Erdbeben von Caracas. -- Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung
und den vulkanischen Ausbrüchen auf den Antillen.
Wir verließen Caracas am 7. Februar in der Abendkühle, um unsere Reise an
den Orinoco anzutreten. Die Erinnerung an diesen Abschied ist uns heute
schmerzlicher als vor einigen Jahren. Unsere Freunde haben in den blutigen
Bürgerkriegen, die jenen fernen Ländern die Freiheit jetzt brachten, jetzt
wieder entrissen, das Leben verloren. Das Haus, in dem wir wohnten, ist
nur noch ein Schutthaufen. Furchtbare Erdbeben haben die Bodenfläche
umgewandelt; die Stadt, die ich beschrieben habe, ist verschwunden. An
derselben Stelle, auf diesem zerklüfteten Boden, erhebt sich allmählich
eine neue Stadt. Die Trümmerhaufen, die Gräber einer zahlreichen
Bevölkerung dienen bereits wieder Menschen zur Wohnung.
Die großen Ereignisse, von denen ich hier spreche, und welche die
allgemeinste Theilnahme erregt haben, fallen lange nach meiner Rückkehr
nach Europa. Ueber die politischen Stürme, über die Veränderungen, welche
in den gesellschaftlichen Zuständen eingetreten, gehe ich hier weg. Die
neueren Völker sind bedacht für ihren Ruf bei der Nachwelt und verzeichnen
sorgfältig die Geschichte der menschlichen Umwälzungen, und damit die
Geschichte ungezügelter Leidenschaften und eingewurzelten Hasses. Mit den
Umwälzungen in der äußern Natur ist es anders; man kümmert sich wenig
darum, sie genau zu beschreiben, vollends nicht, wenn sie in die Zeiten
bürgerlicher Zwiste fallen. Die Erdbeben, die vulkanischen Ausbrüche
wirken gewaltig auf die Einbildungskraft wegen des Unheils, das nothwendig
ihre Folge ist. Die Ueberlieferung greift vorzugsweise nach allem
Gestaltlosen und Wunderbaren, und bei großen allgemeinen Unfällen, wie
beim Unglück des Einzelnen, scheut der Mensch das Licht, das ihm die
wahren Ursachen des Geschehenen zeigte und die begleitenden Umstände
erkennen ließe. Ich glaubte in diesem Werke niederlegen zu sollen, was ich
an zuverlässiger Kunde über die Erdstöße zusammengebracht, die am 26. Merz
1812 die Stadt Cararas zerstört und in der Provinz Venezuela fast in Einem
Augenblick über zwanzigtausend Menschen das Leben gekostet haben. Die
Verbindungen, die ich fortwährend mit Leuten aller Stände unterhalten,
setzten mich in Stand, die Berichte mehrerer Augenzeugen zu vergleichen
und Fragen über Punkte an sie zu richten, an deren Aufklärung der
Wissenschaft vorzugsweise gelegen ist. Als Geschichtschreiber der Natur
hat der Reisende die Zeit des Eintritts großer Catastrophen festzustellen,
ihren Zusammenhang und ihre gegenseitigen Verhältnisse zu untersuchen, und
im raschen Ablauf der Zeit, im ununterbrochenen Zuge sich drängender
Verwandlungen feste Punkte zu bezeichnen, mit denen einst andere
Catastrophen verglichen werden mögen. In der unermeßlichen Zeit, welche
die Geschichte der Natur umfaßt, rücken alle Zeitpunkte des Geschehenen
nahe zusammen; die verflossenen Jahre erscheinen wie Augenblicke, und wenn
die physische Beschreibung eines Landes von keinem allgemeinen und
überhaupt von keinem großen Interesse ist, so hat sie zum wenigsten den
Vortheil, daß sie nicht veraltet. Betrachtungen dieser Art haben LA
CONDAMINE bewogen, die denkwürdigen Ausbrüche des Vulkans Cotopaxi [Am 30.
November 1744. und 3. September 1750.], die lange nach seinem Abgange von
Quito stattgefunden, in seiner »_Reise zum Aequator_« zu beschreiben.
Ich glaube dem Beispiel des großen Gelehrten desto unbesorgter vor irgend
welchem Vorwurf folgen zu dürfen, da die Ereignisse, die ich zu
beschreiben gedenke, für die Theorie von den *vulkanischen Reactionen*
sprechen, das heißt für den Einfluß, den ein *System von Vulkanen* auf
einen weiten Landstrich umher ausübt.
Als Bonpland und ich in den Provinzen Neu-Andalusien, Nueva Barcelona und
Caracas uns aufhielten, war die Meinung allgemein verbreitet, daß die am
weitesten nach Osten gelegenen Striche dieser Küsten den verheerenden
Wirkungen der Erdbeben am meisten ausgesetzt seven. Die Einwohner von
Cumana scheuten das Thal von Caracas wegen des feuchten, veränderlichen
Klimas, wegen des umzogenen, trübseligen Himmels. Die Bewohner dieses
kühlen Thales dagegen sprachen von Cumana als von einer Stadt, wo man Jahr
aus Jahr ein eine erstickend heiße Luft athme und wo der Boden periodisch
von heftigen Erdstößen erschüttert werde. Selbst Gebildete dachten nicht
an die Verwüstung von Riobamba und andern hochgelegenen Städten; sie
wußten nicht, daß die Erschütterung des Kalksteins an der Küste von Cumana
sich in die aus Glimmerschiefer bestehende Halbinsel Araya fortpflanzt,
und so waren sie der Meinung, daß Caracas sowohl wegen des Baus seines
Urgebirges, als wegen der hohen Lage der Stadt nichts zu besorgen habe.
Feierliche Gottesdienste, die in Guayra und in der Hauptstadt selbst bei
nächtlicher Weile begangen wurden,(40) mahnten sie allerdings daran, daß
von Zeit zu Zeit die Provinz Venezuela von Erdbeben heimgesucht worden
war; aber Gefahren, die selten wiederkehren, machen einem wenig bange. Im
Jahr 1811 sollte eine gräßliche Erfahrung eine schmeichelnde Theorie und
den Volksglauben über den Haufen werfen. Caracas, im Gebirge gelegen, drei
Grade westlich von Cumana, fünf Grade westlich vom Meridian der
vulkanischen caraibischen Inseln, erlitt heftigere Stöße, als man je auf
den Küsten von Paria und Neu-Andalusien gespürt.
Gleich nach meiner Ankunft in Terra Firma war mir der Zusammenhang
zwischen zwei Naturereignissen, zwischen der Zerstörung von Cumana am
14. December 1797 und dem Ausbruch der Vulkane auf den kleinen Antillen,
aufgefallen [S. Bd. I., Seite 241]. Etwas Aehnliches zeigte sich nun auch
bei der Verwüstung von Cararas am 26. Merz 1812. Im Jahr 1797 schien der
Vulkan der Insel Guadeloupe auf die Küste von Cumana reagirt zu haben;
fünfzehn Jahre später wirkte, wie es scheint, ein dem Festland näher
liegender Vulkan, der auf St. Vincent, in derselben Weise bis nach Caracas
und an den Apure hin. Wahrscheinlich lag beidemal der Heerd des Ausbruchs
in ungeheurer Tiefe, gleich weit von den Punkten der Erdoberfläche, bis zu
welchen die Bewegung sich fortpflanzte.
Von Anfang des Jahrs 1811 bis 1813 wurde ein beträchtliches Stück der
Erdfläche zwischen den Azoren und dem Thal des Ohio, den Cordilleren von
Neu-Grenada, den Küsten vou Venezuela und den Vulkanen der kleinen
Antillen fast zu gleicher Zeit durch heftige Stöße erschüttert, die man
einem unterirdischen Feuerheerde zuschreiben kann. Ich zähle hier die
Erscheinungen auf, welche es wahrscheinlich machen, daß auf ungeheure
Distanzen Verbindungen bestehen. Am 30. Januar 1811 brach bei einer der
Azorischen Inseln, bei St. Michael, ein unterseeischer Vulkan aus. An
einer Stelle, wo die See 60 Faden tief ist, hob sich ein Fels über den
Wasserspiegel. Die erweichte Erdkruste scheint emporgehoben worden zu
seyn, ehe die Flammen aus dem Krater hervorbrachen, wie dieß auch bei den
Vulkanen von Jorullo in Mexico und bei der Bildung der Insel Klein-Kameni
bei Santorin beobachtet wurde. Das neue Eiland bei den Azoren war Anfangs
nur eine Klippe, aber am 15. Juli erfolgte ein sechstägiger Ausbruch,
durch den die Klippe immer größer und nach und nach 50 Toisen über dem
Meeresspiegelhoch wurde. Dieses neue Land, das Kapitän Tillard alsbald im
Namen der großbritannischen Regierung in Besitz nahm und *Sabrina* nannte,
hatte 900 Toisen Durchmesser. Das Meer scheint die Insel wieder
verschlungen zu haben. Es ist dieß das dritte mal, daß bei der Insel
St. Michael unterseeische Vulkane so außerordentliche Erscheinungen
hervorbringen, und als wären die Ausbrüche dieser Vulkane an eine gewisse
Periode gebunden, in der sich jedesmal elastische Flüssigkeiten bis zu
einem bestimmten Grade angehäuft, kam das emporgehobene Eiland je nach 91
oder 92 Jahren wieder zum Vorschein. Es ist zu bedauern, daß trotz der
Nähe keine europäische Regierung, keine gelehrte Gesellschaft Physiker und
Geologen nach den Azoren geschickt hat, um eine Erscheinung näher
untersuchen zu lassen, durch welche für die Geschichte der Vulkane und des
Erdballs überhaupt so viel gewonnen werden konnte.
Zur Zeit, als das neue Eiland Sabrina erschien, wurden die kleinen
Antillen, 800 Meilen südwestwärts von den Azoren gelegen, häufig von
Erdbeben heimgesucht. Vom Mai 1811 bis April 1812 spürte man auf der Insel
St. Vincent, einer der drei Antillen mit thätigen Vulkanen, über
zweihundert Erdstöße. Die Bewegungen beschränkten sich aber nicht auf das
Inselgebiet von Südamerika. Vom 16. December 1811 an bebte die Erde in den
Thälern des Mississippi, des Arkansas und Ohio fast unaufhörlich. Im Osten
der Alleghanys waren die Schwingungen schwächer als im Westen, in Tennesee
und Kentucky. Sie waren von einem starken unterirdischen Getöse begleitet,
das von Südwest herkam. Auf einigen Punkten zwischen Neumadrid und Little
Prairie, wie beim Salzwerk nördlich von Cincinnati unter dem 34° 45′ der
Breite, spürte man mehrere Monate lang täglich, ja fast stündlich
Erdstöße. Sie dauerten im Ganzen vom 16. December 1811 bis ins Jahr 1813.
Die Stöße waren Anfangs auf den Süden, auf das untere Mississippithal
beschränkt, schienen sich aber allmählich gegen Norden fortzupflanzen.
Um dieselbe Zeit nun, wo in den Staaten jenseits der Alleghanys diese
lange Reihe von Erderschütterungen anhob, im December 1811 spürte man in
der Stadt Caracas den ersten Erdstoß bei stiller, heiterer Luft. Dieses
Zusammentreffen war schwerlich ein zufälliges, denn man muß bedenken, daß,
so weit auch die betreffenden Länder auseinander liegen, die Niederungen
von Louisiana und die Küsten von Venezuela und Cumana demselben Becken,
dem Meere der Antillen angehören. Dieses *Mittelmeer mit mehreren
Ausgängen* ist von Südost nach Nordwest gerichtet und es scheint sich
früher über die weiten, allmählich 30, 50 und 80 Toisen über das Meer
ansteigenden, aus secundären Gebirgsarten bestehenden, vom Ohio, Missouri,
Arcansas und Mississippi durchströmten Ebenen forterstreckt zu haben. Aus
geologischem Gesichtspunkt betrachtet, erscheinen als Begrenzung des
Seebeckens der Antillen und des Meerbusens von Mexico im Südens die
Küstenbergkettes von Venezuela und die Cordilleren von Merida und
Pamplona, im Osten die Gebirge der Antillen und die Alleghanys, im Westen
die Anden von Mexico und die Rocky Mountains, im Norden die unbedeutenden
Höhenzüge zwischen den canadischen Seen und den Nebenflüssen des
Mississippi. Ueber zwei Drittheile dieses Beckens sind mit Wasser bedeckt.
Zwei Reihen thätiger Vulkane fassen es ein: ostwärts auf den kleinen
Antillen, zwischen dem 13. und 16. Grad der Breite, westwärts in den
Cordilleren von Nicaragua, Guatimala und Mexico, zwischen dem 11. und
20. Grad. Bedenkt man, daß das große Erdbeben von Lissabon am 1. November
1755 fast im selben Augenblick an der Küste von Schweden, am Ontariosee
und auf Martinique gespürt wurde, so kann die Annahme nicht zu keck
erscheinen, daß das ganze Becken der Antillen von Cumana und Caracas bis
zu den Ebenen von Louisiana zuweilen gleichzeitig durch Stöße erschüttert
werden kann, die von einem gemeinsamen Heerde ausgehen.
Auf den Küsten von Terra Firma herrscht allgemein der Glaube, die Erdbeben
werden häufiger, wenn ein paar Jahre lang die elektrischen Entladungen in
der Luft auffallend selten gewesen sind. Man wollte in Cumana und Caracas
die Beobachtung gemacht haben, daß seit dem Jahr 1792 die Regengüsse nicht
so oft als sonst von Blitz und Donner begleitet gewesen, und man war
schnell bei der Hand, sowohl die gänzliche Zerstörung von Cumana im Jahr
1799 als die Erdstöße, die man 1800, 1801 und 1802 in Maracaibo, Porto
Cabello und Caracas gespürt, »einer Anhäufung der Elektricität im Innern
der Erde« zuzuschreiben. Wenn man lang in Neu-Andalusien oder in den
Niederungen von Peru gelebt hat, kann man nicht wohl in Abrede ziehen, daß
zu Anfang der Regenzeit, also eben zur Zeit der Gewitter, das Auftreten
von Erdbeben am meisten zu besorgen ist. Die Luft und die Beschaffenheit
der Erdoberfläche scheinen auf eine uns noch ganz unbekannte Weise auf die
Vorgänge in großen Tiefen Einfluß zu äußern, und wenn man einen
Zusammenhang zwischen der Seltenheit der Gewitter und der Häufigkeit der
Erdbeben bemerkt haben will, so gründet sich dieß, meiner Meinung nach,
keineswegs auf lange Erfahrung, sondern ist nur eine Hypothese der
Halbgelehrten im Lande. Gewisse Erscheinungen können zufällig
zusammentreffen. Den auffallend starken Stößen, die man am Mississippi und
Ohio zwei Jahre lang fast beständig spürte, und die im Jahr 1812 mit denen
im Thal von Caracas zusammentrafen, ging in Louisiana ein fast
gewitterloses Jahr voran, und dieß fiel wieder allgemein auf. Es kann
nicht Wunder nehmen, wenn man im Vaterlande Franklins zur Erklärung von
Erscheinungen gar gerne die Lehre von der Elektricität herbeizieht.
Der Stoß, den man im December 1811 in Caracas spürte, war der einzige, der
der schrecklichen Katastrophe vom 26. März 1812 voranging. Man wußte in
Terra Firma nichts davon, daß einerseits der Vulkan auf St. Vincent sich
rührte und andererseits am 7. und 8. Februar 1812 im Becken des
Mississippi die Erde Tag und Nacht fortbebte. Um diese Zeit herrschte in
der Provinz Venezuela große Trockenheit. In Caracas und neunzig Meilen in
die Runde war in den fünf Monaten vor dem Untergang der Hauptstadt kein
Tropfen Regen gefallen. Der 26. März war ein sehr heißer Tag; die Luft war
still, der Himmel unbewölkt. Es war Gründonnerstag, und ein großer Theil
der Bevölkerung in den Kirchen. Nichts verkündete die Schrecken dieses
Tages. Um 4 Uhr 7 Minuten Abends spürte man den ersten Erdstoß. »Er war so
stark, daß die Kirchenglocken anschlugen, und währte 5--6 Sekunden.
Unmittelbar darauf folgte ein anderer, 10--12 Secunden dauernder, während
dessen der Boden in beständiger Wellenbewegung war, wie eine kochende
Flüssigkeit. Schon meinte man, die Gefahr sey vorüber, als sich unter dem
Boden ein furchtbares Getöse hören ließ. Es glich dem Rollen des Donners;
es war aber stärker und dauerte länger als der Donner in der Gewitterzeit
unter den Tropen. Diesem Getöse folgte eine senkrechte, etwa 3-4 Secunden
anhaltende Bewegung und dieser wiederum eine etwas längere wellenförmige
Bewegung. Die Stöße erfolgten in entgegengesetzter Richtung, von Nord nach
Süd, und von Ost nach West. Dieser Bewegung von unten nach oben und diesen
sich kreuzenden Schwingungen konnte nichts widerstehen. Die Stadt Caracas
wurde völlig über den Haufen geworfen. Tausende von Menschen (zwischen
9 und 10,000) wurden unter den Trümmern der Kirchen und Häuser begraben.
Die Prozession war noch nicht ausgezogen, aber der Zudrang zu den Kirchen
war so groß, daß drei bis viertausend Menschen von den einstürzenden
Gewölben erschlagen wurden. Die Explosion war am stärksten auf der
Nordseite, im Stadttheil, der dem Berge Avila und der Silla am nächsten
liegt. Die Kirchen della Trinidad und Alta Gracia, die über 150 Fuß hoch
waren und deren Schiff von 10--12 Fuß dicken Pfeilern getragen wurden,
lagen als kaum 5--6 Fuß hohe Trümmerhaufen da. Der Schutt hat sich so
stark gesetzt, daß man jetzt fast keine Spur mehr von Pfeilern und Säulen
findet. Die Kaserne _el Quartel de San Carlos_, die nördlich von der
Kirche della Trinidad auf dem Weg nach dem Zollhaus Pastora lag,
verschwand fast völlig. Ein Regiment Linientruppen stand unter den Waffen,
um sich der Procession anzuschließen; es wurde, wenige Mann ausgenommen,
unter den Trümmern des großen Gebäudes begraben. Neun Zehntheile der
schönen Stadt Caracas wurden völlig verwüstet. Die Häuser, die nicht
zusammenstürzten, wie in der Straße San Juan beim Kapuzinerkloster,
erhielten so starke Risse, daß man nicht wagen konnte darin zu bleiben. Im
südlichen und westlichen Theil der Stadt, zwischen dem großen Platz und
der Schlucht des Caraguata waren die Wirkungen des Erdbebens etwas
geringer. Hier blieb die Hauptkirche mit ihren ungeheuern Strebepfeilern
stehen.«(41)
Bei der Angabe von 9--10,000 Todten in Caracas sind die Unglücklichen
nicht gerechnet, die, schwer verwundet, erst nach Monaten aus Mangel an
Nahrung und Pflege zu Grunde gingen. Die Nacht vom Donnerstag zum
Charfreitag bot ein Bild unsäglichen Jammers und Elends. Die dicke
Staubwolke, welche über den Trümmern schwebte und wie ein Nebel die Luft
verfinsterte, hatte sich zu Boden geschlagen. Kein Erdstoß war mehr zu
spüren: es war die schönste, stillste Nacht. Der fast volle Mond
beleuchtete die runden Gipfel der Silla, und am Himmel sah es so ganz
anders aus als auf der mit Trümmern und Leichen bedeckten Erde. Man sah
Mütter mit den Leichen ihrer Kinder in den Armen, die sie wieder zum Leben
zu bringen hofften; Familien liefen jammernd durch die Stadt und suchten
einen Bruder, einen Gatten, einen Freund, von denen man nichts wußte und
die sich in der Volksmenge verloren haben mochten. Man drängte sich durch
die Straßen, die nur noch an den Reihen von Schutthaufen kenntlich waren.
Alle Schrecken der großen Katastrophen von Lissabon, Messina, Lima und
Riobamba wiederholten sich am Unglückstage des 26. März 1812. »Die unter
den Trümmern begrabenen Verwundeten riefen die Vorübergehenden laut um
Hülfe an, und es wurden auch über zwei tausend hervorgezogen. Nie hat sich
das Mitleid rührender, man kann sagen sinnreicher bethätigt, als hier, wo
es galt, zu den Unglücklichen zu dringen, die man jammern hörte. Es fehlte
völlig an Werkzeugen zum Graben und Wegräumen des Schuttes; man mußte die
noch Lebenden mit den Händen ausgraben. Man brachte die Verwundeten und
die Kranken, die sich aus den Spitälern gerettet, am Ufer des Guayre
unter, aber hier fanden sie kein Obdach als das Laub der Bäume. Betten,
Leinwand zum Verbinden der Wunden, chirurgische Instrumente, alles
Unentbehrliche lag unter den Trümmern begraben. Es fehlte an Allem, in den
ersten Tagen sogar an Lebensmitteln, und im Innern der Stadt ging vollends
das Wasser aus. Das Erdbeben hatte die Leitungsröhren der Brunnen
zertrümmert und Erdstürze hatten die Quellen verschüttet. Um Wasser zu
bekommen, mußte man zum Guayre hinunter, der bedeutend angeschwollen war,
und es fehlte an Gefässen.«
»Den Todten die letzte Ehre zu erweisen, war sowohl ein Werk der Pietät,
als bei der Besorgniß vor Verpestung der Luft geboten. Da es geradezu
unmöglich war, so viele tausend halb unter den Trümmern steckende Leichen
zu beerdigen, so wurde eine Commission beauftragt, sie zu verbrennen. Man
errichtete zwischen den Trümmern Scheiterhaufen, und die Leichenfeier
dauerte mehrere Tage. Im allgemeinen Jammer flüchtete das Volk zur Andacht
und zu Ceremonien, mit denen es den Zorn des Himmels zu beschwichtigen
hoffte. Die einen traten zu Bittgängen zusammen und sangen Trauerchöre;
andere, halb sinnlos, beichteten laut auf der Straße. Da geschah auch
hier, was in der Provinz Quito nach dem furchtbaren Erdbeben vom
4. Februar 1797 vorgekommen war: viele Personen, die seit langen Jahren
nicht daran gedacht hatten, den Segen der Kirche für ihre Verbindung zu
suchen, schloßen den Bund der Ehe; Kinder fanden ihre Eltern, von denen
sie bis jetzt verläugnet worden; Leute, die Niemand eines Betrugs
beschuldigt hatte, gelobten Ersatz zu leisten; Familien, die lange in
Feindschaft gelebt, versöhnten sich im Gefühl des gemeinsamen Unglücks.«
Wenn dieses Gefühl auf die einen versittlichend wirkte und das Herz für
das Mitleid ausschloß, wirkte es in andern das Gegentheil: sie wurden nur
noch hartherziger und unmenschlicher. In großen Unfällen geht in gemeinen
Seelen leichter der Edelmuth verloren als die Kraft; denn es geht im
Unglück wie bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Natur: nur
auf die Wenigsten wirkt sie veredlend, gibt dem Gefühl mehr Wärme, den
Gedanken höheren Schwung, und der ganzen Gesinnung mehr Milde.
»So heftige Stöße, welche in einer Minute(42) die Stadt Caracas über den
Haufen warfen, konnten sich nicht auf einen kleinen Strich des Festlandes
beschränken. Ihre verheerenden Wirkungen verbreiteten sich über die
Provinzen Venezuela, Barinas und Maracaybo, der Küste entlang, besonders
aber in die Gebirge im Innern. Guayra, Mayquetia, Antimano, Baruta, la
Vega, San Felipe und Merida wurden fast gänzlich zerstört. In Guayra und
in Villa de San Felipe bei den Kupferminen von Aroa kamen wenigstens vier
bis fünftausend Menschen ums Leben. Auf einer Linie, die von Guayra und
Caracas von Ost-Nord-Ost nach West-Süd-West den hohen Gebirgen von
Niquitao und Merida zuläuft, scheint das Erdbeben am stärksten gewesen zu
seyn. Man spürte es im Königreich Neu-Grenada von den Ausläufern der hohen
Sierra de Santa Marta bis Santa Fe de Bogota und Honda am Magdalenenstrom,
180 Meilen von Caracas. Ueberall war es in den Cordilleren auf Gneiß und
Glimmerschiefer oder unmittelbar an ihrem Fuß stärker als in der Ebene.
Dieser Unterschied war besonders auffallend in den Savanen von Barinas und
Casanare. (In dem geologischen System, nach dem alle vulkanischen und
nicht vulkanischen Gebirge auf Spalten emporgestiegen sind, erklärt sich
dieser Unterschied leicht.) In den Thälern von Araguas zwischen Caracas
und der Stadt San Felipe waren die Stöße ganz schwach. Victoria, Maracay,
Valencia, obgleich nahe bei der Hauptstadt, litten sehr wenig. In
Valecillo, einige Meilen von Valencia, spie der geborstene Boden solche
Wassermassen aus, daß sich ein neuer Bach bildete; dasselbe ereignete sich
bei Porto Cabello. Dagegen nahm der See von Maracaybo merkbar ab. In Coro
fühlte man keine Erschütterung, und doch liegt die Stadt an der Küste,
zwischen Städten, die gelitten haben.« Fischer, die den 26. März auf der
Insel Orchila, 30 Meilen nordöstlich von Guayra, zugebracht hatten,
spürten keine Stöße. Diese Abweichungen in der Richtung und Fortpflanzung
des Stoßes rühren wahrscheinlich von der eigenthümlichen Lagerung der
Gesteinsschichten her.
Wir haben im Bisherigen die Wirkungen des Erdbebens westlich von Caracas
bis zu den Schneegebirgen von Santa Marta und zu der Hochebene von Santa
Fe de Bogota verfolgt. Wir wenden uns jetzt zum Landstrich ostwärts von
der Hauptstadt. Jenseits Caurimare, im Thal des Capaya, waren die
Erschütterungen sehr stark und reichten bis zum Meridian vom Cap Codera;
es ist aber höchst merkwürdig, daß sie an den Küsten von Nueva Barcelona,
Cumana und Paria sehr schwach waren, obgleich diese Küsten eine
Fortsetzung des Littorals von Guayra und von Alters her dafür bekannt
sind, daß sie oft von unterirdischen Bebungen heimgesucht werden. Ließe
sich annehmen, die gänzliche Zerstörung der vier Städte Caracas, Guayra,
San Felipe und Merida sey von einem vulkanischen Herde unter der Insel
St. Vincent oder in der Nähe ausgegangen, so würde begreiflich, wie die
Bewegung sich von Nordost nach Südwest auf einer Linie, die über die
Eilande los Hermanos bei Blanquilla läuft, fortpflanzen konnte, ohne die
Küsten von Araya, Cumana und Nueva Barcelona zu berühren. Ja der Stoß
konnte sich auf diese Weise fortpflanzen, ohne daß die dazwischen
liegenden Punkte, z. B. die Eilande Hermanos, die geringste Erschütterung
empfanden. Diese Erscheinung kommt in Peru und Mexico häufig bei Erdbeben
vor, die seit Jahrhunderten eine bestimmte Richtung einhalten. Die
Bewohner der Anden haben einen naiven Ausdruck für einen Landstrich, der
an der Bebung ringsum keinen Theil nimmt: sie sagen, »er mache eine
Brücke« (_que hace puente_), wie um anzudeuten, daß die Schwingungen sich
in ungeheurer Tiefe unter einer ruhig bleibenden Gebirgsart fortpflanzen.
Fünfzehn bis achtzehn Stunden lang nach der großen Katastrophe blieb der
Boden ruhig. Die Nacht war, wie schon oben gesagt, schön und still, und
erst nach dem siebenundzwanzigsten fingen die Stöße wieder an, und zwar
begleitet von einem sehr starken und sehr anhaltenden unterirdischen
Getöse (_bramido_). Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der
Umgegend; da aber Dörfer und Höfe so stark gelitten hatten wie die Stadt,
fanden sie erst jenseits der Berge los Teques, in den Thälern von Aragua
und in den Llanos Obdach. Man spürte oft fünfzehn Schwingungen an Einem
Tage. Am 5. April erfolgte ein Erdbeben, fast so stark wie das, in dem die
Hauptstadt untergegangen. Der Boden bewegte sich mehrere Stunden lang
wellenförmig auf und ab. In den Gebirgen gab es große Erdfälle; ungeheure
Felsmassen brachen von der Silla los. Man behauptete sogar -- und diese
Meinung ist noch jetzt im Lande weit verbreitet -- die beiden Kuppeln der
Silla seven um 50--60 Toisen niedriger geworden; aber diese Behauptung
stützt sich auf keine Messung. Wie ich gehört, bildet man sich auch in der
Provinz Quito nach allen großen Erschütterungen ein, der Vulkan Tunguragua
sey niedriger geworden.
In mehreren aus Anlaß der Zerstörung von Caracas veröffentlichten
Nachrichten wird behauptet, »die Silla sey ein erloschener Vulkan, man
finde viele vulkanische Produkte auf dem Wege von Guayra nach Caracas, das
Gestein sey dort nirgends regelmäßig geschichtet und zeige überall Spuren
des unterirdischen Feuers.« Ja es heißt weiter, »zwölf Jahre vor der
großen Katastrophe haben Bonpland und ich nach unsern mineralogischen und
physikalischen Untersuchungen erklärt, die Silla sey ein sehr gefährlicher
Nachbar für die Stadt, weil der Berg viel Schwefel enthalte und die Stöße
von Nordost her kommen müßten.« Es kommt selten vor, daß Physiker sich
wegen einer eingetroffenen Prophezeiung zu rechtfertigen haben; ich halte
es aber für Pflicht, den Vorstellungen von *lokalen Ursachen* der
Erdbeben, die nur zu leicht Eingang finden, entgegen zu treten.
Ueberall wo der Boden Monate lang fortwährend erschüttert worden, wie auf
Jamaica im Jahr 1693, in Lissabon 1755, in Cumana 1766, in Piemont 1808,
ist man darauf gefaßt, einen Vulkan sich öffnen zu sehen. Man vergißt, daß
man die Herde oder Mittelpunkte der Bewegung weit unter der Erdoberfläche
zu suchen hat; daß, nach zuverlässigen Aussagen, die Schwingungen sich
fast im selben Moment tausend Meilen weit über die tiefsten Meere weg
fortpflanzen; daß die größten Zerstörungen nicht am Fuß thätiger Vulkane,
sondern in aus den verschiedensten Felsarten aufgebauten Gebirgsketten
vorgekommen sind. Die Gneise, Glimmerschiefer- und Urkalkschichten in der
Umgegend von Caracas sind keineswegs stärker zerbrochen oder
unregelmäßiger geneigt, als bei Freiberg in Sachsen und überall, wo
Urgebirge rasch zu bedeutender Höhe ansteigen; ich habe daselbst weder
Basalt noch Dolerit, nicht einmal Trachyte und Trapp-Porphyre gefunden,
kurz keine Spur von erloschenen Vulkanen. Es konnte mir nie einfallen, zu
äußern, die Silla und der Cerro de Avila seyen für die Hauptstadt
gefährliche Nachbarn, weil diese Berge in untergeordneten Schichten von
Urkalk viele Schwefelkiese enthalten; ich erinnere mich aber, während
meines Aufenthalts in Caracas gesagt zu haben, seit dem großen Erdbeben in
Quito scheine am östlichen Ende von Terra Firma der Boden so unruhig zu
seyn, daß man besorgen müsse, mit der Zeit dürfte die Provinz Venezuela
starke Erderschütterungen erleiden. Ich bemerkte weiter, wenn ein Land
lange von Erdstößen heimgesucht worden sey, so scheinen sich in der Tiefe
neue Verbindungen mit benachbarten Ländern herzustellen, und die in der
Richtung der Silla nordöstlich von der Stadt gelegenen Vulkane der
Antillen seyen vielleicht Luftlöcher, durch welche bei einem Ausbruch die
elastischen Flüssigkeiten entweichen, welche die Erdbeben auf den Küsten
des Festlandes verursachen. Zwischen solchen Betrachtungen, die sich auf
die Kenntniß der Oertlichkeiten und auf bloße Analogien gründen, und einer
durch den Lauf der Naturereignisse bestätigten Vorhersagung ist ein großer
Unterschied.
Während man im Thal des Mississippi, auf der Insel St. Vincent und in der
Provinz Venezuela gleichzeitig starke Erdstöße spürte, wurde man am
30. April 1812 in Caracas, in Calabozo mitten in den Steppen, und an den
Ufern des Rio Apure, auf einem Landstrich von 4000 Quadratmeilen, durch
ein unterirdisches Getöse erschreckt, das wiederholten Salven aus
Geschützen vom größten Caliber glich. Es fing um zwei Uhr Morgens an; es
war von keinen Stößen begleitet, und, was sehr merkwürdig ist, es war auf
der Küste und 80 Meilen weit im Land gleich stark. Ueberall meinte man, es
komme durch die Luft her, und man war soweit entfernt, dabei an einen
unterirdischen Donner zu denken, daß man in Caracas wie in Calabozo
militärische Maßregeln ergriff, um den Platz in Vertheidigungszustand zu
setzen, da der Feind mit seinem groben Geschütz anzurücken schien. Beim
Uebergang über den Apure unterhalb Orivante, beim Einfluß des Rio Rula,
hörte Palacio aus dem Munde der Indianer, man habe die »Kanonenschüsse«
eben so gut am westlichen Ende der Provinz Barinas als im Hafen von Guayra
nördlich von der Küstenkette gehört.
Am Tage, an dem die Bewohner von Terra Firma durch ein unterirdisches
Getöse erschreckt wurden, erfolgte ein großer Ausbruch des Vulkans auf der
Insel St. Vincent. Der Berg, der gegen 500 Toisen hoch ist, hatte seit dem
Jahr 1718 keine Lava mehr ausgeworfen. Man sah ihn kaum rauchen, als im
Mai 1811 häufige Erdstöße verkündeten, daß sich das vulkanische Feuer
entweder von Neuem entzündet oder nach diesem Strich der Antillen gezogen
habe. Der erste Ausbruch fand erst am 27. April 1812 um Mittag statt. Der
Vulkan warf dabei nur Asche aus, aber unter furchtbarem Krachen. Am
30. floß die Lava über den Kraterrand und erreichte nach vier Stunden die
See. Das Getöse beim Ausbruch glich »abwechselnd Salven aus dem schwersten
Geschütz und Kleingewehrfeuer, und, was sehr beachtenswerth ist, dasselbe
schien weit stärker auf offener See, weit weg von der Insel, als im
Angesicht des Landes, ganz in der Nahe des brennenden Vulkans.«
Vom Vulkan von St. Vincent bis zum Rio Apure beim Einfluß des Rula sind es
in gerader Linie 210 Seemeilen (20 auf einen Grad); die Explosionen wurden
demnach in einer Entfernung gehört gleich der vom Vesuv nach Paris. Dieses
Phänomen, dem sich viele Beobachtungen in der Cordillere der Anden
anschließen, beweist, wie viel größer die unterirdische Wirkungssphäre
eines Vulkans ist, als man nach den unbedeutenden Veränderungen, die er an
der Erdoberfläche hervorbringt, glauben sollte. Die Knalle, die man in der
neuen Welt Tage lang 80, 100, ja 200 Meilen von einem Krater hört,
gelangen nicht mittelst der Fortpflanzung des Schalls durch die Luft zu
uns; der Ton wird vielmehr durch die Erde geleitet, vielleicht am Punkte
selbst, wo wir uns befinden. Wenn die Ausbrüche des Vulkans von
St. Vincent, des Cotopaxi oder Tunguragua von so weit herschallten wie
eine ungeheuer große Kanone, so müßte der Schall im umgekehrten Verhältniß
der Entfernung stärker werden; aber die Beobachtung zeigt, daß dieß nicht
der Fall ist. Noch mehr: in der Südsee, auf der Fahrt von Guayaquil an die
Küste von Mexico, fuhren Bonpland und ich über Striche, wo alle Matrosen
an Bord über ein dumpfes Geräusch erschracken, das aus der Tiefe des
Meeres herauskam und uns durch das Wasser mitgetheilt wurde. Eben fand
wieder ein Ausbruch des Cotopaxi statt, und wir waren so weit von diesem
Vulkan entfernt als der Aetna von der Stadt Neapel. Vom Vulkan Cotopaxi
zur kleinen Stadt Honda am Ufer des Magdalenenstroms sind es nicht weniger
als 145 Meilen, und doch hörte man während der großen Ausbrüche jenes
Vulkans in Honda ein unterirdisches Getöse, das man für Geschützsalven
hielt. Die Franciscaner verbreiteten das Gerücht, Carthagena werde von den
Engländern belagert und beschossen, und alle Einwohner glaubten daran. Der
Cotopaxi ist nun aber ein Kegel, der 1800 Toisen und mehr über dem Becken
von Honda liegt; er steigt aus einer Hochebene empor, die selbst noch 1500
Toisen mehr Meereshöhe hat als das Thal des Magdalenenstroms. All die
colossalen Berge von Quito, der Provinz de los Pastos und von Popayan,
zahllose Thäler und Erdspalten liegen dazwischen. Unter diesen Umständen
läßt sich nicht annehmen, daß der Ton durch die Luft oder durch die
obersten Erdschichten fortgepflanzt worden und daß er von da ausgegangen
sey, wo der Kegel und der Krater des Cotopaxi liegen. Man muß es
wahrscheinlich finden, daß der hochgelegene Theil des Königreichs Quito
und die benachbarten Cordilleren keineswegs eine Gruppe einzelner Vulkane
sind, sondern eine einzige aufgetriebene Masse bilden, eine ungeheure von
Süd nach Nord laufende vulkanische Mauer, deren Kamm über 600
Quadratmeilen Oberfläche hat. Auf diesem Gewölbe, auf diesem
aufgetriebenen Erdstück stehen nun der Cotopaxi, der Tunguragua, der
Antisana, der Pichincha. Man gibt jedem einen eigenen Namen, obgleich es
im Grund nur verschiedene Gipfel desselben vulkanischen Gebirgsklumpens
sind. Das Feuer bricht bald durch den einen, bald durch den andern dieser
Gipfel aus. Die ausgefüllten Krater erscheinen uns als erloschene Vulkane;
wenn aber auch der Cotopaxi und der Tunguragua in hundert Jahren nur ein-
oder zweimal auswerfen, so läßt sich doch annehmen, daß das unterirdische
Feuer unter der Stadt Quito, unter Pichincha und Imbaburu in beständiger
Thätigkeit ist.
Nordwärts finden wir zwischen dem Vulkan Cotopaxi und der Stadt Honda zwei
andere *vulkanische Bergsysteme*, die Berge los Pastos und die von
Popayan. Daß diese Systeme unter sich zusammenhängen, geht unzweifelhaft
aus einer Erscheinung hervor, deren ich schon oben gedacht habe, als von
der gänzlichen Zerstörung der Stadt Caracas die Rede war. Vom November
1796 an stieß der Vulkan bei Pasto, der westlich von der Stadt dieses
Namens am Thal des Rio Guaytara liegt, eine dicke Rauchsäule aus. Die
Mündungen des Vulkans liegen an der Seite des Berges, auf seinem
westlichen Abhang; dennoch stieg die Rauchsäule drei Monate lang so hoch
über den Gebirgskamm empor, daß die Einwohner der Stadt Pasto sie
fortwährend sahen. Alle versicherten uns, zu ihrer großen Ueberraschung
sey am 4. Februar 1797 der Rauch auf einmal verschwunden, ohne daß man
einen Erdstoß spürte. Und im selben Augenblick wurde 65 Meilen weiter
gegen Süd zwischen dem Chimborazo, dem Tunguragua und dem Altar
(Capac-Urcu) die Stadt Riobamba durch ein Erdbeben zerstört, furchtbarer
als alle, die im Andenken geblieben sind. Die Gleichzeitigkeit dieser
Ereignisse läßt wohl keinen Zweifel darüber, daß die Dämpfe, welche der
Vulkan von Pasto aus seinen kleinen Mündungen oder _‘ventanillas’_
ausstieß, am Druck elastischer Flüssigkeiten theilnahmen, welche den Boden
des Königreichs Peru erschütterten und in wenigen Augenblicken dreißig bis
vierzigtausend Menschen das Leben kosteten.
Um diese gewaltigen Wirkungen der *vulkanischen Reactionen* zu erklären,
um darzuthun, daß die Vulkangruppe oder das *vulkanische System* der
Antillen von Zeit zu Zeit Terra Firma erschüttern kann, mußte ich mich auf
die Cordillere der Anden berufen. Nur auf die Analogie frischer, und somit
vollkommen beglaubigter Thatsachen lassen sich geologische Schlüsse bauen,
und wo auf dem Erdball fände man großartigere und mannigfaltigere
vulkanische Erscheinungen, als in jener doppelten vom Feuer emporgehobenen
Bergkette, in dem Lande, wo die Natur über jeden Berggipfel und jedes Thal
die Fülle ihrer Wunder ausgegossen hat? Betrachtet man einen brennenden
Krater als eine vereinzelte Erscheinung, bleibt man dabei stehen, die
Masse des Gesteins, das er ausgeworfen, abzuschätzen, so stellt sich die
vulkanische Wirksamkeit an der gegenwärtigen Erdoberfläche weder als sehr
gewaltig, noch als sehr ausgebreitet dar. Aber das Bild dieser Wirksamkeit
erweitert sich vor unserem innern Blick mehr und mehr, je früher wir den
Zusammenhang zwischen den Vulkanen derselben Gruppe kennen lernen, -- und
dergleichen Gruppen sind z. B. die Vulkane in Neapel und auf Sicilien, die
der canarischen Inseln, die der Azoren, die der kleinen Antillen, die in
Mexico, in Guatimala und auf der Hochebene von Quito --; je genauer wir
sowohl die Reactionen dieser verschiedenen Vulkansysteme auf einander, als
die Entfernungen kennen lernen, in denen sie vermöge ihres Zusammenhangs
in den Erdtiefen den Boden zu gleicher Zeit erschüttern. Das Studium der
Vulkane zerfällt in zwei ganz gesonderte Theile. Der eine, rein
mineralogische, beschäftigt sich nur mit der Untersuchung der durch das
unterirdische Feuer gebildeten oder umgewandelten Gesteine, von der
Trachyt- und Trapp-Porphyrformation, von den Basalten, Phonolithen und
Doleriten heraus bis zu den neuesten Laven. Der andere, nicht so
zugängliche und auch mehr vernachlässigte Theil hat es mit den
gegenseitigen physikalischen Verhältnissen der Vulkane zu thun, mit dem
Einfluß, den die Systeme auf einander ausüben, mit dem Zusammenhang
zwischen den Wirkungen der feuerspeienden Berge und den Stößen, welche den
Erdboden auf weite Strecken und lange fort in derselben Richtung
erschüttern. Dieses Wissen kann nur dann fortschreiten, wenn man die
verschiedenen Epochen der gleichzeitigen Thätigkeit genau verzeichnet,
ferner die Richtung, Ausdehnung und Stärke der Erschütterungen, ihr
allmäliges Vorrücken in Landstrichen, die sie früher nicht erreicht
hatten, das Zusammentreffen eines fernen vulkanischen Ausbruchs mit jenem
unterirdischen Getöse, das so stark ist, daß die Bewohner der Anden es
ausdrucksvoll *unterirdisches Gebrülle* und *unterirdischen Donner*
(_bramidos y truenos subterraneos_) nennen. Alle diese Angaben gehören dem
Gebiet der Naturgeschichte an, einer Wissenschaft, der man nicht einmal
ihren Namen gelassen hat, und die wie alle Geschichte mit Zeiten beginnt,
die uns fabelhaft erscheinen, und mit Katastrophen, deren Großartigkeit
und Gewaltsamkeit weit über das Maß unserer Vorstellungen hinausgeht.
Man hat sich lange darauf beschränkt, die Geschichte der Natur nach den
alten, in den Eingeweiden der Erde begrabenen Denkmälern zu studiren; aber
wenn auch im engen Kreis sicherer Ueberlieferung nichts von so allgemeinen
Umwälzungen vorkommt, wie die, durch welche die Cordilleren emporgehoben
und Myriaden von Seethieren begraben worden, so gehen doch auch in der
jetzigen Natur, unter unsern Augen, wenn auch auf beschränktem Raum,
stürmische Auftritte genug vor sich, die, wissenschaftlich aufgefaßt, über
die entlegensten Zeiten der Erdbildung Licht verbreiten können. Im Innern
des Erdballs hausen die geheimnißvollen Kräfte, deren Wirkungen an der
Oberfläche zu Tage kommen, als Ausbrüche von Dämpfen, glühenden Schlacken,
neuen vulkanischen Gesteinen und heißen Quellen, als Auftreibungen zu
Inseln und Bergen, als Erschütterungen, die sich so schnell wie der
elektrische Schlag fortpflanzen, endlich als unterirdische-: Donner, den
man Monate lang, und ohne Erschütterung des Bodens, in großen Entfernungen
von thätigen Vulkanen hört.
Je mehr im tropischen Amerika Cultur und Bevölkerung zunehmen werden, je
fleißiger man die vulkanischen Systeme von Popayan, los Pastos, Quito, auf
den kleinen Antillen, auf der Centralhochebene von Mexico beobachten wird,
desto mehr muß der Zusammenhang zwischen Ausbrüchen und Erdbeben, welche
den Ausbrüchen vorangehen und zuweilen folgen, allgemeine Anschauung
werden. Die genannten Vulkane, besonders aber die der Anden, welche die
ungeheure Höhe von 2500 Toisen und darüber erreichen, bieten dem
Beobachter bedeutende Vortheile. Die Epochen ihrer Ausbrüche sind
merkwürdig scharf bezeichnet. Dreißig, vierzig Jahre lang werfen sie keine
Schlacken, keine Asche aus, rauchen nicht einmal. In einer solchen Periode
habe ich keine Spur von Rauch auf dem Gipfel des Tunguragua und des
Cotopaxi gesehen. Wenn dagegen dem Krater des Vesuvs eine Rauchwolke
entsteigt, achten die Neapolitaner kaum darauf; sie sind an die Bewegungen
dieses kleinen Vulkans gewöhnt, der oft in zwei, drei Jahren hinter
einander Schlacken auswirft. Da ist freilich schwer zu beurtheilen, ob die
Schlackenauswürfe im Moment, wo man im Apennin einen Erdstoß verspürt,
stärker gewesen sind. Auf dem Rücken der Cordilleren hat Alles einen
bestimmteren Typus. Auf einen Aschenauswurf von ein paar Minuten folgt oft
zehnjährige Ruhe. Unter diesen Umständen wird es leicht, Epochen zu
verzeichnen und auszumitteln, ob die Erscheinungen in der Zeit
zusammenfallen.
Die Zerstörung von Cumana im Jahr 1797 und von Caracas im Jahr 1812 weisen
darauf hin, daß die Vulkane auf den kleinen Antillen mit den
Erschütterungen, welche die Küsten von Terra Firma erleiden, im
Zusammenhang stehen. Trotz dem kommt es häufig vor, daß die Stöße, welche
man im vulkanischen Archipel spürt, sich weder nach der Insel Trinidad,
noch nach den Küsten von Cumana und Caracas fortpflanzen. Diese
Erscheinung hat aber durchaus nichts auffallendes. Auf den kleinen
Antillen selbst beschränken sich die Erschütterungen oft auf eine einzige
Insel. Der große Ausbruch des Vulkans auf St. Vincent im Jahr 1812 hatte
in Martinique und Guadeloupe kein Erdbeben zur Folge. Man hörte, wie in
Venezuela, starke Schläge, aber der Boden blieb ruhig.
Diese Donnerschläge, die nicht mit dem rollenden Geräusch zu verwechseln
sind, das überall auch ganz schwachen Erdstößen vorausgeht, hört man an
den Ufern des Orinoco ziemlich oft, besonders, wie man uns an Ort und
Stelle versichert hat, zwischen dem Rio Arauca und dem Cuchivero. Pater
Morello erzählt, in der Mission Cabruta habe das unterirdische Getöse
zuweilen so ganz geklungen wie Salven von Steinböllern (_pedreros_) daß es
gewesen sey, als würde in der Ferne ein Gefecht geliefert. Am 21. October
1766, am Tage des schrecklichen Erdbebens, das die Provinz Neu-Andalusien
verheerte, erzitterte der Boden zu gleicher Zeit in Cumana, in Caracas, in
Maracaybo, an den Ufern des Casanare, des Meta, des Orinoco und des
Ventuario. Pater Gili hat diese Erderschütterungen in einer ganz
granitischen Gebirgsgegend, in der Mission Encaramada beschrieben, wo sie
von heftigen Donnerschlägen begleitet waren. Am Paurari erfolgten große
Bergstürze, und beim Felsen Aravacoto verschwand eine Insel im Orinoco.
Die wellenförmigen Bewegungen dauerten eine ganze Stunde. Damit war
gleichsam das Zeichen gegeben zu den heftigen Erschütterungen, welche die
Küsten von Cumana und Cariaco mehr als zehn Monate lang erlitten. Man
sollte meinen, Menschen, die zerstreut in Wäldern leben und kein anderes
Obdach haben als Hütten aus Rohr und Palmblättern, fürchten sich nicht vor
den Erdbeben. Die Indianer am Erevato und Caura entsetzen sich aber
darüber, da die Erscheinung bei ihnen selten vorkommt, und selbst die
Thiere im Walde erschrecken ja dabei, und die Krokodile eilen aus dem
Wasser ans Ufer. Näher bei der See, wo die Erdstöße sehr häufig sind,
fürchten sich die Indianer nicht nur nicht davor, sondern sehen sie gern
als Vorboten eines feuchten, fruchtbaren Jahres.
Alles weist darauf hin, daß im Innern des Erdballs nie schlummernde Kräfte
walten, die mit einander ringen, sich das Gleichgewicht halten und sich
gegenseitig stimmen. Je mehr die Ursachen jener Wellenbewegungen des
Bodens, jener Entbindung von Hitze, jener Bildung elastischer
Flüssigkeiten für uns in Dunkel gehüllt sind, desto größere Aufforderung
hat der Physiker, den Zusammenhang näher zu beobachten, der zwischen
diesen Erscheinungen sichtbar besteht und auf weite Entfernungen und in
sehr gleichförmiger Weise zu Tage kommt. Nur wenn man die verschiedenen
Beziehungen und Verhältnisse aus einem allgemeinen Gesichtspunkt
betrachtet, wenn man sie über ein großes Stück der Erdoberfläche durch die
verschiedensten Gebirgsarten verfolgt, kommt man dazu, den Gedanken
aufzugeben, als ob die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben kleine
lokale Ursachen haben könnten, wie Schichten von Schwefelkiesen und
brennende Steinkohlenflöze.
Wir haben uns in diesem Kapitel mit den gewaltigen Erschütterungen
beschäftigt, welche die Steinkruste des Erdballs von Zeit zu Zeit
erleidet, und die unermeßlichen Jammer über ein Land bringen, das die
Natur mit ihren köstlichsten Gaben ausgestattet hat. Ununterbrochene Ruhe
herrscht in der obern Atmosphäre, aber -- um einen Ausdruck Franklins zu
brauchen, der mehr witzig ist als richtig -- in der *unterirdischen
Atmosphäre*, in diesem Gemisch elastischer Flüssigkeiten, deren gewaltsame
Bewegungen wir an der Erdoberfläche empfinden, rollt häufig der Donner.
Wir haben von der Zerstörung so vieler volkreichen Städte erzählt und
damit das höchste Maß menschlichen Elends geschildert. Ein für seine
Unabhängigkeit kämpfendes Volk sieht sich auf einmal dem Mangel an Nahrung
und allen Lebensbedürfnissen preisgegeben. Hungernd, obdachlos zerstreut
es sich auf dem platten Lande. Viele, die nicht unter den Trümmern ihrer
Häuser begraben worden, werden von Seuchen weggerafft. Das Gefühl des
Jammers, weit entfernt das Vertrauen unter den Bürgern zu befestigen,
untergräbt es vollends; die äußern Uebel steigern noch die Zwietracht, und
der Anblick eines mit Thränen und Blut getränkten Bodens beschwichtigt
nicht den Grimm der siegreichen Partei.
Nachdem man bei solchen Greuelscenen verweilt, läßt man die
Einbildungskraft mit Behagen bei freundlichen Erinnerungen ausruhen. Als
in den Vereinigten Staaten das große Unglück von Caracas bekannt wurde,
beschloß der zu Washington versammelte Congreß einstimmig, fünf Schiffe
mit Mehl zur Vertheilung unter die Dürftigsten an die Küste von Venezuela
zu senden. Diese großmüthige Unterstützung ward mit dem lebhaftesten Danke
aufgenommen, und dieser feierliche Beschluß eines freien Volks, dieser
Beweis der Theilnahme von Volk zu Volk, wovon die sich steigernde Cultur
des alten Europa in jüngster Zeit wenige Beispiele aufzuweisen hat,
erschien als ein kostbares Unterpfand des gegenseitigen Wohlwollens, das
auf immer die Völker des gedoppelten Amerikas verknüpfen soll.
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40 Z. B. die nächtliche Prozession am 21. October zum Andenken an das
große Erdbeben an diesem Tage um ein Uhr nach Mitternacht im Jahr
1778. Andere sehr starke Erdstöße kamen vor in den Jahren 1641, 1703
und 1802.
41 DELPECHE, _sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812_.
(Manuscript)
42 Die Dauer des Erdbebens, d. h. all der wellenförmigen und stoßenden
Bewegungen (_undulacion y trepidacion_), welche die furchtbare
Katastrophe vom 26. März 1812 herbeiführten, wurde von den einen auf
50 Secunden, von andern auf 1 Minute 12 Secunden geschätzt.