Brahminen

Unter den schlauen, skrupellosen und geriebenen Indern ist der

schlaueste, skrupelloseste und geriebenste sicherlich der der höchsten

Priesterkaste angehörende Brahmine. Außer dem einträglichen Geschäft

eines Hindupriesters stehen den Angehörigen dieser Kaste auch die

höchsten Staatsämter offen. In den Vasallenstaaten sind die meisten

Minister Brahminen. Und auch in den, der britischen Verwaltung

unterstehenden Gebieten wissen sie es oft zu der Stellung von Richtern

und Steuerkommissaren zu bringen, die ihrer Habsucht ebenfalls gute

Aussichten bieten. Auch unter den eingeborenen Lehrern und den

Angestellten der großen Handelshäuser findet man nicht selten Brahminen.

Sie verachten jede Handarbeit als gemein. Jedoch das ebenfalls recht

einträgliche Geschäft des Bettelns ist ihnen nicht verwehrt. Wer würde

es auch wagen, den von den Göttern geliebten Angehörigen der hohen

Brahminenkaste eine Gabe zu verweigern? Ihr Fluch würde den Frevler

sehr bald erreichen.

Ein Brahmine darf nichts essen, was Leben gehabt hat.[10] Seine

Mahlzeiten muß er zu bestimmten Zeiten einnehmen, und kein Angehöriger

einer anderen Kaste darf zugegen sein. Die Speisen selbst darf nur

jemand der eigenen Kaste zubereitet haben, und er darf Wasser nur aus

solchen Brunnen trinken, die für seine Kastengenossen bestimmt sind und

aus denen es von solchen geschöpft worden ist. Hierzu aber treten noch

eine große Menge ähnlicher Vorschriften, die sich in gleicher Sorgfalt

mit allen anderen Lebensverhältnissen des Brahminen befassen. Trotzdem

aber haben nicht wenige hohe Beamte, die dieser Kaste angehören, an

meinem Tisch, ganz ohne Rücksicht auf irgendwelche Vorschriften, es

sich wohl sein lassen.

Zwar ist der Brahmine von den übrigen Hindu ebenso gehaßt wie

gefürchtet. Doch die in der Hauptsache von ihnen verfaßten

Hinduvorschriften verbieten es wohlweislich, das Blut eines Brahminen

zu vergießen. Dies hindert jedoch die anglo-indische Regierung

nicht, auch einen Brahminen bei Gelegenheit aufzuhängen. Ein

früherer Holkar von Indore half sich in der Weise, wenn ihm einer

seiner Brahminen-Minister zu lästig wurde, daß er, um nicht an den

Hinduvorschriften seiner Maharattenkaste zu freveln, ihn in ölgetränkte

Tücher einwickeln und verbrennen ließ.

Der Geiz der Brahminen, wie überhaupt des Inders -- ausgenommen die

Fürsten -- ist unersättlich. Lieber läßt er sich unter den größten

Qualen töten, als daß er das Versteck angäbe, in dem er sein Vermögen

verborgen hält.

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen · 第 57 / 85 题