Peter Daly.
* * * * *
Deer Lodge, Montana, 17. März 1901.
Lieber Onkel Tom!
Mama ist tot. Du weißt es. Vater hat es Dir geschrieben. Schon drei
Wochen lang ist Mama tot und noch kann ich es nicht glauben. Jeden
Morgen wenn ich aufwache schau' ich verwundert herum, warum Mama nicht
klappert mit den Tellern in der Küche. Dann fällt mir ein, ach! Mama
ist ja tot. Ach, es ist so still bei uns, seit Mama nicht mehr lacht
und redet und kocht und wascht. Ich habe schon so viel geweint daß ich
nicht mehr kann. Ich kann nur den Kopf schütteln und herumgehen und
alles anschauen, antasten, was der Mama gehörte weil sie lebte. Ihr
Gebetbuch, den Rosenkranz, ihre Kleider. Ach, Onkel! es ist traurig.
Wenn ich schreiben könnte wie ich fühle, dann würdest Du weinen über
diesem Brief; aber ich kann nicht schreiben wie ich fühle. Ich kann
nicht leben ohne Mama. Warum ist sie fortgegangen von uns? Warum hat
der liebe Gott die gute Mama weggeholt und wir brauchen sie doch so
notwendig? Molly und Rose muß ich ankleiden jeden Morgen und auskleiden
am Abend und waschen und kämmen. Lilli ist auch noch zu klein. Tommy
auch. Ach, es ist traurig ohne Mama. Sie fehlt uns. Bei Nacht liege
ich stundenlang wach und warte. Ich schließe die Augen und denke:
Mama kommt und küßt mich. Ich deck' mich bloß und denke: Mama kommt
und hüllt mich warm. Und wenn ich träume von ihr und aufwache mitten
in der Nacht und alles nur ein Traum war und gar nichts um mich ist
als nur das Atmen meiner schlafenden Geschwister in der Kammer, und
draußen der Wind, der rüttelt am Fensterladen und heult im Wald -- --
ach, Onkel! ich kann's Dir gar nicht schreiben wie ich traurig bin.
Ich muß dann aufstehen. Ich muß herumgehen im kalten Haus wie ein
Geist. Manchmal nehme ich Mamas alte Schuhe ins Bett zu mir und halte
sie am Herzen, bis ich wieder einschlafe. Ach, Onkel! tu mich nicht
auslachen und nicht den Leuten erzählen. Ich kann mir nicht helfen. Und
Vater ist auch ganz verzweifelt. Er mag nicht schaffen und läßt alles
verwahrlosen. Er ist so bös, daß ich mich fürchte vor ihm.
Ach, wenn Mama nur noch einmal käm' und wenigstens Abschied nähme. Sie
hat gar nicht Abschied genommen. Sie war kalt und ohnmächtig, als sie
fortging. Die schöne, gute Mama.
Ach! jetzt muß ich doch wieder weinen. Ich meinte, ich könne nicht
weinen, und jetzt muß ich doch wieder weinen.
Lieber Onkel! Jetzt werde ich den Brief schließen. Ich wünsche Dir viel
Glück und Arbeit, damit Du Geld verdienst. Der lieben Tante Eva wünsche
ich Gesundheit und dem lieben Bertie auch alles Beste. Mama hat so oft
von Euch gesprochen. Nun ist sie tot.
Willie Daly.
* * * * *
Deer Lodge, den 24. März 1901.
Lieber Onkel Tom!
Ich habe Heimweh und niemand hier, dem ich's klagen kann. Darum
schreibe ich Dir schon wieder. Vater ist zur Schenke gegangen. Er geht
jeden Abend zur Schenke, seit die gute Mama tot ist. Er kann's nicht
aushalten in der Stube ohne die Mama, sagt er. Ach, es ist ja wahr, es
ist schaurig hier im Haus. Eben schlägt die Uhr auf dem Kamin neun.
Vier Stunden lang ist es schon Nacht. Und was für eine Nacht. Schnee,
Schnee, Eis und Sturm. Und hier sitze ich allein. Die Kinder schlafen
nebenan, aber Lilli hustet. Sie ist krank. Sie haben alle Erkältung
und Lilli am meisten. Was soll das werden? Wären wir doch nie von der
lieben, schönen Heimat weggereist. Dann lebte die gute Mama noch und
Vater blieb' zu Hause bei uns. Jetzt bleibt er gar nie zu Haus. Und ist
so bös mit uns. Jeden Abend sagt er: wenn wir alle miteinander sterben
täten, wär's gut. Das Unglück hat Vater so verändert. Er war gut mit
uns in Pilot Knob.
Ach, Onkel! Jetzt sitz' ich hier am Tisch und schreibe. Am alten
Tisch, vor der alten Lampe, auf dem alten Stuhl, meine Schulhefte,
Tinte und Feder vor mir. Wir brachten alles von Pilot Knob herauf. Die
Heiligenbilder an der Blockwand schauen mich an wie früher. Die Uhr
tickt wie damals.
O, meine Mama! -- Wie oft bin ich, seit sie tot ist, hier gesessen
in der Stube, allein. Bis elf, bis zwölf, bis Vater heimkam von der
Schenke, und habe das Licht herabgedreht, daß es schier auslöschte und
mit dem glühenden Ofen zusammen überall herum Schatten zittern ließ, am
Boden, an der Wand, an der Decke. Und bin herumgegangen von Schatten zu
Schatten.
O, ich kann nicht leben ohne meine Mama!!
Willie Daly.
* * * * *
Deer Lodge, den 27. April 1901.
Lieber Onkel Tom!
Du böser Onkel Tom! Warum antwortest Du nicht? Jeden Tag laufe ich nach
Kellys Laden und frage, ob der Brief da wäre von Neuyork. Der Mann ist
schon ganz ärgerlich. Ich weiß wohl, Du kannst uns nicht helfen. Du
bist selber arm. Wir wollen auch kein Geld von Dir -- nur gute Worte
wollen wir, Trost und Mitleid. Wir sind so verlassen in diesem wilden,
kalten Land -- so verlassen.
Ach, Onkel! Vater hat mir strenge anbefohlen, Dir die Neuigkeit
~nicht~ zu schreiben. Er war wütend, als ich ihm sagte, ich hätte
Onkel Tom zwei Briefe geschrieben. Onkel Tom kann uns nicht helfen,
sagte Vater, und wenn Du ihm diese Neuigkeit schreibst, ich schlag'
Dich tot. Das sind seine Worte. Er hat sich schrecklich verändert seit
der guten Mama Tod und Peters Tod. Er spielt den ganzen Tag Karten in
der Schenke. Alles verwahrlost. Wir sind alle krank.
Wär' ich allein, ich würde ja schweigen und nichts verraten, aber meine
armen Geschwister, ach! die sind so hilflos, daß ich ihretwegen reden
muß, sonst wär' ich kein braver Bruder.
Lieber Onkel Tom! Wir haben eine neue Mama. Ein böses Weib. Vater hat
sie geheiratet in der Schenke. Dort war sie Kellnerin. Und jetzt ist
sie unsere neue Mama. Vater hat sie ins Haus gebracht vor drei Wochen
und gesagt: »Kinder, das ist nun eure neue Mama, und die müßt ihr
ebenso lieb haben wie die alte Mama.«
Ach, Onkel! wir können das Weib nicht lieb haben. Sie ist schlecht.
Sie flucht und lügt und betet nicht. Wir wollen keine fette, große
Mama, die immer bös ist. Jeden Tag sagt sie, daß wir eine Last sind und
sterben sollen. -- Könnten wir doch sterben. Wir wollen ja sterben.
Dann wären wir im Himmel bei der guten, einzigen Mama für immer und
immer.
Onkel! wir fürchten sie sehr. Vater fürchtet sie auch und muß jetzt
jeden Tag ins Bergwerk, arbeiten. Das ist noch gut. Sie läßt ihn nicht
zur Schenke am Tag. Abends gehen aber beide zusammen zur Schenke,
trinken und tanzen. Jeden Abend. Jetzt sind sie auch dort und darum
kann ich Dir diesen Brief schreiben. Aber sei ja vorsichtig, lieber
Onkel, und adressiere an mich »Willie« und nicht an Vater. Mister Kelly
weiß alles von mir und wird den Brief nur ~mir~ geben. Mister
Kelly ist sehr gut zu mir. Er schenkt mir Briefmarken, Papier und was
ich brauche. Er sagt immer: »Willie, deine Mama ist im Himmel, aber
dein Vater ist verrückt, seine Familie in diese Wildnis zu bringen. Das
tut kein vernünftiger Mann.«
Wir sind auch die einzige Familie im Lager. Zwei sind wieder abgereist
die erste Woche schon. Aber wir kommen nicht weg, wir sind zu arm und
müssen schon bleiben, bis Gott uns Hilfe schickt.
Ach, Onkel! ich zittere so vor Angst. Ich werde doch besser tun und
schließen. Die Tür hat nur einen Schieberiegel, und wenn Vater jetzt
heimkäme und mich abfaßte beim Schreiben. Ich bin auch sehr müd.
Leb denn wohl! Ich bete. Gott verläßt keinen Betenden.
Willie Daly.
Die Abendsonne des letzten Maitags tauchte unter hinter dem
Felsengebirge, und Schatten füllten langsam die endlich schneefreien
Schluchten des Deer Lodge. Als die Röte am Horizont sich löste in
farbloser Nacht und drunten im Tal einzelne Lichter blitzten, die Orte
bezeichnend, wo Menschen inmitten der Wildnis wohnen, da kam ein Reiter
von Buxton her in die Niederung geritten.
Offenbar war er nicht sehr in Eile, trotz der späten Stunde und des
gefährlichen, holperigen Weges; vielleicht aber war er so tief in
Gedanken versunken, daß ihm jeder Begriff von Tempo abhanden gekommen
war und er das Allegretto nicht vom Andantino zu unterscheiden
vermochte. Immerhin, das Maultier, das ihn trug, benützte diesen
seltenen Fall, einen Dirigenten über sich zu haben, der sparsam mit
dem Taktstock hantiert, und wählte den gemütlichsten Marsch, der noch
erlaubt werden kann im Bereiche der Bewegung.
Erst als der Reiter an die erste Hütte gelangte und der Lichtstrahl aus
dem Fensterchen sein Gesicht streifte, schrak er zusammen, richtete
sich im Sattel auf und blickte, wie aus schwerem Schlaf erwachend,
ringsum. Dann trieb er das Maultier dicht an die Hüttentür und pochte,
ohne abzusteigen, mit dem Fuß. Vier bärtige, wettergebräunte Männer
erschienen und tauschten mit dem Fremdling etliche Worte, die jedoch
vom Gebell zweier Bulldoggen begleitet wurden. Der Fremde mußte sie
doch verstanden haben, er bedankte sich und ritt dann im Trab weiter
talwärts. Vor dem größten Blockhaus im Lager hielt er wieder an, sprang
aus dem Sattel, warf die Zügel einem Stallknecht in die Hände und
verschwand in Kellys Laden.
Schier eine volle Stunde lang konnte man ihn dort mit dem Eigentümer
des Ladens gestikulieren sehen; beide nickten und schüttelten häufig
die Köpfe, und beide behandelten das Thema als ein außergewöhnlich
ernstes. Als er endlich wieder heraus auf den Weg trat, war er in
Begleitung eines Mannes, der ihm vorausging, in die Nacht hinein. Vor
einer ziemlich abseits vom Lager erbauten Bretterhütte machten sie
halt. Der Wegführer empfing ein Geldstück und verschwand, dankend und
pfeifend.
Sobald sich der Fremde allein wußte, kam es wie Erleichterung über
ihn. Er blieb stehen, atmete auf, reckte sich. Dann zog er seinen
breitrandigen Hut vom Kopf, murmelte etliche Worte, sich dabei gegen
die Hütte verneigend, als wäre die Holzbaracke eine Kirche oder sonst
ein heiliges Gebäude. Hierauf schritt er dicht an die Tür. Durch
mehrere Ritzen drang Licht heraus. Er bückte sich und sah durch die
größte in das Innere -- in die Küche. Die war eigentlich der einzige
Raum und füllte beinahe die Hütte; links waren allerdings zwei Türen
zu abgesonderten Räumen, die wohl zum Schlafen dienten; groß konnten
sie jedoch nicht sein. Eine Zimmerdecke gab es nicht; das Dach war die
Decke. Ebenso fehlte die Tünche an der Wand, der Bretterboden, das
zweite Fenster und noch unzähliges mehr. Alles war rauh, flüchtig,
robinsonartig zusammengeschustert zu einer Menschenwohnung, ungastlich,
unheimlich im höchsten Grad.
Plötzlich kam eine Unruhe in die große, kraftvolle Gestalt des Fremden.
Er sah, wie die Tür der einen Schlafkammer sich öffnete und ein Kind in
die Küche heraustrat. Es war ein Knabe von etwa zwölf Jahren. Er trug
in einer Hand ein Bild im Rahmen, in der anderen eine kleine Statue.
Beides stellte er vorsichtig auf den Tisch neben die Lampe. Dann kniete
er auf den Boden, wickelte sich eine Schnur mit Kügelchen dran um die
Finger und begann laut zu beten: »Gedenke, o seligste Jungfrau! daß
noch nie erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, von
dir verlassen wurde --«
Der Fremde zog leise am Schieberiegel, öffnete ebenso die Tür und trat
ein. Die kältere Luft von außen, die er mit hereinbrachte, störte den
Knaben; er drehte sich um, und den Mann sehend sprang er rasch und
erschrocken auf die Füße. Mit weitgesperrten Augen musterte er den
Eindringling; zuerst dessen Gesicht; dann, heruntergleitend an der
Gestalt, bemerkte er an der linken Schulter einen fehlenden -- --
»Onkel Tom!!« schrie Willie und -- --
Blitzesschnell setzte sich der Erkannte auf die Bank, riß das
hingestürzte Kind vom Boden auf, warf es über die Kniee, preßte sein
Gesichtchen hart an sich, rieb ihm Hände und Schläfe, Stirn und Hals,
wiegte es hin und her, wie eine Mutter, wenn sie Schlummer erzwingen
will. So gelang es Tom allmählich, das arme, in Konvulsionen zuckende
Wesen wieder zu beleben. Ein langer, schriller Schrei entlud sich
aus Willies Brust; dann kurze, pfeifende Laute, unterbrochen von
Atemholen, begleitet von krampfhaftem Ballen und Öffnen der Hände,
von verzweifelten Versuchen, sprechen zu wollen, Schluchzen in Worte
formen zu wollen -- bis endlich, wie lang zurückgedämmte Flut, alles
wiederkam. Worte über Worte, grauenvolles Klagen ... Wie das Kind
gelitten, geduldet; wie es getreten und geschlagen wurde, mutterlos
allein, durch Wintersnacht, durch Hungersnot; und keine Menschenseele,
die diese Last, zu schwer für Riesen, mit dem Knaben teilte.
Lautes, anhaltendes Weinen, weniger und weniger von Zuckungen gestört,
bildete den Schluß. Stiller und weicher wurde das Kind; wärmer,
anschmiegender. Die Verzweiflung hatte sich ausgetobt, wie in einem
Wolkenbruch, und der Hoffnung Sonne, der heiße Hauch des Mitleids
richteten den gebeugten Halm wieder auf. Behutsam drehte Tom, nach
einer Weile Wartens, des Knaben Gesicht zur Seite, um es zu betrachten.
Es war blaß, langgezogen, mager. Die Augen hatten einen kranken,
schläfrigen, geistesabwesenden Glanz und blickten empor, wie eben
zurückkehrend aus schwerer Betäubung. Schaudernd drückte Tom das Kind
wieder an sich -- seiner Schwester Kind -- und wiegte und wiegte.
Summend und schaukelnd, noch fünf Minuten, und -- Willie war im
Traumland.
Der Onkel entkleidete ihn jetzt. Die Schuhe fielen von selber ab.
Das Wämschen war dünn, aber noch gut. Das Höschen war, von Willies
eigener Hand, zum Weinen ungeschickt geflickt. Die Unterkleider -- --
Tom zitterte vor Erregung über die entsetzliche Magerkeit des Kindes,
und über mehrere blutunterlaufene Hautflecken -- zweifellos Merkmale
brutaler Schläge. Rasch trug er dann seinen Schützling, so gut er's
vermochte, mit dem einen Arm und dem Stumpf ins Bett.
Aufatmend kam der Samariter zurück, nahm die Lampe vom Tisch und
leuchtete hinein ins Schlafzimmer der Kinder. Drei Mädchen lagen
zusammengenestelt am Fußende des Doppelbetts, das beinahe die Kammer
füllte. Im selben Bett, aber Fuß gegen Fuß mit den Schwesterchen,
schliefen die Brüder ... Der Einarmige schüttelte mehr als einmal sein
traurig blickendes Gesicht. Mehr als einmal seufzte er herzbrechend.
Dann drückte er geräuschlos die Kammertür zu, trug das Licht auf den
Tisch zurück und setzte sich. Vor ihm stand jetzt, angelehnt an den
Wasserkrug, das Bild seiner Schwester und blickte ihn an. Geschwind
wendete er es um. Neben dem Krug stand eine abgegriffene kleine Statue
der Muttergottes von Lourdes. Er führte sie zum Mund und küßte ihr
Gesicht mit tiefernster Ehrfurcht. Er hob den Rosenkranz, der am Boden
lag, auf und machte den Versuch zu beten. Er konnte nicht. Seine Zähne
waren so fest aufeinander gebissen -- er konnte nicht beten.
Darauf trug er die Heiligtümer weg vom Tisch und versteckte sie im Bett
der Kinder. Noch einmal sah er über die fünf Schlafenden hin, aber ohne
Licht dieses Mal. Im Halbdunkel glich die Kammer so sehr einem Kerker,
einem Totenhaus -- und die bleichen Gesichter glichen Leichen. Ein
wildes Gefühl erwachte in Tom: die Kinder zu wecken und eins nach dem
andern zu drücken, zu umarmen -- eins nach dem andern abzuküssen auf
Mund, Stirne, Augen -- so lang und so feurig mit Küssen und Weinen,
bis, von Liebkosungen trunken, sie alle wieder schlafen wie zuvor. --
Rasch überwand er das, schloß die Kammer, nahm den Hut -- schloß die
Küche ebenfalls -- verließ das Blockhaus und trat ins Freie.
Neben der Hütte war ein kahler Sandhaufen, gegen Unwetter von
überhängenden Fichten beschirmt. Spuren bezeichneten den Ort als
Spielplatz der Kinder; Tom wich ihm aus. Auf dem Rasenhügel abseits
warf er sich nieder und sah herum, empor. Dann wischte er sich die
Stirn. Der Mond schien viertelvoll über dem Felsenpaß des Deer Lodge
und war nah am Untergehen. Wolkenlos und scharfkühl war die Nacht.
Grabesstille herrschte im weit auseinander gebauten Lager. Des guten
Himmels Sterne weinten hernieder auf das Tal, die Hütten, die Menschen,
die ihre Sünden sogar in diese felsengesperrten Täler trugen.
Tom zog seine Uhr und besah die Zeiger im Mondschein. Zwölf. Er
richtete sich auf und schritt die Halde hinab zur Hütte, schloß sich in
die Küche ein. Er hatte Geräusch gehört; nun kam es näher und näher.
Deutlich vernahm er Lachen, Sprechen, leichtsinniges Gebaren. Jetzt zog
jemand am Schieberiegel. Die Tür ging auf; Peter und sein Weib traten
ein. Sofort sahen sie den Fremdling, der schweigend am Tisch sitzend
sein strenges Profil von der Lampe bescheinen ließ.
Sie erschraken ein wenig, die Eintretenden; Peter mehr als sie. Tom
stand auf und gab sich zu erkennen. Nun begrüßten sie ihn; herzlich
sogar. Peter stellte den Schwager Tom von Neuyork seiner Gattin vor,
und dann seine Neuvermählte dem Einarmigen. Darauf empfand er das
Bedürfnis, eine Entschuldigung zu salbadern an den Bruder seiner ersten
Frau, wegen der kurzen Trauerfrist.
Tom gab ihm die Absolution, mit dem Zusatz, daß mancher Ehmann nicht
~so~ lange warte; es komme ganz auf den Wert der Toten an. Peter
fühlte sich unsäglich erleichtert nach der Freisprechung und bekundete
seine Dankbarkeit durch hündisch unterwürfiges Gebaren. Tom tätschelte
dem Hund den Rücken. Tom war bei allerbester Laune. Tom war zu
gerieben, um mit offenen Karten zu spielen; wenn doch der Zweck seiner
Reise in dieses Bärenland war: ein Geschäft abzuwickeln mit diesen zwei
Leutchen. Warum sich dann Feinde machen, die, wenn sie wollen, alle
seine Pläne durchreißen können?
Er ließ die strenge, unbeugsame Wahrheit im Wartezimmer und nötigte
die schlüpferige Heuchelei herein. Er schmeichelte vorerst seinem
gewesenen Schwager ob des feinen Geschmacks, den er beim Erwählen der
neuen Frau Daly bekundet habe. Das erweckte Heiterkeit in der ganzen
Küche. Dann machte er einen Schritt weiter ins gute Verhältnis und ließ
alle ~die~ Vorzüge der neuen Frau Parade laufen, die dem plumpen,
kurzsichtigen Blick des Gatten bisher entgangen sein mußten: denn
Peters rostige, von Schmarren und Runzeln durchfurchten Züge glätteten
sich wie Lumpenzeug unterm Bügeleisen und glänzten am Schluß der
Lobhudelei, daß sämtliche Gegenstände der Küche Doppelschatten warfen
-- vom Lampenlicht und von Peters Gesicht.
Endlich wurde es dem Heuchler selber übel zum Erbrechen; denn das
Weib da neben ihm -- das wußte er schon -- war eine an Leib und Seele
bankerotte Vettel, die sich nirgends mehr in Umsatz bringen kann
als nur im Lager zwischen Spielern, Säufern, geistig verwahrlosten
Gräbern; eine fünfzigjährige, geschwollene Kokette, die sich mit allen
Mitteln der Verstellung, mit allen Farben der Falschheit übermalt, mit
wohlstudierter Haltung, mit angepappter Bildung, ach! mit Herzensgüte
sogar, mit des Kindes naivem Blick und Lächeln Laster übertüncht,
Egoismus, Gemeinheit, und gleich der Natter, die ihr Kleid an Dornen
hängen sieht, Gift spritzen möchte, eh der Fuß sie tritt. ~Ein~
unbedachtes Wort vor ~diesem~ Weib, und die Kriegserklärung ist
fertig. Daß sie aus so vielen Herren des Lagers den Peter bevorzugte --
das ist für Peter nicht schmeichelhaft.
Tom siegte; siegte, wie er mußte. Er gewann die Kokette als Verbündete
in sein Geschäft -- und legte aus -- erklärte, erzählte. Viel wurde
zwar herumgeredet, geschachert, gefeilscht. Peter war ein halsstarriger
Gegner des Plans; hauptsächlich drehte und krümmte er sich, als man auf
~Willie~ zu verhandeln kam. Schließlich glätteten sich jedoch die
Widerspüche, und als die Schlacht geschlagen war, hatten alle Parteien
gesiegt. Der Friedensvertrag lautete:
~Erstens~: Peter Daly ist total mittellos, sogar in Schulden. Die
Reise nach Klondyke ist Peters heißester Wunsch, kostet aber ~mit~
Frau zweihundert Dollar. Peter Daly und Frau reisen also nach Klondyke.
~Zweitens~: Tom Pratt bezahlt sofort an Peter Daly und Gemahlin
hundertfünfzig Dollar, und fünfzig weitere Dollar innerhalb zwei
Wochen, die er aus der Bank am Hudson ziehen wird. Das, zusammen mit
Peters Monatslohn, der am fünfzehnten Juni fällig wird, reicht zur
Auswanderung.
~Drittens~: Peter Daly gibt alle Ansprüche auf seine noch lebenden
fünf Kinder ab zu Gunsten des Tom Pratt.
Der Einarmige zog aus der Brusttasche ein schönbeschriebenes Blatt
hervor, eine Feder und sogar Tinte; und während Peter und Gemahlin das
Dokument lasen, zählte er hundertfünfzig Dollar in Kassenscheinen auf
den Tisch.
»Woher hast du all das Geld?« fragte Peter glotzend; er hatte vorhin
schon einmal gefragt.
»Ein Seestern!« antwortete Tom und lachte. -- »Nimm's nur!«
Peter unterschrieb mit zitternder Hand. Dann nahm er das Geld und gab
es mit ebensolchen Händen seiner »Marianne«.
Beide Eheleute bedankten sich, und der Handel war abgeschlossen.
Eine merkwürdige Veränderung kam über Tom, als er das unterzeichnete
Papier faltete und in der Brusttasche verschwinden ließ. Eisige Kälte
überzog augenblicklich sein vorher freundliches, gewinnendes Gesicht.
Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf, griff nach dem Hut und verließ
das Haus.
Peter, todmüde von der Tagesarbeit in der Mine, vom Tanzen und
Trinken in der Schenke und der Aufregung jetzt, streckte sich auf
der Küchenbank aus und suchte in tiefem Schlaf Erholung. »Marianne«
überzählte noch einmal das viele Geld und schmunzelte vergnügt.
Es war drei Uhr Morgens und stockfinstere Nacht. Der Mond war
untergegangen. Da rollte an die Hütte ein Karren heran, mit zwei
Maultieren bespannt. Ein Reiter folgte auf einem dritten; behende
sprang er vom Sattel, gab die Zügel dem Fuhrmann auf dem Karren und
verschwand im Schuppen. Wenige Sekunden später kam er wieder heraus. Er
trug einen Knaben, in Bettzeug gewickelt und schlafend, zum Karren und
legte ihn mit Hilfe des Fuhrmanns, der mit der Laterne leuchtete, ins
Stroh.
Schnell wiederholte der Mann den Gang und brachte einen jüngeren Knaben
heraus, in Lumpen und Laken gewickelt, und legte ihn ebenso in den
kistenartigen, halb mit Stroh und Stalldecken gefüllten Karren. Das
nächste Mal hatte der Räuber ein schlummerndes Mädchen, etwa fünf Jahre
alt, im Besitz. Das vierte Mal trug er ein vierjähriges Mädchen in die
Gefangenschaft. Das fünfte Mal -- --
»Marianne« schüttelte den schnarchenden Peter. Er schlief weiter.
Endlich zerrte sie ihn von der Bank herunter und schrie ihm ins Ohr:
daß seine fünf Kinder gestohlen würden von einem einarmigen Einbrecher.
Halbwachend erfaßte der Unglückliche die Situation in so milder Form,
daß er mit Gähnen und Gliederrecken sich darüber wegsetzte. Er glaubte
sogar ein Opfer zu bringen, als er das bequeme Liegen auf der Bank in
Aufrechtsitzen umänderte.
»Peter! deine Kinder nimmt er dir weg!« kreischte die Stiefmutter. »Den
Willie hat er, den Tom, die Lilli, die Rose --«
Jetzt trat Tom Pratt mit Molly, der Jüngsten, und zugleich mit einem
Habersack voll Schulbücher, Bilder, Hefte, Briefe und Reliquien aus der
Schlafkammer und versuchte zu fliehen.
Das war unmöglich. Der Räuber hatte sich überladen und Peter gelang es,
ihm den Weg zu vertreten.
»Meine Molly!« jammerte der Vater. »Mein Kind! Laß mir wenigstens eins
von fünfen, eins. Den Willie laß mir!«
Beim Versuch, das schlafende Kind zu küssen, taumelte der immer noch
Schlaftrunkene seitwärts -- und Tom rannte nach dem wartenden Wagen.
Eilig bettete er Molly ins Stroh; der Fuhrmann hieb auf die Esel los;
Tom sprang in den Sattel; und fort ging's in die Nacht hinein.
»Tom!« hörte man von der Hütte her ein klägliches Rufen; aber weiter
flogen die Räuber durch Staub und Finsternis.
»Tom!« klang es noch einmal.
Dann noch einmal, jedoch so ferne, daß der ächzende Karren und die
Hufschläge der Tiere es übertönten: »Tom! O, o, o!«
* * * * *
Der Morgen dämmerte in phantastischen Umrissen über Deer Lodge, als die
Flüchtlinge den Hügelrücken erreichten, der es dammartig von Buxton
trennt. Die Kinder waren inzwischen alle wach geworden und betrachteten
sich gegenseitig; jedoch ohne sonderliches Erstaunen zu bekunden. Sie
nahmen die gewiß neue Weltordnung, in welche sie über Nacht, im Schlaf
sogar hineingefahren waren, als etwas ganz Selbstverständliches, als
hätten sie es vorausgewußt und erwartet. Oder waren die unglücklichen
Wesen durch Entbehrungen schon so stumpfsinnig geworden, daß nichts
mehr sie bewegte?
Neben der Birkengruppe in dem mit der Axt ausgeschlagenen Fahrweg
machte die Karawane halt. Tom stieg ab und befestigte die Zügel am
Ast einer Weißrindigen. Der Fuhrmann unterrichtete ihn vom Wagensitz
herunter, wie er gehen sollte. »So und so -- fünf Minuten steigen;«
dabei zeigte er mit dem Peitschenstiel auf eine riesige Tanne, die
das Buschwerk überragte, als das Ziel. »Dort liegt's,« sagte er.
»Wenigstens nicht weit von der Rottanne liegt das Grab. Sie können gar
nicht fehlgehen, Sir, wenn Sie die Tanne im Auge behalten.«
Tom verschwand in der angegebenen Richtung.
Der Mann vom Lager, der Fuhrmann, sprang nun auch vom Wagen, löste die
Halfter der Maulesel, befestigte sie am Karrenrad. Dann langte er einen
Sack mit Welschkorn hervor und fütterte die Tiere. Auch Toms Geduldiger
bekam sein Teil zu fressen. Darauf griffen zwei barmherzige Hände nach
einer Pappschachtel mit süßem Zwieback und übergaben sie den Kindern
zur Vernichtung. Dieselben Hände zogen dann einen Tabaksbeutel hervor,
eine Tonpfeife, stopften die Pfeife, zündeten sie an und steckten
sie einem gutmütig dreinschauenden Mann ins braune, bärtige Gesicht.
Der Mann belohnte die zwei Barmherzigen, indem er sofort jede Arbeit
ruhen ließ, sich aufs Moos lagerte und blaue Wölkchen hinaufblies in
die knospenden Birken. Jetzt war es so ruhig ringsum, so still -- man
hörte nur das Kornkauen der Esel und das Knabbern guter Kinderzähne am
Zwieback.
Da -- plötzlich gellte aus der Richtung, wo die große Tanne stand, ein
wilder Schrei durch den Wald. Kurzes Echo gellte zurück von den Felsen.
Erschrocken sprang der Fuhrmann auf und beruhigte die Tiere, die scheu
zu werden drohten. Gespannt horchte er: wiederholt sich der Schrei? --
Ein wildes Tier? -- Aber nein. Es blieb still. Die Maulesel begannen
ihr unterbrochenes Frühstück zu vervollständigen. Die Kinder ließen
sich überhaupt nicht stören.
Jetzt kam Tom zurück. Er ging in gewöhnlichem Schritt und trug den Hut
in der Hand. Totenblässe bedeckte jedoch sein Gesicht und Schweiß seine
Stirn. Als der Fuhrmann ihn fragend anschaute, schüttelte Tom den Kopf.
»Fehlgelaufen, Sir?«
Statt der Antwort zog der Einarmige seinen Reisegefährten beiseite,
damit die Kinder nichts hören sollten, falls sie lauschen wollten. Er
redete halblaut. Es schien, als frage er viele Fragen, denn wiederholt
zuckte der andere die Achseln und schüttelte den Kopf. Endlich sagte
er laut: »Ich werde behilflich sein, aber nicht um Geld, Sir; nur aus
Mitleid, einzig aus Mitleid. Ich hab' Kinder in Portland und weiß,
wie's tut. Gott helf' Ihnen, Sir!«
Seine Pfeife ausklopfend und einsteckend, ging er zum Karren und langte
den Willie, wie er war, in Decken gewickelt heraus. Tom nahm Willies
Brüderchen und beide Männer schritten mit ihrer Last in die Richtung
der großen Tanne und verschwanden.
Nach zehn Minuten kehrten sie zurück, nahmen dieses Mal zwei der
Mädchen und trugen sie den Hügel hinauf.
Wieder kamen sie zurück. Der Mann von Portland legte sich nun lang aus
ins Grüne zur verdienten Ruhe. Tom nahm die kleine Molly auf seinen Arm
und bahnte sich zum vierten Mal den Weg durch Hecken hinauf.
Erschöpft trat er in die Lichtung neben der Riesenfichte, setzte die
Kleine zu ihren Geschwistern und sich selber -- den Hut ab -- etwa
zehn Schritte seitwärts. Da kauerten sie nun alle fünf, in Stalldecken
und Bettücher eingemummt, auf dem frischgeworfenen Hügel, unter dem
frischgezimmerten Kreuz, in der kühlen, frischen Tagesdämmerung.
Die Kinder hatten, obwohl keines je hier war, den Ort gleich erkannt
und wußten, was der Hügel, das Kreuz, die Zeremonie der Herreise
bedeute. Sogar die Kleinste wußte es und begann das Mündchen zu
verziehen zum Weinen. Merkwürdig jedoch, sie weinte nicht -- und
niemand. Niemand sprach ein Wort. Mit unnatürlich großen, tiefen Augen
schauten die Kinder sich gegenseitig an; schauten ringsherum, mit
heftigen, sogar wilden Blicken. Etliche davon trafen den armen Sünder
nebenan, als hätte ~er~, der Einarmige, die Mama getötet, ihr das
Grab gegraben und sie da hinuntergeschaufelt.
Dann endlich bemerkte Tom, wie drei, vier, sieben, zehn kleine Hände
nacheinander aus den Lumpen und Decken krochen; und das war es
wohl, auf was er sehnsüchtig gewartet hatte. Denn sofort kniete er
nieder, hielt seinen verstümmelten Arm nebst dem rechten in die Höhe,
neigte sein Haupt tief zur Erde, und zitternd, leise, dann lauter,
glockenreiner klang im Chorus, durch Wald und Wildnis, das göttliche
Gebet: »Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme zu uns. Dein Wille geschehe ...«
Und mit Strahlen auf Strahlen vom Licht der erwachenden Sonne -- durch
Tannen, Birken, schwankendes Buschwerk, goldgelbe Bänder flechtend,
gleichsam den Hügel und seine Heilige einspinnend in Netze himmlischer
Farben -- so kam der ~Gerufene~ herab zu den Kindern.
* * * * *
Mittags kamen sie endlich in die Niederung von Buxton. Der Fuhrmann
trieb sein Fahrzeug nach einem abseits in halbwildem Garten stehenden
Blockhaus und hielt vor der Umzäunung. Die Herauskommenden, zwei
Frauen, grüßten ihn herzlich; die jüngere seine verheiratete Schwester,
die andere deren Schwägerin, eine Witwe. Die beiden betrieben ein
Waschgeschäft, nebst Flickerei von alten Kleidern. Der Hausherr war,
wie schier alle seines Geschlechtes in dieser Weltgegend, Bergmann.
Zwischen Tom und seinem Reisegefährten war viel vereinbart worden
während der Fahrt über den Hügel; sie hatten weiter nichts mehr zu
unterhandeln. Tom küßte die Kinder, redete etliche wohlwollende Worte
und entfernte sich dann auf seinem Reittier in der Richtung von Buxtons
einziger Straße.
Jetzt ereignete sich etwas Unerwartetes. Kaum war Tom verschwunden, so
ergriffen die drei andern die Kinder, schleppten sie hinter das Haus
in den abgelegensten, verwachsensten Winkel und zogen die hilflosen
Wesen aus, splitternackt, setzten sie so nebeneinander, dem Alter
nach: Willie, dann weiter, auf ein rohes Brett und Holzklötze. Dann
bewaffneten sich die beiden Weiber und ebenso der Fuhrmann mit scharfen
Scheren, stürzten sich über die Mädchen, dann über die Knaben her und
begannen sie völlig glatt zu scheren. Alles, was Haar hieß, schnitten
sie herunter, so gründlich, daß die Opfer der Prozedur nach dem Angriff
aussahen wie geschorene Schafe und keines das andere erkannte.
Sie ließen es sich aber schweigend gefallen.
Nach dieser Tortur kam der zweite Foltergrad: die Kinder wurden
paarweise in warme Seifenbrühe gelegt, unbarmherzig gebürstet, getaucht
und abgerieben mit Tüchern, und wieder gebürstet und abgerieben.
Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
Damit nicht genug: jetzt wurden alle die abgerissenen Unterkleider und
Bettlaken, nebst den argverschnittenen Haarlocken, auf einen Haufen
gekehrt und -- zu Asche verbrannt.
Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
Jetzt schürten die Weiber den Herd mit frischem Holz, das der
Portlander herbeischleppte, und stellten Bratpfannen auf. Als es so
aussah, als sollten die Gefolterten in der Pfanne elendiglich gebraten
und geröstet, mit Schweinefett und Zwiebeln vermischt und jedenfalls
dann gefressen werden -- da erschien als rettender Engel ~Tom~.
Er schleppte einen großen Pack unter dem Arm und ließ ihn neben der
Küchenbank fallen, auf die man die Kinder gesetzt hatte.
»Ach, Onkel Tom!« klagten die kleinen Nackten, »wir sind schier nicht
mehr da! Schau doch! schau!«
Der Einarmige lachte und wischte sich den Schweiß. Die Kinder lachten
auch, die Folterknechte ebenfalls. Es war die erste heitere Szene.
Tom schnitt dem mitgebrachten Pack den Bauch auf, und lauter neue,
schöne, reine Kleider und Schuhe und Strümpfe platzten heraus.
Schnell, mit Hilfe der Frauen, wurden die Sachen verteilt und den
nackten Gliederchen umgehängt. Schier alles paßte; und was nicht
eben paßte, wurde so lange gelobt, bis es dann doch paßte. War das
eine Freude! Das erste frohe Lachen seit Monaten kam aus der Kinder
Innerstem. Die Mädchen hatten niedliche Kapuzen, die ihre geschorenen
Köpfe verdeckten; Rose eine rote Kapuze, Lilli eine weiße, Molly eine
blaue. Die Knaben hatten Jockeikappen, die ein Gleiches taten. Alles
schillerte in Farben und Flitter.
Nun setzte sich die Gesellschaft an den Tisch; die Pfannen wurden auf
die Teller umgeschüttet, und zu essen gab es. Und gegessen wurde mit
einem Appetit, der -- unterhalb des Polarkreises nicht wohl überboten
werden kann.
Nach der Mahlzeit blieben Onkel Tom, der Fuhrmann, die beiden Frauen
am Küchentisch, während die Kinder durch den Garten zogen und ihre
neuen Kleider mit den wilden und gezähmten Blumen verglichen, sehr zum
Nachteil der Blumen. Am Küchentisch wurden nun Rechnungen gemacht und
beglichen, Schulden bezahlt. Viel Geld mußte Onkel Tom auslegen, viel
Geld. Ohne Murren noch Seufzen zahlte er jedoch alles auf den Tisch.
Endlich war er frei -- und atmete auf.
Dann nahmen sie Abschied; Tom mit den fünfen einerseits, der Fuhrmann
mit den zweien anderseits. Wie doch das Unglück Menschen rasch
verbrüdert: dem bärtigen Karrenmann stand das Wasser in den Augen, als
er dem Einarmigen die Hand drückte. »Sir!« sagte er, »leben Sie wohl,
und glückliche Reise! Werd' auch bald nachreisen, nach Portland wieder.
Das Geschäft geht miserabel schlecht in Deer Lodge; wird bald ganz
aufhören über Sommer.«
Die beiden Frauen küßten die Kinder der Größe nach; die eine von unten
nach oben, die andere umgekehrt. »Viel Glück! viel Glück!« riefen sie
noch und schwenkten die Taschentücher, als Tom mit seinen Schützlingen
schon fast verschwunden war zwischen Hecken und Büffelgras, auf dem
Pfad zum Bahnhof.
Schon eine halbe Stunde wartete der Zug, und als die Reisenden
eingestiegen waren in die nur schwachbesetzten Wagen, wartete er
abermals eine halbe Stunde. Buxton ist Endstation; der Zug ist
überhaupt der einzige täglich, der mit Butte City verkehrt, und das
Dienstpersonal macht wohlverdiente Ruhepause hier.
Da saßen sie nun endlich im Eisenbahnwagen, fertig zur Abreise nach
dem Osten, in die Zivilisation wieder, in die hoffentlich sonnige
Zukunft. Tom stützte seinen verkrüppelten Arm auf das Gesimse des
offenen Fensters und bedeckte sich mit der Rechten die Stirn, als hätte
er Kopfweh oder sonst ein schweres Leiden. Er war seit dem Einsteigen
plötzlich wieder tief traurig geworden und niedergeschlagener als je
zuvor.
Ihm gegenüber saß Molly, das Gegenteil von Trauer und
Niedergeschlagenheit. Vertieft in die Farben und Schönheiten ihrer
neuen Kleider, schwelgte die dreijährige Kokette in Glückseligkeit.
Abwechslungsweise hoch und höher zog sie ihr Röcklein und betrachtete
mit schattenloser Befriedigung die blaubestrumpften, trotz aller Not
rund gebliebenen Beinchen.
Neben der Molly saß Lilli -- schneeweiß wie ihr Name. Die Unterlippe
hatte sie ein wenig eingezogen; ebenso, nur fester, die Daumen in die
innere, halbgeschlossene Handfläche. Mit tiefliegenden Augen, die von
krankhaftem Blau unterstrichen waren, starrte das Kind unverwandt
den großen, fremden Mann an, der sie von Deer Lodge hiehergebracht
hatte. Wie sehr das notwendig war, und beinahe zu spät, bewies ein
ungewolltes, erbarmungswertes Seufzen, das jede Minute wiederkehrend
ihre kleine, abgemagerte Form erschütterte wie ein Schreck.
Rechts am anderen Fenster unterhielten sich Willie, Tommy und Rose
heimlich miteinander. Ziel und Zweck der Reise war das Thema, und
Willie zeigte eine an Allwissenheit streifende Prophetengabe.
Ah! jetzt zog die Lokomotive an, mit dem bekannten Ruck. Die Wagen
bewegten sich. Die Station ging vorüber, vorüber der angrenzende
Schuppen, der Schwellenhaufen, das Wasserfaß, die ärmlichen,
verdrückten Blockhütten der Ansiedlung ... Jetzt -- o jetzt --
Tom schaute auf und hinaus. Seine Blicke trafen den Horizont, den
waldbewachsenen Hügelrücken, der Buxton trennt von Deer Lodge; sie
erkannten die Riesentanne auf dem Hügel, die gleich einem von der
Abendsonne vergoldeten Finger gen Himmel zeigte.
Donnernd rasselte der Zug vom offenen Feld in eine Felsenspalte, und
das Bild war fort, verschwunden auf Nimmerwiederkehr.
Jennie! dachte Tom, dem die Tränen aus den Augen stürzten. Und dort
liegst du nun in alle Ewigkeit allein; niemand, der dein Grab besucht,
als das Tier der Wildnis. O, daß es so enden mußte mit dir! Steine
statt Blumen; Hagel statt Tränen; statt der lieben Kinder Weinen werden
Wölfe heulen. Jennie! Meine Jennie!
Mit schaurigem Gepolter stürzte sich der Zug in den mitternächtigen
Tunnel -- wie ein Sarg ins Grab.
Krampfhaftes Schluchzen schüttelte Tom, Tränen auf Tränen rieselten
heiß über seine Wangen. »Jennie! Schwester!« hörte man ihn nur hin und
wieder seufzen. »Jennie! Schwester!«
Als es wieder heller wurde, und die letzten Abendstrahlen
hereinleuchteten in den dahinschießenden Zug, saß er seitwärts gelehnt
mit dem Haupt in die Wagenecke -- und schlief.
* * * * *
Ein Sommernachmittag an den Jerseygestaden des Atlantischen Meeres.
Da rollen sie wieder heran und werden nicht müde, die schhaumgekrönten,
grünen Wogen der See. In kühlen Armen schaukeln sie die Fischerboote,
Ruderboote, Jachten und eisenschweren Dampfer, und werden nicht müde.
Ist es die blaue Welt dort oben, die das Meer so harmonisch sekundiert
und weiße Wolken, Himmels Segelschiffe, treiben läßt von Land zu Land,
gleich der See? Ist es der Südwind, der palmenduftend die Küstenländer
streicht und Wiesengras und Weizenhalme wogen macht in langen Reihen,
gleich der See? Ein Gefühl ist's vielleicht, wie es unerklärlich,
geisterhaft durch die Natur sich webt: wenn Schönheit auf die Bühne
tritt, dann überkommt das Haus ein Verlangen, in dem Andacht und
Wollust zusammenschmelzen. Das uralte Meer ist kindisch heut und spielt
mit lachenden, jauchzenden Kindern am Strande, den ganzen, lieben
langen Tag, und wird nicht müde.
Schon früh eh der Morgen graute wusch die Flut, des Meeres Magd, den
Strand. Mit Wasser auf Wasser schwenkte sie, so weit ihr Eimer reichen
konnte, Sand und Schilf und glättete der Dünen meilenlange, silberweiße
Bank zum Spielplatz willkommener neuer Gäste. Und lange eh die Gäste
kamen, trocknete des Himmels Licht und Wärme, freudestrahlend, das
triefende Ufer. So oft und grimmig sie sonst sich stritten, des Himmels
und des Meeres Mächte -- mit Donnerrollen, Wogenbrüllen sich den Krieg
erklärten -- der Himmel seine Keulen breit schlug auf des Meeres
höckerigem Rücken -- und das Meer in blinder Raserei dem Blitz in seine
Feuerpfanne spie -- heute war Friede zwischen den Gegensätzen auf
Erden. Heute war Versöhnungstag, Auferstehungstag.
Jetzt kamen sie! Sie kamen! Die Luft zitterte vor Erwartung; des Meeres
lange Wogenreihen reckten ihre Hälse, eine die andere überschauend. Und
Molly trat zuerst, barfüßig und das Röcklein hoch, in die sprudelnden
Wasser. Jetzt folgten Rose und Lilli und hielten ihre nackten
Spindelbeinchen hin als Wellenbrecher. Tommy und Klein-Bertie Pratt
versuchten das wunderliche, fremde Bad. Und kecker wurden sie von
Augenblick zu Augenblick.
»Onkel Tom, wie das kitzelt!« jauchzten die Mädchen, »wie das kitzelt!«
»Und kühlt!« schrieen die Knaben.
»Ach, Onkel Tom! ist das Meer immer so groß wie heute?« riefen die
Mädchen.
»Ach, Onkel Tom! -- Papa! lieber Papa! -- Ist das Meer immer so schön
wie heute?« lachten Bertie und sein Vetterchen vom Westen und liefen
hin und her, in unbändiger Lust Luft atmend, Freiheit saugend.
Und melodisch schwatzte das Meer mit den Kindern, ihnen Märchen
erzählend. Das ungeheure Meer, das Stahlkolosse wirft wie Bälle, sich
auf Klippenküsten stürzt, bis die Felsen wanken, und bäumend nach des
Himmels grauer Decke schnappt -- liebkosend wusch es ihre Beinchen,
so dünn und schwach, spülte durch die Zehen, spritzte neckend Schaum
in ihre Gesichter, zog schelmisch den Sand weg unter ihren Sohlen und
hüpfte vor Lust, wenn die wilden Gäste fielen.
O, Meer und Kind!
Sie hatten sich noch nie gesehen, und gleich erkannt und gleich
geliebt, und gleich die Verwandtschaft herausgefühlt, daß ~ein~
großer, guter Vater, der des Kindes Busen hebt und senkt, des Meeres
Flut und Ebbe will.
Und jetzt kommen die Wasser näher. Ein neues Paar haben sie entdeckt
und drängen heran und winken und rufen. Dort sitzt, etwas weiter ab vom
nassen Strand, ein schönes Weib und hält auf ihrem Schoß einen schönen
Knaben. Sie kann nicht seine Mutter sein, dafür ist sie doch zu jung.
Aber die gleichen hellen, nordischen Locken haben beide; die gleichen,
wohlgeformten Züge und ach! das gleiche, kranke Blaß der Wangen, mit
dem Anflug von Rot, den des Meeres Odem eben angehaucht. Der gleiche
engelhafte Friede schaut aus beider Aug' ... Ja, ~das~ kann nicht
beschworen werden, denn der Knabe schläft. Gleichmäßig atmet er mit
dürstenden Zügen die Salzluft ein, im Traum der Wirkung unbewußt; aber
bald wird sein müder Körper stark in dieser Pflege, und bald wird er
gesund sein und auch spielen dort unten bei der schäumenden Brandung
der See, mit den andern; und so seine Hüterin, die schöne Frau.
Jetzt führt sie mit der rechten Hand ein Buch, in dem sie las (derweil
ihr linker Arm den Schützling umschlingt), an die Lippen und küßt es
lang, süße Schmeichelworte stammelnd zwischen Küssen und Lächeln.
Jetzt legt sie das Buch beiseite auf den Dünensand und greift nach dem
offenen Schirm und hält ihn über sich und den Schlafenden. Sprunghaft
schier war die Sonne wieder aus der Wolke getreten; die Licht- und
Lebenspenderin versuchte nun schon zum zehnten Mal, mit überraschender
List ihren Zweck zu erhaschen, sich satt zu weiden, oder wenigstens mit
~einem~ heißen Kuß die Krankenstubenwangen dieses stillen Paars zu
erwärmen. Aber abgeschlagen rollt das Licht vom aufgespannten Schirm
herab auf das Buch im Sand; und gierig schier, als wäre dieses Buch und
nicht die Leserin der Zweck des Niedersteigens aus der Himmelshöhe,
beginnt die Königin zu buchstabieren:
»Der Seestern.
Roman von Tom Pratt.
(Sechstes bis zehntes Tausend).«
Und wie glühendes Entzücken zieht es hinauf und herunter -- auf
Sonnenfäden wie ein Weberschifflein auf- und abwärts, durch die Natur
und tote Körper seelische Gefühle webend.
Plötzlich pfeift der Seewind ins aufgeschlagene Buch und schüttelt die
Blätter zausend und zerrend durcheinander, gleich einem losen, wilden,
schadenfrohen Buben Sand und Muschelscherben darüber streuend; und die
gekränkte Sonne verbirgt ihre Enttäuschung hinter Wolkenhaufen.
Und wieder greift die schöne Frau nach dem Buch und senkt den Schirm
zu Boden. Aber diesmal liest sie nicht. Suchend schweifen ihre Blicke
meerwärts zu der Gruppe lachender, jauchzender Kinder, die sich dort
in der Brandung tummeln, und haften fest an dem einarmigen Mann, der
bei ihnen steht als Beschützer und Belehrer. Und dieser Mann ist
der Dichter des herrlichen Buchs, das sie in der Hand hält; das sie
liest und wieder liest, wie man Vaterunser betet unzählige Male. Ja,
dieser einarmige Krüppel, dieser arme, tiefgekränkte Bettler hat,
wie man Funken schlägt aus kaltem Stein, mit Gottvertrauen aus der
Verzweiflung sprühendes Feuer gehämmert, das die Empfänglichkeit zur
Flamme schürt und Wärme geben kann an das kälteste, gefrorene Herz.
Und dieser einarmige Dichter ist ihr Gatte, ihr teurer, teurer Tom! --
Ein kindischsüßes Lächeln spielt um ihre Lippen und zieht durch die
bleichen Wangen aufwärts; -- ein weher Schatten zieht von ihrer Stirn
niederwärts. Auf halbem Weg treffen sich die Gegner, und der armen Eva
himmelblaue Augen zittern unter dem Druck der streitenden Gäste und
heiße Tränen tröpfeln auf den Sand, die Kleider, des Knaben Locken, auf
das Buch, das ihr und sein und aller Erlöser wurde.
Als sie ausgeweint hat und mit der letzten Träne jenes Seufzen,
fiebergleich doch wohltuend, ihren Körper schüttelt, das den Übergang
bildet vom Sturm zur Ruhe -- da ist es ihr, als sei noch nie im
Leben diese Welt so schön gewesen wie in dieser Stunde. Weit, so
weit ihr Auge reicht, dehnt sich das Meer, und Meer und Himmel, wie
zwei ausgespannte Arme, schlingen sich um ~ihn~ und sie und
diese lieben Kinder. Was die Wogen rauschen, klingt wie das Reden
wohllautender Stimmen. Was die Wasser singen, ob Kinderjauchzen oder
Plätschern der Brandung -- alles ist ein einzig herrliches, liebes,
oft gehörtes Lied in ihren Ohren, und die Wolken formen sich zu teuren
Wesen und Gestalten, und der Schaum der Brandung zu Gesichtern, und
jedes Ding ist verschönerte Verklärung.
Da liegt sie endlich tot und ausgetobt, die Angst und Sorge; die
Vergangenheit wie eine schwere, schwere, schrecklich lang durchwachte
Nacht. Mit Gefühlen, wie der Auferstandene sie haben mag am ersten Tag
im Himmel, denkt sie jetzt zurück ans ferne Vaterland im kalten Norden
-- an der Heimat hohe Berge, wilde Wälder -- an das Wanderlied, das
ihre Eltern lockte übers Meer ins breite Tal des Mississippi -- an die
Leiden und Mühen der Armen in dem fremden Land -- an Vaters jähen Tod
-- der Mutter frühes Sterben -- die Verlassenheit der Waisenzeit -- die
Nächte, die sie mit Gottes Engeln durchbetete im stillen Kämmerlein --
an die schaurigen Gefahren, die Schlangenringen gleich sich legen um
ein Mädchenbild, so jung und so wohlgeformt und so bettelarm -- an den
Sonntag auf dem Kirchhof in St. Louis -- an Toms Geständnis -- an das
erste Licht nach langer Finsternis -- ans Paradies der Liebe -- an der
Vermählung Doppelfrucht -- höchstes Glück auf dieser Erde -- -- ach!
an Elfies Sterben -- an des Gatten gräßliche Verstümmelung -- Tränen
-- Elend -- Hunger und Verzweiflung. Lawinengleich bricht jetzt das
Verderben über Haus und Heim. Und dahinein gellt ein Schrei von außen:
Jennie ist erfroren in Montana -- der Jennie Kinder verderben -- die
Welt geht unter, und es gibt keinen Gott!
Da, o da -- mit welcher Voraussicht hat der große Geist gerechnet! Das
gräßlichste Geschehnis wird zum Heil: die abgesägte linke Hand zwingt
die verwaiste Rechte zur Selbständigkeit, und verwirrt in ihrer neuen
Stellung, greift sie gleich zum Allerhöchsten, was die Menschenhand
erreichen kann: Verkörperung von Idealen ... So schreibt sie dem
Krüppel Tom sein erstes Buch: »~Der Seestern~.«
Und Glück auf! es gefällt. Die Leser wollen mehr. Und Tom Pratt wird
weiterdichten -- ~muß~ weiterdichten; aus Pflicht für Weib
und Kinder, aus Dankschuldigkeit gegen Gott, seinen Schöpfer, aus
unbändigem Verlangen nach dem Kuß der Musen.
Auch die allerlängsten Nächte haben ihre Morgen!
O, warum wir leiden, leben müssen? Um sterben zu dürfen? -- Nein, um
auferstehen zu können! -- Leiden schmieden, Hammerschlägen gleich,
die Ketten der Zusammengehörigkeit ums ganze menschliche Geschlecht.
Gäb's hunderttausend Wege aus dem Nichts zum Sein, aus Verwilderung zur
Veredlung, aus diesem Kampf ums Dasein zur Glückseligkeit und zu Gott,
~keiner~ führt vorbei und ~jeder~ durch die salzigbittere
Wüste: ~Schmerz~.
Doch haben die Tränen längst den kürzesten entdeckt. Und der sicherste
der Führer bleibt die ~Sehnsucht~ ...
Schon seit einer Weile ist der Knabe wach und schaut empor. Er sieht
das Wolkentreiben droben und das grenzenlose tiefe Blau der Welt, hört
der Brandung geisterhaftes Rauschen, des Meeres röchelndes Atmen, und
alle die Wunder drücken seine Nerven mit Ermüdung.
Jetzt kommt die schöne Frau zurück zur Gegenwart und blickt in die
offenen Augen ihres Schützlings. Freude füllt ihre Brust. Dann, sich
tief herabbeugend und des Knaben Stirn küssend, haucht sie: »Guten
Morgen, Willie! Hast du gut geschlafen?«
Ein selig Lächeln ist die Antwort.
»Und darf ich wissen, was mein Liebling schönes träumt, derweil ihm das
Meer die Schlummerlieder singt?«
Hier verändert sich des Knaben Aussehen. Abwehrend, tiefe Schwermut
zeigend, senkt und öffnet er die Lider.
»Nicht?« klagt die Frau. Aber plötzlich schrickt sie zusammen -- weicht
zurück -- langsam vergrößern sich die Pupillen in ihren Augen und
bleiben so.
Zweimal nickt der Knabe, wie ein doppelt Ja.
Die schöne Frau nickt auch.
Sie hatten sich verstanden; das Kind war dort und hat's besucht. Was?
Das verschollene Grab.
[Illustration]