Hungersnot

Ebenso wie mit den Epidemien, verhält es sich auch mit den

Hungersnöten, die Millionen dahinraffen. Wenn der Inder wollte,

brauchte die durch das Ausbleiben des Monsunregens verursachte Dürre

nicht stets die Form einer ausgesprochenen Hungersnot anzunehmen. Er

will aber nicht. Lieber als auch nur eins seiner Kastenvorurteile

aufzugeben, läßt er die Felder ohne Bewässerung; lieber sieht er sein

Vieh auf den trockenen Weiden vor Durst und Hunger umkommen, als daß

er es tötete, um von seinem Fleisch zu leben. Gegen den Fatalismus des

Hindu -- der nicht mit dem des Mohamedaners verwechselt werden darf --,

gegen seinen bösen Willen, sich jeder Vernunft zu verschließen, ist

auch der allmächtige „Sirkar“ ohnmächtig.

Die Regen hängen von dem Wechsel der „Monsun“ genannten stetigen Winde

ab und werden in Indien durchschnittlich zur Mitte des Juni erwartet,

hier etwas früher, dort etwas später. Überall aber ist die Zeit des

Regenbeginns ziemlich genau infolge der Erfahrung bekannt. Für die

Insel Ceylon liegt sie am frühesten, um, nach Norden fortschreitend,

einen Teil Vorderindiens nach dem anderen zu erquicken.

Sollte der erwartete Regen auch nur vierzehn Tage ausbleiben, so wird

die Lage des von der Hand in den Mund lebenden bettelarmen Inders,

worunter wohl neunundneunzig Prozent der Landbevölkerung gerechnet

werden müssen, äußerst kritisch, und zwar ganz besonders in Gegenden,

die von der Bahn entfernt liegen und wo die Heranschaffung von

Lebensmitteln mühevoll und zeitraubend ist.

Sicherlich tut die anglo-indische Regierung in solchen Fällen ihr

Äußerstes, und sie ist stets darauf bedacht, den notleidenden

Eingeborenen Hilfe zu bringen, indem sie die Bewohner der von der Dürre

betroffenen Gebiete zu bewegen sucht, an den zu ihrer Unterstützung

in die Wege geleiteten Notstandsarbeiten -- ~Famine relief works~

-- zu arbeiten, die zum überwiegenden Teil in der Anlegung von

Bewässerungskanälen und Staubecken bestehen.

Doch der kastengläubige Hindu trennt sich nur äußerst schwer von seiner

Scholle. Die Vorurteile seiner Religion stehen dem schroff entgegen,

und manche ziehen es vor, buchstäblich Hungers zu sterben, als daß sie

die Vorurteile ihres Glaubens opfern.

Dann aber kommt für die kastenlosen und gewissenlosen „Bania“ und

„Schroff“ -- die Getreidehändler und Geldverleiher -- die Zeit der

Ernte. Meistens sind sie beides in einer Person. Sie schließen ihre

Lager und warten mit dem Verkauf des Getreides, bis der Preis um das

zehnfache gestiegen ist. Als man einen von ihnen fragte, wann er denn

seine Speicher den Hungernden öffnen werde, antwortete er unbewegt:

„Erst, wenn sie anfangen, sich gegenseitig aufzufressen.“

Als nun dieser Zeitpunkt eintrat und er sich bereithielt, sein

Getreide gegen Gold einzutauschen, waren die geschlossen gehaltenen

Speicherräume leer. Die Ratten hatten sich schon das letzte

Getreidekorn ohne Bezahlung angeeignet.

Wenn die anglo-indische Regierung sich bemüht, diesen Notständen

entgegenzuarbeiten, so zeigen die einheimischen Vasallenfürsten wenig

Verständnis für solche Maßnahmen. Sie lieben es nicht, überhaupt

etwas davon zu hören. Und die einheimischen Beamten sorgen gern und

mit Hingebung dafür, daß der Maharadscha keinen Einblick in diese

für die Masse der Armen unerträglichen Zustände erhält. Auch ist die

Bevölkerung viel zu unwissend, als in dem von allen Sorgen leiblicher

Not vollständig unberührten Herrscher etwas anderes, denn den von

den Göttern Auserkorenen zu erblicken und die Berechtigung seiner

vollkommenen Gleichgültigkeit ihnen gegenüber irgendwie anzuzweifeln.

Als 1896 und 1900 die Hungersnot auch Kapurthala heimsuchte, begab sich

der Maharadscha auf Anraten seiner Minister schleunigst auf Reisen. Es

war doch auch viel wichtiger, bei der Weltausstellung in Paris anwesend

zu sein, als sich mit Regierungsgeschäften zu langweilen. Daraufhin

mischte sich die anglo-indische Regierung ein, um den einheimischen

Fürsten und Beamten nachdrücklich vor Augen zu führen, wohin ihr

nachlässiges Tun und Treiben sie führe. Ein englischer Beamter

übernahm die Leitung der Staatsgeschäfte in Kapurthala unter völliger

Ausschaltung sowohl des Maharadscha, wie seiner Minister und Beamten

während eines vollen Jahres, was natürlich für die letzteren einen

recht beträchtlichen Einnahmeausfall ergab und auch noch allerhand

Unannehmlichkeiten mit sich brachte.

[Illustration: Viererzug am Schlosse von Kapurthala]

[Illustration: Finanzministerium zu Kapurthala]

[Illustration: Indische Verkehrsmittel. Oben: Ochsenfuhrwerk. Unten:

Postwagen]

Eine Reise durch eine von Hungersnot betroffene Gegend ist für jeden

Weißen mehr als eine Tortur. Die zum Gerippe abgemagerten Menschen

schwanken wie bewußtlose Schatten in dem heißen, hellen Sonnenlicht

oder liegen teilnahmslos in irgendeiner Ecke, am Rande der Straßen, im

Schatten der Häuser, und doch ist es nicht möglich, ihnen zu helfen.

Viele von ihnen gehen lieber zugrunde, als ein Stück Brot aus der Hand

eines kastenlosen Europäers anzunehmen, da ihre Kastenvorschriften

es ihnen verbieten, Nahrung zu genießen, die Menschen außerhalb der

Kastengemeinschaft berührt haben.

Mag dieser Charakter des Inders auch noch so sehr durch die Umstände

seines Landes bestimmt und durch die Geschichte in seiner ganzen

Unzulänglichkeit verstärkt worden sein, die Lasten, die er beklagt,

hat er selbst geschaffen. Die Leiden, unter denen er seufzt, sind

von seinen eigenen Händen sorgsam und liebevoll mit sonderbaren

Verzierungen und verschlungenem Rankenwerk hergestellt worden. Und wer

einmal Einblick in die geistige Beschränktheit, die nackte Selbstsucht

und Gewinngier der großen Masse in Indien getan hat, kann der von

den Engländern überall den Indern gegenüber zur Schau getragenen

Überhebung, nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern ganz objektiv

durchaus nicht eine gewisse Berechtigung absprechen.

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen · 第 48 / 85 题