. Der Himmel war fast zur Hälfte verhangen und über die Hügel
lief ein starker, warmer Wind.
Und wie der Wind die Äste der Obstbäume und die schwarzen Kronen der
Kastanien liebkoste, bestürmte und beugte, daß sie stöhnten und lachten und
zitterten, so spielte mit mir die Leidenschaft. Auf dem Kamm des Hügels
kniete ich, legte mich auf die Erde, sprang auf und stöhnte, stampfte den
Boden, warf den Hut von mir, wühlte mit dem Gesicht im Gras, rüttelte an
den Baumstämmen, weinte, lachte, schluchzte, tobte, schämte mich, war selig
und todbeklommen. Nach einer Stunde war alles in mir abgespannt und in
einer trüben Schwüle erstickt. Ich dachte nichts, beschloß nichts, fühlte
nichts; traumwandelnd stieg ich den Hügel hinab, schweifte durch die halbe
Stadt, sah in einer abgelegenen Straße noch eine späte kleine Schenke
offen, trat willenlos ein, trank zwei Liter Waadtländer und kam gegen
Morgen schauderhaft betrunken nach Hause.
Am folgenden Nachmittag war Fräulein Aglietti ganz erschrocken, als ich zu
ihr kam.
»Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank? Sie sehen ja ganz zerstört aus.«
»Nichts von Belang,« sagte ich. »Mir scheint, ich war heute Nacht sehr
betrunken, das ist alles. Bitte beginnen Sie nur!«
Ich ward auf einen Stuhl gesetzt und gebeten, mich ruhig zu halten. Das tat
ich auch, denn ich schlummerte in Bälde ein und habe jenen ganzen
Nachmittag im Atelier verschlafen. Es kam vermutlich vom Terpentingeruch
der Malerwerkstätte, daß ich träumte, unser Nachen zuhaus werde
frischgestrichen. Ich lag im Kies daneben und sah meinen Vater mit Topf und
Pinsel hantieren; auch die Mutter war da und als ich sie fragte, ob sie
denn nicht gestorben sei, sagte sie leise: »Nein, denn wenn ich nicht
dawäre, würdest du am Ende der gleiche Lump werden wie dein Papa.«
Als ich erwachte, fiel ich vom Stuhl und fand mich mit Erstaunen in die
Werkstatt der Erminia Aglietti versetzt. Sie selbst sah ich nicht, hörte
sie aber im Nebenstüblein mit Tassen und Besteck klappern und schloß
daraus, daß es Abendessenszeit sein müsse.
»Sind Sie wach?« rief sie herüber.
»Jawohl. Hab' ich lang geschlafen?«
»Vier Stunden. Schämen Sie sich nicht?«
»O doch. Aber ich hatte einen so schönen Traum.«
»Erzählen Sie!«
»Ja, wenn Sie herauskommen und mir verzeihen.«
Sie kam heraus, doch wollte sie mit der Verzeihung noch warten, bis ich
meinen Traum erzählt hätte. Also erzählte ich, und über dem Traumerzählen
geriet ich tief in die vergessene Kinderzeit hinein, und als ich schwieg
und es schon völlig dunkel geworden war, hatte ich ihr und mir selber meine
ganze Kindheitsgeschichte erzählt. Sie gab mir die Hand, strich mir den
zerknitterten Rock zurecht, lud mich ein morgen wieder zum Zeichnen zu
kommen und ich fühlte, daß sie auch meine heutige Unart begriffen und
verziehen habe.
In den nächsten Tagen saß ich ihr Stunde um Stunde. Es wurde dabei fast gar
nichts gesprochen, ich saß oder stand ruhig und wie verzaubert da, hörte
den weichen Strich der Zeichenkohle, sog den leichten Ölfarbegeruch ein und
hatte keine andere Empfindung als daß ich in der Nähe der von mir geliebten
Frau war und ihren Blick beständig auf mir ruhen wußte. Das weiße
Atelierlicht floß an den Wänden hin, ein paar schläfrige Fliegen sumsten an
den Scheiben und nebenan im Stübchen sang die Spiritusflamme, denn ich
bekam nach jeder Sitzung eine Tasse Kaffee serviert.
Zuhause dachte ich oft über Erminia nach. Es berührte oder verminderte
meine Leidenschaft gar nicht, daß ich ihre Kunst nicht verehren konnte. Sie
selbst war so schön, gütig, klar und sicher; was gingen mich ihre Bilder
an? Ich fand vielmehr in ihrer fleißigen Arbeit etwas Heroisches. Die Frau
im Kampf ums Leben, eine stille, duldende und tapfere Heldin. Übrigens gibt
es nichts Erfolgloseres als das Nachdenken über jemand, den man liebt.
Solche Gedankengänge sind wie gewisse Volks- und Soldatenlieder, worin
tausenderlei Dinge vorkommen, der Refrain aber hartnäckig wiederkehrt, auch
wo er durchaus nicht paßt.
So ist denn auch das Bild der schönen Italienerin, das ich im Gedächtnis
trage, zwar nicht unklar, aber doch ohne die vielen kleinen Linien und
Züge, die man an Fremden oft viel besser sieht als an Nahestehenden. Ich
weiß nicht mehr, welche Frisur sie trug, wie sie sich kleidete u. s. w.,
nicht einmal ob sie eigentlich groß oder klein von Gestalt war. Wenn ich an
sie denke, sehe ich einen dunkelhaarigen, edel geformten Frauenkopf, ein
paar scharfblickende, nicht sehr große Augen in einem bleichen, lebendigen
Gesicht und einen vollendet schön geschwungenen, schmalen Mund von herber
Reife. Wenn ich an sie denke und an jene ganze verliebte Zeit, dann
erinnere ich mich stets nur jenes Abends auf dem Hügel, wo der warme Wind
seeüber wogte und wo ich weinte, jubelte und berserkerte. Und eines anderen
Abends, von dem ich nun erzählen will.
Mir war klar geworden, daß ich der Malerin irgendwie Geständnisse machen
und um sie werben müsse. Wäre sie mir fern gestanden, so hätte ich sie
ruhig weiterhin verehrt und verschwiegene Schmerzen um sie gelitten. Aber
sie fast täglich zu sehen, mit ihr zu reden, ihr die Hand zu geben und ihr
Haus zu betreten, stets mit dem Stachel im Herzen, hielt ich nicht lange
aus.
Es ward ein kleines Sommerfest von Künstlern und ihren Freunden
veranstaltet. Es war am See, in einem hübschen Garten, ein reifer,
weichlich lauer Hochsommerabend. Wir tranken Wein und Eiswasser, hörten der
Musik zu und betrachteten die roten Papierlampen, die in langen Guirlanden
zwischen den Bäumen hingen. Es wurde geplaudert, gespottet, gelacht und
schließlich gesungen. Irgend ein lausiger Malerjüngling spielte den
Romantischen, trug ein kühnes Barett, lag rücklings am Geländer
hingestreckt und tändelte mit einer langhalsigen Guitarre. Die paar
bedeutenderen Künstler fehlten entweder oder saßen ungesehen im Kreis der
Älteren beiseite. Von den Frauenzimmern waren ein paar jüngere in lichten
Sommerkleidern erschienen, die andern trieben sich in den gewohnten
saloppen Kostümen herum. Namentlich fiel mir eine ältere, häßliche
Studentin widerlich auf, sie trug einen Männerstrohhut auf den
verschnittenen Haaren, rauchte Cigarren, trank tüchtig Wein und sprach laut
und viel. Richard war wie gewöhnlich bei den jungen Mädchen. Ich war trotz
aller Erregung kühl, trank wenig und wartete auf die Aglietti, die mir
versprochen hatte sich heute von mir rudern zu lassen. Sie kam denn auch,
schenkte mir ein paar Blumen und stieg mit mir in den kleinen Nachen.
Der See war glatt wie Öl und nächtig farblos. Ich trieb den leichten Nachen
rasch in die stille Seebreite weit hinaus, und sah immerfort mir gegenüber
die schlanke Frau bequem und zufrieden im Steuersitz lehnen. Der hohe
Himmel war noch blau und trieb langsam einen matten Stern um den andern
hervor, am Ufer war da und dort Musik und Gartenlustbarkeit. Mit leisem
Gurgeln nahm das träge Wasser die Ruder auf, andere Boote schwammen da und
dort dunkel und kaum mehr sichtbar auf der stillen Fläche, ich achtete aber
wenig darauf, sondern hing mit unverwandten Blicken an der Steurerin und
trug meine geplante Liebeserklärung wie einen schweren Eisenring um's bange
Herz. Das Schöne und Poetische der ganzen abendlichen Szenerie, das Sitzen
im Kahn, die Sterne, der laue ruhige See und alles das beängstigte mich,
denn es kam mir vor wie eine schöne Theaterdekoration, in deren Mitte ich
eine sentimentale Szene agieren müsse. In meiner Angst und beklemmt durch
die tiefe Stille, denn wir schwiegen beide, ruderte ich mit Macht drauf
los.
»Wie stark Sie sind!« sagte die Malerin nachdenklich.
»Meinen Sie dick?« fragte ich.
»Nein, ich meine die Muskeln,« lachte sie.
»Ja, stark bin ich schon.«
Dies war kein geeigneter Anfang. Traurig und ärgerlich ruderte ich weiter.
Nach einer Weile bat ich sie, mir etwas aus ihrem Leben zu erzählen.
»Was möchten Sie denn hören?«
»Alles,« sagte ich. »Am liebsten eine Liebesgeschichte. Dann erzähle ich
Ihnen nachher auch eine von mir, meine einzige. Sie ist sehr kurz und schön
und wird Sie amüsieren.«
»Was Sie sagen! Erzählen Sie doch!«
»Nein, erst Sie! Sie wissen ohnehin schon viel mehr von mir als ich von
Ihnen. Ich möchte wissen, ob Sie jemals richtig verliebt waren oder ob Sie,
wie ich fürchte, dafür viel zu klug und hochmütig sind.«
Erminia besann sich eine Weile.
»Das ist wieder eine von Ihren romantischen Ideen,« sagte sie, »sich hier
in der Nacht auf dem schwarzen Wasser von einer Frau Geschichten erzählen
zu lassen. Ich kann das aber leider nicht. Ihr Dichter seid gewöhnt, für
alles hübsche Worte zu haben und denen, die weniger von ihren Empfindungen
reden, gleich gar kein Herz zuzutrauen. In mir haben Sie sich getäuscht,
denn ich glaube nicht, daß man heftiger und stärker lieben kann als ich es
tue. Ich liebe einen Mann, der an eine andere Frau gebunden ist, und er
liebt mich nicht weniger; doch wissen wir beide nicht, ob es je möglich
sein wird, daß wir zusammenkommen. Wir schreiben uns und wir treffen uns
auch zuweilen . . . .«
»Darf ich Sie fragen, ob diese Liebe Sie glücklich macht, oder elend, oder
beides?«
»Ach, die Liebe ist nicht da um uns glücklich zu machen. Ich glaube sie ist
da, um uns zu zeigen, wie stark wir im Leiden und Tragen sein können.«
Das verstand ich und konnte nicht hindern, daß mir etwas wie ein leises
Stöhnen statt der Antwort vom Munde kam.
Sie hörte es.
»Ah,« sagte sie, »kennen Sie das auch schon? Sie sind noch so jung! Wollen
Sie mir nun auch beichten? Aber nur wenn Sie wirklich wollen --.«
»Ein andermal vielleicht, Fräulein Aglietti. Mir ist heute ohnehin windig
zu mut, und es tut mir leid, daß ich vielleicht auch Ihnen die Stimmung
getrübt habe. Wollen wir umkehren?«
»Wie Sie wollen. Wie weit sind wir eigentlich?«
Ich gab keine Antwort mehr, sondern stemmte die Ruder rauschend gegen das
Wasser, wendete und zog an, als wäre die Bise im Anzug. Das Boot strich
eilig über die Fläche und mitten in dem Wirbel von Jammer und Scham, der in
mir kochte, fühlte ich wie mir der Schweiß in großen Tropfen übers Gesicht
lief, und fror zugleich. Wenn ich vollends daran dachte, wie nahe ich daran
gewesen war den knieenden Bittsteller und mütterlich-freundlich
abgewiesenen Liebhaber zu spielen, lief mir ein Schaudern durchs Mark. Das
wenigstens war mir erspart geblieben, mit dem übrigen Jammer galt es nun
sich abzufinden. Ich ruderte wie besessen heimwärts.
Das schöne Fräulein war einigermaßen befremdet, als ich am Ufer kurzen
Abschied nahm und sie allein ließ.
Der See war so glatt, die Musik so fröhlich und die Papierlaternen so
festlich rot wie zuvor, mir aber schien das alles jetzt dumm und
lächerlich. Namentlich die Musik. Den Sammetrock, der noch immer seine
Guitarre prahlerisch am breiten Seidenbande trug, hätte ich am liebsten zu
Brei geschlagen. Und Feuerwerk stand auch noch bevor. Es war so kindisch!
Ich entlehnte von Richard ein paar Franken, setzte den Hut ins Genick und
begann zu marschieren, vor die Stadt hinaus und weiter, eine Stunde um die
andere, bis mich schläferte. Ich legte mich in eine Wiese, wachte aber nach
einer Stunde taunaß, steif und fröstelnd wieder auf und ging ins nächste
Dorf. Es war früh am Morgen. Kleeschnitter zogen durch die staubige Gasse,
verschlafene Knechte glotzten aus den Stalltüren, bäuerliche
Sommerarbeitsamkeit gab sich allerorten kund. Du hättest Bauer bleiben
sollen, sagte ich mir, strich beschämt durchs Dorf und lief ermüdet weiter,
bis die erste Sonnenwärme mir eine Rast erlaubte. Am Rand eines jungen
Buchenstandes warf ich mich ins dürre Raingras und schlief in der warmen
Sonne bis tief in den Spätnachmittag hinein. Als ich erwachte, den Kopf
voll Wiesenduft und die Glieder so wohlig schwer wie sie nur nach langem
Liegen auf Gottes lieber Erde sind, da kam mir das Fest und die Bootfahrt
und alles das fern, traurig und halbverklungen vor wie ein vor Monaten
gelesener Roman.
Ich blieb drei Tage fort, ließ mir die Sonne auf den Pelz brennen und
überlegte mir, ob ich nicht in einem Strich heimwärts wandern und meinem
Vater beim Öhmden helfen sollte.
Freilich war damit der Schmerz noch lange nicht abgetan. Nach meiner
Rückkehr in die Stadt floh ich anfangs den Anblick der Malerin wie die
Pest, doch ging das nicht lange an, und so oft sie mich später ansah und
anredete, stieg mir das Elend in die Kehle.