IV.

1850-1851

Im Nördlinger Wochenblatt vom 9. April 1850 finden wir die folgende

Beschreibung von der Ankunft des Bürgermeisters mit seiner jungen

Gemahlin:

»Am Bahnhof von einigen Freunden begrüßt und von denselben zu Wagen nach

Hause begleitet, wurde das junge Paar in der Amtswohnung von Mitgliedern

des Magistrats feierlich bewillkommt und in die festlich beleuchteten

Zimmer geführt, deren Eingang mit grünen Verzierungen und sinnigen

Transparenten angemessen dekoriert war. Wenige Minuten nach erfolgter

Ankunft fand sich unter glänzendem Fackelschein der Gesangverein und das

Orchester des Musikvereins vor der Wohnung ein und brachten in

gelungenen Vorträgen eine halbstündige Serenade, während die Vorstände

beider Vereine die Neuvermählten beglückwünschten. Wir finden in dieser

Auszeichnung eine verdiente Anerkennung der Umsicht und unermüdeten

Tätigkeit, mit welcher sich Herr Bürgermeister Brater während einer

eineinhalbjährigen Funktion seinem schweren Beruf gewidmet hat, und

wünschen dem jungen Paar einen recht glücklichen Hausstand.«

Die äußeren Bedingungen zu einem glücklichen Hausstande waren gegeben

und Pauline fand sich nun versetzt in eine sorgenlose Stellung, in

angenehme Verhältnisse. Die schöne, geräumige Amtswohnung im

Polizeigebäude war mit vereinten Kräften behaglich eingerichtet worden.

In der Küche waltete ein feines Mädchen als Köchin und wartete auf die

Befehle der jungen Hausfrau.

Die Nördlinger ließen es nicht fehlen an Aufmerksamkeiten für ihre Frau

Bürgermeisterin und ergänzten durch mannigfaltige Hochzeitsgeschenke,

was noch fehlte in Zimmern, Küche und Keller. Trotz all dieser

Herrlichkeit hat Frau Brater nie diese Zeit als eine besonders

glückliche hervorgehoben, sie gehörte nicht zu denen, die die

Flitterwochen preisen; im Gegenteil hat sie später mancher Braut und

jungen Frau versichert: Es ist gar nicht wahr, daß die erste Zeit die

schönste sei, neben der vertieften Liebe, dem Gefühl innigster

Zusammengehörigkeit, das die Jahre bringen, ist die Verliebtheit der

ersten Wochen wie Spielerei. Dazu kam, daß sich das junge Paar erst

ineinander finden mußte, und das fiel Pauline nicht so leicht. Wie wohl

manche junge Frau, so nahm auch sie zunächst als richtige Norm für den

Mann die Art an, die sie zu Hause von Vater und Brüdern gewohnt war. An

diesem Maßstab gemessen bestand aber der gestrenge Bürgermeister nicht

gut. Die beispiellose Anspruchslosigkeit und schrankenlose Gutmütigkeit,

die vor allem Bruder Hans im Zusammenleben gezeigt hatte, fand sie nicht

bei ihrem Mann. Wie er ein Meister in Selbstbeherrschung und

Pflichterfüllung war, so forderte er solche auch von andern, von den

Untergebenen im Amt, von den Dienstmädchen, von seiner Frau.

Pünktlichkeit auf die Minute, Sorgsamkeit in allem Tun. Das war in

seiner Familie Grundsatz gewesen, aber »Pfaffisch« war das nicht, und

wiewohl es eigentlich ihrem Ordnungssinn entsprach, gefiel es ihr doch

nicht an ihm. Es erschien ihr kleinlich, sie sprach es auch aus und in

ihrer lebhaften Art machte sie ihm Vorwürfe über seine unausstehliche

Pedanterie und versicherte ihm manchmal, daß sie sich heute noch von ihm

scheiden lasse. Aber dieser Mann, dem bei seiner ernsten, strengen Art

überall widerspruchsloser Gehorsam entgegengebracht wurde, freute sich,

daß seine Frau sich rückhaltslos gegen ihn aussprach, und es kränkte ihn

nicht, wenn sie kräftig gegen ihn aufbrauste, wie es sonst niemand

wagte. Er gab zwar in der Sache, wenn sie ihm richtig schien, nicht

nach, aber er suchte ihr ruhig zu erklären, daß er nicht aus kleinlichem

Eigensinn beharre. Nicht _sein_ und nicht _ihr_ Wille solle gelten im

Haus, sondern was recht und gut sei, wollten sie als Norm anerkennen,

und sich darüber immer miteinander zu verständigen suchen. Sie schämte

sich dann manchmal ihres Ungestüms, aber er tröstete sie mit der

Versicherung, daß es ihm immer recht sei zu erfahren, wie es ihr zu Mute

sei, nur wollten sie nie abends zu Bette gehen, ohne sich vorher wieder

geeinigt zu haben.

Auf diese Weise legten sich die Stürme der ersten Zeit, ohne Schaden

anzurichten, und die »Schmiegsamkeit«, die der Bräutigam einst unter den

acht guten Eigenschaften der Braut aufgezählt hatte, bewährte sich

darin, daß die Gattin sich sehr bald dem Wesen des Gatten anbequemte.

Aus den ersten Wochen ihrer Ehe ist ein Brief von Frau Brater an ihre

Freundin Lina Rohmer erhalten, mit der sie in rückhaltsloser Offenheit

zu verkehren pflegte. Dennoch würden wir vergeblich in diesem Brief

Andeutungen über die erwähnten Schwierigkeiten mit ihrem Manne suchen,

denn das Verhältnis zu ihm war ihr viel zu heilig, als daß sie irgend

jemandem darüber geschrieben hätte; erst in späten Jahren, als das alles

längst hinter ihr lag, sprach sie wohl davon zum Nutz und Frommen

anderer. Nur zwischen den Zeilen können wir lesen, daß die junge Frau

sich noch nicht vollständig in ihrer Lage zurecht gefunden hatte. Sie

schreibt:

_Liebe Line!_

Du weißt, daß ich mich bereits über drei Wochen hier in

Nördlingen befinde, aber trotzdem bin ich noch nicht ganz

eingewöhnt, auch möchte ich den Leuten immer ins Gesicht lachen,

die mich so respektvoll »Frau Bürgermeister« nennen, denn

wahrhaftig, wenn's einem Menschen respekteinflößend zu Mute ist,

so bin ichs gewiß nicht. Ich befinde mich in einer sonderbaren

Übergangsperiode, in Erlangen bin ich nicht mehr zu Hause, das

fühle ich, und hier bin ich noch nicht zu Hause, daher denn

manchmal, weil ich viel allein bin, noch immer eine kleine

Anwandlung von Heimweh, doch hat das nichts zu sagen, ich bin

doch die glücklichste Person von der Welt. Ich habe die

Haushaltung nun so ziemlich in den Schick gebracht, lange genug

hat's gedauert; ich freue mich sehr, Dir alles zeigen zu können

und wir werden viel Zeit recht friedlich verplaudern; mein Karl

ist den Tag über fast immer auf dem Bureau, von morgens ½9 Uhr

bis abends 6 Uhr ist er höchstens eine Stunde oben, dafür bleibt

er abends fast immer zu Hause und morgens, wo wir vor 7 Uhr

frühstücken, bleibt er auch da bis ½9 Uhr. Mein Hans kommt

ziemlich fleißig, denn es gefällt ihm so allein gar nicht auf

seiner Bleiche. --

In den ersten Jahren des Ehestandes wurde von dem jungen Paar eine

Familienchronik geführt, in die bald er, bald sie Einträge machten. Am

9. Mai schreibt darin Pauline:

»Heute haben wir die letzten Besuche gemacht, hingegen fangen jetzt auch

schon die verschiedenen Einladungen an, die langweiligerweise immer bloß

an mich allein ergehen; denn in Nördlingen sind bloß die großen

_Damen_-Tees und -Kaffees in der Mode. In die erste Gesellschaft ging

ich mit großer Angst, die Leute sind aber alle sehr freundlich und so

fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen. In unserem Hause stellt sich die

Ordnung immer mehr her, wir führen ein ziemlich regelmäßiges Leben.

Unsere Magd, auch Luise oder Prinzessin genannt, machte mir anfangs viel

Herzeleid, weil ich mir nichts zu ihr zu sagen traute, jetzt geht's

schon eher, weil sie weiß, was sie zu tun hat und alles von selbst tut,

wenn ich ihr aber etwas tadeln soll, so geschieht's mit Zittern und

Beben.«

Am 26. Mai. »Unsere Hausordnung wurde in der letzten Zeit durch

mancherlei Besuche unterbrochen. Vor acht Tagen kamen meine beiden

Brüder, Fritz und Friedel, um die Pfingstferien hier zuzubringen, ich

freute mich sehr auf diese ersten Besuche und wir waren auch sehr

vergnügt. Fritz hat mir viel Zither gespielt und wir haben uns überhaupt

die Zeit gut zusammen vertrieben, im Garten ist es ganz grün und wir

sind drunten, so oft es der Regen erlaubt. Die Eisenbahn wird uns noch

manchen Besuch eintragen, so kam vorgestern Herr Professor Ennemoser aus

München als Bekannter von Karl und gestern Joseph Michel als Bekannter

von mir und Student aus Erlangen, die Leute sollen nur wenigstens nicht

gerade kurz vor Tisch kommen. Die Prinzessin hat schon große Untugenden

blicken lassen und macht mir großen Kummer, ich will's jetzt keiner Frau

mehr verargen, wenn sie viel von ihren Mägden spricht, denn ich werde es

nächstdem auch so machen. Ich freue mich schon auf einen Besuch von

meiner Mutter, es ist aber noch gar nicht ausgemacht, wann sie kommt.«

10. Juni. »Es waren wieder allerlei Gäste da, die uns gewöhnlich durch

die Eisenbahn gebracht werden, unter andern auch Fritz Rohmer, dessen

gefürchteter Besuch mir aber gar nicht furchtbar war, überhaupt werde

ich mich nächstens daran gewöhnen, alle Gäste ohne Angst zu erwarten.

Wir haben uns jetzt wunderschöne Reisepläne gemacht für nächsten Herbst,

Karl hat schon den ganzen Weg ausgesonnen nach Meran und wieder zurück.

Leider hat es jetzt das Aussehen, als wollten sich uns allerlei

Hindernisse in den Weg stellen, das wäre ein unendlicher Jammer,

besonders mir, weil ich noch nie derartige Gegenden gesehen habe.«

Eine kurze Notiz Braters, auf Hans Pfaff bezüglich, deutet auf dessen

stilles Liebesverhältnis hin:

»Am Sonntag traf eine Gesellschaft ein, bestehend aus dem Fräulein Agnes

v. D., deren Schwester und Schwager. Die erstere hätte sich sehr dafür

interessiert, meinen Schwager Hans, der unseligerweise nach München

gegangen war, zu sehen und die Gesellschaft zog, nachdem sie Kaffee bei

uns genossen hatte, unbefriedigt weiter.«

Bei dieser Gelegenheit lernte Pauline die junge Dame kennen, die ihres

Bruders Hans treue Liebe war. Hatten sich die Liebenden auch verfehlt,

so war doch der Besuch ein Beweis, daß das junge Mädchen ihm treu blieb,

so gering auch die Hoffnung war, daß der adelige Vater je nachgeben

würde.

Am 27. Juni war der Geburtstag des jungen Ehemanns, der erste, den er

gemeinsam mit seiner Frau feierte. Im Haus Pfaff waren solche Tage nicht

gefeiert worden, man konnte dem einzelnen Familienglied nicht so viel

Beachtung schenken, aber Pauline paßte sich der Art an, die ihrem Manne

sympathisch war. In der Familienchronik bemerkt der Geburtsträger:

»Mein 31. Geburtstag war der erste, den ich als #pater familias# und

recht eigentlich im 'Schoß' meiner eigensten Familie gefeiert habe.

Pauline hat sich die festlichen Gebräuche angeeignet, die ich vom

elterlichen Haus her gewöhnt bin und nicht gern vermissen möchte. Sie

hat mich schon von den Ersparnissen ihres Taschengeldes splendid

beschenkt.«

Auch in einem Briefe nach Erlangen erwähnt er desselben Geburtstags:

»_Liebe Mutter!_

An meinem Geburstag früh, während wir noch beim Kaffee

beschäftigt waren, in einen Rosenflor versenkt, kam Eure

Bescheerung dazu, die von Deiner Schwiegertochter mit bekannter

liebenswürdiger Heftigkeit durchwühlt wurde. Sie geriet über

jeden Fund in Entzücken und meine soliden Dankbarkeitsgefühle

wurden von ihrem Enthusiasmus, der beim Anblick eines Erlanger

Brotes den Kulminationspunkt erreichte, tief unter Wasser

gestellt...«

Nachdem wir so den jungen Ehemann in der Rosenlaube mit der jungen

Gattin gezeigt haben, müssen wir jetzt den Bürgermeister in seiner

Amtsstube aufsuchen und da sehen wir freilich kein rosiges Bild.

Als im Herbst 1848 Karl Brater, erfüllt von nationaler Begeisterung, die

Bürgermeisterstelle in Nördlingen angenommen hatte, war dies geschehen

in der Hoffnung, als Gemeindebeamter der nationalen und freiheitlichen

Sache ersprießliche Dienste leisten zu können. Aber der Anfang der 50er

Jahre brachte die Reaktion, die sich gar bald auch in diesen Kreisen

fühlbar machte. Herr v. Welden, der Regierungspräsident von Augsburg, zu

dessen Bezirk Nördlingen gehörte, stand an der Spitze der reaktionären

Partei und dieser Vorgesetzte war es, mit dem der junge Bürgermeister

sehr bald in Konflikt geriet. Brater wollte den Rechten seiner Gemeinde

nichts vergeben, sich nicht einem Willkürregiment beugen, das die

Selbstverwaltung der Stadt beeinträchtigt hätte. Obgleich er dabei nur

das Wohl von Nördlingen im Auge hatte, so gab es doch auch in der Stadt

selbst eine, wenn auch kleine, reaktionäre Partei, die durch

Denunzationen sich bei der Regierung beliebt machen wollte und sich

höheren Orts einzuschmeicheln glaubte, wenn sie gegen den der Regierung

unbequemen Bürgermeister allerlei Verleumdungen vorbrachte. In einem

Brief an seine Schwester Julie schreibt der so Angefeindete:

»Ich bin jetzt in offenem Kampf mit der hiesigen reaktionären Partei,

die das Ohr und Herz des Herrn v. Welden durch unaufhörliche politische

Denunzationen ganz gefangen hat. Die große Mehrheit ist auf meiner

Seite, aber nicht sachkundig und energisch genug.«

Da nun eben in dieser Zeit Brater in Wort und Schrift eine energische

Tätigkeit für Anerkennung der Reichsverfassung entwickelte, so wurde der

Riß zwischen ihm und dem Regierungspräsidenten immer größer und man

hatte nicht übel Lust, ihn als Hochverräter in Untersuchung zu ziehen.

Kam es auch dazu nicht, so erreichten die fortgesetzten Verleumdungen

doch die Verhängung einer Disziplinaruntersuchung gegen den

Bürgermeister und die Mehrheit der Magistratsräte. Aber es stellte sich

heraus, daß die Geschäftsführung des tüchtigen, gewissenhaften Juristen

musterhaft war, es wurde nichts gegen ihn aufgefunden und die junge

Gattin mochte nun erst recht deutlich die Vorzüge der gewissenhaften Art

ihres Mannes erkennen.

Der Sommer rückte vor, die Hauschronik berichtet von vielen Gästen und

mitten unter diesen wird der Regierungspräsident v. Welden genannt. »Er

kam,« schreibt Brater, »mit der Idee, mich durch gemütliches Räsonnement

und große Artigkeit zu gewinnen und mich aus einer Stellung, die ihm

manchmal unbequem wird, heraus zu manöverieren. Wir sprachen lang und

sehr unumwunden über die hiesigen Angelegenheiten und er hatte die Güte,

mir mit Beziehung auf meine Opposition gegen willkürliche

Regierungsmaßregeln den Vorwurf zu machen: ich sei zu sehr Jurist und

Mann des schroffen Rechtes, zu wenig administrativer Diplomat -- eine

sehr charakteristische und für _einen_ von uns beiden gewiß ehrenvolle

Bemerkung.«

Die Gegenpartei hatte vom Erscheinen des Präsidenten sich allerlei

fatale Folgen für den national gesinnten Bürgermeister versprochen,

diese blieben aus, aber freilich auch die Annäherung, zu der die Hand

geboten war, kam nicht zustande, konnte nicht zustande kommen, wenn

Brater nicht seine Grundsätze opfern wollte, und dazu war er nicht der

Mann. Der jungen Gattin mochte es oft wunderlich zumute sein bei

derartigen Besuchen; von ihr schreibt Brater bei solchem Anlaß an seine

Schwester Julie:

»Bei solchem Kriegszustand ginge mir der Humor vielleicht doch aus, wenn

nicht Pauline wäre, an die ich mich halten kann, so oft mir der Ekel zu

stark wird.« Und an anderer Stelle: »Ihre Liebe ist mir, wie es sein

soll, eine gesunde, milde Lebensluft, die mich umgibt, wo ich bin und

was ich tue, wenn es auch das Fremdartigste ist.« Die für den September

geplante Gebirgsreise mußte aufgegeben werden, der jungen Frau wegen,

die nicht in der richtigen Verfassung dazu war, aber ein gemeinsamer

Besuch in Erlangen bei den Verwandten wurde ausgeführt, und es war

höchste Zeit, wenn sie sich dort in ihrer Bürgermeistersherrlichkeit

zeigen wollten, denn mit dieser ging es nun rasch zu Ende.

Erneute gehässige Angriffe der reaktionären Partei reiften bei Brater

den Entschluß, sein Amt niederzulegen.

Mit welchen Empfindungen mag wohl die junge Frau Bürgermeisterin das

Schriftstück abgeschrieben haben, das von ihrer Hand geschrieben vor uns

liegt und folgenden Wortlaut hat:

»Am heutigen Tage lege ich das Amt nieder, zu dem ich im Jahr 1848 durch

die Wahl des Gemeindekollegiums berufen worden bin. Das Vertrauen einer

großen Mehrheit der städtischen Vertreter und, wenn ich nicht irre, der

Bürgerschaft selbst hat mir bis jetzt möglich gemacht, in einer von

Schwierigkeiten jeder Art umgebenen Stellung auszuharren. Aber

Verhältnisse, die ich nicht näher bezeichnen darf, weil dies nur mit den

Ausdrücken der tiefsten Indignation geschehen könnte, haben mir

allmählich eine Empfindung des Widerwillens und des Überdrusses

eingeflößt, wie man sie auf längere Zeit nicht verträgt, wenn man nicht

_muß_. Indem ich einen seit Monaten gefaßten Entschluß unter den

erneuten und verstärkten Eindrücken dieser Empfindung ausführe, sage ich

den Herren Magistratsräten, die meine Amtsführung unterstützt haben,

weil sie den Grundsatz rücksichtsloser Pflichterfüllung in ihr

erkannten, meinen herzlichen Dank. Früher oder später werden sich die

Verhältnisse unserer Stadt so gestalten, daß ein künftiger

Magistratsvorstand es über sich gewinnen kann, dem Beruf, von dem ich

zurücktrete, sich _dauernd_ zu widmen. Wenn diese Umgestaltung erreicht

und ein einträchtiges, gedeihliches Wirken der städtischen Vertreter

wieder möglich geworden ist, wird keiner von Ihren Mitbürgern sich

aufrichtiger als ich dessen freuen. Ich füge hinzu, daß ich bereit bin,

die Amtsgeschäfte bis zum Schluß dieses Jahres fortzuführen und daß ich

im Begriff bin, der königlichen Kreisregierung die geeignete Anzeige zu

erstatten.«

Im Nördlinger Wochenblatt lesen wir einige Zeit nach dieser Mitteilung

den folgenden Beschluß der Gemeindebevollmächtigten:

»Es wurde in der heutigen Sitzung mit 17 gegen 3 Stimmen folgender

Beschluß gefaßt: Es wird von seiten des Kollegiums der ausgesprochene

Rücktritt des Herrn Magistratsratsvorstandes aufrichtig beklagt.

Wir drücken demselben hiermit unsere vollste Anerkennung seiner

Verdienste und Geschäftsführung aus und bitten, es möge dem Herrn

Magistratsratsvorstand gefallen, die eingegebene Erklärung

zurückzunehmen, eventuell aber die Geschäfte bis Neujahr zu leiten.«

Eine Aufforderung im gleichen Sinne erging auch mündlich an den

Bürgermeister, der aber seinen wohl überlegten Entschluß nicht

zurücknahm.

Was nun? Die Frage war nicht so leicht zu beantworten, denn der

ehemalige Bürgermeister mußte sich sagen, daß an eine Staatsanstellung

nach solchen Vorgängen nicht zu denken war; er, der ausgesprochene Feind

des oben herrschenden reaktionären Systems konnte darauf so wenig

rechnen wie auf Bestätigung seiner Wahl, wenn er sich in einer andern

Stadt um eine Bürgermeisterstelle beworben hätte. Wohl wußte er, daß

manche sich im stillen freuten über seine mannhafte Opposition gegen

willkürliche Beschränkung der Gemeinderechte, aber nur wenige waren es,

die sich offen zu ihm bekannten, die meisten fügten sich der Majorität

und hätten es für klüger gehalten, wenn auch er sich gebeugt hätte.

So sah sich Brater als angehender Familienvater ganz auf sich selbst

gestellt und mußte ohne Vermögen, ohne Rückhalt an den Verwandten den

Unterhalt für die Familie aufzubringen suchen.

In dieser ernsten Zeit, wo sich mancher, der ihn früher fleißig

aufsuchte, von ihm fern hielt, um sich oben nicht mißliebig zu machen,

ist ihm seine junge Frau zur verständnisvollen Bundesgenossin

herangewachsen. Nun erst erfaßte sie voll sein ganzes Wesen, es ergriff

sie eine hohe Begeisterung für seine edeln Grundsätze, sein

unerbittliches Rechts- und Wahrheitsgefühl, sich selbst, ihr materielles

Wohl vergaß sie und hatte nur noch den einen Trieb, ihm als treuer

Kamerad hindurch zu helfen durch alle Schwierigkeiten.

Meinten da und dort ängstliche Leute: »Ja, wenn er noch allein wäre --

aber so als Gatte und in der Aussicht, bald Vater zu werden« -- so

empfanden die beiden ganz anders und wußten es besser. Nur im festen

Zusammenschluß, nur wenn als Gegengewicht zu allen Kämpfen und

Entbehrungen die warme, sonnige Liebe seinen Lebensweg erleuchtete, nur

dann konnte er allem trotzen, was da kam. Als einzelner wäre er durch

diese Lebenserfahrungen vielleicht erbittert, vielleicht mürbe geworden,

mit dieser Frau an der Seite erstarkte er nur im Kampf, es waren so

recht die Verhältnisse, in denen eine wahre Ehe ihren höchsten Wert

zeigen kann.

Noch widmete Brater seine ganze Zeit und Kraft dem Bürgermeisteramt. Das

Weihnachtsfest wurde noch in der Amtswohnung gefeiert, aber schon war

die Haushaltung in der Auflösung begriffen; am 26. Dezember verließ

unser Paar die staatlichen Räume und zog hinaus auf die Bleiche.

Zielbewußt und mit Einsetzung seiner ganzen Kraft wandte sich Brater der

politischen und volkswirtschaftlichen Tätigkeit für sein Vaterland zu.

Er beriet sich zunächst mit dem ihm nahe befreundeten Verlagsbuchhändler

Karl Beck und gründete mit ihm die »Blätter für administrative Praxis«,

eine Zeitschrift, welche damals die einzige ihrer Art in Deutschland war

und welche noch heute, nach mehr als fünfzig Jahren, wenn auch in

veränderter Form, besteht. Daneben liefen noch viele andere juristische

und politische Arbeiten her. Mit unendlichem Fleiße saß er in dem

bescheidenen Zimmer und schrieb und schrieb.

Es war einer in der Familie, der die Wandlung der Dinge mit Freuden

begrüßt hatte, Bruder Hans. Er nahm nun als Kostgänger Teil am Haushalt

der Geschwister, diesen die Lage erleichternd und sich selbst aus der

Ödigkeit des Wirtshauslebens befreiend.

Die »Prinzessin«, die nicht in den einfachen Rahmen des jetzigen

Haushalts paßte, ward entlassen, bescheidene Bedienung genügte für die

kleinen Räume.

Im Februar traf, um Großmutterdienste zu leisten, Frau Pfaff ein.

Stillschweigend hatte sie nun doch auch dieses Paar, das sie so sicher

geborgen glaubte, einreihen müssen unter jene, die mit Nahrungssorgen zu

kämpfen hatten. An ihre Schwester Adelheid schrieb sie von der Bleiche

aus:

»Ich kann wohl sagen, daß nicht alles so gekommen ist, wie wir glaubten,

und daß Sorgen mancher Art mit in das neue Jahr hinübergegangen sind.

Daß Brater von der Regierung nicht viel Gutes zu erwarten hatte, davon

hat er Proben, auch fürchtet er, daß sie es lange werden anstehen

lassen, bis er als Advokat eine Stelle erhält und bis durch solche

(schriftstellerische) Arbeiten so viel verdient wird, als eine

Haushaltung erfordert, da gehört doch große Anstrengung dazu. Aber man

hat ihm ja gar kein Unrecht nachweisen können und so wird zuletzt auch

alles wieder gut werden. Hans handelt sehr brüderlich, er wohnt jetzt

oben in einem Erker und hat neben einem kleinen Stübchen eine

Schlafkammer, die Kammer auf der anderen Seite ist Paulinens Gastzimmer.

Unten sind noch zwei Stuben, dies ist all ihr Raum, Du kannst Dir wohl

denken, wie wir uns behelfen müssen und wie groß der Unterschied ist mit

ihrer vorigen Wohnung, wo sie zehn Zimmer hatte, doch ist sie recht

heiter und ich habe sie nie klagen hören.«

Daß in dieser Zeit notwendiger Einschränkung und Sparsamkeit keinerlei

kostspielige Vorbereitungen gemacht wurden, um das zu erwartende

Kindlein zu empfangen, läßt sich denken, doch trat hier Frau Senning,

die einfache, aber wohlwollende Hausfrau hilfreich ein. Ihrer

freundlichen Gesinnung hat Frau Brater später manchmal gedacht und sich

erinnert, wie diese gute Hausfrau einst zu ihr kam und zögernd ihr

Anliegen vorbrachte: Eine alte Wiege, noch aus ihrer eigenen Kinderzeit

stammend, stehe oben in der Dachkammer und sie möchte diese, wenn es die

junge Frau nicht übel nähme, ihr so gerne leihen. Nicht lange darnach

lag in der geborgten Wiege ein niedliches Töchterlein.

Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau · 第 13 / 31 题