Rennpferde

In Indien muß jedes Pony, das in die Polo- oder Rennregister

eingetragen werden soll, von dem Beamten des indischen „Turf-Club“

gemessen werden. Ist es nur zwei Jahre alt, so muß die Messung bis

zu seinem fünften Jahre jährlich wiederholt werden. Dann gilt es als

ausgewachsen. Alles kommt darauf an, daß das Tier nicht höher als

14½ Hand (145 ~cm~) ist. Größere Pferde dürfen nicht mehr an den

Rennen und Polowettspielen teilnehmen. Das Maß bestimmt auch die

Gewichtsbelastung. Allerhand zum Teil direkt tierquälerische Praktiken

werden angewandt, die Pferde so klein wie möglich erscheinen zu lassen.

Die Hufe werden bis zur äußersten Grenze beschnitten, so daß das Tier

nur unter großen Schmerzen stehen kann. Oder man legt ihnen vor der

Messung tagelang schwere Säcke auf oder hindert sie am Schlafen, damit

sie, dem Messer vorgeführt, mit eingebogenen Knien stehen und dadurch

kleiner erscheinen. Der offizielle Messer ist ebenso unbestechlich wie

scharfäugig und kann zur Vergewisserung über die Rennfähigkeit des

Ponies einen Probegalopp verlangen. Allzu extreme Täuschungsmittel

können also nicht in Anwendung kommen.

Nun maß mein „Foxy“ nur 13½ Hand. Hätte er eine Hand mehr gemessen,

wäre seine Belastung im Rennen um 42 (englische) Pfund höher gewesen,

was sehr viel ausmacht. Außerdem war Foxy schon fünf Jahre alt,

brauchte also dem Messer nicht nochmals vorgeführt zu werden.

Damals, Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, war

einer der großzügigsten und reichsten Rennstallbesitzer Indiens der

Maharadscha von Patiala. Selbst einer der besten Herrenreiter und

Polospieler, war ihm für ein gutes Pferd kein Preis zu hoch. Er war

gleichzeitig mit dem Maharadscha von Kapurthala, in dessen Begleitung

ich mich befand, 1899 zu den Rennen nach Simla gekommen, wo ich „Foxy“

für alle Hauptrennen hatte nennen lassen, und in denen auch die Pferde

des Maharadscha von Patiala liefen. Jedoch „Foxy“ ging stets als

erster durchs Ziel, sehr zum Verdruß des Maharadscha von Patiala und

sehr zur Freude des von Kapurthala. In Simla gibt es außer Geldpreisen

auch noch wertvolle, vom Vizekönig, irgendeinem Gouverneur, dem

Höchstkommandierenden oder einem indischen Fürsten gestiftete Pokale.

Der Maharadscha von Patiala legte nun alles darauf an, weiteren Siegen

„Foxys“ über die Pferde seines eigenen Rennstalles vorzubeugen und

sandte mir seinen Trainer, Scott, einen Australier, um mit mir über den

Verkauf „Foxys“ zu verhandeln. Da es mir nicht erlaubt war, zu meinem

eigenen Ruhme Pferde und Ponies laufen zu lassen, machte ich mir diese

Gelegenheit zunutze und verlangte 20000 Rupien (über 30000 Mark) für

das Pferd, welche Summe mir anstandslos bewilligt wurde, denn zwischen

den indischen Fürsten herrscht eine unglaubliche Eifersucht auch in

den kleinlichsten Dingen. Dem Maharadscha von Patiala war es, ganz

abgesehen von seinem eigenen Rennstall, ein unerträglicher Gedanke,

daß ein Beamter des Maharadscha von Kapurthala ein Pferd besitze, dem

er nichts Gleichwertiges an die Seite stellen konnte. „Foxy“ lief ein

einziges Rennen für den neuen Stall -- um zum erstenmal geschlagen zu

werden.

In der folgenden kalten Jahreszeit wurde ich vom Maharadscha von

Patiala zur Eberjagd eingeladen. Eigene Pferde brauchte ich nicht

mitzubringen. Da ich aus einem anderen Fürstenstaat kam, stand mir

die Auswahl unter den hunderten des Maharadscha frei. Ich erbat mir

nun kein anderes Pferd als eben „Foxy“, und wir feierten ein frohes

Wiedersehen.

Die Eberjagd, zu der der Maharadscha einen schönen Pokal gestiftet

hatte, sollte nach den Regeln des „Tent-Club“ abgehalten werden. 64

Jäger, die Höchstzahl, die teilnehmen darf, werden zu 32 Gruppen

zusammengegeben. Ein jedes Gruppenpaar jagt einen Eber. Wer zuerst

Schweiß an der Lanze ausweisen kann -- mehr braucht der erste Stich

nicht zu ergeben --, bleibt in der Jagd, der andere scheidet aus.

Der Jagdmeister bestimmt, welches der zusammengelosten Paare den

ausbrechenden Eber verfolgt. Ein Schiedsrichter begleitet jede Gruppe.

Auch die Art und Weise des Stiches wird durch bestimmte Punktzahlen

bewertet. Mit dem ersten Gang scheiden so 32 Bewerber aus; aus dem Rest

werden neue Gruppenpaare gebildet und so fort, bis das letzte Paar um

den Pokal kämpft.

Der Zufall nun wollte es, daß dieses letzte Paar aus dem Maharadscha

selbst und mir bestand. Selbstverständlich ließ ich ihn siegen und

damit seinen eigenen Pokal gewinnen, denn wie hätte ich mir erlauben

dürfen, über einen Maharadscha zu triumphieren, noch dazu auf seinem

eigenen Pferde!

Er mochte wohl meine absichtliche Ungeschicklichkeit bemerkt haben,

denn als wir zusammen ins Lager zurückritten, machte er eine Andeutung

über meinen Fehlstich, der ihn bei einem so erfahrenen Jäger wie mir

erstaune. Zu genau mit den indischen Sitten vertraut, wehrte ich

bescheiden ab und rühmte dagegen seine eigene Reitkunst, die ohne allen

Zweifel sehr beträchtlich war, und sein Können als Eberjäger.

Da nun der Pokal von ihm selbst gestiftet war, blieb nichts anderes

übrig, als ihn mir, dem zweiten Sieger, zuzuerkennen. Ich hielt einen

entsprechenden Dankspruch und schloß mit dem Hinweis auf das gute

Pferd, das er mir zu reiten erlaubt habe. Der Maharadscha, der das Tier

natürlich nicht mit Namen kannte, erwiderte auf indische Art mit großer

Geste: „~Dumara ke bas hai~“ -- es ist dein!

So kam „Foxy“ wieder nach Kapurthala. Dem Trainer Scott hatte ich

versprochen, das Pferd keine Rennen mehr laufen zu lassen. Im folgenden

Jahre kam „Foxy“ dann als Deckhengst nach Australien und damit zur

wohlverdienten Ruhe.

Foxy übertraf sogar das berühmte Pony „Mite“ (spr. Mait = Kleinchen),

das derselbe Maharadscha von Patiala von dem früheren Militärsekretär

des Vizekönigs, Lord William Beresford, für 25000 Rupien gekauft hatte.

Der Lord war ein in allen Sätteln gerechter Sportsmann, der auch über

die gerade beim Pferdehandel so notwendige Gerissenheit verfügte.

„Mite“ mag die vom Maharadscha für ihn gezahlten 25000 Rupien wohl wert

gewesen sein, doch Lord William Beresford war billiger zu ihm gekommen.

Ein Parsi-Sportsmann in Poona besaß einen kleinen Rennstall, in den

sich einmal ein außergewöhnlich schnelles Pony unbekannter Herkunft

verirrte, das Sieg auf Sieg gewann. Daher meldete es der Parsi als

„Mite“ für das bedeutendste und meistgewettete Ponyrennen Indiens, für

den „Civil Service Cup“, das in Lucknow gelaufen wird. Für das gleiche

Rennen hatte Lord William Beresford ein Pferd, „Malice“ genannt,

eintragen lassen, das mit viel Geld und Wetten gegen ihn bei den

Buchmachern stand. Sollte nun „Mite“ das Rennen machen, so wäre dies

der Ausfall einer recht bedeutenden Summe für den edlen Lord gewesen.

Als vorsichtiger Mann bot er daher dem Parsi noch vor dem Rennen an,

ihm „Mite“ abzukaufen und zwar für 5000 Rupien, und falls „Mite“

gewönne, ihm die Hälfte des Preises, der 10000 Rupien betrug, zu

überlassen. Hochgeehrt über das Anerbieten einer so bekannten

Persönlichkeit, wie Lord William Beresford es damals war, nahm der

Parsi an. Nun ging aber „Malice“ als erster durchs Ziel, und der Parsi

war „Mite“ für nur 5000 Rupien losgeworden. Später gewann er noch zwei

Rennen für seinen neuen Herrn, war dann aber zu berühmt geworden, als

daß durch Wetten auf ihn noch Geld zu verdienen gewesen wäre. Als

Wunderpferd jedoch war er gerade recht, um im Stalle des Maharadscha

von Patiala zu glänzen.

Haben Pferderennen in Europa nur noch einen recht losen Zusammenhang

mit dem angegebenen Ziele einer Verbesserung der Pferdezucht und

dienen sie vornehmlich der Spielsucht und der Wettleidenschaft einer

Menge, deren Pferdekenntnis erschöpft ist, wenn sie einen Rappen von

einem Schimmel unterscheiden kann, so ist dies in noch viel größerem

Ausmaße in Indien der Fall. Dort sind die Rennen nur und einzig eine

Gelegenheit, Geld zu verdienen -- oder zu verlieren. Das Gewinnen

besorgen dort, wie anderswo, die „des inneren Ringes“, während das

Verlieren zu den Vorrechten der Außenstehenden gehört.

So hatte derselbe Lord William Beresford, der „Mite“ auf so billige

Weise zu erwerben gewußt hatte, ein gutes Vollblutpony, „Mulberry“,

nach Indien gebracht. Es war nicht höher als 13 Hand, entwickelte aber

im Galopp eine Schnelligkeit, die nicht zu schlagen war.

Vielbegehrt wanderte es von Stall zu Stall, bis es endlich in die

Hände eines Syndikats geriet, das die Pferde stets unter Pseudonymen

laufen ließ, so daß man der Ansicht war, es bestände wahrscheinlich aus

Buchmachern.

Seitdem nun Mulberry aus Lord William Beresfords Händen war, fiel

es stark ab. Ganz gewöhnliche Außenseiter liefen an ihm vorbei, so

daß die Rennbehörde alle Rennen, in denen es auftrat, insgeheim

scharf überwachen ließ. Bei einem Rennen in Lucknow nun gelang es,

festzustellen, daß der australische Jockey, der das Pferd ritt, es

stark verhalten hatte, um es durch zu kurze Zügel absichtlich um den

Sieg zu bringen. Die Untersuchung ergab den üblichen Tatbestand.

Mulberry war im Publikum heftig gewettet worden. Also sollte er

nicht gewinnen. Daher wurde, ebenfalls wie üblich, „Mulberry“

disqualifiziert. Der Trainer wurde vorgeladen, doch der Name des

Besitzers war nicht zu ermitteln. Das Pferd selbst erhielt vorläufig im

Stalle eines pensionierten englischen Obersten in Amballa Unterkunft.

Von dort aus wurde „Mulberry“ zum Verkauf angeboten. Auch ich trat mit

dem Oberst in Verbindung, da ich es im Dog-cart gehen lassen wollte.

Rennen waren ihm verschlossen und als Wallach kam es für die Zucht

nicht in Frage. Ich nahm an, das Tier um wenig Geld erstehen zu können.

Während die Verhandlungen noch schwebten, finde ich eines Tages zu

meiner Verwunderung in der Kalkuttaer Sportzeitung meinen Namen als

Käufer „Mulberrys“ mit einer langen Erklärung, weshalb, wozu und warum

ich das Pferd erwerben wolle.

Kurz darauf war ich mit dem Oberst über den Preis handelseinig geworden

und wollte einen Stallburschen nach Amballa -- nicht so sehr weit von

Kapurthala -- senden, um „Mulberry“ holen zu lassen, als mir gedrahtet

wurde, das Pferd sei einem Schlangenbiß erlegen -- ein trauriges Ende

für das schnellste Pferd Indiens.

Etwa zwei Monate später war ich in Ägypten und besuchte das Rennen in

Alexandrien. Der Sieger im Hauptrennen dort erinnerte mich stark an

das so rasch verstorbene Vollblut „Mulberry“, und ich sah mir das Tier

etwas genauer an. Ich war sicher, es mit dem toten „Mulberry“ oder aber

mit seinem Geist zu tun zu haben.

Als ich nach Indien zurückkam, suchte ich den Herrn Oberst auf. Er

wagte zwar meine Behauptung, daß ich „Mulberry“ in Alexandrien gesehen

habe, nicht zu bestreiten, versicherte aber, es einem reichen Ägypter

verkauft zu haben, mit der ausdrücklichen Bedingung, das Pferd in

keinem Rennen laufen zu lassen.

Nun gilt Disqualifizierung durch den ~Kalkutta Turf Club~ ebenso wie

in Indien auch in Australien und in Ägypten. Um sie zu umgehen, war

der Verkauf an mich mit allen Einzelheiten veröffentlicht worden. Dann

kam der so glaubhafte Schlangenbiß, der durch meine, eines völlig

Unbeteiligten, Vermittlung unter meinen vielen Turf-Bekannten auf

völlig unauffällige Weise verbreitet wurde. Der Weg war frei, und der

tote „Mulberry“ konnte für den „inneren Ring“ wieder auferstehen, um

nach einigen überlegenen Siegen durch Zügelverhalten und ähnliche

Leistungen die Taschen seiner unauffindbaren und unbekannten Besitzer

zu füllen. Ob der englische Oberst außer Dienst zu ihnen gehörte,

konnte ich nicht entscheiden. Und ob ich seine Geschichte glaubte oder

nicht, war meine Sache. Aber ändern ließ sich an der Schiebung nichts,

es sei denn, ich setzte ganz Indien in Bewegung. „Mulberry“ wäre dann

möglicherweise zum zweiten Male gestorben und hätte mir als einziges

Beweisstück für meine Behauptung recht gefehlt.

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen · 第 39 / 85 题