»Und?« -- Sankt Peter schaute von feiner Arbeit auf und mir ins
Gesicht. »Und?«
»Ingersoll, der Atheist!«
»Und?«
»Der Gottesleugner!«
»Und?«
»Der Religionsspötter, Seelenvergifter, Teufelsagent, der ein
Menschenleben lang die Bibel zerfetzte wie alte Zeitungen!«
»Und?«
»Und?! -- ~Den~ habt ihr in den Himmel 'reingelassen?«
»Wenn ich so genau wollt' richten,« erwiderte der Heilige trocken,
»dann könnt' ich überhaupt die Bude schließen und die Schlüssel
wegwerfen. Im Buch steht nichts, daß er Menschen geschunden hat und
meinen Herrn und Meister verkauft; und ich halte mich ans Buch -- nur
ans Buch.«
Ich mußte lachen. »Wieso kann er den Herrgott verkaufen, wenn er gar
nicht an den Herrgott glaubt?«
»Ach was, glaubt, glaubt, glauben. Was gibt der Ewige für euern
Glauben -- er pfeift euch auf euern Glauben. Gute Werke will er sehen;
Brüderlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit.«
Hier interessierte sich der Apostel mit einem Mal so für seine
unterbrochene Beschäftigung, daß ihm das welterschütternde Thema Null
war gegenüber dem Nagel am Zehen. Es war der große Zehennagel. Der
Nagel war, wie man zu sagen pflegt, ein eingewachsener Nagel. Ein
solcher Nagel verlangt ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit, Geduld und
Kunst. Man muß mit Leib und Seele bei der Sache sein. Man darf da weder
Übereilung noch Ängstlichkeit zeigen, noch an etwas anderes denken darf
man.
Jetzt war es sterbensstill ringsum. Fernweg hörte man das Harfenspielen
der Engel, aber kaum so laut wie das Summen der Glocken, wenn der
Küster längst den Strang verlassen.
Und da saß er nun vor mir -- und wie?
Das also ist der heilige Petrus, der Schiffer und Fischer, der die
Segel reffte auf dem Galiläischen Meer vor neunzehnhundert Jahren.
Das ist der biedere, grade, natürliche Arbeiter, den der Heiland auf
den ersten Blick so lieb und sympathisch fand, daß er ihn zu seinem
Stellvertreter erwählte. Das ist der Charakterkopf, der die Wucht und
Größe einer welterlösenden Religion erfaßte. Das sind die schwieligen
Hände, die Netz und Ruder zogen -- und dann durchnagelt wurden am
Kreuz. Das sind die Füße, die Palästina durchwanderten vom himmelblauen
See Genezareth bis zum Toten Meer, vom Berg Tabor bis zum Ölberg, von
der heiligen Stadt Jerusalem bis zur ewigen Stadt Rom -- und dort
durchnagelt wurden am Kreuz.
Unsägliches Mitleid mit dem Märtyrer ergriff meine Seele.
Unwiderstehlich zog es mich drei Schritte näher. Aus Mitleid, und mehr
noch um den Mann wieder reden zu hören, frug ich: »Wie geht's Geschäft,
heiliger Petrus?«
Er wies mit der messerhaltenden Rechten nach der Himmelspforte,
gleichsam den Staub und die Spinnenweben dort auffordernd, mir die
Antwort zu geben.
»Da sieht nicht aus wie überlaufen,« erwiderte ich.
»Das sieht aus, als ginge die ganze Welt zum Teufel!« schrie Sankt
Peter plötzlich, und so rasch sein Temperament verschiebend, daß er
mit dem letzten Wort im Satz zu spät kam und es wegließ bis aufs »T«.
Kirschrot vor Aufregung wurde er im Gesicht, seine Augen schossen
Blitze; seine Skalpierkunst am Zehen wurde abgebrochen; das Federmesser
schnappte zu und verschwand im Faltenhemd. »Wär' ich der Allmächtige,
ich pumpte alles Wasser des Universums auf die Menschenbrut hinunter,
daß sie schwimmen müßten bis an den Mond, um Land zu finden. Sind dass
Menschen? Ebenbilder Gottes? Christen, erkauft mit dem Blut? -- Und
wenn der Teufel tausend Jahre lang an einem einzigen Halunken seine
ganze Wissenschaft verschwendet, er kriegt keinen Schuft zu stande,
wie ihn die Gesellschaft produziert im Handumdrehen, ohne Müh' und
Kraftverlust! -- -- Ach was --«
Hier kühlte sich des Heiligen Zorn und wie resignierend setzte er
hinzu: »Es ist eben ein Fehlschlag. Die ganze Schöpfung ist ein
Fehlschlag. Es ist wahr, jeder kann hin und wieder mal sein Pech haben
mit der Arbeit, aber ~so~ den Stoff verpfuschen, das ist zum
Weinen. Man hätt' was Herrliches draus machen können mit Überlegung
und Zeit; aber so in der Eile sein und in sechs Tagen die Welt machen
wollen, wozu man von Rechts wegen die Ewigkeit nehmen sollt'. Jetzt
ist's geschehen -- und alles Dranrumflicken und Pflastern macht's nicht
vollkommen.«
Er reckte sich gähnend, nahm den Rettich aus dem Körbchen, betrachtete
ihn eine Weile und legte ihn wieder zurück. Dann machte er ein paar
Schritte von der Bank weg, wo das goldene Pantöffelchen im Grase lag,
und warf es im Bogen über die Mauer. »Die Rangen, ihre Flügel werden
sie sich noch abreißen nächstens.«
»Das ist allerdings traurig, lieber, heiliger Mann,»stöhnte ich, wie
betäubt von dem Gehörten und Gesehenen.
»Zum Verzweifeln ist es!« erwiderte der Apostel und setzte sich
abermals. »Mein Herr und Meister sagt es selber, daß es zum Verzweifeln
ist. Erst vorige Woche war er hier außen bei mir auf ein Stündchen;
dort saß er, wo das Krügerl steht, und hier saß ich. ›Peter,‹ sagte
der Herr zu mir, und er war sehr traurig. Er ist immer traurig, aber
~den~ Abend war er auffallend traurig. ›Peter, jetzt feiern sie da
unten das neue Jahrhundert; hörst du den Spektakel? Ein solcher Lärm
war nicht, seit der Michel den Himmel säuberte von den Aristokraten.
Auf drei Plätzen haben sie Krieg, auf zehn haben sie Massakres, auf
hundert Schlachthäuser im Betrieb für ihre Brüder. Mord, Meineid, Lüge,
Raub, Betrug, Trunksucht, Faulheit, Neid, Geiz, Hochmut, Heuchelei,
Schändung -- das Menschengeschlecht badet sich in Todsünden wie ein
krätzig Tier im Morast. Den Reichen verfault ihr göttlich Teil im
Prassen und Schwelgen, den Armen versiecht die Seele in Jammer und
Verzweiflung; und keine Sonne am Himmel und kein Gott im Himmel ist
den Menschen so warm und heilig wie Geld und Geld. Der alte Mann im
Vatikan, mit seiner dreimaligen Krone, hat nicht die blasse Idee
von dem Kommunismus, für den wir uns kreuzigen ließen. Mit seiner
Politik, Peter, wär' ich Hohepriester geworden, du und Paulus römische
Senatoren; und Judas -- ah, der Schelm hat mich doch wenigstens nicht
blamiert und hat seinen Preis verlangt; die Kuttenmänner aber verkaufen
mich für zehn Cent, und nicht ~einer~ hängt sich auf vor Scham und
Reue -- nicht ~einer~. Peter, ich zähle auf dein Prinzip, laß mir
ja keinen durchschlüpfen, der nach Geld und Banknoten riecht!‹«
Der Alte erhob sich. »So, jetzt wollen wir zur Examination schreiten.
Hoffentlich bestehst du sie. Es ist viel Platz im Himmel und (hier
schnalzte der Heilige mit der Zunge und blinzelte schelmisch) verd...t
gemütlich, seit das Radfahren aus dem Sündenregister gestrichen wurde.«
Ein Fieberfrost überlief mich bei dem Wort »Examen«, und kaum weiß ich,
in welcher Tonart ich stotterte: »Lieber, heiliger Herr! Wollt Ihr das
Essen kalt werden lassen meinetwegen und das Bier sauer? Ich bin rein
gar nicht in der Eile, lieber, heiliger Herr.«
»Erst das Geschäft, dann das Vergnügen. Dass Bier kann 's Stehen
vertragen, 's ist Anhäusers.«
Sankt Peter lachte und das ermutigte mich einigermaßen. Dann schloß er
das Pförtchen auf und schritt hindurch. Ich blieb außen. Bald darauf
öffnete er ein Schiebefenster neben dem Pförtchen. Ich verfolgte jede
seiner Bewegungen. Er hob ein schweres, ledergebundenes, vergriffenes
Buch aufs Gesimse. Ich verwandte kein Auge von ihm. Er setzte eine
Brille mit Hornbeschlag auf die Nase, und das gab ihm ein zwischen
Komik und Ehrwürdigkeit balancierendes Aussehen. Die Brille war alt und
trug die Geschäftsmarke: »Levi u. Söhne, Esaustraße, Kapharnaum.« --
Jetzt frug er mich nach Tauf- und Zunamen.