~Grab~ -- welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das wuchtiger trifft,
schauriger, zermalmender, erstarrender?
Tod -- -- man kann tot sein und noch im warmen Bette liegen, umgeben
von den lieben, teuren Angehörigen -- tot sein und beschienen werden
vom Licht und Blau der Welt, gefächelt werden von Luft und Atemzügen
der Lebenden, geküßt werden, umarmt, angeredet.
Aber Grab -- dieses schwarze, hohle Loch ins Jenseits hinüber, durch
das keiner zurückkriecht, und rauchte am andern End' die Hölle. Wer
da hinuntersaust am schnurrenden Seil, im zugenagelten Sarg, und dann
Scholle auf Scholle den Marsch trommelt, bis es stiller wird, dumpfer,
immer dumpfer, so grabesstill, daß nichts mehr gehört wird in der
schaurigen Höhle als der Erde blähendes Verdauen.
Droben jagen sich die Ereignisse Licht und Schatten gleich; auf und
unter geht der Tag, jeder Morgen Frisches begrüßend, jeder Abend
Gebrauchtes begrabend.
Drunten wartet der Tote auf Erwachen, Wiedersehen, Auferstehen.
Vergessen von den Menschen, eh' er ganz verfault; vergessen von
Menschen, die in hysterische Zuckungen verfielen aus Schmerz über sein
Ableben; denen er alles war, Liebling, Vater, Mutter, Bruder, Schwester
... Du armer Tor da unten hoffst, die gedankenlose Natur werde sich
deiner erinnern nach Milliarden Jahren -- die herzlose Natur werde sich
deiner erbarmen -- die Brüterin der Brutalität -- Natur, die Säugerin
des Zähen, Starken, die Anbeterin des Lebendigen, die Todfeindin des
Toten, werde sich verlieben in morsche, längstverweste Knochen? Natur,
die nur das Neue will und nie ein zweites Mal das Selbe schafft -- die
Altes nur als Treppe nützt, als Dünger, Mist -- herz- und sinn- und
zwecklose, sie weiß nicht, was sie tut -- die Experimentiererin, die
in ruheloser Sucht nach immer wieder Neuem, allerletztem Neuem, der
Evolutionen hunderttausend-generationenlange Leiter auf und ab hüpft
-- lawinengleich Systeme rollt, Welten schleift, Sonnen und Planeten
fegt auf einen einz'gen, riesengroßen Trümmerhaufen -- herrlichste
Gebilde (der Vollkommenheit so nah um Haaresbreite) zu Scherben schlägt
wie lose Kinder ihren Weihnachtsskram, und liegen läßt für eine halbe
Ewigkeit -- Schund und Mißgeburten aber ~stehen~ läßt für eine
halbe Ewigkeit.
Oder hoffst du armer Tor: ein Gott, der sich um Lebende nicht kümmert,
werd' sich um Tote scheren? Der keinen kleinen Finger rührt, wenn
Millionen sich in Qualen drehen, Millionen untergehen; der sich nicht
finden lassen will, der sich versteckt vor dir -- der werd' suchen --
~dich~? -- --
~Gottes Acker~ -- welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das
majestätischer klingt, magischer, ehrfurchtsvoller, hoffnungsvoller?
Ist es nicht ein Gefühl, als erwache man aus schwerem Fiebertraum
in Mutters Armen, an Mutters warmer Brust, ein Kind -- und all
die Schreckensbilder der vergangnen Nacht (Tod, Grab, Verwesung)
weggescheucht von ihrem Lächeln, Trösten, Küssen, Lieben?
Gottes Acker -- -- Und der Mensch mit seinen Hoffnungen ist der Same
-- mit seinem Lachen und Weinen, Genießen, Entsagen, Trotzen, Dulden,
Lieben, Hassen ist der Same. Hier werden seine Tugenden und Laster
eingebettet, seine Resignationen und Rebellionen. Hier werden seine
ungezählten, nie erfüllten Wünsche eingeackert -- all die Träumereien
von Glückseligkeit, die in diesem Leben, ach! aus süßem Sehnen nur zu
bittern Tränen reifen -- all die Leidenschaften, die vom Maienzug, der
Schmetterlinge weht auf Honigkelche, bis zum Tornado, der Felsen rollt
und durch schwarze Trichter Trümmer an den Himmel bläst, des Menschen
Seele schleifen wie Vandalen den Besiegten in die Sklaverei. All die
Reminiszenzen tausender Geschehnisse; all die Pläne und Fragmente --
all die großen und kleinen Sünden und Gebete, die aneinander gereiht
erdenlebenslange, schwere Kette bilden vom ersten Atemzug bis hierher
zu diesem Röcheln aus dem Bette dort -- vom ersten Blick ins Licht, das
die Sonne spinnt durch den Spitzenvorhang (ein Silbernetz um Kind und
Wiege), bis hierher zu dieser Sterbekammerlampe, die am letzten Tropfen
saugt.
Gottes Acker -- -- Und da liegen sie jetzt in langen Reihen, ruhig
die unruhigen Menschlein; im Leben keiner dem andern gleich, hier
alle gleich; im Leben höchst unbrüderlich, neidisch, egoistisch, hier
Kameraden auf ewige Zeiten, bescheiden, nachgiebig, unterwürfig. Noch
hat der Reiche sein Monument von Marmor über sich und der Nachbar nur
ein hölzernes Kreuzlein. Noch hat der eine Blumenbeete, wohlgepflegten
Rasen, Buchs und Zaun, von Gärtners kundiger Hand beschnitten, der
andre nur was ihm die Natur vorübereilend gnädig fallen läßt, Blümchen,
eingewickelt in ein Büschel Gras. Noch haben Leichensteine ihre Namen,
Worte, Daten. Ach, wie lang oder kurz, und die Ausgleichung ist auch
oben wie unten. Zeit und Wetter verwischen die Inschriften, zernagen
Stein und Eisenwerke -- und die sie setzten, sterben auch.
Mein lieber Leser! Zweifellos hast du schon Kirchhöfe besucht, teils
aus Zufall, Langerweile, Pflicht, oder gar von jenem unbeschreiblichen
Gefühl gezogen, das uns Menschen den Ort zu besuchen zwingt, der als
Haltestation irdischer Laufbahn gilt. Und gewiß hast du dann mehr oder
minder tiefsinnige Betrachtungen angestellt über die Gegend und ihre
Bewohner, über das fernere Schicksal dieser Leutchen, das auch dein
Schicksal werden wird.
Da ruht ein Vater, dort eine Mutter, hier ein Wiegenkind, daneben seine
Urahne, daneben die geknickte Kraft von zwanzig Sommern. Wie alt sie
waren am Todestage, wann geboren, wann gestorben, konntest du alles
am Leichenstein ablesen. Ob sie reich waren oder arm, geschätzt oder
nicht, das zeigt ziemlich genau die Beschaffenheit und Instandhaltung
der Grabstätte. Vor solchen Begräbnisstellen, die mit Inschriften
versehen sind und besucht und gepflegt werden von überlebenden
Verwandten und Freunden, hat die Phantasie wenig Spielraum zum Malen;
die Freiheit, im Rätselhaften, Geheimnisvollen jagen zu dürfen, wird
sehr beschnitten durch die Bekanntmachungen oben.
Das richtige Grab mit allen seinen Mysterien und Schauern ist
das »~verschollene~ Grab«; das Grab bei der Kirchhofmauer
oder außerhalb der Kirchhofmauer; das eingesunkene, mit schiefem,
verwittertem Kreuz und Stein oder mit ~gar keinem~ Abzeichen
versehene Grab. Vor so einem verwahrlosten, vergessenen, zugedeckten
Loch stehen -- etwa bei Nacht, oder Abends im Herbst, wenn der
untergehende Tag, der naßkalte Nordost, der feuchte, schleichende, im
Gras und Schilf entlang kriechende Nebel, der tiefstehende Sichelmond,
die sterbende Natur in all ihrem Stöhnen, Röcheln vom Blätterrascheln
bis zum Uhuschrei im Forst, zum Unkenruf im Moor, zum Sensenklappern
verspäteter Mähder, Chorus spielt in leerem Haus vor ausgebrannten
Bühnenlichtern und fallenden Kulissen -- vor so einem verschollenen
Grabe stehen und nicht »Bruder! Bruder!« klagen -- mit schüttelndem
Haupt und feuchten Augen und Reue, Reue im Herzen -- »Bruder! wer du
auch seiest tief da unten -- wie schwer oder leicht die Erde dich
drückt -- ob du viel oder wenig zurückließest in dieser Welt, oder
alles, und ein leeres Stück Papier, die Quittung an das Glück, in
deinem Sarge liegt -- ich kenne dich nicht. Vielleicht bist du ein
Weib, ein Mädchen; vielleicht bist du ein Heiliger oder ein Tyrann, ein
Mörder oder ein Gemordeter; ach! das ~eine~ nur weiß ich, fühle
ich: du bist ein Stück von mir. Die gleiche Luft hast du geatmet wie
ich -- die gleiche Sonne hat dich beschienen, die gleichen Sterne --
die gleichen Sorgen, Träume, Leidenschaften haben dich gequält, und
Freiheit dich geneckt, und diese Erde, einst dein Spielplatz und der
meine jetzt, zieht uns beide niederwärts.. .« Stehen vor so einem Grab
und der Toten Mahnen und Gottes Stimme überhören können -- es kann
nicht sein.
Mein lieber Leser! Willst du mir folgen? Ich führe dich zu einem Grab,
so verschollen, einsam; so wenig besucht, gepflegt; so wenig geweint
und gebetet wird vor diesem versunkenen Hügel ohne Namen, wie du wohl
nie in deinem Leben ein zweites Grab gesehen haben wirst; und ach! das
arme Herz, das da mit rauhen Steinen zugeschaufelt liegt, hat's nicht
verdient. Kaum zwanzig Monate sind es her, daß ich es zum ersten und
letzten Mal besuchte. Damals schlängelte sich ein Fußsteig an jenem
Grabe vorbei über den fichtenbewachsenen Hügelrücken; der Pfad ist
heute wohl verwachsen und verschwunden. Damals bezeichnete ein mit der
Axt gezimmertes Kreuz die Stätte des Todes; heute ist das Kreuzlein
wahrscheinlich umgestoßen vom Schneewehen, Sturmeswehen oder von
Bären und grasenden Büffeln. Damals war seine Umgebung eine Lichtung
im Wäldchen, spärlich mit Unkraut bewachsen; ~das~ kann wohl
geblieben sein; auch die sechs runden Steine mögen dort liegen, die
geordnet ein Kreuz bilden sollen.
Und -- -- noch einmal, willst du mir folgen, lieber Leser? Der Weg
ist weit, wild, steil (gebe Gott, nicht abschreckend); vielleicht ist
er langweilig; vielleicht gereut es dich, ihn angetreten zu haben;
vielleicht mußt du weinen, schon auf halbem Wege. Aber dessen bin ich
sicher: bist du dort, der Lohn ist die Mühe wert; denn jede Träne, die
wir unsern Toten weinen, jede Blume, die wir streuen, jedes Lächeln
im Gefühl des Wiedersehens, jeder Blick, der tief und langgezogen
teure Bilder der Vergangenheit aus ihren Gräbern saugt -- ach! Brüder,
Menschenbrüder! jeder Gang und Schrei und Krampf der Seele -- mit
~Schmerzen~ nur erwärmen wir den kalten Puls der Körperwelt --
auch die Allmacht spürt Grenzen ihrer Mittel, das einzige, womit sie
Tote auferwecken kann, ist: (viele nennen's Liebe, Sympathie), ist: der
~Menschen~ himmelstürmend Sehnen.
Bellevue-Hospital, Neuyork.
25. August 1900.
Schwester!!
Jetzt ist es geschehen! -- Was? -- Das Langgefürchtete,
Unausbleibliche: meine Hand liegt abgesägt in der Maschine -- die linke
-- und die rechte kann der Lebensgefährtin Verbluten nicht stillen.
Schwester! Ich weiß, es ist grausam unvorsichtig, Dich so zu
erschrecken, ohne Wahl der Worte, ohne Milderung im Ausdruck Dir die
Schauerbotschaft zu schicken; aber Worte können meine Verzweiflung
nicht mildern. Ich bin ruiniert, verloren, ein Krüppel; ich bin
arbeitslos, hoffnungslos arbeitslos. Zwanzig, vierzig Jahre soll ich
mit den mir noch übriggelassenen Knochen weiterleben ohne die Mittel
zum Leben, ohne Arbeit. Was soll jetzt werden aus mir, aus meinem
kranken, armen Weib, aus meinem Kind?! Die einzige Antwort, die mein
fieberndes Gehirn mir gibt auf diese Fragen, ist Schweiß in kalten
Tropfen.
Letzte Woche, Montag, kam das Unglück. Am Morgen -- früh -- gleich;
es war das Allererste, was kam. Das Unglück schien förmlich gelauert
zu haben auf mich die Nacht über, den Sonntag über. Kaum hatte die
Dampfpfeife ihren Schrei in die Morgenluft hinausgekrischen und die
Fabrikräder begannen sich zu drehen, und jeder von uns Arbeitern eilte
auf seinen Posten, und ich setzte meine Maschine in Bewegung -- die
Bandsäge -- diese kalte, glatte Schlange, diese zischende, schillernde,
hundertzähnige Viper. Nie konnte ich das unnahbare, holzfressende Ding
blitzen sehen und dabei die Erinnerung verscheuchen, wie es meinem
Vorgänger den Daumen abbiß; wie es ~seinem~ Vorgänger vier Finger
amputierte, ganz schräg der Länge nach, einem dritten die linke Hand
zerfleischte und die zu Hilfe eilende Rechte erst recht. Keinem frißt
diese fauchende Natter aus der Hand, dem sie nicht vorbeihauend einmal
auf die Knochen beißt. Keinem. Mir auch nicht. Ich wußte das. Ich
erwartete das. Aber Hunger kettete mich an den Platz, Pflicht an die
Gefahr. Das Unglück hatte wenig Mühe, mich zu finden. O, meine Hand!!
Wie es kam? Warum? Das ist mir jetzt nur mehr schattengleicher Traum.
Vielleicht war ich ausgerutscht mit meinen neubesohlten Schuhen, das
ist wohl das Wahrscheinlichste -- ja, so ist es -- ich glitt auf dem
glatten Boden aus und schlug mit dem linken Arm durch die Luft und
mit voller Wucht in die Stahlzähne der Säge -- und dann? -- was? --
ein wildes, himmelschreiendes »Oooo!« Eis und Feuer gemischt, ein
Gefühl, zuckte elektrisch durch meinen Körper und blieb stecken --
mich verrückt machend -- in den Haarwurzeln meiner Kopfhaut. Ich sah
Säge, Räder, Balken, Wände, Fenster, alles sich drehen, ringeln,
überschlagen, auf mich los wälzen. Ich sah einen Fleischklumpen in
die Sägespäne rollen und sich dort verkriechen -- meine Hand! Ich
sah Blut, Blut, wohin ich tastete, Blut. Hundert Stimmen hörte ich
lärmen, durcheinander toben, schreien: »Doktor! Ambulanz! Er blutet
sich tot! Hilfe! Hilfe!« Gestalten, jede mit hundert Augen, hundert
Händen, stürzten von allen Seiten auf mich los; packten mich, hoben
mich, drückten, trugen mich, preßten mich auf einen Stuhl nieder,
spritzten mir Wasser ins Gesicht, umwickelten meinen Arm mit Stricken,
Handtüchern, Taschentüchern -- --
Und alle jene Schauergemälde zeichneten sich jetzt in die Luft, die im
Wachen und Schlafen mich so oft beängstigten: Tom mit der abgesägten
Hand -- Tom arbeitslos -- Tom ein Krüppel, Bettler -- Toms Zukunft
ruiniert -- Toms Weib und Kind verwahrlost, weggerissen von ihm,
entfremdet -- das Familienglück, des armen Tom Einziges, das ihm all
das lebenslange Schinden und Plagen wert war, verloren -- verloren --
verloren.
Und dort dreht sich noch immer, als wär' nichts geschehen; die Säge,
die Schlange, die Mörderin. Grenzenlose Wut schnellte mich auf meine
Füße, und »Die Maschine,« schrie ich, »schlagt sie tot, die Maschine!«
-- Es muß ein grauenvoller Schrei gewesen sein, denn alle ließen mich
los. Ich machte zwei, drei Schritte nach der Richtung -- dann wurd's
Nacht.
Im Bellevue-Hospital, schräg überm Weg, wo ich verkrüppelt wurde,
erwachte ich aus langer, tiefer Ohnmacht.
O, wär' ich nie erwacht!
Schwester! ich muß aufhören. Ich darf nicht weiterschreiben. Es macht
mich rasend, mein Elend zu zergliedern. Ich darf nicht denken; --
essen, trinken, atmen -- aber nicht denken. Ich werde zum Tier.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 27. August 1900.
Schwester!
Kaum hatte ich den Unglücksbrief abgesendet, so geschah mir eine große
Erleichterung; ungesäumt will ich sie teilen mit Dir.
Mein Arbeitgeber bezahlt Doktor und Apotheke, bis ich geheilt sein
werde; und weil das im eigenen Heim nicht weniger noch mehr kostet,
so fuhren sie mich nach Brooklyn hinüber ins Nest. Die Bewegung hat
mich angegriffen, sonst schrieb ich Dir schon gestern. Überhaupt werde
ich häufig von Ohnmacht und Schwindel befallen. Ich habe viel Blut
verloren, sagt der Arzt, und daß ich mit dem Leben davonkommen werde,
zeuge von einer zähen, lebenskräftigen Konstitution. Ich werde noch
meinen Spaß haben mit dieser zähen Lebenskräftigen -- und leerem Magen.
Doch lass' ich das Klagen für heute. Ich bin froh heute und guten Muts
-- sogar mit einem Anflug von »Sehr«.
Was doch die Umgebung aus dem Menschen machen kann; ~alles~. Man
schwimmt darin wie der Fisch, wie Treibholz im Fluß, und mit geht's;
rasend schnell, wenn der Kurs paßt -- langsam, wenn es gegen das Wollen
ist -- aber Wollen oder Nichtwollen, die Umgebung siegt.
Und ich bin aufrichtig glücklich über ihre Allmacht. Ich bin wie
neugeboren, seit ich das Hospital verlassen und wieder die Heimat um
mich seh'. Das Krankenzimmer in Bellevue war allerdings luftiger,
höher, bequemer; ein ~Saal~ gegenüber dem engen Stübchen, das ich
jetzt bewohne. Mein blasses, abgezehrtes Evchen kann auch den Vergleich
nicht aushalten gegenüber der vollen, energischen Krankenwärterin
mit ihren gesundheitsstrotzenden Lippen und Wangen; -- aber -- --
Schwester, der leiseste Gedanke von Untreue, sollte er auftauchen
in mir -- noch tat er's nie -- er wäre das Schurkenstück meines
Lebens. Man sagt, im Unglück lerne man die Menschen kennen. Ich bin
im Unglück. Zu all den körperlichen Schmerzen und den Seelenqualen,
Kummer, Sorgen, Angst, Trostlosigkeit, gesellt sich jetzt ein neuer,
der fürchterlichste Kumpan -- die Reue. Ich war immer ein Mustergatte
gewesen, ein guter Vater, ein Charaktermann; aber weißt Du auch, daß
wir auf diesem Feld ins Unendliche wachsen können und mein körperlich
schwaches Weib mich moralisch so riesenhoch überwachsen hat, daß
Einholen hoffnungslos ausgeschlossen bleibt? O Schwester! Ich leide
Qualen wie ein Gerichteter; die Liebe, das Mitleid, die Aufopferung
dieses Engels brennt mich wie Rutenhiebe. Von dem Augenblick, als Eva
mich besuchte in Bellevue -- mit einem Schrei stürzte sie an mein Lager
und schlug hart ihren Körper auf meinen; »Tom!« jammerte sie, »Tom!
armer, armer Tom!« und schier ertränkte sie mich mit Tränen, erstickte
meinen Atem mit Küssen, schier bohrte sich ihre Brust durch meine, ihre
Stirn durch meine, bis aufs Herz und Hirn -- -- O Schwester! wie weh
tut solche Liebe, wenn man sie erwidert nach Kräften und zurückbleibt
in der Kraft. Und dann, wie jammervoll weh tut es, hier zu liegen jetzt
im kleinen, engen Heim, hilflos gleich einem Kind, und das teure Wesen
»Weib« schaffen, waschen, flicken, kochen -- und husten sehn, und
denken müssen, daß all ihr Mühen das sinkende Schiff nicht retten wird,
daß wir untergehen, untersinken im Menschenmeer der Welt -- unbemerkt.
Was ist ~ein~ Hilfeschrei im Donnergebrülle dieser Riesenstadt, wo
Millionen schreien, jammern, lachen, fluchen?
Schwester! Jennie! Ich will nicht wieder den Brief füllen mit Klagen.
Wenn ich's hin und wieder tue, es ist der gestörte Geist, nicht mein
Wunsch. Nimm's wörtlich: ich bin unzurechnungsfähig, unvollständig; die
Hälfte ist verloren, und ich fürchte, die beste. Mit der lieben, teuren
Hand ging auch mein guter Humor dahin, und wilde, wüste Witze, häßliche
Sarkasmen werden jetzt die keusche Seele schänden dürfen. Vielleicht
aber verstehst Du mein Geschreibe nicht, dann wär's besser. Vielleicht
geht's Dir wie mir, ich sehe die Buchstaben zeitweilig auf dem Papier
herumhinken wie lebende Figuren, wie sieche Krüppel an der Krücke,
Spitalkrüppel -- oder wie losgelaßne Kobolde; sie werfen die Beine in
die Luft, die Mützen noch höher und purzeln über- und durcheinander,
bis ein »O!« die Schelme verjagt und öder Jammer mir entgegenstarrt aus
meinen Zeilen.
Dort hängt an der Wand Dein Bild, Schwester. Wo bist Du jetzt, derweil
ich hier, aufrecht im Bette sitzend, an Dich schreibe? ~Der~
Gedanke tut weh. Neben Dir hängt das Bild meines unendlich geliebten
Kindes, meiner Elsie, die jetzt tot und begraben draußen liegt im
Kirchhof; ~der~ Gedanke tut weher. Gegenüber hängt der Spiegel,
aus seinem Rahmen schaut mich das starre, blasse Antlitz eines Mannes
an; er nickt mir zu -- ich ihm. Er schüttelt langsam den Kopf -- ich
auch. Er zeigt mir einen gräßlich verstümmelten Arm -- ich ihm den
meinen. Er schüttelt wieder den Kopf. Er wartet auf ein Lächeln von mir
-- ich auf sein's.
Hölle! wohin soll ich schauen, dem Wahnsinn zu entrinnen? -- Die Augen
schließen und schlafen. »Eva! nimm den Brief -- und fort!«
* * * * *
Pilot Knob, den 28. August 1900.
Mein Bruder!
Mit Entsetzen habe ich Deinen Brief gelesen. Armer, armer Bruder!
Ich finde keine anderen Worte, mein Mitleid auszudrücken, mein
grenzenloses Mitleid auszudrücken. Armer, armer Bruder! -- So gut,
brav, fleißig, bescheiden -- ein Ehrenmann jeder Zoll und Atemzug an
Dir -- und so geschlagen werden vom Schicksal. Gott! Gott!
* * * * *
Ich mußte aussetzen. Ich konnte nicht schreiben mit solchem Krampf.
Die Feder fiel mir aus der Hand, die Hand aufs Herz, aufs zuckende,
todwunde Herz.
Jetzt hab' ich mich ausgeweint und Gott hat mich getröstet; und
~so~ will ich ~Dich~. O, welche Gnade, welche Kraft es dem
gepreßten Herzen gibt, das Weinen. Tränen, Tränen, Tau vom Himmel, der
des Erdenlebens Wüste tränkt zur üppiggrünen Wiese Hoffnung.
Bruder, jetzt höre. Ich komme zu Dir, wie der Engel zu mir kommt,
der mich aufrichtet. Ich brauche Worte, er keine, das ist der ganze
Unterschied. Mit tiefinnerster Schwesterliebe rufe ich Dir zu: »Bete!«
-- Du mußt beten; Du mußt wieder beten; Du mußt Gott suchen, mußt
ihn finden wieder. Es gibt kein anderes Mittel, Kummer zu stillen,
Verzweiflung zu bannen, dem Wahnsinn übers starre, eisigkalte Antlitz
zu fahren, daß es aufwärmt zu milderer Form; keine Brücke trägt die
Last, die die Herzen bricht, trägt Mutlosigkeit über den Abgrund zum
Hoffen wieder, zum Glauben, Dulden, wie -- die Religion. Ich weiß, Du
lachst jetzt nicht über diese Aufforderung. Ich weiß auch, Du wirst es
versuchen, weil ich Dich bitte. Du wirst es versuchen ~müssen~. O,
ich sage so ungerne »müssen« zu Dir, weil ich Deine Denkart so hoch
schätze wie ein Geschenk vom Himmel; aber, Bruder! das Freidenken, das
Zweifeln, Kritteln, all die Philosophie der Gebildeten, das überkluge
Kunstgedicht der Menschen gibt die Erlösung nicht, die ein kindlich
»Vaterunser« gibt.
Was kann Dich näherbringen zum guten, großen Vater dort oben, als
wie sein Kind werden, sein bittend Kind, sein krankes, hilfloses,
hilfesuchendes, unwissendes Kind. Und das bist Du, Bruder; Du bist
hilflos; Du bist ein Krüppel, arm, arbeitslos. Dein Weib kann Dir nicht
helfen. Ich auch nicht. Freunde wirst Du wenige haben als Fremdling in
Neuyork -- und jetzt erst recht nicht, im Unglück. Von außen her bist
Du so elend und allein, so verlassen und verloren wie der Hauch in
Wintersnacht. Bruder, geh nach innen, geh in Dich, in Deine Seele --
die Seele ist Gott. Wo Millionen getröstet werden, Millionen gerettet
werden -- auf feiger Flucht plötzlich sich umwenden und mit Löwenmut
den Kampf ums Dasein kämpfen bis zum Ende. Geh in Dich! Nichts kann
Dir eine ruhigere, bekanntere, wärmere, ältere Heimat sein als Dein
eigen Selbst; gar nichts eine nähere. Geh in Deine Seele, die Seele
ist Gott -- geh zu Gott. Die größten Wunder werden nicht gesehen --
~gefühlt~! Geh in Dich, ~bete~. Was ist das Dasein ohne
Hoffnung? Ein erbärmliches Leben. Was ist ein erbärmliches Leben ohne
Hoffnung? Hölle. Bruder, es gibt ein Schicksal, regiert von höchster
Intelligenz zum Segen aller Wesen. Der Arme im Geiste fühlt es --
der Reichste im Geiste sieht es. O, könnte ich Dir alles so lebendig
sagen, schreiben, wie ich es empfinde. Bete, Bruder, und Du wirst es
begreifen. Alles, was Du verloren hast an Mut, Vertrauen, Hoffnung,
Glauben -- und das ist viel -- wird zurückkommen wieder. Tu's, lieber
Bruder. Bitte, tu's! Versuch's! Du bist kein Fremdling dort oben. Du
bist kein rettungsloser Mensch -- nur ein wenig locker im Glauben, ein
wenig eigensinnig im Kritisieren der Wunder, die wir nicht ermessen,
der Rätsel, die wir nicht verstehen.
Ich muß schließen, es wird Nacht. Viel, viel hätt' ich noch zu sagen.
Mein Herz ist noch so voll wie am Anfang -- und wenig leichter. Aber
Nacht wird es, Pflichten rufen. Die Gattin verdrängt die Schwester.
Peter kommt vom Bergwerk, hungrig, müd, naß, schmutzig. Die Kinder
lärmen. »Mutter!« schreit's in allen Ecken. Die Feder spritzt. Das
Papier geht aus. Der Brief ~muß~ fort. Gott sei mit Dir und Deinem
Weib und Kind. Amen!
Jennie.
* * * * *
Brooklyn, den 1. September 1900.
Teure Schwester!
Ich bin doch ein miserabler Feigling, wenn ich an euch Frauen
emporschaue. Du hast tausendmal recht, gute Schwester, ich brauche --
mehr als das tägliche Brot -- Mut zum Leben. Daß ich den mir holen muß
beim schwachen Geschlecht, ist Beweis genug meiner elenden Lage. -- --
-- Jetzt fällt mir die Feder auf den Boden. Gott! Gott! gibt es etwas
Hilfloseres als ein Wickelkind? Ja, ein großer Mann im Bett und krank!
-- --
Eben kommt mein kleiner Bertie von der Straße herauf und küßt mich.
»Papa, tut's weh?« Er meint meine Wunde. Das ist seine immerwährende
Frage jede Viertelstunde des Tages; bei Nacht schläft er wie alle
gesunden Kinder. Aber das erste Wort am Morgen und das letzte am Abend
ist: »Papa, tut's weh?« Glücklicher Knabe, der körperliche Leiden als
die größten kennt.
Ja, ja, Schwester! ich werde ganz willenlos mich unterwerfen Deiner
Zaubermacht. Du hast Gedanken geschrieben in Deinem Brief, zauberhaft
überwältigend. Ich werd's versuchen -- beten. Die alte Schule noch
einmal besuchen. Sobald ich das Zimmer verlassen und die Treppe
riskieren kann, wallfahre ich zur Kirche. Ich tu's. Ich hab's
versprochen jetzt. Ob es hilft oder nicht hilft -- ich versuche mein
Menschenmöglichstes, den Weg zurückzufinden zum Kinderglauben. Ach,
wie schnell und weit kommt man weg, wenn man rast und flucht! Aber
ich geh' zurück. Ich werde Gott ersuchen um Brot, Wohnung, Kleidung,
Arbeit für wenigstens eine Hand. Es ist freilich taktlos, sehr taktlos,
nach vielen Jahren der Abwesenheit zum allererstenmal beten kommen und
gleich mit einer Riesenbettelei. Ich wollt', es könnt' ein Dankgebet
sein anstatt -- -- Aber Vertrauen, Tom, der liebe Gott verkehrt lange
genug mit Geschöpfen, um zu wissen, daß vom Hund auf- und abwärts
gerechnet der Mensch allein die Lumpeneigenschaft besitzt -- betteln
an der Pforte, die er gestern anspuckte -- und Gott ist unendlich
nachsichtig.
»Herr der Welt!« werde ich beten, »hier ist man wieder. Zwanzig Jahre
oder mehr sind's her, daß man in der Wüste grast. Das Vaterunser
hat man vergessen -- halb. Den Glauben -- ganz. Die Hoffnung ist
verbraucht. Die Liebe verschenkt ans Weib. Die zehn Gebote, Rosenkranz
und viel segenbringendes Anderes ist verloren gegangen im Laufschritt
nach irdischen Reichtümern. Jetzt ist man müd, hungrig, bankrott.
Man kommt, weil der Schuh drückt. Die Hühneraugen sind's, die Hilfe
suchen. Wären die Leiden erträglicher, man dächte noch lange nicht ans
Umkehren. Herrgott, rechne mir diese aufrichtige Unverschämtheit als
den letzt gebliebenen Rest meiner Tugenden an! Allwissender, du kennst
mich besser als ich dich, und das erspart mir die lange Erklärung.
Allgütiger, du kannst mehr lieben als ich, und das steigert meine
Hoffnung. Allmächtiger, du brauchst mich rein gar nicht, ich dich sehr,
das entschuldigt meine Schnorrerei. Es gibt Geschöpfe, die lauter um
Erlösung schreien -- aber ~mich~ höre. Es gibt Geschöpfe, die
keine Verzögerung deiner Hilfe ertragen können -- aber ~mich~
zuerst. ~Mich~, ~mich~, dann wieder ~mich~ und immer ~mich~!«
Nein, Schwester! so werde ich nicht Gott lästern. »Vaterunser!« werde
ich rufen, »der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein
Reich komme zu uns. Gib uns heute unser täglich Brot« -- --
O weh! ich höre den Doktor klopfen, und Eva öffnet dem Schrecklichen
die Tür. Jetzt geht's los. Mein Gott! Mein Gott! Die Folter, die
Metzgerei, die Messerschleiferei -- -- armer Tom! -- --
Jennie! Jennie! sag mir's ehrlich: ist das Leben diese Qualen wert?
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 5. September 1900.
Teure Schwester!
Wenn ich wieder bei Kräften bin, werd' ich ein Waschweib werden.
Dieser schaumweiße Stern der Hoffnung strahlt jetzt sein mildes,
seifenblasenschillerndes Licht hernieder auf Toms Schmerzenslager.
Eva saß diesen Morgen auf dem Bettrand bei mir und berichtete die
Entdeckung dieses neuen Planeten am Ehehimmel. Sie streichelte mir,
während sie redete, mit ihrer weichen, nervösen Hand unablässig über
die Stirn, die Haare nach rückwärts, so lieb und zärtlich wie in den
Tagen unserer Brautzeit. Es dünkt mich schier, ich sei ihr Kind, so
mütterlich behandelt sie mich; oder will sie das Wäscheeinseifen
schon im voraus probieren an mir. »Kind!« sagte sie, »ich hab' einen
Plan ausgedacht und der ist gut. Bei den Nachbarsleuten bin ich
herumgegangen, sie alle wissen von dem Unglück, das uns betroffen hat,
und werden mir Arbeit geben. Ich werde jetzt eine Wäscherei
einrichten.«
So weit meine Eva, jetzt höre ~mich~. Also, Wäscherei einrichten!
-- Sobald ich aufstehen kann und stark genug bin, Tee zu trinken am
Küchentisch, werd' ich eine lange weiße, gestärkte Schürze tragen;
hinten zugeknüpft mit breiter Doppelschleife; vielleicht kommt dazu
ein norwegisches Häubchen, Mieder, Spitzenkrause. Die Hosen darf ich
anbehalten, Pantoffeln tragen auch. So steh' ich wenigstens bei Tage
noch ~auf~ und nicht ~unter~ dem Pantoffel. Der Waschkübel
ist schon gekauft, die Seife bestellt, das Wasser wartet in der Röhre,
und -- die Hemden, Socken und Bettücher werden schon noch verschwitzt
werden bis dahin.
Ja -- bis dahin. Ich kann vorläufig noch gar nicht mithelfen. Ich liege
im Bett, so schwach und elend, wie nur ein Mensch liegen kann, der sich
schier totblutete. Ich höre mein gutes, treues Evchen schaffen und
mühen in der Küche nebenan -- aber behilflich sein kann ich wohl noch
lange nicht, und dann auch nur mit ~einer~ Hand.
Doch ist Hoffnung. Wir werden uns gegenseitig nicht verhungern lassen
-- Eva -- Bertie -- Tom. Die Wohnungsmiete ist bezahlt für September.
Der Doktor kostet vorläufig nichts. Eva und Bertie haben neue Schuhe;
ich brauche keine. Aber daß ich baumstarker Riese im Bett liege Tag und
Nacht, und mein brustkrankes Weib für mich und das Kind sich abrackern
soll am Waschbrett -- -- Schwester! das ist ein Stich ins Herz, das
brennt, das vergiftet mich; das weckt so bittere Gefühle in mir gegen
die reiche, bessergestellte Menschenklasse, daß ich ihr schwerlich je
verzeihen werde.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 9. September 1900.
Liebe Schwester!
Ich habe einen guten Tag. Um neun Uhr fing er an mit gutem Frühstück am
Küchentisch. Appetit und Schlaf sind fehlerfrei. Um zehn Uhr besuchte
mich der Herr Doktor. Nachdem er mit seiner Salberei fertig war, kamen
zum erstenmal tröstende Worte in meine Ohren. »Die Sache heilt jetzt,
Mister Pratt. Noch eine Woche oder so, und Sie können sich wohl selber
forthelfen mit Verbinden.« Ach, das klingt so tröstlich. Den Doktor
loswerden, und besonders einen mit der Säge und dem Messer, ist die
wahre, unverfälschte Erlösung.
Nach dem Mittagessen -- jetzt kommt der Generalbericht des »guten
Tages« -- versuchte ich den ersten Spaziergang ins Freie seit dem
Unglücksfall. Erst promenierte ich vom Schlafzimmer nach der Küche, von
der Küche zurück ins Schlafzimmer, und so hin und her. Dann kriegte ich
plötzlich das Freiheitsfieber, nahm Hut und Rock und Stock und machte
einen Angriff auf den Korridor. Er gelang. Bis zur Treppe schlug ich
mich durch; aber dort -- hm! -- ich bin noch immer wackelig, und die
Treppe auch, und dass Schlimmste: das Geländer ist ~links~ beim
Absteigen. Das sind drei Gefahren. Aber die Sehnsucht, Straßenluft zu
atmen, war mächtiger als die Vorsicht, mächtiger als das Flehen meiner
überängstlichen Eva -- und ~rückwärts~schreitend ging ich die
Treppe hinunter. So bekam ich das Geländer rechts und einen Halt. Aber
komisch muß es ausgeschaut haben, denn Evchen lachte. -- Ja, ja, liebes
Weibchen, rückwärts geht's, den Krebsgang geht's. Auf der untersten
Treppe mußte ich ausruhen. Ich ließ gleichzeitig die Hausmeisterin an
mir vorbei.
»Ah, Mister Pratt!« grüßte sie mich, meine strategische Stellung
mißverstehend. »Spazieren gewesen? Schönes Wetter draußen, Mister
Pratt!«
So kam ich denn schließlich hinab -- hinaus -- und heraus. -- -- O
Freiheit! wie bist du im schlichtesten Gewande noch die Königin der
Himmelsgaben. Das bißchen Sonnenschein, getrübt vom Dampf der Stadt.
Das bißchen Blau dort oben, verschleiert vom Rauch der Metropole. Die
dicke Luft. Die arme Erde -- ein Pflasterstein auf jedem Grashalm.
Bäume -- Sträucher -- Natur so verkrüppelt, verschunden, verhunzt von
des Menschen Gier nach Profit. Die Hügel abgetragen; Täler ausgefüllt;
Wälder, Felder und Wiesen rasiert; Bäche und Quellen verstopft wie
pulsendes Leben; die Ufer der Bai vermauert, mit spitzen Pfählen
gemartert; ein paradiesisches Stückchen Erde verstümmelt zu einem
Agglomerat von Straßen, Häusern, Fabriken, Magazinen, Steinhaufen --
alles dampfend, rauchend, qualmend -- die Hölle für Tausende. ~Und
doch~ bleibt noch so viel übrig nach dieser Vandalenplünderung, mein
dürstend Herz zu tränken mit Entzücken.
Ein Stündchen lang spazierte ich um das Häusergevierte herum und
gelangte (körperlich erschöpft, geistig erfrischt) wieder heim zur
Hoftür.
Mein Bertie rannte mir laut jubelnd entgegen und hielt einen Apfel in
der Hand: »Papa! den hat mir die gute Frau Finnerty geschenkt, und noch
drei für dich und Mama.«
Und so war es: Evchen hatte Damenbesuch. Wir setzten uns, fünf Köpfe
stark, um den Tisch herum, tranken Tee und schwatzten, klatschten und
lachten, bis der Nachmittag das Aussehen eines kühlen, schönen Abends
bekam, der uns zum Ruhen und Rasten lockte.
Tom.
* * * * *
Pilot Knob, den 12. September 1900.
Bruder!
Gott sei Dank! Die Briefe sind besser. Durch die Zeilen kann ich lesen,
daß es besser geht bei Dir, daß Mut, Vertrauen, Hoffen und was dazu
gehört, ein Kreuz tragen zu können, allmählich wieder zurückkehrt ins
alte Lager, in Deine Brust.
So bleibst Du wenigstens geistig bei Kräften, und ist Dein Arm geheilt,
dann -- nun ja -- es wird sich schon etwas finden für Dich. Es gibt
Tausende von Krüppeln, es gibt Menschen, viel mehr verstümmelt und
hilfloser als Du, und alle leben, essen, trinken, kleiden sich. Warum
also verzagen? -- Mut, lieber Bruder! Ganz glücklich sein, das können
oder sollen wir nicht in dieser Welt. Auch der Beneidenswerteste hat
Wünsche, die ihn quälen. Auch mit zwei Händen hat der Mensch Tränen zu
trocknen, und hätt' er drei Hände, dann wär' ~wieder~ was unrecht.
Zum Spaßmachen sind wir nicht ins Dasein gerufen worden -- eine
heilige, tiefernste Mission ist unser Leben -- ~Seelen zu reifen~.
Wie kleinmütig bist Du also, eines Mißgeschickes wegen so den Verstand
zu verlieren, daß -- -- -- Nein, ich will Dich nicht schelten, armer
Tom. Ich begreife, wie Du gelitten hast und noch leidest -- aber nichts
mehr von der unseligen Vergangenheit. Die Zukunft wollen wir besprechen.
Bruder, Du sagst: Dein Arbeitgeber sei menschlich gegen Dich. Hier
ist also schon Aussicht, daß Du Verwendung in seiner Fabrik erwarten
kannst; freilich nicht an der Säge und Drehbank, aber sonstwie und -wo.
Und wird's nichts in seiner Fabrik, dann wird's sonstwo. Die Welt ist
weit und reich.
Mit jedem Tag wirst Du jetzt kräftiger und mehr im stande, Dich
umzuschauen; und kommst Du nur erst unter Leute, auf die Straße,
ins Gewühl und Getriebe, dann wächst Dir auch der Mut. Ich weiß das
aus Erfahrung, daß nichts ihn so erschlafft wie das Bettliegen und
nichts um und um haben als die Wand und Zimmerdecke. Es gehört zum
Wunderbaren, daß man überhaupt gesund wird im Bett.
Dann, lieber Bruder! vergiß nicht Dein Versprechen, das ich von Dir
habe -- geh zur Kirche. Sobald Du Haus und Zimmer verlassen darfst,
geh zur Kirche. Am liebsten wäre mir's, Du wähltest eine katholische;
Du bist so erzogen worden und bist gleich daheim beim ersten Schritt
über die Schwelle. Hundert Dinge werden Bilder wachrufen in Dir, die
jahrelang, seit Deiner Jugendzeit geschlafen haben, und Gottes Nähe und
der Kindheit Ferne (diese beiden Pole) müssen Dich erschüttern -- sonst
wärst Du nicht mein Fleisch und Blut. Es ist die ~Umgebung~, die
den Menschen festhält oder fortreißt; Du sagst das selber. Wir Menschen
haben das Gottesgeschenk und dürfen unsre Umgebung wählen; wähle den
sichersten Ort zum Ruhigträumen, die Kirche. Kniee mit den Armen im
Geiste vor dem ewigen Licht und bete. Kritisiere nicht, studiere nicht,
bete. Denke nicht, Du wärst zu weitsichtig, klug, gelehrt; Religion ist
ebenso heilig für Dich, ebenso unerklärlich, mysteriös für Dich, ebenso
notwendig für Deine Ruhe und Deinen Frieden. Was ist Menschenwitz vor
diesem Rätsel? Der Weiseste ist nur ein Rater -- und Narren raten
besser.
Nun genug. Zurück zur Prosa, zur allertrockensten Prosa -- zum Peter.
Mein lieber Mann läßt Dich vielmal grüßen und -- leid tut's ihm,
daß sein Schwager Tom -- -- und so weiter. Wenn's dem ~Peter~
leid tut, wenn's diesen Felsen erweichen tut -- Bruder, Du kannst
Dir etwas einbilden auf Peters Sympathie. Ist's wenig -- es ist sein
Alles. Zehn, zwölf Stunden lang täglich schaufeln, graben, wühlen,
heben, auf dem Bauch und Rücken rutschen, im Kot und im schlammigen,
schwarzen Wasser herumkriechen wie niederste Tiere -- Todesgefahr vor
Augen sehen, verstümmelte Kameraden sehen -- Leichen sehen -- nicht im
Sonnenschein und Blau der Oberwelt -- in schwüler, fauler Grubenluft,
Nacht und Felsen der Brust so nah wie der nasse Rock, das nasse Hemd.
Mitleid aus ~solcher Tiefe~, Bruder, das ist der Menschenseele
ungekünstelt reinster Ton. -- Also, dem Peter tut's leid!
Meine Kinder beten jeden Abend ein »Vaterunser« für Onkel Tom in
Brooklyn; das sind sechs Vaterunser. Hoffentlich betest Du auch bald
eins, damit es sieben werden. Sieben ist eine heilige Zahl, eine
magische, segenbringende Zahl. Man soll nie aufhören mit fünf und
sechs. Ach, jetzt widerspreche ich meiner eigenen Weisheit, denn ich
möchte um alles nicht mehr als sechs »Kinder«. Beim Abstimmen mit Peter
jedoch bin ich der unterliegende Teil, und sieben -- --
Sssst!! Huh! Pfui! Schäm dich, Jennie. Könnt' ich das wegkratzen ...
Bruder! Wenn ich so hin und wieder, wie eben, übers Ziel haue, danke
ich immer gleich der Vorsehung für das Bleigewicht, das sie mir
aufladet. Wo rast' ich hin ohne dieses Kreuz, mit meinem Übermut
zügelloser Gedanken?
Dann soll ich noch ein Beileid berichten nebst Gruß von Deinem
Schulkameraden Dick Teller. Der geht auch herum den Arm in der
Schlinge -- und sein Bruder Bill geht überhaupt nicht herum -- der
liegt zwischen Leben und Sterben im Bett. Sie verunglückten beide
beim Stollenstützen. Ein dritter wurde tot heraufgeschafft, ein
Familienvater. Gott, war das ein Jammer; die Leute wohnten neben uns,
und nächtelang hörten wir die Kinder und die Mutter schreien. Jetzt
sind sie nach St. Louis geschickt zu Verwandten.
Ja, ja, die Armen haben viel Herbes zu tragen, viel Kreuz und Elend. Es
scheint die ganze Last zu ruhen auf den Armen. Und doch haben es die
Reichen noch unbequemer, die müssen sich ihre Sorgen selber machen --
wir bekommen sie geschenkt.
So, nun ist Schluß der Debatte: das Papier geht aus. In der Ecke unten,
rechts, soll ich aus dem Brief heraus. Das ist jedesmal der Fall, wenn
ich schreibe. Ich bin eine leichtsinnige Schreiberin. Ich weiß gar
nichts von Gesetz und Maßhalten. Zum Spaß möchte ich nur mal sehen, wie
viel ich so per Zeilen mit Dir plauderte, wär' der Briefbogen tausend
Meilen lang. Bruder, ich käme schreibend durch Missouri, Illinois bis
zu Dir nach Neuyork!
Herzliche Segenswünsche für Eva und Bertie. Schier vergess' ich's
wieder: dem Bertie Glück zu seinem vierten Geburtstag. -- Gutes Kind!
Jennie.
* * * * *
Brooklyn, den 17. September 1900.
Liebe Schwester!
Mein Wort ist eingelöst. Ich war gestern in der Kirche, und zwar in der
Hochmesse. Das wird Dich freuen, und noch mehr wird es Dich wundern,
wie es mir ergangen ist dort. Darum schreibe ich diesen langen,
vielleicht zu langen Brief.
Das allererste Gefühl, das mich erfaßte beim Beschreiten der
Kirchenschwelle, war -- Heimweh; und so überwältigend war es, daß
ich herumgegangen sein muß wie ein Schlafwandler, denn ich fand mich
plötzlich knieend in einem Betstuhl, nahe der Wand. Vor mir waren die
Stühle besetzt mit Frommen; hinter mir, das sah ich nicht, aber hörte
leises Flüstern betender Stimmen. Meine Nachbarin war ein berückend
andächtig die Augen senkendes Mädchen, ihre Nachbarin ein altes
Mütterchen mit schon geretteter Seele. Ich befand mich also in guter
Gesellschaft. Verstohlen, um kein Ärgernis zu geben, ließ ich meine
Blicke umherwandern und bemerkte viele alte Neuigkeiten, viele neue
Altertümer, zahllose Bekanntschaften aus grauer Vergangenheit; mehrere
grüßten mich bei Namen. Die Halle war geschmackvoll in Architektur,
Skulptur, Malerei und ließ dem Tadel keinen, dem Lob allen Spielraum.
Harmonische Harmonie, getaucht in wohltuendes Halbdunkel, füllte
den Raum; dazu spielten die vielen Lichter und die Farbenpracht der
Fenster feenhafte Akkorde. Wenn das die alltäglichen Kirchenbesucher
zur Andacht neigt, wie viel mehr mich Fremdling. Ich empfand denn auch
ein Regen im Busen, das wenig gesteigert mich zum Schluchzen gezwungen
hätte. Tränen umflorten meine Augen, zwei davon tröpfelten auf den
Ärmel nieder, die andern wischte ich fort. Unsäglich hilflos -- mit
tiefstem Menschenelend als Gesellschafter -- ein Sünder vielhundertfach
-- ein Gottesleugner und Spötter -- ein Bettler, den Verzweiflung
zwingt, an die Pforte zu klopfen, die er in besseren Tagen besudelte
mit Spott und billigen Sarkasmen -- so kniete ich, zwischen Gott und
mir die Schuld, zwischen mir und Gott die Schuld. Ich schaute mich
um und gewahrte Menschen, knieende, singende, betende, nichtbetende;
reiche, wohlgekleidete; arme, sehr arme -- aber keinen so arm wie ich.
Alle konnten sie das »Vaterunser« sagen -- ich nicht. Alle konnten sie
glauben -- ich nicht. Alle konnten sie die Hände falten -- ich nicht.
Was tu' ich hier? -- Gott! Gott! wenn du bist, was diese Betenden
ahnen, gib mir (das Wenigste, um was gefleht werden kann), gib mir mein
Eigentum wieder, ich hab's verloren -- meinen Kinderglauben.
Jetzt begann die Orgel mit süßen Tönen, dann aus voller Brust den Raum
füllend, ihr jubelnd Kyrie und Gloria. Anklammernd webten sich die
Stimmen der Gläubigen in das Rauschen der Orgel, Natur und Kunst so eng
verflechtend zu eins. Mein armes Herz -- das letzte, wenn ihm alles
fehlt, es preßt sich aus in wehem Krampf -- blutete -- blutete.
Armes Herz! bist, wenn auch nicht ewig, doch lebenslang Gefangener
in des Körpers Kerker -- wenn frei wie seine Wünsche der Geist kann
fliegen. Ach! der Geist, der luftige, der lächelnde Titan, er lockt
mich weg von dir und trägt mich adlergleich der Heimat zu. Jetzt
zaubert er Mittagssonnenschein über die Gefilde und zeigt das teure
Pilot Knob, die Berge und Täler, Fluren, Felder, Wälder, das Vaterhaus,
die Hütten der armen, schlichten Leute -- dort die Hütte der Jennie;
zeigt ihre Kinder, sie, ihren Mann, wie sie vor dem Häuschen im
Schatten der Nußbäume spielen; denn Sonntag ist's auch dort, so hat
er's eingerichtet, der kleine Allmächtige, Allwissende. Jetzt zaubert
er die Nacht auf Berg und Tal, und alles ruht. Des Himmels Sterne
überwölben von Arkadien im Süden bis hinauf zu den eisigen Bergen ein
blumenduftend Feld. Melodisch rauschen dort die Wasser des Wiesenbachs.
Heilig rauschen hier die Weiden an der Kirchhofmauer. Leichensteine
heben sich ab aus dem Dunkel der Nacht. Vollmond beleuchtet jetzt die
Stätte. »Vater«, »Mutter« steht auf dem Grabstein. »Hier ruht« -- »Hier
ruht« -- -- Ja, ja, hier ruhet, Vater und Mutter; gestorben seid ihr,
ohne gelebt zu haben. -- Nun verhüllt sich hinter Wolken der Mond, und
undeutlicher hängen am Hügel die Hütten. Hin und wieder flackert ein
Licht auf und zeigt -- -- --
O Heimat! Heimat! Was ist Kummer, Elend, Sorgen? Was ist Kummer,
Elend, Sorgen, gelitten in der ~Heimat~? Was ist an Mutters
Busen ein leidend Kind, in Schlaf geküßt? Was ist ein leidend Kind,
~nicht~ in Schlummer geküßt, weggerissen von der Mutter? Was ist
Kummer, Elend, Sorgen in der weiten, weiten Welt, allein, allein im
Menschenmeer verloren, verkannt, verbannt?
Hier bekam ich meinen Tritt. Erschrocken fuhren die Geister zurück zum
verwaisten Leib. Die Gemeinde um mich war aufgestanden. Der Priester
sang laut das heilige Evangelium. Ich stand, etwas verspätet, auch
auf -- und horchte. Der Gesang war in lateinischer Sprache, und mit
Befriedigung fühlte ich mich den Anwesenden gleichgestellt, denn
niemand verstand den Sinn noch die Worte der himmlischen Botschaft.
Ihren Abschluß bezeichnete der Geistliche mit einem phlegmatischen Kuß
aufs Buch. Der war gleichzeitig das Signal zum allgemeinen Niedersitzen.
Es schien mir, als käme nun der wichtigste, anziehendste Teil der
Feierlichkeit: denn wer nur irgend einen Hals hatte, der hustete,
räusperte, spuckte aus, schneuzte sich die Nase, rückte, rutschte, es
glich einer vollständigen Auskehrung der Menschenbrust, um möglichst
Raum zu schaffen für göttliche Dinge, die da kommen sollen. Langsam
drehte sich der Priester um gegen die Gemeinde, und noch langsamer
begann er zu verlesen: die Tagesneuigkeiten.
Heute ist der sechste Sonntag nach Pfingsten (oder ich weiß nicht was;
einerlei).
Nächsten Donnerstag feiern wir die Himmelfahrt Christi.
Am Mittwoch ist ein gesetzlicher Fasttag.
Am Samstag noch einer.
Am Freitag sowieso.
Ganz arme Leute, die Kartoffeln mit Salz zum Festessen rechnen, sind
vom Fasten suspendiert; ebenso Schwerkranke und kleine Kinder.
Die Geldsammlung bei der zweiten Kollekte am letzten Sonntag betrug
196 Dollar 45 Cent. Das sind 22 Dollar und 17 Cent weniger als am
vorhergegangenen Sonntag. Ein Kirchenmitglied gab 10 Dollar. 22
Mitglieder gaben je 1 Dollar. 66 gaben je 50 Cent. 84 gaben je 25 Cent.
710 gaben je 10 Cent. 349 gaben je 5 Cent. Und 2200 gaben je 1 Cent.
Dann kam ein scharfer Verweis gegen die Knauserigkeit der Gemeinde,
besonders gegen schmierige Pennygeber. »400 Dollar in zwei Kollekten,
das sind noch keine lumpigen 25000 im Jahr mitsamt den Nebengeldern!«
schrie der Geistliche im Angesicht des armen, barfüßigen Nazareners.
»Eine heilige Messe wird gelesen,« begann er wieder, »jeden Montag für
alle diejenigen, die zehn und mehr Cent geben in jeder Kollekte. Eine
Messe wird gelesen für alle diejenigen, die zehn Cent und mehr geben
bei der Haus-zu-Haus-Kollekte. Am Mittwoch ist eine Messe für die
Geldsammler. Am Donnerstag Spezialkollekte auf Listen. Dann ist heute
das Sitzgeld fällig. Sammelkästen sind aufgestellt für den heiligen
Vater, ebenso für die Mission bei den Indianern. Heute abend sieben
Uhr ist musikalischer Vortrag des beliebten Paters Bennett, nebst
zugehörigen Nebelbildern, hier im Gotteshaus; Eintritt 50 Cent, 75 Cent
und 1 Dollar.« Und so weiter. ...
Gottlob! ich war jetzt wieder vollständig nüchtern. Das Idealisieren
war verdampft wie Spiritus im Rinnstein -- nach solcher Zahlenschlacht
am Hochaltar. Aber bewiesen war es gut: daß Seelsorger für den Leib
sorgen.
Jetzt stand die Gemeinde abermals auf. Der Priester verlas das
Evangelium, diesmal in gutem Englisch. Es war die Botschaft vom
Himmelreich, das gleich ist einem Senfkörnlein. Ich kannte die Parabel
noch aus meiner Schulzeit.
Hiernach folgte wieder ein Hinsitzen. Das ging überhaupt fleißig auf
und ab. Man kam nie zum Ausruhen. Man halbierte und dreivierteilte in
einem fort die Körperlänge, und die Kniescharniere wurden förmlich
erhitzt -- besonders bei dürren, ungeölten Beinen. Es war die reinste
Turnschule.
Dann geschah die sogenannte Predigt. Der Pfarrer gab zu dem
Senfkörnlein seinen Senf, und der Titel berechtigte mich, eine gewisse
Schärfe zu erwarten; es war aber nicht einmal Mehlsuppe, ohne Schmalz
und Salz. -- Daß es sündhaft ist, dem heiligen Mann den Text zu
verlesen, weiß ich selber, aber der heilige Mann hat zuerst angefangen
und ~mir~ den Text verlesen. Er stieg auf die Kanzel und
bombardierte mich von dieser Debattierfestung aus mit seiner Predigt.
Predigen heißt: bekanntmachen, erklären, unterrichten, belehren,
lehren. Er lehrte mich. Eigentlich lehrte er mich ~nicht~, noch
sonst jemand. Ein Leerer kann nicht lehren. Ein Lehrer kann lehren.
Ein Leerer kann höchstens Taschen leeren. Ein Leerer kann aber
gefüllt werden, und soll er gelehrt werden, muß er gefüllt werden mit
Weisheit, Wissen, mit den sieben Gaben des heiligen Geistes; so wird
der Geleerte gelehrt. Der Unterschied zwischen gelehrt und geleert
dreht sich ums »Ha« rum. Ich könnte somit sagen: der heilige Mann ist
ums »Haar« ein Gelehrter. Das endete die Kontroverse zufriedenstellend;
aber unglücklicherweise denk' ich an meine abgesägte Hand und die
Zwanzigtausenddollarkollekte, und eine unwiderstehliche Raufwut jagt
mein Blut ins Kochen.
Nein, dieses Mannes Kopf war so hohl, öde, leer, geistlos -- wie ein
virginischer Weinkeller nach konföderierter Einquartierung. Und mit
dieser Leere kommt er hausieren zu mir; nicht hausieren, er nötigt
sie mir förmlich (unter Höllenstrafe) auf als himmlische Ware, als
Heiliggeistfabrikation; verlangt, ich soll die Leere fühlen, sehen,
hören, soll mit der Leere meine dürstende Seele füllen, im Leeren
fischen nach Glaube, Hoffnung und Liebe, aus der Leere eine Lehre
ziehen. Daß man zwanzig Winter lang studieren muß, um gescheit zu
werden, ist bei einem Menschen, der Pfarrer werden will, begreiflich,
aber so lang studieren und eine solche Predigt quacksalbern, das ist
zum Zähneknirschen für Engel.
Also: »Das Senfkörnlein ist gleich dem Himmelreich.« Herrgott! welcher
Spielraum ist hier einem Redner gegeben. Von der Wurzel im Erdboden bis
hinauf zum blauen Saum der Unendlichkeit, in alle Höhen und Tiefen kann
der Redner steigen und fallen und seine Hörer mit sich reißen wie der
Wirbelsturm die losen Blätter. -- Offenbar kannte der geistliche Herr
gar nicht die Bedeutung der Parabel, oder verwechselte Senf mit sauren
Gurken, Spinat und Linsen.
Mit nichts kann man nichts begeistern. Zwanzig Prozent der Gläubigen
begannen denn auch einzuschlafen während der Predigt. Zwanzig weitere
langweilten sich; fünfzig Prozent hielten zeitvertreibende Heerschau
über die Anwesenden, über alte Bekannte in neuen Kleidern. ~Ich~
betrachtete mit Andacht ein Bild an der Wand: es stellte den Heiland
dar, wie er fällt unter Kreuzeslast. Ein rührend Bild, ein ergreifend
Bild; das Gute, Edle, Anbetungswürdige liegt am Boden, und Brutalität
triumphiert. Armer Jesus!
Dann schweiften meine Blicke über die schläfrige Menge hin und
berechneten, wie viele von diesen Christen wohl beispringen täten
und helfen, falls der arme Jesus wirklich, leibhaftig, jetzt eben
hier im Kirchgang mit seinem Holz auf dem Rücken daherwankte. Alle?
-- Ich mußte schier laut lachen, als ich die vielen Damen ansah mit
Seidenkleidern, Straußenfederhüten und Diamanten im Ohrläppchen -- und
dann das arme Mütterchen nebenan, in schäbigem Tuch und wahrscheinlich
krummen Schuhen.
Dann zogen meine Blicke an der Mauer entlang und gewahrten einen Mönch
mit einem Kindlein im Arm, beide aus Holz geschnitzt und bemalt.
Ich wollte eben dividieren und subtrahieren, wie viel der Heilige
vergessen muß, bis er so unschuldig wär' wie ein Kindlein, und wie
viel er lernen muß, bis er so herzinnig natürlich könnte sein wie
ein Kindlein. ... Dann sah ich weiter vorne eine heilige Nonne, auch
aus Holz geschnitzt. Sie hielt den Rosenkranz und blickte nach oben.
Ich stellte Betrachtungen an über ihre wunderbare Gleichgültigkeit
gegenüber dem Weltlichen (ich meine die Heilige, nicht den Holzklotz),
und wie wenig das entsetzliche Ringen ihrer Schwestern sie bekümmert,
behindert, den Weg zu spazieren nach dem Himmel -- allein. Ja, ja,
allein. Aus diesem grauenvollen Seelenschiffbruchsdurcheinander, das
sie hier umtoset, rettet diese Selige -- wen? -- ihr liebes, teures
Selbst. Das ist mehr, als manche Mutter kann, die beim Retten ihrer
Kinder, ihres Gatten untersinkt.
So standen noch mehrere verschmitzte (geschnitzte, wollt' ich sagen),
ungehobelte, aber vergoldete St.s an der Wand herum, in faulenzender
Bequemlichkeit ihre nachahmungswerten Eigenschaften präsentierend.
Sie waren größtenteils junge, ledige Leutchen, die bei Lebzeiten und
löblichem Mühen den Weg entdecken konnten zur ewigen Seligkeit. Den
~heiligsten~ Heiligen aber, den armen, geplagten Familienvater,
der ehrlich und redlich sich abschindet für Weib und Kinder, bis er
Lunge und Leben verhustet im Staub der Werkstatt -- dem sein Bild sah
ich nirgends. Auch keinen Yankee-Heiligen konnte ich bemerken; lauter
Ausländer mit fremden Gesichtern, Kleidern und wahrscheinlich Manieren.
Ganz oben, links, im vordersten Chorfenster brannte die Sonne einem
»Glasgemalten« so energisch auf den Rücken, daß sein ganzer Inhalt,
des Leibs und der Seele, wie ein Balken farbiger Luft in die Kirche
hineingeblasen wurde.
Schon wieder mußte ich pausieren im Phantasieren. Die Predigt war jetzt
überstanden. Alles fühlte sich erleichtert. Man kann das nehmen, wie's
paßt.
Dann geschah noch viel und vielerlei, die heilige Handlung vollständig,
rund, fehlerfrei und gottgefällig zu gestalten. Endlich noch eins:
Körbe an langen Stangen wurden den Betenden vors Gesicht gehalten,
zum Füllen mit Bar, mit Geld; mit dem »Teufelszeug«, sagt der Prophet
Jeremias; oder war's Herodes, der so sagt? Ich hab's einmal so gelesen,
daß Geld Teufelszeug wäre; -- und das ist wohl der Grund, warum die
Seelsorger sammeln. Je weniger Geld die Gemeinde behält, je weniger hat
sie Teufelszeug. Her mit dem Teufelszeug!
Amen! -- Der Gottesdienst war aus. Eine Stunde und zwei halbe hat's
gewährt. Herrgott! bist du genügsam.
Dann ging's heim: Ich machte meine Reverenz mit zwei krummen Knieen,
krummem Rücken, Nacken, der gottgefälligsten Körperverrenkung, wie
es scheint. Hierauf schlug ich das Kreuzeszeichen; das gelang mir
gleichfalls. Man braucht keine zwei Hände, ein Kreuz zu ~machen~;
-- ob ich's aber ~tragen~ kann mit einer? -- Barmherziger! warum
hast du mich so wenig getröstet, da drinnen da? Alle kommen sie heraus
mit lachenden Gesichtern, und ich nur steh' hier betrübt auf der Straße
und schau' zurück. »Ja, ja,« seufzte ich, »den Glauben muß man sich
schon mitbringen, den kriegt man nicht da drinnen.«
Und doch geh' ich nächsten Sonntag abermals zur Messe. Ich tu's!
Vielleicht erlebe ich die Wiederholung jener Träumereien, und das ist
der armen Seele Himmel.
Tom.
* * * * *
Pilot Knob, den 23. September 1900.
Lieber Bruder!
Ich bin Dir zwei Briefe schuldig -- hier ist ~einer~:
Also in der Kirche gewesen bist Du, he? Den lieben Gott besucht hast
Du, he?
Du bist doch der allerhartgesottenste Ketzer, der dem Scheiterhaufen
entronnen ist. Man geht nicht in die Kirche, um den Pfarrer zu
kritisieren -- man geht in die Kirche, das ~eigene Selbst~ zu
kritisieren. Man geht nicht in die Kirche mit Zirkel und Zollstock,
Hammer und Leimpfanne, um Reparaturen vorzunehmen -- man geht in die
Kirche mit dem Rosenkranz, Gebetbuch und einem »Herrgott, sei mir armem
Sünder gnädig!« -- Aber, Tom! Dir stecken die Spotteufel so im Mark
und Bein, daß Du ersticken müßtest, kannst Du nicht Deinen Witz auf
irgend eine Einrichtung abladen. Ich wollt', ich könnte hinüberlangen
jetzt, wo Du gerade liegst oder sitzest, und Dir die Ohren strecken
wie Hosenträger, die Haare zausen mit allen zehn Fingern. Ich könnte
Dich prügeln, würgen, breitschlagen, Du ungezogener, unverbesserlicher,
hoffnungslos verwilderter Sünder -- Du fürchterliches Ding Du! -- Ist
das die versprochene Besserung, die Buße, die Reue? Ist das die Umkehr
zum Kinderglauben? Ist das die Rückkehr des verlorenen Sohnes zu seinem
Vater -- die Schweine mitbringen -- die Säu' hereinlassen zum Gastmahl,
daß sie das Bittgesuch grunzen sollen Deinerstatt?
So, das ist Brief eins -- jetzt kommt zwei:
* * * * *
Mein lieber Bruder nebst Familie!
Ich bin nur halb bei mir selber, seit Du das Unglück hattest, Deine
Hand zu verlieren. Ich kann nicht aufstehen, nicht hinliegen -- jede
Stunde, halbe, viertel Stunde des Tages muß ich immer und immer an
Dich und die armen Deinen denken. Wie geht es Euch? Du schreibst mir
oft, öfter als ich erwarten darf, aber dutzendmal zwischen jedem Brief
sehne ich mich nach Auskunft. Daß wir so weit auseinander leben müssen
-- tausend Meilen. Daß ich so wenig Dir helfen kann. So hilflos selber
bin -- o, Armut wär' so schwer nicht zu tragen, könnte man herzlos
sein. Warum gibt Gott den Armen das Mitleid und Erbarmen, anstatt es
den Reichen zu geben? Ist das der Ausgleich vielleicht, daß die Reichen
Gold, die Armen ein fühlendes Herz besitzen sollen, aber keines alles?
Ich will nicht murren, aber, Bruder, manches Mal scheinen auch meiner
gottvertrauenden Seele die Dinge der Welt so verkehrt, daß ich bange
vor der Möglichkeit einer Lösung.
Bruder! Du hast mich mit Deinem Kirchgang ungemein erfreut. Daß Du
Eindrücke mitnahmst, beweisen die vielen Neuigkeiten Deines sehr langen
Schreibens. Daß Du Heimweh und Sehnsucht fühltest, beweist, wie die
guten Engel die empfindlichste Seite Deiner Seele merken. Daß Du keinen
Glauben mit herausbrachtest, verblüfft mich weniger. Den Glauben hast
Du zuerst und am längsten ~verloren~ und wirst ihn so leicht nicht
finden wie andere Himmelsgaben, die Du nur verlegt hast in irgend einem
Winkel der Seele.
Diese paar Sätze gehören zum Brief eins, jetzt verschluckt sie der
Brief zwei und füllt sich den Bauch damit auf Kosten seines Vorgängers.
Das leid' ich nicht. Jedem das Seine! Nur meine ich: der Brief eins sei
so schauderhaft, daß er je kürzer je besser würde.
Ich meint's übrigens nicht so buchstäblich, wie's dort steht. Ich bin
eben (wie Du auch) eine rücksichtslose, anarchistische Feder. Ich hätte
wohl die Säu' und Schweine, das demokratische Viehzeug, weglassen
können und mehr aristokratisches benützen können -- Adler, Hirsche,
Löwen. Aber diese Herren der Tierwelt wollen mit einem Menschen nichts
gemein haben, der Bettler ist. Du hast recht, wenn Du behauptest in
einem Deiner früheren Briefe: »Ein bettelnder Mensch steht unterm Hund!«
Lieber Bruder! Ich zermartere mir das Gehirn, einen Pfad zu finden
für Deine Zukunft. Mein Bruder Tom und betteln! Almosen betteln, mein
stolzer Bruder!
Warst Du bei Deinem Arbeitgeber in Neuyork? Was sagt er? Was denkt er?
Ist Aussicht, daß er Dich beschäftigen kann, oder empfehlen kann --
sonstwohin? Die großen Herren haben viel Einfluß beim Arbeitvergeben,
und wenn sie nur wollten, es brauchte niemand zu hungern.
Hundertmal wünsche ich, Du wärst hier in Pilot Knob. Ich glaube,
ich kriegte es fertig und erbettelte Dir eine Anstellung bei der
Grubenverwaltung als Wächter, Schreiber. Tom! ich hab' eine Eisenstirne
zum Betteln für -- andere. Ich bin nicht häßlich, schlank bin ich
sehr, geschickt im Drehen und Biegen, feurige Blicke sind mir auch
noch möglich -- und all diese Talente ziehen stark bei den Herren.
Schon dreimal zog ich meinen Peter aus der Patsche bei der Kompanie
mit solchen Schauspielerkniffen. Peter bekam jedesmal seinen Platz
wieder, und die Herren bekamen ~auch~ was -- das Nachsehen -- denn
Jennie weiß ganz genau, wie tief und nicht tiefer das Weib eines braven
Arbeiters sich beugen darf beim Kniefall.
O Himmel! ich werde ausschweifend und weitschweifend. Die kurze Stunde
Zeit, die ich mir aussuchte von den vierundzwanzig, ist verbraucht
mitsamt der Nasenspitze der folgenden.
Bruder! meinen Segen Euch allen.
Deine Schwester.
* * * * *
Brooklyn, den 27. September 1900.
Liebe, gute Schwägerin!
Ich will Dir nur auch schreiben daß wir vielmal danken weil Du so gut
bist zu Tom. Er ist immer besser, wenn Du schreibst. Dann liest er den
Brief laut und nachher lese ich den Brief wieder noch einmal. Ich kann
nicht genug lesen. Und muß doch weinen bei jedem Brief. Weil Du so
schön schreibst wie man sagt wenn man denkt manches Mal bei Nacht wenn
man wacht und bei Tag wenn man traurig ist und alles elend geht dann
denk' ich immer so und bete zu Gott daß es besser geht.
Mein Tom hat ein großes Unglück gehabt mit seiner Hand. Dann haben sie
ihm den Arm noch zweimal abgeschnitten. Im Spital und hier weil es
sein muß wegen Blutvergiftung. Sie haben ihm Lumpen herumgebunden mit
Farbe an den Lumpen. Der Herr Doktor sagt das hat sein Blut vergiftet.
Tom hat Dir das nicht geschrieben daß sein Arm abgeschnitten ist am
Ellbogen. Er hat's nicht wollen. Er sagt das wird Jennie weh tun. Ich
schreibe das nur weil es besser geht. Dann sagst Du immer Tom soll Mut
haben und das hat mir weh getan, weil Tom so viel leiden tut und nicht
einmal hat er laut geschrieen er hat nur sein Gesicht an mich gedrückt
und ich hab' ihn gehalten und dann hat er nur gezittert, wenn der Herr
Doktor und der andere hat das Fleisch weggeschnitten mit dem Messer und
sogar mit der Säge. Das war so schrecklich. Ich bin schier ohnmächtig
gewesen und ganz krank vor Mitleid. Dann hat Tom so wenig Blut übrig
daß er kann nicht chloroformiert werden sagt der Herr Doktor sonst
steht das Herz still.
Aber jetzt geht es besser. Tom kann herumgehen aber schaffen kann er
nicht wieder. Das ist schrecklich. Solang er lebt.
Liebe Schwägerin ich muß Dir noch einmal danken daß Du so schöne Briefe
schreibst. Schreibe recht oft. Tom freut sich jedesmal auf den Brief.
Tom ist jetzt in Neuyork heute bei seinem Herrn Meister und fragt
um Rat. Darum kann ich Dir schreiben. Tom soll nicht wissen daß ich
Dir schreibe von seinem Unglück er will's nicht ganz wissen lassen.
Ich kann nicht gut schreiben das ist schad. Ich bin nur ein Winter
in die Schul und dann immer schaffen in die Spinnerei in St. Louis.
Das kann nicht sein daß man viel lernt. Du kannst sehr schöne Briefe
schreiben und bist immer sehr gut zu mir und ich bin gar nicht einmal
amerikanisch und bin lutherisch und Bertie ist auch noch lutherisch
aber wir haben Dich lieb und Du hast uns lieb und der liebe Gott hat
uns alle lieb. So wollen wir leben im Frieden. Das ist mein Wunsch wenn
ich sterbe ich will Dich und Tom und Bertie und Elsie und alle von
Deiner und meiner Seite und alle guten Menschen wiedersehen im Himmel
beim lieben, lieben Gott. Ich bete ein Vaterunser und schließe den
Brief.