SIEBZEHNTES KAPITEL.

Gebirge zwischen den Thälern von Aragua und den Llanos von

Caracas. -- Villa de Cura. -- Parapara. -- Llanos oder Steppen. --

Calabozo.

Die Bergkette, welche den See von Tacarigua oder Valencia im Süden

begrenzt, bildet gleichsam das nördliche Ufer des großen Beckens der

Llanos oder Savanen von Caracas. Aus den Thälern von Aragua kommt man in

die Savanen über die Berge von Guigue und Tucutunemo. Aus einer

bevölkerten, durch Anbau geschmückten Landschaft gelangt man in eine weite

Einöde. An Felsen und schattige Thäler gewöhnt, sieht der Reisende mit

Befremden diese baumlosen Savanen vor sich, diese unermeßlichen Ebenen,

die gegen den Horizont aufzusteigen scheinen.

Ehe ich die Llanos oder die Region der Weiden schildere, beschreibe ich

kürzlich unsern Weg von Nueva Valencia durch Villa de Cura und San Juan

zum kleinen, am Eingang der Steppen gelegenen Dorfe Ortiz. Am 6. März, vor

Sonnenaufgang, verließen wir die Thäler von Aragua. Wir zogen durch eine

gut angebaute Ebene, längs dem südwestlichen Gestade des Sees von

Valencia, über einen Boden, von dem sich die Gewässer des Sees

zurückgezogen. Die Fruchtbarkeit des mit Calebassen, Wassermelonen und

Bananen bedeckten Landes setzte uns in Erstaunen. Den Aufgang der Sonne

verkündete der ferne Lärm der Brüllaffen. Vor einer Baumgruppe, mitten in

der Ebene zwischen den ehemaligen Eilanden Don Pedro und Negra, gewahrten

wir zahlreiche Banden der schon oben beschriebenen _Simia ursina_

(_Araguate_), die wie in Procession äußerst langsam von Baum zu Baum

zogen. Hinter einem männlichen Thier kamen viele weibliche, deren mehrere

ihre Jungen auf den Schultern trugen. Die Brüllaffen, welche in

verschiedenen Strichen Amerikas in großen Gesellschaften leben, sind

vielfach beschrieben. In der Lebensweise kommen sie alle überein, es sind

aber nicht überall dieselben Arten. Wahrhaft erstaunlich ist die

Einförmigkeit in den Bewegungen dieser Affen. So oft die Zweige

benachbarter Bäume nicht zusammenreichen, hängt sich das Männchen an der

Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Theil seines

Schwanzes auf, läßt den Körper frei schweben und schwingt denselben hin

und her, bis es den nächsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht sofort

an derselben Stelle dieselbe Bewegung. ULLOA und viele gut unterrichtete

Reisende behaupten, die Marimondas [_Simia Belzebuth_], Araguaten und

andere Affen mit Wickelschwänzen bilden eine Art Kette, wenn sie von einem

Flußufer zum andern gelangen wollen; ich brauche kaum zu bemerken, daß

eine solche Behauptung sehr weit geht. Wir haben in fünf Jahren

Gelegenheit gehabt, Tausende dieser Thiere zu beobachten, und eben deßhalb

glaubten wir nicht an Geschichten, die vielleicht nur von Europäern

erfunden sind, wenn auch die Indianer in den Missionen sie nachsagen, als

ob es Ueberlieferungen ihrer Väter wären. Auch der roheste Mensch findet

einen Genuß darin, durch Berichte von den Wundern seines Landes den

Fremden in Erstaunen zu setzen. Er will selbst gesehen haben, was nach

seiner Vorstellung Andere gesehen haben könnten. Jeder Wilde ist ein

Jäger, und die Geschichten der Jäger werden desto phantastischer, je höher

die Thiere, von deren Listen sie zu erzählen wissen, in geistiger

Beziehung wirklich stehen. Dieß ist die Quelle der Mährchen, welche in

beiden Hemisphären vom Fuchs und vom Affen, vom Raben und vom Condor der

Anden im Schwange gehen.

Die Araguaten sollen, wenn sie von indianischen Jägern verfolgt werden,

zuweilen ihre Jungen im Stiche lassen, um sich auf der Flucht zu

erleichtern. Man will gesehen haben, wie Affenmütter das Junge von der

Schulter rissen und es vom Baum warfen. Ich glaube aber, man hat hier eine

rein zufällige Bewegung für eine absichtliche genommen. Die Indianer sehen

gewisse Affengeschlechter mit Abneigung oder mit Vorliebe an; den

Viuditas, den Titis, überhaupt allen kleinen Sagoins sind sie gewogen,

während die Araguaten wegen ihres trübseligen Aeußern und ihres

einförmigen Gebrülls gehaßt und dazu verleumdet werden. Wenn ich darüber

nachdachte, durch welche Ursachen die Fortpflanzung des Schalls durch die

Luft zur Nachtzeit befördert werden mag, schien es mir nicht unwichtig,

genau zu bestimmen, in welchem Abstand. namentlich bei nasser, stürmischer

Witterung, das Geheul eines Trupps Araguaten zu vernehmen ist. Ich glaube

gefunden zu haben, daß man es noch in 800 Toisen Entfernung hört. Die

Affen mit ihren vier Händen können keine Streifzüge in die Llanos machen,

und mitten auf den weiten, mit Gras bewachsenen Ebenen unterscheidet man

leicht eine vereinzelte Baumgruppe, die von Brüllaffen bewohnt ist und von

welcher der Schall herkommt. Wenn man nun auf diese Baumgruppe zugeht oder

sich davon entfernt, so mißt man das Maximum des Abstandes, in dem das

Geheul noch vernehmbar ist. Diese Abstände schienen mir einigemale bei

Nacht um ein Drittheil größer, namentlich bei bedecktem Himmel und sehr

warmem, feuchtem Wetter.

Die Indianer versichern, wenn die Araguaten den Wald mit ihrem Geheul

erfüllen, so haben sie immer einen Vorsänger. Die Bemerkung ist nicht

unrichtig. Man hört meistens, lange fort, eine einzelne stärkere Stimme,

worauf eine andere von verschiedenem Tonfall sie ablöst. Denselben

Nachahmungstrieb bemerken wir zuweilen auch bei uns bei den Fröschen, und

fast bei allen Thieren, die in Gesellschaft leben und sich hören lassen.

Noch mehr, die Missionäre versichern, wenn bei den Araguaten ein Weibchen

im Begriffe sey zu werfen, so unterbreche der Chor sein Geheul, bis das

Junge zur Welt gekommen sey. Ob etwas Wahres hieran ist, habe ich nicht

selbst ausmachen können, ganz grundlos scheint es aber allerdings nicht zu

seyn. Ich habe beobachtet, daß das Geheul einige Minuten aufhört, so oft

ein ungewöhnlicher Vorfall, zum Beispiel das Aechzen eines verwundeten

Araguate, die Aufmerksamkeit des Trupps in Anspruch nimmt. Unsere Führer

versicherten uns allen Ernstes, ein bewährtes Heilmittel gegen kurzen

Athem sey, aus der knöchernen Trommel am Zungenbein des Araguate zu

trinken. »Da dieses Thier eine so außerordentlich starke Stimme hat, so

muß dem Wasser, das man in seinen Kehlkopf gießt, nothwendig die Kraft

zukommen, Krankheiten der Lungen zu heilen.« Dieß ist Volksphysik, die

nicht selten an die der Alten erinnert.

Wir übernachteten im Dorfe Guigue, dessen Breite ich durch Beobachtungen

des Canopus gleich 10° 4′ 11″ fand. Dieses Dorf auf trefflich angebautem

Boden liegt nur tausend Toisen vom See Tacarigua. Wir wohnten bei einem

alten Sergeanten, aus Murcia gebürtig, einem höchst originellen Mann. Um

uns zu beweisen, daß er bei den Jesuiten erzogen worden, sagte er uns die

Geschichte von der Erschaffung der Welt lateinisch her. Er kannte die

Namen August, Tiber, und Diocletian. Bei der angenehmen Nachtkühle in

einem Bananengehege beschäftigte er sich lebhaft mit Allem, was am Hof der

römischen Kaiser vorgefallen war. Er bat uns dringend um Mittel gegen die

Gicht, die ihn grausam plagte. »Ich weiß wohl,« sagte er, »daß ein *Zambo*

aus Valencia, ein gewaltiger »Curioso,« mich heilen kann; aber der Zambo

macht auf eine Behandlung Anspruch, die einem Menschen von seiner Farbe

nicht gebührt, und so bleibe ich lieber, wie ich bin.«

Von Guigue an führt der Weg aufwärts zur Bergkette, welche im Süden des

Sees gegen Guacimo und la Palma hinstreicht. Von einem Plateau herab, das

320 Toisen hoch liegt, sahen wir zum letztenmale die Thäler von Aragua.

Der Gneiß kam zu Tage; er zeigte dieselbe Streichung der Schichten,

denselben Fall nach Nordwest. Quarzadern im Gneiß sind goldhaltig; eine

benachbarte Schlucht heißt daher Quebrada del Oro. Seltsamerweise begegnet

man auf jedem Schritt dem vornehmen Namen »Goldschlucht« in einem Lande,

wo ein einziges Kupferbergwerk im Betrieb ist. Wir legten fünf Meilen bis

zum Dorfe Maria Magdalena zurück, und weitere zwei zur Villa de Cura. Es

war Sonntag. Im Dorfe Maria Magdalena waren die Einwohner vor der Kirche

versammelt. Man wollte unsere Maulthiertreiber zwingen anzuhalten und die

Messe zu hören. Wir ergaben uns darein; aber nach langem Wortwechsel

setzten die Maulthiertreiber ihren Weg fort. Ich bemerke hier, daß dieß

das einzigemal war, wo wir einen Streit solcher Art bekamen. Man macht

sich in Europa ganz falsche Begriffe von der Unduldsamkeit und selbst vom

Glaubenseifer der spanischen Colonisten.

San Luis de Cura, oder, wie es gemeiniglich heißt, Villa de Cura liegt in

einem sehr dürren Thale, das von Nordwest nach Südost streicht und nach

meinen barometrischen Beobachtungen eine Meereshöhe von 266 Toisen hat.

Außer einigen Fruchtbäumen hat das Land fast gar keinen Pflanzenwuchs. Das

Plateau ist desto dürrer, da mehrere Gewässer -- ein ziemlich seltener

Fall im Urgebirge -- sich auf Spalten im Boden verlieren. Der Rio de las

Minas, nordwärts von Villa de Cura, verschwindet im Gestein, kommt wieder

zu Tage und wird noch einmal unterirdisch, ohne den See von Valencia zu

erreichen, auf den er zuläuft. Cura gleicht vielmehr einem Dorfe als einer

Stadt. Die Bevölkerung beträgt nicht mehr als 4000 Seelen, aber wir fanden

daselbst mehrere Leute von bedeutender geistiger Bildung. Wir wohnten bei

einer Familie, welche nach der Revolution von Caracas i. J. 1797 von der

Regierung verfolgt worden war. Einer der Söhne war nach langer

Gefangenschaft nach der Havana gebracht worden, wo er in einem festen

Schlosse saß. Wie freute sich die Mutter, als sie hörte, daß wir auf dem

Rückweg vom Orinoco nach der Havana kommen würden! Sie übergab mir fünf

Piaster, »all ihr Erspartes.« Gern hätte ich sie ihr zurückgegeben, aber

wie hätte ich mich nicht scheuen sollen, ihr Zartgefühl zu verletzen,

einer Mutter wehe zu thun, die in den Entbehrungen, die sie sich

auferlegt, sich glücklich fühlt! Die ganze Gesellschaft der Stadt fand

sich Abends zusammen, um in einem Guckkasten die Ansichten der großen

europäischen Städte zu bewundern. Wir bekamen die Tuilerien zu sehen und

das Standbild des großen Kurfürsten in Berlin. Es ist ein eigenes Gefühl,

seine Vaterstadt, zweitausend Meilen von ihr entfernt, in einem Guckkasten

zu erblicken.

Ein Apotheker, der durch den unseligen Hang zu bergmännischen

Unternehmungen heruntergekommen war, begleitete uns zum Serro de Chacao,

der an goldhaltigen Kiesen sehr reich ist. Der Weg läuft immer am

südlichen Abhang der Küstencordillere hinab, in welcher die Ebenen von

Aragua ein Längenthal bilden. Die Nacht des 11. brachten wir zum Theil im

Dorfe San Juan zu, bekannt wegen seiner warmen Quellen und der sonderbaren

Gestalt zweier benachbarten Berge, der sogenannten *Morros de San Juan*.

Diese Kuppen bilden steile Gipfel, die sich auf einer Felsmauer von sehr

breiter Basis erheben. Die Mauer fällt steil ab und gleicht der

*Teufelsmauer*, die um einen Strich des Harzgebirges herläuft. Diese

Kuppen sieht man sehr weit in den Llanos, sie machen starken Eindruck auf

die Einbildungskraft der Bewohner der Ebenen, die an gar keine Unebenheit

des Bodens gewöhnt sind, und so kommt es, daß ihre Höhe im Lande gewaltig

überschätzt wird. Sie sollten, wie man uns gesagt, mitten in den Steppen

liegen, während sie sich am nördlichen Saume derselben befinden, weit

jenseits einer Hügelkette, die la Galera heißt. Nach Winkeln, die im

Abstand von zwei Seemeilen genommen worden, erheben sich die Kuppen nicht

mehr als 156 Toisen über dem Dorf San Juan und 350 über dem Meer. Die

warmen Quellen entspringen am Fuß der Kuppen, die aus Uebergangskalkstein

bestehen; sie sind mit Schwefelwasserstoff geschwängert, wie die Wasser

von Mariara, und bilden einen kleinen Teich oder eine Lagune, in der ich

den Thermometer nur auf 31°,3 steigen sah.

In der Nacht vom 9. zum 10. März fand ich durch sehr befriedigende

Sternbeobachtungen die Breite von Villa de Cura 10°, 2′ 47″. Die

spanischen Officiere, welche im Jahr 1755 bei der Grenzexpedition mit

astronomischen Instrumenten an den Orinoco gekommen sind, können zu Cura

nicht beobachtet haben, denn die Karte von CAULIN und die von CRUZ

OLMEDILLA setzen diese Stadt einen Viertelsgrad zu weit südwärts.

Villa de Cura ist im Lande berühmt wegen eines wunderthätigen

Marienbildes, das Nuestra Sennora de los Valencianos genannt wird. Dieses

Bild, das um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von einem Indianer in

einer Schlucht gefunden wurde, gab Anlaß zu einem Rechtshandel zwischen

den Städten Cura und San Sebastiano de los Reyes. Die Geistlichen der

letzteren Stadt behaupteten, die h. Jungfrau sey zuerst in ihrem Sprengel

erschienen. Der Bischof von Caracas, dem langen ärgerlichen Streite ein

Ende zu machen, ließ das Bild in das bischöfliche Archiv schaffen und

behielt es daselbst dreißig Jahre unter Siegel: es wurde den Einwohnern

von Cura erst i. J. 1802 zurückgegeben. DEPONS gibt umständliche Nachricht

von diesem seltsamen Handel.

Nachdem wir im kleinen Fluß St. Juan aus einem Bette von basaltischem

Grünstein, in frischem, klarem Wasser gebadet, setzten wir um zwei Uhr in

der Nacht unsern Weg über Ortiz und Parapara nach *Mesa de Paja* fort. Die

Llanos waren damals durch Raubgesindel unsicher, weßhalb sich mehrere

Reisende an uns anschlossen, so daß wir eine Art Caravane bildeten. Sechs

bis sieben Stunden lang ging es fortwährend abwärts; wir kamen am Cerro de

Flores vorbei, wo die Straße zum großen Dorfe San Jose de Tisnao abgeht.

An den Höfen Luque und Juncalito vorüber gelangt man in die Gründe, die

wegen des schlechten Wegs und der blauen Farbe der Schiefer Malpasso und

Piedras Azules heißen. Wir standen hier auf dem alten Gestade des großen

Beckens der Steppen, auf einem geologisch interessanten Boden.

Der südliche Abhang der Küstencordillere ist ziemlich steil, da die

Steppen nach meinen barometrischen Messungen tausend Fuß tiefer liegen als

der Boden des Beckens von Aragua. Vom weiten Plateau von Villa de Cura

kamen wir herab an das Ufer des Rio Tucutunemo, der sich ins

Serpentingestein ein von Ost nach West streichendes Längenthal gegraben

hat, ungefähr im Niveau von la Victoria. Von da führte uns ein Querthal

über die Dörfer Parapara und Ortiz in die Llanos. Dieses Thal streicht im

Ganzen von Nord nach Süd und verengt sich an mehreren Stellen. Becken mit

völlig wagrechtem Boden stehen durch schmale, abschüssige Schluchten mit

einander in Verbindung. Es waren dieß einst ohne Zweifel kleine Seen, und

durch Aufstauung der Gewässer oder durch eine noch gewaltsamere

Katastrophe sind die Dämme zwischen den Wasserbecken durchbrochen worden.

Diese Erscheinung kommt gleichzeitig in beiden Continenten vor, überall wo

Längenthäler Pässe über die Anden, die Alpen, die Pyrenäen bilden.(68)

Wahrscheinlich rührt die ruinenhafte Gestalt der Kappen von San Juan und

San Sebastiano von den gewaltigen Schwemmungen her, die beim Ausbruch der

Gewässer gegen die Llanos erfolgten.

Bei der *Mesa de Paja*, unter dem 9. Grad der Breite, betraten wir das

Becken der Llanos. Die Sonne stand beinahe im Zenith; der Boden zeigte

überall, wo er von Vegetation entblöst war, eine Temperatur von 48--50°.

In der Höhe, in der wir uns auf unsern Maulthieren befanden, war kein

Lufthauch zu spüren; aber in dieser scheinbaren Ruhe erhoben sich

fortwährend kleine Staubwirbel in Folge der Luftströmungen, die dicht am

Boden durch die Temperaturunterschiede zwischen dem nackten Sand und den

mit Gras bewachsenen Flecken hervorgebracht werden. Diese »Sandwinde«

steigern die erstickende Hitze der Luft. Jedes Quarzkorn, weil es wärmer

ist als die umgebende Luft, strahlt ringsum Wärme aus, und es hält schwer

die Lufttemperatur zu beobachten, ohne daß Sandtheilchen gegen die Kugel

des Thermometers getrieben werden. Die Ebenen ringsum schienen zum Himmel

anzusteigen, und die weite unermeßliche Einöde stellte sich unsern Blicken

als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar. Da die Dunstmassen in

der Luft ungleich vertheilt waren, und die Temperaturabnahme in den

übereinandergelagerten Luftschichtens keine gleichförmige ist, so zeigte

sich der Horizont in gewissen Richtungen hell und scharf begrenzt, in

andern wellenförmig auf- und abgebogen und wie gestreift. Erde und Himmel

schmolzen dort in einander. Durch den trockenen Nebel und die

Dunstschichten gewahrte man in der Ferne Stämme von Palmbäumen. Ihrer

grünenden Wipfel beraubt, erschienen diese Stämme wie Schiffsmasten, die

am Horizont auftauchen.

Der einförmige Anblick dieser Steppen hat etwas Großartiges, aber auch

etwas Trauriges und Niederschlagendes. Es ist als ob die ganze Natur

erstarrt wäre; kaum daß hin und wieder der Schatten einer kleinen Wolke,

die durchs Zenith eilend die nahende Regenzeit verkündet, auf die Savane

fällt. Der erste Anblick der Llanos überrascht vielleicht nicht weniger

als der der Andeskette. Alle Gebirgsländer, welches auch die absolute Höhe

ihrer höchsten Gipfel seyn mag, haben eine gemeinsame Physiognomie; aber

nur schwer gewöhnt man sich an den Anblick der Llanos von Venezuela und

Casanare, der Pampas von Buenos Ayres und Chaco, die beständig, zwanzig,

dreißig Tagereisen lang, ein Bild der Meeresfläche bieten. Ich kannte die

Ebenen oder Llanos der spanischen Mancha und die Heiden (_ericeta_), die

sich von den Grenzen Jütlands durch Lüneburg und Westphalen bis nach

Belgien hinein erstrecken. Letztere sind wahre Steppen, von denen der

Mensch seit Jahrhunderten nur kleine Strecken kulturfähig zu machen im

Stande war; aber die Ebenen im Westen und Norden von Europa geben nur ein

schwaches Bild von den unermeßlichen Llanos in Südamerika. Im Südosten

unseres Continents, in Ungarn zwischen der Donau und der Theiß, in Rußland

zwischen dem Dnieper, dem Don und der Wolga treten die ausgedehnten

Weideländer auf, die durch langen Aufenthalt der Wasser geebnet scheinen

und ringsum den Horizont begrenzen. Wo ich die ungarischen Ebenen bereist

habe, an den Grenzen Deutschlands zwischen Preßburg und Oedenburg,

beschäftigen sie die Einbildungskraft des Reisenden durch das fortwährende

Spiel der Luftspiegelung; aber ihre weiteste Erstreckung ist ostwärts

zwischen Czegled, Debreczin und Tittel. Es ist ein grünes Meer mit zwei

Ausgängen, dem einen bei Gran und Weitzen, dem andern zwischen Belgrad und

Widdin.

Man glaubte die verschiedenen Welttheile zu charakterisiren, indem man

sagte, Europa habe *Heiden*, Asien *Steppen*, Afrika *Wüsten*, Amerika

*Savanen*; aber man stellt damit Gegensätze auf, die weder in der Natur

der Sachen, noch im Geiste der Sprachen gegründet sind. Die asiatischen

Steppen sind keineswegs überall mit Salzpflanzen bedeckt; in den Savanen

von Venezuela kommen neben den Gräsern kleine krautartige Mimosen,

Schotengewächse und andere Dicotyledonen vor. Die Ebenen der Songarei, die

zwischen Don und Wolga, die ungarischen *Puszten* sind wahre Savanen,

Weideländer mit reichem Graswuchs, während auf den Savanen ost- und

westwärts von den Rocky-Mountains und von Neu-Mexico Chenopodien mit einem

Gehalt von kohlensaurem und salzsauren Natrum vorkommen. Asien hat ächte

pflanzenlose Wüsten, in Arabien, in der Gobi, in Persien. Seit man die

Wüsten im Innern Afrika’s, was man so lange unter dem allgemeinen Namen

Sahara begriffen, näher kennen gelernt hat, weiß man, daß es im Osten

dieses Continents, wie in Arabien, Savanen und Weideländer gibt, die von

nackten, dürren Landstrichen umgeben sind. Letztere, mit losem Gestein

bedeckte, ganz pflanzenlose Wüsten, fehlen nun aber der neuen Welt fast

ganz. Ich habe dergleichen nur im niedern Strich von Peru, zwischen

Amotape und Coquimbo, am Gestade der Südsee gesehen. Die Spanier nennen

sie nicht Llanos, sondern _desiertos_ von Sechura und Atacamez. Diese

Einöde ist nicht breit, aber 440 Meilen lang. Die Gebirgsart kommt überall

durch den Flugsand zu Tag. Es fällt niemals ein Tropfen Regen, und wie in

der Sahara nördlich von Tombuctu sindet sich in der peruanischen Wüste bei

Huaura eine reiche Steinsalzgrube. Ueberall sonst in der neuen Welt gibt

es öde, weil unbewohnte Flächen, aber keine eigentlichen Wüsten.

Dieselben Erscheinungen wiederholen sich in den entlegensten Landstrichen,

und statt diese weiten baumlosen Ebenen nach den Pflanzen zu

unterscheiden, die auf ihnen vorkommen, unterscheidet man wohl am

einfachsten zwischen *Wüsten* und *Steppen* oder *Savanen*, zwischen

nackten Landstrichen ohne Spur von Pflanzenwuchs und Landstrichen, die mit

Gräsern oder kleinen Gewächsen aus der Classe der Dicotyledonen bedeckt

sind. In manchen Werken heißen die amerikanischen Savanen, namentlich die

der gemäßigten Zone, *Wiesen* (Prairien); aber diese Bezeichnung paßt, wie

mir dünkt, schlecht auf Weiden, die oft sehr dürr, wenn auch mit 4 bis 5

Fuß hohen Kräutern bedeckt sind. Die amerikanischen Llanos oder Pampas

sind wahre *Steppen*. Sie sind in der Regenzeit schön begrünt, aber in der

trockensten Jahreszeit bekommen sie das Ansehen von Wüsten. Das Kraut

zerfällt zu Staub, der Boden berstet, das Krokodil und die großen

Schlangen liegen begraben im ausgedörrten Schlamm, bis die ersten

Regengüsse im Frühjahr sie aus der langen Erstarrung wecken. Diese

Erscheinungen kommen auf dürren Landstrichen von 50--60 Quadratmeilen

überall vor, wo keine Gewässer durch die Savane strömen; denn am Ufer der

Bäche und der kleinen Stücke stehenden Wassers stößt der Reisende von Zeit

zu Zeit selbst in der dürrsten Jahreszeit auf Gebüsche der Mauritia, einer

Palmenart, deren fächerförmige Blätter beständig glänzend grün sind.

Die asiatischen Steppen liegen alle außerhalb der Wendekreise und bilden

sehr hohe Plateaus. Auch Amerika hat auf dem Rücken der Gebirge von

Mexico, Peru und Quito Savanen von bedeutender Ausdehnung, aber seine

ausgedehntesten Steppen, die Llanos von Cumana, Caracas und Meta, erheben

sich nur sehr wenig über dem Meeresspiegel und fallen alle in die

Aequinoctialzone. Diese Umstände ertheilen ihnen einen eigenthümlichen

Charakter. Die Seen ohne Abfluß, die kleinen Flußsysteme, die sich im Sand

verlieren oder durch die Gebirgsart durchseigen, wie sie den Steppen im

östlichen Asien und den persischen Wüsten eigen sind, kommen hier nicht

vor. Die amerikanischen Llanos fallen gegen Ost und Süd und ihre

strömenden Gewässer laufen in den Orinoco.

Nach dem Lauf dieser Flüsse hatte ich früher geglaubt, daß die Ebenen

Plateaus bilden müßten, die mindestens 100 bis 150 Toisen über dem Meer

gelegen wären. Ich dachte mir, auch die Wüsten im inneren Afrika müßten

beträchtlich hoch liegen und stufenweise von den Küsten bis ins Innere des

großen Continents über einander aufsteigen. Bis jetzt ist noch kein

Barometer in die Sahara gekommen. Was aber die amerikanischen Llanos

betrifft, so zeigen die Barometerhöhen, die ich zu Calabozo, zu Villa del

Pao und an der Mündung des Meta beobachtet, daß sie nicht mehr als 40 bis

50 Toisen über dem Meeresspiegel liegen. Die Flüsse haben einen sehr

schwachen, oft kaum merklichen Fall. So kommt es, daß beim geringsten

Wind, und wenn der Orinoco anschwillt, die Flüsse, die in ihn fallen,

rückwärts gedrängt werden. Im Rio Arauca bemerkt man häufig diese Strömung

*nach oben*. Die Indianer glauben einen ganzen Tag lang abwärts zu

schiffen, während sie von der Mündung gegen die Quellen fahren. Zwischen

den abwärtsströmenden und den aufwärtsströmenden Gewässern bleibt eine

bedeutende Wassermasse still stehen, in der sich durch

Gleichgewichtsstörung Wirbel bilden, die den Fahrzeugen gefährlich werden.

Der eigenthümlichste Zug der Savanen oder Steppen Südamerikas ist die

völlige Abwesenheit aller Erhöhungen, die vollkommen wagerechte Lage des

ganzen Bodens. Die spanischen Eroberer, die zuerst von Coro her an die

Ufer des Apure vordrangen, haben sie daher auch weder Wüsten, noch

Savanen, noch Prairien genannt, sondern Ebenen, _los Llanos_. Auf dreißig

Quadratmeilen zeigt der Boden oft keine fußhohe Unebenheit. Diese

Aehnlichkeit mit der Meeresfläche drängt sich der Einbildungskraft

besonders da auf, wo die Ebenen gar keine Palmen tragen, und wo man von

den Bergen an der Küste und vom Orinoco so weit weg ist, daß man dieselben

nicht sieht, wie in der Mesa de Pavones. Dort könnte man sich versucht

fühlen, mit einem Reflexionsinstrument Sonnenhöhen aufzunehmen, wenn nicht

der *Land-Horizont*, in Folge des wechselnden Spiels der Refractionen,

beständig in Nebel gehüllt wäre. Diese Ebenheit des Bodens ist noch

vollständiger unter dem Meridian von Calabozo als gegen Ost zwischen Cari,

Villa del Pao und Nueva Barcelona; aber sie herrscht ohne Unterbrechung

von den Mündungen des Orinoco bis zur Villa de Araure und Ospinos, auf

einem *Parallel* von 180 Meilen, und von San Carlos bis zu den Savanen am

Caqueta aus, einem *Meridian* von 200 Meilen. Sie vor Allem ist

charakteristisch für den neuen Continent, so wie für die asiatischen

Steppen zwischen dem Dnieper und der Wolga, zwischen dem Irtisch und dem

Obi. Dagegen zeigen die Wüsten im inneren Afrika, in Arabien, Syrien und

Persien, die Cobi und die Casna viele Bodenunebenheiten, Hügelreihen,

wasserlose Schluchten und festes Gestein, das aus dem Sand hervorragt.

Trotz der scheinbaren Gleichförmigkeit ihrer Fläche finden sich indessen

in den Llanos zweierlei Unebenheiten, die dem aufmerksamen Beobachter

nicht entgehen. Die erste Art nennt man _bancos_; es sind wahre Bänke,

Untiefen im Steppenbecken, zerbrochene Schichten von festem Sandstein oder

Kalkstein, die 4 bis 5 Fuß höher liegen als die übrige Ebene. Diese Bänke

sind zuweilen drei bis vier Meilen lang; sie sind vollkommen eben und

wagerecht und man bemerkt ihr Vorhandenseyn überhaupt nur dann, wenn man

ihre Ränder vor sich hat. Die zweite Unebenheit läßt sich nur durch

geodätische oder barometrische Messungen oder am Lauf der Flüsse erkennen;

sie heißt Mesa. Es sind dieß kleine Plateaus, oder vielmehr convexe

Erhöhungen, die unmerklich zu einigen Toisen Höhe ansteigen. Dergleichen

sind ostwärts in der Provinz Cumana, im Norden von Villa de la Merced und

Candelaria, die *Mesas Amana, Guanipa und Jonoro*, die von Südwest nach

Nordost streichen und trotz ihrer unbedeutenden Höhe die Wasser zwischen

dem Orinoco und der Nordküste von Terra firma scheiden. Nur die sanfte

Wölbung der Savane bildet die Wasserscheide; hier sind die _divortia

aquarum_,(69) wie in Polen, wo fern von den Karpathen die Wasserscheide

zwischen dem baltischen und dem schwarzen Meere in der Ebene selbst liegt.

Die Geographen setzen da, wo eine Wasserscheide ist, immer Bergzüge

voraus, und so sieht man denn auch auf den Karten dergleichen um die

Quellen des Rio Neveri, des Unare, des Guarapiche und des Pao

eingezeichnet. Dieß erinnert an die mongolischen Priester, die nach einem

alten abergläubischen Brauch an allen Stellen, wo die Wasser nach

entgegengesetzten Seiten fließen, *Obos* oder kleine Steinhaufen

errichten.

Das ewige Einerlei der Llanos, die große Seltenheit von bewohnten Plätzen,

die Beschwerden der Reise unter einem glühenden Himmel und bei

stauberfüllter Luft, die Aussicht auf den Horizont, der beständig vor

einem zurückzuweichen scheint, die vereinzelten Palmstämme, deren einer

aussieht wie der andere, und die man gar nicht erreichen zu können meint,

weil man sie mit andern Stämmen verwechselt, die nach einander am

Gesichtskreis auftauchen -- all dieß zusammen macht, daß einem die Steppen

noch weit größer vorkommen, als sie wirklich sind. Die Pflanzer am

Südabhang des Küstengebirges sehen die Steppen grenzenlos, gleich einem

grünen Ocean gegen Süd sich ausdehnen. Sie wissen, daß man vom Delta des

Orinoco bis in die Provinz Barinas und von dort über die Flüsse Meta,

Guaviare und Caguan, Anfangs von Ost nach West, sodann von Nordost nach

Nordwest, 380 Meilen weit in den Steppen fortziehen kann, bis über den

Aequator hinaus an den Fuß der Anden von Pasto. Sie kennen nach den

Berichten der Reisenden die Pampas von Buenos Ayres, die gleichfalls mit

feinem Gras bewachsene, baumlose Llanos sind und von verwilderten Rindern

und Pferden wimmeln. Sie sind, nach Anleitung unserer meisten Karten von

Amerika, der Meinung, der Continent habe nur Eine Bergkette, die der

Anden, die von Süd nach Nord läuft, und nach einem unbestimmten

systematischen Begriff lassen sie alle Ebenen vom Orinoco und vom Apure an

bis zum Rio de la Plata und der Magellan’schen Meerenge untereinander

zusammenhängen.

Ich entwerfe im Folgenden ein möglichst klares und gedrängtes Bild vom

allgemeinen Bau eines Festlandes, dessen Endpunkte, unter so verschiedenen

Klimaten sie auch liegen, in mehreren Zügen mit einander übereinkommen. Um

den Umriß und die Grenzen der Ebenen richtig aufzufassen, muß man die

Bergketten kennen, welche den Uferrand derselben bilden. Von der

Küstencordillere, deren höchster Gipfel die Silla bei Caracas ist, und die

durch den Paramo de las Rosas mit dem Nevado von Merida und den Anden von

Neu-Grenada zusammenhängt, haben wir bereits gesprochen. Eine zweite

Bergkette, oder vielmehr ein minder hoher, aber weit breiterer Bergstock

läuft zwischen dem 3. und 7. Parallelkreise von den Mündungen des Guaviare

und Meta zu den Quellen des Orinoco, Marony und Esquibo, gegen das

holländische und französische Guyana zu. Ich nenne diese Kette die

*Cordillere der Parime* oder der großen Fälle des Orinoco; man kann sie

250 Meilen weit verfolgen, es ist aber nicht sowohl eine Kette, als ein

Haufen granitischer Berge, zwischen denen kleine Ebenen liegen und die

nicht überall Reihen bilden. Der Bergstock der Parime verschmälert sich

bedeutend zwischen den Quellen des Orinoco und den Bergen von Demerary zu

den Sierras von Quimiropaca und Pacaraimo, welche die Wasserscheide bilden

zwischen dem Carony und dem Rio Parime oder Rio de Aguas blancas. Dieß ist

der Schauplatz der Unternehmungen, um den Dorado aufzusuchen und die große

Stadt Manoa, das Tombuctu der neuen Welt. Die Cordillere der Parime hängt

mit den Anden von Neu-Grenada nicht zusammen; sie sind durch einen 80

Meilen breiten Zwischenraum getrennt. Dächte man sich, dieselbe sey hier

durch eine große Erdumwälzung zerstört worden, was übrigens gar nicht

wahrscheinlich ist, so müßte man annehmen, sie sey einst von den Anden

zwischen Santa Fe de Bogota und Pamplona abgegangen. Diese Bemerkung mag

dazu dienen, die geographische Lage dieser Cordillere, die bis jetzt sehr

wenig bekannt geworden, dem Leser besser einzuprägen. -- Eine dritte

Bergkette verbindet unter dem 16. und 18. Grad südl. Breite (über Santa

Cruz de la Sierra, die Serranias von Aguapehy und die vielberufenen Campos

dos Parecis) die peruanischen Anden mit den Gebirgen Brasiliens. Dieß ist

die *Cordillere von Chiquitos*, die in der Capitania von Minas Geraes

breiter wird und die Wasserscheide zwischen dem Amazonenstrom und dem La

Plata bildet, nicht nur im innern Lande, im Meridian von Villa Boa,

sondern bis wenige Meilen von der Küste, zwischen Rio Janeiro und Bahia.

Diese drei Querketten oder vielmehr diese drei *Bergstöcke*, welche

innerhalb der Grenzen der heißen Zone von West nach Ost streichen, sind

durch völlig ebene Landstriche getrennt, *die Ebenen von Caracas* oder am

untern Orinoco, *die Ebenen des Amazonenstroms* und des Rio Negro, *die

Ebenen von Buenos Ayres* oder des La Plata. Ich brauche nicht den Ausdruck

*Thäler*, weil der untere Orinoco und der Amazonenstrom keineswegs in

einem Thale fließen, sondern nur in einer weiten Ebene eine kleine Rinne

bilden. Die beiden Becken an den beiden Enden Südamerikas sind Savanen

oder Steppen, baumlose Weiden; das mittlere Becken, in welches das ganze

Jahr die tropischen Regen fallen, ist fast durchgängig ein ungeheurer

Wald, in dem es keinen andern Pfad gibt als die Flüsse. Wegen des

kräftigen Pflanzenwuchses, der den Boden überzieht, fällt hier die

Ebenheit desselben weniger auf, und nur die Becken von Caracas und La

Plata nennt man *Ebenen*. In der Sprache der Colonisten heißen die drei

eben beschriebenen Becken: die *Llanos* von Barinas und Caracas, die

*Bosques* oder *Selvas* (Wälder) des Amazonenstromes, und die *Pampas* von

Buenos Ayres. Der Wald bedeckt nicht nur größtentheils die *Ebenen des

Amazonenstroms* von der Cordillere von Chiquitos bis zu der der Parime, er

überzieht auch diese beiden Bergketten, welche selten die Höhe der

Pyrenäen erreichen. Deßhalb sind die weiten Ebenen des Amazonenstromes,

des Madeira und Rio Negro nicht so scharf begrenzt wie die *Llanos* von

Caracas und die *Pampas* von Buenos Ayres. Da die *Waldregion* Ebenen und

Gebirge zugleich begreift, so erstreckt sie sich vom 18° südlicher bis zum

7 und 8° nördlicher Breite, und umfaßt gegen 120,000 Quadratmeilen. Dieser

Wald des südlichen Amerika, denn im Grunde ist es nur Einer, ist sechsmal

größer als Frankreich; die Europäer kennen ihn nur an den Ufern einiger

Flüsse, die ihn durchströmen, und er hat Lichtungen, deren Umfang mit dem

des Forstes im Verhältniß steht. Wir werden bald an sumpfigen Savanen

zwischen dem obern Orinoco, dem Conorichite und Cassiquiare, unter dem 3.

und 4. Grad der Breite, vorüberkommen. Unter demselben Parallelkreise

liegen andere Lichtungen oder _Savanas limpias_(70) zwischen den Quellen

des Mao und des Rio de Aguas blancas, südlich von der Sierra Pacaraima.

Diese letzteren Savanen sind von Caraiben und nomadischen Macusis bewohnt;

sie ziehen sich bis nahe an die Grenzen des holländischen und

französischen Guyana fort.

Wir haben die geologischen Verhältnisse von Südamerika geschildert; heben

wir jetzt die Hauptzüge heraus. Den Westküsten entlang läuft eine

ungeheure Gebirgsmauer, reich an edlen Metallen überall, wo das

vulkanische Feuer sich nicht durch den ewigen Schnee Bahn gebrochen: dieß

ist die *Cordillere der Anden*. Gipfel von Trappporphyr steigen hier zu

mehr als 3300 Toisen Höhe auf, und die mittlere Höhe der Kette beträgt

1850 Toisen. Sie streicht in der Richtung eines Meridians fort und schickt

in jeder Halbkugel, unter dem 10. Grad nördlicher und unter dem 16. und

18. Grad südlicher Breite einen Seitenzweig ab. Der erstere dieser Zweige,

die Küstencordillere von Caracas, ist minder breit und bildet eine

eigentliche Kette. Der zweite, die Cordillere von Chiquitos und an den

Quellen des Guapore, ist sehr reich an Gold und breitet sich ostwärts, in

Brasilien, zu weiten Plateaus mit gemäßigtem Klima aus. Zwischen diesen

beiden, mit den Anden zusammenhängenden Querketten liegt vom 3. zum 7.

Grad nördlicher Breite eine abgesonderte Gruppe granitischer Berge, die

gleichfalls parallel mit dem Aequator, jedoch nicht über den 71. Grad der

Länge fortstreicht, dort gegen Westen rasch abbricht und mit den Anden von

Neu-Grenada nicht zusammenhängt. Diese drei Querketten haben keine

thätigen Vulkane; wir wissen aber nicht, ob auch die südlichste, gleich

den beiden andern, keinen Trachyt oder Trappporphyr hat. Keiner ihrer

Gipfel erreicht die Grenze des ewigen Schnees, und die mittlere Höhe der

Cordillere der Parime und der Küstencordillere von Caracas beträgt nicht

ganz 600 Toisen, wobei übrigens manche Gipfel sich doch 1400 Toisen über

das Meer erheben. Zwischen den drei Querketten liegen Ebenen, die

sämmtlich gegen West geschlossen, gegen Ost und Südost offen sind. Bedenkt

man ihre so unbedeutende Höhe über dem Meer, so fühlt man sich versucht,

sie als *Golfe* zu betrachten, die in der Richtung des Rotationsstroms

fortstreichen. Wenn in Folge einer ungewöhnlichen Anziehung die Gewässer

des atlantischen Meers an der Mündung des Orinoco um fünfzig Toisen, an

der Mündung des Amazonenstroms um zweihundert Toisen stiegen, so würde die

Fluth mehr als die Hälfte von Südamerika bedecken. Der Ostabhang oder der

Fuß der Anden, der jetzt sechshundert Meilen von den Küsten Brasiliens

abliegt, wäre ein von der See bespültes Ufer. Diese Betrachtung gründet

sich auf eine barometrische Messung in der Provinz Jaen de Bracamoros, wo

der Amazonenstrom aus den Cordilleren herauskommt. Ich habe gefunden, daß

dort der ungeheure Strom bei mittlerem Wasserstand nur 194 Toisen über dem

gegenwärtigen Spiegel des atlantischen Meeres liegt. Und diese in der

Mitte gelegenen waldbedeckten Ebenen liegen noch fünfmal höher als die

grasbewachsenen Pampas von Buenos Ayres und die Llanos von Caracas und am

Meta.

Diese Llanos, welche das Becken des untern Orinoco bilden und die wir

zweimal im selben Jahr, in den Monaten März und Juli, durchzogen haben,

hängen zusammen mit dem Becken des Amazonenstroms und des Rio Negro, das

einerseits durch die Cordillere von Chiquitos, andererseits durch die

Gebirge der Parime begrenzt ist. Dieser Zusammenhang vermittelt sich durch

die Lücke zwischen den letzteren und den Anden von Neu-Grenada. Der Boden

in seinem Anblick erinnert hier, nur daß der Maaßstab ein weit größerer

ist, an die lombardischen Ebenen, die sich auch nur 50 bis 60 Toisen über

das Meer erheben und einmal von der Brenta nach Turin von Ost nach West,

dann von Turin nach Coni von Nord nach Süd streichen. Wenn andere

geologische Thatsachen uns berechtigten, die drei großen Ebenen am untern

Orinoco, am Amazonenstrom und am Rio de la Plata als alte Seebecken zu

betrachten, so ließen sich die Ebenen am Rio Vichada und am Meta als ein

Kanal ansehen, durch den die Wasser des oberen Sees, des auf den Ebenen

des Amazonenstroms, in das tiefere Becken, in die Llanos von Caracas,

durchgebrochen wären und dabei die Cordillere der Parime von der der Anden

getrennt hätten. Dieser Kanal ist eine Art Land-Meerenge (_détroit

terrestre_). Der durchaus ebene Boden zwischen dem Guaviare, dem Meta und

Apure zeigt keine Spur von gewaltsamem Einbruch der Gewässer; aber am Rand

der Cordillere der Parime, zwischen dem 4. und 7. Grad der Breite, hat

sich der Orinoco, der von seiner Quelle bis zur Einmündung des Guaviare

westwärts fließt, auf seinem Lauf von Süd nach Nord durch das Gestein

einen Weg gebrochen. Alle großen Katarakte liegen, wie wir bald sehen

werden, auf dieser Strecke. Aber mit der Einmündung des Apure, dort, wo im

so niedrig gelegenen Lande der Abhang gegen Nord mit dem Gegenhang nach

Südost zusammentrifft, das heißt mit der Böschung der Ebenen, die

unmerklich gegen die Gebirge von Caracas *ansteigen*, macht der Fluß

wieder eine Biegung und strömt sofort ostwärts. Ich glaubte den Leser

schon hier auf diese sonderbaren Windungen des Orinoco aufmerksam machen

zu müssen, weil er mit seinem Lauf, als zwei Becken zumal angehörend,

selbst auf den mangelhaftesten Karten gewissermaßen die Richtung des

Theils der Ebenen bezeichnet, der zwischen die Anden von Neu-Grenada und

den westlichen Saum der Gebirge der Parime eingeschoben ist.

Die Llanos oder Steppen am untern Orinoco und am Meta führen, gleich den

afrikanischen Wüsten, in ihren verschiedenen Strichen verschiedene Namen.

Von den Boccas del Dragon an folgen von Ost nach West auf einander: die

Llanos von Cumana, von Barcelona und von Caracas oder Venezuela. Wo die

Steppen vom 8. Breitegrad an, zwischen dem 70. und 73. Grad der Länge,

sich nach Süd und Süd-Süd-West wenden, kommen von Nord nach Süd die Llanos

von Barinas, Casanare, Meta, Guaviare, Caguan und Caqueta. In den Ebenen

von Barinas kommen einige nicht sehr bedeutende Denkmäler vor, die auf ein

nicht mehr vorhandenes Volk deuten. Man findet zwischen Mijagual und dem

Caño de la Hacha wahre Grabhügel, dort zu Lande _Serillos de los Indios_

genannt. Es sind kegelförmige Erhöhungen, aus Erde von Menschenhand

aufgeführt, und sie bergen ohne Zweifel menschliche Gebeine, wie die

Grabhügel in den asiatischen Steppen. Ferner beim Hato de la Calzada,

zwischen Barinas und Caragua, sieht man eine hübsche Straße, fünf Meilen

lang, vor der Eroberung, in sehr alter Zeit von den Eingeborenen angelegt.

Es ist ein Erddamm, fünfzehn Fuß hoch, der über eine häufig überschwemmte

Ebene führt. Hatten sich etwa civilisirtere Völker von den Gebirgen von

Truxillo und Merida über die Ebenen am Rio Apure verbreitet? Die heutigen

Indianer zwischen diesem Fluß und dem Meta sind viel zu versunken, um an

die Errichtung von Kunststraßen oder Grabhügeln zu denken.

Ich habe den Flächenraum dieser Llanos von der Caqueta bis zum Apure und

vom Apure zum Delta des Orinoco auf 17,000 Quadratmeilen (20 auf den Grad)

berechnet. Der von Nord nach Süd sich erstreckende Theil ist beinahe

doppelt so groß als der von Ost nach West zwischen dem untern Orinoco und

der Küstencordillere von Caracas streichende. Die *Pampas* nord- und

nordwestwärts von Buenos Ayres, zwischen dieser Stadt und Cordova, Jujuy

und Tucuman, sind ungefähr eben so groß als die Llanos; aber die Pampas

setzen sich noch 18 Grad weiter nach Süden fort, und sie erstrecken sich

über einen so weiten Landstrich, daß am einen Saume Palmen wachsen,

während der andere, eben so niedrig gelegene und ebene, mit ewigem Eis

bedeckt ist.

Die amerikanischen Llanos sind da, wo sie parallel mit dem Aequator

streichen, viermal schmäler als die große afrikanische Wüste. Dieser

Umstand ist von großer Bedeutung in einem Landstrich, wo die Richtung der

Winde beständig von Ost nach West geht. Je weiter Ebenen in dieser

Richtung sich erstrecken, desto heißer ist ihr Klima. Das große

afrikanische Sandmeer hängt über Yemen mit Gedrosia und Beludschistan bis

ans rechte Ufer des Indus zusammen; und in Folge der Winde, die über die

ostwärts gelegenen Wüsten weggegangen sind, ist das Becken des rothen

Meers, in der Mitte von Ebenen, welche auf allen Punkten Wärme strahlen,

eine der heißesten Gegenden des Erdballs. Der unglückliche Capitän Tuckey

berichtet, daß der hunderttheilige Thermometer sich dort fast immer bei

Nacht auf 34°, bei Tag auf 40 bis 44° hält. Wie wir bald sehen werden,

haben wir selbst im westlichsten Theil der Steppen von Caracas die

Temperatur der Luft, im Schatten und vom Boden entfernt, selten über 37°

gefunden.

An diese physikalischen Betrachtungen über die Steppen der neuen Welt

knüpfen sich andere, höhere, solche, die sich auf die Geschichte unserer

Gattung beziehen. Das große afrikanische Sandmeer, die wasserlosen Wüsten

sind nur von Caravanen besucht, die bis zu 50 Tagen brauchen, sie zu

durchziehen. Die Sahara trennt die Völker von Negerbildung von den Stämmen

der Araber und Berbern und ist nur in den Oasen bewohnt. Weiden hat sie

nur im östlichen Striche, wo als Wirkung der Passatwinde die Sandschicht

weniger dick ist, so daß die Quellen zu Tage brechen können. Die Steppen

Amerikas sind nicht so breit, nicht so glühend heiß, sie werden von

herrlichen Strömen befruchtet und sind so dem Verkehr der Völker weit

weniger hinderlich. Die *Llanos* trennen die Küstencordillere von Caracas

und die Anden von Neu-Grenada von der Waldregion, von jener Hyläa(71) des

Orinoco, die schon bei der Entdeckung Amerikas von Völkern bewohnt war,

welche auf einer weit tieferen Stufe der Cultur standen, als die Bewohner

der Küsten und vor allen des Gebirgslands der Cordilleren. Indessen waren

die Steppen einst so wenig eine Schutzmauer der Cultur, als sie

gegenwärtig für die in den Wäldern lebenden Horden eine Schutzmauer der

Freiheit sind. Sie haben die Völker am untern Orinoco nicht abgehalten,

die kleinen Flüsse hinaufzufahren und nach Nord und West Einfälle ins Land

zu machen. Hätte es die mannigfaltige Verbreitung der Thiergeschlechter

über die Erde mit sich gebracht, daß das Hirtenleben in der neuen Welt

bestehen konnte; hätten vor der Ankunft der Spanier auf den Llanos und

Pampas so zahlreiche Heerden von Rindern und Pferden geweidet wie jetzt,

so wäre Columbus das Menschengeschlecht hier in ganz anderer Verfassung

entgegengetreten. Hirten-Völker, die von Milch und Käse leben, wahre

Nomaden hätten diese weiten, mit einander zusammenhängenden Ebenen

durchzogen. In der trockenen Jahreszeit und selbst zur Zeit der

Ueberschwemmungen hätten sie den Besitz der Weiden einander streitig

gemacht, sie hätten einander unterjocht, und vereint durch das gemeinsame

Band der Sitten, der Sprache und der Gottesverehrung, sich zu der Stufe

von Halbcultur erhoben, die uns bei den Völkern mongolischen und

tartarischen Stammes überraschend entgegentritt. Dann hätte Amerika,

gleich dem mittleren Asien, seine Eroberer gehabt, welche aus den Ebenen

zum Plateau der Cordilleren hinauf stiegen, dem umherschweifenden Leben

entsagten, die cultivirten Völker von Peru und Neu-Grenada unterjochten,

den Thron der Incas und des Zaque(72) umstürzten und an die Stelle des

Despotismus, wie er aus der Theokratie fließt, den Despotismus setzten,

wie ihn das patriarchalische Regiment der Hirtenvölker mit sich bringt.

Die Menschheit der neuen Welt hat diese großen moralischen und politischen

Wechsel nicht durchgemacht, und zwar weil die Steppen, obgleich

fruchtbarer als die asiatischen, ohne Heerden waren, weil keines der

Thiere, die reichliche Milch geben, den Ebenen Südamerikas eigenthümlich

ist, und weil in der Entwicklung amerikanischer Cultur das Mittelglied

zwischen Jägervölkern und ackerbauenden Völkern fehlte.

Die hier mitgetheilten allgemeinen Bemerkungen über die Ebenen des neuen

Continents und ihre Eigenthümlichkeiten gegenüber den Wüsten Afrikas und

den fruchtbaren Steppen Asiens schienen mir geeignet, den Bericht einer

Reise durch so einförmige Landstriche anziehender zu machen. Jetzt aber

mag mich der Leser auf unserem Wege von den vulkanischen Bergen von

Parapara und dem nördlichen Saum der Llanos zu den Ufern des Apure in der

Provinz Barinas begleiten.

Nachdem wir zwei Nächte zu Pferde gewesen und vergeblich unter Gebüsch von

Murichipalmen Schutz gegen die Sonnengluth gesucht hatten, kamen wir vor

Nacht zum kleinen Hofe »_el Cayman_« auch la Guadalupe genannt. Es ist

dieß ein _Hato de ganado_, das heißt ein einsames Haus in der Steppe,

umher ein paar kleine mit Rohr und Häuten bedeckte Hütten. Das Vieh,

Rinder, Pferde, Maulthiere, ist nicht eingepfercht; es läuft frei auf

einem Flächenraum von mehreren Quadratmeilen. Nirgends ist eine Umzäunung.

Männer, bis zum Gürtel nackt und mit einer Lanze bewaffnet, streifen zu

Pferd über die Savanen, um die Heerden im Auge zu behalten,

zurückzutreiben, was sich zu weit von den Weiden des Hofes verläuft, mit

dem glühenden Eisen zu zeichnen, was noch nicht den Stempel des

Eigenthümers trägt. Diese Farbigen, _Peones llaneros_ genannt, sind zum

Theil Freie oder Freigelassene, zum Theil Sklaven. Nirgends ist der Mensch

so anhaltend dem sengenden Strahl der tropischen Sonne ausgesetzt. Sie

nähren sich von luftdürrem, schwach gesalzenem Fleisch; selbst ihre Pferde

fressen es zuweilen. Sie sind beständig im Sattel und meinen nicht den

unbedeutendsten Gang zu Fuß machen zu können. Wir trafen im Hof einen

alten Negersklaven, der in der Abwesenheit des Herrn das Regiment führte.

Heerden von mehreren tausend Kühen sollten in der Steppe weiden; trotzdem

baten wir vergeblich um einen Topf Milch. Man reichte uns in

Tutumofrüchten gelbes, schlammigtes, stinkendes Wasser: es war aus einem

Sumpf in der Nähe geschöpft. Die Bewohner der Llanos sind so träg, daß sie

gar keine Brunnen graben, obgleich man wohl weiß, daß sich fast

allenthalben in zehn Fuß Tiefe gute Quellen in einer Schicht von

Conglomerat oder rothem Sandstein finden. Nachdem man die eine Hälfte des

Jahres durch die Ueberschwemmungen gelitten, erwägt man in der andern

geduldig den peinlichsten Wassermangel. Der alte Neger rieth uns, das

Gefäß mit einem Stück Leinwand zu bedecken und so gleichsam durch ein

Filtrum zu trinken, damit uns der üble Geruch nicht belästigte und wir vom

feinen, gelblichten Thon, der im Wasser suspendirt ist, nicht so viel zu

verschlucken hätten. Wir ahnten nicht, daß wir von nun an Monate lang auf

dieses Hülfsmittel angewiesen seyn würden. Auch das Wasser des Orinoco hat

sehr viele erdigte Bestandtheile; es ist sogar stinkend, wo in

Flußschlingen todte Krokodile auf den Sandbänken liegen oder halb im

Schlamm stecken.

Kaum war abgepackt und unsere Instrumente aufgestellt, so ließ man unsere

Maulthiere laufen und, wie es dort heißt, »Wasser in der Savane suchen.«

Rings um den Hof sind kleine Teiche; die Thiere finden sie, geleitet von

ihrem Instinkt, von den Mauritia-Gebüschen, die hie und da zu sehen sind,

und von der feuchten Kühlung, die ihnen in einer Atmosphäre, die uns ganz

still und regungslos erscheint, von kleinen Luftströmen zugeführt wird.

Sind die Wasserlachen zu weit entfernt und die Knechte im Hof zu faul, um

die Thiere zu diesen natürlichen Tränken zu führen, so sperrt man sie

fünf, sechs Stunden lang in einen recht heißen Stall, bevor man sie laufen

läßt. Der heftige Durst steigert dann ihren Scharfsinn, indem er gleichsam

ihre Sinne und ihren Instinkt schärft. So wie man den Stall öffnet, sieht

man Pferde und Maulthiere, die letzteren besonders, vor deren Spürkraft

die Intelligenz der Pferde zurückstehen muß, in die Savane hinausjagen.

Den Schwanz hoch gehoben, den Kopf zurückgeworfen, laufen sie gegen den

Wind und halten zuweilen an, wie um den Raum auszukundschaften; sie

richten sich dabei weniger nach den Eindrücken des Gesichts als nach denen

des Geruchs, und endlich verkündet anhaltendes Wiehern, daß sich in der

Richtung ihres Laufs Wasser findet. In den Llanos geborene Pferde, die

sich lange in umherschweifenden Rudeln frei getummelt haben, sind in allen

diesen Bewegungen rascher und kommen dabei leichter zum Ziele als solche,

die von der Küste herkommen und von zahmen Pferden abstammen. Bei den

meisten Thieren, wie beim Menschen, vermindert sich die Schärfe der Sinne

durch lange Unterwürfigkeit und durch die Gewöhnungen, wie feste Wohnsitze

und die Fortschritte der Cultur sie mit sich bringen.

Wir gingen unsern Maulthieren nach, um zu einer der Lachen zu gelangen,

aus denen man das trübe Wasser schöpft, das unsern Durst so übel gelöscht

hatte. Wir waren mit Staub bedeckt, verbrannt vom Sandwind, der die Haut

noch mehr angreift als die Sonnenstrahlen. Wir sehnten uns nach einem Bad,

fanden aber nur ein großes Stück stehenden Wassers, mit Palmen umgeben.

Das Wasser war trüb, aber zu unserer großen Verwunderung etwas kühler als

die Luft. Auf unserer langen Reise gewöhnt, zu baden, so oft sich

Gelegenheit dazu bot, oft mehrmals des Tages, besannen wir uns nicht lange

und sprangen in den Teich. Kaum war das behagliche Gefühl der Kühlung über

uns gekommen, als ein Geräusch am entgegengesetzten Ufer uns schnell

wieder aus dem Wasser trieb. Es war ein Krokodil, das sich in den Schlamm

grub. Es wäre unvorsichtig gewesen, zur Nachtzeit an diesem sumpfigten Ort

zu verweilen.

Wir waren nur eine Viertelmeile vom Hof entfernt, wir gingen aber über

eine Stunde und kamen nicht hin. Wir wurden zu spät gewahr, daß wir eine

falsche Richtung eingeschlagen. Wir hatten bei Anbruch der Nacht, noch ehe

die Sterne sichtbar wurden, den Hof verlassen und waren auf Gerathewohl in

der Ebene fortgegangen. Wir hatten, wie immer, einen Compaß bei uns; auch

konnten wir uns nach der Stellung des Canopus und des südlichen Kreuzes

leicht orientiren; aber all dieß half uns zu nichts, weil wir nicht gewiß

wußten, ob wir vom Hof weg nach Ost oder nach Süd gegangen waren. Wir

wollten an unsern Badeplatz zurück und gingen wieder drei Viertelstunden,

ohne den Teich zu finden. Oft meinten wir Feuer am Horizont zu sehen; es

waren aufgehende Sterne, deren Bild durch die Dünste vergrößert wurde.

Nachdem wir lange in der Savane umhergeirrt, beschlossen wir, unter einem

Palmbaume, an einem recht trockenen, mit kurzem Gras bewachsenen Ort uns

niederzusetzen; denn frisch angekommene Europäer fürchten sich immer mehr

vor den Wasserschlangen als vor den Jaguars. Wir durften nicht hoffen, daß

unsere Führer, deren träge Gleichgültigkeit uns wohl bekannt war, uns in

der Savane suchen würden, bevor sie ihre Lebensmittel zubereitet und

abgespeist hätten. Je bedenklicher unsere Lage war, desto freudiger

überraschte uns ferner Hufschlag, der auf uns zukam. Es war ein mit einer

Lanze bewaffneter Indianer, der vom »_Rodeo_« zurückkam, das heißt von der

Streife, durch die man das Vieh auf einen bestimmten Raum zusammentreibt.

Beim Anblick zweier Weißen, die verirrt seyn wollten, dachte er zuerst an

irgend eine böse List von unserer Seite, und es kostete uns Mühe, ihm

Vertrauen einzuflößen. Endlich ließ er sich willig finden, uns zum Hof zu

führen, ritt aber dabei in seinem kurzen Trott weiter. Unsere Führer

versicherten, »sie hätten bereits angefangen besorgt um uns zu werden,«

und diese Besorgnis; zu rechtfertigen, zählten sie eine Menge Leute her,

die, in den Llanos verirrt, im Zustand völliger Erschöpfung gefunden

worden. Die Gefahr kann begreiflich nur dann sehr groß seyn, wenn man weit

von jedem Wohnplatz abkommt, oder wenn man, wie es in den letzten Jahren

vorgekommen ist, von Räubern geplündert und an Leib und Händen an einen

Palmstamm gebunden wird.

Um von der Hitze am Tage weniger zu leiden, brachen wir schon um 2 Uhr in

der Nacht auf und hofften vor Mittag *Calabozo* zu erreichen, eine kleine

Stadt mit lebhaftem Handel, die mitten in den Llanos liegt. Das Bild der

Landschaft ist immer dasselbe. Der Mond schien nicht, aber die großen

Haufen von Nebelsternen, die den südlichen Himmel schmücken, beleuchteten

im Niedergang einen Theil des Land-Horizonts. Das erhabene Schauspiel des

Sternengewölbes in seiner ganzen unermeßlichen Ausdehnung, der frische

Luftzug, der bei Nacht über die Ebene streicht, das Wogen des Grases,

überall wo es eine gewisse Höhe erreicht -- Alles erinnerte uns an die

hohe See. Vollends stark wurde die Täuschung (man kann es nicht oft genug

sagen), als die Sonnenscheibe am Horizont erschien, ihr Bild durch die

Strahlenbrechung sich verdoppelte, ihre Abplattung nach kurzer Frist

verschwand, und sie nun rasch gerade zum Zenith aufstieg.

Sonnenaufgang ist auch in den Ebenen der kühlste Zeitpunkt am Tage; aber

dieser Temperaturwechsel macht keinen bedeutenden Eindruck auf die Organe.

Wir sahen den Thermometer meist nicht unter 27°,5 [22° Reaumur] fallen,

während bei Acapulco in Mexico auf gleichfalls sehr tiefem Boden die

Temperatur um Mittag oft 32°, bei Sonnenaufgang 17--18° beträgt. In den

Llanos absorbirt die ebene, bei Tag niemals beschattete Fläche so viel

Wärme, daß Erde und Luft, trotz der nächtlichen Strahlung gegen einen

wolkenlosen Himmel, von Mitternacht bis zu Sonnenaufgang sich nicht

merkbar abkühlen können. In Calabozo war im März die Temperatur bei Tag

31--32°,5, bei Nacht 28--29°. Die mittlere Temperatur dieses Monats, der

nicht der heißeste im Jahr ist, mag etwa 30°,6 seyn, eine ungeheure Hitze

für ein Land unter den Tropen, wo Tage und Nächte fast immer gleich lang

sind. In Cairo ist die mittlere Temperatur des heißesten Monats nur 29°,9,

in Madras 31°,8, und zu Abushär im persischen Meerbusen, von wo Reihen von

Beobachtungen vorliegen, 34°; aber die mittleren Temperaturen des ganzen

Jahres sind in Madras und Abushär niedriger als in Calabozo. Obgleich ein

Theil der Llanos, gleich den fruchtbaren Steppen Sibiriens, von kleinen

Flüssen durchströmt wird, und ganz dürre Striche von Land umgeben sind,

das in der Regenzeit unter Wasser steht, so ist die Luft dennoch im

Allgemeinen äußerst trocken. Delucs Hygrometer zeigte bei Tag 34°, bei

Nacht 36°.

Wie die Sonne zum Zenith aufstieg und die Erde und die über einander

gelagerten Luftschichten verschiedene Temperaturen annahmen, zeigte sich

das Phänomen der *Luftspiegelung* mit seinen mannichfaltigen Abänderungen.

Es ist dieß in allen Zonen eine ganz gewöhnliche Erscheinung, und ich

erwähne hier derselben nur, weil wir Halt machten, um die Breite des

Luftraumes zwischen dem Horizont und dem aufgezogenen Bilde mit einiger

Genauigkeit zu messen. Das Bild war immer hinaufgezogen, *aber nicht

verkehrt*. Die kleinen, über die Bodenfläche wegstreichenden Luftströme

hatten eine so veränderliche Temperatur, daß in einer Heerde wilder Ochsen

manche mit den Beinen in der Luft zu schweben schienen, während andere auf

dem Boden standen. Der Luftstrich war, je nach der Entfernung des Thiers,

3--4 Minuten breit. Wo Gebüsche der Mauritiapalme in langen Streifen

hinliefen, schwebten die Enden dieser grünen Streifen in der Luft, wie die

Vorgebirge, die zu Cumana lange Gegenstand meiner Beobachtungen

gewesen.(73) Ein unterrichteter Mann versicherte uns, er habe zwischen

Calabozo und Urituru das verkehrte Bild eines Thieres gesehen, ohne

direktes Bild. Niebuhr hat in Arabien etwas Aehnliches beobachtet. Oefters

meinten wir am Horizont Grabhügel und Thürme zu erblicken, die von Zeit zu

Zeit verschwanden, ohne daß wir die wahre Gestalt der Gegenstände

auszumitteln vermochten. Es waren wohl Erdhaufen, kleine Erhöhungen,

jenseits des gewöhnlichen Gesichtskreises gelegen. Ich spreche nicht von

den pflanzenlosen Flächen, die sich als weite Seen mit wogender Oberfläche

darstellten. Wegen dieser Erscheinung, die am frühesten beobachtet worden

ist, heißt die Luftspiegelung im Sanscrit ausdrucksvoll die *Sehnsucht

(der Durst) der Antilope*. Die häufigen Anspielungen der indischen,

persischen und arabischen Dichter auf diese magischen Wirkungen der

irdischen Strahlenbrechung sprechen uns ungemein an. Die Griechen und

Römer waren fast gar nicht bekannt damit. Stolz begnügt mit dem Reichthum

ihres Bodens und der Milde ihres Klimas hatten sie wenig Sinn für eine

solche Poesie der Wüste. Die Geburtsstätte derselben ist Asien; den

Dichtern des Orients wurde sie durch die natürliche Beschaffenheit ihrer

Länder an die Hand gegeben; der Anblick der weiten Einöden, die sich

gleich Meeresarmen und Buchten zwischen Länder eindrängen, welche die

Natur mit überschwenglicher Fruchtbarkeit geschmückt, wurde für sie zu

einer Quelle der Begeisterung.

Mit Sonnenaufgang ward die Ebene belebter. Das Vieh, das sich bei Nacht

längs der Teiche oder unter Murichi- und Rhopalabüschen gelagert hatte,

sammelte sich zu Heerden, und die Einöde bevölkerte sich mit Pferden,

Maulthieren und Rindern, die hier nicht gerade als wilde, wohl aber als

freie Thiere leben, ohne festen Wohnplatz, der Pflege und des Schutzes des

Menschen leicht entbehrend. In diesen heißen Landstrichen sind die Stiere,

obgleich von spanischer Race wie die auf den kalten Plateaus von Quito,

von sanfterem Temperament. Der Reisende läuft nie Gefahr, angefallen und

verfolgt zu werden, was uns bei unsern Wanderungen auf dem Rücken der

Cordilleren oft begegnet ist. Dort ist das Klima rauh, zu heftigen Stürmen

geneigt, die Landschaft hat einen wilderen Charakter und das Futter ist

nicht so reichlich. In der Nähe von Calabozo sahen wir Heerden von Rehen

friedlich unter Pferden und Rindern weiden. Sie heißen *Matacani*; ihr

Fleisch ist sehr gut. Sie sind etwas größer als unsere Rehe und gleichen

Damhirschen mit sehr glattem, fahlbraunem, weiß getupftem Fell. Ihre

Geweihe schienen mir einfache Spieße. Sie waren fast gar nicht scheu, und

in Rudeln von 30--40 Stück bemerkten wir mehrere ganz weiße. Diese

Spielart kommt bei den großen Hirschen in den kalten Landstrichen der

Anden häufig vor; in diesen tiefen, heißen Ebenen mußten wir sie

auffallend finden. Ich habe seitdem gehört, daß selbst beim Jaguar in den

heißen Landstrichen von Paraguay zuweilen *Albinos* vorkommen, mit so

gleichförmig weißem Fell, daß man die Flecken oder Ringe nur im Reflex der

Sonne bemerkt. Die Matacanis oder kleinen Damhirsche sind so häufig in den

Llanos, daß ihre Häute einen Handelsartikel abgeben könnten. Ein gewandter

Jäger könnte über zwanzig im Tage schießen. Aber die Einwohner sind so

träge, daß man sich oft gar nicht die Mühe nimmt, dem Thier die Haut

abzuziehen. Ebenso ist es mit der Jagd auf den Jaguar oder großem

amerikanischen Tiger. Ein Jaguarfell, für das man in den Steppen von

Barinas nur einen Piaster bezahlt, kostet in Cadix vier bis fünf Piaster.

Die Steppen, die wir durchzogen, sind hauptsächlich mit Gräsern bewachsen,

mit Killingia, Cenchrus, Paspalum. Diese Gräser waren in dieser Jahreszeit

bei Calabozo und St. Geronimo del Pirital kaum 9 bis 10 Zoll hoch. An den

Flüssen Apure und Portuguesa wachsen sie bis 4 Fuß hoch, so daß der Jaguar

sich darin verstecken und die Pferde und Maulthiere in der Ebene

überfallen kann. Unter die Gräser mischen sich einige Dicotyledonen, wie

Turnera, Malvenarten, und was sehr auffallend ist, kleine Mimosen mit

reizbaren Blättern, von den Spaniern _Dormideras_ genannt. Derselbe

Rinderstamm, der in Spanien mit Klee und Esper gemästet wird, findet hier

ein treffliches Futter an den krautartigen Sensitiven. Die Weiden, wo

diese Sensitiven besonders häufig vorkommen, werden theurer als andere

verkauft. Im Osten, in den Llanos von Cari und Barcelona, sieht man Cypura

und Craniolaria mit der schönen weißen, 6--8 Zoll langen Blüthe sich

einzeln über die Gräser erheben. Am fettesten sind die Weiden nicht nur an

den Flüssen, welche häufig austreten, sondern überall, wo die Palmen

dichter stehen. Ganz baumlose Flecke sind die unfruchtbarsten, und es wäre

wohl vergebliche Mühe, sie anbauen zu wollen. Dieser Unterschied kann

nicht daher rühren, daß die Palmen Schatten geben und den Boden von der

Sonne weniger ausdörren lassen. In den Wäldern am Orinoco habe ich

allerdings Bäume aus dieser Familie mit dicht belaubten Kronen gesehen;

aber am Palmbaum der Llanos, der Palmade de Cobija [Dachpalme, _Corypha

tectorum_], ist der Schatten eben nicht sehr zu rühmen. Diese Palme hat

sehr kleine, gefaltete, handförmige Blätter, gleich denen des Chamärops,

und die untern sind immer vertrocknet. Es befremdete uns, daß fast alle

diese Coryphastämme gleich groß waren, 20 bis 24 Fuß hoch, bei 8 bis 10

Zoll Durchmesser unten am Stamm. Nur wenige Palmenarten bringt die Natur

in so ungeheuren Mengen hervor. Unter Tausenden mit olivenförmigen

Früchten beladenen Stämmen fanden wir etwa ein Hundert ohne Früchte.

Sollten unter den Stämmen mit hermaphroditischer Blüthe einige mit

einhäusigen Blüthen vorkommen? Die Llaneros, die Bewohner der Ebenen,

schreiben allen diesen Bäumen von unbedeutender Höhe ein Alter von

mehreren Jahrhunderten zu. Ihr Wachsthum ist fast unmerklich, nach

zwanzig, dreißig Jahren fällt es kaum auf. Die Palma de Cobija liefert

übrigens ein treffliches Bauholz. Es ist so hart, daß man nur mit Mühe

einen Nagel einschlägt. Die fächerförmig gefalteten Blätter dienen zum

Decken der zerstreuten Hütten in den Llanos, und diese Dächer halten über

20 Jahre aus. Man befestigt die Blätter dadurch, daß man die Enden der

Blattstiele umbiegt, nachdem man dieselben zwischen zwei Steinen

geschlagen, damit sie sich biegen, ohne zu brechen.

Außer den einzelnen Stämmen dieser Palme findet man hie und da in der

Steppe Gruppen von Palmen, wahre Gebüsche (_Palmares_), wo sich zur

Corypha ein Baum aus der Familie der Proteaceen gesellt, den die

Eingebornen _Chaparro_ nennen, eine neue Art _Rhopala_ mit harten,

rasselnden Blättern. Die kleineren Rhopalagebüsche heißen _Chaparrales_

und man kann sich leicht denken, daß in einer weiten Ebene, wo nur zwei

oder drei Baumarten wachsen, der Chaparro, der Schatten gibt, für ein sehr

werthvolles Gewächs gilt. Der Corypha ist in den Llanos von Caracas von

der Mesa de Paja bis an den Guayaval verbreitet; weiter nach Nord und

Nordwest, am Guanare und San Carlos, tritt eine andere Art derselben

Gattung mit gleichfalls handförmigen, aber größeren Blättern an seine

Stelle. Sie heißt _Palma real de los Llanos_. Südlich vom Guayaval

herrschen andere Palmen, namentlich der *Piritu* mit gefiederten Blättern

und der *Murichi* (Moriche), den Pater GUMILLA als _arbol de la vida_ so

hoch preist. Es ist dieß der Sagobaum Amerikas; er liefert »victum et

amictum«(74) Mehl, Wein, Faden zum Verfertigen der Hängematten, Körbe,

Netze und Kleider. Seine tannenzapfenförmigen, mit Schuppen bedeckten

Früchte gleichen ganz denen des _Calamus Rotang_; sie schmecken etwas wie

Apfel; reif sind sie innen gelb, außen roth. Die Brüllaffen sind sehr

lüstern darnach, und die Völkerschaft der Guaranos, deren Existenz fast

ganz an die Murichipalme geknüpft ist, bereitet daraus ein gegohrenes,

säuerliches, sehr erfrischendes Getränk. Diese Palme mit großen,

glänzenden, fächerförmig gefalteten Blättern bleibt auch in der dürrsten

Jahreszeit lebhaft grün. Schon ihr Anblick gibt das Gefühl angenehmer

Kühlung, und die mit ihren schuppigen Früchten behangene Murichipalme

bildet einen auffallenden Contrast mit der trübseligen Palma de Cobija,

deren Laub immer grau und mit Staub bedeckt ist. Die Llaneros glauben,

ersterer Baum ziehe die Feuchtigkeit der Luft an sich, und deßhalb finde

man in einer gewissen Tiefe immer Wasser um seinen Stamm, wenn man den

Boden ausgräbt. Man verwechselt hier Wirkung und Ursache. Der Murichi

wächst vorzugsweise an feuchten Stellen, und richtiger sagte man, das

Wasser ziehe den Baum an. Es ist eine ähnliche Schlußfolge, wenn die

Eingeborenen am Orinoco behaupten, die großen Schlangen helfen einen

Landstrich feucht erhalten. Ein alter Indianer in Javita sagte uns mit

großer Wichtigkeit: »Vergeblich sucht man Wasserschlangen, wo es keine

Sümpfe gibt; denn es sammelt sich kein Wasser, wenn man die Schlangen, die

es anziehen, unvorsichtigerweise umbringt.«

Auf dem Wege über die Mesa bei Calabozo litten wir sehr von der Hitze. Die

Temperatur der Luft stieg merkbar, so oft der Wind zu wehen anfing. Die

Luft war voll Staub, und während der Windstöße stieg der Thermometer auf

40 bis 41°. Wir kamen nur langsam vorwärts, denn es wäre gefährlich

gewesen, die Maulthiere, die unsere Instrumente trugen, dahinten zu

lassen. Unsere Führer gaben uns den Rath, Rhopalablätter in unsere Hüte zu

stecken, um die Wirkung der Sonnenstrahlen auf Haare und Scheitel zu

mildern. Wir fühlten uns durch dieses Mittel erleichtert, und wir fanden

es besonders dann ausgezeichnet, wenn man Blätter von Pothos oder einer

andern Arumart haben kann.

Bei der Wanderung durch diese glühenden Ebenen drängt sich einem von

selbst die Frage auf, ob sie von jeher in diesem Zustand dagelegen, oder

ob sie durch eine Naturumwälzung ihres Pflanzenwuchses beraubt worden? Die

gegenwärtige Humusschicht ist allerdings sehr dünn. Die Eingeborenen sind

der Meinung, die _Palmares_ und _Chaparrales_ (die kleinen Gebüsche von

Palmen und Rhopala) seyen vor der Ankunft der Spanier häufiger und größer

gewesen. Seit die Llanos bewohnt und mit verwilderten Hausthieren

bevölkert sind, zündet man häufig die Savane an, um die Weide zu

verbessern. Mit den Gräsern werden dabei zufällig auch die zerstreuten

Baumgruppen zerstört. Die Ebenen waren ohne Zweifel im fünfzehnten

Jahrhundert nicht so kahl wie gegenwärtig; indessen schon die ersten

Eroberer, die von Coro herkamen, beschreiben sie als Savanen, in denen man

nichts sieht als Himmel und Rasen, im Allgemeinen baumlos und beschwerlich

zu durchziehen, wegen der Wärmestrahlung des Bodens. Warum erstreckt sich

der mächtige Wald am Orinoco nicht weiter nordwärts auf dem linken Ufer

des Flusses? Warum überzieht er nicht den weiten Landstrich bis zur

Küstencordillere, da dieser doch von zahlreichen Gewässern befruchtet

wird? Diese Frage hängt genau zusammen mit der ganzen Geschichte unseres

Planeten. Ueberläßt man sich geologischen Träumen, denkt man sich, die

amerikanischen Steppen und die Wüste Sahara seyen durch einen Einbruch des

Meeres ihres ganzen Pflanzenwuchses beraubt worden, oder aber, sie seyen

ursprünglich der Boden von Binnenseen gewesen, so leuchtet ein, daß sogar

in Jahrtausenden Bäume und Gebüsche vom Saume der Wälder, vom Uferrand der

kahlen oder mit Rasen bedeckten Ebenen nicht bis zur Mitte derselben

vordringen und einen so ungeheuern Landstrich mit ihrem Schattendach

überwölben konnten. Der Ursprung kahler, von Wäldern umschlossener Savanen

ist noch schwerer zu erklären, als die Thatsache, daß Wälder und Savanen,

gerade wie Festländer und Meere, in ihren alten Grenzen verharren.

In *Calabozo* wurden wir im Hause des Verwalters der _Real Hacienda_, Don

Miguel Cousin, aufs gastfreundlichste aufgenommen. Die Stadt, zwischen den

Flüssen Guarico und Uritucu gelegen, hatte damals nur 5000 Einwohner, aber

ihr Wohlstand war sichtbar im Steigen. Der Reichthum der meisten Einwohner

besteht in Heerden, die von Pächtern besorgt werden, von sogenannten

_Hateros_, von _Hato_, was im Spanischen ein Haus oder einen Hof im

Weideland bedeutet. Die über die Llanos zerstreute Bevölkerung drängt sich

an gewissen Punkten, namentlich in der Nähe der Städte enger zusammen, und

so hat Calabozo in seiner Umgebung bereits fünf Dörfer oder Missionen. Man

berechnet das Vieh, das auf den Weiden in der Nähe der Stadt läuft, auf

98,000 Stücke. Die Heerden auf den Llanos von Caracas, Barcelona, Cumana

und des spanischen Guyana sind sehr schwer genau zu schätzen. DEPONS, der

sich länger als ich in Caracas aufgehalten hat, und dessen statistische

Angaben im Ganzen genau sind, rechnet auf den weiten Ebenen von den

Mündungen des Orinoco bis zum See Maracaybo 1,200,000 Rinder, 180,000

Pferde und 90,000 Maulthiere. Den Ertrag der Heerden schätzt er auf 5

Millionen Franken, wobei neben der Ausfuhr auch der Werth der im Lande

consumirten Häute in Anschlag gebracht ist. In den Pampas von Buenos Ayres

sollen 12 Millionen Rinder und 3 Millionen Pferde laufen, ungerechnet das

Vieh, das für herrenlos gilt.

Ich lasse mich nicht auf solche allgemeine Schätzungen ein, die der Natur

der Sache nach sehr unzuverlässig sind; ich bemerke nur, daß die Besitzer

der großen Hatos in den Llanos von Caracas selbst gar nicht wissen, wie

viel Stücke Vieh sie besitzen. Sie wissen nur, wie viele junge Thiere

jährlich mit dem Buchstaben oder der Figur, wodurch die Heerden sich

unterscheiden, gezeichnet werden. Die reichsten Viehbesitzer zeichnen

gegen 14,000 Stücke im Jahr und verkaufen 5 bis 6000. Nach den officiellen

Angaben belief sich die Ausfuhr an Häuten aus der ganzen _Capitania

general_ jährlich nur nach den Antillen auf 174,000 Rindshäute und 11,500

Ziegenhäute. Bedenkt man nun, daß diese Angaben sich nur auf die

Zollregister gründen, in denen vom Schleichhandel mit Häuten keine Rede

ist, so möchte man glauben, daß das Hornvieh auf den Llanos vom Carony und

dem Guarapiche bis zum See Maracaybo zu 1,200,000 Stück viel zu niedrig

angeschlagen ist. Der einzige Hafen von Guayra hat nach den Zollregistern

von 1789--1792 jährlich 70--80,000 Häute ausgeführt, wovon kaum ein

Fünftheil nach Spanien. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts belief sich

nach Don FELIX D’AZZARA die Ausfuhr von Buenos Ayres auf 800,000 Häute.

Man zieht in der Halbinsel die Häute von Caracas denen von Buenos Ayres

vor, weil letztere in Folge des weiteren Transports beim Gerben 12 Procent

Abgang haben. Der südliche Strich der Savanen, gemeiniglich _Llanos de

arriba_ genannt, ist ausnehmend reich an Maulthieren und Rindvieh; da aber

die Weiden dort im Ganzen minder gut sind, muß man die Thiere auf andere

Ebenen treiben, um sie vor dem Verkauf fett zu machen. Die Llanos von

Monaï und alle _Llanos de abaxo_ haben weniger Heerden, aber die Weiden

sind dort so fett, daß sie vortreffliches Fleisch für den Bedarf der Küste

liefern. Die Maulthiere, die erst im fünften Jahre zum Dienste taugen, und

dann _Mulas de saca_ heißen, werden schon an Ort und Stelle für 14--18

Piaster verkauft. Im Ausfuhrhafen gelten sie 25 Piaster, und auf den

Antillen steigt ihr Preis oft auf 60--80 Piaster. Die Pferde der Llanos

stammen von der schönen spanischen Race und sind nicht groß. Sie sind

meist einfarbig, dunkelbraun, wie die meisten wilden Thiere. Bald dem

Wassermangel, bald Ueberschwemmungen, dem Stich der Insekten, dem Biß

großer Fledermäuse ausgesetzt, führen sie ein geplagtes, ruheloses Leben.

Wenn sie einige Monate unter menschlicher Pflege gewesen sind, entwickeln

sich ihre guten Eigenschaften und kommen zu Tag. Ein wildes Pferd gilt in

den Pampas von Buenos Ayres ½--1 Piaster, in den Llanos von Caracas 2--3

Piaster; aber der Preis des Pferdes steigt, sobald es gezähmt und zum

Ackerbau tüchtig ist. Schafe gibt es keine; Schafheerden haben wir nur auf

dem Plateau der Provinz Quito gesehen.

Die Rindvieh-Hatos haben in den letzten Jahren viel zu leiden gehabt durch

Banden von Landstreichern, die durch die Steppen streifen und das Vieh

tödten, nur um die Haut zu verkaufen. Diese Räuberei hat um sich

gegriffen, seit der Handel mit dem untern Orinoco blühender geworden ist.

Ein halbes Jahrhundert lang waren die Ufer dieses großen Stromes von der

Einmündung des Apure bis Angostura nur den Missionären bekannt. Vieh wurde

nur aus den Häfen der Nordküste, aus Cumana, Barcelona, Burburata und

Porto Cabello ausgeführt. In neuester Zeit ist diese Abhängigkeit von der

Küste weit geringer geworden. Der südliche Strich der Ebenen ist in

starken Verkehr mit dem untern Orinoco getreten, und dieser Handel ist

desto lebhafter, da sich die Verbote dabei leicht umgehen lassen.

Die größten Heerden in den Llanos besitzen die Hatos Merecure, La Cruz,

Belen, Alta Gracia und Pavon. Das spanische Vieh ist von Coro und Tocuyo

in die Ebenen gekommen. Die Geschichte bewahrt den Namen des Colonisten,

der zuerst den glücklichen Gedanken hatte, diese Grasfluren zu bevölkern,

auf denen damals nur Damhirsche und eine große Aguti-Art, _Cavia Capybara_

im Lande *Chiguire* genannt, weideten. Christoval Rodriguez schickte ums

Jahr 1548 das erste Hornvieh in die Llanos. Er wohnte in der Stadt Tocuyo

und hatte lange in Neu-Grenada gelebt.

Wenn man von der »unzählbaren Menge« von Hornvieh, Pferden und Maulthieren

auf den amerikanischen Ebenen sprechen hört, so vergißt man gewöhnlich,

daß es im civilisirten Europa bei ackerbauenden Völkern auf viel kleinerer

Bodenfläche gleich ungeheure Mengen gibt. Frankreich hat nach PEUCHET 6

Millionen Stück Hornvieh, wovon 3,500,000 Ochsen zum Ackerbau verwendet

werden. In der österreichischen Monarchie schätzt Lichtenstern 13,400,000

Ochsen, Kühe und Kälber. Paris allein verzehrt jährlich 155,000 Stück

Rindvieh; nach Deutschland werden alle Jahre aus Ungarn 150,000 Ochsen

eingeführt. Die Hausthiere in nicht starken Heerden gelten bei

ackerbauenden Völkern als ein untergeordneter Gegenstand des

Nationalreichthums. Sie wirken auch weit weniger auf die Einbildungskraft

als die umherschweifenden Rudel von Rindern und Pferden, die einzige

Bevölkerung der unangebauten Steppen der neuen Welt. Cultur und

bürgerliche Ordnung wirken in gleichem Maaße auf die Vermehrung der

menschlichen Bevölkerung und auf die Vervielfältigung der dem Menschen

nützlichen Thiere.

Wir fanden in Calabozo, mitten in den Llanos, eine Elektrisirmaschine mit

großen Scheiben, Elektrophoren, Batterien, Elektrometern, kurz einen

Apparat, fast so vollständig, als unsere Physiker in Europa sie besitzen.

Und all dieß war nicht in den Vereinigten Staaten gekauft, es war das Werk

eines Mannes, der nie ein Instrument gesehen, der Niemanden zu Rathe

ziehen konnte, der die elektrischen Erscheinungen nur aus der Schrift des

SIGAUD DE LA FOND und aus FRANKLINs Denkwürdigkeiten kannte. Carlos del

Pozo -- so heißt der achtungswürdige, sinnreiche Mann -- hatte zuerst aus

großen Glasgefäßen, an denen er die Hälse abschnitt, Cylindermaschinen

gebaut. Erst seit einigen Jahren hatte er sich aus Philadelphia zwei

Glasplatten verschafft, um eine Scheibenmaschine bauen und somit

bedeutendere elektrische Wirkungen hervorbringen zu können. Man kann sich

vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten Pozo zu kämpfen hatte, seit die

ersten Schriften über Elektricität ihm in die Hände gefallen waren, und er

den kühnen Entschluß faßte, Alles, was er in den Büchern beschrieben fand,

mit Kopf und Hand nachzumachen und herzustellen. Bisher hatte er sich bei

seinen Experimenten nur am Erstaunen und der Bewunderung von ganz rohen

Menschen ergötzt, die nie über die Wüste der Llanos hinausgekommen waren.

Unser Aufenthalt in Calabozo verschaffte ihm einen ganz neuen Genuß. Er

mußte natürlich Werth auf das Urtheil zweier Reisenden legen, die seine

Apparate mit den europäischen vergleichen konnten. Ich hatte verschiedene

Elektrometer bei mir, mit Stroh, mit Korkkügelchen, mit Goldplättchen,

auch eine kleine Leidner Flasche, die nach der Methode von INGENHOUSS

durch Reibung geladen wurde und mir zu physiologischen Versuchen diente.

Pozo war außer sich vor Freude, als er zum erstenmal Instrumente sah, die

er nicht selbst verfertigt, und die den seinigen nachgemacht schienen. Wir

zeigten ihm auch die Wirkungen des Contakts heterogener Metalle auf die

Nerven des Frosches. Die Namen Galvani und Volta waren in diesen weiten

Einöden noch nicht gehört worden.

Was nach den elektrischen Apparaten von der gewandten Hand eines

sinnreichen Einwohners der Llanos uns in Calabozo am meisten beschäftigte,

das waren die Zitteraale, die lebendige elektrische Apparate sind. Mit der

Begeisterung, die zum Forschen treibt, aber der richtigen Auffassung des

Erforschten hinderlich wird, hatte ich mich seit Jahren täglich mit den

Erscheinungen der galvanischen Elektricität beschäftigt; ich hatte, indem

ich Metallscheiben aufeinander legte und Stücke Muskelfleisch oder andere

feuchte Substanzen dazwischen brachte, mir unbewußt, ächte *Säulen*

aufgebaut, und so war es natürlich, daß ich mich seit unserer Ankunft in

Cumana eifrig nach elektrischen Aalen umsah. Man hatte uns mehrmals welche

versprochen, wir hatten uns aber immer getäuscht gesehen. Je weiter von

der Küste weg, desto werthloser wird das Geld, und wie soll man über das

unerschütterliche Phlegma des Volkes Herr werden, wo der Stachel der

Gewinnsucht fehlt?

Die Spanier begreifen unter dem Namen _tembladores_ (Zitterer) alle

elektrischen Fische. Es gibt welche im antillischen Meer an den Küsten von

Cumana. Die Guayqueries, die gewandtesten und fleißigsten Fischer in jener

Gegend, brachten uns einen Fisch, der, wie sie sagten, ihnen die Hände

starr machte. Dieser Fisch geht im kleinen Flusse Manzanares aufwärts. Es

war eine neue Art _Raja_ mit kaum sichtbaren Seitenflecken, dem

Zitterrochen Galvanis ziemlich ähnlich. Die Zitterrochen haben ein

elektrisches Organ, das wegen der Durchsichtigkeit der Haut schon außen

sichtbar ist, und bilden eine eigene Gattung oder doch eine Untergattung

der eigentlichen Rochen. Der cumanische Zitterrochen war sehr munter,

seine Muskelbewegungen sehr kräftig, dennoch waren die elektrischen

Schläge, die wir von ihm erhielten, äußerst schwach. Sie wurden stärker,

wenn wir das Thier mittelst der Berührung von Zink und Gold galvanisirten.

Andere Tembladores, ächte Gymnoten oder Zitteraale, kommen im Rio

Colorado, im Guarapiche und verschiedenen kleinen Bächen in den Missionen

der Chaymas-Indianer vor. Auch in den großen amerikanischen Flüssen, im

Orinoco, im Amazonenstrom, im Meta sind sie häufig, aber wegen der starken

Strömung und des tiefen Wassers schwer zu fangen. Die Indianer fühlen weit

häufiger ihre elektrischen Schläge beim Schwimmen, und Baden im Fluß, als

daß sie dieselben zu sehen bekommen. In den Llanos, besonders in der Nähe

von Calabozo, zwischen den Höfen Morichal und den Missionen _de arriba_

und _de abaxo_ sind die Gymnoten in den Stücken stehenden Wassers und in

den Zuflüssen des Orinoco (im Rio Guarico, in den Caños Rastro, Berito und

Paloma) sehr häufig. Wir wollten zuerst in unserem Hause zu Calabozo

unsere Versuche anstellen; aber die Furcht vor den Schlägen des Gymnotus

ist im Volk so übertrieben, daß wir in den ersten drei Tagen keinen

bekommen konnten, obgleich sie sehr leicht zu fangen sind und wir den

Indianern zwei Piaster für jeden recht großen und starken Fisch

versprochen hatten. Diese Scheu der Indianer ist um so sonderbarer, als

sie von einem nach ihrer Behauptung ganz zuverlässigen Mittel gar keinen

Gebrauch machen. Sie versichern die Weißen, so oft man sie über die

Schläge der Tembladores befragt, man könne sie ungestraft berühren, wenn

man dabei Tabak kaue. Dieses Mährchen vom Einfluß des Tabaks auf die

thierische Elektricität ist auf dem Continent von Südamerika so weit

verbreitet, als unter den Matrosen der Glaube, daß Knoblauch und Unschlitt

auf die Magnetnadel wirken.

Des langen Wartens müde, und nachdem ein lebender, aber sehr erschöpfter

Gymnotus, den wir bekommen, uns sehr zweifelhafte Resultate geliefert,

gingen wir nach dem Caño de Bera, um unsere Versuche im Freien,

unmittelbar am Wasser anzustellen. Wir brachen am 19. März in der Frühe

nach dem kleinen Dorf Rastro _de abaxo_ auf, und von dort führten uns

Indianer zu einem Bach, der in der dürren Jahreszeit ein schlammigtes

Wasserbecken bildet, um das schöne Bäume stehen, Clusia, Amyris, Mimosen

mit wohlriechenden Blüthen. Mit Netzen sind die Gymnoten sehr schwer zu

fangen, weil der ausnehmend bewegliche Fisch sich gleich den Schlangen in

den Schlamm eingräbt. Die Wurzeln der _Piscidia Erythrina_ der _Jacquinia

armillaris_ und einiger Arten von _Phyllanthus_ haben die Eigenschaft, daß

sie, in einen Teich geworfen, die Thiere darin berauschen oder betäuben:

dieses Mittel, den sogenannten *Barbasco*, wollten wir nicht anwenden, da

die Gymnoten dadurch geschwächt worden wären. Da sagten die Indianer, sie

wollen *mit Pferden fischen*, _embarbascar con cavallos_ [Wörtlich: mit

Pferden die Fische einschläfern oder betäuben]. Wir hatten keinen Begriff

von einer so seltsamen Fischerei; aber nicht lange, so kamen unsere Führer

aus der Savane zurück, wo sie ungezähmte Pferde und Maulthiere

zusammengetrieben. Sie brachten ihrer etwa dreißig und jagten sie ins

Wasser.

Der ungewohnte Lärm vom Stampfen der Rosse treibt die Fische aus dem

Schlamm hervor und reizt sie zum Angriff. Die schwärzlicht und gelb

gefärbten, großen Wasserschlangen gleichenden Aale schwimmen auf der

Wasserfläche hin und drängen sich unter den Bauch der Pferde und

Maulthiere. Der Kampf zwischen so ganz verschieden organisirten Thieren

gibt das malerischste Bild. Die Indianer mit Harpunen und langen, dünnen

Rohrstäben stellen sich in dichter Reihe um den Teich; einige besteigen

die Bäume, deren Zweige sich wagerecht über die Wasserfläche breiten.

Durch ihr wildes Geschrei und mit ihren langen Rohren scheuchen sie die

Pferde zurück, wenn sie sich aufs Ufer flüchten wollen. Die Aale, betäubt

vom Lärm, vertheidigen sich durch wiederholte Schläge ihrer elektrischen

Batterien. Lange scheint es, als solle ihnen der Sieg verbleiben. Mehrere

Pferde erliegen den unsichtbaren Streichen, von denen die wesentlichsten

Organe allerwärts getroffen werden; betäubt von den starken,

unaufhörlichen Schlägen, sinken sie unter. Andere, schnaubend, mit

gesträubter Mähne, wilde Angst im starren Auge, raffen sich wieder auf und

suchen dem um sie tobenden Ungewitter zu entkommen; sie werden von den

Indiern ins Wasser zurückgetrieben. Einige aber entgehen der regen

Wachsamkeit der Fischer; sie gewinnen das Ufer, straucheln aber bei jedem

Schritt und werfen sich in den Sand, zum Tod erschöpft, mit von den

elektrischen Schlägen der Gymnoten erstarrten Gliedern.

Ehe fünf Minuten vergingen, waren zwei Pferde ertrunken; Der fünf Fuß

lange Aal drängt sich dem Pferd an den Bauch und gibt ihm nach der ganzen

Länge seines elektrischen Organs einen Schlag; das Herz, die Eingeweide

und der _plexus coeliacus_ der Abdominalnerven werden dadurch zumal

betroffen. Derselbe Fisch wirkt so begreiflicherweise weit stärker auf ein

Pferd als auf den Menschen, wenn dieser ihn nur mit einer Extremität

berührt. Die Pferde werden ohne Zweifel nicht todtgeschlagen, sondern nur

betäubt; sie ertrinken, weil sie sich nicht aufraffen können, so lange der

Kampf zwischen den andern Pferden und den Gymnoten fortdauert.

Wir meinten nicht anders, als alle Thiere, die man zu dieser Fischerei

gebraucht, müßten nach einander zu Grunde gehen. Aber allmählich nimmt die

Hitze des ungleichen Kampfes ab und die erschöpften Gymnoten zerstreuen

sich. Sie bedürfen jetzt langer Ruhe(75) und reichlicher Nahrung, um den

erlittenen Verlust an galvanischer Kraft wieder zu ersetzen. Maulthiere

und Pferde verriethen weniger Angst, ihre Mähne sträubte sich nicht mehr,

ihr Auge blickte ruhiger. Die Gymnoten kamen scheu ans Ufer des Teichs

geschwommen, und hier fing man sie mit kleinen, an langen Stricken

befestigten Harpunen. Wenn die Stricke recht trocken sind, so fühlen die

Indianer beim Herausziehen des Fisches an die Luft keine Schläge. In

wenigen Minuten hatten wir fünf große Aale, die meisten nur leicht

verletzt. Auf dieselbe Weise wurden Abends noch andere gefangen.

Die Gewässer, in denen sich die Zitteraale gewöhnlich aufhalten, haben

eine Temperatur von 26--27°. Ihre elektrische Kraft soll in kälterem

Wasser abnehmen, und es ist, wie bereits ein berühmter Physiker bemerkt

hat, überhaupt merkwürdig, daß die Thiere mit elektrischen Organen, deren

Wirkungen dem Menschen fühlbar werden, nicht in der Luft leben, sondern in

einer die Elektricität leitenden Flüssigkeit. Der Gymnotus ist der größte

elektrische Fisch; ich habe welche gemessen, die fünf Fuß und fünf Fuß

drei Zoll lang waren; die Indianer wollten noch größere gesehen haben. Ein

drei Fuß zehn Zoll langer Fisch wog zehn Pfund. Der Querdurchmesser des

Körpers (die kahnförmig verlängerte Afterflosse abgerechnet) betrug drei

Zoll fünf Linien. Die Gymnoten aus dem Cerro de Vera sind hübsch

olivengrün. Der Untertheil des Kopfes ist röthlich gelb. Zwei Reihen

kleiner gelber Flecken laufen symmetrisch über den Rücken vom Kopf bis zum

Schwanzende. Jeder Fleck umschließt einen Ausführungskanal; die Haut des

Thieres ist auch beständig mit einem Schleim bedeckt, der, wie Volta

gezeigt hat, die Elektricität 20--30mal besser leitet als reines Wasser.

Es ist überhaupt merkwürdig, daß keiner der elektrischen Fische, die bis

jetzt in verschiedenen Welttheilen entdeckt worden, mit Schuppen bedeckt

ist.

Den ersten Schlägen eines sehr großen, stark gereizten Gymnotus würde man

sich nicht ohne Gefahr aussetzen. Bekommt man zufällig einen Schlag, bevor

der Fisch verwundet oder durch lange Verfolgung erschöpft ist, so sind

Schmerz und Betäubung so heftig, daß man sich von der Art der Empfindung

gar keine Rechenschaft geben kann. Ich erinnere mich nicht, je durch die

Entladung einer großen Leidner Flasche eine so furchtbare Erschütterung

erlitten zu haben wie die, als ich unvorsichtigerweise beide Füße auf

einen Gymnotus setzte, der eben aus dem Wasser gezogen worden war. Ich

empfand den ganzen Tag heftigen Schmerz in den Knien und fast in allen

Gelenken. Will man den ziemlich auffallenden Unterschied zwischen der

Wirkung der Volta’schen Säule und der elektrischen Fische genau

beobachten, so muß man diese berühren, wenn sie sehr erschöpft sind. Die

Zitterrochen und die Zitteraale verursachen dann ein Sehnenhüpfen vom

Glied an, das die elektrischen Organe berührt, bis zum Ellbogen. Man

glaubt bei jedem Schlag innerlich eine Schwingung zu empfinden, die zwei,

drei Secunden anhält und der eine schmerzhafte Betäubung folgt. In der

ausdrucksvollen Sprache der Tamanacos heißt daher der Temblador *Arimna*,

das heißt, »der die Bewegung raubt.«

Die Empfindung bei schwachen Schlägen des Gymnotus schien mir große

Aehnlichkeit zu haben mit dem schmerzlichen Zucken, das ich fühlte, wenn

auf den wunden Stellen, die ich auf meinem Rücken durch spanische Fliegen

hervorgebracht, zwei heterogene Metalle sich berührten.(76) Dieser

Unterschied zwischen der Empfindung, welche der Schlag des elektrischen

Fisches, und der, welche eine Säule oder schwach geladene Leidner Flasche

hervorbringt, ist allen Beobachtern aufgefallen; derselbe widerspricht

indessen keineswegs der Annahme, daß die Elektricität und die galvanische

Wirkung der Fische dem Wesen nach eins sind. Die Elektricität kann

beidemal dieselbe seyn, sie mag sich aber verschieden äußern in Folge des

Baus der elektrischen Organe, der Intensität des elektrischen Fluidums,

der Schnelligkeit des Stroms oder einer eigenthümlichen Wirkungsweise. In

holländisch Guyana, zum Beispiel zu Demerary, galten früher die Zitteraale

als ein Heilmittel gegen Lähmungen. Zur Zeit, wo die europäischen Aerzte

von der Anwendung der Elektricität Großes erwarteten, gab ein Wundarzt in

Essequibo, Namens VAN DER LOTT, in Holland eine Abhandlung über die

Heilkräfte des Zitteraals heraus. Solche »elektrische Curen« kommen bei

den Wilden Amerika’s wie bei den Griechen vor. SCRIBONIUS LARGUS, GALENUS

und DIOSCORIDES berichten uns, daß der Zitterrochen Kopfweh, Migräne und

Gicht heile. In den spanischen Colonien, die ich durchreist, habe ich von

dieser Heilmethode nichts gehört; aber soviel ist gewiß, daß Bonpland und

ich, nachdem wir vier Stunden lang an Gymnoten experimentirt, bis zum

andern Tag Muskelschwäche, Schmerz in den Gelenken, allgemeine Uebligkeit

empfanden, eine Folge der heftigen Reizung des Nervensystems.

Während die Gymnoten für die europäischen Naturforscher Gegenstände der

Vorliebe und des lebhaftesten Interesses sind, werden sie von den

Eingebornen gefürchtet und gehaßt. Ihr Muskelfleisch schmeckt allerdings

nicht übel, aber der Körper besteht zum größten Theil aus dem elektrischen

Organ, und dieses ist schmierig und von unangenehmem Geschmack; man

sondert es daher auch sorgfältig vom Uebrigen ab. Zudem schreibt man es

vorzüglich den Gymnoten zu, daß die Fische in den Sümpfen und Teichen der

Llanos so selten sind. Sie tödten ihrer viel mehr, als sie verzehren, und

die Indianer erzählten uns, wenn man in sehr starken Netzen junge

Krokodile und Zitteraale zugleich fange, so sey an letzteren nie eine

Verletzung zu bemerken, weil sie die jungen, Krokodile lähmen, bevor diese

ihnen etwas anhaben können. Alle Bewohner des Wassers fliehen die

Gemeinschaft der Zitteraale. Eidechsen, Schildkröten und Frösche suchen

Sümpfe auf, wo sie vor jenen sicher sind. Bei Uritucu mußte man einer

Straße eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale sich in einem Fluß

so vermehrt hatten, daß sie alle Jahre eine Menge Maulthiere, die belastet

durch den Fluß wateten, umbrachten.

Am 24. März verließen wir die Stadt Calabozo, sehr befriedigt von unserem

Aufenthalt und unsern Versuchen über einen so wichtigen physiologischen

Gegenstand. Ich hatte überdieß gute Sternbeobachtungen machen können und

zu meiner Ueberraschung gefunden, daß die Angaben der Karten auch hier um

einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig sind. Vor mir hatte Niemand an

diesem Ort beobachtet, und wie denn die Geographen gewöhnlich die

Distanzen von der Küste dem Binnenlande zu zu groß annehmen, so hatten sie

auch hier alle Punkte zu weit nach Süden gerückt.

Auf dem Wege durch den südlichen Strich der Llanos fanden wir den Boden

staubiger, pflanzenloser, durch die lange Dürre zerrissener. Die Palmen

verschwanden nach und nach ganz. Der Thermometer stand von 11 Uhr bis zu

Sonnenuntergang auf 34--35°. Je ruhiger die Luft in 8--10 Fuß Höhe schien,

desto dichter wurden wir von den Staubwirbeln eingehüllt, welche von den

kleinen, am Boden, hinstreichenden Luftströmungen erzeugt werden. Gegen 4

Uhr Abends fanden wir in der Savane ein junges indianisches Mädchen. Sie

lag auf dem Rücken, war ganz nackt und schien nicht über 12--13 Jahre alt.

Sie war von Ermüdung und Durst erschöpft, Augen, Nase, Mund voll Staub,

der Athem röchelnd; sie konnte uns keine Antwort geben. Neben ihr lag ein

umgeworfener Krug, halb voll Sand. Zum Glück hatten wir ein Maulthier bei

uns, das Wasser trug. Wir brachten das Mädchen zu sich, indem wir ihr das

Gesicht wuschen und ihr einige Tropfen Wein aufdrangen. Sie war Anfangs

erschrocken über die vielen Leute um sie her, aber sie beruhigte sich nach

und nach und sprach mit unsern Führern. Sie meinte, dem Stand der Sonne

nach müsse sie mehrere Stunden betäubt dagelegen haben. Sie war nicht dazu

zu bringen, eines unserer Lastthiere zu besteigen. Sie wollte nicht nach

Uritucu zurück; sie hatte in einem Hofe in der Nähe gedient und war von

ihrer Herrschaft verstoßen worden, weil sie in Folge einer langen

Krankheit nicht mehr soviel leisten konnte als zuvor. Unsere Drohungen und

Bitten fruchteten nichts; für Leiden unempfindlich, wie ihre ganze Race,

in die Gegenwart versunken ohne Bangen vor künftiger Gefahr, beharrte sie

auf ihrem Entschluß, in eine der indianischen Missionen um die Stadt

Calabozo her zu gehen. Wir schütteten den Sand aus ihrem Krug und füllten

ihn mit Wasser. Noch ehe wir wieder zu Pferd waren, setzte sie ihren Weg

in der Steppe fort. Bald entzog sie eine Staubwolke unsern Blicken.

In der Nacht durchwateten wir den Rio Uritucu, in dem zahlreiche,

auffallend wilde Krokodile hausen. Man warnte uns, unsere Hunde nicht am

Fluß saufen zu lassen, weil es gar nicht selten vorkomme, daß die

Krokodile im Uritucu aus dem Wasser gehen und die Hunde aufs Ufer

verfolgen. Solche Keckheit fällt desto mehr auf, da sechs Meilen von da,

im Rio Tisnao, die Krokodile ziemlich schüchtern und unschädlich sind. Die

Sitten der Thiere einer und derselben Art zeigen Abweichungen nach

örtlichen Einflüssen, die sehr schwer aufzuklären sind. Man zeigte uns

eine Hütte oder vielmehr eine Art Schuppen, wo unser Wirth in Calabozo,

Don Miguel Cousin, einen höchst merkwürdigen Auftritt erlebt hatte. Er

schlief mit einem Freunde auf einer mit Leder überzogenen Bank, da wird er

früh Morgens durch heftige Stöße und einen furchtbaren Lärm aufgeschreckt.

Erdschollen werden in die Hütte geschleudert. Nicht lange, so kommt ein

junges 2--3 Fuß langes Krokodil unter der Schlafstätte hervor, fährt auf

einen Hund los, der auf der Thürschwelle lag, verfehlt ihn im ungestümen

Lauf, eilt dem Ufer zu und entkommt in den Fluß. Man untersuchte den Boden

unter der Barbacoa oder Lagerstätte, und da war denn der Hergang des

seltsamen Abenteuers bald klar. Man fand die Erde weit hinab aufgewühlt;

es war vertrockneter Schlamm, in dem das Krokodil im *Sommerschlaf*

gelegen hatte, in welchen Zustand manche Individuen dieser Thierart

während der dürren Jahreszeit in den Llanos verfallen. Der Lärm von

Menschen und Pferden, vielleicht auch der Geruch des Hundes hatten es

aufgeweckt. Die Hütte lag an einem Teich und stand einen Theil des Jahres

unter Wasser; so war das Krokodil ohne Zweifel, als die Savane

überschwemmt wurde, durch dasselbe Loch hineingekommen, durch das es Don

Miguel herauskommen sah. Häufig finden die Indianer ungeheure Boa’s, von

ihnen Uji oder Wasserschlangen genannt, im selben Zustand der Erstarrung.

Man muß sie, sagt man, reizen oder mit Wasser begießen, um sie zu

erwecken. Man tödtet die Boa’s und hängt sie in einen Bach, um durch die

Fäulniß die sehnigten Theile der Rückenmuskeln zu gewinnen, aus denen man

in Calabozo vortreffliche Guitarrensaiten macht, die weit besser sind als

die aus den Därmen der Brüllaffen.

Wir sehen somit, daß in den Llanos Trockenheit und Hitze auf Thiere und

Gewächse gleich dem Frost wirken. Außerhalb der Tropen werfen die Bäume in

sehr trockener Luft ihre Blätter ab. Die Reptilien, besonders Krokodile

und Boa’s, verlassen vermöge ihres trägen Naturels die Lachen, wo sie beim

Austreten der Flüsse Wasser gefunden haben, nicht leicht wieder. Je mehr

nun diese Wasserstücke eintrocknen, desto tiefer graben sich die Thiere in

den Schlamm ein, der Feuchtigkeit nach, die bei ihnen Haut und Decken

schmiegsam erhält. In diesem Zustand der Ruhe kommt die Erstarrung über

sie; sie werden wohl dabei von der äußern Luft nicht ganz abgesperrt, und

so gering auch der Zutritt derselben seyn mag, er reicht hin, den

Athmungsprozeß bei einer Eidechse zu unterhalten, die ausnehmend große

Lungensäcke hat, die keine Muskelbewegungen vornimmt und bei der fast alle

Lebensverrichtungen stocken. Die Temperatur des vertrockneten, dem

Sonnenstrahl ausgesetzten Schlammes beträgt im Mittel wahrscheinlich mehr

als 40°. Als es im nördlichen Egypten, wo im kühlsten Monat die Temperatur

nicht unter 13°,4 sinkt, noch Krokodile gab, wurden diese häufig von der

Kälte betäubt. Sie waren einem *Winterschlaf* unterworfen, gleich unsern

Fröschen, Salamandern, Uferschwalben und Murmelthieren. Wenn die

Erstarrung im Winter bei Thieren mit warmem Blut, wie bei solchen mit

kaltem vorkommt, so kann man sich eben nicht wundern, daß in beiden

Klassen auch Fälle von *Sommerschlaf* vorkommen. Gleich den Krokodilen in

Südamerika liegen die Tenrecs oder Igel auf Madagascar mitten in der

heißen Zone drei Monate des Jahres in Erstarrung.

Am 25. März kamen wir über den ebensten Strich der Steppen von Caracas,

die *Mesa de Pavones*. Die Corypha- und Murichepalme fehlen hier ganz.

Soweit das Auge reicht, gewahrt man keinen Gegenstand, der auch nur

fünfzehn Zoll hoch wäre. Die Luft war rein und der Himmel tief blau, aber

den Horizont säumte ein blasser, gelblicher Schein, der ohne Zweifel von

der Menge des in der Luft schwebenden Sandes herrührte. Wir trafen große

Heerden, und bei ihnen Schaaren schwarzer Vögel mit olivenfarbigem Glanz

von der Gattung _Crotophoga_ die dem Vieh nachgehen. Wir sahen sie häufig

den Kühen auf dem Rücken sitzen und Bremsen und andere Insekten suchen.

Gleich mehreren Vögeln dieser Einöde scheuen sie so wenig vor dem

Menschen, daß Kinder sie oft mit der Hand fangen. In den Thälern von

Aragua, wo sie sehr häufig sind, setzten sie sich am hellen Tag auf unsere

Hängematten, während wir darin lagen.

Zwischen Calabozo, Uritucu und der Mesa de Pavones kann man überall, wo

der Boden von Menschenhand wenige Fuß tief ausgegraben ist, die

geologischen Verhältnisse der Llanos beobachten. Ein rother Sandstein(77)

(altes Conglomerat) streicht über mehrere tausend Quadratmeilen weg. Wir

fanden ihn später wieder in den weiten Ebenen des Amazonenstroms, am

östlichen Saum der Provinz Jaen de Bracamoros. Diese ungeheure Verbreitung

des rothen Sandsteins auf den tiefgelegenen Landstrichen ostwärts von den

Anden ist eine der auffallendsten geologischen Erscheinungen, die ich

unter den Tropen beobachtet.

Nachdem wir in den öden Savanen der Mesa de Pavones lange ohne die Spur

eines Pfades umhergeirrt, sahen wir zu unserer freudigen Ueberraschung

einen einsamen Hof vor uns, den _Hato de alta Gracia_ der von Gärten und

kleinen Teichen mit klarem Wasser umgeben ist. Hecken von *Azedarac*

liefen um Gruppen von *Icaquesbäumen*, die voll Früchten hingen. Eine

Strecke weiter übernachteten wir beim kleinen Dorfe San Geronymo del

Guayaval, das Missionäre vom Kapuzinerorden gegründet haben. Es liegt am

Ufer des Rio Guarico, der in den Apure fällt. Ich besuchte den

Geistlichen, der in der Kirche wohnen mußte, weil noch kein Priesterhaus

gebaut war. Der junge Mann nahm uns aufs zuvorkommendste auf und gab uns

über Alles die verlangte Auskunft. Sein Dorf, oder, um den officiellen

Ausdruck der Mönche zu gebrauchen, seine *Mission*, war nicht leicht zu

regieren. Der Stifter, der keinen Anstand genommen, auf seine Rechnung

eine *Pulperia* zu errichten, das heißt sogar in der Kirche Bananen und

Guarapo zu verkaufen, war auch bei Aufnahme der Colonisten nicht ekel

gewesen. Viele Landstreicher aus den Llanos hatten sich in Guayaval

niedergelassen, weil die Einwohner einer Mission dem weltlichen Arm

entrückt sind. Hier wie in Neu-Holland kann man erst in der zweiten oder

dritten Generation auf gute Colonisten rechnen.

Wir setzten über den Rio Guarico und übernachteten in den Savanen südlich

vom Guayaval. Ungeheure Fledermäuse, wahrscheinlich von der Sippe der

Phyllostomen, flatterten, wie gewöhnlich, einen guten Theil der Nacht über

unsern Hängematten. Man meint jeden Augenblick, sie wollen sich einem ins

Gesicht einkrallen. Am frühen Morgen setzten wir unsern Weg über tiefe,

häufig unter Wasser stehende Landstriche fort. In der Regenzeit kann man

zwischen dem Guarico und dem Apure im Kahn fahren, wie auf einem See. Es

begleitete uns ein Mann, der alle Höfe (Hatos) in den Llanos besucht

hatte, um Pferde zu kaufen. Er hatte für tausend Pferde 2200 Piaster

gegeben.(78) Man bezahlt natürlich desto weniger, je bedeutender der Kauf

ist. Am 27. März langten wir in der Villa de San Fernando, dem Hauptort

der Missionen der Kapuziner in der Provinz Barinas, an. Damit waren wir am

Ziel unserer Reise über die Ebenen, denn die drei Monate April, Mai und

Juni brachten wir auf den Strömen zu.

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68 Ich erinnere die Reisenden an den Weg vom Ursernthal zum

Gotthardshospiz und von da nach Airolo.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2. · 第 30 / 37 题