Der See von Valencia. -- Die beißen Quellen von Mariara. -- Die
Stadt Nueva Valencia de el Rey. -- Weg zur Küste von Porto Cabello
hinab.
Die Thäler von Aragua, deren reichen Anbau und erstaunliche Fruchtbarkeit
wir im Obigen geschildert, stellen sich als ein Becken dar, das zwischen
Granit- und Kalkgebirgen von ungleicher Höhe in der Mitte liegt. Nordwärts
trennt die Sierra Mariara sie von der Meeresküste, gegen Süden dient ihnen
die Bergkette des Guacimo und Yusma als Schutzwehr gegen die glühende Luft
der Steppen. Hügelzüge, hoch genug, um den Lauf der Gewässer zu bestimmen,
schließen das Becken gegen Ost und West wie Querdämme. Diese Hügel liegen
zwischen dem Tuy und Victoria, wie auf dem Wege von Valencia nach Nirgua
und in die Berge des Torito. In Folge dieser eigenthümlichen Gestaltung
des Bodens bilden die Gewässer der Thäler von Aragua ein System für sich
und laufen einem von allen Seiten geschlossenen Becken zu; sie ergießen
sich nicht in den Ocean, sie vereinigen sich in einem Binnensee,
unterliegen hier dem mächtigen Zuge der Verdunstung und verlieren sich
gleichsam in der Luft. Durch diese Flüsse und Seen wird die Fruchtbarkeit
des Bodens und der Ertrag des Landbaus in diesen Thälern bedingt. Schon
der Augenschein und eine halbhundertjährige Erfahrung zeigen, daß der
Wasserstand sich nicht gleich bleibt, daß das Gleichgewicht zwischen der
Summe der Verdunstung und der des Zuflusses gestört ist. Da der See 1000
Fuß über den benachbarten Steppen von Calabozo und 1332 Fuß über dem Meere
liegt, so vermuthete man, das Wasser habe einen unterirdischen Abfluß oder
versickere. Da nun Eilande darin zu Tage kommen und der Wasserspiegel
fortwährend sinkt, so meinte man, der See könnte völlig eintrocknen. Das
Zusammentreffen so auffallender Naturverhältnisse mußte mich auf diese
Thäler aufmerksam machen, in denen die wilden Reize der Natur und der
liebliche Eindruck fleißigen Anbaus und der Künste einer erwachenden
Cultur sich vereinigen.
Der See von Valencia, von den Indianern Tacarigua genannt, ist größer als
der Neuenburger See in der Schweiz; im Umriß aber hat er Aehnlichkeit mit
dem Genfer See, der auch fast gleich hoch über dem Meere liegt. Da in den
Thälern von Aragua der Boden nach Süd und West fällt, so liegt der Theil
des Beckens, der unter Wasser geblieben ist, zunächst der südlichen
Bergkette von Guigue, Yusma und dem Guacimo, die den hohen Savanen von
Ocumare zustreicht. Die einander gegenüberliegenden Ufer des Sees stechen
auffallend von einander ab. Das südliche ist wüste, kahl, fast gar nicht
bewohnt, eine hohe Gebirgswand gibt ihm ein finsteres, einförmiges
Ansehen; das nördliche dagegen ist eine liebliche Landschaft mit reichen
Zucker-, Kaffee- und Baumwollenpflanzungen. Mit Cestrum, Azedarac und
andern immer blühenden Sträuchern eingefaßte Wege laufen über die Ebene
und verbinden die zerstreuten Höfe. Jedes Haus ist von Bäumen umgeben. Der
Ceiba mit großen gelben(51) und die Erithryna mit purpurfarbigen Blüthen,
deren Aeste sich verflechten, geben der Landschaft einen eigenthümlichen
Charakter. Die Mannigfaltigkeit und der Glanz der vegetabilischen Farben
sticht wirkungsvoll vom eintönigen Blau des wolkenlosen Himmels ab. In der
trockenen Jahreszeit, wenn ein wallender Dunst über dem glühenden Boden
schwebt, wird das Grün und die Fruchtbarkeit durch künstliche Bewässerung
unterhalten. Hin und wieder kommt der Granit im angebauten Land zu Tage;
ungeheure Felsmassen steigen mitten im Thale steil empor. An ihren
nackten, zerklüfteten Wänden wachsen einige Saftpflanzen und bilden
Dammerde für kommende Jahrhunderte. Häufig ist oben auf diesen einzeln
stehenden Hügeln ein Feigenbaum oder eine Clusia mit fleischigten Blättern
aus den Felsritzen emporgewachsen und beherrscht die Landschaft. Mit ihren
dürren, abgestorbenen Aesten sehen sie aus wie Signalstangen auf einer
steilen Küste. An der Gestaltung dieser Höhen erräth man, was sie früher
waren: als noch das ganze Thal unter Wasser stand und die Wellen den Fuß
der Gipfel von Mariara, die *Teufelsmauer* (_el Rincon del Diablo_) und
die Küstenbergkette bespülten, waren diese Felshügel Untiefen oder
Eilande.
Diese Züge eines reichen Gemäldes, dieser Contrast zwischen den beiden
Ufern des Sees von Valencia erinnerten mich oft an das Seegestade des
Waadtlands, wo der überall angebaute, überall fruchtbare Boden dem
Ackerbauer, dem Hirten, dem Winzer ihre Mühen sicher lohnt, während das
savoyische Ufer gegenüber ein gebirgigtes, halb wüstes Land ist. In jenen
fernen Himmelsstrichen, mitten unter den Gebilden einer fremdartigen
Natur, gedachte ich mit Lust der hinreißenden Beschreibungen, zu denen der
Genfer See und die Felsen von Meillerie einen großen Schriftsteller
begeistert haben. Wenn ich jetzt mitten im civilisirten Europa die Natur
in der neuen Welt zu schildern versuche, glaube ich durch die Vergleichung
unserer heimischen und der tropischen Landschaften meinen Bildern mehr
Schärfe und dem Leser deutlichere Begriffe zu geben. Man kann es nicht oft
genug sagen: unter jedem Himmelsstriche trägt die Natur, sey sie wild oder
vom Menschen gezähmt, lieblich oder großartig, ihren eigenen Stempel. Die
Empfindungen, die sie in uns hervorruft, sind unendlich mannigfaltig,
gerade wie der Eindruck der Geisteswerke je nach dem Zeitalter, das sie
hervorgebracht, und nach den mancherlei Sprachen, von denen sie ihren Reiz
zum Theil borgen, so sehr verschieden ist. Nur Größe und äußere
Formverhältnisse können eigentlich verglichen werden; man kann den
riesigen Gipfel des Montblanc und das Himalayagebirge, die Wasserfälle der
Pyrenäen und die der Cordilleren zusammenhalten; aber durch solche
vergleichende Schilderungen, so sehr sie wissenschaftlich förderlich seyn
mögen, erfährt man wenig vom Naturcharakter des gemäßigten und des heißen
Erdstrichs. Am Gestade eines Sees, in einem großen Walde, am Fuß mit
ewigem Eis bedeckter Berggipfel ist es nicht die materielle Größe, was uns
mit dem heimlichen Gefühle der Bewunderung erfüllt. Was zu unserem Gemüthe
spricht, was so tiefe und mannigfache Empfindungen in uns wach ruft,
entzieht sich der Messung, wie den Sprachformen. Wenn man Naturschönheiten
recht lebhaft empfindet, so mag man Landschaften von verschiedenem
Charakter gar nicht vergleichen; man würde fürchten sich selbst im Genuß
zu stören.
Die Ufer des Sees von Valencia sind aber nicht allein wegen ihrer
malerischen Reize im Lande berühmt; das Becken bietet verschiedene
Erscheinungen, deren Aufklärung für die Naturforschung und für den
Wohlstand der Bevölkerung von gleich großem Interesse ist. Aus welchen
Ursachen sinkt der Seespiegel? Sinkt er gegenwärtig rascher als vor
Jahrhunderten? Läßt sich annehmen, daß das Gleichgewicht zwischen dem
Zufluß und dem Abgang sich über kurz oder lang wieder herstellt, oder ist
zu besorgen, daß der See ganz eingeht?
Nach den astronomischen Beobachtungen in Victoria, Hacienda de Cura, Nueva
Valencia und Guigue ist der See gegenwärtig von Cagua bis Guayos 10 Meilen
oder 28000 Toisen lang. Seine Breite ist sehr ungleich; nach den Breiten
an der Einmündung des Rio Cura und beim Dorfe Guigue zu urtheilen, beträgt
sie nirgends über 2, 3 Meilen oder 6500 Toisen, meist nur 4--5000. Die
Maaße, die sich aus meinen Beobachtungen ergeben, sind weit geringer als
die bisherigen Annahmen der Eingeborenen. Man könnte meinen, um das
Verhältniß der Wasserabnahme genau kennen zu lernen, brauche man nur die
gegenwärtige Größe des Sees mit der zu vergleichen, welche alte
Chronikschreiber, z. B. OVIEDO in seiner ums Jahr 1723 veröffentlichten
»_Geschichte der Provinz Venezuela_,« angeben. Dieser Geschichtschreiber
läßt in seinem hochtrabenden Styl »dieses Binnenmeer, diesen _monstruoso
cuerpo de la laguna de Valencia_«, 14 Meilen lang und 6 breit seyn; er
berichtet, in geringer Entfernung vom Ufer finde das Senkblei keinen Grund
mehr, und große schwimmende Inseln bedecken die Seefläche, die fortwährend
von den Winden aufgerührt werde. Unmöglich läßt sich auf Schätzungen
Gewicht legen, die auf gar keiner Messung beruhen und dazu in _Leguas_
ausgedrückt sind, auf die man in den Colonien 3000, 5000 und 6550
Varas(52) rechnet. Nur das verdient im Buch eines Mannes, der so oft durch
die Thäler von Aragua gekommen seyn muß, Beachtung, daß er behauptet, die
Stadt Nueva Valencia de el Rey sey im Jahr 1555 eine halbe Meile vom See
erbaut worden, und daß sich bei ihm die Länge des Sees zur Breite verhält
wie 7 zu 3. Gegenwärtig liegt zwischen dem See und der Stadt ein ebener
Landstrich von mehr als 2700 Toisen, den Oviedo sicher zu anderthalb
Meilen angeschlagen hätte, und die Länge des Seebeckens verhält sich zur
Breite wie 10 zu 2,3 oder wie 7 zu 1,6. Schon das Aussehen des Bodens
zwischen Valencia und Guigue, die Hügel, die auf der Ebene östlich vom
Caño de Cambury steil aufsteigen und zum Theil (_el Islote_ und _la Isla
de la Negra_ oder _Caratapona_) sogar noch jetzt Inseln heißen, beweisen
zur Genüge, daß seit Oviedos Zeit das Wasser bedeutend zurückgewichen ist.
Was die Veränderung des Umrisses des Sees betrifft, so scheint es mir
nicht sehr wahrscheinlich, daß er im siebzehnten Jahrhundert beinahe zur
Hälfte so breit als lang gewesen seyn sollte. Die Lage der Granitberge von
Mariara und Guigue und der Fall des Bodens, der gegen Nord und Süd rascher
steigt als gegen Ost und West, streiten gleichermaßen gegen diese Annahme.
Wenn das so vielfach besprochene Problem von der Abnahme der Gewässer zur
Sprache kommt, so hat man, denke ich, zwei Epochen zu unterscheiden, in
welchen das Sinken des Wasserspiegels stattgefunden.
Wenn man die Flußthäler und die Seebecken genau betrachtet, findet man
überall das alte Ufer in bedeutender Entfernung. Niemand läugnet wohl
jetzt mehr, daß unsere Flüsse und Seen in sehr bedeutendem Maaße
abgenommen haben; aber zahlreiche geologische Thatsachen weisen auch
darauf hin, daß dieser große Wechsel in der Vertheilung der Gewässer vor
aller Geschichte eingetreten ist, und daß sich seit mehreren Jahrtausenden
bei den meisten Seen ein festes Gleichgewicht zwischen dem Betrag der
Zuflüsse einerseits, und der Verdunstung und Versickerung andererseits
hergestellt hat. So oft dieses Gleichgewicht gestört ist, thut man gut,
sich umzusehen, ob solches nicht von rein örtlichen Verhältnissen und aus
jüngster Zeit herrührt, ehe man eine beständige Abnahme des Wassers
annimmt. Ein solcher Gedankengang entspricht dem vorsichtigeren Verfahren
der heutigen Wissenschaften. Zu einer Zeit, wo die physische
Weltbeschreibung das freie Geisteserzeugniß einiger beredten
Schriftsteller war und nur durch Phantasiebilder wirkte, hätte man in der
Erscheinung, von der es sich hier handelt, einen neuen Beweis für den
Contrast zwischen beiden Continenten gesehen, den man in Allem herausfand.
Um darzuthun, daß Amerika später als Asien und Europa aus dem Wasser
emporgestiegen, hätte man wohl auch den See von Tacarigua angeführt, als
eines der Becken im innern Lande, die noch nicht Zeit gehabt, durch
unausgesetzte allmälige Verdunstung auszutrocknen. Ich zweifle nicht, daß
in sehr alter Zeit das ganze Thal vom Fuß des Gebirges Cocuysa bis zum
Torito und den Bergen von Nirgua, von der Sierra de Mariara bis zu der
Bergkette von Gigue, zum Guarimo und der Palma, unter Wasser stand.
Ueberall läßt die Gestalt der Vorberge und ihr steiler Abfall das alte
Ufer eines Alpsees, ähnlich den Steiermärker und Tyroler Seen, erkennen.
Kleine Helix- und Valvaarten, die mit den jetzt im See lebenden identisch
sind, kommen in 3 bis 4 Fuß dicken Schichten tief im Lande, bis Turmero
und Concesion bei Victoria vor. Diese Thatsachen beweisen nun allerdings,
daß das Wasser gefallen ist; aber nirgends liegt ein Beweis dafür vor, daß
es seit jener weit entlegenen Zeit fortwährend abgenommen habe. Die Thäler
von Aragua gehören zu den Strichen von Venezuela, die am frühesten
bevölkert worden, und doch spricht weder Oviedo, noch irgend eine alte
Chronik von einer merklichen Abnahme des Sees. Soll man geradezu annehmen,
die Erscheinung sey zu einer Zeit, wo die indianische Bevölkerung die
weiße noch weit überwog und das Seeufer schwächer bewohnt war, eben nicht
bemerkt worden? Seit einem halben Jahrhundert, besonders aber seit dreißig
Jahren fällt es Jedermann in die Augen, daß dieses große Wasserbecken von
selbst eintrocknet. Weite Strecken Landes, die früher unter Wasser
standen, liegen jetzt trocken und sind bereits mit Bananen, Zuckerrohr und
Baumwolle bepflanzt. Wo man am Gestade des Sees eine Hütte baut, sieht man
das Ufer von Jahr zu Jahr gleichsam fliehen. Man sieht Inseln, die beim
Sinken des Wasserspiegels eben erst mit dem Festlande zu verschmelzen
anfangen (wie die Felseninsel Culebra, Guigue zu); andere Inseln bilden
bereits Vorgebirge (wie der Morro, zwischen Guigue und Nueva Valencia, und
die Cabrera südöstlich von Mariara); noch andere stehen tief im Lande in
Gestalt zerstreuter Hügel. Diese, die man schon von weitem leicht erkennt,
liegen eine Viertelseemeile bis eine Lieue vom jetzigen Ufer ab. Die
merkwürdigsten sind drei 30--40 Toisen hohen Eilande aus Granit auf dem
Wege von der Hacienda de Cura nach _Aguas calientes_ und am Westende des
Sees der Serrito de San Pedro, der Islote und der Caratapona. Wir
besuchten zwei noch ganz von Wasser umgebene Inseln und fanden unter dem
Gesträuch auf kleinen Ebenen, 4--6, sogar 8 Toisen über dem jetzigen
Seespiegel, feinen Sand mit Heliciten, den einst die Wellen hier
abgesetzt. Auf allen diesen Inseln begegnet man den unzweideutigsten
Spuren vom allmäligen Fallen des Wassers. Noch mehr, und diese Erscheinung
wird von der Bevölkerung als ein Wunder angesehen: im Jahr 1796 erschienen
drei neue Inseln östlich von der Insel Caiguire, in derselben Richtung wie
die Inseln Burro, Otama und Zorro. Diese neuen Inseln, die beim Volk _los
nuevos Peñones_ oder _las Aparecidas_ heißen, bilden eine Art Untiefen mit
völlig ebener Oberfläche- Sie waren im Jahr 1800 bereits über einen Fuß
höher als der mittlere Wasserstand.
Wie wir zu Anfang dieses Abschnitts bemerkt, bildet der See von Valencia,
gleich den Seen im Thale von Mexico, den Mittelpunkt eines kleinen Systems
von Flüssen, von denen keiner mit dem Meere in Verbindung steht. Die
meisten dieser Gewässer können nur Bäche heißen; es sind ihrer zwölf bis
vierzehn. Die Einwohner wissen wenig davon, was die Verdunstung leistet,
und glauben daher schon lange, der See habe einen unterirdischen Abzug,
durch den eben so viel abfließe, als die Bäche hereinbringen. Die einen
lassen diesen Abzug mit Höhlen, die in großer Tiefe liegen sollen, in
Verbindung stehen; andere nehmen an, das Wasser fließe durch einen
schiefen Canal in das Meer. Dergleichen kühne Hypothesen über den
Zusammenhang zwischen zwei benachbarten Wasserbecken hat die
Einbildungskraft des Volkes, wie die der Physiker, in allen Erdstrichen
ausgeheckt; denn letztere, wenn sie es sich auch nicht eingestehen, setzen
nicht selten nur Volksmeinungen in die Sprache der Wissenschaft um. In der
neuen Welt, wie am Ufer des caspischen Meeres, hört man von unterirdischen
Schlünden und Canälen sprechen, obgleich der See Tacarigua 222 Toisen über
und die caspische See 54 Toisen unter dem Meeresspiegel liegt, und so gut
man auch weiß, daß Flüssigkeiten, die seitlich mit einander in Verbindung
stehen, sich in dasselbe Niveau setzen.
Einerseits die Verringerung der Masse der Zuflüsse, die seit einem halben
Jahrhundert in Folge der Ausrodung der Wälder, der Urbarmachung der Ebenen
und des Indigobaus eingetreten ist, andererseits die Verdunstung des
Bodens und die Trockenheit der Luft erscheinen als Ursachen, welche die
Abnahme des Sees von Valencia zur Genüge erklären. Ich theile nicht die
Ansicht eines Reisenden, der nach mir diese Länder besucht hat,(53) der
zufolge man »zur Befriedigung der Vernunft und zu Ehren der Physik« einen
unterirdischen Abfluß soll annehmen müssen. Fällt man die Bäume, welche
Gipfel und Abhänge der Gebirge bedecken, so schafft man kommenden
Geschlechtern ein zwiefaches Ungemach, Mangel an Brennholz und
Wassermangel. Die Bäume sind vermöge des Wesens ihrer Ausdünstung und der
Strahlung ihrer Blätter gegen einen wolkenlosen Himmel fortwährend mit
einer kühlen, dunstigen Lufthülle umgeben; sie äußern wesentlichen Einfluß
auf die Fülle der Quellen, nicht weil sie, wie man so lange geglaubt hat,
die in der Luft verbreiteten Wasserdünste anziehen, sondern weil sie den
Boden gegen die unmittelbare Wirkung der Sonnenstrahlen schützen und damit
die Verdunstung des Regenwassers verringern. Zerstört man die Wälder, wie
die europäischen Ansiedler aller Orten in Amerika mit unvorsichtiger Hast
thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flußbetten
liegen einen Theil des Jahres über trocken, und werden zu reißenden
Strömen, so oft im Gebirge starker Regen fällt. Da mit dem Holzwuchs auch
Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im
Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmälige Sickerung
die Bäche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken
Regenniederschläge die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort
und verursacht plötzliches Austreten der Gewässer, welche nun die Felder
verwüsten. Daraus geht hervor, daß das Verheeren der Wälder, der Mangel an
fortwährend fließenden Quellen und die Wildwasser drei Erscheinungen sind,
die in ursachlichem Zusammenhang stehen. Länder in entgegengesetzten
Hemisphären, die Lombardei am Fuße der Alpenkette und Nieder-Peru zwischen
dem stillen Meer und den Cordilleren der Anden, liefern einleuchtende
Beweise für die Richtigkeit dieses Satzes.
Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Berge, in denen die
Thäler von Aragua liegen, mit Wald bewachsen. Große Bäume aus der Familie
der Mimosen, Ceiba- und Feigenbäume beschatteten die Ufer des Sees und
verbreiteten Kühlung. Die damals nur sehr dünn bevölkerte Ebene war voll
Strauchwerk, bedeckt mit umgestürzten Baumstämmen und
Schmarotzergewächsen, mit dichtem Rasenfilz überzogen, und gab somit die
strahlende Wärme nicht so leicht von sich als der beackerte und eben
deßhalb gegen die Sonnengluth nicht geschützte Boden. Mit der Ausrodung
der Bäume, mit der Ausdehnung des Zucker-, Indigo- und Baumwollenbaus
nahmen die Quellen und alle natürlichen Zuflüsse des Sees von Jahr zu Jahr
ab. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, welch ungeheure
Wassermassen durch die Verdunstung in der heißen Zone aufgesogen werden,
und vollends in einem Thale, das von steil abfallenden Bergen umgeben ist,
wo gegen Abend der Seewind und die niedergehenden Luftströmungen
auftreten, und dessen Boden ganz flach, wie vom Wasser geebnet ist. Wir
haben schon oben erwähnt, daß die Wärme, welche das ganze Jahr in Cura,
Guacara, Nueva Valencia und an den Ufern des Sees herrscht, der stärksten
Sommerhitze in Neapel und Sicilien gleich kommt. Die mittlere Temperatur
der Luft in den Thälern von Aragua ist ungefähr 25°,5 [20°,4 Reaumur]; die
hygrometrischen Beobachtungen ergaben mir für den Monat Februar im
Durchschnitt aus Tag und Nacht 71°,4 am Haarhygrometer. Da die Worte:
große Trockenheit oder große Feuchtigkeit keine Bedeutung an sich haben,
und da eine Luft, die man in den Niederungen unter den Tropen sehr trocken
nennt, in Europa für feucht gälte, so kann man über diese klimatischen
Verhältnisse nur urtheilen, wenn man verschiedene Orte in derselben Zone
vergleicht. Nun ist in Cumana, wo es oft ein ganzes Jahr lang nicht
regnet, und wo ich zu verschiedenen Stunden bei Tag und bei Nacht sehr
viele hygrometrische Beobachtungen gemacht, die mittlere Feuchtigkeit der
Luft gleich 86°, entsprechend der mittleren Temperatur von 27°,7. Rechnet
man die Regenmonate ein, das heißt schätzt man den Unterschied zwischen
der mittleren Feuchtigkeit der trockenen Monate und der des ganzen Jahrs,
wie man denselben in andern Theilen des tropischen Amerika beobachtet, so
ergibt sich für die Thäler von Aragua eine mittlere Feuchtigkeit von
höchstens 74°, bei einer Temperatur von 25°,5. In dieser warmen und doch
gar nicht sehr feuchten Luft ist nun aber eine ungeheure Menge
verdunsteten Wassers. Nach der Dalton’schen Theorie berechnet sich die
Dicke der Wasserschicht, die unter den oben erwähnten Umständen in einer
Stunde verdunstet, auf 0 Millimeter 36, oder auf 3,8 Linien in
vierundzwanzig Stunden. Nimmt man in der gemäßigten Zone, z. B. für Paris,
die mittlere Temperatur zu 10°,6 und die mittlere Feuchtigkeit zu 82° an,
so ergibt sich nach denselben Formeln 0,10 Millimeter in der Stunde und
eine Linie in vierundzwanzig Stunden. Will man sich, statt dieses
unzuverlässigen theoretischen Calculs, an die Ergebnisse unmittelbarer
Beobachtung halten, so bedenke man, daß in Paris und Montmorency von
Sedileau und Cotte die jährliche mittlere Verdunstung gleich 32 Zoll 1
Linie und 38 Zoll 4 Linien gefunden wurde. Im südlichen Frankreich haben
zwei geschickte Ingenieurs, Clausade und Pin, berechnet, daß der Canal von
Languedoc und das Bassin von Saint Ferreol, über Abzug des Betrags der
Versickerung, jährlich 336 bis 360 Linien verlieren. In den pontinischen
Sümpfen hat de Prony ungefähr das gleiche Ergebniß erhalten. Aus allen
diesen Beobachtungen unter dem 41. und 49. Grad der Breite und bei einer
mittleren Temperatur von 10°,5 und 16° ergibt sich eine mittlere
Verdunstung von 1 bis 1,3 Linie im Tag. In der heißen Zone, z. B. auf den
Antillen, ist die Verdunstung nach le Gaux dreimal, nach Cassan zweimal
stärker. In Cumana, also an einem Ort, wo die Luft weit stärker mit
Feuchtigkeit geschwängert ist als in den Thälern von Aragua, sah ich oft
in zwölf Stunden in der Sonne 8,8 Millimeter im Schatten 3,4 Millimeter
Wasser verdunsten. Versuche dieser Art sind sehr fein und schwankend; aber
das eben Angeführte reicht hin, um zu zeigen, wie ungemein groß die Masse
des Wasserdunstes seyn muß, der aus dem See von Valencia und auf dem
Gebiet aufsteigt, dessen Gewässer sich in den See ergießen. Ich werde
Gelegenheit finden, anderswo auf den Gegenstand zurückzukommen: in einem
Werke, das die großen Gesetze der Natur in den verschiedenen Erdstrichen
zur Anschauung bringt, muß auch der Versuch gemacht werden, das Problem
von der *mittleren Spannung* der in der Luft enthaltenen Wasserdämpfe
unter verschiedenen Breiten und in verschiedenen Meereshöhen zu lösen.
Das Maaß der Verdunstung hängt von einer Menge örtlicher Verhältnisse ab:
von der stärkeren oder geringeren Beschattung des Wasserbeckens, von der
Ruhe und der Bewegung des Wassers, von der Tiefe desselben, von der
Beschaffenheit und Farbe des Grundes; im Großen aber wird die Verdunstung
nur durch drei Elemente bedingt, durch die Temperatur, durch die Spannung
der in der Luft enthaltenen Dämpfe, durch den Widerstand, den die Luft, je
nachdem sie mehr oder minder dicht, mehr oder weniger bewegt ist, der
Verbreitung der Dämpfe entgegengesetzt. Die Wassermenge, die an einem
gegebenen Ort verdunstet, ist proportional dem Unterschied zwischen der
Masse des Dampfes, welche die umgebende Luft im gesättigten Zustand
aufnehmen kann, und der Masse desselben, welche sie wirklich enthält. Es
folgt daraus, daß (wie schon d’Aubuisson bemerkt, der meine
hygrometrischen Beobachtungen berechnet hat) die Verdunstung in der heißen
Zone nicht so stark ist, als man nach der ungemein hohen Temperatur
glauben sollte, weil in den heißen Himmelsstrichen die Luft gewöhnlich
sehr feucht ist.
Seit der Ausbreitung des Ackerbaus in den Thälern von Aragua kommen die
Flüßchen, die sich in den See von Valencia ergießen, in den sechs Monaten
nach December als Zuflüsse nicht mehr in Betracht. Im untern Stück ihres
Laufs sind sie ausgetrocknet, weil die Indigo-, Zucker- und Kaffeepflanzer
sie an vielen Punkten ableiten, um die Felder zu bewässern. Noch mehr: ein
ziemlich ansehnliches Wasser, der Rio Pao, der am Rande der Llanos, am Fuß
des _la Galera_ genannten Hügelzugs entspringt, ergoß sich früher in den
See, nachdem er auf dem Wege von Nueva Valencia nach Guigue den Casio de
Cambury aufgenommen. Der Fluß lief damals von Süd nach Nord. Zu Ende des
siebzehnten Jahrhunderts kam der Besitzer einer anliegenden Pflanzung auf
den Gedanken, dem Rio Pao am Abhang eines Geländes ein neues Bett zu
graben. Er leitete den Fluß ab, benutzte ihn zum Theil zur Bewässerung
seines Grundstücks und ließ ihn dann gegen Süd, dem Abhang der Llanos
nach, selbst seinen Weg suchen. Auf diesem neuen Lauf nach Süd nimmt der
Rio Pao drei andere Bäche auf, den Tinaco, den Guanarito und den Chilua,
und ergießt sich in die Portuguesa, einen Zweig des Rio Apure. Es ist eine
nicht uninteressante Erscheinung, daß in Folge der eigenthümlichen
Bodenbildung und der Senkung der Wasserscheide nach Südwest der Rio Pao
sich vom kleinen *inneren Flußsystem*, dem er ursprünglich angehörte,
trennte und nun seit hundert Jahren durch den Apure und den Orinoco mit
dem Meere in Verbindung steht. Was hier im Kleinen durch Menschenhand
geschah, thut die Natur häufig selbst entweder durch allmähliche
Anschwemmung oder durch die Zerrüttung des Bodens in Folge starker
Erdbeben. Wahrscheinlich werden im Laufe der Jahrhunderte manche Flüsse im
Sudan und in Neuholland, die jetzt im Sande versiegen oder in Binnenseen
laufen, sich einen Weg zur Meeresküste bahnen. So viel ist wenigstens
sicher, daß es auf beiden Continenten innere Flußsysteme gibt, die man als
*noch nicht ganz entwickelte*(54) betrachten kann, und die entweder nur
bei Hochgewässer oder beständig durch Gabelung unter sich zusammenhängen.
Der Rio Pao hat sich ein so tiefes und breites Bett gegraben, daß, wenn in
der Regenzeit der _Caño grande de Cambury_ das ganze Land nordwestlich von
Guigue überschwemmt, das Wasser dieses Caño und das des Sees von Valencia
in den Rio Pao selbst zurücklaufen, so daß dieses Flüßchen, statt dem See
Wasser zuzuführen, ihm vielmehr welches abzapft. Wir sehen etwas
Aehnliches in Nordamerika, da wo die Geographen auf ihren Karten zwischen
den großen canadischen Seen und dem Lande der Miamis eine eingebildete
Bergkette angeben. Bei Hochgewässer stehen die Flüsse, die den Seen, und
die, welche dem Mississippi zulaufen, mit einander in Verbindung und man
fährt im Canoe von den Quellen des Flusses St. Maria in den Wabash, wie
auf dem Chicago in den Illinois. Diese analogen Fälle scheinen mir von
Seiten der Hydrographen alle Aufmerksamkeit zu verdienen.
Da der Boden rings um den See von Valencia durchaus flach und eben ist, so
wird, wie ich es auch an den mexicanischen Seen alle Tage beobachten
konnte, wenn der Wasserspiegel nur um wenige Zoll fällt, ein großer, mit
fruchtbarem Schlamm und organischen Resten bedeckter Strich Landes trocken
gelegt. Im Maaße, als der See sich zurückzieht, rückt der Landbau gegen
das neue Ufer vor. Diese von der Natur bewerkstelligte, für die
Landwirthschaft der Colonien sehr wichtige Austrocknung war in den letzten
zehn Jahren, in denen ganz Amerika an großer Trockenheit litt,
ungewöhnlich stark. Ich rieth den reichen Grundeigenthümern im Land, statt
die jeweiligen Krümmungen des Seeufers zu bezeichnen, im Wasser selbst
Granitsäulen aufzustellen, an denen man von Jahr zu Jahr den mittleren
Wasserstand beobachten könnte. Der Marques del Toro will die Sache
ausführen und auf Gneißgrund, der im See häufig vorkommt, auf dem schönen
Granit der Sierra de Mariara *Limnometer* aufstellen.
Unmöglich läßt sich im voraus bestimmen, in welchem Maaße dieses
Wasserbecken zusammengeschrumpft seyn wird, wenn einmal das Gleichgewicht
zwischen dem Zufluß einerseits und der Verdunstung und Einsickerung
andererseits völlig hergestellt ist. Die sehr verbreitete Meinung, der See
werde ganz verschwinden, scheint mir durchaus ungegründet. Wenn in Folge
starker Erdbeben oder aus andern gleich unerklärten Ursachen zehn nasse
Jahre auf eben so viele trockene folgten, wenn sich die Berge wieder mit
Wald bedeckten, wenn große Bäume das Seeufer und die Thäler beschatteten,
so würde im Gegentheil das Wasser steigen und den schönen Pflanzungen, die
gegenwärtig das Seebecken säumen, gefährlich werden.
Während in den Thälern von Aragua die einen Pflanzer besorgen, der See
möchte ganz eingehen, die andern, er möchte wieder zum verlassenen Gestade
heraufkommen, hört man in Caracas alles Ernstes die Frage erörtern, ob man
nicht, um mehr Boden für den Landbau zu gewinnen, aus dem See einen Canal
dem Rio Pao zu graben und ihn in die Llanos ableiten sollte. Es ist nicht
zu läugnen, daß solches möglich wäre, namentlich wenn man Canäle unter dem
Boden, Stollen anlegte. Dem allmähligen Rücktritt des Wassers verdankt das
herrliche, reiche Bauland von Maracay, Cura, Mocundo, Guigue und Santa
Cruz del Escoval mit seinen Tabak-, Zucker-, Kaffee, Indigo und
Cacaopflanzungen seine Entstehung; wie kann man aber nur einen Augenblick
bezweifeln, daß nur der See das Land so fruchtbar macht? Ohne die
ungeheure Dunstmasse, welche Tag für Tag von der Wasserfläche in die Luft
aufsteigt, wären die Thäler von Aragua so trocken und dürr, wie die Berge
umher.
Der See ist im Durchschnitt 12--15, und an den tiefsten Stellen nicht, wie
man gemeiniglich annimmt 80, sondern nur 35--40 Faden tief. Dieß ist das
Ergebniß der sorgfältigen Messungen Don Antonio Manzanos mit dem Senkblei.
Bedenkt man, wie ungemein tief alle Schweizer See sind, so daß, obgleich
sie in hohen Thälern liegen, ihr Grund fast auf den Spiegel des
Mittelmeeres hinabreicht, so wundert man sich, daß der Boden des Sees von
Valencia, der doch auch ein Alpsee ist, keine bedeutenderen Tiefen hat.
Die tiefsten Stellen sind zwischen der Felseninsel Burro und der
Landspitze Caña Fistula, so wie den hohen Bergen von Mariara gegenüber; im
Ganzen aber ist der südliche Theil des Sees tiefer als der nördliche. Es
ist nicht zu vergessen, daß jetzt zwar das ganze Ufer flach ist, der
südliche Theil des Beckens aber doch am nächsten bei einer steil
abfallenden Gebirgskette liegt. Wir wissen aber, daß auch das Meer bei
einer hohen, senkrechten Felsküste meist am tiefsten ist.
Die Temperatur des Sees an der Wasserfläche war während meines Aufenthalts
in den Thälern von Aragua im Februar beständig 23°--23°,7, also etwas
geringer als die mittlere Lufttemperatur, sey es nun in Folge der
Verdunstung, die dem Wasser und der Luft Wärme entzieht, oder weil die
Schwankungen in der Temperatur der Luft sich einer großen Wassermasse
nicht gleich schnell mittheilen, und weil der See Bäche aufnimmt, die aus
kalten Quellen in den nahen Gebirgen entspringen. Zu meinem Bedauern
konnte ich trotz der geringen Tiefe die Temperatur des Wassers in 30--40
Faden unter dem Wasserspiegel nicht beobachten. Ich hatte das Senkblei mit
dem Thermometer, das ich auf den Alpenseen Salzburgs und auf dem Meere der
Antillen gebraucht, nicht bei mir. Aus Saussures Versuchen geht hervor,
daß zu beiden Seiten der Alpen Seen, die in einer Meereshöhe von 190--274
Toisen liegen, im Hochsommer in 900 bis 600, zuweilen sogar schon in 150
Fuß Tiefe beständig eine Temperatur von 4°,3 bis 6° zeigen; aber diese
Versuche sind noch niemals auf Seen in der heißen Zone wiederholt worden.
In der Schweiz sind die Schichten kalten Wassers ungeheuer mächtig. Im
Genfer- und im Bielersee fand man sie so nahe an der Oberfläche, daß die
Temperatur des Wassers je mit 10--15 Fuß Tiefe um einen Grad abnahm, also
achtmal schneller als im Meer und acht und vierzigmal schneller als in der
Luft. In der gemäßigten Zone, wo die Lufttemperatur auf den Gefrierpunkt
und weit drunter sinkt, muß der Boden eines Sees, wäre er auch nicht von
Gletschern und mit ewigem Schnee bedeckten Bergen umgeben, Wassertheilchen
enthalten, die im Winter an der Oberfläche das Maximum ihrer Dichtigkeit
(zwischen 3°,4 und 4°,4) erlangt haben und also am tiefsten niedergesunken
sind. Andere Theilchen mit der Temperatur von +0°,5 sinken aber keineswegs
unter die Schicht mit 4° Temperatur, sondern finden das hydrostatische
Gleichgewicht nur über derselben. Sie gehen nur dann weiter hinab, wenn
sich ihre Temperatur durch die Berührung mit weniger kalten Schichten um
3--4 Grad erhöht hat. Wenn das Wasser beim Erkalten in derselben
Proportion bis zum Nullpunkt immer dichter wurde, so fände man in sehr
tiefen Seen und in Wasserbecken, die nicht miteinander zusammenhängen,
*welches auch die Breite des Orts seyn mag*, eine Wasserschicht, deren
Temperatur dem Maximum der Erkaltung über dem Frierpunkt, der jährlich die
umgebenden niedern Luftregionen ausgesetzt sind, beinahe gleich käme. Nach
dieser Betrachtung erscheint es wahrscheinlich, daß auf den Ebenen der
heißen Zone und in nicht hochgelegenen Thälern, deren mittlere Wärme 25°,5
bis 27° beträgt, der Boden der Seen nie weniger als 21--22° Temperatur
haben kann. Wenn in derselben Zone das Meer in der Tiefe von 7--800 Faden
Wasser hat mit einer Temperatur von nur 7°, das also um 12--13° kälter ist
als das Minimum der Luftwärme über dem Meer, so ist diese Erscheinung,
nach meiner Ansicht, ein direkter Beweis dafür, daß eine Meeresströmung in
der Tiefe die Gewässer von den Polen zum Aequator führt. Wir lassen hier
das schwierige Problem unerörtert, wie unter den Tropen und in der
gemäßigten Zone, z. B. im Meer der Antillen und in den Schweizer Seen,
diese tiefen, bis auf 4 oder 7 Grad abgekühlten Wasserschichten auf die
Temperatur der von ihnen bedeckten Gesteinschichten einwirken, und wie
diese Schichten, deren ursprüngliche Temperatur unter den Tropen 27°, am
Genfer See 10° beträgt, auf das dem Frierpunkt nahe Wasser auf dem Boden
der Seen und des tropischen Oceans zurückwirken? Diese Fragen sind von der
höchsten Wichtigkeit sowohl für die Lebensprocesse der Thiere, die
gewöhnlich auf dem Boden des süßen und des Salzwassers leben, als für die
Theorie von der Vertheilung der Wärme in Ländern, die von großen, tiefen
Meeren umgeben sind.
Der See von Valencia ist sehr reich an Inseln, welche durch die malerische
Form der Felsen und den Pflanzenwuchs, der sie bedeckt, den Reiz der
Landschaft erhöhen. Diesen Vorzug hat dieser tropische See vor den
Alpenseen voraus. Es sind wenigstens fünfzehn Inseln, die in drei Gruppen
zerfallen. Sie sind zum Theil angebaut und in Folge der Wasserdünste, die
aus dem See aufsteigen, sehr fruchtbar. Die größte, 2000 Toisen lange, der
Burro, ist sogar von ein paar Mestizenfamilien bewohnt, die Ziegen halten.
Diese einfachen Menschen kommen selten an das Ufer bei Mocundo; der See
dünkt ihnen unermeßlich groß, sie haben Bananen, Manioc, Milch und etwas
Fische. Eine Rohrhütte, ein paar Hängematten aus Baumwolle, die nebenan
wächst, ein großer Stein, um Feuer darauf zu machen, die holzigte Frucht
des Tutuma zum Wasserschöpfen, das ist ihr ganzer Hausrath. Der alte
Mestize, der uns Ziegenmilch anbot, hatte eine sehr hübsche Tochter. Unser
Führer erzählte uns, das einsame Leben habe den Mann so argwöhnisch
gemacht, als er vielleicht im Verkehr mit Menschen geworden wäre. Tags
zuvor waren Jäger auf der Insel gewesen; die Nacht überraschte sie und sie
wollten lieber unter freiem Himmel schlafen, als nach Mocundo
zurückfahren. Darüber entstand große Unruhe auf der Insel. Der Vater zwang
die Tochter auf eine sehr hohe Achazie zu steigen, die auf dem ebenen
Boden nicht weit von der Hütte steht. Er selbst legte sich unter den Baum
und ließ die Tochter nicht eher herunter, als bis die Jäger abgezogen
waren. Nicht bei allen Inselbewohnern findet der Reisende solch
argwöhnische Vorsicht, solch gewaltige Sittenstrenge.
Die See ist meist sehr fischreich; es kommen aber nur drei Arten mit
weichlichem, nicht sehr schmackhaftem Fleisch darin vor, die Guavina, der
Vagre und die Sardina. Die beiden letzteren kommen aus den Bächen in den
See. Die Guavina, die ich an Ort und Stelle gezeichnet habe, ist 20 Zoll
lang, 3½ Zoll breit. Es ist vielleicht eine neue Art der Gattung Erythrina
des Gronovius. Sie hat große, silberglänzende, grün geränderte Schuppen;
sie ist sehr gefräßig und läßt andere Arten nicht aufkommen. Die Fischer
versicherten uns, ein kleines Crokodil, der *Bava*, der uns beim Baden oft
nahe kam, helfe auch die Fische ausrotten. Wir konnten dieses Reptils nie
habhaft werden, um es näher zu untersuchen. Es wird meist nur 3--4 Fuß
lang und gilt für unschädlich, aber in der Lebensweise wie in der Gestalt
kommt es dem Kaiman oder _Crocodilus acutus_ nahe. Beim Schwimmen sieht
man von ihm nur die Spitze der Schnauze und das Schwanzende. Bei Tage
liegt es auf kahlen Uferstellen. Es ist sicher weder ein Monitor (die
eigentlichen Monitors gehören nur der alten Welt an), noch Sebas
*Sauvegarde* (_Lacerta Teguixin_), die nur taucht und nicht schwimmt.
Reisende mögen nach uns darüber entscheiden, ich bemerke nur noch, als
ziemlich auffallend, daß es im See von Valencia und im ganzen kleinen
Flußgebiet desselben keine großen Kaimans gibt, während dieses gefährliche
Thier wenige Meilen davon in den Gewässern, die in den Apure und Orinoco,
oder zwischen Porto Cabello und Guayra unmittelbar in das antillische Meer
laufen, sehr häufig ist.
Die Insel Chamberg ist durch ihre Höhe ausgezeichnet. Es ist ein 200 Fuß
hoher Gneißfels mit zwei sattelförmig verbundenen Gipfeln. Der Abhang des
Felsen ist kahl: kaum daß ein paar Clusiastämme mit großen weißen Blüthen
darauf wachsen, aber die Aussicht über den See und die üppigen Fluren der
anstoßenden Thäler ist herrlich, zumal wenn nach Sonnenuntergang Tausende
von Wasservögeln, Reiher, Flamingos und Wildenten über den See ziehen, um
auf den Inseln zu schlafen, und der weite Gebirgsgürtel am Horizont in
Feuer steht. Wie schon erwähnt, brennt das Landvolk die Weiden ab, um ein
frischeres, feineres Gras als Nachwuchs zu bekommen. Besonders auf den
Gipfeln der Bergkette wächst viel Gras, und diese gewaltigen Feuer, die
öfters über tausend Toisen lange Strecken laufen, nehmen sich aus, wie
wenn Lavaströme aus dem Bergkamm quöllen; Wenn man so an einem herrlichen
tropischen Abend am Seeufer ausruht und der angenehmen Kühle genießt,
betrachtet man mit Lust in den Wellen, die an das Gestade schlagen, das
Bild der rothen Feuer rings am Horizont.
Unter den Pflanzen, die auf den Felseninseln im See von Valencia wachsen,
kommen, wie man glaubt, mehrere nur hier vor; wenigstens hat man sie sonst
nirgends gefunden. Hieher gehören die See-Melonenbäume (_Papaya de la
laguna_) und die Liebesäpfel der Insel Cura. Letztere sind von unserem
_Solanum Lycopersicum_ verschieden; ihre Frucht ist rund, klein, aber sehr
schmackhaft; man baut sie jetzt in Victoria, Nueva Valencia, überall in
den Thälern von Aragua. Auch die _Papaya de la laguna_ ist auf der Insel
Cura und auf Cabo Blanco sehr häufig. Ihr Stamm ist schlanker als beim
gemeinen Melonenbaum (_Carica Papaya_), aber die Frucht ist um die Hälfte
kleiner und völlig kugelrund, ohne vorspringende Rippen, und hat 4--5 Zoll
im Durchmesser. Beim Zerschneiden zeigt sie sich voll Samen, ohne die
leeren Zwischenräume, die sich beim gemeinen Melonenbaum immer finden. Die
Frucht, die ich oft gegessen, schmeckt ungemein süß; ich weiß nicht, ob es
eine Spielart der _Carica Microcarpa_ ist, die Jacquin beschrieben hat.
Die Umgegend des Sees ist nur in der trockenen Jahreszeit ungesund, wenn
bei fallendem Wasser der schlammigte Boden der Sonnenhitze ausgesetzt ist.
Das von Gebüschen der _Coccoloba barbadensis_ beschattete, mit herrlichen
Liliengewächsen geschmückte Gestade erinnert durch den Typus der
Wasserpflanzen an die sumpfigen Ufer unserer europäischen Seen. Man findet
hier Laichkraut (_Potamogeton_), Chara und drei Fuß hohe Teichkolben, die
man von der _Typha __ angustifolia_ unserer Sümpfe kaum unterscheiden
kann. Erst bei genauer Untersuchung erkennt man in allen diesen Gewächsen
der neuen Welt eigenthümliche Arten. Wie viele Pflanzen von der
Magellanschen Meerenge, aus Chili und den Cordilleren von Quito sind
früher wegen der großen Uebereinstimmung in Bildung und Aussehen mit
Gewächsen der nördlichen gemäßigten Zone zusammengeworfen worden!
Die Bewohner der Thäler von Aragua fragen häufig, warum das südliche Ufer
des Sees, besonders aber der südwestliche Strich desselben gegen las
Aguacates, im Ganzen stärker bewachsen ist und ein frischeres Grün hat als
das nördliche. Im Februar sahen wir viele entblätterte Bäume bei der
Hacienda de Cura, bei Mocundo und Guacara, während südöstlich von Valencia
Alles bereits darauf deutete, daß die Regenzeit bevorstand. Nach meiner
Ansicht werden im ersten Abschnitt des Jahrs, wo die Sonne gegen Süden
abweicht, die Hügel um Valencia, Guacara und Cura von der Sonnenhitze
ausgebrannt, während dem südlichen Ufer durch den Seewind, sobald er durch
die *Abra de Porto Cabello* in das Thal kommt, eine Luft zugeführt wird,
die sich über dem See mit Wasserdunst beladen hat. Auf diesem südlichen
Ufer, bei Guaruto, liegen auch die schönsten Tabaksfelder in der ganzen
Provinz. Man unterscheidet welche der _primera_, _segunda_ und _tercera
fundacion_. Nach dem drückenden Monopol der Tabakspacht, deren wir bei der
Beschreibung der Stadt Cumanacoa gedacht haben,(55) darf man in der
Provinz Caracas nur in den Thälern von Aragua (bei Guaruto und Tapatapa)
und in den Llanos von Uritucu Tabak bauen. Der Ertrag beläuft sich auf
5--600,000 Piaster; aber die Regie ist so kostspielig, daß sie gegen
230,000 Piaster im Jahr verschlingt. Die _Capitania general_ von Caracas
könnte vermöge ihrer Größe und ihres vortrefflichen Bodens, so gut wie
Cuba, sämmtliche europäischen Märkte, versorgen; aber unter den
gegenwärtigen Verhältnissen erhält sie im Gegentheil durch den
Schleichhandel Tabak aus Brasilien auf dem Rio Negro, Cassiquiare und
Orinoco, und aus der Provinz Pore auf dem Casanare, dem Ariporo und dem
Rio Meta. Das sind die traurigen Folgen eines Prohibitivsystems, das den
Fortschritt des Landbaus lähmt, den natürlichen Reichthum des Landes
schmälert und sich vergeblich abmüht, Länder abzusperren, durch welche
dieselben Flüsse laufen und deren Grenzen in unbewohnten Landstrichen sich
verwischen.
Unter den Zuflüssen des Sees von Valencia entspringen einige aus heißen
Quellen, und diese verdienen besondere Aufmerksamkeit. Diese Quellen
kommen an drei Punkten der aus Granit bestehenden Küstencordillere zu Tag,
bei Onoto, zwischen Turmero und Maracay, bei Mariara, nordöstlich von der
Hacienda de Cura, und bei las Trincheras, auf dem Wege von Nueva Valencia
nach Porto Cabello. Nur die heißen Wasser von Mariara und las Trincheras
konnte ich in physikalischer und geologischer Beziehung genau untersuchen.
Geht man am Bache Cura hinauf, seiner Quelle zu, so sieht man die Berge
von Mariara in die Ebene vortreten in Gestalt eines weiten Amphitheaters,
das aus senkrecht abfallenden Felswänden besteht, über denen sich
Bergkegel mit gezackten Gipfeln erheben. Der Mittelpunkt des Amphitheaters
führt den seltsamen Namen *Teufelsmauer* (_Rincon del Diablo_). Von den
beiden Flügeln derselben heißt der östliche *el Chaparro*, der westliche
*las Viruelas*. Diese verwitterten Felsen beherrschen die Ebene; sie
bestehen aus einem sehr grobkörnigen, fast porphyrartigen Granit, in dem
die gelblich-weißen Feldspathkrystalle über anderthalb Zoll lang sind; der
Glimmer ist ziemlich selten darin und von schönem Silberglanz. Nichts
malerischer und großartiger als der Anblick dieses halb grüngewachsenens
Gebirgsstocks. Den Gipfel der *Calavera*, welche die Teufelsmauer mit dem
Chaparro verbindet, sieht man sehr weit. Der Granit ist dort durch
senkrechte Spalten in prismatische Massen getheilt, und es sieht aus, als
ständen Basaltsäulen auf dem Urgebirge. In der Regenzeit stürzt eine
bedeutende Wassermasse über diese steilen Abhänge herunter. Die Berge, die
sich östlich an die Teufelsmauer anschließen, sind lange nicht so hoch und
bestehen, wie das Vorgebirg Cabrera, aus Gneiß und granithaltigem
Glimmerschiefer.
In diesen niedrigeren Bergen, zwei bis drei Seemeilen nordöstlich von
Mariara, liegt die Schlucht der heißen Wasser, _Quebrada de aguas
calientes_. Sie streicht nach Nord 75° West und enthält mehrere kleine
Tümpel, von denen die zwei obern, die nicht zusammenhängen, nur 8 Zoll,
die drei untern 2--3 Fuß Durchmesser haben; ihre Tiefe beträgt zwischen 3
und 15 Zoll. Die Temperatur dieser verschiedenen Trichter (_pozos_) ist
56--59 Grad, und, was ziemlich auffallend ist, die untern Trichter sind
heißer als die obern, obgleich der Unterschied in der Bodenhöhe nicht mehr
als 7--8 Zoll beträgt. Die heißen Wasser laufen zu einem kleinen Bache
zusammen (_Rio de aquas calientes_), der dreißig Fuß weiter unten nur 48°
Temperatur zeigt. Während der größten Trockenheit (in dieser Zeit
besuchten wir die Schlucht) hat die ganze Masse des heißen Wassers nur ein
Profil von 26 Quadratzoll; in der Regenzeit aber wird dasselbe bedeutend
größer. Der Bach wird dann zum Bergstrom und seine Wärme nimmt ab, denn
die Temperatur der heißen Quellen selbst scheint nur unmerklich auf und ab
zu schwanken. Alle diese Quellen enthalten Schwefelwasserstoffgas in
geringer Menge. Der diesem Gas eigene Geruch nach faulen Eiern läßt sich
nur ganz nahe bei den Quellen spüren. Nur in einem der Tümpel, in dem mit
56,2 Grad Temperatur, sieht man Luftblasen sich entwickeln, und zwar in
ziemlich regelmäßigen Pausen von 2--3 Minuten. Ich bemerkte, daß die
Blasen immer von denselben Stellen ausgingen, vier an der Zahl, und daß
man den Ort, von dem das Schwefelwasserstoffgas aufsteigt, durch Umrühren
des Bodens mit einem Stock nicht merklich verändern kann. Diese Stellen
entsprechen ohne Zweifel eben so vielen Löchern oder Spalten im Gneiß;
auch sieht man, wenn über einem Loch Blasen erscheinen, das Gas sogleich
auch über den drei andern sich entwickeln. Es gelang mir nicht, das Gas
anzuzünden, weder die kleinen Mengen in den an der Fläche des heißen
Wassers platzenden Blasen, noch dasjenige, das ich in einer Flasche über
den Quellen gesammelt, wobei mir übel wurde, nicht sowohl vom Geruch des
Gases als von der übermäßigen Hitze in der Schlucht. Ist das
Schwefelwasserstoffgas mit vieler Kohlensäure oder mit atmosphärischer
Lust gemengt? Ersteres ist mir nicht wahrscheinlich, so häufig es auch bei
heißen Quellen vorkommt (Aachen, Enghien, Barège). Das in der Röhre eines
Fontanaschen Eudiometers aufgefangene Gas war lange mit Wasser geschüttelt
worden. Auf den kleinen Tümpeln schwimmt ein feines Schwefelhäutchen, das
sich durch die langsame Verbrennung des Schwefelwasserstoffs im Sauerstoff
der Luft niederschlägt. Hie und da ist eine Pflanze an den Quellen mit
Schwefel incrustirt. Dieser Niederschlag wird kaum bemerklich, wenn man
das Wasser von Mariara in einem offenen Gefäß erkalten läßt, ohne Zweifel
weil die Quantität des entwickelten Gases sehr klein ist und es sich nicht
erneuert. Das erkaltete Wasser macht in der Auflösung von salpetersaurem
Kupfer keinen Niederschlag; es ist geschmacklos und ganz trinkbar. Wenn es
je einige Salze enthält, etwa schwefelsaures Natron oder schwefelsaure
Bittererde, so können sie nur in sehr geringer Quantität darin seyn. Da
wir fast gar keine Reagentien bei uns hatten, so füllten wir nur zwei
Flaschen an der Quelle selbst und schickten sie mit der nahrhaften Milch
des sogenannten Kuhbaums (_Vaca_), über Porto Cabello und Havana, an
Furcroy und Vauquelin nach Paris. Daß Wasser, die unmittelbar aus dem
Granitgebirge kommen, so rein sind, ist eine der merkwürdigsten
Erscheinungen auf beiden Continenten.(56) Wo soll man aber das
Schwefelwasserstoffgas herleiten? Von der Zersetzung von Schwefeleisen
oder Schwefelkiesschichten kann es nicht kommen. Rührt es von
Schwefelcalcium, Schwefelmagnesium oder andern erdigten Halbmetallen her,
die das Innere unseres Planeten unter der oxydirten Steinkruste enthält?
In der Schlucht der heißen Wasser von Mariara, in den kleinen Trichtern
mit einer Temperatur von 56--59 Grad, kommen zwei Wasserpflanzen vor, eine
häutige, die Luftblasen enthält, und eine mit parallelen Fasern
[_Conferva_?]. Erstere hat große Aehnlichkeit mit der _Ulva
labyrinthiformis_ Vandellis, die in den europäischen warmen Quellen
vorkommt. Auf der Insel Amsterdam sah BARROW [_Reise nach Cochinchina_]
Büsche von Lycopodium und Marchantia an Stellen, wo die Temperatur des
Bodens noch weit höher war. So wirkt ein *gewohnter Reiz* auf die Organe
der Gewächse. Wasserinsekten kommen im Wasser von Mariara nicht vor. Man
findet Frösche darin, die, von Schlangen verfolgt, hineingesprungen sind
und den Tod gefunden haben.
Südlich von der Schlucht, in der Ebene, die sich zum Seeufer erstreckt,
kommt eine andere schwefelwasserstoffhaltige, nicht so warme und weniger
Gas enthaltende Quelle zu Tag. Die Spalte, aus der das Wasser läuft, liegt
sechs Toisen höher als die eben beschriebenen Trichter. Der Thermometer
stieg in der Spalte nur auf 42°. Das Wasser sammelt sich in einem mit
großen Bäumen umgebenen, fast kreisrunden, 15 bis 18 Fuß weiten und 3 Fuß
tiefen Becken. In dieses Bad werfen sich die unglücklichen Sklaven, wenn
sie gegen Sonnenuntergang, mit Staub bedeckt, ihr Tagewerk auf den
benachbarten Indigo- und Zuckerfeldern vollbracht haben. Obgleich das
Wasser des *Baño* gewöhnlich 10--14 Grad wärmer ist als die Luft, nennen
es die Schwarzen doch erfrischend, weil in der heißen Zone Alles so heißt,
was die Kräfte herstellt, die Nervenaufregung beschwichtigt oder überhaupt
ein Gefühl von Wohlbehagen gibt. Wir selbst erprobten die heilsame Wirkung
dieses Bades. Wir ließen unsere Hängematten an die Bäume, die das
Wasserbecken beschatten, binden und verweilten einen ganzen Tag an diesem
herrlichen Platz, wo es sehr viele Pflanzen gibt. In der Nähe des Baño de
Mariara fanden wir den *Volador* oder Gyrocarpus. Die Flügelfrüchte dieses
großen Baumes fliegen wie Federbälle, wenn sie sich vom Fruchtstiele
trennen. Wenn wir die Aeste des Volador schüttelten, wimmelte es in der
Luft von diesen Früchten und ihr gleichzeitiges Niederfallen gewährte den
merkwürdigsten Anblick. Die zwei häutigen gestreiften Flügel sind so
gebogen, daß die Luft beim Niederfallen unter einem Winkel von 45 Grad
gegen sie drückt. Glücklicherweise waren die Früchte, die wir auflasen,
reif. Wir schickten welche nach Europa und sie keimten in den Gärten zu
Berlin, Paris und Malmaison. Die vielen Voladorpflanzen, die man jetzt in
den Gewächshäusern sieht, kommen alle von dem einzigen Baum der Art, der
bei Mariara steht. Die geographische Vertheilung der verschiedenen Arten
von Gyrocarpus, den Brown zu den Laurineen rechnet, ist eine sehr
auffallende. Jacquin sah eine Art bei Carthagena das Indias; eine andere
Art, die auf den Bergen an der Küste von Coromandel wächst, hat Roxburgh
beschrieben; eine dritte und vierte kommen in der südlichen Halbkugel auf
den Küsten von Neuholland vor.
Während wir nach dem Bade uns, nach Landessitte, halb in ein Tuch
gewickelt, von der Sonne trocknen ließen, trat ein kleiner Mulatte zu uns.
Nachdem er uns freundlich gegrüßt, hielt er uns eine lange Rede über die
Kraft der Wasser von Mariara, über die vielen Kranken, die sie seit
einigen Jahren besuchten, über die günstige Lage der Quellen zwischen zwei
Städten, Valencia und Caracas, wo das Sittenverderbniß mit jedem Tage
ärger werde. Er zeigte uns sein Haus, eine kleine offene Hütte aus
Palmblättern, in einer Einzäunung, ganz nahe bei, an einem Bach, der in
das Bad läuft. Er versicherte uns, wir finden daselbst alle möglichen
Bequemlichkeiten, Nägel, unsere Hängematten zu befestigen, Ochsenhäute, um
auf Rohrbänken zu schlafen, irdene mit immer frischem Wasser, und was uns
nach dem Bad am besten bekommen werde, *Iguanas*, große Eidechsen, deren
Fleisch für eine erfrischende Speise gilt. Wir ersahen aus diesem Vortrag,
daß der arme Mann uns für Kranke hielt, die sich an der Quelle einrichten
wollten. Er nannte sich »Wasserinspektor und *Pulpero*(57) des Platzes.«
Auch hatte seine Zuvorkommenheit gegen uns ein Ende, als er erfuhr, daß
wir bloß aus Neugierde da waren, oder, wie man in den Colonien, dem wahren
Schlaraffenlande, sagt, »_para ver, no mas_« (um zu sehen, weiter nichts).
Man gebraucht das Wasser von Mariara mit Erfolg gegen rheumatische
Geschwülste, alte Geschwüre und gegen die schreckliche Hautkrankheit,
Bubas genannt, die nicht immer syphilitischen Ursprungs ist. Da die
Quellen nur sehr wenig Schwefelwasserstoff enthalten, muß man da baden, wo
sie zu Tage kommen. Weiterhin überrieselt man mit dem Wasser die
Indigofelder. Der reiche Besitzer von Mariara, Don Domingo Tovar, ging
damit um, ein Badehaus zu bauen und eine Anstalt einzurichten, wo
Wohlhabende etwas mehr fanden als Eidechsenfleisch zum Essen und Häute auf
Bänken zum Ruhen.
Am 21. Februar Abends brachen wir von der schönen Hacienda de Cura nach
Guacara und Nueva Valencia auf. Wegen der schrecklichen Hitze bei Tage
reisten wir lieber bei Nacht. Wir kamen durch den Weiler Punta Zamuro am
Fuß der hohen Berge las Viruelas. Am Wege stehen große Zamangs oder
Mimosen, deren Stamm 60 Fuß hoch wird. Die fast wagerechten Aeste
derselben stoßen auf mehr als 150 Fuß Entfernung zusammen. Nirgends habe
ich ein schöneres, dichteres Laubdach gesehen. Die Nacht war dunkel; die
Teufelsmauer und ihre gezackten Felsen tauchten zuweilen in der Ferne auf,
beleuchtet vom Schein der brennenden Savanen oder in röthliche Rauchwolken
gehüllt. Wo das Gebüsch am dichtesten war, scheuten unsere Pferde ob dem
Geschrei eines Thiers, das hinter uns her zu kommen schien. Es war ein
großer Tiger, der sich seit drei Jahren in diesen Bergen umtrieb und den
Nachstellungen der kühnsten Jäger entgangen war. Er schleppte Pferde und
Maulthiere sogar aus Einzäunungen fort; da es ihm aber nicht an Nahrung
fehlte, hatte er noch nie Menschen angefallen. Der Neger, der uns führte,
erhob ein wildes Geschrei, um den Tiger zu verscheuchen, was natürlich
nicht gelang. Der Jaguar streicht, wie der europäische Wolf, den Reisenden
nach, auch wenn er sie nicht anfallen will; der Wolf thut dieß auf freiem
Feld, auf offenen Landstrecken, der Jaguar schleicht am Wege hin und zeigt
sich nur von Zeit zu Zeit im Gebüsch.
Den dreiundzwanzigsten brachten wir im Hause des Marques del Toro im Dorfe
Guacara, einer sehr starken indianischen Gemeinde, zu. Die Eingeborenen,
deren Corregidor, Don Pedro Peñalver, ein sehr gebildeter Mann war, sind
ziemlich wohlhabend. Sie hatten eben bei der Audiencia einen Proceß
gewonnen, der ihnen die Ländereien wieder zusprach, welche die Weißen
ihnen streitig gemacht. Eine Allee von Carolinenbäumen führt von Guacara
nach Mocundo. Ich sah hier zum erstenmal dieses prachtvolle Gewächs, das
eine der vornehmsten Zierden der Gewächshäuser in Schönbrunn ist.(58)
Mocundo ist eine reiche Zuckerpflanzung der Familie Toto. Man findet hier
sogar, was in diesem Lande so selten ist, »den Luxus des Ackerbaus,« einen
Garten, künstliche Gehölze und am Wasser auf einem Gneißfels ein Lusthaus
mit einem *Mirador* oder Belvedere. Man hat da eine herrliche Aussicht auf
das westliche Stück des Sees, auf die Gebirge ringsum und auf einen
Palmenwald zwischen Guacara und Nueva Valencia. Die Zuckerfelder mit dem
lichten Grün des jungen Rohrs erscheinen wie ein weiter Wiesgrund. Alles
trägt den Stempel des Ueberflusses, aber die das Land bauen, müssen ihre
Freiheit daran setzen. In Mocundo baut man mit 230 Negern 77 Tablones oder
*Stücke* Zuckerrohr, deren jedes 10,000 Quadrat-Varas(59) mißt und
jährlich einen Reinertrag von 200--240 Piastern gibt. Man setzt die
Stecklinge des creolischen und des otaheitischen Zuckerrohrs im April, bei
ersterem je 4, bei letzterem 5 Schuh von einander. Das Rohr braucht 14
Monate zur Reife. Es blüht im Oktober, wenn der Setzling kräftig ist, man
kappt aber die Spitze, ehe die Rispe sich entwickelt. Bei allen
Monocotyledonen (beim Maguey, der in Mexico wegen des *Pulque* gebaut
wird, bei der Weinpalme und dem Zuckerrohr) erhalten die Säfte durch die
Blüthe eine andere Mischung. Die Zuckerfabrikation ist in Terra Firma sehr
mangelhaft, weil man nur für den Verbrauch im Lande fabricirt und man für
den Absatz im Großen sich lieber an den sogenannten *Papelon* als an
raffinirten und Rohzucker hält. Dieser Papelon ist ein unreiner,
braungelber Zucker in ganz kleinen Hüten. Er ist mit Melasse und
schleimigten Stoffen verunreinigt. Der ärmste Mann ißt Papelon, wie man in
Europa Käse ißt; man hält ihn allgemein für nahrhaft. Mit Wasser gegohren
gibt er den *Guarapo*, das Lieblingsgetränk des Volks. Zum Auslaugen des
Rohrsafts bedient man sich, statt des Kalks, des unterkohlensauren Kalis.
Man nimmt dazu vorzugsweise die Asche des *Bucare*, der _Erythrina
corallodendron_.
Das Zuckerrohr ist sehr spät, wahrscheinlich erst zu Ende des sechzehnten
Jahrhunderts, von den Antillen in die Thäler von Aragua gekommen. Man
kannte es seit den ältesten Zeiten in Indien, in China und auf allen
Inseln des stillen Meeres; in Chorasan und in Persien wurde es schon im
fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung zur Gewinnung festen Zuckers
gebaut. Die Araber brachten das Rohr, das für die Bewohner heißer und
gemäßigter Länder von so großem Werthe ist, an die Küsten des Mittelmeers.
Im Jahr 1306 wurde es auf Sicilien noch nicht gebaut, aber auf Cypern,
Rhodus und in Morea war es bereits verbreitet; hundert Jahre darauf war es
ein werthvoller Besitz Calabriens, Siciliens und der spanischen Küsten.
Von Sicilien verpflanzte der Infant Henriquez das Zuckerrohr nach Madera,
von Madera kam es auf die Canarien, wo es ganz unbekannt war; denn die
_Ferulae_ von denen Juba spricht (_quae expressae liquorem fundunt potui
jucundum_) sind Euphorbien, _Tabayba dulce_, und kein Zuckerrohr, wie man
neuerdings behauptet hat. Nicht lange, so waren zehn Zuckermühlen
(_ingenios de azucar_ auf der großen Canaria, auf Palma und auf Teneriffa
zwischen Adexe, Icod und Garachico. Man brauchte Neger zum Bau, und ihre
Nachkommen leben noch in den Höhlen von Tiraxana auf der großen Canaria.
Seit das Zuckerrohr auf die Antillen verpflanzt worden ist, und seit die
neue Welt den glückseligen Inseln den Mais geschenkt, hat der Anbau dieser
Grasart auf Teneriffa und der großen Canaria den Zuckerbau verdrängt.
Jetzt wird dieser nur noch auf Palma bei Argual und Taxacorte getrieben
und liefert kaum 1000 Centner Zucker im Jahr. Das canarische Rohr, das
Aiguilon nach St. Domingo brachte, wurde dort seit 1517 oder den sechs,
sieben folgenden Jahren unter der Herrschaft der Hieronymiter-Mönche
gebaut. Von Anfang an wurden Neger dazu verwendet, und schon 1519 stellte
man, gerade wie heutzutage, der Regierung vor, »die Antillen wären
verloren und müßten wüste liegen bleiben, wenn man nicht alle Jahre
Sklaven von der Küste von Guinea herüberbrächte.«
Seit einigen Jahren haben sich der Anbau und die Fabrikation des Zuckers
in Terra Firma bedeutend verbessert, und da auf Jamaica das Raffiniren
gesetzlich verboten ist, so glaubt man auf die Aussicht von raffinirtem
Zucker in die englischen Colonien auf dem Wege des Schleichhandels rechnen
zu können. Aber der Verbrauch in den Provinzen von Venezuela an Papelon
und an Rohzucker zu Chocolate und Zuckerbäckerei (_dulces_) ist so groß,
daß die Ausfuhr bis jetzt gar nicht in Betracht kam. Die schönsten
Zuckerpflanzungen sind in den Thälern von Aragua und des Tuy, bei Pao de
Zarete, zwischen Victoria und San Sebastiano, bei Guatire, Guarenas und
Caurimare. Wie das Zuckerrohr zuerst von den Canarien in die neue Welt
kam, so stehen noch jetzt meist Canarier oder *Islengos* den großen
Pflanzungen vor und geben beim Anbau und beim Raffiniren die Anleitung.
Dieser innige Verkehr mit den canarischen Inseln und ihren Bewohnern hat
auch zur Einführung der Kameele in die Provinzen von Venezuela Anlaß
gegeben. Der Marques del Toro ließ ihrer drei von Lancerota kommen. Die
Transportkosten waren sehr bedeutend, weil die Thiere auf den Kauffahrern
sehr viel Raum einnehmen und sie sehr viel süßes Wasser bedürfen, da die
lange Ueberfahrt sie stark angreift. Ein Kameel, für das man nur dreißig
Piaster bezahlt, hatte nach der Ankunft auf der Küste von Caracas acht-
bis neunhundert Piaster gekostet. Wir sahen diese Thiere in Mocundo; von
vieren waren schon drei in Amerika geworfen. Zwei waren vom Biß des Coral,
einer giftigen Schlange, die am See sehr häufig ist, zu Grunde gegangen.
Man braucht bis jetzt diese Kameele nur, um das Zuckerrohr in die Mühlen
zu schaffen. Die männlichen Thiere, die stärker sind als die weiblichen,
tragen 40--50 Arrobas. Ein reicher Gutsbesitzer in der Provinz-Barinas
wollte, aufgemuntert durch den Vorgang des Marques del Toro, 15,000
Piaster aufwenden und auf einmal 14 bis 15 Kameele von den canarischen
Inseln kommen lassen. Solche Unternehmungen sind um so lobenswerther, da
man diese Lastthiere zum Waarentransport durch die glühend heißen Ebenen
am Casanare, Apure und bei Calabozo benützen will, die in der trockenen
Jahreszeit den afrikanischen Wüsten gleichen. Ich habe anderwärts
bemerkt,(60) wie sehr zu wünschen wäre, daß die Eroberer schon zu Anfang
des sechzehnten Jahrhunderts, wie Rindvieh, Pferde und Maulthiere, so auch
Kameele nach Amerika verpflanzt hätten. Ueberall wo in unbewohnten Ländern
sehr große Strecken zurückzulegen sind, wo sich keine Kanäle anlegen
lassen, weil sie zu viele Schleußen erforderten (wie auf der Landenge von
Panama, auf der Hochebene von Mexico, in den Wüsten zwischen dem
Königreich Quito und Peru, und zwischen Peru und Chili), wären Kameele für
den Handelsverkehr im Innern von der höchsten Bedeutung. Man muß sich um
so mehr wundern, daß die Regierung nicht gleich nach der Eroberung die
Einführung des Thiers aufgemuntert hat, da noch lange nach der
Unterwerfung von Grenada das Kameel, das Lieblingsthier der Mauren, im
südlichen Spanien sehr häufig war. Ein Biscayer, Juan de Reinaga, hatte
auf seine Kosten einige Kameele nach Peru gebracht. Pater Acosta sah sie
gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts am Fuße der Anden; da sie aber
schlecht gepflegt wurden, pflanzten sie sich spärlich fort und starben
bald aus. In diesen Zeiten der Unterdrückung und des Elends, die man als
die Zeiten des spanischen Ruhmes schildert, vermietheten die Encomenderos
den Reisenden Indianer wie Lastthiere. Man trieb sie zu Hunderten
zusammen, um Waaren über die Cordilleren zu schleppen, oder um die Heere
auf ihren Eroberungs- und Raubzügen zu begleiten. Die Eingeborenen
unterzogen sich diesem Dienst um so geduldiger, da sie, beim fast völligen
Mangel an Hausthieren, schon seit langer Zeit von ihren eigenen
Häuptlingen, wenn auch nicht so unmenschlich, dazu angehalten worden
waren. Die von Juan de Reinaga versuchte Einführung der Kameele brachte
die Encomenderos, die nicht gesetzlich, aber faktisch die Grundherrn der
indianischen Dörfer waren, gewaltig in Aufruhr. Es ist nicht zu
verwundern, daß der Hof den Beschwerden dieser Herrn Gehör gab; aber durch
diese Maaßregel ging Amerika eines Mittels verlustig, das mehr als irgend
etwas den Verkehr im Innern und den Waarenaustausch erleichtern konnte.
Jetzt, da seit Carls III. Regierung die Indianer unter einem milderen
Regimente stehen, und alle Zweige des einheimischen Gewerbfleißes sich
freier entwickeln können, sollte die Einführung der Kameele im Großen, und
von der Regierung selbst versucht werden. Würden einige hundert dieser
nützlichen Thiere auf dem ungeheuren Areal von Amerika in heißen,
trockenen Gegenden angesiedelt, so würde sich der günstige Einfluß auf den
allgemeinen Wohlstand schon in wenigen Jahren merkbar machen. Provinzen,
die durch Steppen getrennt sind, wären von Stunde an einander näher
gerückt; manche Waaren aus dem Innern würden an den Küsten wohlfeiler, und
durch die Vermehrung der Kameele, zumal der *Hedjines*, der *Schiffe der
Wüste*, käme ein ganz anderes Leben in den Gewerbfleiß und den Handel der
neuen Welt.
Am zweiundzwanzigsten Abends brachen wir von Mocundo auf und gingenüber
los Guayos nach Nueva Valencia. Man kommt durch einen kleinen Palmenwald,
dessen Bäume nach dem Habitus und der Bildung der fächerförmigen Blätter
dem _Chamaerops humilis_ an der Küste der Berberei gleichen. Der Stamm
wird indessen 24, zuweilen sogar 30 Fuß hoch. Es ist wahrscheinlich eine
neue Art der Gattung _Corypha_; die Palme heißt im Lande _Palma de
Sombrero_ weil man aus den Blattstielen Hüte, ähnlich unsern Strohhüten
flicht. Das Palmengehölz, wo die dürren Blätter beim geringsten Luftzug
rasseln, die auf der Ebene weidenden Kameele, das Wallen der Dünste auf
einem vom Sonnenstrahl glühenden Boden, geben der Landschaft ein
afrikanisches Gepräge. Je näher man an der Stadt und über das westliche
Ende des Sees hinaus kommt, desto dürrer wird der Boden. Es ist ein ganz
ebener, vom Wasser verlassener Thonboden. Die benachbarten Hügel, _Morros
de Valencia_ genannt, bestehen aus weißem Tuff, einer ganz neuen Bildung,
die unmittelbar auf dem Gneiß aufliegt. Sie kommt bei Victoria und an
verschiedenen andern Punkten längs der Küstengebirgskette wieder zum
Vorschein. Die weiße Farbe dieses Tuffs, von dem die Sonnenstrahlen
abprallen, trägt viel zur drückenden Hitze bei, die hier herrscht. Alles
ist wüst und öde, kaum sieht man an den Ufern des Rio de Valencia hie und
da einen Cacaostamm; sonst ist die Ebene kahl, pflanzenlos. Diese
anscheinende Unfruchtbarkeit schreibt man hier, wie überall in den Thälern
von Aragua, dem Indigobau zu, der den Boden stärker erschöpft (_cansa_)
als irgend ein Gewächs. Es ware interessant, sich nach den wahren
physischen Ursachen dieser Erscheinung umzusehen, über die man, wie ja
auch über die Wirkung der Brache und der Wechselwirthschaft, noch lange
nicht im Reinen ist. Ich beschränke mich auf die allgemeine Bemerkung, daß
man unter den Tropen desto häufiger über die zunehmende Unfruchtbarkeit
des Baulandes klagen hört, je näher man sich der Zeit der ersten
Urbarmachung befindet. In einem Erdstrich, wo fast kein Gras wächst, wo
jedes Gewächs einen holzigten Stengel hat und gleich zum Busch aufschießt,
ist der unangebrochene Boden fortwährend von hohen Bäumen oder von
Buschwerk beschattet. Unter diesen dichten Schatten erhält er sich überall
frisch und feucht. So üppig der Pflanzenwuchs unter den Tropen erscheint,
so ist doch die Zahl der in die Erde dringenden Wurzeln auf einem nicht
angebauten Boden geringer, während auf dem mit Indigo, Zuckerrohr oder
Manioc angepflanzten Lande die Gewächse weit dichter bei einander stehen.
Die Bäume und Gebüsche mit ihrer Fülle von Zweigen und Laub ziehen, ihre
Nahrung zum großen Theil aus der umgebenden Luft, und die Fruchtbarkeit
des jungfräulichen Bodens nimmt zu durch die Zersetzung des
vegetabilischen Stoffs, der sich fortwährend auf demselben aufhäuft. Ganz
anders bei den mit Indigo oder andern krautartigen Gewächsen bepflanzten
Feldern. Die Sonnenstrahlen fallen frei auf den Boden und zerstören durch
die rasche Verbrennung der Kohlenwasserstoff- und anderer oxydirbaren
Verbindungen die Keime der Fruchtbarkeit. Diese Wirkungen fallen den
Colonisten desto mehr auf, da sie in einem noch nicht lange bewohnten
Lande die Fruchtbarkeit eines seit Jahrtausenden unberührten Bodens mit
dem Ertrag der bebauten Felder vergleichen können. In Bezug auf den Ertrag
des Ackerbaus sind gegenwärtig die spanischen Colonien auf dem Festland
und die großen Inseln Portorico und Cuba gegen die kleinen Antillen
bedeutend im Vortheil; Erstere haben vermöge ihrer Größe, der
mannigfaltigen Bodenbildung und der verhältnißmäßig geringen Bevölkerung
noch ganz den Typus eines unberührten Bodens, während man auf Barbados,
Tabago, Santa Lucia, auf den Jungfraueninseln und im französischen Antheil
von St. Domingo nachgerade spürt, daß lange fortgesetzter Anbau den Boden
erschöpft. Wenn man in den Thälern von Aragua die Indigofelder, statt sie
aufzugeben und brach liegen zu lassen, nicht mit Getreide, sondern mit
andern nährenden und Futterkräutern anpflanzte, wenn man dazu vorzugsweise
Gewächse aus verschiedenen Familien nähme, und solche, die mit breiten
Blättern den Boden beschatten, so würden allmälig die Felder verbessert
und ihnen ihre frühere Fruchtbarkeit zum Theil wieder gegeben werden.
Die Stadt Nueva Valencia nimmt einen ansehnlichen Flächenraum ein; aber
die Bevölkerung ist kaum sechs- bis siebentausend Seelen stark. Die
Straßen sind sehr breit, der Markt (_plaza mayor_) ist übermäßig groß, und
da die Häuser sehr niedrig sind, ist das Mißverhältniß zwischen der
Bevölkerung und der Ausdehnung der Stadt noch auffallender als in Caracas.
Viele Weiße von europäischer Abstammung, besonders die ärmsten, ziehen aus
ihren Häusern und leben den größten Theil des Jahrs auf ihren kleinen
Indigo- oder Baumwollenpflanzungen. Dort wagen sie es mit eigenen Händen
zu arbeiten, während ihnen dieß, nach dem im Lande herrschenden
eingewurzelten Vorurtheil, in der Stadt zur Schande gereichte. Der
Gewerbfleiß fängt im allgemeinen an sich zu regen, und der Baumwollenbau
hat bedeutend zugenommen, seit dem Handel von Porto Cabello neue
Freiheiten ertheilt worden sind und dieser Hafen als Haupthafen, als
_puerto mayor_ den unmittelbar aus dem Mutterlande kommenden Schiffen
offen steht.
Nueva Valencia wurde im Jahr 1555 unter Villacindas Statthalterschaft von
Alonzo Diaz Moreno gegründet, und ist also zwölf Jahre älter als Caracas.
Wir haben schon früher bemerkt, daß in Venezuela die spanische Bevölkerung
von West nach Ost vorgerückt ist. Valencia war anfangs nur eine zu
Burburata gehörige Gemeinde, aber letztere Stadt ist jetzt nur noch ein
Platz, wo Maulthiere eingeschifft werden. Man bedauert, und vielleicht mit
Recht, daß Valencia nicht die Hauptstadt des Landes geworden ist. Ihre
Lage auf einer Ebene, am Ufer eines Sees würde an die von Mexico erinnern.
Wenn man bedenkt, wie bequem man durch die Thäler von Aragua in die Llanos
und an die Nebenflüsse des Orinoco gelangt, wenn man sich überzeugt, daß
sich durch den Rio Pao und die Portugueza eine Schifffahrtverbindung im
innern Lande bis zur Mündung des Orinoco, zum Cassiquiare und dem
Amazonenstrom herstellen ließe, so sieht man ein, daß die Hauptstadt der
ausgedehnten Provinzen von Venezuela in der Nähe des prächtigen Hafens von
Porto Cabello, unter einem reinen, heitern Himmel besser läge, als bei der
schlecht geschützten Rhede von Guayra, in einem gemäßigten, aber das ganze
Jahr nebligten Thale. So nahe beim Königreich Neu-Grenada, mitten inne
zwischen den getreidereichen Gebieten von Victoria und Barquesimeto, hätte
die Stadt Valencia gedeihen müssen; sie konnte aber nicht gegen Caracas
aufkommen, das ihr zwei Jahrhunderte lang einen bedeutenden Theil der
Einwohner entzogen hat. Die Mantuanosfamilien lebten lieber in der
Hauptstadt als in einer Provinzialstadt.