(Nachschrift). »Die Beischaffung eines zweiten Bettes, das man ebenfalls
gratis liefern wollte,[7] macht, wie mir heute berichtet wird,
unerwartete Schwierigkeiten. Da Du nun Muße hast zu packen, so wäre wohl
das Zweckmäßigste, eines von unsern eigenen mitzubringen.... Von dem
übrigen Gepäck habe ich noch nichts und bin hinsichtlich der Wäsche
nicht übel in Verlegenheit. Heute lasse ich noch am Bahnhof fragen.«
[Fußnote 7: Dies geschah alles aus Begeisterung für die
schleswig-holsteinische Sache.]
Diese hauswirtschaftlichen Bemerkungen werfen ein Licht auf die vielen
kleinen Opfer, die ein solches Wanderleben mit sich brachte, und jede
Hausfrau kann sich vorstellen, daß Pauline eine geringe Freude hatte,
als sie nach möglichst beschleunigten Reisevorbereitungen den Termin
wieder verändert sah und das verlangte Bett nachschicken mußte. Sie
schrieb in jenen Tagen an Lina Sartorius:
_Liebe Lina!_
Eigentlich wollte ich Dir erst aus Frankfurt schreiben, da aber
meine Abreise dorthin unvermutet im letzten Augenblick noch um
einige Tage verschoben wurde, so will ich den heutigen freien
Sonntag doch noch schnell in dieser Weise verwenden und freue
mich, endlich einmal wieder mit Dir ein wenig plaudern zu
können, auch für Deinen letzten Brief schönen Dank zu sagen; ein
teilnehmendes Wort war bei mir, seit ich hier bin, wirklich
recht angewendet, es war mir eine schwere Zeit ohne meine
Kinder, auch fast immer von meinem Mann getrennt, mit dem
mühevollen Geschäft des Einrichtens und nach allen Seiten hin im
Haus in Anspruch genommen, wo es eben wieder an allem und allem
fehlte. Ich war wirklich bis Weihnachten stets in einer wahren
Hetze, den Haushalt meines Bruders wieder aufs Laufende und
unsere Einrichtung in Ordnung zu bringen, und wie hatte ich mich
gefreut, dann endlich einmal in Ruhe und zu dem Gefühl einer
Heimat und geordneten Häuslichkeit zu kommen, da brachte mir
mein Mann am heiligen Weihnachtsabend aus Frankfurt die
Nachricht mit, daß wir nun fürs erste dorthin übersiedeln
müssen. Ich versichere Dir, es schien mir im ersten Augenblick
fast unmöglich, mich wieder hier loszureißen und meinen Bruder
abermals zu verlassen.«
Während sie so schrieb, war Brater auf der Reise nach Kiel und schrieb
ihr von Altona: »In Erwartung einiger Personen, denen ich hier
Rendezvous gegeben habe, finde ich Zeit, diesen Brief anzufangen, der
morgen von Kiel an Dich abgehen soll.
Wir sind also hier auf schleswig-holsteinischem Boden, das kleine Hotel
mit der Inschrift: »Deutsche Bundeskommission« und dem sogenannten
Reichsadler befindet sich in nächster Nähe, die sächsischen und
hannoverischen Exekutionssoldaten marschieren durch die Gassen und lösen
ihre Wachtposten ab.
Die gestrige Reise von Frankfurt nach Hamburg verlief dank dem mildern
Wetter und den trefflichen Pelzen Varrentrapps ganz gut. Von Harburg am
linken Elbufer hat man noch anderhalb Stunden bis Hamburg in einem
vollgestopften Omnibus zu fahren, der zweimal mit Dampffähre über zwei
Elbarme gesetzt wird. Wenn aber das Treibeis zu stark geht, hört diese
Verbindung ganz auf und man genießt das Vergnügen, tagelang auf
günstigeres Wetter in Harburg zu warten.
Kiel, Freitag früh. Gestern abend sind wir (ich spreche von Kolb und
mir, Häusser, welcher der dritte sein sollte, ist unwohl geworden) hier
angekommen und haben von neun bis zwölf unsere erste Besprechung mit den
Herrn S. und F. gehabt, die sich heute fortsetzen wird. Das Kurze und
Lange ist, daß der Herzog geduldig still halten will bis beim Bundestag
die Anerkennungsfrage erledigt wird, worüber voraussichtlich manche
Woche verstreicht. Manches einzelne, was besonders Hans interessieren
würde, könnte ich beisetzen, wenn die Zeit dazu wäre. Allein die fehlt
gänzlich und es war nur darauf abgesehen, Dir aus dieser größern
Entfernung ein Lebenszeichen zu geben.«
Gleich nach der Rückkehr ihres Mannes fand sich auch Pauline in
Frankfurt ein. Einige Briefe schildern uns das dortige Leben. Mitte
Januar schreibt sie an Ernst Rohmer:
»In meiner Übersiedelung nach Frankfurt liegt der Grund meines
verspäteten Schreibens und auch Karl hat hier so viel zu tun, daß er zu
wenig Außergeschäftlichem kommen wird, Du weißt ja, was er für ein
Wühler ist, und hier ist er ja noch dazu Wühler von Profession. Wie
müßte Dir seßhaften Mann mit Deinen acht Kindern so ein Vagabundenleben
vorkommen wie wir es führen! Mein Geschmack ist es indes auch nicht,
besonders nicht wegen derer, die ich zurückließ; ich war in
Verzweiflung, aber was half es! Hier führen wir nun wieder eine
originelle Wirtschaft, wir bewohnen ein großmächtiges leerstehendes Haus
(gratis), haben zirka vierzig Zimmer zur Verfügung, Küchen, Keller,
Böden etc. und können uns mit diesem Überfluß zu trösten suchen, für das
was wir an innerer Einrichtung entbehren, ja wir können jedem Tisch und
Stuhl ein eigenes Zimmer, und jedem Haferl und jedem Schüsserl seine
eigene Küche anweisen, aber schließlich bleibt es doch nur so eine
Zigeunerwirtschaft. Durch Wilbrandts Anwesenheit ist unser Aufenthalt
hier bedeutend angenehmer geworden, und mir ist es schon ein wahrer
Trost, noch eine befreundete Menschenseele im Hause zu wissen; übrigens
wohnen wir hübsch und ganz Frankfurt gefällt mir, auch das Leben ist
unter den jetzigen Umständen natürlich sehr interessant, möchte es nur
zu einem guten Ziele führen.«
In dem großen stillen Gebäude, das zum Abbruch bestimmt und deshalb
schon von den Mietsleuten verlassen war, vermißte Frau Brater oft
schmerzlich die Kinder, aber sie schreibt ihnen: »Da dies alles dem
Herzog zuliebe geschieht, so muß man eben zufrieden damit sein; der
Vater ist auch schon recht gut Freund mit ihm geworden und hat erst in
der vorigen Woche bei ihm zu Mittag gegessen, es waren mehrere geputzte
in Frack und Uniform und Orden gekleidete Herren dabei und der Vater
hatte nur einen alten Reiserock an, das muß recht schön ausgesehen
haben.« -- Es war der erste briefliche Verkehr mit ihren Kindern und doch
schon ein kleiner Ersatz für den persönlichen, da die beiden Mädchen nun
über das Alter der nichtssagenden Kinderbriefe hinaus waren und auch
Worte fanden, um ihre Empfindungen auszusprechen. Die Mutter verstand es
gut, durch ihre Briefe die Kinder zum Aussprechen anzuregen und manches
hervorzulocken, was sie vielleicht bei mündlichem Verkehr in
Befangenheit unterdrückt hätten. An Anna schreibt sie zu deren
dreizehnten Geburtstag:
_Liebe Anna!_
Dies ist also der erste Geburtstag, den wir nicht miteinander
feiern, aber ich denke, Du wirst deshalb doch ebenso vergnügt
sein und weißt auch, daß unsere guten Wünsche und unser treues
Andenken sich durch so einige elende Bahnstunden nicht abhalten
lassen, zu Dir zu kommen, sondern wir werden den Tag in Gedanken
mit Dir feiern und wenn Ihr recht acht gebt, so ist mir's fast,
als müßtet Ihr spüren, wie oft wir einen Besuch bei Euch, Ihr
lieben Kinder, abstatten. Du wirst Dir für dieses neue
Lebensjahr gewiß wieder manchen guten Vorsatz gefaßt haben oder
es wenigstens tun, wenn man Dich daran erinnert, denn man muß
immer und unermüdlich wieder von neuem anfangen, an sich zu
arbeiten, es ist gar schwer, sich etwas abzugewöhnen, besonders
wenn man es nun einmal wie Du schon dreizehn Jahre mit sich
herumgetragen hat; nicht wahr, Du hast es schon erfahren, wie
man achtgeben muß, um seinen guten Vorsätzen nicht untreu zu
werden? --
Ich bin gar begierig, liebe Kinder, wenn wir wieder beisammen
sein werden, ob ich mich über Eure Fortschritte freuen kann.
Die Geschenke, die Du diesmal von uns erhältst, zeichnen sich
mehr durch ihre Nützlichkeit als durch Schönheit aus, ein paar
alte Röcke, ein paar Hemden etc. Indes ist der weiße Unterrock
doch noch sehr schön und wenn er nicht aus meinem Besitz
stammte, so hättest Du wohl kaum einen so schönen bekommen. Am
Reifrock hast Du oben am Bund die Fältchen nach Bedarf noch fest
zu nähe..... Deine Geburtstagswünsche hast Du wohl bedacht
_außen_ auf den Brief geschrieben, wohl in der Meinung, daß,
wenn die Eltern Dir dieselben nicht erfüllen, irgend ein Thurn-
und Taxisischer Postbeamter Erbarmen haben solle, statt dessen
hat Herr Wilbrandt Deinen Herzogswunsch beherzigt und schickt
Dir nun die Photographie (des Herzogs) mitsamt dem netten
Rähmchen und vielen schönen Glückwünschen, ich habe ihm aber
gesagt, es sei schrecklich, wie er meine Kinder verwöhne. Die
kleine Broschüre, die Dir der Vater schickt, hat Herr W. im
Auftrag vom Vater geschrieben, ich denke, Ihr werdet sie gut
verstehen und dann die schleswig-holsteinische Sache erst recht
gut begreifen; ich lege noch einige Exemplare bei, die Du den
Bekannten bringen kannst, gegen Bezahlung natürlich, denn es
geht ja in die schleswig-holsteinische Kasse. Es kostet
dreieinhalb Kreuzer, man darf Dir aber auch sechs dafür geben.
Von diesem Schriftchen sind nun bereits zwanzigtausend Exemplare
auf Bestellung verschickt und ungefähr weitere zwanzigtausend
bestellt. Wie viel das aber Mühe und Kopfzerbrechen gekostet
hat, die Sache so zu verbreiten, das sieht ihr kein Mensch an,
und viel Geld an Porto ist hineingesteckt worden, wenn nur
dadurch die Herzen zum Guten gelenkt werden. Manche Tage geht es
bei uns von früh bis abends geschäftig her, so daß kein
Fertigwerden ist, und wenn Ihr hier wäret, müßtet Ihr wohl auch
oft fest am Schreibtisch sitzen, nicht gerade zum Schreiben,
aber z. B. es müssen so schnell als möglich
eintausendfünfhundert Stück gedruckte Briefe je einzeln mit
Kreuzband, Marke und Adresse versehen werden, wie lang meint
Ihr, daß daran drei Menschen (der Schreiber, der Auslaufer und
im Notfall ich) zu tun haben? Man braucht schon eine Zeit, nur
um die Kreuzermarken zu schneiden. Derartige Arbeit hat uns die
kleine Schrift viel gemacht und so geht es die ganze Zeit her,
bald mit diesem, bald mit jenem.....«
Einen scherzhaften Glückwunsch, den Brater zum gleichen Geburtstag
schrieb, möchten wir anführen, zum Zeichen wie weit entfernt im Jahre
1864 auch die Optimisten unter den Deutschen noch davon waren, die
Einigung ihres Vaterlandes nahe zu wähnen. Brater schreibt seinen
Glückwunsch auf ein gedrucktes Formular, das für Mitteilungen der
geschäftsleitenden Kommission der schleswig-holsteinischen Sache
bestimmt war, und redet als deren Geschäftsführer seine Tochter an. Nach
feierlicher Einleitung kommt folgender Glückwunsch: »Mögen Sie
wohlbehalten _so viele Jahre_ erleben, als von heute an bis zu dem
gesegneten Tag verstreichen werden, wo unser deutsches Vaterland unter
_einen_ Hut gebracht und seinem großen Elend ein Ende gemacht ist. Möge
Ihnen die lange Zwischenzeit durch eine frohe und fromme Jugend und
durch ein _heiteres Alter_ verschönert werden. Mögen Sie Ihren würdigen
Eltern und unvergleichlichen Tanten allezeit zur Ehre und Freude
gereichen sowie auch durch einen friedfertigen und einträchtigen Verkehr
mit jüngeren Geschwistern den letzten Wunsch erfüllen, welchen sich mit
geziemender Hochachtung anzudeuten erlaubt haben.
Namens der geschäftsleitenden Kommission:
Der Vorsitzende Der Geschäftsführer
verhindert Brater.
Der »Geschäftsführer« ahnte nicht, daß er damit der Geburtsträgerin nur
noch sechs glückliche Jahre wünschte!
Für Brater ergaben sich mancherlei Geschäftsreisen in diesem Frühjahr
und oft wurde es für die zurückbleibende Gattin fast unheimlich in dem
verlassenen Haus. Sie erzählte später manchmal, daß sie mit einem
gewissen Unbehagen an den vielen verschlossenen Türen vorbei die stillen
Treppen hinaufgegangen sei. Unter diesen Umständen war es für sie eine
doppelte Freude, als sich Wilbrandt bereit erklärte, nach Frankfurt zu
kommen und sich an den Arbeiten zu beteiligen. Freilich beschäftigte ihn
schon damals sein großer erster Roman und man sah es voraus, daß der
Dichter in ihm bald den Juristen und Politiker in den Hintergrund
drängen würde. Aber doch lieh er seine Kraft und seine gewandte Feder
der Arbeit, die überdies nichts weniger als trocken politisch war, da
sie mit Begeisterung aufgefaßt wurde. Die gemeinsamen Münchner
Erinnerungen und Beziehungen verbanden in dem ihnen fremden Frankfurt
Wilbrandt noch näher mit der Familie Brater und der sich entwickelnde,
mit seinem Talent ringende junge Dichter sprach sich vertrauensvoll aus
gegenüber der zehn Jahre älteren Frau, ließ sich in düsteren Stimmungen
gern von ihr erheitern und brachte ihr dagegen in manche einsame Stunde
geistige Anregung. -- Aus dieser Frankfurter Zeit datiert auch die
Freundschaft mit der Familie Nagel. Als Mitarbeiter an der Süddeutschen
Zeitung und politischer Gesinnungsgenosse wurde Nagel von Brater
hochgeschätzt und die Beziehungen zu diesem Mann gewannen in späteren
Jahren Bedeutung für Frau Brater.
Bis in den Sommer hinein verlängerte sich der Frankfurter Aufenthalt.
Frau Brater schreibt darüber an ihre Jugendfreundin Frau v. Breuls geb.
Kopp: »Wir sind die erste Woche des Juli jedenfalls noch hier, aber dann
hoffen wir, unser Ziel erreicht zu haben. Nicht als ob wir dächten, die
schleswig-holsteinische Sache, die meinen Mann hierher gerufen hat,
werde bis dorthin ihren gewünschten Abschluß gefunden haben, aber wir
hoffen auf einen Ersatzmann in die hiesige Werkstatt und werden dann mit
tausend Freuden der Heimat und unsern Kindern zueilen. Diese sind
einstweilen mit meiner Schwägerin Luise schon in Erlangen, denn daß wir
dorthin umgezogen sind, wirst Du wissen, nur führen wir immer ein so
unruhiges Wanderleben, daß ein anderer nie recht wissen kann, _wo_ wir
eigentlich zu Hause sind. Wenn wir einmal dort recht festsitzen, müßt
Ihr Schwestern uns besuchen, damit wir an Ort und Stelle der alten Zeit
gedenken können, der Kindheit, dieser harmlos glücklichen Zeit, und
unserer guten Mütter. Dieses Erlangen ist mir oft so öde und
ausgestorben erschienen, von meinen früheren Freunden ist gar niemand
mehr dort und auf den Straßen lauter fremde Gesichter, die mir wie
Eindringlinge in mein Eigentum erscheinen, doch freut es mich, daß meine
Kinder nun auch dort heimisch werden und in der Kirche auf den Bänkchen
sitzen, wo ihre Mutter die Predigt hörte, wenn sie nicht gerade mit
ihrer Nachbarin zu schwätzen hatte, übrigens sind meine Kinder viel
aufmerksamer und eifriger im Lernen als ich war, ja sie sind so fleißig,
daß ich oft gar nicht begreife, wie ich zu solchen Kindern gekommen bin,
denn mir hatte jede Unterrichtsstunde nur den Zweck, möglichst viel
Dummheiten zu machen, und die gelungenste war immer die, in der sich
auch die Mitschülerinnen zu meinen Nichtsnutzigkeiten hatten verleiten
lassen.
Wenn uns, was ich recht sehnlich hoffe, diesen Winter kein Landtag nach
München ruft, so wird Anna im Frühjahr in unserer Kirche konfirmiert,
auch Agnes kann mit konfirmiert werden, doch ist sie noch sehr jung und
ich will es auf sie selbst ankommen lassen, ob sie nicht lieber noch
einmal den Präparandenunterricht nehmen will.« ....
Die Frankfurter Zeit ging zu Ende. Brater schreibt an seine Schwester
Julie:
»Von unserem Leben, das in seiner Art auch ein einsames ist, -- soweit
davon die Rede sein kann bei einem täglichen Verkehr mit halb
Deutschland und bei zwei dreistündigen Sitzungen wöchentlich -- hat Dir
P. einiges berichtet. Die neueste Frucht meiner hiesigen Studien findest
Du in der kleinen Druckschrift, die ich nebst einigem Zubehör unter
Kreuzband mitgehen lasse«. (Zusammenstellung der Teilnehmer des
Nationalvereins.) »Man sieht ihr nicht an, was es doch gekostet hat,
diese 1300 Namen unter eine Haube zu bringen. Fragt man nach dem Erfolg
solcher Anstrengungen, so erscheint jeder einzelne verschwindend klein
und doch ist die Gesamtwirkung nicht zu verachten. Jedermann muß dies
begreifen, wenn er sich fragt, was aus unserer Sache geworden wäre, wenn
wir -- das Volk -- diese fünf Monate hindurch die Hände in den Schoß
gelegt hätten. Nebenbei sind diese gemeinsamen Operationen eine gute
Vorschule der politischen Einheit, der wir ja doch entgegen gehen.
Indes habe ich nun vorerst mein Teil getan und in sechs bis acht Wochen
soll, wie Du weißt, unser hiesiges Zelt abgebrochen werden. Die Meinung
ist allerdings, es dann wieder in Erlangen aufzuschlagen, nur rechne ich
auf nichts mehr, nachdem ich mich so oft verrechnet habe. Eigentlich
müßte jetzt mit aller Macht an einem neuen Lebensplan gearbeitet werden,
denn wenn kein Wunder geschieht wird am letzten Juni die Süddeutsche
Zeitung ihren Athem aushauchen. Da wir jedoch in einer wunderbaren Zeit
leben, so bitte ich Dich, diese Neuigkeit einstweilen als ein Geheimnis
zu behandeln. Jedenfalls bin ich so sehr daran gewöhnt, mir von der
Vorsehung ohne viel eigenes Zutun meinen Platz anweisen zu lassen, daß
ich mit sträflichem Leichtsinn die Zukunft erwarte, was sie mir etwa
neues bescheren wird.«
In derselben Zeit schreibt er an Ernst Rohmer: »So viel ist mir jetzt
vollends klar geworden, daß ich nur die Wahl habe, mich der Politik
_ganz_ zu ergeben, oder mich _ganz_ von ihr zurückzuziehen. Wer den
Mittelweg einhalten will, muß ein Amt oder ein Handwerk betreiben, auf
das er sich beziehen kann, sobald man ihm mit zu weit reichenden
Anforderungen kommt. In der letzten Zeit, nach dem Tod des Königs (Max
#II.#), habe ich wohl daran gedacht, daß man mir jetzt die Zulassung zur
Advokatur nicht mehr verweigern würde, aber ich fürchte mich vor dem
Handwerk und die Bewerbung wäre der sauerste Entschluß meines Lebens.«
Die Notwendigkeit, diesen Entschluß zu fassen, trat nie ein, es ergab
sich immer Arbeit mehr als genug und es wäre wohl in jeder politisch
bewegten Zeit von Wert, wenn hervorragende Kräfte »frei zum Dienste«
bereit stünden.
Im Sommer wurde Frau Braters sehnlicher Wunsch, nach Erlangen und zu
ihren Kindern zurückzukehren, erfüllt; mit Freude und Jubel wurden die
Eltern nach fast dreivierteljähriger Trennung von den beiden Mädchen
empfangen, die schon einige Monate vorher mit ihrer Tante Luise Brater
dort eingetroffen waren und von dieser treuen Erzieherin auch noch
weiter unterrichtet wurden.
In den nun folgenden Jahren ergab sich durch den Landtag und dessen
Ausschüsse ein häufiger Wechsel des Aufenthaltes zwischen Erlangen und
München, was nicht zur Annehmlichkeit des Lebens beitrug. Kam die
Familie nach München, so war nie vorauszusehen ob für lange oder kurze
Zeit. Deshalb wurden immer nur möblierte Zimmer genommen und um die
Sache möglichst billig einzurichten, beschränkte man sich aufs äußerste,
mietete z. B. oft nur drei Betten und für die vierte Person, die
jüngste, die sich eines sehr guten Schlafes erfreute, wurde aus diesem
und jenem Bettstück auf dem Boden ein Lager bereitet.
So ergaben sich in den möblierten Wohnungen allerlei Nachteile. Einst
hatte sich die Familie eben erst eingemietet, und zwar bei einer
adeligen Dame, einer Gräfin, als morgens vor dem Haus ein Wagen hielt
und der Gerichtsvollzieher mit einigen Dienstleuten kam, um die Möbel
abzuholen, die, wie sich herausstellte, alle verpfändet waren. In
theatralischer Weise fiel die Gräfin auf die Kniee vor ihrem Mietsmann
und beschwor ihn, für sie einzutreten. Die Vorstellungen Braters, daß er
als Landtagsabgeordneter unmöglich so kurzer Hand auf die Straße gesetzt
werden könne, vermochten endlich den Gerichtsvollzieher wieder
abzuziehen und die Angelegenheit wurde irgendwie geordnet, doch vergriff
sich die Gräfin in ihrer Not noch an Hab und Gut der Mietsleute und es
war nicht möglich, lange da zu verweilen.
In jenen Jahren wurde Frau Brater im Ausziehen und Einrichten so gewandt
wie ein Packer von Fach und ihr Geschick, mit einem Mindestmaß von
Besitz auszukommen und Behagen zu schaffen, erregte oft das Staunen
solcher Abgeordneter, die nie den Luxus wagten, mit Frau und Kind zum
Landtage zu kommen, trotzdem sie vielfach in besseren Verhältnissen
waren. Es gehörte auch Frau Braters ganze Unbefangenheit dazu, mit
ruhiger Selbstverständlichkeit Leute aus vornehmen und luxuriösen
Kreisen in ihren einfachen Räumen zu empfangen. Buhl, den man den
Pfälzer Nabob nannte, Baron von Stauffenberg von seinem Schloß kommend,
sie und viele andere Gesinnungsgenossen fanden sich oft abends ein, da
Brater seines Hustens wegen an den Klubbesprechungen nimmer teilnehmen
konnte. Solchen Gästen gegenüber gab die Hausfrau wohl die Erklärung für
die einfache Ausstattung, aber keine Entschuldigung, sie scherzte über
die mangelhafte Einrichtung, sie verhüllte sie nicht. Wenn so die
wandernde Familie immer wieder mit Beginn des Landtages erschien und den
Verkehr mit den nächsten Freunden wieder aufnahm, so waren unter diesen
auch solche, die etwas zur Eleganz von Braters Wohnung beitrugen. Die
Tochter Bluntschlis, Frau Hecker, sandte für die Saison einige ihrer
Bilder zum Wandschmuck und wäre jederzeit zu allen Opfern bereit
gewesen, wenn die Freundin darauf eingegangen wäre.
Die pekuniären Verhältnisse waren in diesen Jahren oft ungünstig.
Pauline äußerte einmal ihrer Schwägerin gegenüber, daß ihr Mann sich bei
seinem zunehmenden Leiden darüber manchmal Sorge mache und sie fügte
hinzu: »Ich aber gar nicht, denn wir _können_ nicht mehr sparen.« Dies
bezeichnet ihre Stellung zur Geldfrage: Das Möglichste tun, dann aber
nicht sorgen.
Kehrte man nach monatelangem Aufenthalt aus den Münchener möblierten
Wohnungen nach Erlangen zurück, so fand man dort zwar die eigenen Möbel,
wurde auch vom Bruder Hans mit rührender Freude empfangen, aber immer
größer wurde die Schwierigkeit, in die Haushaltung einzugreifen, die
eine mehr und mehr empfindliche Haushälterin ohne Einmischung
weiterführen wollte, und je älter die Kinder wurden, um so weniger war
es möglich, auf den Ton einzugehen, mit dem die Wohlmeinende, aber nur
Halbgebildete ihre Pflegebefohlenen leitete. Der Grundsatz, das Ideal
ihrer Erziehung war: nur nach außen keinen Anstoß erregen, und das
dritte Wort: »Was sagen die Leut!« Verfing das nicht mehr bei den
Kindern, so suchte sie ihre Autorität zu stützen durch die Drohung:
»Wartet nur, wenn die Tante kommt!« Auf diese Weise zerstörte sie, zwar
nicht in schlechter Absicht, aber im Unverstande das Vertrauen der
Kinder und da sich tatsächlich jedesmal Mißbräuche eingeschlichen
hatten, die abgestellt werden mußten, so brauchte es immer längere Zeit,
bis die Liebe der Kinder wieder gewonnen war. Dabei mußte die immerhin
unentbehrliche Haushälterin ihrer großen Empfindlichkeit wegen mit einer
Schonung und Vorsicht behandelt werden, die einer so unmittelbaren
Persönlichkeit wie Frau Brater von Natur nicht gegeben war.
Manchmal seufzte sie in jener Zeit: »Das schwerste Kunststück für den
Menschen ist, mit den Menschen auszukommen!« Sie bemühte sich aber
redlich, es zustande zu bringen, und ihres Bruders Dankbarkeit war ihr
Lohn. Ihre zeitweilige Anwesenheit ermöglichte es ihm doch, in dieser
Weise den Hausstand fortzuführen, und ihm war alles recht, was ihm den
Gedanken an die Notwendigkeit einer zweiten Ehe fernhielt, denn sein
ganzes Herz gehörte noch seiner ersten Liebe. In großer Selbstlosigkeit
schickten sich die beiden Männer in die kleinen unvermeidlichen
Nachteile, die der gemeinsame Haushalt mit sich brachte, auch die Kinder
schlossen sich in geschwisterlichem Verhältnis zusammen, aber das Haus
selbst, nördlich gelegen, war kein günstiger Aufenthalt für einen
Brustleidenden, und Husten und Atemnot mehrten sich.
So wurde im Jahre 1866 für das Sommerhalbjahr ein Aufenthalt ausfindig
gemacht, der klimatisch günstiger war und doch keine vollständige
Trennung nötig machte. Eine halbe Stunde von der Stadtwohnung entfernt,
auf dem Burgberge, lag das sogenannte Palmshäuschen, ein kleiner grauer
Sandsteinbau mitten in großem Garten. Nur drei Zimmerchen waren als
Sommerwohnung ausgebaut und die standen leer. In diesem Häuschen hatte
sich der Nürnberger Buchhändler Palm verborgen gehalten, der im Jahre
1806 wegen der Verbreitung der Schrift: »Deutschland in seiner tiefen
Erniedrigung« auf Befehl Napoleons standrechtlich erschossen wurde. Kaum
hatte die Familie Brater dieses stille Landhäuschen bezogen, als -- wegen
des drohenden Krieges -- im Frühjahr 1866 der Landtag einberufen wurde.
So mußte Brater auf unbestimmte Zeit nach München und Frau und Kinder im
Palmshäuschen zurücklassen. Pauline schildert diesen Aufenthalt den
Württemberger Verwandten:
... »Wir haben in unserm Gartenhäuschen anfangs vor allem andern den
Ofen schätzen lernen, da wir noch am 23. Mai die prächtig grünen Bäume
im dicken, dicken Schneegestöber sehen mußten. Übrigens ist der Schnee
wenigstens nicht liegen geblieben und in unserem Garten erfroren auch
erst in der letzten Nacht der kalten Zeit die Bohnen und einiges
andere, was meiner Agnes besonders ein wahrer Schmerz war, denn sie
beteiligt sich mit großer Vorliebe an der Gartenarbeit und sieht jedes
Pflänzchen mit wahrer Mutterliebe wachsen und gedeihen. Wir waren schon
sehr glücklich in unserer ländlichen Wirtschaft und Behausung, allein
seit mein Mann fort ist, ist natürlich auch mir die Freude halb
genommen, ja wenn ich nur gewiß wüßte, daß er in kurzer Zeit
wiederkommt, so wollte ich mich ruhig in dies kleine Mißgeschick fügen
als in ein Bruchteil der allgemeinen Not. Allein wenn ich denke, der
Landtag könnte sich in die Länge ziehen und der Sommer meinem Mann
erneute Anstrengung statt Erholung bringen, dann wird's mir ganz
verzweiflungsvoll zumute. Ich habe indes noch keinen Grund dies zu
fürchten, mein Mann hielt es für möglich, daß der Landtag mit vier
Wochen zu Ende gehen werde. -- Während nun die Herren in München und in
ganz Deutschland sich mit Kriegsgedanken und Rüstungen abgeben, sitzen
wir hier in unserer kleinen Burg in einer Stille und Einsamkeit, daß man
denken könnte, es gäbe gar keine wichtigeren Dinge auf der Welt, als
Gemüse und Salat pflanzen. Für meinen Mann könnte ich mir kein
passenderes Plätzchen wünschen, es ist so ruhig, alles grün um uns, der
Wald ganz nahe, so daß sich sogar der Kuckuck schon auf unseren Bäumen
hören und sehen ließ, der erste, den ich in meinem Leben sah, und Hasen
sind uns ganz gewöhnliche Gäste. Auch mir tut diese Stille nach dem
unruhigen Winter recht wohl und wie wird man den inneren Frieden erst
wieder genießen, wenn er von außen her wieder befestigt ist! Ich halte
noch immer an der Hoffnung, daß der Krieg vermieden wird...
Meinen Geschwistern geht es gut... Einen Abend in der Woche kommen die
Brüder bei uns zusammen, wo es dann immer ziemlich lebhaft, in diesem
Augenblick aber fast übermäßig lebhaft zugeht, denn Hans und Siegfried
sind politisch verschiedener Richtung und da könnte jemand, der sich
nicht auskennt, leicht meinen, sie möchten sich einander umbringen, aber
es nimmt doch immer ein freundschaftliches Ende und meine Kinder freuen
sich immer schon im voraus auf den Spektakel...«
Vierzehn Tage später (am 18. Juni) schreibt sie an ihre Schwägerin
Emilie Schunck: »Inzwischen sind die Friedenshoffnungen nach und nach
verschwunden, und bis der Brief zu Dir kommt, wird wohl der Krieg
ausgebrochen sein! Das Empörendste an der Sache ist doch immer das, daß
hier ein Krieg geführt wird, den auf beiden Seiten das ganze Volk nicht
will, -- was sind denn das für Einrichtungen und was für Menschen, die
sich soweit treiben lassen zu tun, was sie verabscheuen? Und was kann
man sich von ihnen dann noch weiter erwarten und zu was alles werden sie
sich noch hergeben und verurteilen lassen? Wahrlich, in solchen Zeiten
sind wir Frauen besser daran, die wir mit gutem Gewissen unsere Gedanken
von diesen kläglichen Zuständen abwenden können, während die Männer, die
das Ganze ausmachen, und _jeder_ ein Teil desselben ist, Arbeit und
Verantwortung auf sich haben. Leider sind diejenigen, die ihre
Schuldigkeit tun, immer zugleich auch die, die das Elend am tiefsten
empfinden..... Aus der Zeitung hast Du vielleicht ersehen, daß der
Landtag bei uns zu Ende geht, ja wenn nichts Besonderes dazwischen
kommt, wird Karl in dieser Woche noch zurückkehren. Mit welcher
Ungeduld ich diesen Zeitpunkt erwartet habe, kann ich Dir kaum sagen, Du
weißt ja, daß wir hier auf dem Berg wohnen in einem herrlichen, ruhigen
Nest, das für Karl gewiß ein recht wohltätiger Aufenthalt wird, ach, und
er braucht den Sommer so notwendig zu seiner Erholung, so daß ich
eigentlich in einer beständigen Aufregung war um jeden Tag, den er in
München zubrachte, und ich bin nicht völlig ruhig, bis er wirklich und
leibhaftig wieder hier ist. Er schreibt, daß sich sein Befinden in
München wenigstens nicht verschlimmert habe, das ist viel, aber immerhin
bessert es sich eben auch gar langsam und von unserem ohnedies kurzen
Sommer sind nun schon viele Wochen ungenützt verstrichen...«
Als der Ersehnte endlich zurückkam, fand Pauline sein Befinden merklich
verschlimmert und es erwies sich als eine große Wohltat, daß auch er nun
in der stillen, ländlichen Wohnung Ruhe fand. Unten in der Stadt
erreichte die Aufregung ihren Höhepunkt, als ein Gefecht in nächster
Nähe erwartet wurde. Auch waren die österreichisch gesinnten Elemente
der Bevölkerung aufgehetzt und Brater, der Bismarcks Bedeutung längst
erkannt und offen hervorgehoben hatte, erfuhr, daß der Pöbel gewillt
war, ihm »seine preußischen Fenster« einzuwerfen. Aber mit Eintritt des
Waffenstillstandes verlief sich rasch die Erregung und das Jahr 1866
wurde in Beziehung auf die Feindseligkeiten gegen Brater ein Wendepunkt.
Nachdem die Ereignisse ihm Recht gegeben, verlor die Feindschaft mehr
und mehr ihren Stachel und immer weitere Kreise gingen vom engherzigen
Partikularismus zu nationaler Gesinnung über.