V.

1851-1855

Das erste Kind! Mit Stolz trägt der Vater am 27. Februar 1851 die

Tatsache der Geburt in die Familienchronik ein. So ein kleines hilfloses

Geschöpfchen -- anscheinend bringt es nichts mit in die Welt, tatsächlich

verleiht es gleich die höchsten Würden, den Vater- und Mutter-Namen. Wer

wollte es bestreiten, daß es eine Würde ist? Wird doch nichts auf Erden

so hoch eingeschätzt wie eben das Menschenleben. Im Gefühl des Volkes,

in der Gerichtsbarkeit, überall steht es oben an. Gilt es eines aus der

Gefahr zu retten, so werden, wie selbstverständlich, die größten Opfer

gebracht. Nun ist so ein neues Leben entstanden und ist vollständig

diesen jungen Eltern überlassen und anvertraut. Würde und Bürde sind

hier wie nirgends sonst vereint, Freud und Leid gleich in der ersten

Stunde. Unbeholfen steht oft solch ein junger Vater vor dem kleinen

Ankömmling, der ihm gehört und den er doch nicht zu behandeln versteht;

weit voraus ist ihm darin meist die Mutter, auf die ja auch das Kind von

der Natur sofort angewiesen ist.

Auch bei unserem jungen Elternpaar tritt dieser Unterschied gleich

hervor. Objektiv, sich selbst kein Urteil zutrauend, schreibt der Vater

an seine Schwester Julie:

»Das Fräulein ist nach Angabe der Sachverständigen überaus schön,

ungewöhnlich stark und bereits liebenswürdig.« Und später: »Ich hätte

Dir noch einiges Anziehende über das Thema: Pauline als Mutter

vorzutragen, aber da sie eben erklärt, daß sie diesen Brief lesen werde,

um zu kontrollieren, ob nichts Verleumderisches über ihr Kind

eingeflossen ist, so muß ich mir natürlich solche Dinge versagen.«

Worauf die junge Mutter denselben Brief fortsetzt: »Ich könnte Dir noch

erzählen, was für eine Freude ich privatim an unserem kleinen Bündel

habe, wenn ich nicht dächte, Du hast Dir das schon vorgestellt, so gut

es eben möglich ist. Übrigens glaube ich nicht, daß andere Leute auch

eine so große Freude haben, es könnte sonst nicht auffallend sein, wenn

man auf der Straße hie und da ein paar Luftsprünge machte, juhe! schrie

oder dergl. mehr. Auch von ihren Eigenschaften darf ich Dir nichts

berichten, denn da ich an dem ganzen Weibsbildchen nichts als

Liebenswürdigkeit entdecke, so müßtest Du ja denken, daß ich bereits mit

dicker, mütterlicher Blindheit geschlagen sei.«

Seliger als sie sich nun fühlte, hätte die junge Mutter auch in der

früheren vornehmen Amtswohnung nicht sein können. Dicht nebenan der

Mann, unablässig fleißig und doch wenn sie in sein Zimmer trat, gern

bereit, die Feder wegzulegen und sich durch ein paar Worte mit ihr zu

erfrischen oder sich von den wunderbaren Fortschritten des »Annakindes«

berichten zu lassen. Und jeden Abend, wenn er seine anstrengende

Tagesarbeit vollbracht hatte, saßen sie beisammen, plauderten und

freuten sich aneinander. Das Kind mußte um diese Zeit zur Ruhe gebracht

sein, den Feierabend der Eltern und ihr gemeinsames Lesen sollte es,

wenn irgend möglich, nicht stören. Im ersten Winter waren es die

historischen Dramen von Shakespeare, die sie gemeinsam genossen. Auch

Mittags gab es eine regelmäßige Arbeitspause; wenn die verschneiten

Bleichwege nicht verlockten zum Spazierengehen und doch das Bedürfnis

nach körperlicher Bewegung vorhanden war, so wurden Federbälle und

Raketen herbeigeholt und Volant geschlagen. Pauline war geschmeidig und

behend in all ihren Bewegungen, und die beiden brachten es in dieser

Kunst zu solcher Fertigkeit, daß sie mit drei Bällen zugleich schlagen

konnten, und es ein Spaß war zuzusehen, wie die gefiederten Bällchen

durch die Luft flogen.

So fühlte sich das junge Paar glücklich und vergnügt, während vielleicht

mancher die armen Leutchen, die da draußen auf der Bleiche eingeschneit

waren, bedauerte. Übrigens konnte von Armut im gewöhnlichen Sinne bald

nicht mehr die Rede sein, denn eine Arbeit nach der andern, geschätzt

und begehrt, kam aus der Feder des gedankenreichen Mannes. Er hielt

seine Arbeitszeit ein, Tag für Tag mit einer Gewissenhaftigkeit, wie es

nur wenige junge Männer ohne jeglichen äußeren Zwang durch Vorgesetzte

oder Vorschriften zustande bringen würden. Es ist kein Wunder, daß die

Gattin nun nicht mehr aufbegehrte über die Pedanterie des Gatten, daß

diese treue Pflichterfüllung ihr vielmehr die größte Hochachtung

einflößte. Zugleich aber auch einen Zorn gegen diejenigen, die solch

einen Mann nicht anstellen wollten und neuerdings seine Bemühungen um

eine Advokatur zurückgewiesen hatten. Nahm _er_ das ruhig hin, so sprach

_sie_ in um so kräftigeren Ausdrücken ihren Unwillen über die

»schändliche Bande« aus. Sie war ohnedies als Schwester von fünf

Brüdern an mancherlei nicht gerade zarte Ausdrücke gewöhnt, und wenn

solche gleich in der Familie Brater verpönt waren, so wartete der Mann

doch geduldig, ob sie sich allmählich von selbst verlieren würden, denn

das unmittelbare Wesen seiner Frau war ihm viel zu köstlich, als daß er

es durch Korrekturen hätte beirren mögen. _Ganz_ hat sie die kräftigen

Ausdrücke bis in ihre alten Tage nicht verloren, so lebhafte Naturen wie

die ihrige müssen sich offenbar in Ausnahmefällen Luft machen und kommen

ohne ein gelegentliches »Donnerwetter« nicht aus.

An ihre Schwägerin Julie schreibt Pauline in dieser Zeit: »Karl benimmt

sich so ziemlich wie ein Fisch in dieser Angelegenheit, ich rechne nur

auf Verjährung meines Grimms.«

Noch im September dachte die junge Familie nicht anders, als daß sie den

Winter auf der Bleiche zubringen würden, da erhielt Brater unerwartet

eine Aufforderung von der Zeitung »Der Nürnberger Korrespondent«, beim

Wiederbeginn des Landtags in München die Berichterstattung über dessen

Sitzungen zu übernehmen. Die pekuniären Bedingungen waren günstig, rasch

wurde der Entschluß gefaßt, für den Winter nach München zu übersiedeln.

Während Pauline die nötigen Zurüstungen zum Umzuge traf, reiste der

junge Ehemann voraus, um Quartier zu machen für sich und die Seinen. Die

kurze Zeit, die er allein in München zubringen mußte, währte ihm schon

zu lang. Er schreibt am 30. September 1851 an seine Frau:

»Mein Schatz, sind wir auch wirklich kopuliert? Es ist mir in dieser

einsamen Stube ganz junggesellig und unter der Fürsorge unserer

würdigen Schneiderin recht zimmerherrlich zumute«... Es folgt nun eine

Beschreibung der gemieteten möblierten Wohnung und genaue Anweisungen

über alles, was zur Ergänzung mitzubringen sei. Der Schluß lautet:

»Studiere und exekutiere diesen Brief sorgfältig, fahre bei schlechtem

Wetter #II.# Klasse, trinke in Augsburg Kaffee, komme wenn menschenmöglich

schon Donnerstag, melde Dich zuvor an, sei unbesorgt um Milch, Holz und

Magd und behüt Dich Gott, denn dieses Junggesellenbewußtsein habe ich

satt und sehne mich von Herzen nach Euch!«

Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß die Reise am Donnerstag

»menschenmöglich« gemacht wurde, denn flink und praktisch war die junge

Frau wie nicht leicht eine zweite, hielt sich auch nicht mit unnötigen

Bedenken auf und konnte in solchen Fällen, wie man sagt, »fünfe gerade

sein lassen«.

So kam sie nun zum erstenmal nach München, in die ihr noch unbekannte

große Stadt. Die drei möblierten Zimmer boten nicht sonderlich viel

Behagen und ganz ungewohnt waren ihr die einsamen Stunden, in denen der

Gatte nicht wie bisher daheim arbeitete, sondern den Kammersitzungen

beiwohnte. Es schien für sie ein unerfreulicher Winter zu werden. Aber

bei der Nachricht von der Übersiedlung faßte ihre Schwiegermutter den

Entschluß, mit der jüngsten Tochter Emilie, die sich in der Musik

ausbilden wollte, für die Wintermonate nach München zu kommen. Es fanden

sich Zimmer für sie im gleichen Haus und so konnte gemeinschaftliche

Wirtschaft geführt werden; die gütige Nachsicht der älteren Frau Brater,

der fröhliche Humor der jüngeren, die Freundschaft zwischen den beiden

Schwägerinnen, die gemeinsame Freude an der kleinen Anna brachten es

zustande, daß alles in schönster Harmonie zusammenklang. Ein längerer

Eintrag des Familienvaters in der Chronik erwähnt auch den geselligen

Verkehr der Familie.

»Sylvesterabend 1851. Unser geselliger Verkehr ist ziemlich beschränkt.

Gemeinschaftlich trinken wir von Woche zu Woche einmal im

Ennemoser[2]schen Hause Tee oder haben diese Familie bei uns. Der

Verkehr mit Rohmers (es ist hier der verheiratete Philosoph Friedrich

Rohmer gemeint) wird nur durch mich lebhaft unterhalten. Bei Thiersch[3]

und Schubert[4] sind Besuche gemacht worden, welche die üblichen

Gegenbesuche und dann und wann eine Einladung zur Folge haben ....

[Fußnote 2: Ennemoser hatte als magnetischer Arzt und durch

wissenschaftliche Arbeiten über Magnetismus in München großen

Ruf.]

[Fußnote 3: Friedrich Thiersch, bedeutender Philologe.]

[Fußnote 4: Gotthilf Heinrich Schubert, Naturforscher.]

Im Kind entwickeln sich Anwandlungen von Menschenverstand und

Sprechlust, auch kriecht es vierfüßig mit ziemlicher Gewandtheit und

befaßt sich mit den Anfangsgründen des Laufens. Es hat die mütterliche

Lebhaftigkeit ererbt. Im künftigen Neujahrsbericht hoffe ich das

Gedeihen eines zweiten kleinen Geschöpfes, das mit der väterlichen

Sanftmut und verkannten Gemütstiefe ausgestattet ist, notieren zu

können.

Mein Gewerbe ist geistig und bisweilen auch körperlich ermüdend. Monate

lang Tag für Tag und Zug für Zug der Abspiegelung einer bodenlosen

politischen Misere als notgedrungener, aufmerksamer Beobachter folgen zu

müssen, ist eine Tortur, welche die standhafteste Apathie schwer

erträgt. Daneben erübrige ich jedoch noch die erforderliche Zeit zur

Redaktion meiner Blätter (für admin. Praxis) und zur Beteiligung an

Dollmanns Gesetzeskommentaren.

Von den erbetenen Advokaturen ist mir keine genehmigt worden;

Verdächtigungen, die aus meiner Tätigkeit zur Zeit der

Reichsverfassungsfrage abgeleitet sind, haben zu der Ansicht geführt,

daß meine Anstellung jedenfalls allerhöchsten Ortes nicht genehmigt

werden. An diesem Ort (bei dem König) persönlich zu supplizieren, kann

ich mich nicht entschließen, weil ein solches Supplizieren die

Verzichtleistung entweder auf die persönliche Würde oder auf den Erfolg

voraussetzte. Es ist mir der definitive Bescheid des Justizministers

zugekommen, daß es für jetzt unmöglich sei, mich anzustellen und daß ich

wohl daran tun würde, in meiner gemeinnützigen Tätigkeit fortzufahren

und Gras über die Sache wachsen zu lassen.«

»Dieses Gras wächst langsam,« schreibt Frau Brater gelegentlich. Sie

hatte so zuversichtlich gehofft, der Aufenthalt in München werde ihrem

Manne Gelegenheit geben, mit Erfolg um eine feste Anstellung

einzukommen, aber die Monate verstrichen, schon nahte die Osterzeit und

damit das Ende der Landtagsperiode. Sie mußte sich mit der Erfüllung

einer anderen Hoffnung begnügen: am Ostermontag 1852 kam ein zweites

Töchterlein zur Welt.

Die Mutter, die seit einiger Zeit ein Heft angelegt hatte für Notizen

über die Kinder, schreibt darin:

»Ostermontag kam die kleine Jungfer Agnes auf die Welt als ein gesundes

kräftiges Kind mit einer ungeheuren Nase, wodurch sie mehr einem Vogel

als einem Menschen und als Mensch einem alten, griesgrämigen

Mathematiker ähnlich sah. Eigentlich war es auf einen Buben abgesehen,

man war aber doch sehr erfreut über ihre glückliche Ankunft und trug ihr

nichts nach. Sie begann ihr Leben, wie es für die teure Zeit angemessen

ist, mit Nahrungssorgen, d. h. sie war kaum recht auf der Welt, als sie

schon rechts und links mit dem Kopf nach Futter suchte und endlich beide

Händchen in den Mund nahm und dermaßen daran schnullte, daß man's durchs

ganze Zimmer hörte.«

Wie die Mutter so scheint auch der Vater über den ersten Anblick des

Mädchens etwas betroffen gewesen zu sein, denn er notiert noch am selben

Abend in die Familienchronik: »Die kleine Geborene ist ein robustes

Mädchen von etwas seltsamer vogelähnlicher Physiognomie«, bemerkt aber

nach einigen Wochen: »Sie hat ein definitiv menschliches Aussehen

gewonnen, so daß unbedenklich zur Taufe geschritten werden konnte.«

Im Mai wurde der Münchner Haushalt aufgelöst und zur großen Freude von

Pauline, die sich längst gesehnt hatte, das nahe Gebirge kennen zu

lernen, übersiedelte die ganze Familie nach dem kleinen Dorf Egern am

Tegernsee, im bayerischen Gebirge gelegen. Wir dürfen uns unter diesem

Aufenthalt keine luxuriöse Sommerfrische im Hotel vorstellen, im

Gegenteil ein Leben, einfacher und billiger, als es in der Stadt geführt

werden konnte. »Beim Gassenschuster« wurde eingemietet und selbst

gewirtschaftet. So hatte wohl die junge Mutter ihr gut Teil Arbeit, aber

nicht zu viel, denn sie machte sich keine unnötige, und für unnötig galt

ihr vieles, was nicht nur jetzt, sondern auch schon dazumal andere

Frauen für nötig hielten. Vor allem kannte sie keine Toilettensorgen.

Mit geschickter Hand wußte sie zu reinigen und auszubessern und man fand

nichts Unpünktliches an ihrem Anzug, aber Überlegung, ob etwa ein Kleid

nicht mehr modern sei, gab es bei ihr nicht, auch wenn die Farbe

gebleicht oder verwaschen war, so hielt sie es nicht für nötig, um

dieser natürlichen Einwirkungen der Sonne und des Regens willen

Änderungen oder Neuanschaffungen vorzunehmen. Bei der Wahl der

Kinderkleider kannte sie nur den Standpunkt der Zweckmäßigkeit, nichts

Helles, damit nicht oft zu waschen war, einfach zugeschnitten, denn das

Bügeln durfte nicht viel Zeit wegnehmen, wurde auch wohl ganz umgangen;

fest über die Tischplatte gezogen waren die Röckchen nach ihrer Meinung

reichlich glatt genug, um von den Kindern im Gebrauche gleich wieder

verknittert zu werden. Trotzdem dünkte ihr die Zeit, die auf die

Bekleidung gewendet wurde, noch zu lang, und sie seufzte manchmal,

»kämen doch die Menschen in schönem Pelz auf die Welt«. Ebenso bedauerte

sie oft, daß die Zubereitung der Speisen -- in der sie übrigens sehr

sorgfältig war -- so viel Zeit in Anspruch nahm, und sie äußerte wohl, im

Gedanken, daß wir doch indirekt all unsere Nahrung aus dem Erdboden

ziehen, »könnten wir nur unsern Planeten direkt essen«.

An Warte und Pflege wurde den Kindern auch nicht mehr als das Nötigste

zuteil. Für ihre Unterhaltung mochten sie selbst sorgen. Langweilten sie

sich, fingen sie an zu weinen oder zu schreien, so wurden sie tunlichst

weit von dem arbeitenden Vater entfernt, sonst aber wurde keine Notiz

von ihrer übeln Laune genommen.

Die junge Mutter kannte keine Ängstlichkeit. Sie ließ ihre Große, die in

jenem Sommer in Egern erst eineinhalb Jahr alt, aber schon fest auf den

Beinchen war, allein im Haus und Garten umherlaufen, in der guten

Zuversicht, daß nicht gleich ein Unglück geschehen werde. Einstens wurde

das Kind vermißt und nun, doch nicht ohne Sorgen wegen der Nähe des

Sees, gesucht. Man fand die Kleine endlich im Kuhstall, wo sie eben ihr

Schürzchen einem Kalb zum Fressen hinhielt und das junge Tier, noch

ebenso unerfahren wie das kleine Menschenkind, an dem dargebotenen Stoff

kaute. Diese Sorglosigkeit der jungen Mutter, die der Vater übrigens

nicht gut hieß, verlor sich mit der jugendlichen Unerfahrenheit, aber

dem Grundsatze der Einfachheit ist Frau Brater in allen

Lebensverhältnissen treu geblieben. Die Anspruchslosigkeit und

praktische Sparsamkeit der Hausfrau war so durchgehend, daß in dieser

Beziehung nie eine Mahnung oder Einmischung des Mannes nötig war; das

durch seine treue Arbeitsamkeit erworbene Geld wurde ihr übergeben, von

ihr aufs beste eingeteilt und verwaltet und mit Befriedigung wird in der

Chronik erwähnt, daß genügend erspart worden sei, um einer

Lebensversicherung beitreten zu können.

Eine Verwandte, Emma Schunck, schrieb damals über die junge Hausfrau:

»Schon immer achtete ich Pauline sehr, aber die Art, wie sie in ihrem

Haus waltet, die Entschiedenheit in allem, das Benehmen gegen ihre

Kinder, die zuvorkommende Liebe zu ihrem Mann, das alles stellt sie in

meinen Augen sehr hoch. Auch das bewundere ich an ihr, daß sie das

Schwere in ihrer Lage, Karls Zurücksetzung so leicht nimmt, weil sie

immer nur an das Gute denkt.«

Brater schreibt aus Egern an seine Schwester Julie: »Wir haben keine

Ursache, über unser Dasein und Hiersein zu klagen, zumal auch für das

tägliche Brot jetzt sattsam gesorgt ist, denn es fehlt weder am Absatz

meiner Blätter noch an sonstigen Bestellungen, ich bin auf Jahr und Tag,

ohne einen Schritt darum getan zu haben, in Anspruch genommen und könnte

daneben auch noch einem Gesellen Arbeit geben.« Ebenso pünktlich wie die

Arbeitszeit wurde aber auch die Erholungszeit eingehalten und die

herrliche Umgebung von Egern genossen. Es heißt in der Familienchronik:

»Pauline ist von der ihr neuen Herrlichkeit des Gebirges zu Wasser und

Land begeistert, sie macht ihre Studien in der Führung des Ruders und

des Bergstockes mit gutem Erfolg; wir hoffen Egern nicht zu verlassen,

bevor wir mit allen Gipfeln der Umgebung Bekanntschaft gemacht

haben..... Die Kinder sind wie Kälber auf der Alm gediehen.«

So war der Sommer verstrichen und Brater schreibt: »Am 4. Oktober haben

wir den Bergen Adieu gesagt, und am 5. unsern Einzug auf der Bleiche

gehalten. Trotz allem Heimweh weiß man doch die Annehmlichkeiten des

eigenen häuslichen Herdes und der bequemen Einrichtungen zu schätzen.

Ein harter Schlag war aber der Tod Karl Becks, der am 6. Dezember nach

fünfwöchentlichem Hoffen und Fürchten einem Nervenfieber erlag. Die

Stadt hat an ihm ihren besten Bürger verloren; an Einsicht, Bildung,

Geschäftskenntnis, Gemeinsinn war keiner mit ihm zu vergleichen. Ich war

bei aller Verschiedenheit der Naturen und Anschauungen persönlich mit

ihm befreundet und finde hier keinen Ersatz für ihn. Auch unsere

geselligen Verhältnisse, in welchen er ein wesentliches Glied war, sind

durch seinen Tod vollends wertlos geworden. Für mich ist es ein Glück,

daß ich Ernst Rohmer, der im Sommer 1851 in Becks Geschäft eintrat,

wieder getroffen habe. Mit ihm und seinen Schwestern (Witwe Bruckmann

und Lina Rohmer) haben wir eine wöchentliche Zusammenkunft.«

Außer diesem Verkehr lebte die junge Familie sehr still für sich. »Ich

bin ganz Bleichbewohnerin,« schreibt Pauline an ihre Schwägerin Julie,

»wenn ich hie und da notwendige Gänge habe, so laufe ich im Sturmschritt

durch die Gassen mit dem einzigen Gedanken, schnell wieder zu Hause zu

sein, wo man mich mit oder ohne Geschrei erwartet..... Ich kann kaum die

Zeit erwarten, bis die Kinder so weit sind, daß wenigstens nimmer alle

beide nur so gerade hinausschreien, wenn ihnen etwas gegen den Strich

geht, d. h. bis Anna ihre Vernunft und ihre Zähne beisammen hat..... Mir

sind alle Beschäftigungen unmöglich geworden, bei denen es sich nicht

verträgt, alle Minuten aufzustehen, da einem Kind etwas zu wehren, dort

eines trocken zu legen oder im günstigsten Fall mir die Ohren aus Wohl-

oder Übellaune abwechselnd von der einen oder andern Tochter

vollschreien zu lassen. Dieses ist die beständige Begleitung meiner Näh-

und Flickereien sowie meiner nächtlichen Ruhe und wenn man nicht mit

Bestimmtheit wüßte, daß die Bälge täglich älter und somit menschlicher

werden, möchte man oft verzweifeln.« An diesen Brief fügt der Vater die

entschuldigende Bemerkung hinzu: Man merke, daß er unter Kopfschmerzen

geschrieben sei.

Es lautet allerdings nicht zärtlich, wenn die Mutter so über die »Bälge«

klagt, allein sie sprach und schrieb eben ganz ohne Rückhalt und

Beschönigung, so wie sie gerade empfand, und jede Frau, die kleine

Kinder aufzieht und zwar ohne sie an ein Kindermädchen abzuschieben,

kennt wohl solche Stimmungen, wie Pauline sie durchmachte, wenn sie in

diesem Winter mit den Kleinen auf das enge Wohnzimmer der Bleiche

angewiesen war, nach einer unruhigen Nacht ruhebedürftig, mit

schmerzendem Kopfe dem Schreien der Kinder doch nicht entrinnen konnte

und sich unzählige Male bücken mußte, um sie zu versorgen.

Freilich kann ein süßes Lächeln, eine zärtliche Schmeichelei der Kleinen

alle Mühe vergessen machen, aber sie haben eben ihre Tage, an denen sie

nicht lächeln, nicht schmeicheln, sondern verdrießlich und weinerlich

sind. Dann ist es wirklich ein Tagewerk, so ermüdend und abspannend wie

kein anderes, und am Abend ist nicht einmal ein merkliches Resultat

dieser Tagesarbeit zu sehen, die Kinder sind anscheinend am Abend nicht

weiter, als sie am Morgen waren. So darf man der geplagten Mutter einen

gelegentlichen Stoßseufzer nicht verargen.

Die kleine Anna, zuerst ein durchaus gesundes Kind, bekam infolge des

Impfens, das mit schlechtem Stoff vorgenommen wurde, einen Ausschlag,

der sie besonders bei Nacht quälte. In vielen Briefen der nächsten Jahre

ist dies Leiden erwähnt, das Mutter und Kind oft zur Verzweiflung

brachte und schlimmen Einfluß auf das Kopfwehleiden und die

empfindlichen Augen der Mutter ausübte. Für sie wurden die Nächte erst

wieder besser, als das Kind die Einsicht erlangte, daß die Mutter ihm

nicht helfen könne und die Selbstbeherrschung gewann, die nächtlichen

Qualen still für sich allein zu tragen, bis sie sich endlich verloren.

In der schlimmsten Periode dieser Unruhe wurde beschlossen, daß die

geplagte Frau auf einige Wochen zur Erholung nach Erlangen gehen solle.

Freilich, Anna mußte sie mitnehmen, denn dieses Kind konnte nicht dem

Mädchen überlassen werden; wenn es nachts erwachte und ins Schreien kam,

so vermochte niemand anders als die Mutter durch den großen Einfluß, den

sie auf das Kind ausübte, es aus dem aufgeregten Weinen zum Horchen auf

ihre tröstende Stimme und dadurch allmählich wieder zur Ruhe zu bringen.

So wurde denn Anna mit auf die Reise genommen, hingegen die Kleine, die

ein ruhiges Kind war, bei dem Dienstmädchen gelassen unter der

Oberaufsicht des Vaters. Der kleine »nächtliche Würgteufel«, wie sich

die Mutter oft ausdrückte, war bei Tageslicht ein fröhliches Kind und

für ihre zwei Jahre schon sehr entwickelt. Pauline empfand den freudigen

Stolz, mit dem jede junge Mutter zum erstenmal ihr Kind den Verwandten

und Freunden der alten Heimat vorstellt.

Sie schildert die Reiseerlebnisse in einem Brief an ihren Mann: »Du

weißt, daß wir gut hier angekommen sind mit einer Gesellschaft von

Auswanderern, deren übertriebene Lustigkeit das Annakind so in Anspruch

nahm, daß sie sich auf dem ganzen Weg aufs beste unterhielt. Sie war

überaus komisch, wenn der Zug auf der Station eine Weile still gestanden

hatte, so sagte sie voll Ungeduld: »No, geht das Ding?« In Nürnberg

empfing uns Fritz, ich war sehr froh, denn man mußte die Wagen wechseln

und ich hatte so rasend Kopfweh, daß mir's ganz unheimlich zumute war.

Die Ankunft in Erlangen war komisch. Deine Mutter und mein Hans waren am

Bahnhof, kaum waren wir ausgestiegen, so hatte Hans schon das Kind auf

dem Arm und ohne weitere Notiz von mir oder der großmütterlichen

Zärtlichkeit zu nehmen, war er mit demselben auf und davon und wir

hatten das Nachsehen.

Ich hatte am ersten Abend schrecklich Heimweh und Kopfweh, am zweiten

hatte letzteres nachgelassen und jetzt, am dritten, geht's durch und

durch besser, aber ich denke immerfort an Dich und kann garnicht von Dir

reden. Das Annakind erntet über Erwarten Beifall und rührend ist die

Zärtlichkeit, die zwischen ihr und den Onkeln stattfindet, Hans füttert

sie, Fritz trägt sie zu den Bekannten. In unserer Wirtschaft kommt mir's

so komisch vor, ich muß oft wie eine Fremde darüber lachen. Gestern kam

ein fremder Herr, die Brüder schauen sich an, wem wohl der Besuch gilt,

endlich fühlt sich Hans getroffen. Da er gerade das Kind füttert, gibt

er Fritz den Bündel. Wie sich herausstellte, daß der Herr eigentlich zu

Fritz will, wird er von diesem in das Kabinett hineingeführt, welches

als sein Arbeitszimmer und Salon durch den Zuwachs von meinem und einem

Kinderbett sehr an belebtem Aussehen gewonnen hat und den ersten

Eindruck aufs wunderbarste steigern muß. Ich weiß oft gar nicht, wie mir

geschieht, alles so bekannt, gar nichts Neues und doch fast unglaublich.

... Wenn ich höre, daß es Dir und meinem guten, guten Herzensbrocken gut

geht und Du Dir über Kind und Küche nicht viel Sorgen machst, so will

ich gern mein Pensum hier abmachen und dann recht vom Fundament aus, ich

kann Dir garnicht beschreiben _wie_ vergnügt bei _Dir_ sein. Trotz der

Unruhe ist mir's wohl hier, weil ich für garnichts zu sorgen habe, das

Annakind fährt fort, Eroberungen zu machen; wenn's ihr auf den Bällen

einmal ergeht wie jetzt hier, so hat sie die Schwindsucht schon nach

dem Fuchsenball, sie tanzt schon jetzt lauter Extratouren.

Laß Dir's recht gut gehen, mach diesem Brief zu Ehren einen Kuckuck und

dergleichen mit dem Kind und denk Dir einen Kuß von mir oder

viele .....«

6. Mai ... »Neulich war eine große Teevisite bei Deiner Mutter

(Rahmtorte!!!) Da wurde fünf Viertelstunden am Tisch gestanden und

gezittert und geholfen und gewünscht, allein vergebens.« (Über dieses

»Tischrücken«, das damals Mode war, werden wir später noch mehr hören.)

»Meine Wut kannst Du Dir denken, ich war ganz außer mir. Heute ging ich

mit Emma Schunck zu Fuhrmanns, die einen sehr sensitiven Tisch haben und

siehe, es ging prächtig in einer Viertelstunde, so daß es den Tisch

drehte und fortrutschte, daß man nur nachzulaufen hatte und es ihn

rechts und links in die Höhe warf, daß es zum Totlachen war, übrigens

mache ich mir meine ganz besonderen Gedanken.«

Sobald Pauline sich ein wenig gekräftigt hatte, kehrte sie nach Hause

zurück, und wenn sie auch noch öfter zu solch kleinen Erholungsreisen

genötigt war, so fand sie doch ohne den Mann so wenig Freude daran, daß

sie heim drängte, sobald sie nur konnte, trotzdem zu Hause manches

Schwere auf sie wartete, denn die nun folgenden Jahre boten äußerlich

betrachtet der jungen Familie Brater wenig Erfreuliches. Sehen wir

zunächst auf den Mann, so finden wir ein ganz merkwürdiges, fast

unverständliches Mißverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung. Er

redigiert die Blätter für administrative Praxis, und sie werden als

mustergültig anerkannt; er bearbeitet die bayerische Gerichtsordnung,

und die Juristen finden die Arbeit vorzüglich; er gibt eine Ausgabe der

bayerischen Verfassungsurkunde heraus, sie erscheint in mehreren

Auflagen; seine Kommentare zum Preß- und Forstgesetz kommen in

Verwendung; seine »Fliegenden Blätter aus Bayern« erregen Aufsehen in

politischen Kreisen, aber wenn dieser hervorragende Jurist sich bewirbt

um eine Advokatur, um ein Bürgermeisteramt, wenn er anfragt, ob ihm die

Erlaubnis erteilt würde, sich in Erlangen als Privatdozent

niederzulassen, so ist die Antwort »nein« und immer wieder »nein«. Und

doch hat er den sehnlichen Wunsch nach praktischer Arbeit, möchte nicht

nebendraußen stehen, sondern einen Posten ausfüllen, der ihm gestattet,

seine Ideale nicht nur auf dem Papier niederzulegen, sondern sie im

Leben zu betätigen.

Professor Bluntschli, der berühmte Rechtsgelehrte, der damals in München

lebte und später mit Brater in Verbindung trat, spricht sich darüber aus

in seinen »Denkwürdigkeiten aus meinem Leben«: »Brater war jeder

Übertreibung wie allem unlautern Treiben feind, dabei gründlich

gebildet, von durchdringendem Verstand, immer besonnen und klar,

zuweilen pedantisch-genau, ein überaus fleißiger Arbeiter. Ich habe es

lange nicht verstehen können, daß in Bayern, das wirklich keinen

Überfluß an tüchtigen Beamten hatte, eine solche Kraft brachgelegt

wurde. Ich begriff es erst später vollständig, als ich sah, wie die

nationale deutsche Gesinnung, die in Brater lebendig war, die ihn

jederzeit opferbereit fand, den Verdacht einer strafbaren Untreue gegen

Bayern, wenn nicht des Hochverrats auf sich zog.«

Eine Enttäuschung nach der andern trug Frau Brater tapfer mit ihrem Mann

und hatte dabei doch selbst gar schwere Jahre. Einen halben Winter lang

litt sie an peinlicher Augenentzündung und mußte nach damaliger Methode

der Augenärzte wochenlang im halbdunkeln Zimmer fast untätig sitzen.

Auch verschlimmerte sich ihr Kopfleiden durch die unzähligen schlechten

Nächte. Aber trotz alledem griff keine Verstimmung, keine Verbitterung

Platz. Die Außenwelt vermag nicht viel gegen ein Paar, das sich

glücklich fühlt durch die gegenseitige Liebe. Nur nicht trennen durfte

man sie, jedem einzelnen wurde die Last zu schwer, sie konnte nur

gemeinsam getragen werden. Von Erlangen aus schreibt Pauline ihrem Mann:

»Ich habe eine wahre Todesangst, daß Du nach meiner Heimkehr bald

verreisen mußt.«

Wie sehr in diesen Jahren des Kampfes gegen widrige Schicksale Pauline

an Energie des Wesens gewann, zeigt sich nicht nur im Inhalt ihrer

Briefe, es macht sich auch an der Handschrift auffällig bemerklich. Die

dünnen, schrägen Strichlein ihrer Schrift verwandeln sich in feste,

geschlossene, fast trotzig dastehende Buchstaben und bald erinnern die

charaktervollen Schriftzüge Frau Braters kaum mehr an die einstige

Handschrift von Pauline Pfaff.

Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau · 第 14 / 31 题