Abreise von Caracas. -- Gebirge von San Pedro und los Teques. --
Victoria. -- Thäler von Aragua.
Der kürzeste Weg von Caracas an die Ufer des Orinoco hätte uns über die
südliche Kette der Berge zwischen Baruta, Salamanca und den Savanen von
Ocumare, und über die Steppen oder Llanos von Orituco geführt, worauf wir
uns bei Cabruta, an der Einmündung des Rio Guarico, hätten einschiffen
müssen; aber auf diesem geraden Wege hätten wir unsere Absicht nicht
erreicht, die dahin ging, den schönsten und kultivirtesten Theil der
Provinz, die Thäler von Aragua, zu besuchen, einen interessanten Strich
der Küste mit dem Barometer zu vermessen und den Rio Apure bis zu seinem
Einfluß in den Orinoco hinabzufahren. Ein Reisender, der sich mit der
Gestaltung und den natürlichen Schätzen des Bodens bekannt machen will,
richtet sich nicht nach den Entfernungen, sondern nach dem Interesse, das
die zu bereisenden Länder bieten. Diese entscheidende Rücksicht führte uns
in die Berge los Teques, zu den warmen Quellen von Mariara, an die
fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia und über die ungeheuren Steppen von
Calabozo nach San Fernando am Apure im östlichen Theil der Provinz
Barinas. Auf diesem Wege war unsere Richtung Anfangs West, dann Süd und am
Ende Ost-Süd-Ost, um auf dem Apure, unter dem Parallel von 7° 36′ 23″ in
den Orinoco zu gelangen.
Da auf einem Wege von sechs bis siebenhundert Meilen die Längen durch
Uebertragung der Zeit in Caracas und Cumana zu bestimmen waren, mußte
nothwendig die Lage beider Städte genau und durch absolute Beobachtungen
ermittelt werden. Oben ist das Resultat der am ersten Ausgangspunkt, in
Cumana, angestellten Beobachtungen angegeben; der zweite Punkt, der
nördliche Stadttheil von Caracas, liegt unter 10° 30′ 50″ der Breite und
69° 25′ 0″ der Länge. Die magnetische Declination fand ich am 22. Januar
1800 außerhalb der Stadt, am Thore bei der Pastora, 4° 38′ 45″ gegen
Nordost, und am 30. Januar im Innern der Stadt bei der Universität
4° 39′ 15″, also um 26′ stärker als in Cumana. Die Inclination der Nadel
war 42° 90; die Zahl der Schwingungen, welche die Intensität der
magnetischen Kraft angaben, war in zehn Minuten Zeit in Caracas 232, in
Cumana 229. Diese Beobachtungen konnten nicht sehr oft wiederholt werden:
sie sind das Ergebniß dreimonatlicher Arbeit.
Am Tage, wo wir die Hauptstadt von Venezuela verließen, die seitdem durch
ein furchtbares Erdbeben vernichtet worden ist, übernachteten wir am Fuße
der bewaldeten Berge, die das Thal gegen Südwest schließen. Wir zogen am
rechten Ufer des Guayre bis zum Dorf Antimano auf einer sehr schönen, zum
Theil in den Fels gehauenen Straße. Man kommt durch la Vega und Carapa.
Die Kirche von la Vega hebt sich sehr malerisch von einem dicht
bewachsenen Hügelzug ab. Zerstreute Häuser, von Dattelbäumen umgeben,
deuten auf günstige Verhältnisse der Bewohner: Eine nicht sehr hohe
Bergkette trennt den kleinen Guayrefluß vom Thale *de la Pascua*,(43) das
in der Geschichte des Landes eine große Rolle spielt, und von den alten
Goldbergwerken von Baruta und Oripoto. Auf dem Wege aufwärts nach Carapa
hat man noch einmal die Aussicht auf die Silla, die sich als eine
gewaltige, gegen das Meer jäh abstürzende Kuppel darstellt. Dieser runde
Gipfel und der wie eine Mauerzinne gezackte Kamm des Galipano sind die
einzigen Berggestalten in diesem Becken von Gneiß und Glimmerschiefer, die
der Landschaft Charakter geben; die übrigen Höhen sind sehr einförmig und
langweilig.
Beim Dorfe Antimano waren alle Baumgärten voll blühender Pfirsichbäume.
Aus diesem Dorf, aus Valle und von den Ufern des Macarao kommen eine Menge
Pfirsiche, Quitten und anderes europäisches Obst auf den Markt in Caracas.
Von Antimano bis las Ajuntas geht man siebzehn mal über den Guayre. Der
Weg ist sehr beschwerlich; statt aber eine neue Straße zu bauen, thäte man
vielleicht besser, dem Fluß ein anderes Bett anzuweisen, der durch
Einsickerung und Verdunstung sehr viel Wasser verliert. Jede Krümmung
bildet eine größere oder kleinere Lache. Diese Verluste sind nicht
gleichgültig in einer Provinz, wo der ganze bebaute Boden, mit Ausnahme
des Strichs zwischen der See und der Küstenbergkette von Mariara und
Niguatar, sehr trocken ist. Es regnet weit seltener und weniger als im
Innern von Neu-Andalusien, in Cumanacoa und an den Ufern des Guarapiche.
Viele Berge der Provinz Caracas reichen in die Wolkenregion hinauf, aber
die Schichten des Urgebirgs sind unter einem Winkel von 70--80° geneigt
und fallen meist nach Nordwest, so daß die Wasser entweder im Gebirg
versinken oder nicht südlich, sondern nördlich an den Küstengebirgen von
Niguatar, Avila und Mariara in reichlichen Quellen zu Tage kommen. Daraus,
daß die Gneiß- und Glimmerschieferschichten gegen Süd ausgerichtet sind,
scheint sich mir größtentheils die große Dürre des Küstenstrichs zu
erklären. Im Innern der Provinz findet man Strecken von zwei, drei
Quadratmeilen ohne alle Quellen. Das Zuckerrohr, der Indigo und der
Kaffeebaum können nur da gedeihen, wo Wasser fließt, mit dem man während
der großen Dürre künstlich bewässern kann. Die ersten Ansiedler haben
unvorsichtigerweise die Wälder niedergeschlagen. Auf einem steinigten
Boden, wo Felsen ringsum Wärme strahlen, ist die Verdunstung ungemein
stark. Die Berge an der Küste gleichen einer Mauer, die von Ost nach West
vom Cap Codera gegen die Landspitze Tucacas sich hinzieht; sie lassen die
feuchte Küstenluft, die untern Luftschichten, die unmittelbar auf der See
aufliegen und am meisten Wasser ausgelöst haben, nicht ins innere Land
kommen. Es gibt wenige Lücken, wenige Schluchten, die wie die Schlucht von
Catia oder Tipe(44) vom Meeresufer in die hochgelegenen Längenthäler
hinaufführen. Da ist kein großes Flußbett, kein Meerbusen, durch die der
Ocean in das Land einschneidet und durch reichliche Verdunstung
Feuchtigkeit verbreitet. Unter dem 8. und 10. Breitegrad werfen da, wo die
Wolken nicht nahe am Boden hinziehen, die Bäume im Januar und Februar die
Blätter ab, sicher nicht, wie in Europa, weil die Temperatur zu niedrig
wird, sondern weil in diesen Monaten, die am weitesten von der Regenzeit
entfernt sind, die Luft dem Maximum von Trockenheit sich nähert. Nur die
Gewächse mit glänzenden, stark lederartigen Blättern halten die Dürre aus.
Unter dem schönen tropischen Himmel befremdet den Reisenden der fast
winterliche Charakter des Landes; aber das frischeste Grün erscheint
wieder, sobald man an die Ufer des Orinoco gelangt. Dort herrscht ein
anderes Klima und durch ihre Beschattung unterhalten die großen Wälder im
Boden einen gewissen Grad von Feuchtigkeit und schützen ihn vor der
verzehrenden Sonnengluth.
Jenseits des kleinen Dorfes Antimano wird das Thal bedeutend enger. Das
Flußufer ist mit *Lata* bewachsen, der schönen Grasart mit zweizeiligen
Blättern, die gegen dreißig Fuß hoch wird und die wir unter dem Namen
Gynerium (_saccharoides_) beschrieben haben. Um jede Hütte stehen
ungeheure Stämme von Persea (_Laurus Persea_), an denen Aristolochien,
Paullinien und eine Menge anderer Schlingpflanzen wachsen. Die
benachbarten bewaldeten Berge scheinen dieses westliche Ende des Thales
von Caracas feucht zu erhalten. Die Nacht vor unserer Ankunft in las
Ajuntas brachten wir auf einer Zuckerpflanzung zu. In einem viereckigten
Haus lagen gegen 80 Neger auf Ochsenhäuten am Bodens. In jedem Gemach
waren vier Sklaven, und das Ganze sah aus wie eine Kaserne. Im Hof
brannten ein Dutzend Feuer, an denen gekocht wurde. Auch hier fiel uns die
lärmende Lustigkeit der Schwarzen auf und wir konnten kaum schlafen. Wegen
des bewölkten Himmels konnte ich keine Sternbeobachtungen machen; der Mond
kam nur von Zeit zu Zeit zum Vorschein, die Landschaft war trübselig
einförmig, alle Hügel umher mit Magueys bewachsen. Man arbeitete an einem
kleinen Kanal, der über 70 Fuß hoch das Wasser des Rio San Pedro in den
Hof leiten sollte. Nach einer barometrischen Beobachtung liegt der Boden
der Hacienda nur 50 Toisen über dem Bett des Guayre bei Noria in der Nähe
von Caracas.
Der Boden dieses Landstrichs erwies sich zum Bau des Kaffeebaums nicht
sehr geeignet; er gibt im Allgemeinen im Thale von Caracas einen
geringeren Ertrag, als man Anfangs vermuthet hatte, da man bei Chacao mit
dem Anbau begann. Um sich von der Wichtigkeit dieses Handelszweiges im
Allgemeinen einen Begriff zu machen, genügt die Angabe, daß die ganze
Provinz Caracas zur Zeit ihrer höchsten Blüthe vor den Revolutionskriegen
bereits 50--60,000 Centner Kaffee erzeugte. Dieser Ertrag, der den Ernten
von Guadeloupe und Martinique zusammen fast gleich kommt, muß desto
bedeutender erscheinen, da erst im Jahre 1784 ein achtbarer Bürger, Don
Bartholomeo Blandin, die ersten Versuche mit dem Kaffeebau auf der Küste
von Terra Firma gemacht hatte. Die schönsten Kaffeepflanzungen sind jetzt
in der Savane von Ocumare bei Salamanca und in Rincon, sowie im bergigten
Lande los Mariches, San Antonio Hatillo und los Budares. Der Kaffee von
den drei letztgenannten, ostwärts von Caracas gelegenen Orten ist von
vorzüglicher Güte; aber die Sträucher tragen dort weniger, was man der
hohen Lage und dem kühlen Klima zuschreibt. Die großen Pflanzungen in der
Provinz Venezuela, wie Aguacates bei Valencia und le Rincon, geben in
guten Jahren Ernten von 3000 Centnern. Im Jahr 1796 betrug die
Gesammtausfuhr der Provinz nicht mehr als 4800 Centner, im Jahr 1804
10,000 Centner; sie hatte indessen schon im Jahre 1789 begonnen. Die
Preise schwankten zwischen 6 und 18 Piastern der Centner. In der Havana
sah man denselben auf 3 Piaster fallen; zu jener für die Colonisten so
unheilvollen Zeit, in den Jahren 1810 und 1812, lagen aber auch über zwei
Millionen Centner Kaffee (im Werth von zehn Millionen Pfund Sterling) in
den englischen Magazinen.
Die große Vorliebe, die man in dieser Provinz für den Kaffeebau hat, rührt
zum Theil daher, daß die Bohne sich viele Jahre hält, während der Cacao,
trotz aller Sorgfalt, nach zehn Monaten oder einem Jahr in den Magazinen
verdirbt. Während der langen Kriege zwischen den europäischen Mächten, wo
das Mutterland zu schwach war, um den Handel seiner Colonien zu schützen,
mußte sich die Industrie vorzugsweise auf ein Produkt werfen, das nicht
schnell abgesetzt werden muß und bei dem man alle politischen und
Handelsconjunkturen abwarten kann. In den Kaffeepflanzungen von Caracas
nimmt man, wie ich gesehen, zum Versetzen nicht leicht die jungen
Pflanzen, die zufällig unter den tragenden Bäumen aufwachsen; man läßt
vielmehr die Bohnen, getrennt von der Beere, aber doch noch mit einem
Theil des Fleisches daran, in Haufen zwischen Bananenblättern fünf Tage
lang keimen und steckt sofort den gekeimten Samen. Die so gezogenen
Pflanzen widerstehen der Sonnenhitze besser als die, welche in der
Pflanzung selbst im Schatten aufgewachsen sind. Man setzt hier zu Lande
gewöhnlich 5300 Bäume auf die *Vanega*, die gleich ist 5476 Quadrattoisen.
Ein solches Grundstück kostet, wenn es sich bewässern läßt, im nördlichen
Theil der Provinz 500 Piaster. Der Kaffeebaum blüht erst im zweiten Jahr
und die Blüthe währt nur 24 Stunden. In dieser Zeit nimmt sich der kleine
Baum sehr gut aus; von weitem meint man, er sey beschneit. Im dritten Jahr
ist die Ernte bereits sehr reich. In gut gejäteten und bewässerten
Pflanzungen auf frisch umgebrochenem Boden gibt es ausgewachsene Bäume,
die 16, 18, sogar 20 Pfund Kaffee tragen; indessen darf man nur
1--1½ Pfund auf den Stamm rechnen, und dieser durchschnittliche Ertrag ist
schon größer als auf den Antillen. Der Regen, wenn er in die Blüthezeit
fällt, der Mangel an Wasser zum Ueberrieseln und ein Schmarotzergewächs,
eine neue Art Loranthus, das sich an den Zweigen ansetzt, richten großen
Schaden in den Kaffeepflanzungen an. Auf Pflanzungen von 8000 bis 10,000
Stämmen gibt die fleischige Beere des Kaffeebaums eine ungeheure Masse
organischen Stoffs, und man muß sich wundern, daß man nie versucht hat
Alkohol daraus zu gewinnen.
Wenn auch die Unruhen auf St. Domingo, der augenblickliche Ausschlag der
Colonialwaaren und die Auswanderung der französischen Pflanzer den ersten
Anlaß zum Bau des Kaffees auf dem Festland von Amerika, auf Cuba und
Jamaica gaben, so hat doch, was sie an Kaffee geliefert, keineswegs bloß
das Deficit gedeckt, das dadurch entstanden war, daß die französischen
Antillen nichts mehr ausführten. Dieser Ertrag steigerte sich, je mehr die
Bevölkerung und bei veränderter Lebensweise der Luxus bei den europäischen
Völkern zunahmen. Zu Neckers Zeit im Jahr 1780 führte St. Domingo gegen 76
Millionen Pfund Kaffee aus. Im Jahr 1817 und den drei folgenden Jahren war
die Ausfuhr, nach Colquhoun, noch 36 Millionen Pfund. Der Kaffeebau ist
nicht so mühsam und kostspielig als der Bau des Zuckerrohrs und hat unter
dem Regiment der Schwarzen nicht so sehr gelitten als letzterer. Das sich
ergebende Deficit von 40 Millionen Pfund wird nun von Jamaica, Cuba,
Surinam, Demerary, Barbice, Curaçao, Venezuela und der Insel Java weit
mehr als gedeckt, indem alle zusammen 75,900,000 Pfund erzeugen.
Die Gesammteinfuhr von Kaffee aus Amerika nach Europa übersteigt jetzt 106
Millionen Pfund französischen Markgewichts. Rechnet man dazu 4--5
Millionen von Isle de France und der Insel Bourbon, und 30 Millionen aus
Arabien und Java, so ergibt sich, daß der Gesammtverbrauch von Europa im
Jahr 1819 auf etwa 140 Millionen Pfund gestiegen seyn mag. Bei meinen
Untersuchungen über die Colonialwaaren im Jahr 1810(45) habe ich eine
geringere Zahl angenommen. Bei diesem ungeheuren Kaffeeverbrauch hat der
Verbrauch von Thee keineswegs abgenommen, vielmehr ist die Ausfuhr aus
China in den letzten fünfzehn Jahren um mehr als ein Viertheil stärker
geworden. Im gebirgigen Theil der Provinzen Caracas und Cumana könnte Thee
so gut gebaut werden als Kaffee. Man findet dort alle Klimate wie in
Stockwerken über einander, und dieser neue Culturzweig würde eben so gut
gedeihen, wie in der südlichen Halbkugel, wo in Brasilien unter einer
Regierung, die großsinnig die Industrie und die religiöse Duldung in ihren
Schutz nimmt, der Thee, die Chinesen und Fo’s Glaubenssätze zumal
eingewandert sind. Noch sind es nicht hundert Jahre her, seit in Surinam
und auf den Antillen die ersten Kaffeebäume gepflanzt wurden, und bereits
hat der Ertrag der amerikanischen Ernte einen Werth von 15 Millionen
Piastern, den Centner Kaffee nur zu 14 Piastern gerechnet.
Am 8. Februar bei Sonnenaufgang brachen wir auf, um über den Higuerote zu
gehen, einen hohen Gebirgszug zwischen den beiden Längenthälern von
Caracas und Aragua. Nachdem wir bei las Ajuntas, wo die kleinen Flüsse San
Pedro und Macarao sich zum Guayre vereinigen, über das Wasser gegangen
waren, ging es an steilem Berghang hinauf zur Hochebene von Buonavista, wo
ein paar einzelne Häuser stehen. Man sieht hier gegen Nordost bis zur
Stadt Caracas, gegen Süd bis zum Dorf los Teques. Die Gegend ist wild und
waldreich. Die Pflanzen des Thals von Caracas waren nach und nach
ausgeblieben. Wir befanden uns in 835 Toisen Meereshöhe, also fast so hoch
als Popayan, aber die mittlere Temperatur ist schwerlich höher als 17--18°
[13°,6--14°,4 Reaumur]. Die Straße über diese Berge ist sehr belebt; jeden
Augenblick begegnet man langen Zügen von Maulthieren und Ochsen; es ist
die große Straße von der Hauptstadt nach Victoria und in die Thäler von
Aragua. Der Weg ist in einen talkigten zersetzten Gneiß gehauen. Ein mit
Glimmerblättern gemengter Thon bedeckt drei Fuß hoch das Gestein. Im
Winter leidet man vom Staub und in der Regenzeit wird der Boden ein
Morast. Abwärts von der Ebene von Buonavista, etwa fünfzig Toisen gegen
Südost, kommt man an eine starke Quelle im Gneiß, die mehrere Fälle
bildet, welche die üppigste Vegetation umgibt. Der Pfad zur Quelle
hinunter ist so steil, daß man die Wipfel der Baumfarn, deren Stamm 25 Fuß
hoch wird, mit der Hand berühren kann. Die Felsen ringsum sind mit
Jungermannia und Moosen aus der Familie Hypnum bekleidet. Der Bach schießt
im Schatten von Heliconien hin und entblößt die Wurzeln der Plumeria, des
Cupey, der Brownea und des _Ficus gigantea_. Dieser feuchte, von Schlangen
heimgesuchte Ort gewährt dem Botaniker die reichste Ausbeute. Die Brownea,
von den Eingeborenen _Rosa del monte_ oder _Palo de Cruz_ genannt, trägt
oft vier bis fünfhundert purpurrothe Blüthen in einem einzigen Strauße.
Jede Blüthe hat fast immer 11 Staubfäden, und das prachtvolle Gewächs,
dessen Stamm 50--60 Fuß hoch wächst, wird selten, weil sein Holz eine sehr
gesuchte Kohle gibt. Den Boden bedecken Ananas, Hemimeris, Polygala und
Melastomen. Eine kletternde Grasart(46) schwebt in leichten Gewinden
zwischen Bäumen, deren Hierseyn bekundet, wie kühl das Klima in diesen
Bergen ist. Dahin gehören die _Aralia capitata_, die _Vismia caparosa_ die
_Clethra fagifolia_. Mitten unter diesen, der schönen Region der Baumfarn
(_region de los helechos_) eigenthümlichen Gewächsen erheben sich in den
Lichtungen hie und da Palmbäume und Gruppen von *Guarumo* oder Cecropia
mit silberfarbigen Blättern, deren dünner Stamm am Gipfel schwarz ist, wie
verbrannt vom Sauerstoff der Luft. Es ist auffallend, daß ein so schöner
Baum vom Habitus der Theophrasta und der Palmen meist nur acht bis zehn
Kronblätter hat. Die Ameisen, die im Stamm des Guarumo hausen und das
Zellgewebe im Innern zerstören, scheinen das Wachsthum des Baums zu
hemmen. Wir hatten in diesen kühlen Bergen von Higuerote schon einmal
botanisirt, im December, als wir den Generalcapitän Guevara auf dem
Ausflug begleiteten, den er mit dem Intendanten der Provinz in die *Valles
de Aragua* machte. Damals entdeckte Bonpland im dicksten Wald ein paar
Stämme des *Aguatire*, dessen wegen seiner schönen Farbe berühmtes Holz
einmal ein Ausfuhrartikel nach Europa werden kann. Es ist die von
Bredemayer und Willdenow beschriebene _Sickingia erythroxylon_.
Vom bewaldeten Berge Higuerote kommt man gegen Südwest zum kleinen Dorfe
San Pedro herunter (Höhe 584 Toisen), das in einem Becken liegt, wo
mehrere kleine Thäler zusammenstoßen, und fast 300 Toisen tiefer als die
Ebene von Buonavista. Man baute hier neben einander Bananen, Kartoffeln
und Kaffee. Das Dorf ist sehr klein und die Kirche noch nicht ausgebaut.
Wir trafen in einer Schenke (_pulperia_) mehrere bei der Tabakspacht
angestellte Hispano-Europäer. Ihre Stimmung war von der unsrigen sehr
verschieden. Vom Marsche ermüdet, brachen sie in Klagen und Verwünschungen
aus über das unselige Land (_estas tierras infelices_), in dem sie leben
müßten. Wir dagegen konnten die wilde Schönheit der Gegend, die
Fruchtbarkeit des Bodens, das angenehme Klima nicht genug rühmen.
Das Thal von San Pedro mit dem Flüßchen dieses Namens trennt zwei große
Bergmassen, die des Higuerote und die von las Cocuyzas. Es ging nun gegen
West wieder aufwärts über die kleinen Höfe las Lagunetas und Garavatos. Es
sind dieß nur einzelne Häuser, die als Herbergen dienen; die
Maulthiertreiber finden hier ihr Lieblingsgetränk, *Guarapo*, gegohrenen
Zuckerrohrsaft. Besonders die Indianer, die auf dieser Straße hin und her
ziehen, sind dem Trunke sehr ergeben. Bei Garavatos steht ein sonderbar
gestalteter Glimmerschieferfels, ein Kamm oder eine steile Wand, auf der
oben ein Thurm steht. Ganz oben auf dem Berge las Cocuyzas öffneten wir
den Barometer und fanden, daß wir hier in derselben Höhe waren wie auf
Buonaviste, kaum 10 Toisen höher.
Die Aussicht auf las Lagunetas ist sehr weit, aber ziemlich einförmig.
Dieser gebirgige, unbebaute Landstrich zwischen den Quellen des Guayre und
des Tuy ist über 25 Quadratmeilen groß. Es gibt darin sein einziges
elendes Dorf, los Teques, südöstlich von San Pedro. Der Boden ist wie
durchfurcht von unzähligen kleinen Thälern, und die kleinsten, neben
einander herlaufenden münden unter rechtem Winkel in die größeren aus. Die
Berggipfel sind eben so einförmig wie die Thalschluchten; nirgends eine
pyramidalische Bildung oder eine Auszackung, nirgends ein steiler Abhang.
Nach meiner Ansicht rührt das fast durchgängig flache, wellenförmige
Relief dieses Landstrichs nicht sowohl von der Beschaffenheit der
Gebirgsart her, etwa von der Zersetzung des Gneißes, als vielmehr davon,
daß das Wasser lange darüber gestanden und die Strömungen ihre Wirkungen
geäußert haben. Die Kalkberge von Cumana, nördlich vom Turimiquiri, zeigen
dieselbe Bildung.
Von las Lagunetas ging es in das Thal des Tuy hinunter. Dieser westliche
Abhang der Berggruppe los Teques heißt las Cocuyzas; er ist mit zwei
Pflanzen mit Agaveblättern, mit dem *Maguey de Cocuyza* und dem *Maguey de
Cocuy* bewachsen. Letzterer gehört zur Gattung Yucca (unsere _Yucca
acaulis_); aus dem gegohrenen, mit Zucker versetzten Saft wird Branntwein
gebrannt, auch habe ich die jungen Blätter essen sehen. Aus den Fasern der
ausgewachsenen Blätter werden ungemein feste Stricke verfertigt.(47) Hat
man die Berge Higuerote und los Teques hinter sich, so betritt man ein
reich bebautes Land, bedeckt mit Weilern und Dörfern, unter denen welche
sind, die in Europa Städte hießen. Von Ost nach West, auf einer Strecke
von 12 Meilen, kommt man durch Victoria, San Matheo, Turmero, und Maracay,
die zusammen über 28,000 Einwohner haben. Die Ebenen am Tuy sind als der
östliche Ausläufer der Thäler von Aragua zu betrachten, die sich von
Guigue, am Ufer des Sees von Valencia, bis an den Fuß der Berge las
Cocuyzas erstrecken. Durch barometrische Messung fand ich das Tuythal beim
Hofe Manterola 295 Toisen und den Spiegel des Sees 222 Toisen über dem
Meer. Der Tuy, der in den Bergen las Cocuyzas entspringt, läuft Anfangs
gegen West, wendet sich dann nach Süd und Ost längs der hohen Savanen von
Ocumare, nimmt die Gewässer des Thals von Caracas auf und fällt unter dem
Winde des Cap Codera ins Meer.
Wir waren schon lange an eine mäßige Temperatur gewöhnt, und so kamen uns
die Ebenen am Tuy sehr heiß vor, und doch stand der Thermometer bei Tag
zwischen elf Uhr Morgens und fünf Uhr Abends nur auf 23--24°. Die Nächte
waren köstlich kühl, da die Lufttemperatur bis auf 17°,5′ [14° Reaumur]
sank. Je mehr die Hitze abnahm, desto stärker schienen die Wohlgerüche der
Blumen die Luft zu erfüllen. Aus allen heraus erkannten wir den köstlichen
Geruch des _Lirio hermoso_ einer neuen Art von _Pancratium_ deren Blüthe
8--9 Zoll lang ist und die am Ufer des Tuy wächst. Wir verlebten zwei
höchst angenehme Tage auf der Pflanzung Don Joses de Manterola, der in der
Jugend Mitglied der spanischen Gesandtschaft in Rußland gewesen war. Als
Zögling und Günstling Xavedras, eines der einsichtsvollsten Intendanten
von Caracas, wollte er sich, als der berühmte Staatsmann ins Ministerium
getreten war, nach Europa einschiffen. Der Gouverneur der Provinz
fürchtete Manterolas Einfluß und ließ ihn im Hafen verhaften, und als der
Befehl von Hof anlangte, der die eigenmächtige Verhaftung aufhob, war der
Minister bereits nicht mehr in Gunst. Es hält schwer, auf 1500 Meilen, von
der südamerikanischen Küste, rechtzeitig einzutreffen, um von der Macht
eines hochgestellten Mannes Nutzen zu ziehen.
Der Hof, auf dem wir wohnten, ist eine hübsche Zuckerplantage. Der Boden
ist eben wie der Grund eines ausgetrockneten Sees. Der Tuy schlängelt sich
durch Gründe, die mit Bananen und einem kleinen Gehölz von _Hura
crepitans_, _Erythrina corallo-dendron_ und Feigenbäumen mit
Nymphäenblättern bewachsen sind. Das Flußbett besteht aus Quarzgeschieben,
und ich wüßte nicht, wo man angenehmer badete als im Tuy: das
crystallhelle Wasser behält selbst bei Tag die Temperatur von 18°,6. Das
ist sehr kühl für dieses Klima und für eine Meereshöhe von 300 Toisen,
aber der Fluß entspringt in den benachbarten Bergen. Die Wohnung des
Eigenthümers liegt auf einem 15--20 Toisen hohen Hügel und ringsum stehen
die Hütten der Neger. Die Verheiratheten sorgen selbst für ihren
Unterhalt. Wie überall in den Thälern von Aragua weist man ihnen ein
kleines Grundstück an, das sie bebauen. Sie verwenden dazu die einzigen
freien Tage in der Woche, Sonnabend und Sonntag. Sie halten Hühner,
zuweilen sogar ein Schwein. Der Herr rühmt, wie gut sie es haben, wie im
nördlichen Europa die gnädigen Herren den Wohlstand der leibeigenen Bauern
rühmen. Am Tage unserer Ankunft sahen wir drei entsprungene Neger
einbringen, vor Kurzem gekaufte Sklaven. Ich fürchtete Zeuge einer der
Prügelscenen sein zu müssen, die einem überall, wo die Sklaverei herrscht,
das Landleben verbittern; glücklicherweise wurden die Schwarzen menschlich
behandelt.
Auf dieser Pflanzung, wie überall in der Provinz Venezuela, unterscheidet
man schon von Weitem die drei Arten Zuckerrohr, die gebaut werden, das
creolische Rohr, das otaheitische und das batavische. Die erstere Art hat
ein dunkleres Blatt, einen dünneren Stengel und die Knoten stehen näher
bei einander; es ist dieß das Zuckerrohr, das aus Indien zuerst auf
Sicilien, auf den Canarien und auf den Antillen eingeführt wurde. Die
zweite Art zeichnet sich durch ein helleres Grün aus; der Stengel ist
höher, dicker, saftreicher; die ganze Pflanze verräth üppigeres Wachsthum.
Man verdankt sie den Reisen Bougainvilles, Cooks und Blighs. Bougainville
brachte sie nach Cayenne, von wo sie nach Martinique, und vom Jahr 1792 an
auf die andern Antillen kam. Das otaheitische Zuckerrohr, der *To* der
Insulaner, ist eine der wichtigsten Bereicherungen, welche die
Landwirthschaft in den Colonien seit einem Jahrhundert reisenden
Naturforschern verdankt. Es gibt nicht nur auf demselben Areal ein
Dritttheil mehr *Vezou* als das creolische Zuckerrohr; sein dicker Stengel
und seine feste Holzfaser liefern auch ungleich mehr Brennstoff. Letzteres
ist für die Antillen von großem Werth, da die Pflanzer dort wegen der
Ausrodung der Wälder schon lange die Kessel mit ausgepreßtem Rohr heizen
müssen. Ohne dieses neue Gewächs, ohne die Fortschritte des Ackerbaus auf
dem Festland des spanischen Amerika und die Einführung des indischen und
Javazuckers, hätten die Revolutionen auf St. Domingo und die Zerstörung
der dortigen großen Zuckerpflanzungen einen noch weit bedeutenderen
Einfluß auf die Preise der Colonialwaaren in Europa geäußert. Nach Caracas
kam das otaheitische Rohr von der Insel Trinidad, von Caracas nach Cucuta
und San Gil im Königreich Neu-Grenada. Gegenwärtig, nach
fünfundzwanzigjährigem Anbau, ist die Besorgniß verschwunden, die man
Anfangs gehegt, das nach Amerika verpflanzte Rohr möchte allmählig
ausarten und so dünn werden wie das creolische. Wenn es eine Spielart ist,
so ist es eine sehr constante. Die dritte Art, das violette Zuckerrohr,
_Caña de batavia_ oder _de Guinea_ genannt, ist bestimmt auf Java zu
Hause, wo man es vorzugsweise in den Distrikten Japara und Pasuruan baut.
Es hat purpurfarbige, sehr breite Blätter; in der Provinz Caracas
verwendet man es vorzugsweise zum Rumbrennen. Zwischen den *Tablones* oder
mit Zuckerrohr bepflanzten Grundstücken laufen Hecken aus einer gewaltig
großen Grasart, der *Latta* oder dem Gynerium mit zweizeiligen Blättern.
Man war im Tuy daran, ein Wehr auszubauen, durch das ein Wässerungskanal
gespeist werden sollte. Der Eigenthümer hatte für das Unternehmen 7000
Piaster an Baukosten und 4000 für die Processe mit seinen Nachbarn
ausgegeben. Während die Sachwalter sich über einen Kanal stritten, der
erst zur Hälfte fertig war, fing Manterola an zu bezweifeln, ob die Sache
überhaupt ausführbar seh. Ich vermaß das Terrain mittelst eines
Probirglases auf einem künstlichen Horizont und fand, daß das Wehr acht
Fuß zu tief angelegt war. Wie viel Geld habe ich in den spanischen
Colonien für Bauten hinauswerfen sehen, die nach falschen Messungen
angelegt waren!
Das Tuythal hat sein »Goldbergwerk«, wie fast jeder von Europäern
bewohnte, im Urgebirg liegende Ort in Amerika. Man versicherte, im Jahr
1780 habe man hier fremde Goldwäscher Goldkörner sammeln sehen, und die
Leute haben sofort in der Goldschlucht eine Wäscherei angelegt. Der
Verwalter einer benachbarten Pflanzung hatte diese Spuren verfolgt, und
siehe, man fand in seinem Nachlaß ein Wamms mit goldenen Knöpfen, und nach
der Volkslogik konnte dieses Gold nur aus einem Erzgang kommen, wo die
Schürfung durch einen Erdfall verschüttet worden war. So bestimmt ich auch
erklärte, nach dem bloßen Aussehen des Bodens, ohne einen tiefen Stollen
in der Richtung des Ganges, könne ich nicht wissen, ob hier einmal gebaut
worden sey -- es half nichts, ich mußte den Bitten meiner Wirthe
nachgeben. Seit zwanzig Jahren war das Wamms des Verwalters im ganzen
Bezirk tagtäglich besprochen worden. Das Gold, das man aus dem Schooße der
Erde gräbt, hat in den Augen des Volks einen ganz andern Reiz, als das
Gold, das der Fleiß des Landmanns auf einem fruchtbaren, mit einem milden
Klima gesegneten Boden erntet.
Nordwestlich von der Hacienda del Tuy, im nördlichen Zuge der
Küstengebirgskette, befindet sich eine tiefe Schlucht, _Quebrada Seca_
genannt, weil der Bach, dem sie ihre Entstehung verdankt, in den
Felsspalten versickert, ehe er das Ende der Schlucht erreicht. Dieses
ganze Bergland ist dicht bewachsen; hier, wie überall, wo die Höhen in die
Wolkenregion reichen und die Wasserdünste auf ihrem Zug von der See her
freien Zutritt haben, fanden wir das herrliche frische Grün, das uns in
den Bergen von Buenavista und Lagunetas so wohl gethan hatte. In den
Ebenen dagegen werfen, wie schon oben bemerkt, die Bäume im Winter ihre
Blätter zum Theil ab, und sobald man in das Thal des Tuy hinabkommt, fällt
einem das fast winterliche Aussehen der Landschaft auf. Die Luft ist so
trocken, daß der Delucsche Hygrometer Tag und Nacht auf 36--40° steht.
Weit ab vom Fluß sieht man kaum hie und da eine Hura oder ein baumartiges
Pfeffergewächs das entblätterte Buschwerk beschatten. Diese Erscheinung
ist wohl eine Folge der Trockenheit der Luft, die im Februar ihr Maximum
erreicht; sie rührt nicht, wie die Colonisten meinen, daher, daß »die
Jahreszeiten, wie sie in Spanien sind, bis in den heißen Erdstrich herüber
wirken.« Nur die auf einer Halbkugel in die andere versetzten Gewächse
bleiben hinsichtlich ihrer Lebensverrichtungen, der Blätter- und
Blüthenentwicklung an einen fernen Himmelsstrich gebunden und richten
sich, treu dem gewohnten Lebensgang, noch lange an die periodischen
Witterungswechsel desselben. In der Provinz Venezuela fangen die kahlen
Bäume fast einen Monat vor der Regenzeit wieder an frisches Laub zu
treiben. Wahrscheinlich ist um diese Zeit das elektrische Gleichgewicht in
der Luft bereits aufgehoben, und dieselbe wird allmählich feuchter, wenn
sie auch noch wolkenlos ist. Das Himmelsblau wird blässer und hoch oben in
der Luft sammeln sich leichte, gleichförmig verbreitete Dünste. In diese
Jahreszeit fällt hier eigentlich das Erwachen der Natur; es ist ein
Frühling, der, nach dem Sprachgebrauch in den spanischen Colonien,(48)
Winters Anfang verkündigt und auf die Sommerhitze folgt.
In der _Quebrada Seca_ wurde früher Indigo gebaut; da aber der
dichtbewachsene Boden nicht so viel Wärme abgeben kann, als die
Niederungen oder der Thalgrund des Tuy empfangen und durch Strahlung
wieder von sich geben, so baut man jetzt statt desselben Kaffee. Je weiter
man in der Schlucht hinauf kommt, desto feuchter wird sie. Beim *Hato*, am
nördlichen Ende der Quebrada, kamen wir an einen Bach, der über die
fallenden Gneißschichten niederstürzt; man arbeitete hier an einer
Wasserleitung, die das Wasser in die Ebene führen sollte; ohne Bewässerung
ist in diesem Landstrich kein Fortschritt in der Landwirthschaft möglich.
Ein ungeheuer dicker Baum (_Hura crepitans_) am Bergabhang, über dem Hause
des Hato, fiel uns auf. Da er, wenn der Boden im geringsten wich, hätte
umfallen und das Haus, das in seinem Schatten lag, zertrümmern müssen, so
hatte man ihn unten am Stamm abgebrannt und so gefällt, daß er zwischen
ungeheure Feigenbäume zu liegen kam und nicht in die Schlucht hinunter
rollen konnte. Wir maßen den gefüllten Baum: der Wipfel war abgebrannt,
und doch maß der Stamm noch 154 Fuß; er hatte an der Wurzel 8 Fuß
Durchmesser und am obern Ende 4 Fuß 2 Zoll.
Unsern Führern war weit weniger als uns daran gelegen, wie dick die Bäume
sind, und sie trieben uns vorwärts, dem »Goldbergwerk« zu. Wir wandten uns
nach West und standen endlich in der _Quebrada del Oro_. Da war nun am
Abhang eines Hügels kaum die Spur eines Quarzgangs zu bemerken. Durch den
Regen war der Boden herabgerutscht, das Terrain war dadurch ganz
verändert, und von einer Untersuchung konnte keine Rede seyn. Bereits
wuchsen große Bäume auf dem Fleck, wo die Goldwäscher vor zwanzig Jahren
gearbeitet hatten. Es ist allerdings wahrscheinlich, daß sich hier im
Glimmerschiefer, wie bei Goldcronach in Franken und im Salzburgischen,
goldhaltige Gänge finden; aber wie will man wissen, ob die Lagerstätte
bauwürdig ist, oder ob das Erz nur in Nestern vorkommt, und zwar desto
seltener, je reicher es ist? Um uns für unsere Anstrengung zu
entschädigen, botanisirten wir lange im dichten Wald über dem Hato, wo
Cedrela, Brownea und Feigenbäume mit Nymphäenblättern in Menge wachsen.
Die Stämme der letzteren sind mit sehr stark riechenden Vanillepflanzen
bedeckt, die meist erst im April blühen. Auch hier fielen uns wieder die
Holzauswüchse auf, die in der Gestalt von Gräten oder Rippen den Stamm der
amerikanischen Feigenbäume bis zwanzig Fuß über dem Boden so ungemein dick
machen. Ich habe Bäume gesehen, die über der Wurzel 22½ Fuß Durchmesser
hatten. Diese Holzgräten trennen sich zuweilen acht Schuh über dem Boden
vom Stamm und verwandeln sich in walzenförmige, zwei Schuh dicke Wurzeln,
und da sieht es aus, als würde der Baum von Strebepfeilern gestützt.
Dieses Gerüstwerk dringt indessen nicht weit in den Boden ein. Die
Seitenwurzeln schlängeln sich am Boden hin, und wenn man zwanzig Fuß vom
Stamm sie mit einem Beil abhaut, sieht man den Milchsaft des Feigenbaums
hervorquellen und sofort, da er der Lebensthätigkeit der Organe entzogen
ist, sich zersetzen und gerinnen. Welch wundervolle Verflechtung von
Zellen und Gefäßen in diesen vegetabilischen Massen, in diesen
Riesenbäumen der heißen Zone, die vielleicht tausend Jahre lang in einem
fort Nahrungssaft bereiten, der bis zu 180 Fuß hoch aufsteigt und wieder
zum Boden rückfließt, und wo hinter einer rauhen, harten Rinde, unter
dicken Schichten lebloser Holzfasern sich alle Regungen organischen Lebens
bergen!
Ich benützte die hellen Nächte, um auf der Pflanzung am Tuy zwei Auftritte
des ersten und dritten Jupitetstrabanten zu beobachten. Diese zwei
Beobachtungen ergaben nach den Tafeln von Delambre 4h 39′ 14″ Länge; nach
dem Chronometer fand ich 4h 39′ 10″. Dieß waren die letzten Bedeckungen,
die ich bis zu meiner Rückkehr vom Orinoco beobachtet; mittelst derselben
wurde das östliche Ende der Thäler von Aragua und der Fuß der Berge las
Cocuyzas ziemlich genau bestimmt. Nach Meridianhöhen von Canopus fand ich
die Breite der Hacienda de Manterola am 9. Februar 10° 16′ 55″, am
10. Februar 10° 16′ 34″. Trotz der großen Trockenheit der Luft flimmerten
die Sterne bis zu 80 Grad Höhe, was unter dieser Zone sehr selten vorkommt
und jetzt vielleicht das Ende der schönen Jahreszeit verkündete. Die
Inclination der Magnetnadel war 41° 60′, und 228 Schwingungen in 10
Minuten Zeit gaben die Intensität der magnetischen Kraft an. Die
Abweichung der Nadel war 4° 30′ gegen Nordost.
Während meines Aufenthalts in den Thälern des Tuy und von Aragua zeigte
sich das Zodiacallicht fast jede Nacht in ungemeinem Glanze. Ich hatte es
unter den Tropen zum erstenmal in Caracas am 18. Januar um 7 Uhr Abends
gesehen. Die Spitze der Pyramide stand 53 Grad hoch. Der Schein verschwand
fast ganz um 9 Uhr 35 Minuten (wahre Zeit), beinahe 3 Stunden 50 Minuten
nach Sonnenuntergang, ohne daß der klare Himmel sich getrübt hätte. Schon
La Caille war auf seiner Reise nach Rio Janeiro und dem Cap aufgefallen,
wie schön sich das Zodiacallicht unter den Tropen ausnimmt, nicht sowohl
weil es weniger geneigt ist, als wegen der großen Reinheit der Luft. Man
müßte es auch auffallend finden, daß nicht lange vor Childrey und Dominic
Cassini die Seefahrer, welche die Meere beider Indien besuchten, die
gelehrte Welt Europas auf diesen Lichtschimmer von so bestimmter Form und
Bewegung aufmerksam gemacht haben, wenn man nicht wüßte, wie wenig sie bis
zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich um Alles kümmerten, was nicht
unmittelbar auf den Lauf des Schiffes und auf die Steuerung Bezug hatte.
So glänzend das Zodiacallicht im trockenen Tuythale war, so sah ich es
doch noch weit schöner auf dem Rücken der Cordilleren von Mexico, am Ufer
des Sees von Tezcuco, in 1160 Toisen Meereshöhe. Auf dieser Hochebene geht
der Delucsche Hygrometer auf 150 zurück, und bei einem Luftdruck von 21
Zoll 8 Linien ist die Schwächung des Lichts 1/1006 mal geringer als auf
den Niederungen. Im Januar 1804 reichte die Helle zuweilen mehr als 60
Grad über den Horizont herauf. Die Milchstraße erschien blaß neben dem
Glanz des Zodiacallichts, und wenn blaulichte zerstreute Wölkchen gegen
West am Himmel schwebten, meinte man, der Mond sey am Aufgehen.
Ich muß hier einer sehr auffallenden Beobachtung gedenken, die sich in
meinem an Ort und Stelle geführten Tagebuch mehrmals verzeichnet findet.
Am 18. Januar und am 15. Februar 1800 zeigte sich das Zodiacallicht nach
je zwei Minuten sehr merkbar jetzt schwächer, jetzt wieder stärker. Bald
war es sehr schwach, bald heller als der Glanz der Milchstraße im
Schützen. Der Wechsel erfolgte in der ganzen Pyramide, besonders aber im
Innern, weit von den Rändern. Während dieser Schwankungen des
Zodiacallichts zeigte der Hygrometer große Trockenheit an. Die Sterne
vierter und fünfter Größe erschienen dem bloßen Auge fortwährend in
derselben Lichtstärke. Nirgends war ein Wolkenstreif am Himmel zu sehen,
und nichts schien irgendwie die Reinheit der Luft zu beeinträchtigen. In
andern Jahren, in der südlichen Halbkugel, sah ich das Licht eine halbe
Stunde, ehe es verschwand, stärker werden. Nach Dominic Cassini sollte
»das Zodiacallicht in manchen Jahren schwächer und dann wieder so stark
werden wie Anfangs.« Er glaubte, dieser allmähliche Lichtwechsel »hänge
mit denselben Emanationen zusammen, in deren Folge auf der Sonnenscheibe
periodisch Flecken und Fackeln erscheinen;« aber der ausgezeichnete
Beobachter erwähnt nichts von einem solchen raschen, innerhalb weniger
Minuten erfolgenden Wechsel in der Stärke des Zodiacallichtes, wie ich
denselben unter den Tropen öfters gesehen. Meiran behauptet, in Frankreich
sehe man in den Monaten Februar und März ziemlich oft mit dem
Zodiacalschein eine Art Nordlicht sich mischen, das er das *unbestimmte*
nennt, und dessen Lichtnebel sich entweder um den ganzen Horizont
verbreitet oder gegen Westen erscheint. Ich bezweifle, daß in den von mir
beobachteten Fällen diese beiderlei Lichtscheine sich gemengt haben. Der
Wechsel in der Lichtstärke erfolgte in bedeutenden Höhen, das Licht war
weiß, nicht farbig, ruhig, nicht zitternd. Zudem sind Nordlichter unter
den Tropen so selten sichtbar, daß ich in fünf Jahren, so oft ich auch im
Freien lag und das Himmelsgewölbe anhaltend und sehr aufmerksam
betrachtete, nie eine Spur davon bemerken konnte.
Ueberblicke ich, was ich in Bezug auf die Zu- und Abnahme des
Zodiacallichts in meinen Notizen verzeichnet habe, so möchte ich glauben,
daß diese Veränderungen doch nicht alle scheinbar sind, noch von gewissen
Vorgängen in der Atmosphäre abhängen. Zuweilen, in ganz heitern Nächten,
suchte ich das Zodiacallicht vergebens, während es Tags zuvor sich im
größten Glanze gezeigt hatte.(49) Soll man annehmen, daß Emanationen, die
das weiße Licht reflectiren, und die mit dem Schweif der Cometen
Aehnlichkeit zu haben scheinen, zu gewissen Zeiten schwächer sind? Die
Untersuchungen über den Zodiacalschein bekommen noch mehr Interesse, seit
die Mathematiker uns bewiesen haben, daß uns die wahre Ursache der
Erscheinung unbekannt ist. Der berühmte Verfasser der _mecanique céleste_
hat dargethan, daß die Sonnenatmosphäre nicht einmal bis zur Merkursbahn
reichen kann, und daß sie in keinem Fall in der Linsenform erscheinen
könnte, die das Zodiacallicht nach der Beobachtung haben muß. Es lassen
sich zudem über das Wesen dieses Lichtes dieselben Zweifel erheben, wie
über das der Cometenschweife. Ist es wirklich reflectirtes, oder ist es
direktes Licht? Hoffentlich werden reisende Naturforscher, welche unter
die Tropen kommen, sich mit Polarisationsapparaten versehen, um diesen
wichtigen Punkt zu erledigen.
Am 11. Februar mit Sonnenaufgang brachen wir von der Pflanzung Manterola
auf. Der Weg führt an den lachenden Ufern des Tuy hin, der Morgen war kühl
und feucht, und die Luft durchwürzt vom köstlichen Geruch des _Pancratium
undulatum_ und anderer großer Liliengewächse. Man kommt durch das hübsche
Dorf Mamon oder *Consejo*, das in der Provinz wegen eines wunderthätigen
Muttergottesbildes berühmt ist. Kurz vor Mamon machten wir auf einem Hofe
der Familie Monteras Halt. Eine über hundert Jahre alte Negerin saß vor
einer kleinen Hütte aus Rohr und Erde. Man kannte ihr Alter, weil sie eine
Creolin-Sklavin war. Sie schien noch bei ganz. guter Gesundheit. »Ich
halte sie an der Sonne (_la tingo al sol_)«, sagte ihr Enkel; »die Wärme
erhält sie am Leben.« Das Mittel kam uns sehr stark vor, denn die
Sonnenstrahlen fielen fast senkrecht nieder. Die Völker mit dunkler Haut,
die gut acclimatisirten Schwarzen und die Indianer erreichen in der heißen
Zone ein hohes, glückliches Alter. Ich habe anderswo von einem
eingeborenen Peruaner erzählt, der im Alter von 143 Jahren starb und 90
Jahre verheirathet gewesen war.
Don Francisco Montera und sein Bruder, ein junger, sehr gebildeter
Geistlicher, begleiteten uns, um uns in ihr Haus in Victoria zu bringen.
Fast alle Familien, mit denen wir in Caracas befreundet gewesen waren, die
Ustariz, die Tovars, die Toros, lebten beisammen in den schönen Thälern
von Aragua, wo sie die reichsten Pflanzungen besaßen, und sie
wetteiferten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Ehe wir in die Wälder
am Orinoco drangen, erfreuten wir uns noch einmal an Allem, was hohe
Cultur Schönes und Gutes bietet.
Der Weg von Mamon nach Victoria läuft nach Süd und Südwest. Den Tuy, der
am Fuß der hohen Berge von Guayraima eine Biegung nach Ost macht, verloren
wir bald aus dem Gesicht. Man meint im Haslithal im Berner Oberland zu
seyn. Die Kalktuffhügel sind nicht mehr als 140 Toisen hoch, fallen aber
senkrecht ab und springen wie Vorgebirge in die Ebene herein. Ihre Umrisse
deuten das alte Seegestade an. Das östliche Ende des Thals ist dürr und
nicht angebaut; man hat hier die wasserreichen Schluchten der benachbarten
Gebirge nicht benützt, aber in der Nähe der Stadt betritt man ein gut
bebautes Land. Ich sage Stadt, obgleich zu meiner Zeit Victoria nur für
ein Dorf (_pueblo_) galt.
Einen Ort mit 7000 Einwohnern, schönen Gebäuden, einer Kirche mit
dorischen Säulen und dem ganzen Treiben der Handelsindustrie kann man sich
nicht leicht als Dorf denken. Längst hatten die Einwohner von Victoria den
spanischen Hof um den Titel _Villa_ angegangen und um das Recht einen
Cabildo, einen Gemeinderath, wählen zu dürfen. Das spanische Ministerium
willfahrte dem Gesuch nicht, und doch hatte es bei der Expedition
Iturriagas und Solanos an den Orinoco, auf das dringende Gesuch der
Franciscaner, ein paar Haufen indianischer Hütten den vornehmen Titel
_Ciudad_ ertheilt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden sollte ihrem Wesen
nach eine der Hauptgrundlagen der Freiheit und Gleichheit der Bürger seyn;
aber in den spanischen Colonien ist sie in eine Gemeindearistokratie
ausgeartet. Die Leute, welche die unumschränkte Gewalt in Händen haben,
könnten so leicht den Einfluß von ein paar mächtigen Familien ihren
Zwecken dienstbar machen; statt dessen fürchten sie den sogenannten
Unabhängigkeitsgeist der kleinen Gemeinden. Lieber soll der Staatskörper
gelähmt und kraftlos bleiben, als daß sie Mittelpunkte der Regsamkeit
aufkommen ließen, die sich ihrem Einfluß entziehen, als daß sie der
lokalen Lebensthätigkeit, welche die ganze Masse beseelt, Vorschub
leisteten, nur weil diese Thätigkeit vielmehr vom Volk als von der
obersten Gewalt ausgeht. Zur Zeit Carls V. und Philipps II. wurde die
Municipalverfassung vom Hose klugerweise begünstigt. Mächtige Männer, die
bei der Eroberung eine Rolle gespielt, gründeten Städte und bildeten die
ersten *Cabildos* nach dem Muster der spanischen; zwischen den Angehörigen
des Mutterlandes und ihren Nachkommen in Amerika bestand damals
Rechtsgleichheit. Die Politik war eben nicht freisinnig, aber doch nicht
so argwöhnisch wie jetzt. Das vor kurzem eroberte und verheerte Festland
wurde als eine ferne Besitzung Spaniens angesehen. Der Begriff einer
Colonie im heutigen Sinn entwickelte sich erst mit dem modernen System der
Handelspolitik, und diese Politik sah zwar ganz wohl die wahren Quellen
des Nationalreichthums, wurde aber nichts desto weniger bald kleinlich,
mißtrauisch, ausschließend. Sie arbeitete auf die Zwietracht zwischen dem
Mutterlande und den Colonien hin; sie brachte unter den Weißen eine
Ungleichheit auf, von der die erste Gesetzgebung für Indien nichts gewußt
hatte. Allmählich wurde durch die Centralisirung der Gewalt der Einfluß
der Gemeinden herabgedrückt, und dieselben Cabildos, denen im 16. und
17. Jahrhundert das Recht zustand, nach dem Tode eines Statthalters das
Land provisorisch zu regieren, galten beim Madrider Hof für gefährliche
Hemmnisse der königlichen Gewalt; Hinfort erhielten die reichsten Dörfer
trotz der Zunahme ihrer Bevölkerung nur sehr schwer den Stadttitel und das
Recht der eigenen Verwaltung. Es ergibt sich hieraus, daß die neueren
Aenderungen in der Colonialpolitik keineswegs alle sehr philosophisch
sind. Man sieht solches sehr deutlich, wenn man in den _Leyes de Indias_
die Artikel von den Verhältnissen der nach Amerika übersiedelten Spanier,
von den Rechten der Gemeinden und der Einrichtung der Gemeinderäthe
nachliest.
Durch die Art des Anbaus ist der Anblick der Umgegend von Victoria ein
ganz eigenthümlicher. Der bebaute Boden liegt nur in 270--300 Toisen
Meereshöhe, und doch sieht man Getreidefelder unter den Zucker-, Kaffee-
und Bananenpflanzungen. Mit Ausnahme des Innern von Cuba werden sonst fast
nirgends im tropischen Theile der spanischen Colonien die europäischen
Getreidearten in einem so tief gelegenen Landstriche gebaut. In Mexico
wird nur zwischen 600 und 1200 Toisen absoluter Höhe der Weizenbau stark
betrieben, und nur selten geht er über 400 Toisen herab. Wir werden bald
sehen, daß, wenn man Lagen von verschiedener Höhe mit einander vergleicht,
der Ertrag des Getreides von den hohen Breiten zum Aequator mit der
mittleren Temperatur des Orts merkbar zunimmt. Ob man mit Erfolg Getreide
bauen kann, hängt ab vom Grade der Trockenheit der Luft, davon, ob der
Regen auf mehrere Jahreszeiten vertheilt ist oder nur in der Winterzeit
fällt, ob der Wind fortwährend aus Ost bläst oder von Norden her kalte
Luft in tiefe Breiten bringt (wie im Meerbusen von Mexico), ob Monate lang
Nebel die Kraft der Sonnenstrahlen vermindern, kurz von tausend örtlichen
Verhältnissen, die nicht sowohl die mittlere Temperatur des ganzen Jahrs
als die Vertheilung derselben Wärmemenge auf verschiedene Jahreszeiten
bedingen. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß das europäische
Getreide vom Aequator bis Lappland, unter dem 69. Breitegrad, in Ländern
mit einer mittleren Wärme von +22 bis -2 Grad, aller Orten gebaut wird, wo
die Sommertemperatur über 9--10 Grad beträgt. Man kennt das *Minimum* von
Wärme, wobei Weizen, Gerste- und Hafer noch reifen; über das *Maximum*,
das diese sonst so zähen Grasarten ertragen, ist man weniger im Reinen.
Wir wissen nicht einmal, welche Verhältnisse zusammenwirken, um unter den
Tropen den Getreidebau in sehr geringen Höhen möglich zu machen. Victoria
und das benachbarte Dorf San Matheo erzeugen 4000 Centner Weizen. Man säet
ihn im December und erntet ihn am siebzigsten bis fünfundsiebzigsten Tag.
Das Korn ist groß, weiß und sehr reich an Kleber; die Deckhaut ist dünner,
nicht so hart als beim Korn auf den sehr kalten mexicanischen Hochebenen.
Bei Victoria erträgt der Morgen in der Regel 3000--3200 Pfund Weizen,
also, wie in Buenos Ayres, zwei- bis dreimal mehr als in den nördlichen
Ländern. Man erntet etwa das sechzehnte Korn, während der Boden von
Frankreich, nach Lavoisiers Untersuchungen, im Durchschnitt nur das fünfte
bis sechste, oder 1000--1200 Pfund auf den Morgen trägt. Trotz dieser
Fruchtbarkeit des Bodens und des günstigen Klimas ist der Zuckerbau in den
Thälern von Aragua einträglicher als der Getreidebau.
Durch Victoria läuft der kleine Rio Calanchas, der sich nicht in den Tuy,
sondern in den Rio Aragua ergießt, woraus hervorgeht, daß dieses schöne
Land, wo Zuckerrohr und Weizen neben einander wachsen, bereits zum Becken
des Sees von Valencia gehört, zu einem System von Binnenflüssen, die mit
der See nicht in Verbindung stehen. Der Stadttheil westlich vom Rio
Calanchas heißt _la otra banda_ und ist der gewerbsamste. Ueberall sieht
man Waaren ausgestellt, und die Straßen bestehen aus Budenreihen, Zwei
Handelsstraßen laufen durch Victoria, die von Valencia oder Porto Cabello
und die von Villa de Cura oder den Ebenen her, _camino de los lanos_
genannt. Es sind im Verhältniß mehr Weiße hier als in Caracas. Wir
besuchten bei Sonnenuntergang den Calvarienberg, wo man eine weite, sehr
schöne Aussicht hat. Man sieht gegen West die lachenden Thäler von Aragua,
ein weites, mit Gärten, Bauland, Stücken Wald, Höfen und Weilern bedecktes
Gelände. Gegen Süd und Südost ziehen sich, so weit das Auge reicht, die
hohen Gebirge von Palma, Guayraima, Tiara und Guiripa hin, hinter denen
die ungeheuren Ebenen oder Steppen von Calabozo liegen. Diese innere
Bergkette streicht nach West längs des Sees von Valencia fort bis Villa de
Cura, Cuesta de Yusma und zu den gezackten Bergen von Guigue. Sie ist
steil und fortwährend in den leichten Dunst gehüllt, der in heißen Ländern
ferne Gegenstände stark blau färbt und die Umrisse keineswegs verwischt,
sondern sie nur stärker hervortreten läßt. In dieser innern Kette sollen
die Berge von Guayraima bis 1200 Toisen hoch seyn. In der Nacht des
11. Februar fand ich die Breite von Victoria 10° 13′ 35″, die Inclination
der Magnetnadel 40°,80, die Intensität der magnetischen Kraft gleich 236
Schwingungen in 10 Zeitminuten, und die Abweichung der Nadel 4°,40 nach
Nordost.
Wir zogen langsam weiter über die Dörfer San Matheo, Turmero und Maracay
auf die Hacienda de Cura, eine schöne Pflanzung des Grafen Tovar, wo wir
erst am 14. Februar Abends ankamen. Das Thal wird allmählig weiter; zu
beiden Seiten desselben stehen Hügel von Kalktuff, den man hier zu Lande
_tierra blanca_ nennt. Die Gelehrten im Lande haben verschiedene Versuche
gemacht, diese Erde zu brennen; sie verwechselten dieselbe mit
Porzellanerde, die sich aus Schichten verwitterten Feldspaths bildet. Wir
verweilten ein paar Stunden bei einer achtungswürdigen und gebildeten
Familie, den Ustariz in *Concesion*. Das Haus mit einer auserlesenen
Büchersammlung steht auf einer Anhöhe und ist mit Kaffe- und
Zuckerpflanzungen umgeben. Ein Gebüsch von Balsambäumen
(_balsamo_)[_Amyris elata_] gibt Kühlung und Schatten. Mit reger
Theilnahme sahen wir die vielen im Thale zerstreuten Häuser, die von
Freigelassenen bewohnt sind. Gesetze, Einrichtungen, Sitten begünstigen in
den spanischen Colonien die Freiheit der Neger ungleich mehr als bei den
übrigen europäischen Nationen.
San Matheo, Turmero und Maracay sind reizende Dörfer, wo Alles den größten
Wohlstand verräth. Man glaubt sich in den gewerbsamsten Theil von
Catalonien versetzt. Bei San Matheo sahen wir die letzten Weizenfelder und
die letzten Mühlen mit wagerechten Wasserrädern. Man rechnete bei der
bevorstehenden Ernte auf die zwanzigfache Aussaat, und als wäre dieß noch
ein mäßiger Ertrag, fragte man mich, ob man in Preußen und Polen mehr
ernte. Unter den Tropen ist der Irrthum ziemlich verbreitet, das Getreide
arte gegen den Aequator zu aus und die Ernten seyen im Norden reicher.
Seit man den Ertrag des Ackerbaus in verschiedenen Erdstrichen und die
Temperaturen, bei denen das Getreide gedeiht, berechnen kann, weiß man,
daß nirgends jenseits des 45. Breitegrads der Weizen so reiche Ernten gibt
als auf den Nordküsten von Afrika und auf den Hochebenen von Neu-Grenada,
Peru und Mexico. Vergleicht man, nicht die mittlere Temperatur des ganzen
Jahrs, sondern nur die mittleren Temperaturen der Jahreszeit, in welche
der »Vegetationscyclus« des Getreides fällt, so findet(50) man für drei
Sommermonate im nördlichen Europa 15--19 Grad, in der Berberei und in
Egypten 27--29, unter den Tropen, zwischen 1400 und 300 Toisen Höhe,
14--25 Grad.
Die herrlichen Ernten in Egypten und Algerien, in den Thälern von Aragua
und im Innern von Cuba beweisen zur Genüge, daß Zunahme der Wärme die
Ernte des Weizens und der andern nährenden Gräser nicht beeinträchtigt,
wenn nicht mit der hohen Temperatur übermäßige Trockenheit oder
Feuchtigkeit Hand in Hand geht. Letzterem Umstande sind ohne Zweifel die
scheinbaren Anomalien zuzuschreiben, die unter den Tropen hie und da an
der *untern Grenze des Getreides* vorkommen. Man wundert sich, daß
ostwärts von der Havana, im vielgenannten Bezirk der _Quatro Villas_,
diese Grenze fast bis zum Meeresspiegel herabgeht, während westlich von
der Havana, am Abhang der mexicanischen Gebirge, bei Xalapa, in 677 Toisen
Höhe, die Vegetation noch so üppig ist, daß der Weizen keine Aehren
ansetzt. In der ersten Zeit nach der Eroberung wurde das europäische
Getreide mit Erfolg an manchen Orten gebaut, die man jetzt für zu heiß
oder zu feucht dafür hält. Die eben erst nach Amerika versetzten Spanier
waren noch nicht so an den Mais gewöhnt, man hielt noch fester an den
europäischen Sitten, man berechnete nicht, ob der Weizen weniger eintragen
werde als Kaffee oder Baumwolle; man machte Versuche mit Sämereien aller
Art, man stellte keckere Fragen an die Natur, weil man weniger nach
falschen Theorien urtheilte. Die Provinz Carthagena, durch welche die
Gebirgsketten Maria und Guamoco laufen, baute bis ins sechzehnte
Jahrhundert Getreide. In der Provinz Caracas baut man es schon sehr lang
im Gebirgsland von Tocuyo, Quibor und Barquesimeto, das die
Küstenbergkette mit der _Sierra nevada_ von Merida verbindet. Der
Getreidebau hat sich dort sehr gut erhalten, und allein aus der Umgegend
der Stadt Tocuyo werden jährlich gegen 5000 Centner ausgezeichneten Mehls
ausgeführt. Obgleich aber auf dem weiten Gebiet der Provinz Caracas
mehrere Striche sich sehr gut zum Kornbau eignen, so glaube ich doch, daß
dieser Zweig der Landwirthschaft dort nie eine große Bedeutung erlangen
wird. Die gemäßigtsten Theile sind nicht breit genug; es sind keine
eigentlichen Hochebenen und ihre mittlere Meereshöhe ist nicht so
bedeutend, daß die Einwohner es nicht immer noch vortheilhafter fänden,
Kaffee statt Getreide zu bauen. Gegenwärtig bezieht Caracas sein Mehl
entweder aus Spanien oder aus den Vereinigten Staaten. Wenn einmal mit der
Herstellung der öffentlichen Ruhe auch für den Gewerbfleiß bessere Zeiten
kommen und von Santa Fe de Bogota bis zum Landungsplatz am Pachaquiaro
eine Straße gebaut wird, so werden die Einwohner von Venezuela ihr Mehl
aus Neu-Grenada aus dem Rio Meta und dem Orinoco beziehen.
Vier Meilen von San Matheo liegt das Dorf Turmero; Man kommt fortwährend
durch Zucker-, Indigo-, Baumwollen- und Kaffeepflanzungen. An der
regelmäßigen Bauart der Dörfer erkennt man, daß alle den Mönchen und den
Missionen den Ursprung verdanken. Die Straßen sind gerade, unter einander
parallel und schneiden sich unter rechten Winkeln; auf dem großen
viereckigten Platz in der Mitte steht die Kirche. Die Kirche von Turmero
ist ein kostbares, aber mit architektonischen Zierrathen überladenes
Gebäude. Seit die Missionäre den Pfarrern Platz gemacht, haben die Weißen
Manches von den Sitten der Indianer angenommen. Die letzteren verschwinden
nach und nach als besondere Race, das heißt sie werden in der Gesammtmasse
der Bevölkerung durch die Mestizen und die Zambos repräsentirt, deren
Anzahl fortwährend zunimmt. Indessen habe ich in den Thälern von Aragua
noch 4000 zinspflichtige Indianer angetroffen. In Turmero und Guacara sind
sie am zahlreichsten. Sie sind klein, aber nicht so untersetzt wie die
Chaymas; ihr Auge verräth mehr Leben und Verstand, was wohl weniger Folge
der Stammverschiedenheit als der höheren Civilisation ist. Sie arbeiten,
wie die freien Leute, im Taglohn; sie sind in der kurzen Zeit, in der sie
arbeiten, rührig und fleißig; was sie aber in zwei Monaten verdient,
verschwenden sie in einer Woche für geistige Getränke in den Schenken,
deren leider von Tag zu Tag mehr werden.
In Turmero sahen wir ein Ueberbleibsel der Landmiliz beisammen. Man sah es
den Leuten an, daß diese Thäler seit Jahrhunderten eines ununterbrochenen
Friedens genossen hatten. Der Generalcapitän wollte das Militärwesen
wieder in Schwung bringen und hatte große Uebungen angeordnet. Da hatte in
einem Scheingefecht das Bataillon von Turmero auf das von Victoria Feuer
gegeben. Unser Wirth, ein Milizlieutenant, wurde nicht müde, uns zu
schildern, wie gefährlich ein solches Manöver sey. »Rings um ihn seyen
Gewehre gewesen, die jeden Augenblick zerspringen konnten; er habe vier
Stunden in der Sonne stehen müssen, und seine Sklaven haben ihm nicht
einmal einen Sonnenschirm über den Kopf halten dürfen.« Wie rasch doch die
scheinbar friedfertigsten Völker sich an den Krieg gewöhnen! Ich lächelte
damals über eine Hasenfüßigkeit, die sich mit so naiver Offenherzigkeit
kundgab, und zwölf Jahre darauf wurden diese selben Thäler von Aragua, die
friedlichen Ebenen bei Victoria und Turmero, das Defilé von Cabrera und
die fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia der Schauplatz der blutigsten,
hartnäckigsten Gefechte zwischen den Eingeborenen und den Truppen des
Mutterlandes.
Südlich von Turmero springt ein Bergzug aus Kalkstein in die Ebene vor und
trennt zwei schöne Zuckerpflanzungen, die Guayavita und die Paja. Letztere
gehört der Familie des Grafen Tovar, der überall in der Provinz
Besitzungen hat. Bei der Guayavita hat man braunes Eisenerz entdeckt.
Nördlich von Turmero, in der Küstencordillere, erhebt sich ein
Granitgipfel, der *Chuao*, auf dem man zugleich das Meer und den See von
Valencia sieht. Ueber diesen Felskamm, der, soweit das Auge reicht, nach
West fortstreicht, gelangt man auf ziemlich beschwerlichen Wegen zu den
reichen Cacaopflanzungen auf dem Küstenstrich bei Choroni, Turiamo und
Ocumare, Orten, wohlbekannt wegen der Fruchtbarkeit ihres Bodens und wegen
ihrer Ungesundheit. Turmero, Maracay, Cura, Guacara, jeder Ort im
Araguathal hat seinen Bergpfad, der zu einem der kleinen Häfen an der
Küste führt.
Hinter dem Dorf Turmero, Maracay zu, bemerkt man auf eine Meile weit am
Horizont einen Gegenstand, der wie ein runder Hügel, wie ein grün
bewachsener Tumulus aussieht. Es ist aber weder ein Hügel, noch ein
Klumpen dicht beisammen stehender Bäume, sondern ein einziger Baum, der
berühmte _‘Zamang de Guayre’_ bekannt im ganzen Land wegen der ungeheuren
Ausbreitung seiner Aeste, die eine halbe kugelige Krone von 576 Fuß im
Umfang bilden. Der Zamang ist eine schöne Mimosenart, deren gewundene
Zweige sich gabelig theilen. Sein feines, zartes Laub hob sich angenehm
vom blauen Himmel ab. Wir blieben lange unter diesem vegetabilischen
Gewölbe. Der Stamm ist nur sechzig Fuß hoch und hat neun Fuß Durchmesser,
seine Schönheit besteht aber eigentlich in der Form der Krone. Die Aeste
breiten sich aus wie ein gewaltiger Sonnenschirm und neigen sich überall
dem Boden zu, von dem sie ringsum 12--15 Fuß abstehen. Der Umriß der Krone
ist so regelmäßig, daß ich verschiedene Durchmesser, die ich nahm, 192 und
186 Fuß lang fand. Die eine Seite des Baumes war in Folge der Trockenheit
ganz entblättert; an einer andern Stelle standen noch Blätter und Blüthen
neben einander. Tillandsien, Lorantheen, die Pitayapa und andere
Schmarotzergewächse bedecken die Zweige und durchbohren die Rinde
derselben. Die Bewohner dieser Thäler, besonders die Indianer, halten den
Baum in hohen Ehren, den schon die ersten Eroberer so ziemlich so gefunden
haben mögen, wie er jetzt vor uns steht; Seit man ihn genau beobachtet,
ist er weder dicker geworden, noch hat sich seine Gestalt sonst verändert.
Dieser Zamang muß zum wenigsten so alt seyn wie der Drachenbaum bei
Orotava. Der Anblick alter Bäume hat etwas Großartiges, Imponirendes; die
Beschädigung dieser Naturdenkmäler wird daher auch in Ländern, denen es an
Kunstdenkmälern fehlt, streng bestraft. Wir hörten mit Vergnügen, der
gegenwärtige Eigenthümer des Zamang habe einen Pächter, der es gewagt,
einen Zweig davon zu schneiden, gerichtlich verfolgt. Die Sache kam zur
Verhandlung und der Pächter wurde vom Gericht zur Strafe gezogen. Bei
Turmero und bei der Hacienda de Cura gibt es Zamangs, die einen dickeren
Stamm haben als der am Guayre, aber ihre halbkugelige Krone ist nicht so
groß.
Je näher man gegen Cura und Guacara am nördlichen Ufer des Sees kommt,
desto besser angebaut und volkreicher werden die Ebenen. Man zählt in den
Thälern von Aragua auf einem 13 Meilen langen und 2 Meilen breiten
Landstrich über 52,000 Einwohner. Dieß gibt auf die Quadratmeile 2000
Seelen, also beinahe so viel wie in den bevölkertsten Theilen Frankreichs.
Das Dorf oder vielmehr der Flecken Maracay war früher, als der Indigobau
in höchster Blüthe stand, der Hauptort für diesen Zweig der
Colonialindustrie. Im Jahr 1795 zählte man daselbst bei einer Bevölkerung
von 6000 Einwohnern 70 Kaufleute mit offenen Laden. Die Häuser sind alle
von Stein; in jedem Hof stehen Cocosbäume, deren Krone über die Gebäude
emporragt. Der allgemeine Wohlstand macht sich in Maracay noch
bemerklicher als in Turmero. Der hiesige *Anil* oder Indigo wurde im
Handel immer dem von Guatimala gleich, manchmal sogar höher geschätzt.
Seit 1772 schloß sich dieser Culturzweig dem Cacaobau an, und jener ist
wieder älter als der Baumwollen- und Kaffeebau. Die Colonisten warfen sich
auf jedes dieser vier Produkte der Reihe nach mit besonderer Vorliebe,
aber nur Cacao und Kaffee sind Artikel von Belang im Handelsverkehr mit
Europa geblieben. In den besten Zeiten konnte sich die hiesige
Indigofabrikation fast mit der mexicanischen messen: sie stieg in
Venezuela auf 40,000 Arrobas oder eine Million Pfund, im Werth von mehr
als 1,250,000 Piastern. Man bekommt einen Begriff von der
außerordentlichen Ertragsfähigkeit des Bodens in den spanischen Colonien,
wenn man einem sagt, daß der Indigo aus Caracas, der im Jahr 1794 einen
Werth von mehr als sechs Millionen Franken hatte, auf vier bis fünf
Quadratmeilen gebaut ist; In den Jahren 1789--95 kamen jährlich vier bis
fünftausend Freie aus den Llanos in die Thaler von Aragua, um beim Bau und
der Bereitung des Indigo zu helfen; sie arbeiteten zwei Monate im Taglohn.
Der Anil erschöpft den Boden, auf dem man ihn viele Jahre hinter einander
baut, mehr als jede andere Pflanze. In Maracay, Tapatapa und Turmero gilt
der Boden für ausgesogen; der Ertrag an Indigo hat auch fortwährend
abgenommen. Die Seekriege haben den Handel ins Stocken gebracht und durch
die starke Indigoeinfuhr aus Asien sind die Preise gesunken. Die
ostindische Compagnie verkauft jetzt in London über 5,500,000 Pfund
Indigo, während sie im Jahr 1786 auf ihren weiten Besitzungen nur 250,000
Pfund bezog. Je mehr der Indigobau in den Araguathälern abnahm, einen
desto größeren Aufschwung nahm er in der Provinz Barinas und auf den
heißen Ebenen von Cucuta, wo der bis da unberührte Boden am Rio Tachira
ein äußerst farbreiches Produkt in Menge liefert.
Wir kamen sehr spät nach Maracay. Die Personen, an die wir Empfehlungen
hatten, waren nicht zu Hause; kaum bemerkten die Leute unsere
Verlegenheit, so erbot man sich von allen Seiten, uns aufzunehmen, unsere
Instrumente unterzubringen, unsere Maulthiere zu versorgen. Es ist schon
tausendmal gesagt worden, aber der Reisende fühlt immer wieder das
Bedürfniß es zu wiederholen: die spanischen Colonien sind das wahre Land
der Gastfreundschaft, auch noch an Orten, wo Gewerbfleiß und Handel
Wohlstand und eine gewisse Bildung unter den Colonisten verbreitet haben.
Eine canarische Familie nahm uns mit der liebenswürdigsten Herzlichkeit
auf; man bereitete uns ein treffliches Mahl, man vermied sorgfältig alles,
was uns irgendwie einen Zwang auflegen konnte. Der Hausherr, Don Alexandro
Gonzales, war in Handelsgeschäften auf der Reise, und seine junge Frau
genoß seit Kurzem der Mutterfreude. Sie war außer sich vor Vergnügen, als
sie hörte, daß wir auf dem Rückweg vom Rio Negro an den Orinoco nach
Angostura kommen würden, wo sich ihr Mann befand. Von uns sollte er
erfahren, daß ihm sein Erstling geboren worden. In diesen Ländern gelten,
wie bei den Alten, wandernde Gäste für die sichersten Boten. Es gibt
Postreiter, aber diese machen so weite Umwege, daß Privatleute durch sie
selten Briefe in die Llanos oder Savanen im Innern gehen lassen. Als wir
aufbrachen, trug man uns das Kind zu. Wir hatten es am Abend im Schlaf
gesehen, am Morgen mußten wir es wachend sehen. Wir versprachen es dem
Vater Zug für Zug zu beschreiben; aber beim Anblick. unserer Bücher und
Instrumente wurde die junge Frau unruhig. Sie meinte, »auf einer langen
Reise und bei so vielen anderweitigen Geschäften könnten wir leicht
vergessen, was für Augen ihr Kind habe.« Wie liebenswürdig ist solche
Gastfreundschaft! wie köstlich der naive Ausdruck eines Vertrauens, das ja
auch ein Charakterzug früherer Menschenalter beim Morgenroth der Gesittung
ist!
Auf dem Wege von Maracay nach der Hacienda de Cura hat man zuweilen einen
Ausblick auf den See von Valencia. Von der Granitbergkette an der Küste
läuft ein Ast südwärts in die Ebene hinaus; es ist dieß das Vorgebirge
*Portachuelo*, durch welches das Thal beinahe ganz geschlossen würde, wenn
nicht ein schmaler Paß zwischen dem Vorgebirge und dem Felsen der Cabrera
hinliefe. Dieser Ort hat in den letzten Revolutionskriegen in Caracas eine
traurige Berühmtheit erhalten; alle Parteien stritten sich hitzig um
diesen Paß, weil der Weg nach Valencia und in die Llanos hier durchführt.
Die Cabrera ist jetzt eine Halbinsel; noch vor weniger als sechzig Jahren
war es ein Felseneiland im See, dessen Wasserspiegel fortwährend sinkt.
Wir brachten auf der Hacienda de Cura sieben Tage äußerst angenehm zu, und
zwar in einem kleinen Hause in einem Gebüsch, weil im Hause auf der
schönen Zuckerpflanzung die *Bubas* ausgebrochen waren, eine unter den
Sklaven in diesen Thälern häufig vorkommende Hautkrankheit.
Wir lebten wie die wohlhabenden Leute hier zu Lande, badeten zweimal,
schliefen dreimal und aßen dreimal in vier und zwanzig Stunden. Das Wasser
des Sees ist ziemlich warm, 24--25 Grad; aber es gibt noch ein anderes,
sehr kühles, köstliches Bad im Schatten von Ceibabäumen und großen
Zamangs, in der Toma, einem Bache, der aus den Granitbergen des *Rincon
del Diablo* kommt. Steigt man in dieses Bad, so hat man sich nicht vor
Insektenstichen zu fürchten, wohl aber vor den kleinen röthlichen Haaren
an den Schoten des _Dolichos pruriens_ die in der Luft schweben und einem
vom Winde zugeführt werden. Wenn diese Haare, die man bezeichnend
_picapica_ nennt, sich an den Körper hängen, so verursachen sie ein sehr
heftiges Jucken: man kühlt Stiche und sieht doch nicht, woher sie rühren.
Bei Cura sahen wir die sämmtliche Einwohnerschaft daran, den mit Mimosen,
Sterculia und _Coccoloba__ excoriata_ bewachsenen Boden umzubrechen, um
mehr Areal für den Baumwollenbau zu gewinnen. Dieser, der zum Theil an die
Stelle des Indigobaus getreten ist, gedeiht so gut, daß die
Baumwollenstaude am Ufer des Sees von Valencia wild wächst. Wir fanden
8--10 Fuß hohe Sträucher, mit Bignonien und andern holzigten
Schlingpflanzen durchwachsen. Indessen ist die Baumwollenausfuhr aus
Caracas noch unbedeutend; sie betrug in Guayra im Durchschnitt jährlich
kaum 3--400,000 Pfund; aber in allen Häfen der _Capitania general_ stieg
sie durch den starken Anbau in Cariaco, Nueva Barcelona und Maracaybo auf
mehr als 22,000 Centner. Es ist dieß fast die Hälfte dessen, was der ganze
Archipel der Antillen erzeugt. Die Baumwolle aus den Thälern von Aragua
ist von guter Qualität; sie steht nur der brasilischen nach, denn sie gilt
für besser als die von Carthagena, von Domingo und den kleinen Antillen.
Die Baumwollenpflanzungen liegen auf der einen Seite des Sees zwischen
Maracay und Valencia, auf der andern zwischen Guayca und Guigue. Die
großen Plantagen ertragen 60--70,000 Pfund jährlich. Bedenkt man, daß in
den Vereinigten Staaten, also außerhalb der Tropen, in einem
unbeständigen, dem Gedeihen der Pflanze nicht selten feindlichen Klima,
die Ausfuhr der einheimischen Baumwolle in achtzehn Jahren (1797--1815)
von 1,200,000 auf 83 Millionen Pfund gestiegen ist, so kann man sich nicht
leicht einen Begriff davon machen, in welch ungeheurem Maßstab dieser
Handelszweig sich entwickeln muß, wenn einmal in den vereinigten Provinzen
von Venezuela, in Neu-Grenada, in Mexico und an den Ufern des la Plata der
Gewerbfleiß nicht mehr in Fesseln geschlagen ist. Unter den gegenwärtigen
Verhältnissen erzeugen nach Brasilien die Küsten von holländisch Guyana,
der Meerbusen von Cariaco, die Thäler von Aragua und die Provinzen
Maracaybo und Carthagena am meisten Baumwolle in Südamerika.
Während unseres Aufenthalts in Cura machten wir viele Ausflüge auf die
Felseninseln im See von Valencia, zu den heißen Quellen von Mariara und
auf den hohen Granitberg *Cucurucho del Coco*. Ein schmaler, gefährlicher
Pfad führt an den Hafen Turiamo und zu den berühmten Cacaopflanzungen an
der Küste. Auf allen diesen Ausflügen sahen wir uns angenehm überrascht
nicht nur durch die Fortschritte des Landbaus, sondern auch durch das
Wachsthum einer freien Bevölkerung, die fleißig, an Arbeit gewöhnt und zu
arm ist, um Sklavenarbeit in Anspruch nehmen zu können. Ueberall hatten
kleine Landbauer, Weiße und Mulatten, zerstreute Höfe angelegt. Unser
Wirth, dessen Vater 40,000 Piaster Einkünfte hat, besaß mehr Land, als er
urbar machen konnte; er vertheilte es in den Thälern von Aragua unter arme
Leute, die Baumwolle bauen wollten. Sein Streben ging dahin, daß sich um
seine großen Pflanzungen freie Leute ansiedelten, die nach freiem Ermessen
bald für sich, bald auf den benachbarten Pflanzungen arbeiteten und in der
Ernte ihm als Tagelöhner dienten. Graf Tovar verfolgte eifrig das edle
Ziel, die Negersklaverei im Lande allmählig auszurotten, und er hegte die
doppelte Hoffnung, einmal den Grundbesitzern die Sklaven weniger nöthig zu
machen, und dann die Freigelassenen in Stand zu setzen, Pächter zu werden.
Bei seiner Abreise nach Europa hatte er einen Theil seiner Ländereien bei
Cura, westlich vom Felsen las Viruelas, in einzelne Grundstücke
zerschlagen und verpachtet. Als er vier Jahre darauf wieder nach Amerika
kam, fand er daselbst schöne Baumwollenpflanzungen und einen Weiler von 30
bis 40 Häusern, Punta Zamuro genannt, den wir oft mit ihm besucht haben.
Die Einwohner des Weilers sind fast durchaus Mulatten, Zambos und freie
Neger. Mehrere große Grundbesitzer haben nach diesem Vorgang mit gleichem
Erfolg Land verpachtet. Der Pachtschilling beträgt zehn Piaster auf die
Vanega und wird in Geld oder in Baumwolle entrichtet. Die kleinen Pächter
sind oft in Bedrängniß und geben ihre Baumwolle zu sehr geringem Preise
ab. Ja sie verkaufen sie vor der Ernte, und durch diese Vorschüsse reicher
Nachbarn geräth der Schuldner in eine Abhängigkeit, in Folge deren er
seine Dienste als Taglöhner öfter anbieten muß. Der Taglohn ist nicht so
hoch als in Frankreich. Man bezahlt in den Thälern von Aragua und in den
Llanos einem freien Tagelöhner vier bis fünf Piaster monatlich, neben der
Kost, die beim Ueberfluß an Fleisch und Gemüse sehr wenig ausmacht. Gerne
verbreite ich mich hier über den Landbau in den Colonien, weil solche
Angaben den Europäern darthun, was aufgeklärten Colonisten längst nicht
mehr zweifelhaft ist, daß das Festland des spanischen Amerika durch freie
Hände Zucker, Baumwolle und Indigo erzeugen kann, und daß die
unglücklichen Sklaven Bauern, Pächter und Grundbesitzer werden können.
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43 Thal des Cortes oder *Osterthal*, so genannt, weil Diego de Losada,
nachdem er die Teques-Indianer und ihren Caziken Guaycaypuro in den
Bergen von San Pedro geschlagen, im Jahr 1567 die Ostertage daselbst
zubrachte, ehe er in das Thal San Francisco drang, wo er die Stadt
Caracas gründete.