Und doch, ohne „Rani“ nach Europa zu gehen, schien dem Maharadscha
ebenfalls unmöglich. Nach allen Seiten sandte er Beauftragte, um ihm
die zu suchen, die seinen Enthusiasmus für Europa zu teilen und gleich
ihm alles Indische abzustreifen bereit war. Jedoch vergeblich. Endlich
entschloß er sich, sein Glück selbst zu versuchen und nach einer
geeigneten Rani Umschau zu halten.
Dschagatdschit Singh hatte die Erlaubnis des Vizekönigs erhalten,
auf vierzehn Tage das ihm selbst in Simla, dem Sommersitz der
anglo-indischen Regierung im Himalaja, gehörende Haus bewohnen zu
dürfen. Der Aufenthalt dort ist aus Gründen der Rücksicht auf die
Engländer Indiens für die Fürsten Indiens beschränkt. Sie vermehren
durch den endlosen Troß ihrer Bedienung die sehr fühlbare Wohnungsnot
dieser für die Gesundheit der Beamten unentbehrlichen Bergfrische und
treiben durch protzenhafte Verschwendung die Preise in die Höhe. Es muß
also jedesmal eine besondere Erlaubnis zum Besuche des Ortes erwirkt
werden. Nur ausgewählte Günstlinge der Regierung, wie der Scindia von
Gwalior oder das Haupt der Radschputen, der Maharadscha von Bikanir,
die zu persönlichen Adjutanten des Königs von England und Kaisers von
Indien ernannt worden sind, dürfen jederzeit den geheiligten Boden
betreten.
Unweit von Simla findet alljährlich ein großer Markt, „Sibi-Markt“,
statt, wohin Eltern ihre unverheirateten Töchter bringen, um sie
heiratslustigen Männern zur Wahl vorzustellen. Es ist dies keineswegs
entehrend. Achtbare Bauernfamilien, Semindare, Landbesitzer und höhere
Kasten machen von dieser Gelegenheit, ihre unversorgten Töchter zu
verheiraten, Gebrauch. Witwer oder kinderlose Ehemänner suchen sich
dort eine neue Gattin zu kaufen. Zwar stimmen die so an den Mann
gebrachten Mädchen nicht immer mit dem von den Eltern abgeschlossenen
Handel überein, sei es, daß dem Mädchen der Käufer zu alt oder sonst
nicht annehmbar erscheint. In solchem Falle verflüchtigen sie sich noch
vor der festgesetzten Abreise. Der Bräutigam hat das Nachsehen und ist
sein Geld an die Eltern losgeworden. Allzu bindend sind diese Kontrakte
nicht, die von den Gerichtshöfen nicht ernst genommen werden.
Der Maharadscha von Kapurthala benutzte nun den Aufenthalt in Simla,
um den Sibi-Heiratsmarkt zu besuchen. Dort sah er ein junges,
sechzehnjähriges Mädchen, schlank, mit klugem Gesicht, in der Hautfarbe
nicht dunkler als eine Italienerin; denn dies war für Dschagatdschit
Singh die Hauptsache. Er selbst war zwar braun wie eine Ratte, hielt
aber seine Gesichtsfarbe für rosig. Für diese Vorliebe hatte er gute
Gründe. Die Verachtung der Engländer für „~niggers~“ gibt sich überall
im Osten und in Australien in der auffälligsten und beleidigendsten
Weise kund, und wird natürlich stets zunächst von der Gesichtsfarbe
des Betreffenden ausgelöst. Es ist daher nicht verwunderlich, daß der
Maharadscha in seinem Bestreben, möglichst europäisch zu wirken, auf
recht hellen Teint größtes Gewicht legte. Das junge Mädchen, das Kanari
hieß, wurde nun für die Summe von dreihundert Rupien oder etwa 450
damaligen Mark sein Eigentum. Unter der Etikette einer Kammerzofe der
Maharani kam sie nach Kapurthala. Es dauerte nicht lange, und sie hatte
die Lage vollkommen verstanden, fanden sich doch genügend Leute, sie
über die Anschauungen und Absichten des Maharadscha aufzuklären.
Doch noch zögerte Dschagatdschit Singh, den entscheidenden Schritt
zu tun. Zwar war auch ihm nicht unbekannt, daß Kanari bereit war,
ihm in seinen europäischen Ansichten bis zur Grenze des Möglichen
entgegenzukommen. Aber der Schritt, in so ausgesprochener Weise mit
allen Anschauungen seiner Umgebung zu brechen, bereitete ihm doch noch
Kopfzerbrechen. Da entschied ein indisch-ehelicher Zwischenfall über
die Zukunft des klugen Mädchens.
Der Hof von Kapurthala war nach Dharamsala im Gebirge übergesiedelt,
und dort überraschte der Maharadscha eines Tages die Rani Luxmi,
seine zweite Frau, beim vertrautesten Zusammensein mit einem seiner
Kammerdiener. Dieser Schlag traf den unwiderstehlichen Don Juan an
seiner empfindlichsten Stelle. Er verlor sein sonst so ausgeprägtes
Gleichgewicht, seine stoische Ruhe. Mit eigener Hand verprügelte er den
Diener, und fast hätte er sich auch an der Rani Luxmi vergriffen.
Dieser Vorfall bewirkte, daß er nicht länger zögerte, Kanari zu seiner
Rani zu machen. Nach Kapurthala zurückgekehrt, vollzog er unter großen
Festlichkeiten die Erhebung des schönen Mädchens zu seiner fünften
Gemahlin und Lieblingsfrau. Die Zenanaräume, in denen die Frauen des
Maharadscha wohnten, lagen im zweiten Stock des Palastes, wo nun auch
Rani Kanari ihre Zimmer erhielt. Bis zu ihrer Ankunft hatten die Damen
es stets für unvereinbar mit ihrer Würde als Radschputen gehalten,
mit dem Maharadscha, der aus einer niederen Kaste stammte, zusammen
zu speisen. Denn wenn sie auch nichts dagegen hatten, seine Frauen
zu sein, so ist die Zeremonie des Essens doch von bedeutend größerer
Wichtigkeit. Als sie aber gewahr wurden, daß die Rani Kanari keinen
Anstoß nahm, mit dem Maharadscha sogar auf europäische Weise zu Tisch
zu sitzen, ließen sie sich herbei, den Maharadscha einmal wöchentlich
zu ihren gemeinsamen Mahlzeiten zu bitten; vielleicht auch, um über der
neuen Gemahlin nicht ganz vergessen zu werden.
Eine Gouvernante mußte der Rani Kanari französischen Unterricht
erteilen. Die blendendsten Kleider, die prächtigste Unterwäsche
traf für sie aus Paris ein, die ihrer schlanken, biegsamen Gestalt
entzückend standen. Schon träumte der Maharadscha davon, die große Welt
Europas zu den Füßen seiner Rani liegen zu sehen. Sie sollte Weltdame
in höchster Vollendung werden, und sein Ehrgeiz war, zu zeigen,
daß eine reine Inderin es fast in jeder Hinsicht mit den Damen der
europäischen Völker aufzunehmen vermöge.
So anerkennenswert auch dieses Bestreben unter gewissen Gesichtspunkten
sein mag, und so gut sich auch die von ihrer Heimat im Gebirge her
nicht so kastenstreng und orthodox erzogene Rani Kanari dazu eignete,
eins übersah Dschagatdschit Singh und mußte es übersehen -- denn
Psychologie war ihm von seinen englischen Lehrern nicht ausreichend
nahe gebracht worden. Der gegenüber seiner eigenen robusten Natur
feiner und reizbarer geschaffene Organismus des jungen Mädchens verfiel
viel zu schnell den Einflüssen europäischer Genußmittel. Die Anregung,
die Weine, Sekt und Liköre auf sie ausübten, wurde ihr bald zum
Bedürfnis, und sie fand nur zu viele Helfer, die ihr bereitwillig auch
in ihre Gemächer Kognak und ähnliche starke Spirituosen zusteckten.
Dem Maharadscha, dem dies nicht verborgen blieb, ging diese Neigung
des schönen, jungen Mädchens sehr nahe, war er doch selbst bei aller
Wertschätzung, die er einem Glase Wein oder Champagner entgegenbrachte,
stets mäßig geblieben. Er hoffte, daß die so lange geplante Reise nach
Europa, die er nun bald anzutreten beabsichtigte, die Rani Kanari von
ihrer fatalen Angewohnheit heilen würde.
Solche Reisen der Vasallenfürsten Indiens unterliegen aber der
Genehmigung der anglo-indischen Regierung, die in jedem einzelnen
Falle besonders eingeholt werden muß. Im Prinzip besteht eine starke
Abneigung, die Erlaubnis zu erteilen, was seine guten Gründe hat. Es
hat sich stets gezeigt, daß die Behandlung, die in Europa den indischen
Fürsten zuteil wird, nur zu geeignet ist, ihr Selbstbewußtsein
zu stärken. Nicht nur behandelt man sie dort ganz allgemein als
gleichberechtigt, wirbt um ihre Gunst als Kunden und Gäste und ergeht
sich in Ehrenbezeugungen, sondern in London wurden Maharadschas als
Ehrengäste an der königlichen Tafel empfangen; auf Dampfern und in
den Bahnzügen konnten sie sich die besten Plätze mit ihrem Gelde
kaufen, und die teuersten Zimmerfluchten standen ihnen in den besten
Gasthäusern auf Wunsch anstandslos zur Verfügung.
In Indien jedoch, wie in allen englischen Besitzungen des Ostens,
ist das anders. Überall macht die Unterkunft in den Gasthöfen
Schwierigkeiten und muß sehr teuer bezahlt werden. Die besten Zimmer
zu erhalten, ist ganz ausgeschlossen. Die Gäste englischer Abstammung
wenden sich sowieso sofort an die Hotelleitung mit Beschwerden über die
Anwesenheit eines „dreckigen Negers“ im Hause, drohen mit dem Boykott
oder mit Veröffentlichung der Tatsache, die nur zu geeignet ist, die
betreffenden Häuser bei den reisenden Engländern in schlechten Ruf zu
bringen. Daß man jemals einen indischen Fürsten, sei er auch noch so
reich, zu irgendwelchen Geselligkeiten der englischen Gesellschaft an
den besuchten Plätzen einlüde, ist eine vollständige Unmöglichkeit.
Wenn dies seinen Grund auch zunächst in der allgemeinen Überheblichkeit
und Unwissenheit des Europäers, und ganz besonders des Engländers, über
die wirklichen Grundlagen der verschiedenen asiatischen Kulturen hat,
deren, von der seinen so ganz verschiedenen, Aufbau und Entwicklung
er verständnislos gegenübersteht, so spielen doch ebenfalls auch sehr
praktische Fragen mit, diesen Standpunkt überall und weitestgehend
durchzuführen. Im Verhältnis zwischen besonders Engländern und
Asiaten -- von afrikanischen Negern ganz zu schweigen -- ist alles
auf schärfste Betonung der Gegensätze zwischen Weißen und Farbigen
angelegt. Nicht zum wenigsten dadurch, daß man immer und überall
ohne jeden Unterschied der Bildung, der Stellung, der Würde, des
Vermögens jeden Farbigen sich mit hochmütiger Geste vom Leibe hält und
ihn vollständig von der Teilnahme am inner-gesellschaftlichen Leben
ausschließt, hat man es erreicht, daß das ungeheuere Land Indien mit
seinen weit über dreihundert Millionen Einwohnern sich einer Handvoll
Engländern so viele Jahrzehnte hindurch willenlos gebeugt hat.
Dies hindert jedoch keinen der weißen Herren und Damen, ihrerseits
die Gastfreundschaft eines reichen indischen Fürsten so viel wie nur
immer möglich in Anspruch zu nehmen, seine Feste mitzufeiern, seine
Pferde zu reiten, seine Jagden mit ihrer Gegenwart zu beehren, seine
Geschenke anzunehmen, -- und mögen über die Zustände an irgendeinem
großen indischen Fürstenhofe noch so skandalöse Klatschereien im
Umlauf sein, und Klatsch ist das Öl in den Rädern des anglo-indischen
Gesellschaftslebens, -- keiner der so hochmoralischen englischen
Damen würde es einfallen, sich dadurch von einer Eintragung in das
Besuchsbuch eines indischen Fürsten abhalten zu lassen.
Selbstverständlich waren diese Zusammenhänge auch Dschagatdschit Singh
bekannt, und wie alle Inder, die in ihrer Eitelkeit äußerst empfindlich
sind, fühlte er scharf und bitter das Zurücksetzende und Beleidigende
dieser Behandlung. Daher auch seine Sehnsucht nach Europa und seine
Vorliebe für den Westen, die sein erster Besuch nur um so fester
gründen sollte.
Mit der Rani Kanari als zukünftige europäische Modedame zur Seite,
drängte er darauf, die vizekönigliche Erlaubnis zu erhalten, die
ihm 1893 auch zum ersten Male erteilt wurde. Sofort begannen die
praktischen Vorbereitungen, die besonders hinsichtlich der nach
Hindu-Begriffen unmöglichen Mitnahme der Rani Schwierigkeiten machten.
Doch es wurde ein Ausweg gefunden. Die Rani reiste als Jüngling
verkleidet, und wenn sie als solcher auch überall wegen ihrer Schönheit
das größte Aufsehen erregte, so war dies doch immer noch nicht so
schlimm, als sie in ihrer wirklichen Rolle als Rani des Maharadschas
die Überfahrt von Indien nach Europa machen zu lassen[5].
Je näher Dschagatdschit Singh nun endlich dem Ziele seiner jahrelangen
Sehnsucht, Paris, kam, desto höher stieg seine Erwartung. Er sollte
auch nicht enttäuscht werden. Damals gehörten authentische indische
Maharadschas noch zu den Seltenheiten, und man überhäufte ihn mit
Einladungen.
Doch der Ehrgeiz des Fürsten stand nach anderem. Er wollte gleich
dem späteren König Eduard VII. eine Rolle in der Welt, in der man
sich nicht langweilt, spielen. Geld genug stand ihm zur Verfügung.
Er war also im siebenten oder achten Himmel, als ihm eines Tages bei
einem von ihm gegebenen Essen im Café de Paris durch irgendeinen der
tönend betitelten französischen Rastas -- sie stammen meistens aus
der Walachei und ihre Titel bestenfalls vom Papste -- die damals
gefeiertste Schönheit der Pariser Lebewelt, Liane de Pougy, vorgestellt
wurde. Sie war die geschiedene Frau eines französischen Marineoffiziers
und lebte, dank der Freigebigkeit eines russischen Großfürsten, auf
sehr großem Fuße, besaß einen selten schönen Juwelenschatz und war
nicht zum wenigsten auch wegen ihrer prachtvollen Perlen berühmt.
Diese kleinen Nebendinge entgingen dem indischen Krösus, der sich stets
mehr auf seine schönen Körpergaben als Adonis einzubilden liebte,
als von seinen mehr praktischen Eigenschaften Gebrauch zu machen.
Daher zweifelte er auch nicht daran, den russischen Großfürsten in
den Gefühlen der schönen Frau ersetzen zu können und war begeistert,
auf diese Weise Indien gegen Rußland in der glanzvollen Pariser
Gesellschaft zum Siege zu verhelfen.
Liane de Pougy aber sah sich schon im Besitz eines neuen Prunkstückes
für ihre Juwelensammlung und lud huldvollst den strahlenden Maharadscha
zum Tee in ihre Wohnung in der Avenue du Bois de Boulogne. Um sich
seiner Meinung nach würdig einzuführen, verlor Dschagatdschit Singh
keine Zeit, sondern erstand promptest für zwölftausend Franken ein
Armband bei seinem Hofjuwelier in der Rue de la Paix, der ihm sehr
wahrscheinlich auch noch indische Preise machte, und sandte dieses
Angebinde mit wohlgesetzten Worten der Schönen, die er Rußland zu
entreißen gedachte.
Als er nun allein und ohne Adjutanten zu seinem Besuch in der Wohnung
der gefeierten Liane eintraf und mit ihr am Teetisch saß, bemerkte er
zu seinem Entsetzen, daß das ihn bedienende Mädchen mit spöttischem
Lächeln ihm das ihrer Herrin gesandte Armband am eigenen Arm bei jeder
Handreichung vor die Augen hielt.
Immerhin war er taktvoll genug, den ihm angetanen Affront ohne
Erwähnung zu lassen, und auch Liane de Pougy, die ein Schmuckstück
von märchenhaftem Wert aus der indischen Schatzkammer des Maharadscha
erwartet hatte, ließ kein Wort über die Angelegenheit fallen.
Anscheinend erschien ihr der indische Adonis zu sehr Othello, ein
Gedanke, der allerdings Seiner Hoheit dem Maharadscha von Kapurthala
niemals gekommen wäre.
Tief bedrückt von dem schmählichen Ausgang dieses ersten Abenteuers,
das ich mir alle Mühe geben mußte, nicht ruchbar werden zu lassen, kam
er zurück. Doch in seiner angeborenen Freundlichkeit lehnte er später
nicht ab, der Hochzeit Liane de Pougys mit dem Zigeunerprinzen Ghika
den Glanz seiner Anwesenheit zu leihen.
Die Rani Kanari vergnügte sich unterdessen auf ihre eigene Weise.
Sie kostete alle Schnäpse und gab sich einem eingehenden Studium
der verschiedenen Champagnermarken und Weinsorten hin. Dabei
vernachlässigte sie aber ihre äußere Erscheinung nicht und erfüllte
alle Wünsche des Maharadscha, indem sie in immer neuen und blendenden
Toiletten die Rennplätze besuchte, wo sie mit mehr Glück als
Verständnis wettete. Als man sie gar eines Tages in Auteuil für Cleo
de Merode hielt und daraufhin ansprach, fühlte Dschagatdschit Singh
sich für alle seine Mühe mit ihr reichlich belohnt. Was konnte ihm
mehr schmeicheln, als daß seine Rani der damals auf dem Höhepunkt
ihres Ruhmes als Weltdame stehenden Geliebten Leopolds, des Königs der
Belgier, zum Verwechseln ähnlich sah?
Von Paris ging die Reise nach London, um der Königin von England Besuch
zu machen, worauf die Weiterreise zur Weltausstellung in Chikago
erfolgte. Dort machte der Maharadscha die Bekanntschaft der Familie
Leiter, deren drei bildschöne Töchter ihn durch ihr ungezwungenes
Benehmen auf das höchste begeisterten. Damals ahnte er noch nicht, wie
teuer ihm die Bekanntschaft mit ihnen zu stehen kommen sollte, als
die eine von ihnen Lord Curzon, den späteren Vizekönig von Indien,
geheiratet hatte.
Der Aufenthalt in den Staaten dagegen gefiel ihm weniger. Man
behandelte ihn mehr wie eine Kuriosität, ein sensationelles Ereignis,
denn als tonangebenden Pariser Weltmann, und trug, trotz seiner
Einladungen, die man sich gern gefallen ließ, die amerikanische
Geringschätzung und Abneigung gegen jeden „Neger“ offen zur Schau.
Enttäuscht fuhr er daher über England nach Indien zurück.
Das Diamant-Jubiläum der Königin Victoria sah uns wieder in Europa.
Nach kurzem Aufenthalt in Paris rief die Pflicht. Wir mußten in
das Hotel Cecil in London übersiedeln, und kurz darauf wurde der
Maharadscha nach Windsor befohlen.
Die Königin Victoria zeigte in ihren letzten Lebensjahren gesteigertes
Interesse für Indien und war soweit gegangen, selbst Hindostani zu
lernen. Ihr Lehrer war ein Mohamedaner, Munschi Hafis, aus Agra, der am
Hofe von St. James für einen gewissenlosen, geldgierigen, ränkevollen
Emporkömmling galt. Daß ihm zur Ausübung solcher Eigenschaften genug
Möglichkeiten zu Gebote standen, lag in dem Umstande, daß die Königin
sich mehr und mehr mit eingeborenen indischen Dienern umgab und sich
mit Vorliebe von ihnen im Park von Windsor spazieren fahren ließ. Bei
diesen Gelegenheiten übte sie sich mit ihnen in Hindostani, wobei ihr
nach indischer Art vornehmlich Klatschgeschichten vorgetragen wurden,
deren Kenntnis sie dann wieder zu recht unangenehmen Maßnahmen für
die Betreffenden veranlaßte. Da nach und nach die Königin niemals
ohne indische Dienerschaft um sich zu haben war, konnte kein Weißer
sie sprechen, ohne daß Munschi Hafis davon Kenntnis erhielt, denn die
Inder verstanden alle genügend Englisch, um den geführten Gesprächen zu
folgen.
Dabei waren diese Leute von einer unausstehlichen Hochmütigkeit und
Überhebung, so daß das Leben des Hauspersonals der Königin während
deren letzter Lebensjahre wenig friedlich verlief. König Eduard verlor
keine Zeit, den intriganten Munschi Hafis an die Luft zu setzen.
In Windsor eingetroffen, wohin der Maharadscha zur Tafel befohlen
war, machten wir einen Spaziergang im Schloßgarten. Dort traf der
Maharadscha einige dieser Diener, die er in seiner freundlichen Art
in ihrer Muttersprache anredete. Doch als auserwählte Lieblinge der
weißen Königin behandelten sie ihn kaum als ihresgleichen, bis einige
Goldstücke ihren Stolz schmelzen ließen und sie zu untertänigster
Haltung veranlaßten.
Aus irgendeinem Grunde wurde von dem Haushofmeister der Königin
übersehen, mir mitzuteilen, wo ich während meines Aufenthaltes im
Schloß meine Mahlzeiten einnehmen sollte. Als daher der Maharadscha,
dessen Zimmer an die meinigen stießen, von dem indischen Günstling
der Königin, Munschi Hafis, der in indischer Tracht, mit Perlen und
Edelsteinen geschmückt, erschien, zur Tafel abgeholt wurde und man
unsere beiden Kammerdiener ebenfalls irgendwohin zum Essen führte,
machte ich mich auf, um in dem dem Schloß gegenüberliegenden
Gasthaus „Zum weißen Hirsch“ zu Abend zu essen.
[Illustration: Straße in Kapurthala]
[Illustration: Der Maharadscha von Kapurthala in europäischer Tracht]
[Illustration: Rani Kanari auf ihrer ersten Europareise]
Als ich abends zurückkam, fand ich den Maharadscha, von indischen
Dienern umringt, im Salon unserer Wohnräume, freudestrahlend in die
Betrachtung des Ordens versunken, den ihm die Königin eigenhändig
überreicht hatte, wobei ich gesprächsweise erwähnte, wo ich meinerseits
den Abend zugebracht hatte.
Im nächsten Jahre waren wir wiederum in England, und der Maharadscha
wurde von neuem von der Königin eingeladen, nach Windsor zu kommen.
Ich hatte noch nicht die Handschuhe abgestreift, als der oberste
Hausverwalter, der „Chief Stewart“ der Königin, vor mir stand und mir
die bittersten Vorwürfe machte. Zuerst verstand ich den Sinn der langen
Rede durchaus nicht, bis mir klar wurde, daß meine vorjährige Bemerkung
dem Maharadscha gegenüber hinsichtlich meines abendlichen Besuches des
„Weißen Hirschen“ von den indischen Dienern gehört und der Königin
überbracht worden war. Sie hatte dann den unglückseligen Vorstand
der Hofverwaltung zur Rede gestellt, der selbstverständlich über den
unerhörten Vorfall, daß Gäste ihrer britischen Majestät sich mühsam
ihr Abendbrot in einem, sei es auch noch so nahen Gasthofe beschaffen
mußten, entsetzt gewesen war, ganz abgesehen von dem Verweis, den er
sich dank der indischen Zwischenträgerei zugezogen hatte.
Als ich ihm sagte, daß man doch nicht erwarten könne, ich werde, um
meinen Hunger stillen zu können, in dem Riesenbau des Schlosses zu
Windsor aufs Geratewohl umherirren, versprach er, mich dieses Mal
selbst abzuholen, wodurch mir Gelegenheit geboten wurde, mit den hohen
Dienern der hohen englischen Hofgesellschaft zu essen.
Nachdem ich dem Maharadscha sein Turban-Diadem und sein großes
Perlenhalsband ausgehändigt hatte -- die Verwahrung der Millionenwerte
an Schmucksachen, die er mit sich führte, hatte ich übernommen, denn
die Unerfahrenheit eines Inders wäre nur zu leicht von der Schlauheit
irgendeines europäischen Liebhabers solcher Gegenstände ausgenutzt
worden --, erschien dann auch der oberste aller oberen Diener der
Königin, befrackt und besternt, und führte mich in das Speisezimmer der
„unteren“ Hofgesellschaft. Dort fand ich die Stewarts und Kammerzofen
der Elite der oberen englischen Zehntausend versammelt, alle in
großer Toilette und von einer Haltung, die der der Herzöge, Lords und
Barone an der „oberen“ Hoftafel nichts nachgab. Da war der Post- und
Telegraphenverwalter, der Obergärtner, der Chef der Palastpolizei, die
Vorsteherinnen der königlichen Wäschekammern, die der Kleiderschränke
und was sonst noch Rang und Würde im königlichen Haushalt hatte. Ich
selbst saß neben dem Großmogul dieser unmittelbaren Trabanten der
Person ihrer großbritannischen Majestät, dem Chief-Stewart.
Auf der weißen Tafel lief ein zierliches Schienengleis ringsum, das in
einem silbernen Behälter alle Sorten von Getränken enthielt, von denen
ein jeder sich nach Belieben bedienen konnte. Jedoch dies Belieben
unterlag einem leichten Zwange, indem nach jedem Gang -- und ihre Zahl
gab der der „oberen“ königlichen Tafel kaum nach -- der Chief Stewart
sich erhob und der Reihe nach das Wohl der Königin, das des Prinzen von
Wales und absteigend der weiterfolgenden Mitglieder des königlichen
Hauses ausbrachte, was jedesmal stehend unter Leerung der Gläser
getrunken wurde. Diese „~libationes ad majestatem~“ brachten die
Herrschaften sehr bald in eine etwas angeregte Stimmung. Als ich aber
nach Aufhebung der Tafel und dem Abmarsch der Damen nach englischer
Sitte in den anstoßenden Salons bat, mir ein Glas von dem berühmten
alten Whisky des Schlosses zu geben, sah mich -- fast hätte ich gesagt,
Seine Hoheit -- der Chief Stewart erstaunt an und erklärte mir, daß
jeglicher Likör ebenso wie das Rauchen in den Schlössern ihrer Majestät
verboten seien. Doch der Postverwalter erbarmte sich meiner und lud
mich ein, das Ende des Abends bei ihm zu verbringen, wo, wohl wegen der
Wahrung des Postgeheimnisses, die Überwachung der Befehle der Königin
auf gewisse nur ihm bekannte Schwierigkeiten stieß.
Der Maharadscha war von seiner Abendunterhaltung weniger befriedigt
als ich. Er hatte auf die nächsthöhere Klasse des ihm im vergangenen
Jahre verliehenen Sternes von Indien gehofft, aber nur ein, wenn auch
annehmbares Abendessen erhalten.
Am nächsten Morgen saß ich vor acht Uhr, noch im Schlafanzuge, in dem
Wohnraume unserer Zimmerflucht, als plötzlich ein Herr gemeldet wurde,
Lord Strafford, der Oberhofmarschall der Königin, der dem meldenden
Diener auf dem Fuße folgte. Mit liebenswürdiger Handbewegung schnitt er
meine Entschuldigung über meinen unvollkommenen Anzug ab, und sagte, er
müßte unbedingt und sofort den Maharadscha sehen, der, da er nie vor
elf Uhr aufstand, natürlich noch zu Bett lag. Ich entschloß mich aber,
den Fürsten zu wecken.
Vergeblich zerbrach sich der Maharadscha den Kopf, wo, wie und wann er
wohl gegen die Hofetikette verstoßen haben könne und war entsetzt, als
er hörte, daß ich mit dem Oberhofmarschall im Nachtanzug gesprochen
habe. Zum Schluß sollte ich versuchen, festzustellen, was denn die
Ursache dieses ungewöhnlichen und frühen Besuches sei, während er sich
ankleidete.
Doch als ich hörte, daß es sich für den Maharadscha nur darum handele,
sich in das Gästebuch einzutragen, war ich ganz damit einverstanden,
daß dieser hochwichtige Akt sehr wohl von Dschagatdschit Singh im
Bett vollzogen werden könne, und wir verfügten uns daher in das
Schlafzimmer des Maharadscha, der immer noch darüber grübelte, welche
Missetat er wohl begangen haben möge. Erleichtert atmete er auf, als
der Oberhofmarschall ihm Buch und Feder reichte, um seinen Namen
einzutragen, aber noch lange nachher war er tief entrüstet über
die Unhöflichkeit, Gäste wegen einer solchen Kleinigkeit mitten in
der Nacht im Schlafe zu stören. In Indien wäre man sicherlich mehr
auf die Bequemlichkeit und das Wohl seiner Gäste bedacht, worin er
unzweifelhaft recht hatte.
Überhaupt hatte der Aufenthalt im Schlosse zu Windsor wenig Angenehmes.
Schon die Bedienung ließ zu wünschen übrig. An den altmodischen
Schellen konnte man sich zum Glöckner ausbilden, ehe ein dienstbarer
Geist sich zum Erscheinen bequemte; doch zum Empfang der Trinkgelder
waren sie alle vollzählig und pünktlich zur Stelle.
Wir waren daher froh, wieder unsere Zimmer im Hotel Cecil in
London beziehen zu können, wo der Aufenthalt zwar nicht so
historisch-majestätisch, dafür aber mehr modern-menschlich war.
Immer auf der Jagd, seinen Ehrgeiz als Don Juan der großen Welt zu
stillen und Indien auf seine Weise in Europa zur Geltung zu bringen,
war es dem Maharadscha irgendwie gelungen, die berühmte Cavalieri
kennenzulernen. Sie war als Blumenmädchen irgend jemandem aufgefallen,
der sie für das Theater ausbilden ließ, wofür sie ihn mit einem Jungen
beschenkte. Eine große, hoheitsvolle und doch anmutige Gestalt, war die
berühmte Italienerin eine der ersten Schönheiten jener Jahre.
Aus irgendeinem Grunde suchte ich den Maharadscha an jenem Abend der
Cavalieri in seinem Privatspeisezimmer nochmals auf und fand den Tisch
für zwei Personen gedeckt. Da er die Rani Kanari auf das Land zu
Bekannten gesandt hatte und er selbst meistenteils abends auswärts aß,
fragte ich, wen er wohl erwarte. Freudestrahlend weihte er mich in das
Geheimnis ein.
Er, der indische Maharadscha, sei von einer Dame auserwählt, die
selbst von europäischen Fürsten umworben werde. Er war sichtlich ganz
begeistert über seinen Erfolg, und ich war gespannt, ob sie, +die+
Cavalieri, wohl überhaupt erscheinen werde. Und sie kam.
„~Comment ça va, Maharadja!~“ begrüßte sie ihn herablassend in ihrem
italienischen Französisch.
Ich beglückwünschte ihn noch auf hindostanisch und warnte ihn vor
unüberlegten Ausgaben, denn ich fürchtete neue Komplikationen.
Als ich gegen elf Uhr zurückkam, war der Wagen der Cavalieri
verschwunden, und ich hörte, daß sie, ganz Liebenswürdigkeit und Anmut,
kurz vorher das Hotel verlassen habe.
Am nächsten Morgen suchte ich Dschagatdschit Singh auf und fand zu
meinem Erstaunen im Wohnzimmer sein persönliches Scheckbuch offen auf
dem Tisch liegen. Von bösen Ahnungen erfaßt, sah ich mir die letzte
Seite an, wo ein Scheck über tausend Pfund an L. C. -- L. Cavalieri --
verzeichnet stand. Ich legte das Buch vorsichtshalber in eine Schublade
und wartete ab, was ich wohl hören würde. Augenscheinlich war der Fürst
nicht ganz so entzückt von seiner Eroberung wie am Abend vorher. Er
teilte mir aber mit, ich möchte die Zimmerflucht neben der seinen bei
der Hotelverwaltung für ihn belegen lassen, denn gegen vier Uhr würde
die Cavalieri eintreffen, die ihre Wohnung im Savoy-Hotel aufgäbe, um
ins Cecil überzusiedeln.
Obgleich die fraglichen Zimmer von einem deutschen Prinzen bestellt
waren, gab die Hotelverwaltung doch dem Maharadscha den Vorzug.
Dschagatdschit Singh beabsichtigte nach dem Tee mit der Cavalieri im
Hyde-Park aller Welt seine Überlegenheit als Herzensbezwinger vor Augen
zu führen. Im Hofe wartete sein offener Landauer mit den indischen
Dienern. Der Teekessel summte. Die Brötchen lagen bereit. Doch keine
Cavalieri kam. Mir ahnte Böses.
Endlich wurde ein Groom in das nahegelegene Savoyhotel gesandt, der mit
der Nachricht zurückkam: Madame Cavalieri sei um elf Uhr früh mit dem
Nordexpreß nach Petersburg abgereist!
Wie ich einige Tage darauf von dem mir gut bekannten Leiter des
Savoy-Hotels, dem berühmten Hotelier Ritz, erfuhr, hatte sie ihre
langausstehende Rechnung mit einem Scheck des Maharadscha von
Kapurthala über tausend Pfund beglichen und sich den überschießenden
Betrag auszahlen lassen.
Dschagatdschit Singh war tief unglücklich. Nur die Rani Kanari, die
selbstverständlich davon erfuhr, freute sich.
Möglicherweise trug diese Enttäuschung zu einem der für Dschagatdschit
Singh sicherlich schwierigsten Entschlüsse bei, den er je durchgeführt
hat: sich die Haare schneiden zu lassen. Es geschah dies in Ostende,
und auf die Nachricht, daß Felix Faure eine offizielle Reise an den Hof
von St. Petersburg machen würde, beschloß der Maharadscha, ebenfalls
dorthin aufzubrechen. Vor dem Antritt dieser Reise vollzog sich nun
dieses unerhörte Ereignis des Haareschneidens.
Dschagatdschit Singh gehörte der Kaste der Sikh an, deren
Kastenabzeichen gerade das ungeschnittene Haar ist. Sie tragen es zu
einem Knäuel geschlungen unter dem Turban, und es ist Todsünde, es mit
der Schere zu berühren. Jedoch die langen Haare sind äußerst lästig,
denn sie müssen oft gewaschen werden, und das Trocknen nimmt viel Zeit
in Anspruch. Dazu bedingen sie das ständige Tragen eines Turban, und
den Turban wieder muß ein Jeder kunstgerecht sich selbst binden, da
es eine außerordentliche Kunstfertigkeit und Übung erfordert. Nur der
Träger kann ihn so um den Kopf legen, daß er gut Halt hat und kleidsam
wirkt. Jedoch mit dem Turban angetan war der Maharadscha auf einen
Kilometer als Inder kenntlich. Den Turban aber ablegen und die Haare
behalten war ebenfalls unmöglich, also ließ er sich, ohne jemandem ein
Wort davon zu sagen, die verräterischen und lästigen Haare abschneiden.
Und erschien im Hut!
Sein indisches Gefolge war entsetzt, bestürzt, ganz verstört,
fürchteten sie doch alle von dem Sikh Guru, dem Priester, zu schwerer
Rechenschaft gezogen zu werden. Doch der Maharadscha blieb gleichmütig;
wie man die Sache in der Heimat vertuschen werde, würde sich schon
finden.
Zunächst ging es nach St. Petersburg. Die erste Person, die er dort im
Hotel Europa trifft, ist die Cavalieri. Sie stand unter dem Schutze des
Prinzen Baratinski, der als vorzüglicher Pistolenschütze bekannt war
und sehr eifersüchtig sein sollte.
Ein Duell zwischen ihm und dem Maharadscha um einer treulosen
Neapolitanerin willen war keine Aussicht, die mich mit irgendwelcher
Freude erfüllen konnte. Ich gab mir also redlich Mühe, den Maharadscha
zu beruhigen, und es gelang mir auch, daß er seine Begegnungen mit der
Dame in den Grenzen strikter Höflichkeit hielt.
Petersburg jedoch vermochte Dschagatdschit Singh nicht lange zu
fesseln. Wohl wurde er zu einem Empfang im Winterpalast und zu einer
Truppenschau in Krasnoje Selo geladen, im übrigen aber ziemlich
gleichgültig behandelt. Auch erregte seine große Gestalt, trotz aller
Orden und Edelsteine, unter den reichen Uniformen und den nicht minder
kräftig gebauten russischen Offizieren kein besonderes Aufsehen.
Dann war er als englandfreundlicher Fürst bekannt, und die Völker
des nahen Ostens waren England wegen seiner Politik an den Grenzen
Indien-Afghanistans nicht zugetan. Dazu noch die peinliche Nähe der
Cavalieri!
Kurz, der Maharadscha schüttelte bald den Staub der russischen Residenz
und Hauptstadt von seinen Füßen und begab sich über Kiew -- wo zu
seiner Ehre Galavorstellungen im Theater, Bälle und Festessen gegeben
wurden, und wo die polnischen Damen seiner Adoniseinbildung in jeder
Weise und mit Hingabe entgegenkamen -- zunächst nach Odessa und von
dort nach Konstantinopel.
Obgleich der Sultan ihn durch einen seiner Adjutanten, den
Generalleutnant Ali Khan, im Hotel begrüßen ließ, der sich ihm während
seines Aufenthaltes in der osmanischen Hauptstadt zur Verfügung
stellte, war dennoch die Abneigung zu spüren, welche die Türken gegen
alle empfanden, die einen nicht-mohamedanischen Turban tragen. Auch
war es bekannt, daß gerade Kapurthala-Truppenkontingente gegen die
mohamedanischen Afridis gekämpft und dabei schwere Verluste erlitten
hatten.
Daher war es auch nicht verwunderlich, daß man dem Wunsch des
Maharadscha, vier prachtvolle Araberpferde zu erwerben, die ihm
bei einem Besuche des kaiserlichen Marstalles in Konstantinopel
aufgefallen waren, nicht stattgab. Mich betrübte dies sehr, doch man
gab uns unzweideutig zu verstehen, daß man nicht die Absicht habe, so
wertvolles Material Ungläubigen zu überlassen.
All dieses, sowie die ganze Atmosphäre von Mißgunst und Mißtrauen,
die uns hier umgab, bewogen den Maharadscha, Konstantinopel bald
zu verlassen. Über Wien und München, von wo aus wir noch die den
Maharadscha höchlichst interessierenden Schlösser König Ludwigs II.
von Bayern besuchten, kehrten wir nach Paris zurück, um im Grand-Hotel
wiederum Wand an Wand mit der anscheinend unvermeidbaren Cavalieri zu
wohnen. Schon wollte der Maharadscha das Hotel wechseln, als eines
Tages die schöne Neapolitanerin verschwunden war; sie war nach Amerika
abgereist.
Bald darauf traf auch die Rani Kanari in Paris ein, und die Familie des
Maharadscha kehrte für die kalte Jahreszeit nach Indien zurück. Diesmal
für lange!
Denn als Dschagatdschit Singh im folgenden Jahre um die Erlaubnis, nach
Europa reisen zu dürfen, einkam, wurde sie ihm verweigert.
Die anglo-indische Regierung wußte sehr wohl, daß der Maharadscha von
Kapurthala seine Zeit in den Ländern des Westens nicht mit Studien
verbrachte, durch die er irgendwelche Verhältnisse in seinem Staate
oder auf seinen Besitzungen in Oudh verbessern könne. Gewiß, man
erkannte gern an, daß er sich stets englandfreundlich bewies und sich
seine Ideale aus Europa holte. Doch diese Ideale waren der Regierung
zu persönlicher Art, und man wußte nur zu genau, daß jeder Inder, der
europäische Sitten und Gebräuche annimmt -- wobei zu beachten ist: ohne
daß er sich zum Christentum bekehrt --, sogleich und vor allen Dingen
die Laster der Weißen sich angewöhnt, ohne auf die ihm angeborenen
indischen zu verzichten. Daher ist die Regierung den loyalen
einheimischen Fürsten, die fest an den Überlieferungen und Gesetzen
ihrer Vorfahren und ihres Landes halten, viel mehr gewogen. Denn dies
Verhalten übt auch seinen Einfluß auf die Bevölkerung aus, und ein
indischer Inder ist leichter zu beherrschen, als einer, der durch
europäische Erfahrungen zu Vergleichen, zu Wünschen und Bestrebungen
angeregt wird, welche die ungestörte englische Herrschaft über
Indien nicht zu festigen geeignet sind.
[Illustration: Himalaja: Bazarstraße bei Leh]
[Illustration: Der Maharadscha von Kapurthala mit seinen Zenanadamen