Sein Geburtstag

[Illustration]

Die Lichtleskirch nannten sie es im Städtlein, das, was jetzt eben

unter Orgelton zu Ende ging, und was eine Stunde lang alles, was Kinder

hieß in Hohenstadt, glücklich und strahlend um zwei hohe Bäume und um

viel brennende Lichtlein versammelt hatte.

So lange sie drin waren in der hohen, alten Kirche, hatten die Englein

geschafft, daß es Christtag werden konnte. Den Schnee hatten sie schon

zuvor hergerichtet droben am Himmel, da war eine schwere, grauweiße

Wolke gehangen, und als sie drinnen anfingen zu singen: »Fröhlich

soll mein Herze springen,« ließen sie draußen anfangen zu schneien.

Es wurde ganz, wie es sein mußte; ein weicher weißer Teppich auf dem

alten, holperigen Pflaster, eine dicke, flockige Haube auf jedem der

hohen, spitzigen Giebeldächer, und geschwind in der Schnelligkeit noch

eine Verzierung auf allen vorspringenden Fenstersimsen, Läden, Altanen

und Staffeln. Der verwitterte Brunnenmann, der Neptun mit seinem

abgebrochenen Dreizack in der Hand, lachte unter einer Pudelmütze

hervor, und als das die Englein sahen, da fingen sie auch an zu lachen,

denn sie waren ohnedies schon nahe daran gewesen.

Als die Kirchtüren aufgingen und es herausquoll von jungem Leben,

von lauter Menschenkindern und von ihren Müttern, die zu dieser

Stunde gerade so jung waren wie die Kinder auch, da huschten die

Englein schnell in das dunkle Eck, unten im Glockenturm, wo die Seile

zum Läuten hingen, und horchten nur von dort hinten vor auf die

leuchtenden, freudigen Stimmlein der Kinder. »Mutter, guck, der viele

Schnee!« »Halt, Mutter, mir ist mein Lebkuchen hinuntergefallen, jetzt

ist er ganz verzuckert.« »Mutter, das Luisle hat sein Verslein nicht

mehr recht gewußt.« Mutter hier und Mutter da. So muß es auch sein am

heiligen Abend; da müssen lauter Mütter und Kinder beisammen sein. Und

solche, die Kinder geblieben oder wieder geworden sind, und solche, die

es heut abend gern sein möchten, und solche, die die Menschen liebend

anschauen, wie Mütter ihre Kinder.

Der junge Pfarrverweser kam aus der Sakristei heraus und ging durch

die niedrige Tür ins Freie. Er hatte sonst auch ein Kindergesicht,

wenigstens sagten das die Frauen im Städtlein, die ihm aus Fenstern

und Türen mütterlich nachsahen. Aber jetzt gerade hatte er keins. Er

trug den Hut in der Hand und ließ sich die Schneeflocken, die jetzt

seltener fielen, auf das dunkle Haar sitzen. Die Stirn hatte er ein

wenig zusammengezogen, es gab drei steile, gerade Falten, die zeugten

davon, daß es noch nicht recht Christtag bei ihm geworden war, obgleich

er aus der Lichtleskirch kam. Das brauchte aber niemand zu sehen, darum

ging er nicht über den Marktplatz und nicht durch die Gassen, sondern

stieg den steilen Hang hinauf, der gleich hinter der Kirche beginnt

und in den Wald führt. Dort oben am Waldrand stand eine mächtige Eiche

mit weitausgereckten Armen. Eine Steinbank stand darunter und beide,

die Eiche und die Bank, trugen viele eingeschnittene Namen derer, die

hier oben schon Schatten, Stille und einen weiten Ausblick ins Land

hinein gefunden hatten. Dorthin ging der Pfarrverweser jetzt auch. Er

war schon oft auf der Bank gesessen. Im Herbst war er nach Hohenstadt

gekommen, da hatte er den Wald sich färben sehen und hatte gesehen, wie

die Leute ihre Gärten und Krautäcker da unten am Hang einherbsteten.

Dann war er im Blätterwirbel, im Novembersturm gegangen und rings um

ihn her war das rote, braune und gelbe Laub auf die Erde gesunken;

er hatte sich ein kindliches Vergnügen daraus gemacht, über den

farbenprächtigen, raschelnden Teppich hinzuschreiten. Nun war der Weg

und die Bank verschneit und alles Lebendige war zugedeckt, wenn auch

nur mit einem leichten, weißen Tuch.

Als er oben war, hatte das Schneien aufgehört. Über der jenseitigen

Höhe stand schon, von einem breiten Riß in der Wolkenscheibe

freigegeben, ein blasser Stern, und nun kam auch die Mondsichel heraus.

Unten im Städtlein erglänzte da und dort eine Fensterscheibe, eine

Straßenlaterne. Es wollte Abend werden, heiliger Abend.

Aber hier oben war es nicht heiliger Abend, noch nicht. In ihm selber

nicht. Er hatte noch keine Predigt für morgen; oder ja, er hatte eine,

ein trockenes, seelenloses Gemächte, er konnte sie nicht halten. Als

es ihm in all den letzten Tagen nicht glücken wollte, da hatte er

zuerst die für den zweiten Feiertag gemacht, dann die nächste. Die

lagen geschrieben in seinem Pult. Aber eine Christfestpredigt, die

fehlte ihm noch. Es war so schwer, sie zu machen, und so schwer, sie

zu halten. Ja, mit den Kindern vorhin, da hatte er leicht und fröhlich

reden können. Sie waren mit freudeglänzenden Augen rings um den Altar

her gesessen und hatten ihre Lieder gesungen, daß es schallte, und als

er nachher mit ihnen die Weihnachtsgeschichte durchsprach, da war immer

ein helles Stimmlein eifriger als das andere.

»Hat’s denn die Hirten auf dem Feld draußen nicht gefroren?« »Nein.«

»Warum denn nicht?« »Weil sie so eine große Freude gehabt haben.«

»Warum haben sie denn so eine große Freude gehabt?« »Weil der Christtag

gewesen ist.« »Ja, woher haben sie denn das gewußt?« »Der große Engel

hat’s zu ihnen gesagt.« »Was hat er denn gesagt?« »Er hat gesagt, das

Christkindle liegt schon im Stall drin.« »So? und wer ist denn das

Christkindle?« »Der liebe Heiland.« »Kann mir denn eins sagen, wie der

Engel gesagt hat?« Das konnte nicht eins, das konnten dreißig und mehr.

Ach, wie herzerfreulich war doch das. Die Mütter, das sah man ihnen an,

sagten es im stillen mit, und er selber sagte es im stillen mit; es war

lauter Freude.

»Waren denn noch mehr Engel da?« »Ja, eine ganze Schar.« »Hat man sie

denn gesehen?« »Gesehen und gehört.« »So, wie denn?« »Sie haben so

arg schön gesungen.« »Könnet ihr denn auch so schön singen?« Freilich

konnten sie das. »Ja, dann singet’s einmal.« Da wurden die alten

Kirchenmauern auch vergoldet wie damals die nächtlichen Felder durch

die klingenden Stimmlein, die lobeten Gott und sprachen: »Ehre sei Gott

in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«

Und sie geleiteten die Hirten hinein in das schlafende Städtlein, und

er wehrte den Kindern nicht, daß sie ihnen ein Lämmlein, ein weißes,

wolliges, mitgaben für das Kindlein, und sie standen vor dem Stall,

über dem der goldene Stern mit dem langen Strahlenschweif glänzte, und

gingen hinein, da lag das Kindlein, und seine Mutter war da und der

alte Vater Joseph und das Öchslein und das Eselein. Das alles hatten

die Kinder schon hundertmal gesehen; es war auf den Bildchen so, die

sie heut geschenkt bekamen, und stand in Holz und in Wachs nachgebildet

daheim unter dem Christbaum. »Woran haben sie denn das Kindlein gekannt

und seine Mutter?« »Sie haben einen goldigen Schein um den Kopf herum

gehabt.« »So, so, und dann auch an dem Kripplein, gelt und an den

Windeln?«

Er hatte ihnen nichts gewehrt von all dem Glast und Schein; er hatte

selber das Denken vergessen vor lauter herziger, weihenächtlicher

Freude an der Freude der Kinder.

Aber es war gewesen wie in einem schönen, schönen Märlein, und nun

strich der kalte Hauch aus der Welt der Erwachsenen über ihn hin. Was

sollte er den Großen sagen? denen konnte er das nicht erzählen. Er

hatte nichts für sie, und wenn er sich recht besann, dann hatte er auch

nichts für sich.

Wenn das Denken nicht wäre! Aber das ist eben, und eigentlich möchte

man es ja auch nicht anders haben. Nur daß der goldige Glanz davor

erbleicht, der einen als Kind so gefreut hat, der ganze Zauber, der

um den Christtag herum ist. Aber so geht’s: zuerst erfährt man’s, daß

alles das Schöne, vom Christbaum an, nicht direkt vom Christkindlein

kommt, sondern von den Eltern; dann, nach und nach, geht’s ans

Christkindlein selber, dann löscht ein Lichtlein ums andere aus. Was

soll man dann so Besonderes predigen?

Da fiel ihm ein Brief ein, den ihm voriges Jahr um diese Zeit seine

Schwester geschrieben hatte. Sie war eine fröhliche Kindermutter, und

sie hatte ihn immer besonders gut verstanden.

»Er ist der Schönste und Liebste,« schrieb sie, »und es gehört sich,

daß man sich an seinem Geburtstag freut. Darum machen die Mütter den

Kindern ein Fest, und Alle, die einander lieb haben, machen einander

ein Fest, weil er geboren worden ist und weil es gut für uns ist, daß

er gekommen ist.«

»Ja, ja, Maria,« dachte er für sich hin, als es ihm einfiel, »du

hast gut freuen, wenn dich deine sechs Kinderaugen ansehen, – nein,

acht sind es jetzt, seit dir das Kleinste in der Krippe, will sagen

in der Wiege liegt. Ich möcht’ auch dabei sitzen und mich nicht

besinnen müssen, was wahr ist und was dazu erfunden. Die Mutter wäre

dann auch da. (Denn die Mutter wohnte bei der Schwester; sie war ein

wenig kränklich, und dann brauchte man sie auch als Großmutter ganz

notwendig.) Ich aber, ich soll etwas Freudiges geben und habe doch

nichts. Ich bin nicht froh, Maria.« Aber leis wiederholte sich doch das

Wort in ihm: Es ist gut für uns, daß er gekommen ist. – »Ja, ja, aber

man sollte still sein dürfen, bis einem die Freude darüber das Herz

füllt und überläuft, daß man es dann sagen _müßte_. Dann könnte man den

goldigen Schein und das Engelsingen gut vermissen, es täte dann nichts.

Man sollte froh sein, wenn man eine Christtagspredigt macht, tief innen

drin froh.«

Drunten im Städtlein glänzten nun immer mehr helle Fensterscheiben auf.

Die Kirche, die lag jetzt schwarz und schwer im Dunkeln, daneben war

das Pfarrhaus, man sah es nur von hinten hier oben. Es hätte ja auch

keine hellen Fenster gehabt, wenn man es gesehen hätte. Es war niemand

drin. Frau Beseler, das Pfarrhausfaktotum, die ihm die nötigen Dienste

tat, die war nun bei ihren Enkelein am anderen Ende des Städtleins. Er

wußte schon, wie es war, wenn er hinunter kam. Die Studierstube war

warm, die Lampe stand zum Anzünden bereit, auf dem Tisch stand der

Spirituskocher zum Teemachen und irgend etwas Kaltes zum Essen lag

dabei: das war immer so und es genügte ihm auch sonst; aber es war

nicht christtäglich. »Daran will ich jetzt nicht denken; wenn mir nur

etwas Frohes einfiele, etwas Wahres für die Großen. Etwas, das nicht

nur so geredet ist, etwas, das ich ihnen schenken kann, weil ich’s auch

geschenkt gekriegt habe.«

Droben am Himmel brannten jetzt die Sterne, da ein Häuflein und dort

eins, zwischen Wolken heraus. Der ganze Wald stand schweigend da, als

ob er auch den Atem anhielte und wartete, ob der junge Pfarrverweser

etwas geschenkt kriege. Der sinnierte weiter. »Einen Brief werde ich

antreffen, wenn ich hinunterkomme, von der Mutter einen, und vielleicht

auch von Maria. Und, wer weiß, ein Paket. Es sind selber gestrickte

Strümpfe drin, und Springerlein und Lebkuchen, und vielleicht eine

Pelzkappe; die habe ich mir gewünscht. Und sie schreiben mir, daß sie

mich vermissen am Christtag, und daß man nun eben von Weitem in Liebe

aneinander denken müsse, und so weiter. Nun will ich hinunter gehen und

den Brief lesen, den Lukas einst geschrieben hat und der aus so ferner

Zeit zu uns herüberredet, und – und will vor mich hinsagen: Es ist gut

für uns, daß er gekommen ist; man muß sich freuen, weil sein Geburtstag

ist.«

Aber er stieg nicht schnell und nicht mit der leichten Schwingung, die

die Freude gibt, hinunter. Nun war er an der Kirche. »O du Haus, du

Sorgenhaus!« Er sagte es aber nicht ohne Liebe; er hatte einen Zug zu

dem Haus, nur freilich, Sorgen machte es ihm ja dennoch. Nun um die

Ecke und –

Das war aber doch sonderbar, da waren die drei Fenster seiner

Studierstube hell, viel heller, als sie sonst schienen, wenn die

Stehlampe brannte. Sollte Frau Beseler da sein? sie hatte sich aber

doch ausdrücklich verabschiedet für den Abend. Da stieg er die dunkle

Treppe hinauf und durchschritt den mächtigen Oehren, in dem ein kleines

Lämpchen brannte, und machte die Stubentür auf, – da saß in dem großen

Lehnstuhl, den er von seinem Großvater ererbt hatte, ein kleines, altes

Fraulein, das er so gut kannte, so gut. »Mutter, du.« Da lag auch schon

der Hut auf dem Tisch, und der starke junge Mann hatte die alte Frau

auf dem Arm und drückte sie an sich, wie eine Liebste, und trug sie in

der großen Stube umher, bis sie, da alles Zappeln und Schelten nichts

half, ihn tüchtig ins Ohrläppchen kniff, daß er sie niederlassen mußte.

Unterwegs hatte sie die großen weichen Schuhe verloren, die ihr viel zu

weit und zu lang waren. »Hast du meine Hausschuhe gefunden, Mutter?«

»Ja, unter dem Bett den einen und unter dem Waschtisch den anderen.

Du hast sie hinten hinuntergetreten, sie sehen bös aus. Ich habe in

der Lichtleskirch kalte Füße bekommen.« »In der Lichtleskirch, Du?«

»Ja, ich, – ich bin gleich vom Zug aus hineingegangen, ihr habt grad

gesungen: O du fröhliche.«

»Daß Du gekommen bist, daß Du gekommen bist!« Er saß jetzt auf dem

Boden vor ihrem Stuhl und hatte sein allerhellstes Knabengesicht.

»Ja, gelt, da staunst du. Aber ich habe müssen, es hat mir keine Ruh’

gelassen. Immer hab’ ich gedacht: wir sind da so schön beisammen und

freuen uns, und der Paul ist ganz allein.« »O Du, Du Mutter.« »Und die

Maria hat auch noch geschoben. So leid mir’s tut, hat sie gesagt, wenn

du nicht da bist am Christtag, so mußt du doch gehen. Ich spür’s, er

ist nicht vergnügt, hat sie gesagt. Bist du’s?« Sie schob ihn ein wenig

von sich und sah ihm in die Augen. »Wenn du da bist, Mutter.« »Nein,

sag.« »Jetzt sag’ ich gar nichts sonst, als daß ich den Christtag

spüre, seit ich dich da sitzen sah in dem Stuhl. Es ist mir wie ein

Wunder.«

Da gingen seine Augen in der großen Stube umher. Sie war freilich

heller als sonst, das hatte er von unten herauf richtig gesehen. Zwei

große, dicke Wachslichter brannten auf dem Schreibtisch und zwei auf

dem Eßtisch und in der Ecke an der Wand steckte ein Weißtannenzweig

mit vier weißen Lichtlein. Sie brannten still und hell und das

Wachs und die Tannennadeln rochen nach Weihnachten. »Nachher mußt

du ein wenig hinausgehen, wie ein kleines Kind, ich muß dir deine

Bescherung richten,« sagte die Mutter, »ich habe einen schweren

Reisesack mitgebracht. Sieh, da steht er.« Es war alles so unsäglich

heimelich. Der Reisesack war von dunkelgrünem Plüsch und hatte schon

so viel erlebt, daß man ganze Bücher über ihn hätte schreiben können.

Der Sohn nahm ihn in den Arm. »O, ich spürs, da unten im Eck ist ein

Schnitzlaib, und da rollt etwas umher, das sind Nüsse und Äpfel. Laß

mich einmal hineinriechen, Mutter.« »Du Kindskopf, du hast immer noch

nicht warten gelernt, du willst immer gleich alles sehen und haben.«

»Ja, das muß ich. Du, Mutter!« »Was?« »Du mußt mir nachher helfen meine

Predigt machen.« »Welche Predigt?« »Auf morgen früh.« »Ja, Kind, das

ist doch dein Ernst nicht, daß du die noch nicht hast?« fragte die alte

Frau erschrocken. »Doch, Mutter.« »Aber Bub, du unbegreiflicher Bub,

und da läufst du noch im Wald herum bei Nacht und Nebel und mußt dafür

in die heilige Nacht hinein studieren.« »Ich hab’ sie da oben holen

wollen und hab’ sie nicht gefunden, ich glaube aber, du hast mir eine

mitgebracht.« Die Mutter schüttelte den Kopf. »Das versteh’ ich nicht,

Paul. Ich glaub’, die Maria hat rechtgehabt, daß etwas bei dir nicht im

Blei ist. Ich kann dir nichts helfen beim Studieren, ich bin eine alte,

einfache Frau. Ich hab’ gemeint, da setze man sich hin und schaffe

drauf los, bis man’s beisammen habe.« »Sei nur zufrieden, Mutter, das

tu’ ich sonst auch. Du sollst nur dahinein sitzen in den Lehnstuhl,

daß ich dich sehen kann, wenn ich mich umdrehe.« »Ja, dann müssen

wir zuerst zu Nacht essen. Deine Frau Beseler hat mir die Schlüssel

gegeben, da hab’ ich derweil, bis du gekommen bist, alles gerichtet.

Hörst du nichts im Ofen protzeln?« »Doch, jetzt, seit du’s sagst.«

»Riech’ einmal, was es ist.« »Es riecht alles zusammen nach Christtag,

sonst fällt mir nichts ein.« Da war es ein junges Häslein; es war schon

gebraten mitgekommen; es mußte nur wieder warm werden.

»Eine Flasche Wein hab’ ich auch mitgebracht, aber wenn du noch

studieren mußt, wird’s nichts damit sein?« »Doch, Mutter, ein einziges

Glas, wir müssen doch anstoßen. Du, Mutter!« »Was?« »Sag’ mir’s, warum

bist du zu mir gekommen?« »Du fragst aber auch Sachen.« Sie sah ihn an

mit ihren guten Augen, die es ganz von selber sagten. »Das weißt du

doch. Weil ich dich lieb habe, du dummes Kind.« Sie sagte heut immer

Kind zu ihrem langen Sohn. Der schluckte zu seinem Essen hin jedes gute

Wort in sich hinein und trank mit jedem Tropfen des roten Weines einen

Blick aus den mütterlichen Augen, die aus tausend Fältchen heraus so

voll warmen Lichtes blickten, als seien sie Fenster an einem guten

Haus, und in dem Haus sei Weihnachten.

Dann setzte sich der junge Pfarrer an seinen Schreibtisch. Die Lampe

durfte jetzt nicht brennen, er wollte im Schein der Wachskerzen

studieren; sie waren dick, sie konnten noch stundenlang brennen. Hinter

ihm saß im Lehnstuhl die alte Frau. Sie hatte wieder die großen Schuhe

an und hatte ein warmes Tuch um Hals und Schultern. Den Kopf lehnte

sie an das weiche Polster und die Füße stellte sie auf den Reisesack.

»So ists gut, jetzt schaff nur und denk nicht an mich; ich hab meine

Unterhaltung in mir drin.« »Was ists für eine?« fragte der Sohn. »Ach,

Kind, wenn man’s schon so oft hat Weihnachten werden sehen; da muß

man lang, lang zurückdenken; Eins ums Andere fällt einem ein. Es ist

nicht immer alles schön gewesen, aber so beim Drandenken, da wirds

immer schöner.« Dann machte sie die Augen zu, um in sich drin die

alten Zeiten zu Gaste zu laden, und nach einer Weile hörte der Sohn

sie tiefer atmen. Und auf ihn senkte sich, da er nun die liebe Frau

schlafend sah, eine köstliche Ruhe, wie er sie lange vergebens begehrt

hatte, und lichte, stille Gedanken kehrten bei ihm ein, es war kein

einziger gequälter mehr dabei.

»Sie ist zu mir gekommen, weil sie mich lieb hat.«

Dann ging er im Zimmer auf und ab. »Sie hat mich nicht so allein lassen

wollen. Sie hat’s schön gehabt daheim bei den andern. Aber das hat

alles nichts geholfen, wenn sie gewußt hat, daß ich nicht froh bin.« Er

hätte ihr die Hände küssen mögen, die so müd in ihrem Schoß lagen; aber

eine solche Zärtlichkeit war nicht bräuchlich zwischen ihnen, und er

wollte sie auch nicht wecken. Und doch gab sie ihm seinen Predigttext:

»Es ist gut für uns, daß er gekommen ist. Denn er hat uns Menschen lieb

gehabt und wir können es brauchen, daß man uns lieb hat.« Da setzte er

sich wieder nieder und schrieb und schrieb, und sah sich hie und da

wieder um nach dem lieben Frauenbild.

Hinter ihm regte sich etwas. »Mutter?« »Ja, Kind, bist du fertig? es

muß ja spät sein, bist du arg müd?« »Nein, nein, ich bin ganz frisch

und ganz froh.« »Das ist doch sonderbar, jetzt hat mir geträumt, du

seiest ein ganz kleines Kindlein und ich habe dich auf dem Schoß und

ziehe dich ganz fein und schön an. Und der Vater ist dazu gekommen und

hat gesagt: Was machst du auch für einen Staat mit dem Buben, wenn

er größer wär, du tätst ihn eitel machen. Und ich habe mich gewehrt

und gesagt: Mann, was man so lieb hat, das schmückt man, so gut man

kann; es kann einem gar nicht schön genug sein.« Die alte Frau mußte

den Kopf schütteln über den Traum, den ihr liebreiches Mutterherz

ihr eingegeben hatte, aber noch mehr über ihren großen Sohn, der

nun neben ihr auf der Armlehne des Stuhls sich niederließ und ganz

dringlich sagte: »Ja, ja, Mutter, gelt, und man schmückt es mit

Sternen und Himmelsglanz und mit Engelgesang und schafft aus lauter

Liebe wunderbare Mären, die alle von Herzen wahr sind, weil sie die

Liebe geschaffen hat.« Das war so sonderbar, halb gemahnte es an die

Weihnachtsgeschichte, aber das konnte ja doch nicht sein. Mären! Sie

richtete sich vollends auf und sagte: »Du träumst auch, Kind, im Wachen

träumst du. Es wird’s doch der Wein nicht machen?« »Nein, Mutter, die

Christnacht machts.« Und er hatte sein echtes, rechtes Kindergesicht

dabei. Wenn ihn so die Maria sähe! dachte die Mutter voll glücklichen

Stolzes. Laut sagte sie: »Hast du deine Predigt fertig?« »Meine?

Deine, Mutter.« »Ach, du redst Sachen; sag’s im Ernst.« »Du wirst’s

morgen schon hören in der Kirche.« Da wurde sie ärgerlich. »Ich setze

keinen Fuß hinein, wenn du ein einziges Wort von mir sagst.« »Sei nur

zufrieden, Mutter, es merkt’s niemand, als Du und ich.« Und da küßte er

nun auf einmal doch die alten, abgeschafften Hände. Sie entzog sie ihm,

aber nur, um mit ihnen den dunklen Kopf auf ihre Knie herabzuziehen;

da lag er, still und fest, wie er einst als kleines Kindlein darauf

gelegen war. Und es war, wie es am heiligen Abend sein muß, wo Mütter

und Kinder beisammen sein sollen.

»Du Paul.« »Ja?« »Willst du jetzt noch deine Bescherung bekommen?« »Ich

hab sie schon, Mutter!« »Aber, Kind, der Reisesack ist doch noch zu und

noch voll, das ist dir sonst nicht so einerlei gewesen.« »Ja, Mutter,

dann pack nur aus. Man kann gar nicht genug geschenkt kriegen, gib nur

her, so viel du hast.«

Und dann stand er draußen am Gangfenster und sah in die sternhelle

Nacht hinaus. Drinnen hantierte die Mutter auf weichen Filzschuhen im

Zimmer herum; er durfte nicht zusehen, das war noch nie der Brauch

gewesen bei ihren Kindern. Es raschelte etwas, eine Nuß fiel auf den

Boden, es klirrte etwas, wie Glas. Und dann ein Tönen, hoch her kam es;

er glaubte einen Augenblick, eh das Denken kommen konnte, die Engel

singen zu hören. Es waren aber nur die Schulkinder, die auf dem Turm

sangen, da eben die Mitternachtsstunde schlug:

Wir wollen ihm die Krippe schmücken,

und bei ihm bleiben die ganze Nacht,

die Händ ihm küssen und verdrücken,

dieweil er uns so Guts gebracht.

Aber wer weiß, vielleicht haben sie doch auch mitgesungen. Es gibt so

wunderbare Nächte, da Nichts unmöglich ist.

Im gleichen Verlag sind von =Anna Schieber= erschienen:

=Alle guten Geister ...=

Wanderschuhe und andere Erzählungen · 第 25 / 27 题