IX.

1863-1866

Der Winter des Jahres 1863 nahte und brachte ein politisches Ereignis,

das wieder auf das Leben der Familie einwirken sollte: den Tod des

Königs von Dänemark, das Erlöschen seiner Linie und infolgedessen den

schleswig-holsteinschen Krieg. Die deutsche Begeisterung flammte hoch

auf für Befreiung der Herzogtümer vom dänischen Joch und für Anerkennung

des Herzogs Friedrich von Augustenburg. Es wurden viele Versammlungen

gehalten und für den Politiker von Fach war ein unruhiger Winter zu

erwarten, vielleicht auch wieder ein mehrfacher Wechsel des Aufenthalts.

Im Hinblick darauf machten die beiden Schwägerinnen, noch während

Pauline bei ihnen krank lag, den Vorschlag, die Kinder über den Winter

in München zu behalten, damit sie nicht wieder aus dem Studium der

französischen Sprache, das ernstlich betrieben wurde, herausgerissen

würden. Dankbar nahmen die Eltern das Anerbieten an.

Endlich war Frau Brater so weit hergestellt, um die Reise nach Erlangen

wagen zu können, und kaum wieder bei Kräften, machte sie sich daran

einzupacken -- worin sie bereits eine große Fertigkeit hatte --, um

endlich ihrem Manne nach Erlangen nachzukommen. Zum ersten Male ließ sie

für längere Zeit die Kinder zurück und es fiel ihr, die sich noch

geschwächt fühlte, der Abschied schwer. Aber in Erlangen war sie gar

sehnlich erwartet worden von den beiden Männern, denen sie häusliches

Behagen bringen sollte, auch die Haushälterin, der es nicht leicht fiel,

mit dem Haushaltungsgeld auszukommen und mit der Erziehung der größeren

Kinder fertig zu werden, hoffte auf ihre Unterstützung und die Kinder

folgten ihr auf Schritt und Tritt, wenn sie ordnend und einrichtend

durchs Haus ging. Während ihr Mann in politischen Geschäften

vorübergehend nach Frankfurt reiste, richtete sie für ihn ein

behagliches Arbeitszimmer ein und freute sich, ihm bei seiner Rückkehr,

die für den heiligen Abend zu erwarten war, das veränderte und nun

gemütlich aussehende Winterquartier zu zeigen. Er kam auch eben noch zur

rechten Zeit, um mit ihr und der Familie Pfaff den heiligen Abend zu

feiern, nur zeigte er nicht die eingehende Teilnahme für die

Einrichtung, wie sie erwartet hatte, und war schweigsamer als sonst. Am

nächsten Morgen sollte sie erfahren warum, er hatte nicht die Freude des

Wiedersehens, die Feier des heiligen Abends verderben wollen, aber nun

konnte er ihr nimmer verhehlen, daß ihre Hoffnung, den Winter in

Erlangen zuzubringen, nicht in Erfüllung gehen sollte: zu Neujahr mußten

sie übersiedeln nach Frankfurt.

Brater war zum geschäftsführenden Mitglied des Zentralausschusses für die

schleswig-holsteinischen Angelegenheiten ernannt, der in Frankfurt seinen

Sitz hatte. Es war ja begreiflich, daß man sich wieder an ihn, den

Politiker von Fach, wandte, und es galt allen für selbstverständlich, daß

er sich einer solch nationalen Sache nicht entziehen würde, allen, auch

Frau Brater. Aber im ersten Augenblick erschien es ihr doch unmöglich,

schon wieder abzubrechen! Und wie wenig Zeit blieb zur Beratung! Schon

auf 31. Dezember war eine Versammlung von 500 Abgeordneten deutscher

Ständeversammlungen nach Frankfurt einberufen und alle Gedanken ihres

Mannes waren durch diese Angelegenheit in Anspruch genommen. Er reiste

voraus, sie richtete in möglichster Eile alles, um ihm zu folgen, der

schon ungeduldig schrieb: »Hätte ich Dich nur schon morgen hier zur

gemeinschaftlichen Silvesterabend- und Silvesternacht-Feier. Am 2.

könntest Du wohl reisen?« Und am 1. Januar schrieb er:

_Liebster Schatz!_

Die Silvesternacht habe ich in unserem neuen Hauptquartier

zugebracht -- freilich in tiefer Einsamkeit. Ich erwarte nun

stündlich die Nachricht von Deinem baldigen Eintreffen und

rechne darauf, daß Du nicht lange mehr zögern wirst. Du bekommst

ein behagliches kleines Wohnzimmer, weniger bequem ist die

Schlafgelegenheit bestellt. Das Bettzeug wirst Du mitbringen

müssen. Eine vollständige, aber rattenkahle Küche steht zu

Deiner Verfügung. Da es möglich ist -- obwohl die preußische

Regierung den Senat schon bedrängt hat, unserem Dasein ein Ende

zu machen -- daß wir manchen Monat hier zubringen, so solltest Du

es Dich nicht gereuen lassen, nachträglich einige Kleinigkeiten

einzupacken, die ein Zimmer beleben und verzieren, wenn sie auch

nicht zu den Notwendigkeiten gehören. Nur von Schreibmaterialien

bitte ich ja nichts hierher zu schleppen, da wir durch eine

Kollekte bei den Schreibmaterialisten in diesem Fach reich

ausgestattet sind.

Als sie auf diese Briefe hin in möglichster Eile alles zur Abreise

gerichtet hatte, kam wieder ein Brief, der ihr Halt gebot.

»Heute traf die Einladung der holsteinischen Regierung zu einer

Besprechung in Kiel ein.... Es ist ärgerlich genug, doch tröste

ich mich einigermaßen damit, daß bis dahin für Deine Reise

vielleicht besseres Wetter eingetreten ist. Schone Dich nur auf

alle Art....

Für meine Verpackung ist gut gesorgt: ich bin mit einer

vollständigen Pelzhose und Rock versehen. Gestern sind auch

unsere finanziellen Angelegenheiten in Ordnung gebracht worden:

vierteljährlich 500 Taler mit freier Wohnung, Heizung und

Beleuchtung. Der Zeitungsausschuß weigert sich, mir meinen

Gehaltsbezug einzustellen und überläßt es mir, dagegen nach

Belieben Aktien zu nehmen. Jedenfalls ist auf diese Art

anständig gesorgt.

Nimm dich zusammen, mein Schatz, und lasse Dich nicht von Deinen

melancholischen Anwandlungen überwältigen; bringe auch, wenn Du

Platz hast, ein Kopfkissen mit zur Ergänzung einer etwas

unzulänglichen Bettdecke.... Auf endliches Wiedersehen

Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau · 第 18 / 31 题