Zone heimgesucht sind, macht sich keinen Begriff von den Zerstörungen
dieser Insekten und von den Bodensenkungen, die von ihnen herrühren. Sie
sind im Boden, auf dem Valencia steht, in so ungeheurer Menge, daß die
Gänge, die sie graben, unterirdischen Kanälen gleichen, in der Regenzeit
sich mit Wasser füllen und den Gebäuden sehr gefährlich werden. Man hat
hier nicht zu den sonderbaren Mitteln gegriffen, die man zu Anfang des
sechzehnten Jahrhunderts auf St. Domingo anwendete, als Ameisenschwärme
die schönen Ebenen von la Vega und die reichen Besitzungen des Ordens des
h. Franciscus verheerten. Nachdem die Mönche vergebens die Ameisenlarven
verbrannt und es mit Räucherungen versucht hatten, gaben sie den Leuten
den Rath, einen Heiligen herauszuloosen, der als _Abagado contra los
Hormigas_ dienen sollte. Die Ehre ward dem heiligen Saturnin zu Theil, und
als man das erstemal das Fest des Heiligen beging, verschwanden die
Ameisen. Seit den Zeiten der Eroberung hat der Unglauben gewaltige
Fortschritte gemacht, und nur auf dem Rücken der Cordilleren fand ich eine
kleine Capelle, in der, der Inschrift zufolge, für die Vernichtung der
*Termiten* gebetet werden sollte.
Valencia hat einige geschichtliche Erinnerungen aufzuweisen, sie sind
aber, wie Alles, was die Colonien betrifft, nicht sehr alt und beziehen
sich entweder auf bürgerliche Zwiste oder auf blutige Gefechte mit den
Wilden. Lopez de Aguirre, dessen Frevelthaten und Abenteuer eine der
dramatischsten Episoden in der Geschichte der Eroberung bilden, zog im
Jahr 1561 aus Peru über den Amazonenstrom auf die Insel Margarita und von
dort über den Hafen von Burburata in die Thaler von Aragua. Als er in
Valencia eingezogen, die stolz den Namen einer *königlichen Stadt*, _Villa
de el Rey_, führt, verkündigte er die Unabhängigkeit des Landes und die
Absetzung Philipps II. Die Einwohner flüchteten sich auf die Inseln im See
und nahmen zu größerer Sicherheit alle Boote am Ufer mit. In Folge dieser
Kriegslist konnte Aguirre seine Grausamkeiten nur an seinen eigenen Leuten
verüben. In Valencia schrieb er den berüchtigten Brief an den König von
Spanien, der ein entsetzlich wahres Bild von den Sitten des Kriegsvolks im
sechzehnten Jahrhundert gibt. Der Tyrann (so heißt Aguirre beim Volk noch
jetzt) prahlt unter einander mit seinen Schandthaten und mit seiner
Frömmigkeit; er ertheilt dem Könige Rathschläge hinsichtlich der Regierung
der Colonien und der Einrichtung der Missionen. Mitten unter wilden
Indianern, auf der Fahrt auf einem großen Süßwassermeer, wie er den
Amazonenstrom nennt, »fühlt er große Besorgniß ob der Ketzereien Martin
Luthers und der wachsenden Macht der Abtrünnigen in Europa.« Lopez de
Aguirre wurde, nachdem die Seinigen von ihm abgefallen, in Barquesimeto
erschlagen. Als es mit ihm zu Ende ging, stieß er seiner einzigen Tochter
den Dolch in die Brust, »um ihr die Schande zu ersparen, bei den Spaniern
die Tochter eines Verräthers zu heißen.« »Die Seele des Tyrannen« -- so
glauben die Eingeborenen -- geht in den Savanen um in Gestalt einer
Flamme, die entweicht, wenn ein Mensch auf sie zugeht.
Das zweite geschichtliche Ereigniß, das sich an Valencia knüpft, ist der
Einfall der Caraiben vom Orinoco her in den Jahren 1578 und 1580. Diese
Horde von Menschenfressern zog am Guarico herauf und über die Llanos
herüber. Sie wurde vom tapfern Garci-Gonzalez, einem der Capitäne, deren
Namen noch jetzt in diesen Provinzen in hohen Ehren steht, glücklich
zurückgeschlagen. Mit Befriedigung denkt man daran, daß die Nachkommen
derselben Caraiben jetzt als friedliche Ackerbauer in den Missionen leben,
und daß kein wilder Volksstamm in Guyana es mehr wagt, über die Ebenen
zwischen der Waldregion und dem angebauten Lande herüberzukommen.
Die Küstencordillere ist von mehreren Schluchten durchschnitten, die
durchgängig von Südost nach Nordwest streichen. Dieß wiederholt sich von
der Quebrada de Tocume zwischen Petarez und Caracas bis Porto Cabello. Es
ist als wäre aller Orten der Stoß von Südost gekommen, und die Erscheinung
ist um so auffallender, da die Gneiß- und Glimmerschieferschichten in der
Küstencordillere meist von Südwest nach Nordost streichen. Die meisten
dieser Schluchten schneiden in den Südabhang der Berge ein, gehen aber
nicht ganz durch; nur im Meridian von Nueva Valencia befindet sich eine
Oeffnung (_Abra_), durch die man zur Küste hinunter gelangt und durch die
jeden Abend ein sehr erfrischender Seewind in die Thäler von Aragua
heraufkommt. Der Wind stellt sich regelmäßig zwei bis drei Stunden nach
Sonnenuntergang ein.
Durch diese *Abra*, über den Hof Barbula und durch einen östlichen Zweig
der Schlucht baut man eine neue Straße von Valencia nach Porto Cabello.
Sie wird so kurz, daß man nur vier Stunden in den Hafen braucht und man in
Einem Tage vom Hafen in die Thäler von Aragua und wieder zurück kann. Um
diesen Weg kennen zu lernen, gingen wir am sechs und zwanzigsten Februar
Abends nach dem Hofe Barbula, in Gesellschaft der Eigenthümer, der
liebenswürdigen Familie Arambary.
Am sieben und zwanzigsten Morgens besuchten wir die heißen Quellen bei der
Trinchera, drei Meilen von Valencia. Die Schlucht ist sehr breit und es
geht vom Ufer des Sees bis zur Küste fast beständig abwärts. Trinchera
heißt der Ort nach den kleinen Erdwerken, welche französische Flibustiers
angelegt, als sie im Jahre 1677 die Stadt Valencia plünderten. Die heißen
Quellen, und dieß ist geologisch nicht uninteressant, entspringen nicht
südlich von den Bergen, wie die von Mariara, Onoto und am Brigantin; sie
kommen vielmehr in der Bergkette selbst, fast am Nordabhang, zu Tag. Sie
sind weit stärker als alle, die wir bisher gesehen, und bilden einen Bach,
der in der trockensten Jahreszeit zwei Fuß tief und achtzehn breit ist.
Die Temperatur des Wassers war, sehr genau gemessen, 90°,3. Nach den
Quellen von Urijino in Japan, die reines Wasser seyn und eine Temperatur
von 100° haben sollen, scheint das Wasser von la Trinchera de Porto
Cabello das heißeste, das man überhaupt kennt. Wir frühstückten bei der
Quelle. Eier waren im heißen Wasser in weniger als vier Minuten gar. Das
stark schwefelwasserstoffhaltige Wasser entspringt auf dem Gipfel eines
Hügels, der sich 150 Fuß über die Sohle der Schlucht erhebt und von
Süd-Süd-Ost nach Nord-Nord-West streicht. Das Gestein, aus dem die Quelle
kommt, ist ein ächter grobkörniger Granit, ähnlich dem der Teufelsmauer in
den Bergen von Mariara. Ueberall wo das Wasser an der Luft verdunstet,
bildet es Niederschläge und Incrustationen von kohlensaurem Kalk. Es geht
vielleicht durch Schichten von Urkalk, der im Glimmerschiefer und Gneiß an
der Küste von Caracas so häufig vorkommt. Die Ueppigkeit der Vegetation um
das Becken überraschte uns. Mimosen mit zartem, gefiedertem Laub, Clusien
und Feigenbäume haben ihre Wurzeln in den Boden eines Wasserstücks
getrieben, dessen Temperatur 85° betrug. Ihre Aeste stehen nur zwei, drei
Zoll über dem Wasserspiegel. Obgleich das Laub der Mimosen beständig vom
heißen Wasserdampf befeuchtet wird, ist es doch sehr schön grün. Ein Arum
mit holzigtem Stengel und pfeilförmigen Blättern wuchs sogar mitten in
einer Lache von 70° Temperatur. Dieselben Pflanzenarten kommen anderswo in
diesem Gebirge an Bächen vor, in denen der Thermometer nicht auf 18°
steigt. Noch mehr, vierzig Fuß von der Stelle, wo die 90° heißen Quellen
entspringen, finden sich auch ganz kalte. Beide Gewässer laufen eine
Strecke weit neben einander fort, und die Eingebornen zeigten uns, wie man
sich, wenn man zwischen beiden Bächen ein Loch in den Boden gräbt, ein Bad
von beliebiger Temperatur verschaffen kann. Es ist auffallend, wie in den
heißesten und in den kältesten Erdstrichen der gemeine Mann gleich sehr
die Wärme liebt. Bei der Einführung des Christenthums in Island wollte
sich das Volk nur in den warmen Quellen am Hella taufen lassen, und in der
heißen Zone, im Tiefland und auf den Cordilleren, laufen die Eingeborenen
von allen Seiten den warmen Quellen zu. Die Kranken, die nach Trinchera
kommen, um Dampfbäder zu brauchen, errichten über der Quelle eine Art
Gitterwerk aus Baumzweigen und ganz dünnem Rohr. Sie legen sich nackt auf
dieses Gitter, das, wie mir schien, nichts weniger als fest und nicht ohne
Gefahr zu besteigen ist. Der _Rio de aguas calientes_ läuft nach Nordost
und wird in der Nahe der Küste zu einem ziemlich ansehnlichen Fluß, in dem
große Krokodile leben, und der durch sein Austreten den Uferstrich
ungesund machen hilft.
Wir gingen immer rechts am warmen Wasser nach Porto Cabello hinunter. Der
Weg ist ungemein malerisch. Das Wasser stürzt über die Felsbänke nieder,
und es ist als hätte man die Fülle der Neuß vom Gotthard herab vor sich;
aber welch ein Contrast, was die Kraft und Ueppigkeit des Pflanzenwuchses
betrifft! Zwischen blühenden Gesträuchen, aus Bignonien und Melastomen
erheben sich majestätisch die weißen Stämme der Cecropia. Sie gehen erst
aus, wenn man nur noch in 100 Toisen Meereshöhe ist. Bis hieher reicht
auch eine kleine stachligte Palme, deren zarte, gefiederte Blätter an den
Rändern wie gekräuselt erscheinen. Sie ist in diesem Gebirge sehr häufig;
da wir aber weder Blüthe noch Frucht gesehen haben, wissen wir nicht, ob
es die *Piritupalme* der Caraiben oder Jacquins _Cocos aculeata_ ist.
Je näher wir der Küste kamen, desto drückender wurde die Hitze. Ein
röthlicher Dunst umzog den Horizont; die Sonne war am Untergehen, aber der
Seewind wehte noch nicht. Wir ruhten in den einzeln stehenden Höfen aus,
die unter dem Namen *Cambury* und *Haus des Canariers* (_Casa del
Isleñgo_) bekannt sind. Der _Rio de aguas calientes_, an dem wir hinzogen,
wurde immer tiefer. Am Ufer lag ein todtes Krokodil; es war über neun Fuß
lang. Wir hätten gerne seine Zähne und seine Mundhöhle untersucht; aber es
lag schon mehrere Wochen in der Sonne und stank so furchtbar, daß wir
dieses Vorhaben aufgeben und wieder zu Pferde steigen mußten. Ist man im
Niveau des Meeres angelangt, so wendet sich der Weg ostwärts und läuft
über einen dürren anderthalb Meilen breiten Strand, ähnlich dem bei
Cumana. Man sieht hin und wieder eine Fackeldistel, ein Sesuvium, ein paar
Stämme _Coccoloba uvifera_ und längs der Küste wachsen Avicennien und
Wurzelträger. Wir wateten durch den Guayguazo und den Rio Estevan, die, da
sie sehr oft austreten, große Lachen stehenden Wassers bilden. Auf dieser
weiten Ebene erheben sich wie Klippen kleine Felsen aus Mäandriten,
Madreporiten und andern Corallen. Man könnte in denselben einen Beweis
sehen, daß sich die See noch nicht sehr lange von hier zurückgezogen; aber
diese Massen von Polypengehäusen sind nur Bruchstücke, in eine Breccie mit
kalkigtem Bindemittel eingebacken. Ich sage in eine Breecie, denn man darf
die weißen frischen Coralliten dieser sehr jungen Formation an der Küste
nicht mit den Coralliten verwechseln, die im Uebergangsgebirge, in der
Grauwacke und im schwarzen Kalkstein eingeschlossen vorkommen. Wir
wunderten uns nicht wenig, daß wir an diesem völlig unbewohnten Ort einen
starken, in voller Blüthe stehenden Stamm der _Parkinsonia aculeata_
antrafen. Nach unsern botanischen Werken gehört der Baum der neuen Welt
an; aber in fünf Jahren haben wir ihn nur zweimal wild gesehen, hier auf
der Ebene am Rio Guayguaza und in den Llanos von Cumana, dreißig Meilen
von der Küste, bei Villa del Pao; Letzterer Ort konnte noch dazu leicht
ein alter *Conuco* oder eingehegtes Baufeld seyn. Sonst überall auf dem
Festland von Amerika sahen wir die Parkinsonia, wie die Plumeria, nur in
den Gärten der Indianer.
Ich kam zu rechter Zeit nach Porto Cabello, um einige Höhen des Canopus
nahe am Meridian aufnehmen zu können; aber diese Beobachtungen, wie die am
acht und zwanzigsten Februar aufgenommenen correspondirenden Sonnenhöhen,
sind nicht sehr zuverläßig. Ich bemerkte zu spät, daß sich das
Diopterlineal eines Troughtonschen Sextanten ein wenig verschoben hatte.
Es war ein Dosensextant von zwei Zoll Halbmesser, dessen Gebrauch übrigens
den Reisenden sehr zu empfehlen ist. Ich brauchte denselben sonst meist
nur zu geodätischen Ausnahmen im Canoe auf Flüssen. In Porto Cabello wie
in Guayra streitet man darüber, ob der Hafen ostwärts oder westwärts von
der Stadt liegt, mit der derselbe den stärksten Verkehr hat. Die Einwohner
glauben, Porto Cabello liege Nord-Nord-West von Nueva Valencia. Aus meinen
Beobachtungen ergibt sich allerdings für jenen Ort eine Länge von 3--4
Minuten im Bogen weiter nach West. Nach Fidalgo läge er ostwärts.
Wir wurden im Hause eines französischen Arztes, Juliac, der sich in
Montpellier tüchtig gebildet hatte, mit größter Zuvorkommenheit
aufgenommen. In seinem kleinen Hause befanden sich Sammlungen mancherlei
Art, die aber alle den Reisenden interessiren konnten:
schönwissenschaftliche und naturgeschichtliche Bücher, meteorologische
Notizen, Bälge von Jaguars und großen Wasserschlangen, lebendige Thiere,
Affen, Gürtelthiere, Vögel. Unser Hausherr war Oberwundarzt am königlichen
Hospital in Porto Cabello, und im Lande wegen seiner tiefeingehenden
Beobachtungen über das gelbe Fieber Vortheilhaft bekannt. Er hatte in
sieben Jahren 600--800 von dieser schrecklichen Krankheit Befallene in das
Spital aufnehmen sehen; er war Zeuge der Verheerungen, welche die Seuche
im Jahr 1793 auf der Flotte des Admirals Ariztizabal angerichtet. Die
Flotte verlor fast ein Dritttheil ihrer Bemannung, weil die Matrosen fast
sämmtlich nicht acclimatisirte Europäer waren und frei mit dem Lande
verkehrten. Juliac hatte früher, wie in Terra Firma und auf den Inseln
gebräuchlich ist, die Kranken mit Blutlassen, gelinde abführenden Mitteln
und säuerlichen Getränken behandelt. Bei diesem Verfahren denkt man nicht
daran die Kräfte durch Reizmittel zu heben; man will beruhigen und
steigert nur die Schwäche und Entkräftung. In den Spitälern, wo die
Kranken dicht beisammen lagen, starben damals von den weißen Creolen 33
Procent, von den frisch angekommenen Europäern 63 Procent. Seit man das
alte herabstimmende Verfahren aufgegeben hatte und Reizmittel anwendete,
Opium, Benzoe, weingeistige Getränke, hatte die Sterblichkeit bedeutend
abgenommen. Man glaubte, sie betrage nunmehr nur 20 Procent bei Europäern
und 10 bei Creolen, selbst dann, wenn sich schwarzes Erbrechen und
Blutungen aus der Nase, den Ohren und dem Zahnfleisch einstellen und so
die Krankheit in hohem Grade bösartig erscheint. Ich berichte genau, was
mir damals als allgemeines Ergebniß der Beobachtungen mitgetheilt wurde;
man darf aber, denke ich, bei solchen Zahlenzusammenstellungen nicht
vergessen, daß, trotz der scheinbaren Uebereinstimmung, die Epidemien
mehrerer auf einander folgenden Jahre von einander abweichen, und daß man
bei der Wahl zwischen stärkenden und herabstimmenden Mitteln (wenn je ein
absoluter Unterschied zwischen beiden besteht) die verschiedenen Stadien
der Krankheit zu unterscheiden hat.
Die Hitze ist in Porto Cabello nicht so stark als in Guayra. Der Seewind
ist stärker, häufiger, regelmäßiger; auch lehnen sich die Häuser nicht an
Felsen, die bei Tag die Sonnenstrahlen absorbiren und bei Nacht die Wärme
wieder von sich geben. Die Luft kann zwischen der Küste und den Bergen von
Ilaria freier circuliren. Der Grund der Ungesundheit der Luft ist im
Strande zu suchen, der sich westwärts, so weit das Auge reicht, gegen die
_Punta de Tucacos_ beim schönen Hafen von Chichiribiche fortzieht. Dort
befinden sich die Salzwerke und dort herrschen bei Eintritt der Regenzeit
die dreitägigen Wechselfieber, die leicht in atactische Fieber übergehen.
Man hat die interessante Bemerkung gemacht, daß die Mestizen, die in den
Salzwerken arbeiten, dunkelfarbiger sind und eine gelbere Haut bekommen,
wenn sie mehrere Jahre hinter einander an diesen Fiebern gelitten haben,
welche die *Küstenkrankheit* heißen. Die Bewohner dieses Strandes, arme
Fischer, behaupten, nicht daher, daß das Seewasser das Land überschwemme
und wieder abfließe, sey der mit Wurzelträgern bewachsene Boden so
ungesund, das Verderbniß der Luft rühre vielmehr vom süßen Wasser her, von
den Ueberschwemmungen des Rio Guayguaza und des Rio Estevan, die in den
Monaten October und November so plötzlich und so stark austreten. Die Ufer
des Rio Estevan sind bewohnbarer geworden, seit man daselbst kleine Mais-
und Pisangpflanzungen angelegt und durch Erhöhung und Befestigung des
Bodens dem Fluß ein engeres Bett angewiesen hat. Man geht damit um, dem
Estevan eine andere Mündung zu graben und dadurch die Umgegend von Porto
Cabello gesünder zu machen. Ein Kanal soll das Wasser an den Küstenstrich
leiten, der der Insel Guayguaza gegenüberliegt.
Die Salzwerke von Porto Cabello gleichen so ziemlich denen auf der
Halbinsel Araya bei Cumana. Indessen ist die Erde, die man auslaugt, indem
man das Regenwasser in kleinen Becken sammelt, nicht so salzhaltig. Man
fragt hier wie in Cumana, ob der Boden mit Salztheilchen geschwängert sey,
weil er seit Jahrhunderten zeitweise unter Meerwasser gestanden, das an
der Sonne verdunstet, oder ob das Salz im Boden enthalten sey wie in einem
sehr armen Steinsalzwerk. Ich hatte nicht Zeit, den Strand hier so genau
zu untersuchen wie die Halbinsel Araya; läuft übrigens der Streit nicht
auf die höchst einfache Frage hinaus, ob das Salz von neuen oder aber von
uralten Ueberschwemmungen herrührt? Da die Arbeit in den Salzwerken von
Porto Cabello sehr ungesund ist, geben sich nur die ärmsten Leute dazu
her. Sie bringen das Salz an Ort und Stelle in kleine Magazine und
verkaufen es dann in den Niederlagen in der Stadt.
Während unseres Aufenthaltes in Porto Cabello lief die Strömung an der
Küste, die sonst gewöhnlich nach West geht, von West nach Ost. Diese
*Strömung nach oben* (_corriente por arriba_), von der bereits die Rede
war, kommt zwei bis drei Monate im Jahr, vom September bis November,
häufig vor. Man glaubt, sie trete ein, wenn zwischen Jamaica und dem Cap
San Antonio auf Cuba Nord-Westwinde geweht haben.
Die militärische Vertheidigung der Küsten von Terra Firma stützt sich auf
sechs Punkte, das Schloß San Antonio bei Cumana, den Morro bei Nueva
Barcelona, die Werke (mit 134 Geschützen) bei Guayra, Porto Cabello, das
Fort San Carlos an der Ausmündung des Sees Maracaybo, und Carthagena. Nach
Carthagena ist Porto Cabello der wichtigste feste Platz; die Stadt ist
ganz neu und der Hafen einer der schönsten in beiden Welten. Die Lage ist
so günstig, daß die Kunst fast nichts hinzuzuthun hatte. Eine Erdzunge
läuft Anfangs gegen Nord und dann nach West. Die westliche Spitze
derselben liegt einer Reihe von Inseln gegenüber, die durch Brücken
verbunden und so nahe bei einander sind, daß man sie für eine zweite
Landzunge halten kann. Diese Inseln bestehen sämmtlich aus Kalkbreccien
von sehr neuer Bildung, ähnlich der an der Küste von Cumana und am Schloß
Araya. Es ist ein Conglomerat von Madreporen und andern
Corallenbruchstücken, die durch ein kalkigtes Bindemittel und Sandkörner
verkittet sind. Wir hatten dasselbe Conglomerat bereits am Rio Guayguaza
gesehen. In Folge der eigenthümlichen Bildung des Landes stellt sich der
Hafen als ein Becken oder als eine innere Lagune dar, an deren südlichem
Ende eine Menge mit Manglebäumen bewachsener Eilande liegen. Daß der
Hafeneingang gegen West liegt, trägt viel zur Ruhe des Wassers bei. Es
kann nur Ein Fahrzeug auf einmal einlaufen, aber die größten Linienschiffe
können dicht am Lande ankern, um Wasser einzunehmen. Die einzige Gefahr
beim Einlaufen bieten die Riffe bei Punta Brava, denen gegenüber eine
Batterie von acht Geschützen steht. Gegen West und Südwest erblickt man
das Fort, ein regelmäßiges Fünfeck mit fünf Bastionen, die Batterie beim
Riff und die Werke um die alte Stadt, welche auf einer Insel liegt, die
ein verschobenes Viereck bildet. Ueber eine Brücke und das befestigte Thor
der Estacada gelangt man aus der alten Stadt in die neue, welche bereits
größer ist als jene, aber dennoch nur als Vorstadt gilt. Zu hinterst läuft
das Hafenbecken oder die Lagune um diese Vorstadt herum gegen Südwest, und
hier ist der Boden sumpfigt, voll stehenden, stinkenden Wassers. Die Stadt
hat gegenwärtig gegen 9000 Einwohner. Sie verdankt ihre Entstehung dem
Schleichhandel, der sich hier einnistete, weil die im Jahr 1549 gegründete
Stadt Burburata in der Nähe lag. Erst unter dem Regiment der Biscayer und
der Compagnie von Guipuzcoa wurde Porto Cabello, das bis dahin ein Weiler
gewesen, eine wohlbefestigte Stadt. Von Guayra, das nicht sowohl ein Hafen
als eine schlechte offene Rhede ist, bringt man die Schiffe nach Porto
Cabello, um sie ausbessern und kalfatern zu lassen.
Der Hafen wird vorzugsweise durch die tief gelegenen Batterien auf der
Landzunge Punta Brava und auf dem Riff vertheidigt, und diese Wahrheit
wurde verkannt, als man auf den Bergen, welche die Vorstadt gegen Süd
beherrschen, mit großen Kosten ein neues Fort, den Mirador (Belvedere) de
Solano baute. Dieses Werk, eine Viertelstunde vom Hafen, liegt 400--500
Fuß über dem Meer. Die Baukosten betrugen jährlich und viele Jahre lang
20--30,000 Piaster. Der Generalcapitän von Caracas, Guevara Vasconzelos,
war mit den besten spanischen Ingenieurs der Ansicht, der Mirador, auf dem
zu meiner Zeit erst sechzehn Geschütze standen, sey für die Vertheidigung
des Platzes nur von geringer Bedeutung, und ließ den Bau einstellen. Eine
lange Erfahrung hat bewiesen, daß sehr hoch gelegene Batterien, wenn auch
sehr schwere Stücke darin stehen, die Rhede lange nicht so wirksam
bestreichen, als tief am Strand oder auf Dämmen halb im Wasser liegende
Batterien mit Geschützen von geringerem Kaliber. Wir fanden den Platz
Porto Cabello in einem keineswegs befriedigenden Vertheidigungszustand.
Die Werke am Hafen und der Stadtwall mit etwa sechzig Geschützen erfordern
eine Besatzung von 1800 bis 2000 Mann, und es waren nicht 600 da. Es war
auch eine königliche Fregatte, die an der Einfahrt des Hafens vor Anker
lag, bei Nacht von den Kanonierschaluppen eines englischen Kriegsschiffe
angegriffen und weggenommen worden. Die Blokade begünstigte vielmehr den
Schleichhandel, als daß sie ihn hinderte, und man sah deutlich, daß in
Porto Cabello die Bevölkerung in der Zunahme, der Gewerbfleiß im
Aufschwung begriffen waren. Am stärksten ist der gesetzwidrige Verkehr mit
den Inseln Curacao und Jamaica. Man führt über 10,000 Maulthiere jährlich
aus. Es ist nicht uninteressant, die Thiere einschiffen zu sehen. Man
wirft sie mit der Schlinge nieder und zieht sie an Bord mittelst einer
Vorrichtung gleich einem Krahn. Aus dem Schiffe stehen sie in zwei Reihen
und können sich beim Schlingern und Stampfen kaum auf den Beinen halten.
Um sie zu schrecken und fügsamer zu machen, wird fast fortwährend Tag und
Nacht die Trommel gerührt. Man kann sich denken, wie sanft ein Passagier
ruht, der den Muth hat, sich auf einer solchen mit Maulthieren beladenen
Goelette nach Jamaica einzuschiffen.
Wir verließen Porto Cabello am ersten Merz mit Sonnenaufgang. Mit
Verwunderung sahen wir die Masse von Kähnen, welche Früchte zu Markt
brachten. Es mahnte mich an einen schönen Morgen in Venedig. Vom Meere aus
gesehen, liegt die Stadt im Ganzen freundlich und angenehm da. Dicht
bewachsene Berge, über denen Gipfel aufsteigen, die man nach ihren
Umrissen der Trappformation zuschreiben könnte, bilden den Hintergrund der
Landschaft. In der Nähe der Küste ist alles nackt, weiß, stark beleuchtet,
die Bergwand dagegen mit dicht belaubten Bäumen bedeckt, die ihre
gewaltigen Schatten über braunes steinigtes Erdreich werfen. Vor der Stadt
besahen wir die eben fertig gewordene Wasserleitung. Sie ist 5000 Varas
lang und führt in einer Rinne das Wasser des Rio Estevan in die Stadt.
Dieses Werk hat 30,000 Piaster gekostet, das Wasser springt aber auch in
allen Straßen.
Wir gingen von Porto Cabello in die Thäler von Aragua zurück und hielten
wieder auf der Pflanzung Barbula an, über welche die neue Straße nach
Valencia geführt wird. Wir hatten schon seit mehreren Wochen von einem
Baume sprechen hören, dessen Saft eine nährende Milch ist. Man nennt ihn
den *Kuhbaum* und man versicherte uns, die Neger auf dem Hofe trinken viel
von dieser vegetabilischen Milch und halten sie für ein gesundes
Nahrungsmittel. Da alle milchigten Pflanzensäfte scharf, bitter und mehr
oder weniger giftig sind, so schien uns diese Behauptung sehr sonderbar;
aber die Erfahrung lehrte uns während unseres Aufenthalts in Barbula, daß,
was man uns von den Eigenschaften des _Palo de __ Vaca_ erzählt hatte,
nicht übertrieben war. Der schöne Baum hat den Habitus des _Chrysophyllum
cainito_ oder Sternapfelbaums; die länglichten, zugespitzten,
lederartigen, abwechselnden Blätter haben unten vorspringende, parallele
Seitenrippen und werden zehn Zoll lang. Die Blüthe bekamen wir nicht zu
sehen; die Frucht hat wenig Fleisch und enthält eine, bisweilen zwei
Nüsse. Macht man Einschnitte in den Stamm des Kuhbaums, so fließt sehr
reichlich eine klebrigte, ziemlich dicke Milch aus, die durchaus nichts
Scharfes hat und sehr angenehm wie Balsam riecht. Man reichte uns welche
in den Früchten des Tutumo oder Flaschenbaums. Wir tranken Abends vor
Schlafengehen und früh Morgens viel davon, ohne irgend eine nachtheilige
Wirkung. Nur die Klebrigkeit macht diese Milch etwas unangenehm. Die Neger
und die Freien, die auf den Pflanzungen arbeiten, tunken sie mit Mais- und
Maniocbrod, *Arepa* und *Cassave*, aus. Der Verwalter des Hofs versicherte
uns, die Neger legen in der Zeit, wo der Palo de Vaca ihnen am meisten
Milch gibt, sichtbar zu. Bei freiem Zutritt der Luft zieht der Saft an der
Oberfläche, vielleicht durch Absorption des Sauerstoffs der Luft, Häute
einer stark animalisirten, gelblichen, faserigen, dem Käsestoff ähnlichen
Substanz. Nimmt man diese Häute von der übrigen wässerigen Flüssigkeit ab,
so zeigen sie sich elastisch wie Cautschuc, in der Folge aber faulen sie
unter denselben Erscheinungen wie die Gallerte. Das Volk nennt den
Klumpen, der sich an der Luft absetzt, *Käse*; der Klumpen wird nach fünf,
sechs Tagen sauer, wie ich an den kleinen Stücken bemerkte, die ich nach
Nueva Valencia mitgebracht. In einer verschlossenen Flasche setzte sich in
der Milch etwas Gerinsel zu Boden, und sie wurde keineswegs übelriechend,
sondern behielt ihren Balsamgeruch. Mit kaltem Wasser vermischt gerann der
frische Saft nur sehr wenig, aber die klebrigten Häute setzten sich ab,
sobald ich denselben mit Salpetersäure in Berührung brachte. Wir schickten
Fourcroys in Paris zwei Flaschen dieser Milch. In der einen war sie im
natürlichen Zustand, in der andern mit einer gewissen Menge kohlensauren
Natrons versetzt. Der französische Consul auf der Insel St. Thomas
übernahm die Beförderung.
Dieser merkwürdige Baum scheint der Küstencordillere, besonders von
Barbula bis zum See Maracaybo, eigenthümlich. Beim Dorf San Mateo und nach
Bredemayer, dessen Reisen die schönen Gewächshäuser von Schönbrunn und
Wien so sehr bereichert haben, im Thal von Caucagua, drei Meilen von
Caracas, stehen auch einige Stämme. Dieser Naturforscher fand, wie wir,
die vegetabilische Milch des _Palo de Vaca_ angenehm von Geschmack und von
aromatischem Geruch. In Caucagua nennen die Eingeborenen den Baum, der den
nährenden Saft gibt, *Milchbaum, *_Arbol del leche_. Sie wollen an der
Dicke und Farbe des Laubs die Bäume erkennen, die am meisten Saft geben,
wie der Hirte nach äußern Merkmalen eine gute Milchkuh herausfindet. Kein
Botaniker kannte bis jetzt dieses Gewächs, dessen Fructificationsorgane
man sich leicht wird verschaffen können. Nach Kunth scheint der Baum zu
der Familie der Sapoteen zu gehören. Erst lange nach meiner Rückkehr nach
Europa fand ich in des Holländers Laet Beschreibung von Westindien eine
Stelle, die sich auf den Kuhbaum zu beziehen scheint. »In der Provinz
Cumana,« sagt Laet, gibt es Bäume, deren Saft geronnener Milch gleicht und
ein *gesundes Nahrungsmittel* abgibt.«
Ich gestehe, von den vielen merkwürdigen Erscheinungen, die mir im Verlauf
meiner Reise zu Gesicht gekommen, haben wenige auf meine Einbildungskraft
einen stärkeren Eindruck gemacht als der Anblick des Kuhbaums. Alles was
sich auf die Milch oder auf die Getreidearten bezieht, hat ein Interesse
für uns, das sich nicht auf die physikalische Kenntniß der Gegenstände
beschränkt, sondern einem andern Kreise von Vorstellungen und Empfindungen
angehört. Wir vermögen uns kaum vorzustellen, wie das Menschengeschlecht
bestehen könnte ohne mehligte Stoffe, ohne den nährenden Saft in der
Mutterbrust, der auf den langen Schwächezustand des Kindes berechnet ist.
Das Stärkmehl des Getreides, das bei so vielen alten und neueren Völkern
ein Gegenstand religiöser Verehrung ist, kommt in den Samen und den
Wurzeln der Gewächse vor; die nährende Milch dagegen erscheint uns als ein
ausschließliches Produkt der thierischen Organisation. Diesen Eindruck
erhalten wir von Kindheit auf, und daher denn auch das Erstaunen, womit
wir den eben beschriebenen Baum betrachten. Was uns hier so gewaltig
ergreift, sind nicht prachtvolle Wälderschatten, majestätisch
dahinziehende Ströme, von ewigem Eis starrende Gebirge: ein paar Tropfen
Pflanzensaft führen uns die ganze Macht und Fülle der Natur vor das innere
Auge. An der kahlen Felswand wächst ein Baum mit trockenen, lederartigen
Blättern; seine dicken holzigten Wurzeln dringen kaum in das Gestein.
Mehrere Monate im Jahr netzt kein Regen sein Laub; die Zweige scheinen
vertrocknet, abgestorben; bohrt man aber den Stamm an, so fließt eine
süße, nahrhafte Milch heraus. Bei Sonnenaufgang strömt die vegetabilische
Quelle am reichlichsten; dann kommen von allen Seiten die Schwarzen und
die Eingeborenen mit großen Näpfen herbei und fangen die Milch auf, die
sofort an der Oberfläche gelb und dick wird. Die einen trinken die Näpfe
unter dem Baum selbst aus, andere bringen sie ihren Kindern. Es ist, als
sähe man einen Hirten, der die Milch seiner Heerde unter die Seinigen
vertheilt.
Ich habe den Eindruck geschildert, den der Kuhbaum auf die
Einbildungskraft des Reisenden macht, wenn er ihn zum erstenmale sieht.
Die wissenschaftliche Untersuchung zeigt, daß die physischen Eigenschaften
der thierischen und der vegetabilischen Stoffe im engsten Zusammenhang
stehen; aber sie benimmt dem Gegenstand, der uns in Erstaunen setzte, den
Anstrich des Wunderbaren, sie entkleidet ihn wohl auch zum Theil seines
Reizes. Nichts steht für sich allein da; chemische Grundstoffe, die, wie
man glaubte, nur den Thieren zukommen, finden sich in den Gewächsen
gleichfalls. Ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur.
Lange bevor die Chemie im Blüthenstaub, im Eiweiß der Blätter und im
weißlichen Anflug unserer Pflaumen und Trauben kleine Wachstheilchen
entdeckte, verfertigten die Bewohner der Anden von Quindiu Kerzen aus der
dicken Wachsschicht, welche den Stamm einer Palme überzieht [_Ceroxylon
andicola_]. Vor wenigen Jahren wurde in Europa das _Caseum_, der
Grundstoff des Käses, in der Mandelmilch entdeckt; aber seit Jahrhunderten
gilt in den Gebirgen an der Küste von Venezuela die Milch eines Baumes und
der Käse, der sich in dieser vegetabilischen Milch absondert, für ein
gesundes Nahrungsmittel. Woher rührt dieser seltsame Gang in der
Entwicklung unserer Kenntnisse? Wie konnte das Volk in der einen Halbkugel
auf etwas kommen, was in der andern dem Scharfblick der Scheidekünstler,
die doch gewöhnt sind die Natur zu befragen und sie auf ihrem
geheimnißvollen Gang zu belauschen, so lange entgangen ist? Daher, daß
einige wenige Elemente und verschiedenartig zusammengesetzte Grundstoffe
in mehreren Pflanzenfamilien vorkommen; daher, daß die Gattungen und Arten
dieser natürlichen Familien nicht über die tropischen und die kalten und
gemäßigten Himmelsstriche gleich vertheilt sind; daher, daß Völker, die
fast ganz von Pflanzenstoffen leben, vom Bedürfniß getrieben, mehligte
nährende Stoffe überall finden, wo sie nur die Natur im Pflanzensaft, in
Rinden, Wurzeln oder Früchten niedergelegt hat. Das Stärkmehl, das sich am
reinsten in den Getreidekörnern findet, ist in den Wurzeln der Arumarten,
der _Tacca pinnatifida_ und der _Jatropha Manihot_ mit einem scharfen,
zuweilen selbst giftigen Saft verbunden. Der amerikanische Wilde, wie der
auf den Inseln der Südsee, hat das Satzmehl durch Auspressen und Trennen
vom Safte *aussüßen* gelernt. In der Pflanzenmilch und den milchigten
Emulsionen sind äußerst nahrhafte Stoffe, Eiweiß, Käsestoff und Zucker mit
Cautschuc und ätzenden schädlichen Materien, wie Morphium und Blausäure,
verbunden. Dergleichen Mischungen sind nicht nur nach den Familien,
sondern sogar bei den Arten derselben Gattung verschieden. Bald ist es das
Morphium oder der narkotische Grundstoff, was der Pflanzenmilch ihre
vorwiegende Eigenschaft gibt, wie bei manchen Mohnarten, bald das
Cautschuc, wie bei der _Hevea_ und _Castilloa_ bald Eiweiß und Käsestoff,
wie beim Melonenbaum und Kuhbaum.
Die milchigten Gewächse gehören vorzugsweise den drei Familien der
Euphorbien, der Urticeen und der Apocyneen an, und da ein Blick auf die
Vertheilung der Pflanzenbildungen über den Erdball zeigt, daß diese drei
Familien(61) in den Niederungen der Tropenländer durch die zahlreichsten
Arten vertreten sind, so müssen wir daraus schließen, daß eine sehr hohe
Temperatur zur Bildung von Cautschuc, Eiweiß und Käsestoff beiträgt. Der
Saft des Palo de Vaca ist ohne Zweifel das auffallendste Beispiel, daß
nicht immer ein scharfer, schädlicher Stoff mit dem Eiweiß, dem Käsestoff
und dem Cautschuc verbunden ist; indessen kannte man in den Gattungen
Euphorbia und Asclepias, die sonst durch ihre ätzenden Eigenschaften
bekannt sind, Arten, die einen milden, unschädlichen Saft haben. Hieher
gehört der _Tubayba dulce_ der canarischen Inseln, von dem schon oben die
Rede war [_Euphorbia balsamifera_], und _Asclepias lactifera_ auf Ceylan.
Wie Burman erzählt, bedient man sich dort, in Ermanglung der Kuhmilch, der
Milch der so letztgenannten Pflanze und kocht mit den Blättern derselben
die Speisen, die man sonst mit thierischer Milch zubereitet. Es ist zu
erwarten, daß ein Reisender, dem die gründlichsten Kenntnisse in der
Chemie zu Gebot stehen, John Davy, bei seinem Aufenthalt auf Ceylan diesen
Punkt ins Reine bringen wird; denn, wie Decandolle richtig bemerkt, es
wäre möglich, daß die Eingeborenen nur den Saft der jungen Pflanze
benützten, so lange der scharfe Stoff noch nicht entwickelt ist. Wirklich
werden in manchen Ländern die jungen Sprossen der Apocyneen gegessen.
Ich habe mit dieser Zusammenstellung den Versuch gemacht, die Milchsäfte
der Gewächse und der milchigten Emulsionen, welche die Früchte der
Mandelarten und der Palmen geben, unter einen allgemeineren Gesichtspunkt
zu bringen. Es möge mir gestattet seyn, diesen Betrachtungen die
Ergebnisse einiger Versuche anzureihen, die ich während meines Aufenthalts
in den Thälern von Aragua mit dem Safte der _Carica Papaya_ angestellt,
obgleich es mir fast ganz an Reagentien fehlte. Derselbe Saft ist seitdem
von Vauquelin untersucht worden. Der berühmte Chemiker hat darin richtig
das Eiweiß und den käseartigen Stoff erkannt; er vergleicht den Milchsaft
mit reinem stark animalisirten Stoff, mit dem thierischen Blut; es stand
ihm aber nur gegohrener Saft und ein übelriechendes Gerinsel zu Gebot, das
sich auf der Ueberfahrt von Isle de France nach Havre gebildet hatte. Er
spricht den Wunsch aus, ein Reisender möchte den Saft des Melonenbaums
frisch, wie er aus dem Stengel oder der Frucht fließt, untersuchen können.
Je jünger die Frucht des Melonenbaums ist, desto mehr Milch gibt sie; man
findet sie bereits im kaum befruchteten Keim. Je reifer die Frucht wird,
desto mehr nimmt die Milch ab und desto wässeriger wird sie; man findet
dann weniger vom thierischen Stoff darin, der durch Säuren und durch
Absorption des Sauerstoffs der Luft gerinnt. Da die ganze Frucht
klebrig(62) ist, so könnte man annehmen, je mehr sie wachse, desto mehr
lagere sich der gerinnbare Stoff in den Organen ab und bilde zum Theil das
Mark oder die fleischigte Substanz. Tröpfelt man mit vier Theilen Wasser
verdünnte Salpetersäure in die ausgepreßte Milch einer ganz jungen Frucht,
so zeigt sich eine höchst merkwürdige Erscheinung. In der Mitte eines
jeden Tropfens bildet sich ein gallertartiges, grau gestreiftes Häutchen.
Diese Streifen sind nichts anderes als der Stoff, der wässeriger geworden,
weil die Säure ihm den Eiweißstoff entzogen hat. Zu gleicher Zeit werden
die Häutchen in der Mitte undurchsichtig und eigelb. Sie vergrößern sich,
indem divergirende Fasern sich zu verlängern scheinen. Die Flüssigkeit
sieht Anfangs aus wie ein Achat mit milchigten Wolken, und man meint
organische Häute unter seinen Augen sich bilden zu sehen. Wenn sich das
Gerinsel über die ganze Masse verbreitet, verschwinden die gelben Flecke
wieder. Rührt man sie um, so wird sie krümelich, wie weicher Käse. Die
gelbe Farbe erscheint wieder, wenn man ein paar Tropfen Salpetersäure
zusetzt. Die Säure wirkt hier wie die Berührung des Sauerstoffs der Luft
bei 27--35 Grad; denn das weiße Gerinsel wird in ein paar Minuten gelb,
wenn man es der Sonne aussetzt. Nach einigen Stunden geht das Gelb in
Braun über, ohne Zweifel, weil der Kohlenstoff frei wird im Verhältniß,
als der Wasserstoff, an den er gebunden war, verbrennt. Das durch die
Säure gebildete Gerinsel wird klebrig und nimmt den Wachsgeruch an, den
ich gleichfalls bemerkte, als ich Muskelfleisch und Pilze (Morcheln) mit
Salpetersäure behandelte. Nach Hatchetts schönen Versuchen kann man
annehmen, daß das Eiweiß zum Theil in Gallerte übergeht. Wirft man das
frisch bereitete Gerinsel vom Melonenbaum in Wasser, so wird es weich,
löst sich theilweise auf und färbt das Wasser gelblich. Alsbald schlägt
sich eine zitternde Gallerte, ähnlich dem Stärkmehl, daraus nieder. Dieß
ist besonders auffallend, wenn das Wasser, das man dazu nimmt, auf 40--60°
erwärmt ist. Je mehr man Wasser zugießt, desto fester wird die Gallerte.
Sie bleibt lange weiß und wird nur gelb, wenn man etwas Salpetersäure
darauf tröpfelt. Nach dem Vorgang FOURCROYs und VAUQUELINs bei ihren
Versuchen mit dem Saft der Hevea, setzte ich der Milch des Melonenbaums
eine Auflösung von kohlensaurem Natron bei. Es bildet sich kein Klumpen,
auch wenn man reines Wasser dem Gemisch von Milch und alkalischer
Auflösung zugießt. Die Häute kommen erst zum Vorschein, wenn man durch
Zusatz einer Säure das Alkali neutralisirt und die Säure im Ueberschuß
ist. Ebenso sah ich das durch Salpetersäure, Citronensaft oder heißes
Wasser gebildete Gerinsel verschwinden, wenn ich eine Lösung von
kohlensaurem Natron zugoß. Der Saft wird wieder milchigt und flüssig, wie
er ursprünglich war. Dieser Versuch gelingt aber nur mit frisch gebildetem
Gerinsel.
Vergleicht man die Milchsäfte des Melonenbaums, des Kuhbaums und der
Hevea, so zeigt sich eine auffallende Aehnlichkeit zwischen den Säften,
die viel Käsestoff enthalten, und denen, in welchen das Cautschuc
vorherrscht. Alles weiße, frisch bereitete Cautschuc, sowie die
wasserdichten Mäntel, die man im spanischen Amerika fabricirt und die aus
einer Schicht des Milchsafts der Hevea zwischen zwei Leinwandstücken
bestehen, haben einen thierischen, ekligen Geruch, der darauf hinzuweisen
scheint, daß das Cautschuc beim Gerinnen den Käsestoff an sich reißt, der
vielleicht nur ein modificirter Eiweißstoff ist.
Die Frucht des Brodfruchtbaums ist so wenig Brod, als die Bananen vor
ihrer Reise oder die stärkemehlreichen Wurzelknollen der _Dioscorea_, des
_Convolvulus Batatas_ und der Kartoffel. Die Milch des Kuhbaums dagegen
enthält den Käsestoff gerade wie die Milch der Säugethiere. Aus
allgemeinem Gesichtspunkte können wir mit Gay-Lussac das Cautschuc als den
öligten Theil, als die Butter der vegetabilischen Milch betrachten. Die
beiden Grundstoffe Eiweiß und Fett sind in den Organen der verschiedenen
Thierarten und in den Pflanzen mit Milchsaft in verschiedenen
Verhältnissen enthalten. Bei letzteren sind sie meist mit andern, beim
Genuß schädlichen Stoffen verbunden, die sich aber vielleicht auf
chemischem Wege trennen ließen. Eine Pflanzenmilch wird nahrhaft, wenn
keine scharfen, narkotischen Stoffe mehr darin sind und statt des
Cautschucs der Käsestoff darin überwiegt.
Ist der Palo de Vaca für uns ein Bild der unermeßlichen Segensfülle der
Natur im heißen Erdstrich, so mahnt er uns auch an die zahlreichen
Quellen, aus denen unter diesem herrlichen Himmel die träge Sorglosigkeit
des Menschen fließt. Mungo Park hat uns mit dem *Butterbaum* in Bambarra
bekannt gemacht, der, wie Decandolle vermuthet, zu der Familie der
Sapoteen gehört, wie unser Kuhbaum. Die Bananenbäume, die Sagobäume, die
Mauritien am Orinoco sind *Brodbäume* so gut wie die Rima der Südsee. Die
Früchte der Crescentia und Lecythis dienen zu Gefäßen; die Blumenscheiden
mancher Palmen und Baumrinden geben Kopfbedeckungen und Kleider ohne Nath.
Die Knoten oder vielmehr die innern Fächer im Stamm der Bambus geben
Leitern und erleichtern auf tausenderlei Art den Bau einer Hütte, die
Herstellung von Stühlen, Bettstellen und anderem Geräthe, das die
werthvolle Habe des Wilden bildet. Bei einer üppigen Vegetation mit so
unendlich mannigfaltigen Produkten bedarf es dringender Beweggründe, soll
der Mensch sich der Arbeit ergeben, sich aus seinem Halbschlummer
aufrütteln, seine Geistesfähigkeiten entwickeln.
In Barbula baut man Cacao und Baumwolle. Wir fanden daselbst, eine
Seltenheit in diesem Lande, zwei große Maschinen mit Cylindern zum Trennen
der Baumwolle von den Samen; die eine wird von einem Wasserrad, die andere
durch einen Göpel und durch Maulthiere getrieben. Der Verwalter des Hofes,
der dieselben gebaut, war aus Merida. Er kannte den Weg von Nueva Valencia
über Guanare und Misagual nach Barinas, und von dort durch die Schlucht
Callejones zum Paramo der Mucuchies und den mit ewigem Schnee bedeckten
Gebirgen von Merida. Seine Angaben, wie viel Zeit wir von Valencia über
Barinas in die Sierra Nevada, und von da über den Hafen von Torunos und
den Rio Santo Domingo nach San Fernando am Apure brauchen würden, wurden
uns vom größten Nutzen. Man hat in Europa keinen Begriff davon, wie schwer
es hält, genaue Erkundigung in einem Lande einzuziehen, wo der Verkehr so
gering ist, und man die Entfernungen gerne zu gering angibt oder
übertreibt, je nachdem man den Reisenden aufmuntern oder von seinem
Vorhaben abbringen möchte. Bei der Abreise von Caracas hatte ich dem
Intendanten der Provinz Gelder übergeben; die mir von den königlichen
Schatzbeamten in Barinas ausbezahlt werden sollten. Ich hatte beschlossen,
das westliche Ende der Cordilleren von Neu-Grenada, wo sie in die Paramos
von Timotes und Niquitao auslaufen, zu besuchen. Ich hörte nun in Barbula,
bei diesem Abstecher würden wir fünf und dreißig Tage später an den
Orinoco gelangen. Diese Verzögerung erschien uns um so bedeutender, da man
vermuthete, die Regenzeit werde früher als gewöhnlich eintreten. Wir
durften hoffen, in der Folge sehr viele mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge
in Quito, Peru und Mexico besuchen zu können, und es schien mir desto
gerathener, den Ausflug in die Gebirge von Merida aufzugeben, da wir
besorgen mußten, dabei unsern eigentlichen Reisezweck zu verfehlen, der
darin bestand, den Punkt, wo sich der Orinoco mit dem Rio Negro und dem
Amazonenstrom verbindet, durch astronomische Beobachtungen festzustellen.
Wir gingen daher von Barbula nach Guacara zurück, um uns von der
achtungswürdigen Familie des Marques del Toro zu verabschieden und noch
drei Tage am Ufer des Sees zu verweilen.
Es war Fastnacht und der Jubel allgemein. Die Lustbarkeiten, _de carnes
tollendas_ genannt, arteten zuweilen ein wenig ins Rohe aus. Die einen
führen einen mit Wasser beladenen Esel herum, und wo ein Fenster offen
ist, begießen sie das Zimmer mit einer Spritze; andere haben Düten voll
Haare der Picapica oder _Dolichos pruriens_ in der Hand und blasen das
Haar, das auf der Haut ein heftiges Jucken verursacht, den Vorübergehenden
ins Gesicht.
Von Guacara gingen wir nach Nueva Valencia zurück. Wir trafen da einige
französische Ausgewanderte, die einzigen, die wir in fünf Jahren in den
spanischen Colonien gesehen. Trotz der Blutsverwandtschaft zwischen den
königlichen Familien von Frankreich und Spanien durften sich nicht einmal
die französischen Priester in diesen Theil der neuen Welt flüchten, wo der
Mensch so leicht Unterhalt und Obdach findet. Jenseits des Oceans boten
allein die Vereinigten Staaten dem Unglück eine Zufluchtsstätte. Eine
Regierung, die stark, weil frei, und vertrauensvoll, weil gerecht ist,
brauchte sich nicht zu scheuen die Verbannten aufzunehmen.
Wir haben früher versucht über den Zustand des Indigo-, des Baumwollen-
und Zuckerbaus in der Provinz Caracas einige bestimmte Angaben zu machen.
Ehe wir die Thäler von Aragua und die benachbarten Küsten verlassen, haben
wir uns nur noch mit den Cacaopflanzungen zu beschäftigen, die von jeher
für die Hauptquelle des Wohlstandes dieser Gegenden galten. Die Provinz
Caracas (nicht die _Capitania general_, also mit Ausschluß der Pflanzungen
in Cumana, in der Provinz Barcelona, in Maracaybo, in Barinas und im
spanischen Guyana) erzeugte am Schluß des achtzehnten Jahrhunderts
jährlich 150,000 Fanegas, von denen 30,000 in der Provinz und 100,000 in
Spanien verzehrt wurden. Nimmt man die Fanega, nach dem Marktpreis zu
Cadix, nur zu 25 Piastern an, so beträgt der Gesammtwerth der Cacaoausfuhr
aus den sechs Häfen der _Capitania general_ von Caracas 4,800,000 Piaster.
Der Cacaobaum wächst gegenwärtig in den Wäldern von Terra Firma nördlich
vom Orinoco nirgends wild; erst jenseits der Fälle von Atures und Maypures
trafen wir ihn nach und nach an. Besonders häufig wächst er an den Ufern
des Ventuari und am obern Orinoco zwischen dem Padamo und dem Gehette. Daß
der Cacaobaum in Südamerika nordwärts vom sechsten Breitegrad so selten
wild vorkommt, ist für die Pflanzengeographie sehr interessant und war
bisher wenig bekannt. Die Erscheinung ist um so auffallender, da man nach
dem jährlichen Ertrag der Ernten auf den Cacaopflanzungen in Cumana, Nueva
Barcelona, Venezuela, Barinas und Maracaybo über 16 Millionen Bäume in
vollem Ertrag rechnet. Der wilde Cacaobaum hat sehr viele Aeste und sein
Laub ist dicht und dunkel. Er trägt eine sehr kleine Frucht, ähnlich der
Spielart, welche die alten Mexicaner *Tlalcacahuatl* nannten. In die
Conucos der Indianer am Cassiquiare und Rio Negro versetzt, behält der
wilde Baum mehrere Generationen die Kraft des vegetativen Lebens, die ihn
vom vierten Jahr an tragbar macht, während in der Provinz Caracas die
Ernten erst mit dem sechsten, siebenten oder achten Jahr beginnen. Sie
treten im Binnenlande später ein als an den Küsten: und im Thal von Guapo.
Wir fanden am Orinoco keinen Volksstamm, der aus der Bohne des Cacaobaums
ein Getränk bereitete. Die Wilden saugen das Mark der Hülse aus und werfen
die Samen weg, daher man dieselben oft in Menge auf ihren Lagerplätzen
findet. Wenn auch an der Küste der *Chorote*, ein ganz schwacher
Cacaoaufguß, für ein uraltes Getränke gilt, so gibt es doch keinen
geschichtlichen Beweis dafür, daß die Eingeborenen von Venezuela vor der
Ankunft der Spanier den Chocolat oder irgend eine Zubereitung des Cacao
gekannt haben. Wahrscheinlicher scheint mir, daß man in Caracas den
Cacaobaum nach dem Vorbild von Mexico und Guatimala angebaut hat, und daß
die in Terra Firma angesiedelten Spanier die Behandlung des Baums, der
jung im Schatten der Erythrina und des Bananenbaums aufwächst, die
Bereitung der *Chocolate*-tafeln und den Gebrauch des Getränks dieses
Namens durch den Verkehr mit Mexico, Guatimala und Nicaragua gelernt
haben, drei Länder, deren Einwohner von toltekischem und aztekischem
Stamme sind.
Bis zum sechzehnten Jahrhundert weichen die Reisenden in ihren Urtheilen
über den Chocolat sehr von einander ab. BENZONI sagt in seiner derben
Sprache, es sey ein Getränk vielmehr »da porci, che da huomini.« Der
Jesuit ACOSTA versichert, die Spanier in Amerika lieben den Chocolat mit
närrischer Leidenschaft, man müsse aber an »das schwarze Gebräue« gewöhnt
seyn, wenn einem nicht schon beim Anblick des Schaums, der wie die Hefe
über einer gährenden Flüssigkeit stehe, übel werden solle. Er bemerkt
weiter: »Der Cacao ist ein Aberglauben der Mexicaner, wie der Coca ein
Aberglauben der Peruaner.« Diese Urtheile erinnern an die Prophezeiung der
Frau von SEVIGNE hinsichtlich des Gebrauchs des Kaffees. HERNAN CORTEZ und
sein Page, der _gentilhombre del gran Conquistador_, dessen
Denkwürdigkeiten RAMUSIO bekannt gemacht hat, rühmen dagegen den Chocolat
nicht nur als ein angenehmes Getränk, selbst wenn er kalt bereitet
wird,(63) sondern besonders als nahrhaft. »Wer eine Tasse davon getrunken
hat,« sagt der Page des Hernan Cortez, »kann ohne weitere Nahrung eine
ganze Tagereise machen, besonders in sehr heißen Ländern; denn der
Chocolat ist seinem Wesen nach *kalt* und *erfrischend*.« Letztere
Behauptung möchten wir nicht unterschreiben; wir werden aber bei unserer
Fahrt auf dem Orinoco und bei unsern Reisen hoch an den Cordilleren hinauf
bald Gelegenheit finden, die vortrefflichen Eigenschaften des Chocolats zu
rühmen. Er ist gleich leicht mit sich zu führen und als Nahrungsmittel zu
verwenden und enthält in kleinem Raum viel nährenden und reizenden Stoff.
Man sagt mit Recht, in Afrika helfen Reis, Gummi und Sheabutter dem
Menschen durch die Wüsten. In der neuen Welt haben Chocolat und Maismehl
ihm die Hochebenen der Anden und ungeheure unbewohnte Wälder zugänglich
gemacht.
Die Cacaoernte ist ungemein veränderlich. Der Baum treibt mit solcher
Kraft, daß sogar aus den holzigten Wurzeln, wo die Erde sie nicht bedeckt,
Blüthen sprießen. Er leidet von den Nordostwinden, wenn sie auch die
Temperatur nur um wenige Grade herabdrücken. Auch die Regen, welche nach
der Regenzeit in den Wintermonaten vom December bis März unregelmäßig
eintreten, schaden dem Cacaobaum bedeutend. Es kommt nicht selten vor, daß
der Eigenthümer einer Pflanzung von 50,000 Stämmen in einer Stunde für
vier bis fünftausend Piaster Cacao einbüßt. Große Feuchtigkeit ist dem
Baum nur förderlich, wenn sie allmählig zunimmt und lange ohne
Unterbrechung anhält. Wenn in der trockenen Jahreszeit die Blätter und die
unreife Frucht in einen starken Regenguß kommen, so löst sich die Frucht
vom Stiel. Die Gefäße, welche das Wasser einsaugen, scheinen durch
Ueberschwellung zu bersten. Ist nun die Cacaoernte äußerst unsicher, weil
der Baum gegen schlimme Witterung so empfindlich ist und so viele Würmer,
Insekten, Vögel, Säugethiere [Papageien, Affen, Agoutis, Eichhörner,
Hirsche.] die Schote fressen, hat dieser Culturzweig den Nachtheil, daß
dabei der neue Pflanzer der Früchte seiner Arbeit erst nach acht bis zehn
Jahren genießt und daß das Produkt schwer aufzubewahren ist, so ist
dagegen nicht zu übersehen, daß die Cacaopflanzungen weniger Sklaven
erfordern als die meisten andern Culturen. Dieser Umstand ist von großer
Bedeutung in einem Zeitpunkt, wo sämmtliche Völker Europas den
großherzigen Entschluß gefaßt haben, dem Negerhandel ein Ende zu machen.
Ein Sklave versieht tausend Stämme, die im jährlichen Durchschnitt 12
Fanegas Cacao tragen können. Auf Cuba gibt allerdings eine *große*
Zuckerpflanzung mit 300 Schwarzen im Jahr durchschnittlich 40,000 Arrobas
Zucker, welche, die Kiste(64) zu 40 Piastern, 100,000 Piaster werth sind,
und in den Provinzen von Venezuela producirt man für 100,000 Piaster oder
4000 Fanegas Cacao, die Fanega zu 25 Piastern, auch nur mit 300--350
Sklaven. Die 200,000 Kisten Zucker mit 3,200,000 Arrobas, welche Cuba von
1812--1814 jährlich ausgeführt hat, haben einen Werth von 8 Millionen
Piastern und könnten mit 24,000 Sklaven hergestellt werden, *wenn die
Insel lauter große Pflanzungen hätte*; aber dieser Annahme widerspricht
der Zustand der Colonie und die Natur der Dinge. Die Insel Cuba verwendete
im Jahr 1811 nur zur Feldarbeit 143,000 Sklaven, während die _Capitania
general_ von Caracas, die jährlich 200,000 Fanegas Cacao oder für 5
Millionen Piaster producirt, wenn auch nicht ausführt, in Stadt und Land
nicht mehr als 60,000 Sklaven hat. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß
diese Verhältnisse sich mit den Zucker- und Cacaopreisen ändern.
Die schönsten Cacaopflanzungen in der Provinz Caracas sind an der Küste
zwischen Caravalleda und der Mündung des Rio Tocuyo, in den Thälern von
Caucagua, Capaya, Curiepe und Guapo; ferner in den Thälern von Cupira,
zwischen Cap Codera und Cap Unare, bei Aroa, Barquesimeto, Guigue und
Uritucu. Der Cacao, der an den Ufern des Urituru am Rande der Llanos, im
Gerichtsbezirk San Sebastiano de los Reyos wächst, gilt für den besten;
dann kommen die von Guigue, Caucagua, Capaya und Cupira. Auf dem
Handelsplatz Cadix hat der Cacao von Caracas den ersten Rang gleich nach
dem von Socomusco. Er steht meist um 30--40 Procent höher im Preis als der
Cacao von Guayaquil.
Erst seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts munterten die Holländer,
im ruhigen Besitz der Insel Curaçao, durch den Schleichhandel den Landbau
an den benachbarten Küsten auf, und erst seitdem wurde der Cacao für die
Provinz Caracas ein Ausfuhrartikel. Was in dieser Gegend vorging, ehe im
Jahr 1728 die Gesellschaft der Biscayer aus Guipuzcoa sich daselbst
niederließ, wissen wir nicht. Wir besitzen lediglich keine genauen
statistischen Angaben und wissen nur, daß zu Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts aus Caracas kaum 30,000 Fanegas jährlich ausgeführt wurden.
Im Jahr 1797 war die Ausfuhr, nach den Zollregistern von Guayra, den
Schleichhandel nicht gerechnet, 70,832 Fanegas. Wegen des Schmuggels nach
Trinidad und den andern Antillen darf man kecklich ein Viertheil oder
Fünftheil weiter rechnen. Ich glaube annehmen zu können, daß von
1800--1806, also im letzten Zeitpunkt, wo in den spanischen Colonien noch
innere Ruhe herrschte, der jährliche Ertrag der Cacaopflanzungen in der
ganzen _Capitania general_ von Caracas sich wenigstens auf 193,000 Fanegas
belief.
Die Ernten, deren jährlich zwei stattfinden, im Juni und im December,
fallen sehr verschieden aus, doch nicht in dem Maaße wie die Oliven- und
Weinernten in Europa. Von jenen 193,000 Fanegas fließen 145,000 theils
über die Häfen der Halbinsel, theils durch den Schleichhandel nach Europa
ab. Ich glaube beweisen zu können (und diese Schätzungen beruhen auf
zahlreichen einzelnen Angaben), daß Europa beim gegenwärtigen Stande
seiner Civilisation verzehrt:
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
| 23 Mill. Pfd. | Cacao zu 120 Fr. den Ctr. | 27,600,000 | Frs. |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
| 32 Mill. Pfd. | Thee zu 4 Fr. das Pfund | 128,000,000 | " |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|140 Mill. Pfd. | Kaffee zu 114 Fr. den Ctr. | 159,600,000 | " |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|450 Mill. Pfd. | Zucker zu 54 Fr. den Ctr. | 243,000,000 | " |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
| | | ------------ | |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
| | | 558,200,000 | Frs. |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
Von diesen vier Erzeugnissen, die seit zwei bis drei Jahrhunderten die
vornehmsten Artikel im Handel und der Produktion der Colonien geworden
sind, gehört der erste ausschließlich Amerika, der zweite ausschließlich
Asien an. Ich sage ausschließlich, denn die Cacaoausfuhr der Philippinen
ist bis jetzt so unbedeutend, wie die Versuche, die man in Brasilien, auf
Trinidad und Jamaica mit dem Theebau gemacht hat. Die vereinigten
Provinzen von Caracas liefern zwei Drittheile des Cacaos, der im
westlichen und südlichen Europa verzehrt wird. Dieß ist um so
bemerkenswerther, als es der gemeinen Annahme widerspricht; aber die
Cacaosorten von Caracas, Maracaybo und Cumana sind nicht alle von
derselben Qualität. Der Graf CASA-VALENCIA schätzt den Verbrauch Spaniens
nur auf 6--7 Millionen Pfund, der ABBÉ HERVAS auf 9 Millionen. Wer lange
in Spanien, Italien und Frankreich gelebt hat, muß die Bemerkung gemacht
haben, daß nur im ersteren Lande Chocolat auch von den untersten
Volksklassen stark getrunken wird, und wird es schwerlich glaublich
finden, daß Spanien nur ein Drittheil des in Europa eingeführten Cacao
verzehren soll.
Die letzten Kriege haben für den Cacaohandel in Caracas weit
verderblichere Folgen gehabt als in Guayaquil. Wegen des Preisaufschlags
ist in Europa weniger Cacao von der theuersten Sorte verzehrt worden.
Früher machte man in Spanien die gewöhnliche Chocolate aus einem Viertheil
Cacao von Caracas und drei Viertheilen Cacao von Guayaquil; jetzt nahm man
letzteren allein. Dabei ist zu bemerken, daß viel geringer Cacao, wie der
vom Marañon, vom Rio Negro, von Honduras und von der Insel Santa Lucia, im
Handel Cacao von Guayaquil heißt. Aus letzterem Hafen werden nicht über
60,000 Fanegas ausgeführt, zwei Drittheile weniger als aus den Häfen der
_Capitania general_ von Caracas.
Wenn auch die Cacaopflanzungen in den Provinzen Cumana, Barcelona und
Maracaybo sich in dem Maaße vermehrt haben, in dem sie in der Provinz
Caracas eingegangen sind, so glaubt man doch, daß dieser alte Culturzweig
im Ganzen allmählig abnimmt. In vielen Gegenden verdrängen der Kaffeebaum
und die Baumwollenstaude den Cacaobaum, der für die Ungeduld des
Landbauers viel zu spät trägt. Man behauptet auch, die neuen Pflanzungen
geben weniger Ertrag als die alten. Die Bäume werden nicht mehr so kräftig
und tragen später und nicht so reichlich Früchte. Auch soll der Boden
erschöpft seyn; aber nach unserer Ansicht ist vielmehr durch die
Entwicklung des Landbaus und das Urbarmachen des Landes die
Luftbeschaffenheit eine andere geworden. Ueber einem unberührten, mit Wald
bewachsenen Boden schwängert sich die Luft mit Feuchtigkeit und den
Gasgemengen, die den Pflanzenwuchs befördern und sich bei der Zersetzung
organischer Stoffe bilden. Ist ein Land lange Zeit angebaut gewesen, so
wird das Verhältniß zwischen Sauerstoff und Stickstoff durchaus keins
anderes; die Grundbestandtheile der Luft bleiben dieselben; aber jene
binären und tertiären Verbindungen von Kohlenstoff, Stickstoff und
Wasserstoff, die sich aus einem unberührten Boden entwickeln und für eine
Hauptquelle der Fruchtbarkeit gelten, sind ihr nicht mehr beigemischt. Die
reinere, weniger mit Miasmen und fremdartigen Effluvien beladene Luft wird
zugleich trockener und die Spannung des Wasserdampfs nimmt merkbar ab. Auf
längst urbar gemachtem und somit zum Cacaobau wenig geeignetem Boden,
z. B. auf den Antillen, ist die Frucht beinahe so klein wie beim wilden
Cacaobaum. An den Ufern des obern Orinoco, wenn man über die Llanos
hinüber ist, betritt man, wie schon bemerkt, die wahre Heimath des
Cacaobaums, und hier findet man dichte Wälder, wo auf unberührtem Boden,
in beständig feuchter Luft die Stämme mit dem vierten Jahr reiche Ernten
geben. Auf nicht erschöpftem Boden ist die Frucht durch die Cultur überall
größer und weniger bitter geworden, sie reift aber auch später.
Sieht man nun den Ertrag an Cacao in Terra Firma allmählig abnehmen, so
fragt man sich, ob in Spanien, in Italien und im übrigen Europa auch der
Verbrauch im selben Verhältniß abnehmen, oder ob nicht vielmehr in Folge
des Eingehens der Cacaopflanzungen die Preise so hoch steigen werden, daß
der Landbauer zu neuen Anstrengungen aufgemuntert wird? Letzteres ist die
herrschende Ansicht bei allen, die in Caracas die Abnahme eines so alten
und so einträglichen Handelszweiges bedauern. Wenn einmal die Cultur
weiter gegen die feuchten Wälder im Binnenlande vorrückt, an die Ufer des
Orinoco und des Amazonenstromes, oder in die Thäler am Ostabhang der
Anden, so finden die neuen Ansiedler einen Boden und eine Luft, wie sie
beide dem Cacaobau angemessen sind.
Bekanntlich scheuen die Spanier im Allgemeinen den Zusatz von Vanille zum
Cacao, weil dieselbe die Nerven reize. Daher wird auch die Frucht dieser
schönen Orchisart in der Provinz Caracas fast gar nicht beachtet. Man
könnte sie auf der feuchten, fieberreichen Küste zwischen Porto Cabello
und Ocumare in Menge sammeln, besonders aber in Turiamo, wo die Früchte
des _Epidendrum Vanilla_ elf bis zwölf Zoll lang werden. Die Engländer und
Angloamerikaner suchen häufig im Hafen von Guayra Vanille zu kaufen, und
die Handelsleute können sie nur mit Mühe in kleinen Quantitäten
auftreiben. In den Thälern, die sich von der Küstenbergkette zum Meer der
Antillen herabziehen, in der Provinz Truxillo, wie in den Missionen in
Guyana bei den Fällen des Orinoco könnte man sehr viel Vanille sammeln,
und der Ertrag wäre noch reichlicher, wenn man, wie die Mexicaner thun,
die Pflanze von Zeit zu Zeit von den Lianen säuberte, die sie umschlingen
und ersticken.
Bei der Schilderung des gegenwärtigen Zustandes der Cacaopflanzungen in
den Provinzen von Venezuela, bei den Bemerkungen über den Zusammenhang
zwischen dem Ertrag der Pflanzungen und der Feuchtigkeit und Gesundheit
der Luft, haben wir der warmen, fruchtbaren Thäler der Küstencordillere
erwähnt. In seiner westlichen Erstreckung, dem See Maracaybo zu, zeigt
dieser Landstrich eine sehr interessante mannigfaltige Terrainbildung. Ich
stelle am Ende dieses Kapitels zusammen, was ich über die Beschaffenheit
des Bodens und den Metallreichthum in den Bezirken Aroas, Barquesimeto und
Carora habe in Erfahrung bringen können.
Von der Sierra Nevada von Merida und den *Paramos* von Niquitao, Bocono
und las Rosas an,(65) wo der kostbare Chinabaum wächst, senkt sich die
östliche Cordillere von Neu-Grenada so rasch, daß sie zwischen dem 9. und
10. Breitegrad nur noch eine Kette kleiner Berge bildet, an die sich im
Nordost der Altar und der Torito anschließen und die die Nebenflüsse des
Rio Apure und des Orinoco von den zahlreichen Gewässern scheiden, die
entweder in das Meer der Antillen oder in den See Maracaybo fallen. Auf
dieser Wasserscheide stehen die Städte Nirgua, San Felipe el Fuerte,
Barquesimeto und Tocuyo. In den drei ersteren ist es sehr heiß, in Tocuyo
dagegen bedeutend kühl, und man hört mit Ueberraschung, daß unter einem so
herrlichen Himmel die Menschen große Neigung zum Selbstmord haben. Gegen
Süden erhebt sich der Boden, denn Truxillo, der See Urao, aus dem man
kohlensaures Natron gewinnt, und la Grita, ostwärts von der Cordillere,
liegen schon in 400--500 Toisen Höhe.
Beobachtet man, in welchem constanten Verhältnisse die Urgebirgsschichten
der Küstencordillere fallen, so sieht man sich auf eine der Ursachen
hingewiesen, welche den Landstrich zwischen der Cordillere und dem Meer so
ungemein feucht machen. Die Schichten fallen meist nach Nordwest, so daß
die Gewässer nach dieser Richtung über die Gesteinsbänke laufen und, wie
schon oben bemerkt, die Menge Bäche und Flüsse bilden, deren
Ueberschwemmungen vom Cap Codera bis zum See Maracaybo das Land so
ungesund machen.
Neben den Gewässern, die in der Richtung nach Nordost an die Küste von
Porto Cabello und zur Punta de Hicacos herabkommen, sind die bedeutendsten
der Tocuyo, der Aroa und der Yaracuy. Ohne die Miasmen, welche die Luft
verpesten, waren die Thäler des Aroa und des Yaracuy vielleicht stärker
bevölkert als die Thäler von Aragua. Durch die schiffbaren Flüsse hatten
jene sogar den Vortheil, daß sie ihre eigenen Zucker- und Cacaoernten, wie
die Produkte der benachbarten Bezirke, den Weizen von Quibor, das Vieh von
Monai und das Kupfer von Aroa, leichter ausführen könnten. Die Gruben, wo
man dieses Kupfer gewinnt, liegen in einem Seitenthal, das in das Aroathal
mündet und nicht so heiß und ungesund ist als die Thalschluchten naher am
Meer. In diesen letzteren haben die Indianer Goldwäschereien, und im
Gebirge kommen dort reiche Kupfererze vor, die man noch nicht auszubeuten
versucht hat. Die alten, längst in Abgang gekommenen Gruben von Aroa
wurden auf den Betrieb Don Antonios Henriquez, den wir in San Fernando am
Apure trafen, wieder aufgenommen. Nach den Notizen, die er mir gegeben,
scheint die Lagerstätte des Erzes eine Art Stockwerk zu seyn, das aus
mehreren kleinen Gängen besteht, die sich nach allen Richtungen kreuzen.
Das Stockwerk ist stellenweise zwei bis drei Toisen dick. Der Gruben sind
drei, und in allen wird von Sklaven gearbeitet. Die größte, die Biscayna,
hat nur dreißig Bergleute, und die Gesammtzahl der mit der Förderung und
dem Schmelzen des Erzes beschäftigten Sklaven beträgt nur 60--70. Da der
Schacht nur dreißig Toisen tief ist, so können, der Wasser wegen, die
reichsten Strecken des Stockwerks, die darunter liegen, nicht abgebaut
werden. Man hat bis jetzt nicht daran gedacht, Schöpfräder aufzustellen.
Die Gesammtausbeute an gediegenem Kupfer beträgt jährlich 1200--1500
Centner. Das Kupfer, in Cadix als Caracaskupfer bekannt, ist ausgezeichnet
gut; man zieht es sogar dem schwedischen und dem Kupfer von Coquimbo in
Chili vor. Das Kupfer von Aroa wird zum Theil an Ort und Stelle zum
Glockenguß verwendet. In neuester Zeit ist zwischen Aroa und Nirgua bei
Guanita im Berge San Pablo einiges Silbererz entdeckt worden. Goldkörner
kommen überall im Gebirgslande zwischen dem Rio Yaracuy, der Stadt San
Felipe, Nirgua und Barquesimeto vor, besonders aber im Flusse Santa Cruz,
in dem die indianischen Goldwäscher zuweilen Geschiebe von vier bis fünf
Piastern Werth finden. Kommen im anstehenden Glimmerschiefer- und
Gneißgestein wirkliche Gänge vor, oder ist das Gold auch hier, wie im
Granit von Guadarama in Spanien und im Fichtelgebirg in Franken, durch die
ganze Gebirgsart zerstreut? Das durchsickernde Wasser mag die zerstreuten
Goldblättchen zusammenschwemmen, und in diesem Fall wären alle
Bergbauversuche fruchtlos. In der _Savana de la Miel_ bei der Stadt
Barquesimeto hat man im schwarzen, glänzenden, dem Bergpech (_Ampélite_)
ähnlichen Schiefer einen Schacht niedergetrieben. Die Mineralien, die man
daraus zu Tage gefördert, und die man mir nach Caracas geschickt, waren
Quarz, *nicht goldhaltige* Schwefelkiese und in Nadeln mit Seidenglanz
crystallisirtes kohlensaures Blei.
In der ersten Zeit nach der Eroberung begann man trotz der Einfälle des
kriegerischen Stammes der Giraharas die Gruben von Nirgua und Buria
auszubeuten. Im selben Bezirk veranlaßte im Jahr 1553 die Menge der
Negersklaven einen Vorfall, der, so wenig er an sich zu bedeuten hatte,
dadurch interessant wird, daß er mit den Ereignissen, die sich unter
unsern Augen auf St. Domingo begeben haben, Aehnlichkeit hat. Ein
Negersklave stiftete unter den Grubenarbeitern von San Felipe de Buria
einen Aufstand an, zog sich in die Wälder und gründete mit zweihundert
Genossen einen Flecken, in dem er zum König ausgerufen wurde. Miguel, der
neue König, liebte Prunk und Feierlichkeit; sein Weib *Guiomar* ließ er
Königin nennen; er ernannte, wie OVIEDO erzählt, Minister, Staatsräthe,
Beamte der _Casa real_, sogar einen schwarzen Bischof. Nicht lange, so war
er keck genug, die benachbarte Stadt Nueva Segovia de Barquesimeto
anzugreifen; er wurde aber von Diego de Losada zurückgeschlagen und kam im
Handgemenge um. Diesem afrikanischen Königreich folgte in Nirgua ein
Freistaat der *Zambos*, das heißt der Abkömmlinge von Negern und
Indianern. Der ganze Gemeinderath, der *Cabildo*, besteht aus Farbigen,
die der KÖNIG VON SPANIEN als seine »lieben und getreuen Unterthanen, die
Zambos von Nirgua,« anredete. Nur wenige weiße Familien mögen in einem
Lande leben, wo ein mit ihren Ansprüchen so wenig verträgliches Regiment
herrscht, und die kleine Stadt heißt spottweise _la republica de Zambos y
Mulatos_. Es ist eben so unklug, die Regierung einer einzelnen Kaste zu
überlassen, als sie ihrer natürlichen Rechte zu berauben und ihr dadurch
eine Einzelnstellung zu geben.
Wenn in den wegen ihres vortrefflichen Bauholzes berühmten Thälern des
Aroa, Yaracuy und Tocuyo der üppige Pflanzenwuchs und die große
Feuchtigkeit der Luft so viele Fieber erzeugen, so verhält es sich mit den
Savanen oder Llanos von Monaï und Caroro ganz anders. Diese Llanos sind
durch das Gebirgsland von Tocuyo und Nirgua von den großen *Ebenen an der
Portugueza und bei Calabozo* getrennt. Dürre Savanen, auf denen Miasmen
herrschen, sind eine sehr auffallende Erscheinung. Sumpfboden kommt
daselbst keiner vor, wohl aber mehrere Erscheinungen, die auf die
Entbindung von Wasserstoffgas hindeuten.(66) Wenn man Reisende, welche mit
den brennbaren Schwaden unbekannt sind, in die Höhle _del Serrito de
Monaï_ führt, so erschreckt man sie durch Anzünden des Gasgemenges, das
sich im obern Theil der Höhle fortwährend ansammelt. Soll man annehmen,
daß die ungesunde Luft hier dieselbe Quelle hat, wie auf der Ebene
zwischen Tivoli und Rom, Entwicklung von Schwefelwasserstoff?(67)
Vielleicht äußert auch das Gebirgsland neben den Llanos von Monaï einen
ungünstigen Einfluß auf die anstoßenden Ebenen. Südostwinde mögen die
faulen Effluvien herführen, die sich aus der Schlucht Villegas und Sienega
de Cabra zwischen Carora und Carache entwickeln. Ich stelle absichtlich
Alles zusammen, was auf die Ungesundheit der Luft Bezug haben mag; denn
auf einem so dunkeln Gebiete kann man nur durch Vergleichung zahlreicher
Beobachtungen hoffen das wahre Sachverhältniß zu ermitteln.
Die dürren und doch so fieberreichen Savanen zwischen Barquesimeto und dem
östlichen Ufer des Sees Maracaybo sind zum Theil mit Fackeldisteln
bewachsen; aber die gute Bergcochenille, die unter dem unbestimmten Namen
_Grana de Carora_ bekannt ist, kommt aus einem gemäßigteren Landstrich
zwischen Carora und Truxillo, besonders aber aus dem Thal des Rio Mucuju,
östlich von Merida. Die Einwohner geben sich mit diesem im Handel so stark
gesuchten Produkt gar nicht ab.
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_ 51 Carnes tollendas;_ _Bombax hibiscifolius_
52 Da einigermaßen richtige Begriffe über die astronomische Lage und
die Entfernungen der Orte in den spanischen Colonien zuerst und
lange Zeit allein durch Seeleute sich verbreiteten, so wurde in
Mexico und in Südamerika ursprünglich die _legua nautica_ von 6650
Varas oder 2854 Toisen (20 Meilen auf den Grad) eingeführt; aber
diese »Seemeile« wurde allmälig um die Hälfte oder um ein Drittheil
verkürzt, weil man in den Hochgebirgen, wie auf den dürren, heißen
Ebenen sehr langsam reist. Das Volk rechnet unmittelbar nur nach der
Zeit und schließt aus der Zeit, nach willkürlichen Voraussetzungen,
auf die Länge der zurückgelegten Strecke.
53 DEPONS, in seiner »_Reise nach Terra Firma_«: »Bei der unbedeutenden
Oberfläche des Sees (er mißt übrigens 106,500,000 Quadrattoisen)
läßt sich unmöglich annehmen, daß die Verdunstung allein, so stark
sie auch unter den Tropen seyn mag, so viel Wasser wegschaffen kann,
als die Flüsse hereinbringen.« In der Folge scheint aber der
Verfasser selbst wieder »diese geheime Ursache, die Hypothese von
einem Abzugsloch« aufzugeben.