auch _Erlösertor_ genannt, über dessen Eingang als Heiligtum des
Kremls ein Erlöserbild angebracht ist ([Hand] beim Durchschreiten
des Tores nehme man den Hut ab!), und das auf den _Zarenplatz_, den
Hauptplatz des Kremls, führt; hier r. die _Michaelskirche_, mit
Relief des heil. Georg mit dem Drachen (Schutzpatron [und Wappen]
von Moskau); dahinter das _Wosneßenskij-Nonnenkloster_
(Himmelfahrtskloster), 1389 von der Großfürstin Eudoxia begründet;
dann die blau gestrichene _Katharinenkirche_ und im Klosterhof die
_Wosneßenskij-Kathedrale_ mit fünf goldenen Kuppeln (1519 erbaut),
mit zahlreichen Grabmälern von Zarinnen und Großfürstinnen. Dann
folgt r. das _Kleine Palais_, erbaut von Katharina II. L. gegenüber
das große _Denkmal Alexanders II._ (1898), dahinter die
_Konstantinkirche_. Westl. ans Kleine Palais schließt sich die
_Alexiuskirche_, darin in silbernem Sarkophag die wundertätigen
Gebeine des heil. Alexei; anstoßend das _Tschudowkloster_ (Kloster
der Wunder), 1358 vom Metropolitan Alexei gegründet, mit roten
Mauern; und im Klosterhof die _Kirche des Erzengels Michael_ von
1503. Am Westende des Zarenplatzes der fünfstöckige, 97 m hohe
Glockenturm *_Iwan Welikij_ mit vergoldeter Kuppel, im Erdgeschoß
zwei Kirchen; Besteigung des Turms bei klarem Wetter sehr zu
empfehlen (doch nicht, wenn an Feiertagen die 33 Glocken des Turms
geläutet werden!); man spende 20 Kop. in die Sammelbüchse; die
*_=Aussicht=_ über ganz Moskau ist märchenhaft fremdartig. Vor dem
Turm steht die Riesenglocke _Zar-Kolokol_, 400 Zentner schwer, 8 m
hoch, mit 20 m Umfang, am Unterrand 56 cm dick (größte Glocke der
Erde: vgl. S. 153); daneben das 1737 beim Absturz der Glocke
herausgesprungene Stück (über 2 m hoch).
Hinter eisernem Gitter der _Kathedralenplatz_, dessen Hauptkirche
die *_Uspenskij-(Mariä Himmelfahrts-)Kathedrale_, 1475-79 vom
Bologneser Fioraventi erbaut, mit großer Mittelkuppel und vier
kleinen Kuppeln; in ihr werden die Zaren gekrönt und die
Metropoliten geweiht. Das Innere bunt und prächtig, aber
geschmacklos. Südl. die _Archangelskij-Kathedrale_ (des Erzengels
Michael), mit den Grüften aller Großfürsten u. Zaren bis vor Peter
d. Gr. Westl. auf der Höhe des Kremls die
_Blagowjeschtschenskij-(Mariä Verkündigungs-)Kathedrale_, 1397
erbaut, die Tauf- und Trauungskirche der Zaren, mit dem *_Großen
Palast_ (Besichtigungserlaubnis erteilt der Polizeimeister, man
nehme den Paß mit, im Notfall genügt Visitenkarte) verbunden, der,
1838-49 erbaut, drei große Paradesäle und 700 Zimmer enthält. Zum
Großen Palast gehören: der _Terem-(Belvedere-)Palast_, 1636 erbaut;
die _Granowitaja Palata_ (Facettenpalast), 1491 erbaut, jetzt
Bankettsaal bei der Kaiserkrönung; die *_Schatzkammer_
(_Oruscheinaja Palata_, d. h. Rüstkammer; Mo. Mi. Fr. 10-1 Uhr) mit
den Kronjuwelen, Rüstungen, Waffen etc.; im Hof die _Spaßnaboru-_
(Erlösers am Walde-)_Kirche_, älteste Kirche des Kremls (13.
Jahrh.). Südl. von der Schatzkammer das _Borowizkija-Tor_, durch
das Napoleon I. 1812 einzog. Nördl. der _Marstall_ und der grün
gestrichene _Potjeschnij Dworez_ (Vergnügungspalast), jetzt
Kommandantur; gegenüber im _Kavalierhaus_ die Kanzlei des
Polizeimeisters. Dann folgt r., gegenüber dem _Troizkija-Tor_, die
große _Kremlkaserne_, vor der 20 alte Kanonen stehen, darunter r.
das »Einhorn«, 1670 gegossen, etwa 240 Zentner schwer, und l. die
riesige »Zar-Puschka«, 1586 gegossen, 780 Zentner schwer, Kaliber
ca. 1 m.
Zwischen der Kaserne und dem großen Palast liegen die Häuser der
Hofgrenadiere, die Hofküche, das Offizierhaus und östl. davon das
große _Synodalgebäude_, 1450 als Patriarchenpalast gebaut, darin
(2. Stock) die Zwölf-Apostelkirche, die Apostel-Philippskirche
(darin ein Stück vom Kreuz und Rock Christi) und die Bibliothek.
Nördl. das _Arsenal_, vor dem 875 eroberte Kanonen lagern (darunter
123 preußische und 366 französische); gegenüber das
_Gerichtsgebäude_, 1771 von Katharina II. erbaut. Davor in der
Mitte des Platzes ein Denkmal für den hier 1905 ermordeten
Großfürsten Sergius Alexandrowitsch. Nördl. das _Nikolskija-Tor_,
durch das man den Kreml verläßt und wieder auf den Roten Platz
gelangt.
Andre Sehenswürdigkeiten sind das *_Rumjanzewmuseum_ (Di. bis Sa. 11-3
Uhr; 20 Kop.), sw. vom Alexandergarten, ein stattlicher Säulenbau mit
der Inschrift: »Dem Wohle der Aufklärung«; enthält Bibliothek (700000
Bände), Gemäldegalerie, Münzsammlung, *Nationaltrachten,
Altertümer.--Sw. die *_Erlöserkirche_, 1839 bis 1883 von Thon erbaut,
die schönste Kirche der Stadt, mit fünf vergoldeten Kuppeln, die
Hauptkuppel 102 m hoch; ein Prachtbau mit reichem und schönem
Schmuck.--Von da sw. durch die Pretschistenka und die Bolschaja
Zarizynskaja, in der r. das _Jungfernfeld_ (wo angeblich dem Tatarenchan
die als Tribut zu liefernden Jungfrauen vorgeführt wurden), jetzt
Volksfestplatz, auf dem die großen _Universitätskliniken_ stehen.--Am
Ende der Straße das *_Nowo Djewitschij-(Jungfern-)Kloster_, umgeben von
hoher Mauer mit Schießscharten, Zinnen und Türmen, 1524 erbaut. Peter d.
Gr. sperrte hier seine herrschsüchtige Schwester Sophie ein und ließ
vor ihrem Fenster 300 Strelitzen aufhängen; Napoleon I. besuchte das
Kloster 1812 und wollte die Kirche sprengen lassen, in der die Grabmäler
von Eudoxia, der ersten Frau Peters d. Gr., und die seiner Schwestern
Sophie und Katharina sind.--Dann fahre man südl. zur Fähre an der
Moskwa, setze nach dem rechten Ufer über und steige in 20 Min. auf die
*_Sperlingsberge_ (_Worobjewy Gory_); oben bei dem guten Gasthaus
Krynkin die schönste *Aussicht über die Stadt Moskau; Napoleon I.
betrachtete von hier 14. Sept. 1812 zuerst die Stadt.--Von hier (event.
mit der Straßenbahn) durch die Kaluschskaja zum *_Neßkutschnypark_, dem
schönsten Park Moskaus, in dem das kaiserliche _Alexandraschloß_
liegt.--Weiter nö. durch die Kaluschskaja über den Kaluschskajaplatz und
durch die Bolschaja Jakimanka zur Kleinen Kamennybrücke, von der r., in
die Wodootwodnaja einbiegend, in der fünften Quergasse r. die berühmte
*_Tretjakowgalerie_ (10-3 Uhr, außer Mo. und an hohen Feiertagen) in der
Lawruschinskijgasse liegt; sie enthält viele Bilder russischer Maler, so
von W. Wereschtschagin, Schischkin, Aiwasowskij, Ssurikow (franz.
Katalog 40 Kop.). Weiter östl. über die _Tschugunnybrücke_ und
_Moskworezkijbrücke_, dann r. durch die Moskworezkaja zum _Kaiserlichen
Findelhaus_ (Do. u. So. 1-4 Uhr), 1764 von Katharina II. erbaut, erzieht
auf Dörfern etwa 30000 Kinder und nimmt selbst etwa 2500 auf.--Nun
nördl. über den Warwarskaja und _Iljinskajaplatz_, vorbei an der
Plewnakapelle und dem _Polytechnischen Museum_, dann über den
_Lubjanskajaplatz_ zurück zum Theaterplatz.
=Umgebung=: Zum *Petrowskijpark (5-6 km nw. vom Theaterplatz)
entweder mit Straßenbahn oder zu Wagen von der Iberischen Pforte
nw. durch die 3 Werst lange _Twerskaja_, eine Hauptgeschäftsstraße
Moskaus mit schönen Läden, vorbei am Palast des Generalgouverneurs
(l.); beim Twerskija-Tor l. das _Puschkindenkmal_ und r. gegenüber
das _Sstrastnoi-Nonnenkloster_ (1654 erbaut). Weiter durch die
eintorige Triumphpforte zu Ehren Alexanders I. auf der St.
Peterburgskoje Chaussee, vorbei am Rennplatz (l.) und dem großen
_Chodynskojefeld_ (wo beim Volksfest der Krönung Nikolaus' II. 1400
Menschen ums Leben kamen) zum *=Petrowskijpark=; Endpunkt der
Straßenbahn vor dem _Petrowskijschloß_, umgeben von hoher Mauer mit
Schießscharten und Türmen. Der Park hat sehr besuchte Restaurants
(_Mauretania_, gut, aber teuer, ebenso _Yard_, _Strelna_),
Sommertheater, Badehäuser und Landhäuser.
Von Moskau nach Charbin.
Die =Sibirische Bahn=. Von den großen Verkehrswegen, die Europa mit
Ostasien verbinden, ist der Landweg ostwärts durch den asiatischen
Kontinent hindurch der bei weitem kürzeste, aber trotzdem der
jüngste. Seine späte Anlage ist nicht verwunderlich, wenn man
bedenkt, als was für ein unwirtliches, wenig versprechendes Land
Sibirien früher galt, und wie große Kosten der Bau einer so langen
Bahnlinie, die größtenteils durch wenig kultiviertes Gebiet führte,
erfordern mußte. Als sich die russische Regierung zu dem gewaltigen
Werk entschloß, hatte sie zwar, außer strategischen Zwecken, die
Belebung des direkten Warenverkehrs zwischen Rußland und dem »fernen
Osten« viel mehr im Auge als die wirtschaftliche Hebung Sibiriens
und die Schaffung einer neuen Personenverkehrslinie; aber infolge
der Verschiebung der politischen Verhältnisse durch den
russisch-japanischen Krieg hat die Bahn für den Warenverkehr heute
nur geringe Bedeutung, um so größern Wert dagegen für die
wirtschaftliche Erschließung und Besiedelung der durchfahrenen
Länderstrecken und für den Personen- und Postverkehr nach China und
Japan erlangt.
_=Landschaftlich=_ bietet die Sibirische Bahn nicht allzuviel;
große Strecken müssen sogar als sehr einförmig bezeichnet werden,
vor allem führt fast der ganze Westteil der Bahnstrecke bis
ostwärts zum Ob, abgesehen von der Durchquerung des Uralgebirges,
durch einförmiges Flachland, das nur durch die von den Flüssen
geschaffenen breiten Täler ein wenig gegliedert wird. Das r.
Steilufer der Wolga, dem man von Sysran bis Samara nahebleibt,
bildet mit seinem etwa 300 m hohen Abfall die größte
Unregelmäßigkeit im Relief dieser ganzen Strecke. Die Flußsysteme
konnten in diesen großen Flachländern eine ungewöhnlich mächtige
Ausbildung erfahren, und so bilden die großen Ströme, die man in
Rußland wie in Westsibirien mehrfach zu überschreiten hat, die
wichtigste Abwechselung in dem Einerlei der Landschaft. Die
Überbrückung dieser breiten Ströme wurde durch den im Frühjahr
einsetzenden Eisgang, der oft ein großartiges, wildes Schauspiel
bietet, ganz besonders erschwert. Der Ostteil der Sibirischen Bahn
führt großenteils durch Gebirgsland, das meist
Mittelgebirgscharakter hat; nur die Gebirgsumrandung des Baikalsees
ist ziemlich wild.
Im größten Teil ihres Verlaufs, von Moskau bis Tschita, schwankt
die _=Breitenlage=_ der Bahn nur innerhalb enger Grenzen, die von
denen Norddeutschlands kaum abweichen: der nördlichste Punkt,
Atschinsk in Mittelsibirien, liegt etwas nördl. vom 56.°, der
südlichste, im Chiloktal in Transbaikalien, etwas nördl. vom 51.°
Erst von Tschita an wendet sich die Bahn südostwärts und erreicht
schließlich südeuropäische Breite.
Trotz dieser gleichmäßigen Breitenlage ändert sich das _=Klima=_
längs der Bahn sehr stark, was sich am besten an den
Mitteltemperaturen des wärmsten und des kältesten Monats erkennen
läßt. Diese betragen: in Berlin 18,1° und -0,4°, in Warschau 18,8°
und -3,4°, in Moskau 18,9° und -11,0°, in Tomsk in Westsibirien
(etwas nördl. von der Bahnlinie) 18,7° und -19,6°, in Irkutsk 18,4°
und -20,8°, in Nertschinskij Sawod (im transbaikalischen Bergland,
660 m ü. M.) 18,5° und -29,7°. Die Sommerwärme nimmt also ostwärts
eher noch zu, während die Winterkälte viel strenger wird; das Klima
wird also ostwärts immer extremer, immer kontinentaler. Das
sibirische Klima ist übrigens bei weitem nicht so schlimm als sein
Ruf, denn die Winterkälte ist leicht zu ertragen infolge der
Windstille und Trockenheit der Luft bei meist klarem, heiterm
Himmel und kräftigem Sonnenschein.
Auch das _=Pflanzenkleid=_ Sibiriens verrät wenig von den strengen
Wintern, abgesehen von dem Fehlen der meisten Laubbäume. Je länger
der Frost die Vegetation zur Ruhe verurteilt, um so kräftiger
laufen die Lebensvorgänge im kurzen Sommer ab. Schon im Ural sind
viele unsrer Wiesenpflanzen viel üppiger als bei uns entwickelt,
und die Gegend von Irkutsk wie auch Transbaikalien sind berühmt
wegen ihres fast die ganze warme Jahreszeit über andauernden
Blütenflors. Das von der Bahn durchfahrene Gebiet eignet sich,
soweit die Bodenbeschaffenheit es zuläßt, überall zum Getreidebau.
Wie schon oben erwähnt wurde, hat die Sibirische Bahn einen
ungeahnten Aufschwung in der _=Besiedelung=_ Südsibiriens
hervorgerufen, das sich bei weitem wertvoller und kulturfähiger
erwiesen hat, als man noch vor kurzem geglaubt hatte. Die
russischen Bauern strömen, seitdem sie nicht mehr mühselig auf dem
»Großen sibirischen Trakt«, der alten Straße nach Sibirien,
ostwärts wandern müssen, scharenweise in Russisch-Asien ein,
zurzeit vor allem in dem äußerst fruchtbaren westsibirischen
Schwarzerdebezirk und in Transbaikalien; aber auch in die
Küstenprovinz am Stillen Ozean sucht die Regierung recht viele
Einwanderer zu ziehen. Die wirtschaftliche Entwickelung
Westsibiriens hat daher jetzt einen geradezu stürmischen Charakter,
was sich am besten in dem raschen Anwachsen von Orten wie Omsk und
Nowo Nikolajewsk erkennen läßt. Eine starke Verschleuderung
natürlicher Schätze Sibiriens und der östlichen Länder, vor allem
des Waldreichtums, geht mit der raschen Besiedelung leider Hand in
Hand. Auch die ursprüngliche, meist nomadische Bevölkerung
Sibiriens wird immer weiter zurückgedrängt, zum Teil auch vom
Russentum aufgesogen, und der eilige Reisende wird von ihr wenig
mehr zu sehen bekommen als die Burjäten des Baikalgebiets, die sich
am besten der neuen Kultur anpassen. Ebenso ist Sibirien lange
nicht mehr in dem Maße wie früher Sträflingsland. Nicht nur treten
die Deportierten an Zahl gegenüber den freien Ansiedlern immer mehr
zurück, sie werden jetzt auch nach entferntern Gegenden, besonders
Sachalin, verschickt. Trotzdem bilden die Gefängnisse noch heute
wichtige Gebäude in den meist dorfähnlich gebauten sibirischen
Städten.
_=Baugeschichte.=_ Die Sibirische Bahn, mit 8137 Werst (8682 km)
die längste, etwa ein Drittel des Erdumfangs messende Bahnlinie der
Welt (die Union Pacific 5357 km), wurde von der russischen
Regierung 1891 begonnen; 1892 war die Strecke Ufa-Slatoust
fertiggestellt; 1894 folgte die Überführung der Bahn über den Ural
bis nach Tscheljabinsk, 1897 die Fortsetzung bis Tomsk, 1899 bis
Irkutsk; 1897 wurde auch die Ussuribahn zwischen Chabarowsk und
Wladiwostok fertig. In der Gebirgsgegend des Baikalsees entstanden
große Schwierigkeiten; man führte die Bahn zunächst von Irkutsk zum
Baikalsee, baute gleichzeitig vom gegenüberliegenden Ufer bei
Myssowaja die Bahn weiter bis nach Strjetensk. Nun war die erste
Verbindung bis Wladiwostok fertig, die zwar überall durch
russisches Gebiet führte, aber noch mehrere Dampferstrecken
einschloß: der Baikalsee wurde auf Dampfern gekreuzt, von
Strjetensk führten flache Flußdampfer die Schilka abwärts in den
Amur und von da bis Chabarowsk, dann fuhr man mit der Ussuribahn
nach Wladiwostok. Aber die Unregelmäßigkeiten im Flußwasserstand
machten diese Reise sehr langwierig. Ein 1896 mit China
geschlossener Vertrag ermöglichte es den Russen, die Amurfahrt
auszuschalten und die Mandschurische Bahn quer durch die
Mandschurei über Charbin nach Wladiwostok zu bauen, mit der
Abzweigung von Charbin über Mukden und Yinkou nach Dairen; letztere
Strecke wurde am 1. August 1903 eröffnet. Die 3109 Werst (3317 km)
lange Strecke von Sysran bis Kraßnojarsk ist in 11 Jahren, die 4016
Werst (4284 km) lange Strecke Kraßnojarsk-Dairen in 4 Jahren erbaut
worden. Die Baukosten sollen durchschnittlich 100000 Rub. für 1
Werst, in Summa über 800 Mill. Rub. betragen. Spurweite ist die
russische Normalspur von 1,524 m, die Strecke ist eingleisig, mit
Steigungen bis 1:17. Während des russisch-japanischen Krieges wurde
die Bahn um das Südende des Baikalsees (Baikalgürtelbahn, 244
Werst) herumgeführt, um das lästige Überführen der Reisenden und
der Fracht über den mehrere Monate fest gefrornen See zu vermeiden.
Seit 1906 ist die Strecke wesentlich verbessert; viele
Ausweichestellen sind geschaffen, ein zweites Gleis ist zwischen
Ufa-Slatoust und Omsk-Irkutsk im Bau. Ferner ist im Bau die Linie
Tjumen-Omsk, wodurch direkte Verbindung nach St. Petersburg
geschaffen wird. Nach dem Krieg ist die Strecke Changchun-Dairen
als Südmandschurische Bahn (S. 323) unabhängig von Rußland geworden
und steht unter japanischer Leitung.
Der _sibirische Luxuszug_ (S. 302) verläßt Moskau auf dem
Kursk-Nishnij-Nowgoroder Bahnhof (nahe dem Ostende der Ssadowaja);
wegen Vorausbestellung des Platzes vgl. S. 302. Der Zug besteht nur aus
einem Wagen I., zwei Wagen II. Kl. und einem Speisewagen und ist im
Frühling und Herbst meist stark besetzt. -- Nach der Abfahrt sieht man
r. das malerische _Andronow-Mönchskloster_ auf dem Steilufer der Jausa,
1366 vom Metropoliten Alexei begründet, mit fünf Kirchen. Der Zug
fährt durch fruchtbares Land über (93 w) _Sserpuchow_ (Bahnwirtschaft)
nach (182 w) =Tula= (_Bahnwirtschaft_), Hauptstadt des Gouvernements
Tula, mit 132000 Einw., Silberindustrie (Tulasilber ist kaukasisch
und hier weniger als in Moskau zu haben) und Fabriken für Samowars
und Zuckerbrot; Gewehrfabrik; Kreml aus dem 16. Jahrh. -- Weiter (240
w) _Uslowaja_ (Bahnwirtschaft). Die Bahn tritt in das Gebiet der
südrussischen fruchtbaren »Schwarzerde«, der Wald tritt zurück. --
(380 w) _Rjashsk_ (Bahnwirtschaft), Kreisstadt mit 5000 Einw., an der
Chupta. -- An reichen Dörfern (mit berühmten Gestüten) vorüber. -- (502
w) _Morschansk_ (Bahnwirtschaft), Kreisstadt mit 26000 Einw., an der
Zna.-- Durch fruchtbares Land nach (753 w) =Pensa= (_Bahnwirtschaft_),
Hauptstadt des Gouvernements Pensa, mit 67900 Einw., an der Mündung
der Pensa in die Ssura schön gelegen; berühmt wegen der schönen Tücher
aus Ziegenwolle; deutsch-luther. Kirche. -- Hinter (989 km) _Sysran_
(Bahnwirtschaft) nähert sich die Bahn der Wolga, tritt bei (1003 w)
_Batraki_ dicht an deren r. Ufer, das sogen. Bergufer, und kreuzt 8 w
weiter die Wolga auf der mächtigen, 1435 m langen _Alexanderbrücke_
(1876-80 erbaut). Der breite Strom ist stets von Dampfern, Kähnen
und großen Holzflößen belebt, die bis zum Kaspischen Meere fahren.
Am Ufer sind Behälter für Petroleum und Naphtha, die Heizstoff für
Dampfer und Lokomotiven abgeben. -- Auf dem flachen l., sogen.
Wiesenufer weiterfahrend, erreicht man nach einigen Stunden (1120 w)
=Samara= (_Bahnwirtsch._; Gasthof: _Bolschaja Zentrálnaja_ in der
Dworjanskaja 125; deutscher Vizekonsul W. Koenitzer), Hauptstadt des
Gouvernements Samara mit 96400 Einw., am l. Wolga- und r. Samaraufer,
mit deutsch-luther. Kirche, lebhaftem Getreidehandel und berühmten
_Kumys-Kuranstalten_ auf den Hügeln in der Umgegend. -- Die Bahn
führt nun durch das Tal der Samara, das r. Berge zeigt, nach (1158
w) _Kinel_ (Bahnwirtschaft); hier Abzweigung der Bahn über Orenburg,
Taschkent, Samarkand und Merw nach Kuschk an der afghanischen
Grenze.--Dann an mehreren unbedeutenden Stationen vorbei durch zum
Teil sandiges Steppenland, außer von Russen auch von Baschkiren,
Tataren, Kalmücken und Kirgisen bewohnt, und auf 640 m langer Brücke
über die _Bjelaja_ nach (1609 w) =Ufa= (_Bahnwirtschaft_: Verkauf
uralischer Halbedelsteine; Vorsicht vor Gesindel in der Umgegend des
Bahnhofs!), Hauptstadt des Gouvernements Ufa mit 58800 Einw., im 16.
Jahrh. zum Schutz gegen die Baschkiren gegründet, am r. Steilufer der
Bjelaja gelegen (schöner Landschaftsblick von der steilen Höhe über dem
Birkenwäldchen beim Bahnhof); dicht beim Bahnhof viele Naphthabehälter,
in der Nähe Herden der Baschkirennomaden. Die hölzernen Häuser der
Stadt sind wie Schwalbennester an steile Hügel gesetzt, Treppen
führen von Haus zu Haus. Ufa hat 27 Kirchen, 38 Schulen, 6 Banken, 3
Zeitungen und 1 Theater. --Hinter Ufa tauchen im O. die Vorberge des
Ural auf, bedeckt von Tannenwäldern mit eingesprengten Birkenhainen;
je mehr man sich dem Gebirge nähert, um so wilder wird die Gegend.
-- (1707 w) _Ascha-Balaschewskaja_ (Bahnwirtschaft). -- Vorbei an
vielen Eisenhütten in malerischer Gegend durch das Tal des Sanjabachs,
an dem sich im Halbkreis das große Dorf _Menjardi_ hinzieht. Wilder
Hochwald mit Anemonen, Dotterblumen, Himmelsschlüsseln von in
Mitteleuropa unbekannter Üppigkeit begleitet die Bahn bergaufwärts;
zwischen hohen Felseinschnitten gelangt man über (1793 w) _Wjasowaja_
(323 m; Bahnwirtschaft) auf die Höhen des Uralgebirges nach --
(1909 w) =Slatoust= (392 m; _Bahnwirtschaft_; mäßige Unterkunft
bei _Lusgin_ oder Frau _Semjonowa_, Z. 1 Rub., vorausbestellen!),
hübscher Bergstadt (etwa 2 w vom Bahnhof) an dem Flüßchen Aï, das
hier die Hauptkette des südl. Ural, den Taganai, durchbricht; 21000
Einw. Kaiserliche Eisen-, Gußstahl- und Waffenfabriken, von deutschen
Schmiedemeistern eingerichtet. Arsenal (wochentags 9-3 Uhr Besichtigung
gestattet). Deutsch-luth. Kirche.--Von Slatoust steigt die Bahn an
Bergseen und schön mit Tannen bewaldeten Abhängen vorbei nach (1927
w) _Urshum_ (564 m); etwa 1/4 w weiter steht r. der _Grenzobelisk_
mit der Inschrift »Europa-Asia« (hier jedoch nur geographische, keine
Verwaltungsgrenze!) auf dem höchsten Punkte der Bahn. Nun eilt der
Zug in die westsibirische Ebene hinab, vorbei an (1970 w) _Miaß_
am _Ilmenskijsee_, mit Goldgruben in der Nähe, und erreicht den
eigentlichen Anfangspunkt der Sibirischen Bahn
(2060 w) =Tscheljabinsk= (232 m; _Bahnwirtschaft_; _Hôtel Eremitage_),
wo von l. die direkte Bahn von St. Petersburg (vgl. S. 301) über Perm
und Jekaterinburg einmündet. Die Stadt, mit 39400 Einw., 4 w vom
Bahnhof; am Bahnhof Auswandererbaracken für russische Bauern, die nach
Sibirien übersiedeln. Viele Tataren, Sarten und Baschkiren betteln am
Bahnhof. Lebhafter internationaler Verkehr; auf dem Markt (wohin man mit
zweisitzigen kleinen Wagen, Tarantás, fährt) hat man Gelegenheit zum
Einkaufen von Edelsteinen aus dem Ural (jedoch Vorsicht! vieles ist
gefälscht); Volkstheater.
Von Tscheljabinsk fährt man zuerst durch die unwirtliche »Gorkaja«,
unkultiviertes Steppenland mit Mooren und Salzseen; nach einiger Zeit
beginnt aber fruchtbares, großenteils schon mit russischen Bauern
besiedeltes Schwarzerdeland. Über (2177 w) _Schumicha_ (Bahnwirtschaft)
und _Syrjanka_, wo die Verwaltungsgrenze zwischen dem europäischen und
dem asiatischen Rußland überschritten wird, nach (2301 w) _Kurgan_
(Bahnwirtschaft), rasch aufblühender Stadt am l. Ufer des Tobol, 1-1/2
w vom Bahnhof; Kotzebues Verbannungsort 1800; lebhafter Butterhandel,
von Dänen ins Leben gerufen. -- Etwa 6 w weiter auf 470 m langer Brücke
über den _Tobol_, dann durch Sumpfgegend nach (2550 w) =Petropawlowsk=
(138 m; _Bahnwirtschaft_), 3 w vom Bahnhof die Kreisstadt Petropawlowsk
mit 37900 Einw. (viele Mohammedaner), am r. Ufer des _Ischim_,
1752 begründet zum Schutz gegen die Kirgiskosaken. In der Stadt
ein Tauschhof mit zahlreichen kleinen Läden; lebhafter Vieh- und
Fellhandel, Schlächtereien, Gerbereien, Wollwäschereien; hübscher
Stadtgarten; deutscher Apotheker. Viele kirgisische Nomadenkarawanen
kommen aus der Steppe nach Petropawlowsk. -- Nun folgt einförmige
Steppe; (2677 w) _Isil-Kul_ (Bahnwirtschaft). -- Weiterhin über den
_Irtysch_ (Nebenfluß des Ob) auf 685 m langer Brücke.
(2806 w) =Omsk= (87 m; _Bahnwirtschaft_; Zweigbahn stündl. nach der
3 w südl. gelegenen Stadt; Tarantás dahin 50 Kop., _=Gasthöfe=_:
_Hotel Rossija_, _Saizew_, Dworzowaja; _Schtschepanowskij_,
Nikolskajaplatz), aufblühende Stadt mit 84400 Einw., Sitz der
Verwaltung des Generalgouvernements der Steppe, mit starker Garnison,
hat ein ethnographisches _Museum_ auf dem Basarplatz; deutsch-luther.
Kirche; deutscher Vizekonsul Oskar Nolte, Moskauer Reihe. -- Handel mit
Butter, Konserven aus Flußfischen, Getreide und Mehl. In Omsk verbüßte
der Dichter Dostojewski 1849-53 seine Haft. In der Umgegend viele
Kosakendörfer.
=Dampfer= von Omsk auf dem Irtysch abwärts in 4-5 Tagen nach
=Tobolsk= (Gasthof _Kommertscheskaja_), Hauptstadt des
Gouvernements Tobolsk mit 22000 Einw. und ethnographischem Museum
im Jermakgarten. -- Von Omsk den Irtysch aufwärts in 4-5 Tagen nach
=Semipalatinsk=, Hauptstadt der gleichnamigen Steppenprovinz mit
31800 Einw. (die Hälfte Mohammedaner) und geographischem Museum;
von hier Poststraße nach Taschkent.
Die Bahn führt von Omsk durch Malariagegend (gegen Mücken und
Moskitos Schutzfenster schließen, Moskitonetz beim Schlafen
benutzen!). -- (2964 w) _Tatarskaja_ (Bahnwirtschaft). -- (3109
w) _Kainsk_ (Bahnwirtschaft), Kreisstadt mit 6000 Einw., meist
verbannten Israeliten, 12 w nördl. vom Bahnhof; Ackerbau,
Viehzucht, Branntweinbrennerei und Gerberei. -- Hinter (3384 w)
_Kriwoschtschekowo_ auf 792 m langer Brücke über den _Ob_ nach (3392 w)
=Nowo-Nikolajewsk= (_Bahnwirtschaft_) am r. Obufer, mit angeblich über
60000 Einw., mit amerikanischer Schnelligkeit wachsender Umschlagsplatz
zwischen dem Verkehr auf der Sibirischen Eisenbahn und dem
Dampferverkehr auf dem Ob. Dampfer laufen von hier nach Tomsk, Barnaul
(Hauptort des altaischen Minenbezirks mit 30000 Einw., zahlreichen
Hüttenwerken, Oberbergamt und Bergbauschule) und Biisk. Der Ob bildet
ungefähr die Ostgrenze des Steppenlandes. Die Bahn führt, zum Teil
durch dichten Urwald, nach (3606 w) _Tajga_ (257 m; Bahnwirtschaft).