Das zahlreichste Wild in der Umgebung von Baroda stellen die
Antilopen dar, die in großen Rudeln bis auf eine Wegstunde an die
Stadt herankommen. Da die Eingeborenen keine Erlaubnis haben, andere
Feuerwaffen, als ganz veraltete Vorderlader, zu benutzen, und die
Mehrzahl der Landbevölkerung der Provinz Gutscherat, in der Baroda
liegt, der Kaste der Gusurati angehören, denen ihre Vorschriften und
ihr Glauben verbieten, irgendein lebendes Wesen, und sei es eine
Schlange, zu töten, so sind die Antilopen gegenüber den auf den Feldern
arbeitenden Bauern nur wenig mißtrauisch.
Immerhin pflegen sie sich beim Äsen in der Mitte eines ganz ebenen
Feldes zu halten, wo weder Bäume noch Sträucher, noch sonst eine
Deckung vorhanden ist, die ein unbemerktes Heranpürschen gestatten
würde. Die Herde wird von einer alten Antilopen-Kuh bewacht, die bei
dem geringsten Anzeichen, das ihre Furcht erregt, Laut gibt, worauf
die Tiere mit ihrer außerordentlichen Schnelligkeit im Nu verschwunden
sind. Die Böcke weiden stets etwas abseits von der eigentlichen Herde
und sind an ihrem Gehörn, sowie an dem dunkelbraunen Rücken und der
weißen Farbe des Bauchfelles leicht erkennbar. Der Erfolg einer Jagd
auf Antilopen hängt daher ganz davon ab, daß man sich unbemerkt auf
Schußnähe heranpürschen kann und daß man mit dem ersten Schuß sein Tier
erlegt. Die anderen sind, noch ehe man ein zweites Ziel suchen könnte,
längst außer Schußweite. Und ebenso ist ein verwundetes Tier, selbst
wenn ihm nur noch drei Läufe zur Verfügung stehen, kaum noch einzuholen.
Trotz der Häufigkeit der Tiere ist daher die Jagd auf Antilopen in
Indien nicht einfach. Um in Schußweite zu kommen, benutzt man ihre
verhältnismäßige Sorglosigkeit gegenüber einer Annäherung der ihnen
gewöhnten bäuerlichen Wagen, in deren Schutz man hoffen darf, sie
zu überlisten. Man bedient sich hierbei entweder des landesüblichen
Ochsenkarrens oder man benutzt zwei besonders hierzu abgerichtete
Büffel, die, im Joch zusammengespannt, einen belaubten Busch zwischen
sich tragen, hinter dem der Jäger und der Führer verborgen bleiben.
Diese gegen Weiße sehr scheuen Büffel müssen von einem ihnen
vertrauten Eingeborenen gelenkt werden, denn die Leitung ihrer Bewegung
auf die grasende Herde zu verlangt große Geschicklichkeit. Sobald man
in Schußweite ist, gibt der Führer hinter dem Joch Raum, und man feuert
durch das Laub, wobei die feuerfest dressierten „~bullocks~“, die
Ochsen, unerschütterlich stehen bleiben.
Bei der Benutzung des zweirädrigen Ochsenkarrens, der „Tonga“, verbirgt
der Jäger sich auf dem Sitz. Der Fahrer, stets ein Eingeborener, hockt
auf der Deichselspitze und sucht möglichst ungesehen, nahe an die
Herde heranzukommen. Ist es ihm gelungen, bis auf 200 oder 150 Meter
heranzulavieren, so führt er die Tonga langsam in dieser Entfernung an
der Herde entlang, und der Jäger läßt sich auf einen Wink des Fahrers
vorsichtig und leise mit schußfertiger Büchse zur Erde gleiten, während
der Wagen ruhig weiterfährt. Ihn behalten die Antilopen etwas im Auge,
während es von der Ruhe und Sicherheit des Jägers abhängt, ob sie ihn
bemerken und zum Schusse kommen lassen.
Die beste Büchse, die ich für diese Jagd ausprobiert habe, ist die
englische Doppelflinte Expreß Point 450, Visier bis 400 Yards (360
Meter). Ein richtigsitzender Schuß aus ihr bringt das Wild unfehlbar
zur Strecke, während kleinere Kaliber viel weniger zuverlässig sind.
Diese Pürschjagd wird von den Maharadscha aber nicht ausgeübt. Sie
ziehen Treibjagden vor, zu denen ganze Regimenter von Eingeborenen zu
Fuß und zu Pferde aufgeboten werden. Die fürstliche Jagdgesellschaft
nimmt auf Elefanten Platz und knallt von dort aus das massenhaft
aufgescheuchte Wild wahllos nieder, so daß die Jagd zu einer reinen
Massenschlächterei wird. Der Gaekwar von Baroda war, seinem ganzen
Charakter entsprechend, kein Freund dieser Art von Vergnügungen. Nur
wenn die Tiere durch übergroße Vermehrung zur Landplage wurden und
unübersehbaren Flurschaden anrichteten, duldete er das Abhalten dieser
bluttriefenden Treibjagden.
Andere indische Fürsten haben früher das zusammengetriebene Wild mit
Kartätschen zusammenschießen lassen, um das Schauspiel einer solchen
Metzelei in besonders kondensierter Form zu genießen.
Eine andere, allerdings sehr kostspielige Art der Jagd auf Antilopen
ist die mit „Tschittahs“. Sie kann nur von Fürsten oder reichen
Semindaren -- Großgrundbesitzern -- betrieben werden und findet daher
selten anders als zur Ehrung persönlicher Freunde oder hoher englischer
Beamter statt.
Der „Tschittah“ ähnelt dem Leoparden, er erreicht die Höhe eines
ausgewachsenen russischen Barsoj-Hundes, dem er auch im Bau ähnelt,
und ist von fabelhafter Schnelligkeit. Fast immer stammt er aus den
Dschungeln Zentral-Indiens oder der Provinz Khattiawar, wo er in
Fallen gefangen wird. Seine Dressur wird von indischen Jägern --
„Schikari“ -- berufsmäßig betrieben und erfordert außerordentliche
Geduld, wie sie eben nur ein Inder aufbringen kann. Der Tschittah muß
so zahm wie ein Jagdhund werden, obgleich er zur Familie der Katzen
gehört. Sein Erzieher hängt auch mit ganzer Liebe an ihm, läßt ihn in
seinem Schlafraum schlafen und führt ihn wie einen Hund in der Stadt
spazieren, um ihn an den Anblick von Menschen zu gewöhnen. Wenn er zur
Jagd gebracht wird, trägt der Tschittah anstatt eines Maulkorbes eine
schwarze Lederkappe über den Augen. Mir standen in Baroda ein gutes
Dutzend dieser Tiere zur Verfügung.
Zur Jagd wird der Tschittah entweder auf einem hochachsigen,
zweirädrigen Ochsenkarren, wo er auf einer dünnen Matratze sitzt,
gefahren, oder ein berittener Schikari nimmt ihn auf das Pferd. Zu
diesem Zwecke wird für ihn am Hinterzwiesel des Sattels ein kleines,
indisches Bett angebracht. Bei der Eigenschaft der Antilopen, allem
Eingeborenen, sei es nun Pferd oder Bauer oder Karren, nur geringe
Beachtung zu schenken, unterscheidet sich das Anschleichen mit dem
Tschittah in nichts von dem Anpürschen mit der Büchse. Die in einiger
Entfernung folgenden berittenen Zuschauer schwenken vorsichtig auf die
Herde ein, sobald der Schikari mit dem Tschittah auf etwa 200 Meter
an die äsenden Tiere herangekommen ist. Sein Wärter nimmt ihm die
Kappe von den Augen, kettet ihn los, und er schlüpft zur Erde. Unter
Ausnützung jeder sich ihm bietenden Deckung schleicht der Tschittah,
seiner Natur gemäß, katzengleich bis auf etwa 50 Meter an die Herde
heran, wählt sich den stärksten Bock zum Opfer, erhebt sich und springt
in einigen gewaltigen Sätzen auf das Beutetier los, so daß es wie
gelähmt sekundenlang verwirrt stehen bleibt. Gelingt es dem Tschittah
nicht, die angegriffene Antilope für diese kurze Zeit unbeweglich zu
halten -- was höchst selten vorkommt --, so ist der Bock gerettet.
Die anderen sind sofort bei seinem Aufrichten davongejagt und längst
über alle Berge. Niemals wird es dem Tschittah gelingen, eine Antilope
einzuholen. Er wird auch nie einen Versuch dazu machen, da ihm seine
Unterlegenheit im ausdauernden Streckenlauf scheinbar ganz bewußt ist.
Hat er aber den Bock erreicht, so schlägt er ihm mit der Tatze ins
Kreuz, so daß das Tier zusammenbricht, und beißt sich sofort an der
Kehle fest.
Ein gut dressierter Tschittah wird niemals sich an einer Hindin
vergreifen, sondern stets sich einen Bock erwählen, wie es ja in Indien
überhaupt für schimpflich gilt, eine Hindin zu schießen, obgleich ihr
Fleisch schmackhafter als das der Antilopenböcke ist.
Um den Tschittah von seinem Opfer zu lösen, was stets eine etwas heikle
Sache ist, schneidet der Schikari meistens die Schlagader des Bockes
unterhalb der Bißstelle durch und fängt das Blut in dem mitgeführten
Freßnapf seines Zöglings auf. Der Geruch des frischen Blutes veranlaßt
dann den Tschittah, von seiner Beute abzulassen und sich dem Napf
zuzuwenden. Er darf das Blut aber nur nehmen, wenn an demselben Tage
nicht weiter gejagt wird. Sobald sein Schikari ihm die schwarze Kappe
wieder über die Augen gelegt hat, wird er fügsam und folgt ihm willig
zu seinem Sitz zurück.
Von den Schikari, die zum Bestande jedes Hofes, wie überhaupt jeder
Jagd gehören, ist ein Teil Mohamedaner, ein Teil Hindu. Verschieden
wie ihr Glaube ist auch ihre Betätigung. Der gemessene, ruhige,
würdevolle Mohamedaner beschäftigt sich vornehmlich mit dem Abrichten
der Tschittah, der Liux, des Falken und des Habichts für die Beize. Der
Liux, etwas kleiner als der Tschittah, wird selten gefangen, und es
kostet unsägliche Mühe, diese starke Katze ihrer Raubtierinstinkte zu
entwöhnen. In Baroda waren zwei vorhanden, ohne daß ich sie je zur Jagd
hätte verwenden können.