$Zweites Kapitel.$
England's vergebliche Bemühungen um Truppen in Rußland
und Holland. Uebernahme von fünf hannoverschen Bataillonen 23-31
$Drittes Kapitel.$
Der Vertrag mit dem Herzog von Braunschweig. Personen
und Zustände in Braunschweig 31-48
$Viertes Kapitel.$
Die Verträge mit dem Landgrafen von Hessen-Kassel. Personen
und Zustände in Kassel 48-70
$Fünftes Kapitel.$
Die Verträge mit dem Erbprinzen von Hessen-Kassel und dem
Fürsten von Waldeck. Personen und Zustände in Hanau und
Arolsen 71-86
$Sechstes Kapitel.$
Anerbietungen von Bayern und Würtemberg. Personen und
Zustände in München und Stuttgart. Gescheiterte Hoffnungen 87-106
$Siebentes Kapitel.$
Der Vertrag mit dem Markgrafen von Anspach. Personen und
Zustände in Anspach und Bayreuth 107-131
$Achtes Kapitel.$
Zusatz-Vertrag mit dem Erbprinzen von Hessen-Kassel. Vertrag
mit Anhalt-Zerbst. Ein fürstlicher Narr 131-147
$Neuntes Kapitel.$
Truppentransporte. Landesväterliche Fürsorge. Friedrich der
Große und der Soldatenhandel. Folgen seiner Politik 147-177
$Zehntes Kapitel.$
Das englische Parlament, die öffentliche Meinung Europa's
und deutsche Stimmen über den Soldatenhandel 177-207
$Elftes Kapitel.$
Gewinn- und Verlust-Konto. Charakteristik der deutschen Soldaten.
Seume 208-227
$Zwölftes Kapitel.$
Charakteristik der deutschen Offiziere. Das Haus Rothschild.
Tapferkeit Einzelner. Gneisenau. Versöhnender Schluß 227-242
$Anhang,$
enthaltend Briefe und Dokumente 243-259
Erstes Kapitel.
Geschichtliche Ereignisse werden nur dann richtig begriffen und
beurtheilt, wenn man sie im Lichte und Geiste ihrer Zeit betrachtet.
Will nun der Leser den Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika
seinem historischen Verständniß näher rücken, so muß er sich vor Allem
die ihn ermöglichenden Zustände vergegenwärtigen. Es wird also zunächst
erforderlich sein, einen kurzen Rückblick auf die mit dem Ableben des
Mittelalters beginnende Entwicklung der deutschen Heereseinrichtungen
und der sie bedingenden politischen Zustände zu werfen.
Das Lehnswesen bildet die Grundlage aller staatlichen Verhältnisse des
Mittelalters und beherrscht auch die militärischen Einrichtungen
Deutschlands, sowie aller germanischen Länder. Das Heer war vorzugsweise
ein Lehnsheer und bestand aus Reitern und Rittern. Die Hussitenkriege
machten den ersten Riß in dieses System. Die Ritter und selbst die
befestigten Städte unterlagen der in Banden organisirten und theilweise
disziplinirten Volkskraft, den Bauern und dem losen Volke der Städte,
den Abenteurern von bürgerlicher Herkunft und Ritterart. Nach der
Hussitenzeit waren die böhmischen Söldner, der Schrecken des zünftigen
Kriegerstandes, überall gesucht und zu finden; sie machten den Krieg
selbst zum Handwerk und standen sonst außerhalb der öffentlichen
Ordnung. Die Erfindung und täglich allgemeiner werdende Anwendung des
Schießpulvers, die Reformation und die mit ihr zusammenfallenden
Entdeckungen und Erfindungen zersetzten und zerbröckelten vollends den
alten Feudalstaat. Die Welt strebte aus dem losen Nebeneinander
staatlicher Embryonen zur festen zentralisirten Staatsgewalt, die
moderne Monarchie übernahm die Erbschaft des verfallenden Lehnswesens
und trat langsam, aber sicher und bewußt weiter schreitend, ihre
Herrschaft über Europa an. Der Lehnsadel entzog sich, je länger die
Einzelkriege dauerten, desto lieber dem ihm unbequem gewordenen
Waffendienste und suchte sich in dem erworbenen Besitze zu behaupten. In
Folge dieser allmälich eintretenden, aber tief eingreifenden Umwälzungen
traten an die Stelle des alten Heerbannes und des spätern
Lehnsaufgebotes, an die Stelle der bis dahin die Entscheidung gebenden
Ritter und Reiter die zunächst blos für einen Feldzug angeworbenen, aus
Fußvolk bestehenden Söldnerheere. Den Grund dazu legte in Deutschland
Kaiser Maximilian I. Verlassen vom Adel seiner Erbstaaten, nicht
unterstützt von den Unterthanen seiner Gemahlin Maria von Burgund und zu
arm, um die theuren, ihm wegen ihres Abfalls vom Reiche verhaßten
Schweizer anzuwerben, stellte er zuerst aus dem Stadt- und Landvolk von
Vorder-Oesterreich, Schwaben, Tyrol und seinen übrigen Erbstaaten ein
deutsches Kriegsvolk auf, welches er, weil es weder von den Ständen noch
von den Vasallen gestellt, sondern eben aus den freien Bürgern und
Bauern des Landes gebildet war, Landsknechte nannte. Die Wehrhaftigkeit
des deutschen Volkes, die seiner Jugend innewohnende Ueberfülle an
Kraft, Abenteuersucht und Thatendrang kamen dem Kaiser dabei sehr zu
Statten. So gelang es ihm, in verhältnißmäßig kurzer Zeit in diese
Landsknechtshaufen Zucht und Ordnung zu bringen und sie vortheilhaft im
Gefecht zu verwenden. Diese _Landsknechte_, welche das Ende des
Ritterthums in der Kriegsführung bezeichnen, sind das erste geordnete
Fußvolk; sie betreiben den Krieg wie zünftige Handwerker. Die
merkwürdigen Einrichtungen ihres Gemeinwesens bilden die Grundlage aller
späteren militärischen Organisationen. Sie waren tapfer, ungestüm und,
so lange sie ihren Sold erhielten, zuverlässig, aber auch wegen ihrer
Rohheit und Beutegier gefürchtet und durch ihre Zügellosigkeit,
namentlich im Trinken und Spielen, übel berüchtigt. Sie wurden in der
Folge sowohl von deutschen, als von ausländischen Kriegsherren
angeworben. Schon zu den Zeiten der Reformation war derjenige der
mächtigste Fürst, welcher das meiste Geld hatte und die meisten
Miethstruppen aufbringen konnte. Als Ludwig XII. von Frankreich im Jahre
1499 in Neapel erschien, bestand sein Heer vorzugsweise aus deutschen
Landsknechten und Schweizern. Das von Gonsalvo von Cordova, dem großen
Kapitain, am Ende des 15. Jahrhunderts gebildete und befehligte
spanische Heer war ebenfalls aus ganz modernen Elementen, aus
angeworbenem deutschen, italienischen und spanischen Fußvolk
zusammengesetzt. Von der Mitte des fünfzehnten bis über die Mitte des
achtzehnten Jahrhunderts hinaus bildeten deutsche Söldner einen
Hauptbestandtheil der großen Heere des Kontinents.
Wenn nun die Landsknechte in den ersten Zeiten ihres Auftretens noch mit
ehrbaren Elementen, wie wohlhabenden Bürgerssöhnen oder anständigen
Handwerkern versetzt und deshalb eines gewissen, ehrenwerthen Sinnes
nicht ganz baar waren, so arteten sie nur zu bald im Laufe der Zeiten in
ein wüstes und raubgieriges, verkäufliches und gesinnungsloses Gesindel
aus, das heute _für_ und morgen _gegen_ eine und dieselbe Sache, aber
immer für _fremde_ Interessen seine Haut zu Markte trug und stets da
sich sammelte, wo lose Disziplin, gute Bezahlung und reiche Beute
lockte. So begegnen wir ihnen denn von den Reformationszeiten an bis zum
dreißigjährigen Kriege an der Seite der Schweizer in aller Herren
Ländern und Diensten. Sie wurden mit jedem Jahre eine größere Landplage,
die durch beständige Kriege genährt, sich heuschreckenmäßig über ganz
Deutschland ausbreitete, dabei aber ein notwendiges Uebel, da die
aufstrebenden Territorialherren, von der gewaltigen Wehrkraft der Bauern
aus den Bauernkriegen her erschreckt, ihre Unterthanen zu bewaffnen
fürchteten und deshalb in immer größerer Ausdehnung zu den Landsknechten
ihre Zuflucht nahmen, die gerade durch die treulose Behandlung der
Fürsten täglich mehr verdorben wurden. Diese fanden nämlich bei ihrer
beständigen Geldnoth gar kein Bedenken darin, die armen Landsknechte
durch Verschlechterung der Münze um die versprochene Löhnung zu kürzen,
ja sie ließen zu ihrer Auszahlung besonders leichtes Geld schlagen und
demoralisirten die armen Teufel, die sich nun wieder durch Plündern,
Betrügen und Beraubung von Bauer und Bürger schadlos zu halten suchten
»Ein Landsknecht muß Essen und Trinken haben, bezahle es der Küster oder
der Pfaff.« Im siebenzehnten Jahrhundert verlor sich der Name
Landsknechte, weil fortan nicht mehr bloß der Knecht, der Angehörige des
Landes, sondern Volk aller Nationen den Bestand der Söldnerheere
ausmachte.
Zu seiner höchsten Blüthe gelangte dieses Söldnerwesen im
dreißigjährigen Kriege, wo der Auswurf von ganz Europa gegen guten Lohn
und reiche Beute Deutschland verwüstete. Außer denen, welche ein anderes
Handwerk nicht gelernt hatten, zogen auch viele »freiledige Pursche« der
Werbetrommel nach; die bisher ein solches betrieben, muthige und unnütze
Handwerksgesellen und anderes Gesindel, für welches sonst kein Platz in
der Welt war, fanden freudiges Willkommen bei Feldwebeln und
Hauptleuten. Dem armen Bauernvolke, wenn es von Freund und Feind rein
ausgesogen worden, blieb oft schon in den ersten Jahren des Krieges
nichts übrig, als die Pflugschaar in den Säbel zu verwandeln und, selbst
ruinirt, Andere ruiniren zu helfen. Es ist allgemein bekannt, daß
Wallenstein sich für unfähig erklärte, ein Heer von 20,000 Mann
anzuwerben, daß er aber statt ihrer innerhalb dreier Monate 40,000 Mann
auf die Beine brachte, weil, wie er bemerkte, sich diese durch Beute und
Plündern selbst ernähren könnten. Bis auf 100,000 Köpfe schwoll dieses
Heer an und mußte von den Landschaften, durch deren Gebiete es zog,
unterhalten werden. Wenn die Schweden unter Gustav Adolph sich anfangs
durch bessere Mannszucht, größere Sittlichkeit und eine höhere taktische
Bildung auszeichneten, so verloren sie diese Vorzüge doch bald nach dem
Tode des Königs, denn in der zweiten Hälfte des Krieges zählten sie
ebensoviel verlaufenes und ruchloses Volk in ihren Armeen, als die
Kaiserlichen.
Vom dreißigjährigen Kriege datirt für das ganze damalige Europa der
Umschwung in seiner Heeresverfassung; aus ihm heraus bildeten sich die
bisherigen _nur für einen Feldzug_ angeworbenen Söldnerschaaren zu den
auf _längere Zeit_ geworbenen, darum _stehenden Heeren_ um. Zwar waren
diese schon damals vereinzelt vorgekommen. Im Osten Europas traten die
Janitscharen des gegen den Westen vordringenden türkischen Reiches als
die ersten stehenden Truppen auf. Im Norden hatte unter den
tonangebenden Mächten Gustav Adolph das erste stehende Heer, und
Schweden sowohl, als Türken zeigten sich durch diese Einrichtung
denjenigen Staaten bedeutend überlegen, die mit ihren auf nur einen
Feldzug angeworbenen Söldnern fochten. Allein erst in Folge des
dreißigjährigen Krieges wurden die _stehenden Heere_ zu einer
beständigen Staatseinrichtung; die politischen Verhältnisse förderten
ganz ungemein ihre allmälige Verbreitung, und namentlich bediente sich
ihrer das vom Ausland in seinen Anmaßungen gegen Kaiser und Reich
unterstützte Territorialfürstenthum zur Befestigung und Erweiterung
seiner Macht.
Es ist jene traurige Periode, welche um die Mitte des siebenzehnten
Jahrhunderts beginnend, mit dem Ende des achtzehnten schließt und die
Entwicklung und Blüthe des »Landesvaterthums« bezeichnet. Der
dreißigjährige Krieg hatte die nationale Kraft unsres Volkes gebrochen;
sein mittelalterlicher Reichthum, seine persönliche und staatliche
Selbständigkeit und sein reiches glänzendes Leben waren in Gräuel und
Blut erstickt. Der Krieg hatte den deutschen Mittel- und Bürgerstand und
damit die Energie der Nation wenn nicht vernichtet, so doch auf
Jahrhunderte hinaus geknickt und lahmgelegt. Es trat zunächst eine
allgemeine Zersetzung und erst allmälich ein Umbildungsprozeß unsres
bürgerlichen und öffentlichen Lebens ein. Die politische Auflösung der
Nation prägte sich erschreckend und deutlich in der täglich
unbeschränkter und frecher auftretenden Viel- und Kleinstaaterei aus.
Der Kleinstaat wurde zur individuellen Form und zum unverhüllten
Ausdruck des deutschen politischen Elends. In unserer Nation hatte seit
uralten Zeiten der Einzelne, das Individuum immer Alles gelten, immer
selbstherrlich sein wollen. Jetzt aber war es die Nemesis der
Geschichte, daß diese Tausende und Millionen von Selbstherrlichkeiten
heruntergehetzt wurden zu macht-, recht- und willenlosen
Menschenleibern, um als Waare auf dem Weltmarkte feilgeboten zu werden.
Dieses Schicksal traf den Bauer wie den Bürger, den Adligen wie den
Fürsten, den Einzelnen wie die Staaten, nur nicht zu gleicher Zeit und
nur jeden in seiner Art. Das Ende aber war der allgemeine Zusammensturz.
Aus den Ueberresten der verarmten, heruntergekommenen Bevölkerung wurde
der gehorsame, in sein Schicksal ergebene und duldende Unterthan
dressirt; der Staat war nichts als eine Domaine, welcher die Mittel für
die Saturnalien und das bon plaisir des Landesherrn liefern mußte. Und
wie klein, wie jämmerlich war dieses Landesvaterthum mit seinem
Egoismus! Es gab kein Band politischer Macht und Einheit, welches, wie
in Frankreich, Herrscher und Beherrschte verknüpft und dem Auslande
geachtet und gefürchtet gegenübergestellt hätte. Das Land war in eine
Unzahl kleiner Souverainitäten zersplittert und das Volk kam nur als
Gegenstand des Seelen- und Quadratmeilen-Schachers in Betracht. Die
rohen, unwissenden und habsüchtigen Territorialherren hielten durch ihre
unsinnige und engherzige Politik, sowie durch ihre nationalökonomischen
Verkehrtheiten das an sich so reiche Land in beständiger materieller
Erschöpfung und schnitten ihm jede Gelegenheit zur Entwicklung seiner
Hülfsquellen ab. Je ärmer und abhängiger das Volk, desto leichter ist es
zu beherrschen, desto eher kann der Herr von Gottes Gnaden als ein Wesen
höherer Art gelten, desto stolzer ragen also auch aus dem allgemeinen
Schiffbruch die übriggebliebenen fürstlichen Spitzen hervor. Durch die
Waffen und durch das Bündniß mit Fremden gegen Kaiser und Reich hatten
sie ihre Stellung gewonnen; durch dieselben Mittel mußte diese erhalten
und erweitert werden: das stehende Heer lieferte ihnen zunächst die
Mittel zur Behauptung und Befestigung ihres Territorialbesitzes und zur
Geltendmachung der ihnen vom westfälischen Frieden garantirten
Souverainität.
Die neue Praxis schlich sich um so leichter und unbemerkbarer ins Leben
ein, als seit Jahrhunderten schon Einzelne sich als Soldaten vermiethet
hatten und als die Fürsten jetzt nur zu befehlen brauchten, was früher
blos als ein freiwilliger Akt geleistet worden war. Dazu kam, daß seit
der Krieg zu einem regelmäßigen Handwerk ausgebildet worden, diese
Söldner eine nie aussterbende Klasse von Abenteurern, Landstreichern und
gar Räubern ausmachten, die nach jedem Friedensschlusse ihrer Heimath
wieder zur Last fielen und ihren verderblichen Einfluß auf die
heranwachsenden Geschlechter ausdehnten. Es war also zunächst eine
Wohlthat für das Land, wenn diese ruchlosen Banden durch die stehenden
Heere möglichst unschädlich gemacht wurden. Uebrigens würde die neue
Einrichtung trotzdem nicht sobald festen Fuß gefaßt haben, wenn sie
nicht gleich im Anfange auch andere wesentliche Vortheile gewährt hätte.
Sie brachte Ordnung in die Finanzen und sicherte die Ruhe während des
Friedens. Sie schien also den Interessen der Unterthanen und Fürsten zu
entsprechen; in der That aber hatten diese den wesentlichen Nutzen, jene
aber nur neue Lasten davon. Der verarmte, ausschließlich mit seinen
nächsten Sorgen beschäftigte Bürger ließ sich leicht einreden, daß ihm
mit der Einrichtung der stehenden Heere, die ihn in seinem friedlichen
Erwerbe schützen würden, eine große Last von den Schultern genommen
werde. Die Fürsten selbst erhielten durch die stehenden Heere eine kaum
berechenbare Machtverstärkung. Ihre eigenen Mittel reichten selten aus,
eine nur halbwegs respektable Streitmacht ins Feld zu stellen; zu einem
ordentlichen Kriegszug mußten sie sich von den Ständen Geld bewilligen
lassen. Erlangte nun der Territorialherr das Recht, ein stehendes Heer
zu halten, so konnte und mußte er dafür auch feste Steuern einziehen,
wodurch er eine unendlich gesteigerte Verfügung über die Steuerkraft des
Landes gewann. Dann aber gehörte ihm das Heer unbedingt, und es ließ
sich damit jeder Widerspruch der eigenen Unterthanen zum Schweigen
bringen.
Es dauerte nicht lange, so erklärte der Fürst das ganze Land für sein
Eigenthum, mit dem er nach Belieben schalten und walten könne; er
verlangte unbedingten Gehorsam und hob zuletzt jeden jungen Mann, der
ihm zusagte, für Lebenszeit zum Kriegsdienste aus. Dahin ward die alte
Heerbannpflicht verkehrt, welche mit Recht jeden freien Bürger zur
Führung der Waffen für das allgemeine Beste, für den Staat
verpflichtete. Jetzt war die fürstliche Domaine das allgemeine Beste,
der Staat geworden, und an die Stelle jener politischen und sittlichen
Pflicht trat die polizeilich brutale Pressung, die Aushebung der
Landeskinder, mit welcher die freie Werbung der Fremden Hand in Hand
ging. Das Landeskind war zwar billiger als der Fremde und einmal gehörig
dressirt, auch für die Zukunft brauchbarer; allein der Fremde konnte
nicht leicht entbehrt werden, weil die blos auf die Unterthanen
beschränkte Werbung das Land leicht entvölkert hätte. Zudem gab es
gewisse Exemtionen für die Vermögenden oder sozial oder amtlich höher
Gestellten. Die Last der Dienstpflicht ruhte ausschließlich auf den
Aermeren, den Bauern und den Ungebildeten. Uebrigens dauerte es noch
geraume Zeit, ehe die Regierenden es wagten, jeden Mann aus dem Volke zu
langjähriger Dienstpflicht heranzuziehen. Montecuculi, welcher zuerst
den Habsburgern die Einführung stehender Heere klar zu machen trachtete,
suchte mit höchster Sorgfalt nach Individuen, die man wohl zum
Kriegsdienste verpflichten könne, ohne dadurch eigentlich individuelle
Rechte zu verletzen und die Steuerkraft des Landes zu beeinträchtigen.
Die Brutalität in der Rekrutirung stehender Heere wagte sich nur
schrittweise heraus; Deutschland wurde erst allmälich in kaum
scheinbaren Uebergängen das Jagdrevier, auf welchem die fürstlichen
Jäger ihre Werbehunde auf das täglich wehrloser werdende Volk losließen.
Es ist vor Allem für das richtige Verständniß der hier in Betracht
kommenden Epoche unerläßlich, sich diesen verhältnißmäßig neuen Ursprung
der stehenden Heere und der damit verbundenen Mißbräuche zu
vergegenwärtigen, umsomehr, da die Vertheidiger des kleinstaatlichen
Gottesgnadenthums thun, als ob die Welt diese durchaus neue Einrichtung
seit Jahrtausenden nicht anders gekannt habe und als ob nur die
ungemüthliche Gegenwart ihre hohen Segnungen nicht zu würdigen vermöge.
Es sei also gleich hier darauf hingewiesen, daß kaum die Großväter und
Urgroßväter derselben Fürsten, welche den Soldatenhandel nach Amerika
getrieben, es zu stehenden Heeren gebracht hatten, und daß das
historische Recht, welches im Munde ihrer Vertheidiger die einzige
Entschuldigung für jenen Unfug bildet, statt »keinen Datum nicht zu
haben« so modernen Ursprungs ist, daß man Jahr und Tag seiner
Entstehung genau nachrechnen kann. Der älteste hessische
Subsidienvertrag mit einem auswärtigen Fürsten ward 1676 vom Landgrafen
Karl mit König Christian V. von Dänemark, also gerade hundert Jahre vor
der uns beschäftigenden Zeit abgeschlossen. Der älteste Vertrag
überhaupt, mittelst dessen deutsche Truppen in einer für sie ganz
fremden Welt, an der äußersten Gränze Europa's gegen baare Bezahlung
verwandt wurden, war der sächsische von 1685, in welchem Jahre der
Kurfürst Johann Georg III. dreitausend sächsische Soldaten um 120,000
Thaler auf zwei Jahre an die Republik Venedig verhandelte. Diese
schickte sie gegen die Türken nach Morea hinüber, wo während der
Feldzüge 1685 und 1686 die meisten von ihnen elend zu Grunde gingen. Die
Wenigsten fielen auf dem Schlachtfelde; die Meisten erlagen der Pest und
rothen Ruhr, und nur 761 von den ausmarschirten 3000 Mann kehrten im
August 1687 in die Heimath zurück.
Die Ausbildung der stehenden Heere begann mit dem Ende des siebenzehnten
und vollendete sich im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts. Ludwig XIV.,
der für jeden kleinen deutschen Zaunkönig bald das leuchtende Vorbild
staatsmännischer Hoheit wurde, bediente sich der kleineren Fürsten gern
gegen Kaiser und Reich, und ließ es sich große Summen kosten, um bei
seinen gegen Deutschland gerichteten Plänen ihrer Mithülfe sicher zu
sein. Diese fremde Bundesgenossenschaft wurde auch für die anfänglich
nicht bei ihr Betheiligten bald sehr einträglich, denn sie hatte
zugleich den Vortheil, daß sie gute Angebote aus der Heimath
verschaffte. Die Subsidien der fremden und einheimischen Mächte
schmeckten vortrefflich. Das Subsidienwesen stand deßhalb auch schon zu
Anfang des letzten Drittels des siebenzehnten Jahrhunderts in voller
Blüthe. Als Großhändler unter seinen zahlreichen fürstlichen
Konkurrenten ragt an der Schwelle dieser Periode der kriegerische
Bischof von Münster, Bernhard von Galen (1650-1678), hervor, ein
Autokrat von nicht gewöhnlichen Gaben, aber mit äußerst beschränkten
Mitteln. In dem kurzen Zeitraum von zwölf Jahren (1665-1677) vermiethete
er gegen entsprechende Subsidien seine aus allen Weltgegenden
zusammengetriebene 6000-8000 Mann zuerst an England, dann an Frankreich,
ferner an den Kaiser, darauf an Spanien und endlich an Dänemark, blieb
aber am längsten der Vasall und Kunde Frankreich's.
Um also ihre Einkünfte zu vergrößern und ihr Ansehen unter ihres
Gleichen zu erhöhen, vermietheten die Landesväter ihre Soldaten gern
gegen reichliche entsprechende Bezahlung an den Meistbietenden. Was
kümmerte es sie, wenn ihr ruchloses Thun Deutschland zu einem
Menschenmarkte erniedrigte, wo gegen Geld und gute Worte immer Soldaten
zu haben waren? Ueber solche, höchstens der Kanaille verzeihliche
Vorurtheile, wie Vaterlandsliebe und das Gefühl politischer Würde war
die Mehrzahl der Lenker deutschen Geschickes oder vielmehr Mißgeschickes
vom dreißigjährigen Kriege an bis auf die französische Revolution
erhaben.
Wer nicht genug Truppen hatte, um einen einträglichen Handel damit zu
treiben, hielt sich wenigstens ein »stehendes Heer«, das oft freilich
nur aus einer Handvoll Leute bestand. Während es im achtzehnten
Jahrhundert kein oder im besten Falle ein erbärmliches Reichsheer gab,
weil seine Aufstellung lediglich vom guten Willen der einzelnen
Reichsfürsten abhing, hatte jeder kleine Reichsgraf oder Reichsfürst,
das vom »grand Louis« gegebene Beispiel ängstlich nachahmend, seine
Trabanten, Hatschiere, Schweizer-Garden, Musketiere, Gardes du Corps und
Gensdarmen, und wenn auch nicht alle diese Waffengattungen in
Wirklichkeit existirten, so erzeugten doch die für dieselben Soldaten
vorhandenen verschiedenen Uniformen den Schein der Wirklichkeit. So
hielt -- um hier aus den tausend Lächerlichkeiten nur ein paar
herauszugreifen -- der Landgraf von Hessen ein Dutzend Haiducken,
mehrere lange Kammerhusaren und Leibjäger. Diese Leute steckten während
des Exerzierens in der Montur des ersten Bataillons Garde und formirten
das erste Glied der Leibkompagnie während des Vormittags, des
Nachmittags aber erschienen sie wieder in der Hoflivree, warteten an der
Tafel auf oder standen auf der Kutsche. Der Herzog Karl Eugen von
Würtemberg hatte noch 1782 zwei Kavallerieregimenter, das
Grenadierregiment zu Pferde, v. Phull, von dessen 150 Mann keiner
beritten war, während vom Husarenregiment v. Bouwinghausen, das 250 Mann
stark war, 50 beritten waren. Ein anderer kleiner Fürst -- kaum wird man
die Sache glauben, und doch ist sie wahr -- hielt 50 Mann
Leibgrenadiere, welche, um größer zu erscheinen, alle hohe Absätze
tragen mußten und eine Zeit lang nur zwei Grenadier-Bärenmützen hatten,
welche die beiden Schildwachen an dem Portal des Schlosses immer den sie
Ablösenden überlieferten und gegen die Zuckerhüte (Blechkappen)
austauschen mußten. Noch Einer gab seiner Garde drei verschiedene
Monturen: als Grenadiere, Kuirassiere und Jäger, in welchen sie
abwechselnd erscheinen mußten. Ein Dritter hielt einige Regimenter
unberittener Dragoner, welche dann und wann die Kavallerie-Evolutionen
zu Fuß machen mußten und _wobei ihnen während des Chocks erlaubt war,
gleich den Pferden zu wiehern_.
Die größeren Fürsten brachten es aber bald dahin, daß es von Rußland bis
Spanien, von den Niederlanden bis zur Türkei kaum einen Feldzug und eine
Schlacht mehr gab, in welcher deutsche Hülfstruppen und Soldaten sich
durch ihre Roheit und Beutegier, ihren Ungestüm und ihre
Unverwüstlichkeit nicht hervorthaten. In der Regel wurden die Heere des
achtzehnten Jahrhunderts durch Werbung zusammengebracht und ergänzt; nur
Friedrich Wilhelm I. von Preußen hatte durch die Eintheilung seines
Landes in abgegränzte Kantone, aus welchen seine Regimenter ihre
Rekruten bezogen, eine gewisse territoriale Grundlage für seine Armee
geschaffen. Den Hauptkern derselben bildete aber auch hier das
angeworbene Volk. Die Werbeoffiziere trieben sich vorzugsweise in den
geistlichen Fürstenthümern, den freien Städten, an den Gränzen
verschiedener Staaten und in den kleineren Territorien herum. Wie wenig
übrigens ein solcher Beruf als unehrenvoll galt, mag der folgende Auszug
aus einem Brief zeigen, welchen der als Preußischer Major bei Kunersdorf
rühmlich gefallene Dichter des Frühlings, Ewald v. Kleist, am 12. Juli
1752 an seinen Freund Gleim schrieb. »Wenn Sie, heißt es dort, im
Zerbstischen, Sächsischen und Braunschweigischen oder anderen Orten, wo
sie oft hinkommen, etwa große Leute antreffen sollten, die freiwillig
und vor Handgeld Dienste nehmen wollen, so engagiren Sie sie doch vor
mich; ich will sie gut halten und sie sollen gar nicht unglücklich durch
mich werden, nur den Abschied kann ich ihnen nicht geben; doch wenn ihre
Kapitulationsjahre um sind, sollen sie auf's Neue Handgeld haben, nebst
einer neuen Kapitulation. Ersuchen Sie doch zum Spaß Ihre
braunschweigischen Freunde auch, daß sie vor mich werben, wiewohl mir
dieses nicht ganz Spaß ist. Der Zufall kann einem zuweilen einen Goliath
zuführen, der Lust zum Dienen hat, und dem noch ein Gefallen damit
geschieht, wenn man ihm Dienste schafft. Ich will zur Vergeltung für Sie
und Ihre Freunde bei Gelegenheit Mädchen werben, in welcher Werbung ich
glaube Praktik zu haben.«
Da die Bande, welche die geworbenen Soldaten an ihre Kriegsherren
knüpften, vorzugsweise von der List und Gewalt geknüpft waren, also
stets locker blieben, so entschied lediglich der persönliche Vortheil
für ihr Bleiben und Gehen. Aus diesem Grunde tritt gewöhnlich die ganze
Besatzung einer Festung oder ein großer Theil derselben, nachdem sie
kapitulirt, in die Reihen der Sieger. Die Befehlshaber aufgelöster Heere
trieben förmliche Spekulation mit kriegerischen Haufen und suchten durch
allerlei Kunstgriffe die höchst möglichen Preise für ihre Waare zu
erhalten. In der Regel bildeten darum auch die stehenden Heere des
achtzehnten Jahrhunderts die Sammelpunkte des verworfensten Gesindels,
das man sich nur denken kann. Es fehlte ihnen jedes nationale Element,
jeder moralische Halt, und es galt als das größte Unglück für einen nur
halbwegs anständigen Menschen, dem »Kalbfell folgen« zu müssen. Die
Behandlung des Soldaten war roh, die Bestrafung barbarisch, jedes
Ehrgefühl wurde methodisch in ihm erstickt. Der Gemeine wurde vom
Offizier, wie heute noch in England und den Vereinigten Staaten,
verachtet, mißhandelt und durch eine unübersteigliche Kluft getrennt.
Die Offiziersstellen wurden fast ausschließlich vom Adel bekleidet, wenn
man die heruntergekommenen, verarmten und dadurch von den herrschenden
Dynasten abhängig gewordenen Junker überhaupt Adel nennen darf. Er fand
in dem Heere Ansehen, Ehre und Geld und konnte die verlorengegangenen
Herrenrechte an den armen Soldaten im höchsten Maße ausüben. Natürlich
war bei einem solchen Stoffe an individuelle Bethätigung des einzelnen
Soldaten nicht zu denken. Dieses dünkelhafte System, welches nur durch
Ehre und Ruhm für die Befehlenden, aber durch Zwang und Furcht für die
Befohlenen zusammengehalten wurde, fand auch äußerlich in der
Lineartaktik seinen Ausdruck und galt namentlich, seit es sich in der
schöpferischen Hand eines Genies, wie Friedrich des Großen bewährt
hatte, als das höchste Ideal eines Heerwesens, bis es zuerst in der
amerikanischen Revolution den unordentlichen Massen schlecht
ausgerüsteter und noch schlechter eingeübter Bürger und Bauern unterlag
und schließlich bei Jena einen schmählichen Bankerott erlitt.
Das letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts, oder vielmehr die Zeit vom
Hubertusburger Frieden bis zur ebengenannten Schlacht bei Jena
entwickelte dieses grausame und geistlose Kamaschenthum -- denn etwas
anderes war die damalige Heeresorganisation nicht -- zu seiner höchsten
Blüthe, und gerade die Werbungen für die nach Amerika bestimmten Truppen
offenbarten schroffer als je zuvor oder später die Nichtswürdigkeit des
Systems mit allen seinen Auswüchsen und Härten. Es würde heut zu Tage
kaum noch möglich sein, sich einen nur annähernden Begriff von der
Erhaltung und Vervollständigung der damaligen stehenden Heere zu machen,
wenn es nicht eine bändereiche Literatur über die Rekrutenwerbung und
die damit zusammenhängenden Dienstzweige gäbe.
Es ist zum Verständniß der uns beschäftigenden Epoche unerläßlich,
wenigstens einen flüchtigen Blick in diesen nichtswürdigen gedruckten
Schund zu werfen, der trotz seiner reichen Beiträge zur Erkenntniß der
damaligen Zeit dem Kulturhistoriker, wie es scheint, kaum dem Namen nach
bekannt geworden ist. Das Schinderhannesthum, auf Seiten der
herrschenden Mächte in System und Ordnung gebracht, starrt uns aus
diesen vergilbten Scharteken entgegen, die namentlich seit Mitte des
vorigen Jahrhunderts zu jeder Ostermesse dutzendweise in Deutschland
erschienen und vorzugsweise junge auf Beförderung hoffende Lieutenants
zu Verfassern hatten.
Zum Beweise dessen mögen dienen: »Briefe des Herrn v.S., worin derselbe
seinem in C. zurückgelassenen Freunde verschiedene Werbehistörchen nebst
einigen seiner eigenen Begebenheiten bis zu seiner Vermählung vor Augen
legt. Leipzig 1765, bei Johann Gottlob Rothen, Buchhändler in
Kopenhagen.« Herr v.S. ist einer jener zahlreichen und gewissenlosen
Werbeoffiziere, welche von den Soldaten bedürftigen deutschen und selbst
auswärtigen Staaten, z.B. England, in jeder günstig gelegenen, größeren
Stadt unterhalten wurden und die Aufgabe hatten, mit List und Gewalt,
Versprechungen und Geld, Wein und schönen Kleidern arme Teufel und
leichtsinnige oder arglose junge Menschen als Soldaten anzulocken. Der
Hauptheld dieser Werbehistörchen ist der Bursche des Herrn v.S., ein
gewisser Schwarz, den sein Herr nicht müde wird, als ein Muster von
Schlauheit, Verschmitztheit und Frechheit zu preisen. Der tugendhafte
Schwarz bethört mit den gewöhnlichen Mitteln seine Opfer in den
Wirthshäusern, entführt »wohlqualifizirte Subjekte« mit Gewalt oder
verkleidet sich selbst in einen Handwerksburschen und läßt sich von
einem nichts Böses ahnenden, neben ihm sitzenden Schustergesellen an
einen Werbeunteroffizier, der im Geheimniß ist, verkaufen, worauf dann
Schwarz das Heft umkehrt und seine Beute desto sicherer packt. Natürlich
jubelt Herr v.S. über den reichen Fang und schafft ihn, von seinem
Vorgesetzten ob seines Diensteifers und Erfolges belobt, rasch nach der
Garnison. Ein ander Mal beraubt Schwarz gemeinschaftlich mit zwei
Unteroffizieren einen Handlungsdiener, dem von ihnen die Wahl zwischen
Soldatwerden und Auslieferung seines Beutels gelassen wurde, um hundert
Dukaten und andere Kostbarkeiten. Der Kaufmann beschwerte sich bei Herrn
v.S. Was thut dieser? Er geräth in solche Wuth, daß er seinen an der
Wand hängenden Degen ergreift und den herbeigerufenen, ihres Verbrechens
geständigen Unteroffizieren einige zwanzig Hiebe aufzählt. »Weil man
aber -- erzählt Herr v.S. mit Selbstgefühl -- überdies in's Geheim von
einer gewaltsamen Entführung des Tanzmeisters zu zischeln anfing,
Lucinde (die Maitresse) mir auch beständig in Ohren lag, und durch die
Begebenheit mit dem Kaufmannsdiener meine eigene Gefahr zu blühen
anfing, so entschloß ich mich, ohne Abschied zu nehmen, aus der Stadt zu
gehen, und fuhr den dritten Tag mit Lucinden, meinem Kutscher und
Schwarz, der mir ein ander Mal klüger zu werden und bessere Vorsicht zu
gebrauchen angelobet, nach M. zu dem Regimente.«
So weit Herr v.S. Ein gewöhnlicher Mensch, der nicht adliger
Werbeoffizier gewesen wäre, würde, wenn er sich wie Schwarz und Herr
v.S. bei ähnlichen zur Nacheiferung empfohlenen Heldenthaten hätte
ertappen lassen, sein Leben lang in die Eisen gekommen sein; aber Herr
v.S. ist »Kavalier« und wirkt als solcher für den allerhöchsten Dienst.
Folgen wir nun dem in Schwarzischer oder Herr v.S.'scher Weise
gestohlenen Rekruten an seinen Bestimmungsort, und lassen wir uns über
seinen Transport dahin amtlich unterweisen. Wir finden diese Belehrung
in dem Werke: »Unterricht für die Königlich Preußische Infanterie im
Dienste der Garnison, auf Werbungen und im Felde. Berlin, in der
Himburgischen Buchhandlung 1805.« Dieses Buch, welches also wohlgemerkt,
gerade ein Jahr vor der Schlacht von Jena erschien, ist ein merkwürdiges
Zeichen von der erstaunlich raffinirten Schärfe, zu welcher sich der
preußische Dienst damals ausgebildet hatte, aber auch von der ganzen
herzlosen Grausamkeit, deren ein gemeiner, auf schnelle Beförderung im
allerhöchsten Dienste sinnender Norddeutscher fähig ist. Da heißt es im
vierzehnten Kapitel vom Transport der Rekruten wörtlich: »Der
Unteroffizier muß außer einem guten Seitengewehr auf dem Transporte
stets ein Terzerol bei sich führen; er muß den Rekruten nie hinter,
sondern immer vor sich gehen, ihn nie nahe auf den Leib lassen, und ihn
bedeuten, daß der erste falsche Tritt, den er thut, ihm das Leben
koste. Er muß beim Transport das Gebiet des Landes vermeiden, wo der
Rekrute gedient hat, oder auch manchmahl, und unter gewissen Umständen
sogar, aus dem er gebürtig ist.
»Er muß das Transportiren durch große Städte und lebhafte Ortschaften,
wo möglich, vermeiden. Des Nachts muß er solche Wirthshäuser zum
Quartier wählen, wo er und andere Werber seiner Macht immer einkehren,
und wo der Wirth auf seiner Seite ist. In dem Nachtquartier selbst muß
er die möglichste Vorsicht zur Erhaltung des Rekruten anwenden,
demselben sich ganz auszuziehen und niederzulegen befehlen, dessen, so
wie seine eigene Kleider dem Wirth in Verwahrung geben, und sich neben
ihn, vorne nach der Thüre zu, hinlegen. Beim Transport muß er nicht
erlauben, daß der Rekrute sich sehr umsehe, stehen bleibe, noch weniger
sich mit Reisenden und besonders gar nicht in einer fremden Sprache
unterhalte. Er muß den Rekruten auf dem Transport so lenken, wie man mit
dem Zügel ein Gespann lenkt; die Worte: Halt, Marsch, Langsam,
Geschwinde, Rechts, Links, Geradeaus müssen von dem Rekruten auf dem
Fleck befolgt werden, sonst ist dies schon ein übles Omen, und des
Unteroffiziers Autorität ist verletzt.
»Nie muß der Unteroffizier da einkehren, wo es dem Rekruten etwa zu
frühstücken beliebt, sondern wo er zu diesem Behuf einmahl für allemahl
einkehrt.
»In solchen Wirthshäusern, wo der Transport zu Nacht bleibt, muß eine
eigene, für die Werber und Rekruten bestimmte Gaststube sein, die,
womöglich in einem Oberstock ist und deren Fenster mit eisern Gittern
versehen sind. Nachts muß kein Rekrute aus der Stube zu gehen genöthigt
sein, sondern ein Nachtgeschirr zu beiderlei Bedürfnissen sich im Zimmer
befinden.
»Die ganze Nacht muß eine Lampe im Zimmer brennen und neben selbiger ein
unangezündetes Licht stehen. Der Unteroffizier muß seine Waffen dem
Wirth Abends übergeben, damit nicht der Rekrute gegen ihn, in der Nacht
davon Gebrauch macht. Morgens muß er sie sich wiedergeben lassen, sie
nachsehen, frisch laden, oder wenigstens frisch Pulver aufschütten, sich
anziehen, reisefertig machen, und dann erst den Rekruten aufstehen
heißen, und ihm seine Kleider zum Anziehen wiedergeben. Beim Hineingehen
in ein Wirthshaus und Stube muß der Rekrute der erste, beim Herausgehen
der letzte sein; im Wirthshause selbst muß der Werber vor, der Rekrute
hinter dem Tische sitzen. Hat der Rekrute eine Frau mit, so muß der
Werber seine Aufmerksamkeit verdoppeln, die Frau muß auf dem Marsche vor
dem Manne, niemahls aber hinter demselben, oder gar hinter dem Werber
gehen.
»Sie muß eben so denen Commando-Wörtern auf dem Marsche gehorchen als
der Mann, ebenso in den Nachtquartieren beobachtet werden, sich eben so
unterwegens, wenn der Unteroffizier zu frühstücken wo einkehrt, wie der
Mann hinter den Tisch setzen, eben so des Nachts nicht das Zimmer
verlassen. Daß ein transportirter Rekrute während seines Transportes
keine Feder anrühren, keine Briefe schreiben, keine Schreibtafel sich
halten, selbst keine Bleifeder nicht bekommen darf, ist natürlich, so
wie daß man dem Rekruten und seiner Frau vor dem Antritt des Transports,
alle gefährliche Waffen, Terzerols, große Messer u.s.w. abnehmen muß und
während dem Transport nicht erlauben darf, daß der Rekrute so wenig wie
seine Frau, einen Stock, Knüppel oder Stab tragen darf.
»Auch muß es dem Rekruten nicht erlaubt sein, seine Frau vom Transport
oder Nachtquartier ab, wohin zu schicken, mit selbiger eine fremde
Sprache zu reden, oder ein sachtes Gespräch zu führen. Alles dies muß
nicht statt finden und überhaupt der Unteroffizier auf alle
Vorsichtsmaßregeln beim Transport denken, auf alle Handlungen und Worte
des Rekruten Acht geben und darüber seine Ueberlegungen anstellen. Ist
der Rekrut nur irgend zweideutig, so muß er sich auf Befehl des
Unteroffiziers, die Hosenriemen entzwei-, die Hosenknöpfe abschneiden
und die Hosen in der Hand tragen.
»Hat er aber vollends einen Versuch gemacht, zu echappiren, so muß er
ohne Gnade geschlossen, oder ihm die Daumschrauben angelegt werden. Es
ist schon übel, wenn es der Unteroffizier dahin kommen läßt, von seinem
Gewehr Gebrauch zu machen, und den Rekruten blessiren oder tödten zu
müssen.
»Bei sehr schönen, scheinbar resoluten, den Unteroffizier an Kräften
überwiegenden Rekruten wird der Offizier gewiß so vorsichtig und billig
sein und zu dessen Transport zwei Unteroffiziere geben. Ueberhaupt ist
es, wenn es nur irgend angeht, immer besser, wenn einige Rekruten
zusammen transportirt werden, damit mit Recht bald ein paar
Unteroffiziere mit auf den Transport können gegeben werden. Es ist wegen
Krankheitsfällen, Nachtwachen, wechselseitiger körperlicher
Unterstützung, Ueberlegung und Berathschlagung, wo Seelenkräfte wirken
müssen, wegen Aufmerksamkeit und Vorsichtsmaßregeln, kurz, wegen aller
möglichen auf dem Transport zu beobachtenden und vorkommenden Ereignisse
besser, wenn, selbst bei unproportionirten Verhältnissen der Rekruten zu
den Transportirenden, einige Unteroffiziers beisammen sind. So schwer,
wie es bei gehörigem Diensteifer, wenn sich der Unteroffizier nicht
auf's Glück verlassen will, es demselben wird, einen einzigen Rekruten
allein zu transportiren, so können zwei Unteroffiziere doch schon drei
bis vier Rekruten, mit wenigerer Gefahr, drei Unteroffiziere mit noch
weniger Risiquo sieben bis höchstens neun Rekruten transportiren.
»Allein, daß ein Unteroffizier zwei Rekruten transportirt, muß nie der
Fall sein. Macht die größte Noth diesen Fall unvermeidlich, so ist dies
schon traurig und für den Offizier sowohl wie den armen Koporal ohne
Grenzen risquant. Wenn es platterdings unmöglich ist, daß der Offizier
die Rekruten, bis der Transport stärker wird, bei sich behalten kann und
deren Absendung durchaus nothwendig ist, so muß der Offizier in diesem
Falle Jemand dingen, der dem Unteroffizier transportiren hilft. Es ist
besser auf Vorsichtsmaßregeln einige Ausgaben zu verwenden, als die
Rekruten einzubüßen, und das Leben des Unteroffiziers unvermeidlicher
Gefahr auszusetzen. So wie dem Offizier, um so mehr noch dem
Unteroffizier ist ein tüchtiger Hund äußerst nützlich. Nur muß derselbe
gehörig abgerichtet sein, keinen Stock in der Hand eines Rekruten
leiden, sowie sich derselbe in der Nacht rührt, oder aufsteht,
anschlagen und seinen Herrn wecken, auf dem Marsche den Rekruten, wenn
er aus dem Wege herausgeht, wieder in den Weg treiben; fängt der Rekrute
an zu springen, denselben packen und nur auf seines Herrn Wort wieder
loslassen, nicht leidend, daß der Rekrute etwas von der Erde aufnehme
und lauter Künste können, die auf das bessere Transportiren des Rekruten
abzwecken und dem Unteroffizier den Dienst erleichtern.
»Mancher Rekrute -- heißt es am Schlusse nach Aufzählung verschiedener
Arten von Befreiungsversuchen -- sucht dadurch seine Befreiung zu
erlangen, daß er an einem Orte, wo viele Menschen versammelt sind, oder
beim Durchgange durch eine Stadt, über Gewalt oder ungerechte Anwerbung
schrie. Hier muß der Unteroffizier den Schutz der Obrigkeit erheischen,
und wird selbigen auch nach Vorzeigung seines Werbepasses und der von
Zeugen unterschriebenen Capitulation des Soldaten gewiß erhalten. Der
Unteroffizier mit einem Wort muß sich nicht irre machen lassen, sich
nicht das Herz abkaufen lassen, niemahls die Gegenwart des Geistes
verlieren oder wohl gar unentschlossen handeln, welches noch schlimmer
ist, als wenn er unrecht handelt. Versucht der Rekrute, unternimmt er
nur das mindeste, so muß er geschlossen werden. Alle Kosten, die der
Rekrute durch Desertions-Anschläge nöthig macht, muß er selbst tragen,
und kann ihm der Unteroffizier bis zu seiner Ablieferung das Handgeld
abnehmen. Von jedem, in einem Orte vorgefallenen Exzesso, von jeder
Maßregel, die der Unteroffizier zu nehmen gezwungen ward, muß er sich,
um sich bei seinem Offizier auszuweisen, von der Ortsbehörde ein Attest
geben lassen.
»Besonders muß dies geschehen, wenn der Unteroffizier in die traurige
Nothwendigkeit gesetzt ward, den Rekruten zu schießen, mag er ihn nun
entweder blessirt, oder getödtet haben. Der Fall, daß ein Rekrute dem
Unteroffizier entkomme oder entwische, wird garnicht als denkbar, also
auch nicht zu attestiren angenommen.«
Endlich ist der Rekrute glücklich eingebracht und wird zum Soldaten
gestoßen, gemißhandelt und geprügelt: eine gebrochene Existenz, wenn er
noch einen Funken Selbstgefühl in sich bewahrt hat, oder eine willenlose
Maschine, wenn er sich in seine neue Lage findet und pünktlich »Ordre
parirt.« Denn der Dienst wurde mit barbarischer Strenge und pedantischer
Gewissenhaftigkeit, namentlich in den auf preußischem Fuß eingerichteten
Heeren ausgeführt. »Es ist eine trostlose Sache, sich die Gefühle zu
vergegenwärtigen, welche in Tausenden der gepreßten Opfer gearbeitet
haben, vernichtete Hoffnungen, ohnmächtige Wuth gegen die
Gewaltthätigen, herzzerreißender Schmerz über ein zerstörtes Leben. Es
waren nicht immer die schlechtesten Männer, welche wegen wiederholter
Desertion zwischen Spießruthen zu Tode gejagt oder wegen trotzigem
Ungehorsam gefuchtelt wurden, bis sie bewußtlos am Boden lagen. Wer den
Kampf in seinem Innern überstand, und die rohen Formen des neuen Lebens
gewohnt wurde, der war ein ausgearbeiteter Soldat, das heißt ein Mensch,
der seinen Dienst pünktlich versah, bei der Attacke ausdauernden Muth
zeigte, nach Vorschrift verehrte und haßte und vielleicht sogar eine
Anhänglichkeit an seine Fahne erhielt und wahrscheinlich eine größere
Anhänglichkeit an den Freund, der ihn seine Lage auf Stunden vergessen
machte, den Branntwein.« (Freytag, Neue Bilder S. 320.)
Natürlich waren die Desertionen häufig, und je näher der Grenze,
desto zahlreicher, trotzdem daß die aus aller Herren Länder
zusammengetriebenen Soldaten sorgsam gehütet wurden. In Grenzfestungen,
wie z.B. Wesel a.Rh., waren sie zu diesem Behufe in drei Klassen
getheilt: Ganzvertraute, welche Pässe erhielten und vor die Thore gehen
konnten, Halbvertraute und endlich Unsichere, die gar nicht oder nur mit
seltenen Ausnahmen in Begleitung eines Unteroffiziers oder eines
Ganzvertrauten aus der Stadt durften. Wurde ein Soldat vermißt, so
erfolgten drei Allarmschüsse vom Wall der Festung. Auf dieses Zeichen
mußten die Grenzbauern die Grenze besetzen und von Posten zu Posten
patrouilliren. Dazu im Voraus kommandirte Offiziere mußten sich auf die
in Bereitschaft gehaltenen Pferde setzen und an der Grenze die
Bauernposten revidiren. Für jeden eingebrachten Deserteur ward ein
Fanggeld von zehn Thalern bezahlt. Wurde der Deserteur nicht gefangen
und gelangte er glücklich »auf die Freiheit«, d.h. über die Grenze, wo
sich Wirthshäuser zur Aufnahme befanden, so ritt der nachsetzende
Offizier dahin, um ihn unter Zusicherung völliger Straflosigkeit zur
Rückkehr zu bewegen. Hatte der Ausreißer überhaupt die Absicht
zurückzukehren, so stellte er seine Bedingungen -- z.B. Ertheilung eines
Trauscheines, d.h. die Erlaubniß, seine Liebste zu heirathen, oder
Ertheilung eines Thorpasses &c. -- was Verhandlungen zwischen ihm und
der Kompagnie herbeiführte, die meist mit Zugeständnissen von Seiten der
letztern endigten.
Der Rückblick auf diese Einzelnheiten des damaligen Werbegeschäfts war
deshalb nothwendig, weil mehr als die Hälfte der nach Amerika
verhandelten Truppen in solcher Weise zusammengebracht wurde, und weil
ohne die Detailkenntniß des mit der Rekrutirung verbundenen Unfugs ein
Theil der spätern Erzählung durchaus unverständlich bleiben würde.
Während die größeren deutschen Staaten, wie z.B. Preußen und Sachsen,
sich hauptsächlich durch ihre Armeen und deren _selbständige_ Verwendung
zu europäischer Macht und Bedeutung emporschwangen, bedienten sich die
kleineren Fürsten, wie Hessen, Braunschweig, Gotha, und Andere, ihrer
Truppen, um ihre Einkünfte zu vergrößern und ihren Luxus zu befriedigen.
Sobald nur ein Krieg drohte, boten sie den feindlichen Parteien ihre
Truppen an und, je nach der Konjunktur des Marktes, erhielten sie
höhere oder geringere Preise für ihre Waare. Bis zum siebenjährigen
Kriege überstieg das Angebot meistens die Nachfrage, darum war der
Artikel im Ganzen billig. Erst mit dem amerikanischen Kriege schlug das
Verhältniß in sein Gegentheil um, so daß bei den täglich größer
werdenden Ansprüchen an den Markt das Menschenfleisch immer theurer
wurde. Wenn die großen Staaten untereinander und gegen dritte
Subsidienverträge eingingen, so übernahmen die kleineren deutschen
Fürsten für die kriegführenden Mächte einfach Truppenlieferungen gegen
baare Bezahlung. Wenn auch jedes politische Moment von diesem Handel
ausgeschlossen war, so nannten sie das schmutzige Geschäft doch des
bessern Scheins wegen Subsidienvertrag oder versteckten es sogar hinter
den komisch erhabenen Phrasen eines Schutz- und Trutzbündnisses. Unter
den Ländern, welche trotz ihres verhältnißmäßig kleinen territorialen
Umfanges, durch ihre politische Machtstellung ein entscheidendes Wort in
der Politik jener Zeit zu sprechen hatten, standen Holland und später
England oben an, und sie gerade waren wegen des eben bezeichneten
Mangels zur Führung ihrer Kriege auf die Benutzung fremder Soldaten
angewiesen. Holland zunächst hatte während des ganzen siebenzehnten und
achtzehnten Jahrhunderts sowohl deutsche Fürsten als Generale und
deutsche Soldaten als Truppen im Dienst, ein Verhältniß, welches durch
die oranischen Statthalter vermittelt und in ein System gebracht wurde.
Selbst die mächtigen Nachbarn der Generalstaaten verschmähten es nicht,
diesen für größere politische Zwecke ganze Regimenter leihweise zu
überlassen. So gab Preußen während der ganzen Dauer des spanischen
Erbfolgekrieges seine Regimenter 8. (v. Scholten, Stettin), 9. (v.
Budberg, Hamm) und 10. (v. Romberg, Bielefeld) in holländischen Sold.
Für unsern Zweck kommt jedoch nur England näher in Betracht.
Schon im Laufe des siebenzehnten Jahrhunderts hatte es in seinen Kriegen
gegen Holland kontinentale Miethstruppen in Sold genommen. So nahm z.B.
Karl II. im Juni 1665 das Anerbieten des obengenannten Bischofs Bernhard
von Galen an, wonach dieser ihm gegen die Generalstaaten 20,000 Mann zu
Fuß und 10,000 Reiter stellte und für die Anwerbung der »Armada« 500,000
Thlr., während der Dauer des Krieges aber per Monat 50,000 Thlr.
Subsidien erhielt. Doch erst nach seiner Revolution tritt England Ton
angebend in die große europäische Kontinental-Politik ein, an der es
sich früher nur in vereinzelten Fällen betheiligt hatte. Als Wilhelm
von Oranien von den Whigs eingeladen wurde, nach England zu kommen und
Jakob II. vom Throne zu stoßen, gewährte Wilhelms Onkel, der große
Kurfürst von Brandenburg, die Mittel zur Unterstützung des Unternehmens,
um England aus seiner schimpflichen Stellung als Vasallenstaat
Frankreichs zu reißen. Er stellte 9000 Brandenburger zur Deckung von
Holland; ein Brandenburgischer Feldmarschall befehligte das Heer, mit
welchem Wilhelm in der Bucht von Torbay landete, das Regiment
Brandenburg geleitete ihn nach dem Palast von St. James und nach Irland.
Brandenburgische Truppen fochten unter dem Kommando Wilhelms bei
Steinkirchen und Neerwinden, und ihnen dankte der König die
Wiedereroberung von Huy und Namur. Der erste kontinentale Krieg, den
England führte, war der spanische Erbfolgekrieg, in welchem Marlboroughs
siegreiche Heere fast ausschließlich aus deutschen Hülfs- und
Miethstruppen bestanden, wie denn überhaupt damals deutsche Truppen auf
beiden Seiten kämpften: Hessen und Braunschweiger unter deutscher,
englischer und holländischer Fahne, Bayern und Kölner unter den
Franzosen. Der Handel, welchen die deutschen Fürsten zu Anfang des
achtzehnten Jahrhunderts mit dem Leben ihrer Unterthanen trieben, war
schon zu jener Zeit so schamlos, daß alle öffentlichen Blätter in
England sie bitter tadelten und verspotteten, und daß die holländische
Regierung ihren deutschen Bundesgenossen derb und verächtlich vorwarf,
daß sie das Geld mehr liebten, als ihre Ehre.
Seit das Haus Braunschweig-Hannover den englischen Thron einnahm, wurden
die englischen Beziehungen zur Kabinets-Politik des vorigen Jahrhunderts
nur noch inniger. Die regierende Dynastie, welche überall ihr spezifisch
hannöverisches Interesse in den Vordergrund drängte, konnte um so eher
an allen europäischen Verwickelungen und Kämpfen Theil nehmen, als sie
die Truppen ihres Stammlandes zur Disposition hatte und diese zugleich
mit im englischen Interesse verwandte, oder sie im heimischen Interesse
von England in Sold nehmen ließ. So sehen wir denn im Laufe des vorigen
Jahrhunderts deutsch-englische Regimenter auf fast allen Schlachtfeldern
Europa's, in Gibraltar und Minorka, ja in Madras und den übrigen
englischen Kolonien kämpfen. Außerdem schlossen die Könige Georg I. und
II. zur Erreichung ihrer politischen Zwecke in Deutschland Verträge mit
ihren dortigen Nachbarn ab und zahlten bedeutende Summen, um ihrer Hülfe
in jedem Augenblick versichert zu sein, wie z.B. im Jahre 1717 mit dem
Landgrafen von Hessen, als Georg I. ein Bündniß mit Frankreich einging
und verschiedene schwedische Besitzungen in Deutschland an sich zu
reißen gedachte. Im Jahre 1739, nach der Kriegserklärung Englands gegen
Spanien, zahlte Georg II., weil er persönliche Streitigkeiten mit
Preußen hatte und deshalb für Hannover fürchtete, an Hessen und Dänemark
Lstr. 260,000, damit sie 6000 Mann, wie es hieß, für England bereit
hielten. Ein Jahr darauf, beim Ausbruch des österreichischen
Erbfolgekrieges, zahlte derselbe König der Kaiserin Maria Theresia Lstr.
300,000 Subsidien, welche 1742 auf die ganze Dauer des Krieges
ausgedehnt wurden. Im April desselben Jahres bewilligte das Parlament
auf's Neue Gelder für dänische, hessische und hannöverische Truppen, um
daraus ein Heer in Flandern gegen die Franzosen zu bilden. Wie bedeutend
diese Summen waren, kann man aus dem einzigen Beispiel ersehen, daß der
Landgraf Friedrich I. von Hessen, obgleich er in jenem Kriege seine
Truppen an beide kriegführenden Theile vermietete, von 1730 bis 1750
Lstr. 1,249,699 von England bezogen hatte. Der Sieg des Herzogs von
Cumberland bei Culloden, der 1746 den schottischen Aufstand dämpfte, war
vorzugsweise dem tüchtigen Fußvolk zu verdanken, das aus 6000 Hessen
bestand, die vom holländisch-englischen Heere aus den Niederlanden nach
England eingeschifft worden waren. Im Jahre 1749 erhielt Maria Theresia
noch nachträglich zur bessern Befestigung der Freundschaft zwischen
beiden Höfen eine Summe von Lstr. 100,000. Einige Monate später schloß
König Georg II. zur Förderung seiner politischen Zwecke in Deutschland
einen Subsidienvertrag mit Bayern, welches gegen das Versprechen, 6000
Mann Hülfstruppen bereit zu halten und in den Reichsangelegenheiten mit
Hannover zu stimmen, von 1750-1756 im Ganzen Lstr. 120,000 empfing.
Unter denselben Bedingungen wurden Sachsen in den Jahren 1751-1755 von
England Lstr. 128,000 gezahlt. Im September 1755, gleichzeitig mit dem
Ausbruch des englisch-französischen Kolonialkrieges und kurz vor Anfang
des siebenjährigen Krieges in Europa, schloß England einen
Defensiv-Traktat mit Rußland, damit dieses zur Vertheidigung Hannovers
gegen baare Bezahlung 55,000 Mann bereit hielte. Dieser Vertrag wurde
zwar nicht erfüllt, da Rußland sich in der Folge mit Frankreich und
Oesterreich verband, während England mit Friedrich II. in eine Allianz
trat. Zu gleicher Zeit jedoch erhielten die kleinen deutschen Fürsten,
wie Hessen, Gotha, Anspach und Würzburg bedeutende Summen, damit sie
mit ihren Soldaten für England in's Feld rückten, Bayern nahm damals
ebenfalls Lstr. 10,000 von England an, obgleich es von dessen Feinden
schon gewonnen war und mit französischem Gelde 6000 Mann zu den
Oesterreichern stoßen ließ. Um den Herzog von Braunschweig zu gewinnen,
eröffnete ihm Georg II. die Aussicht auf die Vermählung seiner ältesten
Tochter mit dem Prinzen v. Wales und erbot sich, seine Truppen
gegen doppelt so hohe Zahlung in Sold zu nehmen, als der
preußisch-französische Vertrag ihm gewährte. Natürlich war der Herzog
nicht abgeneigt, nach Ablauf seines Vertrages mit Frankreich auf dieses
Anerbieten einzugehen. Im zweiten Jahre des siebenjährigen Krieges
zählte das englische Heer in Westfalen 48,000 Mann, darunter u.A. 20,000
Hessen, 6000 Braunschweiger und keinen einzigen geborenen Engländer.
Aber Pitt brauchte keinen seiner Landsleute zu opfern, denn er fand
gegen gute Bezahlung genug Ausländer, die, wie er ganz richtig berechnet
hatte, in Deutschland für England's Besitzungen in Amerika und Ostindien
kämpften. Die Bundesgenossenschaft Friedrich des Großen allein kostete
England jährlich vier Millionen Thaler.
In dem Bündniß, welches Oesterreich und Frankreich am 1. Mai 1756 in
Versailles schlossen, ward der damalige Marktpreis der Infanterie und
Kavallerie genau festgesetzt. Es behielten sich nämlich diejenige der
kontrahirenden Mächte vor, welche die Hülfe der andern in Anspruch
nehmen würde, statt der effektiven Mannschaft (24,000 Mann) ein
Aequivalent in Geld zu fordern, und zwar 8000 Reichsgulden monatlich für
je 1000 Mann Infanterie, 24,000 Reichsgulden aber für je 1000 Mann
Kavallerie. Das hieß mit anderen Worten soviel, daß man für diese Summen
die betreffenden Soldaten auch anderweitig beschaffen konnte, daß also
ein Infanterist nur 96 fl. und ein Kavallerist 288 fl., einschließlich
Werbung und Leichnam, werth war.
Es waren kaum zwölf Jahre nach Beendigung des siebenjährigen Krieges
vergangen, als die Revolution in Amerika ausbrach, zu deren Bekämpfung
England natürlich wieder bedeutende Truppenmassen nöthig hatte.
Zweites Kapitel.
Die Zahl der englischen Truppen, welche bei Eröffnung der
Feindseligkeiten über die amerikanischen Kolonieen zerstreut waren,
reichte zur Führung des Krieges durchaus nicht hin. Im Norden betrug die
königliche Streitmacht etwas mehr als 8000 Mann, in den mittleren und
südlichen Kolonien fanden sich deren höchstens 6000 bis 7000, so daß der
ganze Effektivbestand der englischen Armee sich in sämmtlichen
amerikanischen Provinzen, von Neu-Schottland bis Florida, bis in den
Sommer 1776 hinein auf allerhöchstes 15,000 Mann belief. Ihre Zahl mußte
also wenigstens verdoppelt, wenn nicht verdreifacht werden, wenn man den
Kampf mit Aussicht auf Erfolg führen wollte.
Die Hauptschwierigkeit bestand nun zunächst darin, woher man die für den
Krieg erforderlichen Truppen nehmen sollte, da die im eignen Lande
vorhandenen Mittel nicht genügend waren. Die geborenen Engländer wollten
und sollten in Amerika nicht dienen. Der dortige Konflikt war namentlich
in den unteren Volksklassen von Anfang an sehr unpopulär gewesen und
wurde jetzt durch die Aussicht, möglicher Weise selbst noch zur
Niederwerfung der Revolution herangezogen zu werden, bei ihnen noch
unpopulärer. Dann aber nahm die seit dem letzten Kriege in kolossalem
Maßstabe entwickelte Industrie die verfügbaren Kräfte der Nation mehr
als je in Anspruch. Die Regierung, welche im Parlamente und in den
höheren Klassen ohnehin schon genug Widerstand gegen ihre
Unterwerfungspläne fand, war zudem einer Berufung an's Volk und an die
öffentliche Meinung abgeneigt. Es lag ihr deshalb auch von Anfang an der
Gedanke fern, die Zahl ihrer Regimenter durch Werbungen in England voll
zu erhalten oder zu vermehren. Irland und die Hochlande, Canada und die
amerikanischen Loyalisten konnten zusammen keine Armee auf die Beine
bringen; sie kamen deshalb um so mehr erst in zweiter Reihe in Betracht,
als man noch nicht sicher war, ob und wie weit sie den an sie gestellten
Anforderungen überhaupt entsprechen wollten und konnten. Die Indianer
hatten sich bei früheren Gelegenheiten als so unzuverlässige
Bundesgenossen erwiesen, daß man sie am liebsten gar nicht zu Hülfe
gerufen hätte.
In der am 14. Juni 1775 abgehaltenen Kabinetssitzung, der ersten,
welche nach dem Eintreffen der Nachricht von dem Gefechte bei Lexington
stattfand, verhandelten König und Minister lange über die Frage, wie der
jetzt unvermeidlich gewordene Krieg geführt werden könne. Nachdem
Vorschläge, wie Blokirung der amerikanischen Küste, Besetzung der
bedeutendsten Häfen und Aushungerung (!) der Kolonieen, der Reihe nach
durchgegangen und verworfen worden waren, kam man endlich zu dem
Entschluß, im Einklang mit der fast seit einem Jahrhundert befolgten und
bewährten Praxis unverzüglich fremde Hülfstruppen anzuwerben. Am
nächsten lag natürlich Deutschland. Die deutschen Fürsten waren zwar
habsüchtige, aber pünktliche Truppen-Lieferanten, und ihre Soldaten
galten seit Jahren als die willigsten und brauchbarsten; allein man
wollte dies Mal, um ja keine Zeit zu verlieren, möglichst schnell statt
einzelner Korps eine ganze Armee haben und sich nicht mit einem halben
Dutzend Fürsten in lange dauernde Verhandlungen einlassen.
Die englische Regierung glaubte, was sie brauchte, am leichtesten und
ersten in Rußland zu finden. Sie stand mit der Kaiserin Katharina seit
deren Thronbesteigung auf äußerlich sehr gutem Fuße, hatte sich ihren
Plänen auf Polen nicht widersetzt, ja ihr sogar in dem eben beendeten
Türkenkriege durch Parteilichkeit gegen die Türken wesentlich genützt
und ihre Allianz als ein Gegengewicht gegen die Bourbonen gesucht. Das
russische Heer war seit dem im Jahre 1774 abgeschlossenen Frieden von
Kudschuk Kainardsche zu stark, und in den Finanzen des Kaiserreichs
herrschte große Ebbe, während Katharinens Günstlinge für die stumme
Beredtsamkeit des Goldes durchaus nicht unempfindlich waren. Zudem hatte
sich die russische Kaiserin bei früheren Gelegenheiten einem Bündniß mit
England durchaus nicht abgeneigt erklärt, wofern sie im Falle eines
neuen Krieges mit der Pforte auf Englands Hülfe rechnen konnte, bei
welcher Erklärung sie freilich mehr an die europäische Politik als an
die amerikanischen Verwicklungen dachte. Alle diese Gründe ließen auf
eine günstige Aufnahme der englischen Vorschläge schließen.
Der englische Gesandte Gunning erhielt also bereits im Juli 1775 den
Auftrag, die russische Regierung um Ueberlassung eines Hülfskorps von wo
möglich 20,000 Mann zu ersuchen. Bei der ersten Unterredung, die er nach
Empfang dieser Instruktionen zu Anfang August mit Panin, Katharinens
erstem Minister hatte, fragte er, nachdem er sich über die Unfehlbarkeit
der zur Niederwerfung des amerikanischen Aufstandes ergriffenen Mittel
ausgelassen, Panin wie zufällig im Laufe des Gesprächs, ob der König von
England, falls er fremde Hülfe zur Niederwerfung des amerikanischen
Aufstandes brauchen sollte, auf ein Korps russischer Infanterie rechnen
könne? Der Minister berichtete diese Frage seiner Kaiserin, deren
Antwort Gunning am 8. August mitgetheilt wurde. Sie erwähnte kein Wort
von Truppen oder russischen, an England zu überlassenden und über den
Ozean zu versendenden Bataillonen, erklärte sich vielmehr nur in
allgemeinen Redensarten bereit, dem König Georg III. aus Dankbarkeit für
seine früheren, Rußland geleisteten Dienste in irgend einer ihm gut
dünkenden Weise beizustehen und sprach von ihrer angeborenen Vorliebe
für die englische Nation.
Der leichtgläubige Gesandte nahm diese nichtssagenden Worte für ein
feierliches Versprechen und berichtete unbegreiflicher Weise sofort nach
Hause, daß die russische Regierung der englischen mit 20,000 Mann
Infanterie in Amerika zu Hülfe kommen wolle. Seine Depesche traf am 1.
September in London ein und ward hier mit Freude und Entzücken
aufgenommen. Während der König einen eigenhändigen Danksagungsbrief an
Katharina schrieb, wurde Gunning von Lord Suffolk, dem Minister des
Auswärtigen, angewiesen, bei der Kaiserin in feierlicher Audienz um
20,000 Mann Infanterie zu bitten, die im Frühjahr bei Eröffnung der
Schifffahrt nach einem Ostseehafen und über England nach Kanada
eingeschifft werden sollten. König und Minister waren im Voraus ihres
Erfolges so sicher, daß sie, obgleich die schnellste Reise von London
nach Moskau damals drei und zwanzig Tage dauerte, doch auf ein
definitives Versprechen bis zum 26. Oktober, dem Beginn der
Parlamentssitzungen, rechneten. Lord Dartmouth schrieb zu gleicher Zeit
an die beiden in Amerika kommandirenden Generäle Howe und Carleton, daß
die russische Kaiserin England die weitgehendsten Versicherungen für
eine beliebige Anzahl Infanterie zur Bekämpfung des Aufstandes gegeben
habe. Am 8. September 1775 überschickte Suffolk seinem Gesandten durch
einen zweiten Feldjäger den Entwurf eines Vertrages, welcher die Annahme
eines Korps russischer Truppen in den englischen Dienst bezweckte.
Dieser Vertrag sollte zwei Jahre dauern, da man innerhalb dieser Zeit
des Aufstandes Herr geworden zu sein hoffte. Das Werbegeld ward auf
sieben Pfund Sterling per Mann festgesetzt, wovon die eine Hälfte baar,
die andere bei der Einschiffung bezahlt werden mußte, und endlich wurde
eine Subsidie nicht ausgeschlossen.
Diese Instruktionen waren übrigens kaum abgegangen, als Gunning am 10.
September von der Kaiserin, während eines Hoffestes bei einer
gelegentlichen Besprechung der amerikanischen Wirren, auf die
Nothwendigkeit hingewiesen wurde, dem Kampfe mit den Kolonieen unter
allen Umständen und am besten durch Milde ein Ende zu machen. Am 24.
September traf der erste englische Kourier mit dem Briefe Georg's in
Moskau ein; Gunning sollte die zufällig abwesende Kaiserin aber erst am
30. nach ihrer Rückkehr sehen. Der Brief des Königs sprach ganz positiv
von einem ihm seitens der Kaiserin gemachten Anerbieten von Truppen;
Panin stellte in Abrede, daß es je gemacht worden, und Gunning räumte
endlich ein, daß von einer Ueberlassung von Soldaten nicht ausdrücklich
die Rede gewesen sei. Panin weigerte sich unter diesen Umständen, den
englischen Gesandten zur Audienz bei Katharina einzuführen, und diese
ließ ihr Bedauern darüber ausdrücken, daß sie ihre Truppen nicht an
England vermiethen könne.
Gunning bat dann um 15,000 Mann, allein auch diese wurden in den ersten
Tagen des Oktober, ohne daß er die Kaiserin sehen konnte, von ihr als
unverträglich mit der Würde Rußlands und seinem Verhältniß zu den
übrigen europäischen Mächten verweigert. Der zweite Kourier kam am 4.
Oktober mit dem Vertrags-Entwurf in Moskau an. Gunning las ihn Panin vor
und wollte sich mit 10,000 Mann begnügen; allein der Kanzler übergab ihm
statt aller Gegenäußerung Katharinens Antwort an den König von England
und brach die Unterhaltung ab.
Natürlich waren diese Verhandlungen den fremden Diplomaten und Höfen
kein Geheimniß geblieben. Als am 31. Oktober 1775 der französische
Gesandte den russischen Premierminister nach der Wahrheit der in dieser
Angelegenheit umlaufenden Gerüchte fragte, antwortete dieser, die
Annahme des englischen Antrages sei physisch unmöglich, und ebenso
unvereinbar sei es mit der Würde Englands, fremde Miethstruppen gegen
seine eigenen Unterthanen zu gebrauchen. Die Kaiserin selbst war nach
wie vor äußerlich sehr zuvorkommend und verbindlich gegen den englischen
Gesandten und gegen den König Georg, welcher ihr die abschlägige Antwort
zwar nicht nachtrug, indessen nie vergessen konnte, daß sie seinen
eigenhändigen Brief nicht selbst, sondern nur durch einen Privatsekretär
hatte beantworten lassen.
Noch während die Unterhandlungen mit Rußland schwebten, hatte die
englische Regierung anderweitige Schritte gethan, um sich Hülfstruppen
zu sichern; indessen war sie in Holland, wo sie zuerst anfragte, ebenso
wenig erfolgreich in ihren Bemühungen als in Rußland.
In den Diensten der Generalstaaten stand schon seit länger als einem
Jahrhundert die sogenannte schottische Brigade, deren Ursprung auf die
Zeiten der Königin Elisabeth zurückging. Die Niederlande hatten ihr im
Jahre 1599 als Sicherheit für ein Darlehen drei wichtige Festungen
verpfändet, welche sie mit ihren eigenen Truppen besetzte. Im Jahre 1616
bezahlten die Holländer die Schuld, und sämmtliche englische Truppen
wurden aus den besetzten Festungen zurückgezogen, mit Ausnahme einer
englischen und schottischen Brigade, welche in den Dienst der
Generalstaaten übertraten. Als Jakob II. sie zur Verstärkung seiner
Armee verlangte, wurde sie von den Generalstaaten verweigert. Man habe
-- so lautete die Antwort -- die schottische Brigade allerdings
geschickt, als es sich darum gehandelt, die Rebellion des Herzogs von
Monmouth zu unterdrücken; allein sie solle nie gebraucht werden, um die
Freiheiten Englands zu vernichten. Wilhelm III. rief die englische
Brigade zurück; so blieb denn nur die schottische Brigade, welcher im
Jahre 1749 auch das Recht genommen wurde, in Schottland zu rekrutiren.
Obgleich die Mannschaft des aus 2100 Mann bestehenden Regiments fortan
von Angehörigen aller Nationen, namentlich Wallonen und Deserteuren
gebildet wurde, so waren die Offiziere doch immer noch Schotten oder
deren Nachkommen. Diesen Umstand machte der König von England bei seinem
Gesuch um Ueberlassung der schottischen Brigade geltend. Die Offiziere
schuldeten ihm, so hieß es, in Folge ihrer Geburt schon Treue und
Gehorsam, zudem herrschten zwischen beiden Ländern schon lange intime
Beziehungen und gemeinschaftliche Interessen, und endlich biete diese
Gelegenheit dem Prinzen von Oranien den ganz besonderen Vortheil und die
hohe Ehre, die Bande enger Freundschaft, welche durch die Neutralität
der vereinigten Provinzen während des letzten französischen Krieges mehr
oder weniger geschwächt worden, wieder zu stärken.
Als Georg dieses Verlangen zum ersten Mal stellte, wurde er vom jungen
Statthalter kurzer Hand abgewiesen. Als er aber sein Gesuch erneuerte,
hatte er hauptsächlich mit dem Widerspruch der Generalstaaten zu thun.
Seeland und Utrecht kamen dem Wunsche des Königs zwar nach; aber der bei
weitem mächtigste der Generalstaaten, Holland, wandte ein, daß ein
Handelsvolk nur im äußersten Nothfall sich in fremden Streit mischen
dürfe. Namentlich trat der Baron Johann Derk van der Capellen, Mitglied
des Adels von Oberyssel, so entschieden gegen das Ansinnen der
englischen Regierung auf, daß er, wenn auch nicht direkt, so doch
indirekt dessen Annahme vereitelte. »Es hieße Theil an dem Kampf nehmen
-- das ungefähr war der Inhalt von Capellen's beredtem Proteste -- ja
wir würden selbst mit in den Krieg verwickelt werden, wollten wir
England Truppen überlassen und die Grundsätze unbedingter Neutralität
aufgeben. Wir haben bisher England unser Wohl und Gedeihen geopfert,
ohne irgend einen Vortheil dafür erlangt zu haben. Frankreich wird sich
voraussichtlich mit in den Kampf mischen -- welche wird dann unsere
Stellung sein? Bleiben wir neutral, so fällt uns für den Fall eines
Krieges zwischen England und Frankreich der Handel des letztern Staates
zu, welcher unser natürlicher Bundesgenosse in der Vertheidigung der
Handelsfreiheit ist. Zudem hat England uns stets so übermüthig
behandelt, als ob wir gar kein selbständiges Volk wären, und, während
wir gewissenhaft die mit ihm geschlossenen Verträge befolgten, gegen den
Grundsatz der Freiheit der Waare in freien Schiffen gehandelt und
willkürlich unsere Schiffe durchsucht und konfiszirt. Statt also die
Truppen eines freien Volkes zur Niederwerfung der sogenannten Rebellion
zu verlangen, sollte England lieber Janitscharen miethen. Wie gehässig
würde eine solche Rolle für uns sein, für uns, ein freies Volk, welches
selbst unter dem Joch der Tyrannei geseufzt und sich mit dem Schwerte
davon befreit, das ebenfalls den stolzen Namen Rebellen geführt hat,
doppelt gehässig den Amerikanern gegenüber, die uns niemals beleidigt
haben, die sich der Achtung der ganzen gebildeten Welt würdig zeigen und
mit Mäßigung und Würde ihre Rechte vertheidigen. Aus diesen Gründen muß
der Wunsch des Königs von England abgeschlagen werden.«
Obgleich die Staaten von Oberyssel beschlossen, die England beleidigende
Motivirung des Antrages van der Capellens aus den Protokollen ihrer
Sitzung zu streichen, so verfehlte die Beredsamkeit dieses Staatsmanns
doch ihre Wirkung nicht. Die Generalstaaten willigten zwar ein, um jeden
Schein der Unhöflichkeit gegen den mächtigen Nachbarn zu vermeiden, die
schottische Brigade an England zu überlassen, fügten aber die Bedingung
hinzu, daß sie nicht außerhalb Europa's verwandt werden dürfe. Diese
Bedingung kam beinahe einer abschlägigen Antwort gleich. England faßte
sie auch als eine solche auf und ließ, vielleicht auch deshalb, weil
sich ihm im langgedehnten Laufe der Verhandlungen andere Bezugsquellen
eröffnet hatten, die ganze Angelegenheit fallen.
Weniger Schwierigkeiten verursachte die Verlegung von fünf hannöverschen
Bataillonen nach Gibraltar und Port Mahon, weil der König von England
hier als Kurfürst von Hannover handelte und höchstens mit dem
Widerspruche des eigenen Parlaments zu kämpfen hatte. Uebrigens war die
ganze Maßregel schon ausgeführt, als sie den Lords und Gemeinen
vorgelegt wurde, wie denn überhaupt in jener Zeit die Regierung die
Genehmigung des Parlaments als eine bloße Formsache auffaßte und in
allen wichtigen Dingen so handelte, als ob gar kein Parlament existirte.
Oberst William Faucitt, der den siebenjährigen Krieg in Deutschland
mitgemacht hatte und Volk und Fürsten dort kannte, wurde bereits zu
Anfang August 1775 von Georg III. nach Hannover geschickt, um die
Uebernahme der dortigen Bataillone in den englischen Dienst zu besorgen.
»Da Wir -- so lauteten die vom 11. August 1775 datirten königlichen
Instruktionen -- unter dem Beirath unseres geheimen Rathes beschlossen
und für thunlich erachtet haben, fünf Bataillone unsrer kurfürstlichen
Infanterie in englische Dienste zu nehmen und sie in unseren Garnisonen
von Gibraltar und Minorka zu verwenden, um desto besser im Stande zu
sein, eine gleiche Anzahl englischer Truppen, welche jetzt dort
Garnisonsdienste thun, nach England zurückzuverlegen und auf Grund
dessen unsere Streitkräfte zu vermehren, welche zur Unterdrückung des
unnatürlichen Aufstandes eines Theils unserer nordamerikanischen
Kolonien verwandt werden; da ferner besagte Truppen sich in Stade
sammeln sollen, um nach den genannten Garnisonsplätzen eingeschifft zu
werden, so haben Wir es für rathsam befunden, Sie zu unserm Kommissär zu
ernennen, um diese Truppen in Empfang zu nehmen und in den Dienst zu
mustern.«
Faucitt reiste also sofort über den Haag, wo er von dem englischen
Gesandten Sir Joseph Yorke, einem langjährigen Kenner und Beobachter
deutscher und kontinentaler Politik, Rath und Auskunft erhielt, nach
Hannover ab und kam dort am 20. August an. Die Truppen waren zwar für
den 1. September segelfertig, erhielten aber Gegenbefehl, weil die Lords
der Admiralität die erforderlichen Transportschiffe nicht früh genug
hatten absenden können. Der hannöversche General Spörken war beauftragt,
die fraglichen fünf Bataillone marschfertig zu machen, so daß dem
Obersten Faucitt nichts zu thun blieb, als sie vor ihrer Annahme in den
englischen Dienst zu mustern und einzuschwören. Indessen wurde auch von
der letztern Bedingung abgesehen, weil die Soldaten eine Abneigung gegen
die See hätten, also möglichen Falls zu marschiren sich weigern möchten,
dann aber, weil die Verführung zur Desertion sehr groß sei, indem die
ganze hannöversche Grenze von preußischen und anderer Fürsten Werbern
umringt sei, die alle auf die Unzufriedenheit der Soldaten spekulirten
und diese für sich zu gewinnen hofften.
Faucitt fand sämmtliche fünf Bataillone, die aus je 473 Mann bestehend,
im Ganzen 2365 Mann ausmachten, und von den Regimentern von Reden, von
Goldacker, de la Motte, Prinz Ernst und von Hardenberg genommen waren,
gut bewaffnet und gekleidet und die Mannschaften mit wenigen Ausnahmen
kräftig und diensttüchtig, dabei willig und gehorsam. Trotz aller
Verführung desertirte nicht ein einziger Soldat. Es verging übrigens
noch der ganze September mit den Vorbereitungen zur Verschiffung, die
mit Bewilligung des Hamburger Senates über Ritzebüttel, statt, wie
Anfangs beabsichtigt war, über Stade erfolgte. Die beiden für Minorka
bestimmten Bataillone, Prinz Ernst und Goldacker, wurden am 2. Oktober,
die für Gibraltar bestimmten am 6. Oktober eingeschifft. Der Wind war
jedoch während des ganzen Monats so ungünstig, daß die aus siebenzehn
Transportschiffen bestehende Flotille erst am 1. November 1775 in See
ging.
Die Frage, ob die Regierung das Recht habe, ohne Genehmigung des
Parlaments fremde Truppen in irgend einen Theil der englischen
Besitzungen einzuführen, rief in beiden Häusern ernste Debatten hervor.
Der König hatte am 26. Oktober 1775 bei Eröffnung des Parlaments in
seiner Thronrede u.A. die Mittheilung gemacht, daß er einen Theil seiner
kurfürstlichen Truppen nach Gibraltar und Port Mahon beordert habe, um
eine größere Zahl englischer Truppen zur Aufrechterhaltung des
königlichen Ansehens zur Verfügung zu haben. Die Opposition beider
Häuser stützte sich darauf, daß dieses Verfahren, einen häuslichen
Streit beizulegen, eine gefährliche und schimpfliche Maßregel sei, daß
sie den anerkannten Landesrechten zuwiderlaufe und daß die fremden
Truppen möglichen Falles gegen die englische Freiheit verwandt werden
könnten. Das Ministerium wandte ein, daß es weder dem Geiste noch dem
Buchstaben nach gegen die Constitution verstoße, indem die Bill of
rights und Aufstandsakte nur bestimme, daß in Friedenszeiten keine
stehende Armee im Königreiche ohne Genehmigung des Parlaments gehalten
werden dürfe. Nun befinde man sich aber im Kriege und eine Dependenz,
wie Gibraltar und Minorka, sei nicht das Königreich Großbritannien. Der
betreffende Paragraph verdanke seine Entstehung dem Könige Jakob II.,
der in Friedenszeiten ohne Genehmigung des Parlaments eine stehende
Armee in England gehalten habe. Die Garnisonen in Dünkirchen, Calais und
Tanger seien ohne jede Genehmigung des Parlaments gehalten worden, und
nie habe dieses dem Könige den Vorwurf der Ungesetzlichkeit daraus
gemacht. Zudem sei es zweckmäßiger, fremde Truppen in Sold zu nehmen,
weil diese leichter und wohlfeiler beschafft werden könnten, und weil
die waffenfähige Bevölkerung Englands fast ausschließlich mit den
Arbeiten und den Künsten des Friedens beschäftigt sei.
Die Debatte über diese Frage beschäftigte die Lords am 26. Oktober und
1. November und das Haus der Gemeinen am 3. November 1775. Dieses
erklärte sich schließlich mit 203 gegen 81 Stimmen und jenes mit 75
gegen 32 Stimmen mit dem Verfahren der Regierung einverstanden. Die fünf
hannöverschen Bataillone blieben während des ganzen amerikanischen
Krieges als Besatzung in Gibraltar und Minorka und verloren deshalb auch
so wenig Leute, daß sie erst zu Anfang des Jahres 1778 die ersten
Rekruten erhielten. Sie kehrten im Sommer 1784 über England nach
Deutschland zurück.
Drittes Kapitel.
Die Verhandlungen mit Rußland und Holland waren also gescheitert.
Politische Beziehungen zu fremden Mächten und bedeutende eigene
Interessen hatten die beiden um Hülfe angegangenen Staaten bewogen, das
englische Gesuch um Ueberlassung von Soldaten von der Hand zu weisen.
Unter diesen Umständen mußte denn das Ministerium sich anderwärts nach
Truppen umsehen und sie nehmen, wo sie nur zu haben waren. So blieb denn
Deutschland die einzige Quelle, aus welcher man seinen Bedarf an
Soldaten zu schöpfen hoffen konnte.
Wie England im ganzen vorigen Jahrhundert in Kriegszeiten
Truppenlieferungs-Verträge mit den dortigen kleinen Fürsten
abgeschlossen hatte, so war es auch seit langen Jahren gewohnt gewesen,
von dort auf eigne Hand seine Rekruten zu beziehen. Zwar verbot der
Regensburger Reichstag zu Zeiten das Rekrutiren; allein nichts
destoweniger hatten die britischen Werbeoffiziere am ganzen Rhein, in
Frankfurt a.M., Neuwied und an der preußischen Grenze bei Kleve ihre
Stationen. Die Kurfürsten von Köln, Trier und Mainz wandten auch jetzt
so wenig als früher etwas dagegen ein, daß die durch den amerikanischen
Krieg, Desertion und Krankheit gelichteten Reihen der englischen
Regimenter durch deutsche Rekruten wieder vollzählig gemacht wurden. Wie
viele Deutsche auf diese Weise jährlich in den englischen Kolonien und
namentlich während des Krieges in Amerika verbraucht wurden, ist schwer
zu sagen, weil jeder Anhaltspunkt für ihre Schätzung fehlt, und weil
viel wichtigere Dinge die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.
Kaum wurde übrigens in Deutschland die Verlegenheit bekannt, in der sich
der König von England wegen der Ergänzung seiner Regimenter befand, als
entlassene Offiziere aller Grade, vom Kroaten-Obersten an bis zum
hannöver'schen Obristlieutenant, und sonstige durch den Frieden
überflüssig gewordene, aus dem siebenjährigen Kriege stammende
Abenteurer sich zur Beschaffung deutscher Rekruten erboten. Georg III.
war trotz der übertriebenen Auffassung seiner königlichen Machtfülle
doch ein gewissenhafter und ein im bürgerlichen Sinne des Wortes
durchaus moralischer Mann. Er hatte deshalb auch seine Bedenken, die ihm
angetragenen Dienste anzunehmen. »Deutschen Offizieren Patente zu geben,
damit sie mir Rekruten schaffen -- sagte er -- heißt eigentlich auf gut
Englisch nichts als mich selbst zu einem Menschendiebe machen, welches
Geschäft ich durchaus nicht als ehrenvoll betrachten kann.« Indessen
überwog doch zuletzt die politische Nothwendigkeit derartige Skrupel.
Georg ließ also zuvörderst mit dem hannöver'schen Obristlieutenant
Scheither einen Vertrag abschließen, wonach dieser unverzüglich 4000
Rekruten in Deutschland anwerben sollte. Diese Rekruten waren in Stade
an Faucitt abzuliefern, der zu diesem Zwecke noch nach Einschiffung der
fünf hannöver'schen Bataillone in Deutschland blieb, jedoch bis Mitte
November nur 150 Rekruten in Empfang nahm. Das Ministerium überzeugte
sich bald, daß es auf diesem langsamen Wege nie zum Ziele gelangen
würde, ließ deßhalb den ursprünglichen Plan auch fallen und entschloß
sich zur Anknüpfung von direkten Verhandlungen mit den kleineren
deutschen Fürsten. Diese kannten weder politische Bedenken, noch hatten
sie außer ihrem Geldbeutel eigene Interessen. Geld, Subsidien und
standesgemäßes Leben waren, wie ein ausgezeichneter Kenner des
achtzehnten Jahrhunderts meint, der Grundton, welcher für das ganze
politische Handeln an den kleinen Höfen in Einem fort und ohne Scham und
Scheu angeschlagen wurde. Zudem erfreuten sich die kleinen Fürsten des
zweifelhaften Glückes, in der europäischen Staatenfamilie einen so
untergeordneten Rang einzunehmen, daß man sich um ihr Thun und Treiben
gar nicht kümmerte, geschweige denn von ihren Handlungen eine Störung
des künstlichen europäischen Gleichgewichts abhängig machte.
Andererseits war der deutsche Reichsverband in sich so lose und
zerfallen, daß der Kaiser ihnen kein ernstliches Hinderniß in den Weg zu
legen wagte.
Jetzt endlich, nachdem man in London gegen ihre direkten und indirekten
Winke sich so lange blind gestellt hatte, jetzt nach dem Fehlschlage der
bisherigen Verhandlungen und aller sonstigen Versuche zur Beschaffung
von Truppen, eröffnete sich den Landesvätern eine sichere Aussicht auf
glänzende Geschäfte. Die Geschichte ist ihnen das Zeugniß schuldig, daß
sie sich für die beleidigende Hintenansetzung in ihrer Weise empfindlich
zu rächen und die günstigen Konjunkturen des Marktes gehörig auszubeuten
und zu verwerthen verstanden. Das englische Ministerium hatte sich mit
der Anknüpfung von Unterhandlungen mit den deutschen Fürsten deßhalb
nicht übereilt, weil so lange es noch Aussicht auf Erlangung einer
einzigen großen, einheitlich organisirten Hülfsarmee zu haben glaubte,
es dieser im Interesse des Dienstes den Vorzug gab, weil es andererseits
aber ganz gut wußte, daß einzelne deutsche Korps zu jeder Zeit zu haben
waren, und daß die dortigen Fürsten Nichts sehnlicher wünschten, als
ihre Soldaten an England verkaufen zu können. Ueber die deutschen
Verhältnisse und die Gewißheit, Truppen in Deutschland zu erlangen, war
es ganz gut durch Sir Joseph Yorke, den bereits erwähnten Gesandten im
Haag, unterrichtet, welcher im Sommer 1775 den Auftrag erhalten hatte,
sich auf dem Kontinent des guten Willens der Freunde des Königs und der
Zahl und Bedingungen der von ihnen möglicher Weise zu liefernden
Soldaten zu vergewissern. Yorke berichtete schon im September 1775 nach
Hause, daß Hessen-Kassel, Hessen-Darmstadt, Würtemberg, Sachsen-Gotha
und Baden zu irgend einer Zeit eine beliebige Anzahl Truppen zu
billigen Preisen zu liefern im Stande und bereit seien. Vor Allem
bemühte sich schon im August 1775 der Erbprinz von Hessen-Kassel um
einen Lieferungsvertrag mit England, und ihm folgte zunächst der Fürst
von Waldeck. Ihre im servilsten Tone gehaltenen Anerbietungen, welche
der Leser im Anhang findet, verdienen im Original gelesen zu werden.
Braunschweig und Kassel verhielten sich vorläufig abwartend.
Es war übrigens jetzt Gefahr im Verzuge. Wollte die Regierung den
Feldzug von 1776 energisch eröffnen, so mußte sie an eine schleunige
Verstärkung denken. Sie beauftragte also den Obersten Faucitt mit der
Leitung der Verhandlungen. Lord Suffolk, der Minister des Auswärtigen
schickte ihm am 14. November 1775 folgende Instruktion nach Stade:
»Reisen Sie sofort nach Empfang dieser Depesche unter irgend welchem
Vorwand nach Braunschweig, und suchen Sie dort zu ermitteln, ob der
Herzog Willens ist, dem König eine Anzahl seiner Truppen für den Dienst
in Amerika zu überlassen. Sie können sich darüber leicht beim Erbprinzen
unterrichten. Wenn Serenissimus geneigt ist, dem König beizustehen, so
überreichen Sie unverzüglich das einliegende Beglaubigungsschreiben und
beginnen Sie ohne jeden Zeitverlust Ihre Unterhandlungen.
Ich sende Ihnen zugleich einliegend Abschriften der früheren, namentlich
im letzten Kriege abgeschlossenen Subsidien-Verträge. Sie können diesmal
im Nothfall die höchsten der früher festgesetzten Preise zahlen.
Abweichende Bestimmungen in den einzelnen Punkten, wenn sie sonst im
Ganzen auf dasselbe herauskommen, bleiben Ihrer Diskretion überlassen.
Obgleich uns in unserer gegenwärtigen Lage weniger als sonst an den
Kosten liegt, so dürfen Sie auf der andern Seite doch auch nicht
verschwenden, und es wird Ihnen hoch angerechnet werden, wenn Sie
möglichst billige Bedingungen zu erlangen im Stande sind. Es wird mit
einem gewissen Grade von Recht und Billigkeit geltend gemacht werden,
daß der von uns verlangte Dienst neu und für ferne Lande bestimmt ist.
Wenn wir das auch zugeben müssen, so hat der amerikanische Krieg doch
nichts mit irgend einer europäischen Macht zu thun, und kann die
Betheiligung daran für keinen Deutschen nachtheilige Folgen haben. Was
nun die weite Entfernung betrifft, so muß zugestanden werden, daß die
Truppen zum Theil wenigstens durch neue Aushebungen vollzählig zu
erhalten sind, die für den aushebenden Fürsten zu einer neuen Last
werden, wenn irgend ein glückliches Ereigniß den Kampf bald beenden
würde. Sie können diesem Einwande, wenn er stark betont werden sollte,
damit begegnen, daß Sie sich verpflichten, daß die Subsidie während der
wirklichen Verwendung der Truppen in Kraft bleiben und erst sechs Monate
nach gegebener Kündigung aufhören soll. Wenn mehr als sechs Monate
beansprucht werden, so berichten Sie vorher darüber an mich. Bei
früheren Gelegenheiten war es nichts Ungewöhnliches, daß der seine
Truppen vermiethende Fürst den Ueberschuß für sich behalten hat, der
sich aus dem Unterschiede zwischen englischer und deutscher Löhnung
ergab. Das kann im gegenwärtigen Falle nicht gestattet werden, weil es
für uns sehr wichtig ist, daß der Soldat ermuthigt wird, seinen Dienst
in Amerika freudig zu thun. Wir glauben kaum, daß der Herzog von
Braunschweig mehr als 3000 bis 4000 Mann liefern kann. Ihre Aufgabe ist,
so viel als möglich für den Krieg in Amerika von ihm zu erlangen. Der
König giebt Ihnen zugleich einen ähnlichen Auftrag für Kassel. Finden
Sie in Ihrer Unterhaltung mit dem Erbprinzen, daß sich in Braunschweig
Nichts machen und erwarten läßt, so reisen Sie sofort nach Kassel, wo
Sie Mittel und Wege finden werden, dem Landgrafen auf den Zahn zu fühlen
und im Uebrigen gerade so wie in Braunschweig zu handeln. Es läßt sich
kaum voraussetzen, daß der Landgraf mehr als 5000 Mann liefern kann;
versuchen Sie jeden Falls auch hier soviel als möglich zu bekommen. Wenn
Sie in Braunschweig Aussicht auf Erfolg haben, so ergreifen Sie den
ersten günstigen Moment und machen Sie einen Vorschlag, oder nehmen Sie
einen Ihnen gemachten an. Reisen Sie, nachdem Sie mir Bericht erstattet
haben, sofort nach Kassel. Sind Sie dort sicher durchzudringen oder
abschlägig beschieden zu werden, so gehen Sie nach Braunschweig zurück
und schließen Sie mit dem Herzog ab.
Es ist in dieser Sache überhaupt die größte Thätigkeit erforderlich, da
der König sich in der einen oder anderen Weise ohne Zeitverlust darüber
verlässigen will, ob und wie schnell er fremde Truppen für Amerika
erhalten kann. Zu diesem Ende schicke ich Ihnen zwei Kouriere, welche
Ihnen als Ihre Bediente nach Braunschweig und Kassel folgen sollen, und
deren Einen Sie sofort, nachdem Sie selbst Gewißheit darüber erlangt
haben, ob Truppen zu haben sind, noch vor Erledigung aller
Förmlichkeiten hierher zurückschicken wollen.
Es entspricht weder der Würde noch dem Interesse Ihres Hofes, daß Sie,
wenn es überhaupt vermieden werden kann, als erfolgloser Bittsteller bei
irgend einem der Fürsten auftreten. Meine eigenen Hoffnungen für den
günstigen Abschluß des Ihnen anvertrauten Geschäftes, ich gestehe es
offen, sind nicht sanguinisch. Treten Sie also in Ihrer amtlichen
Eigenschaft nicht eher auf, als bis Sie eine sichere Aussicht auf Erfolg
vor sich haben.«
Faucitt erhielt dieses Schreiben am 24. November 1775 in Stade, wo er
durch die Einmusterung der Scheither'schen Rekruten noch aufgehalten
worden war, und reiste einige Stunden nach seinem Empfange mit Extrapost
über Hannover nach Braunschweig ab. Die Nächte waren aber so dunkel und
die Wege so schlecht -- Faucitt nennt sie in seinem Bericht die
schlechtesten in Europa -- daß er erst nach fünftägiger Reise in
letzterer Stadt ankam. Der englische Gesandte war hier kein Fremder. Er
war während des siebenjährigen Krieges, wo er unmittelbar unter dem
Erbprinzen gedient hatte, öfters in Braunschweig sowohl als in Kassel
gewesen und von jener Zeit her mit den jetzt einflußreichsten Personen
beider Residenzen bekannt. Die Vortheile dieser persönlichen Beziehungen
wurden von ihm aber nicht gehörig ausgebeutet, indem er in seinem
Auftreten nicht entschieden genug und in seinem Urtheil nicht
selbständig war. Ein stolzer englischer Lord, der die hinter der
glänzenden Außenseite lauernde Misere jener Höfe sofort erkannt und
diese Welt des Scheins rücksichtslos in seines Landes Interesse
auszubeuten verstanden hätte, wäre besser am Platze gewesen. Faucitt war
blos eine subalterne Natur und als solche allen Details der Aufgabe
vollständig gewachsen. Er arbeitete in der That von Morgen bis Abend mit
dem gewissenhaftesten Fleiße, mit der anerkennenswerthesten
Uneigennützigkeit; allein es fehlte ihm das richtige Verständniß seiner
Stellung. Er war zu sehr untergeordneter Hofmann, den ein freundliches
Lächeln des Fürsten leicht erobert, ein »Snob«, der vor Titeln, Rang und
äußerm Glanz einen angeborenen Respekt hat und für jede Herablassung der
Höhergestellten dankbar ist. Aus diesem Grunde wurde er ein Spielball in
den Händen einsichtiger, kühler und berechnet handelnder Personen,
während er mit Entschiedenheit und Grobheit jede Forderung, selbst die
härteste durchgesetzt und England hundert Tausende erspart haben würde.
Der Herzog Karl I. von Braunschweig (1735-1780), mit welchem Faucitt
zunächst zu thun hatte, war einer der prachtliebendsten,
leichtsinnigsten und verschuldetsten Fürsten, von denen Deutschland im
vorigen Jahrhundert heimgesucht war. Sein Ländchen, das bei einer Größe
von einigen sechszig Quadratmeilen mit etwa 150,000 Einwohnern kaum
anderthalb Millionen Thaler Einkünfte abwarf, war allerdings durch den
siebenjährigen Krieg hart mitgenommen worden, allein erst des Herzogs
üble Wirthschaft hatte es an den Rand eines Bankrottes gebracht. Die
Schulden beliefen sich auf nahezu zwölf Millionen Thaler. Karl lebte
aber auf einem Fuße, als ob ihm die reichen Hülfsquellen eines großen
Königreichs zu Gebote ständen. Italienische Oper und französisches
Ballet, auswärtige und einheimische Maitressen, Militärspielerei und
Alchymie verschlangen ungeheure Summen. Der Theater-Direktor und Kuppler
Nicolini, ein unbedeutender italienischer Abenteurer, hatte 30,000
Thaler jährlichen Gehalts; unser großer _Lessing_ aber, der zu jener
Zeit in der bescheidenen Stellung eines herzoglichen Bibliothekars
»einem verschüchterten Geschlecht mißhandelter Kleinbürger zuerst die
Seele mit freien, menschlich heiteren Empfindungen erfüllte« und unser
Volk zum Bannerträger des freien Geistes erheben half, _unser Gotthold
Ephraim Lessing_ bezog ein Gehalt von 300 Thalern jährlich. Dort lernte
er »lieber hungern als niederträchtig sein;« mußte er doch um eine
armselige Gehaltszulage von 200 Thaler länger als drei Jahre
suppliziren! »Es ist ein Irrthum, -- schrieb er seiner Freundin und
spätern Gattin, Eva König, aus Wolfenbüttel -- daß kleine Souveraine den
Gelehrten und Künstlern förderlich seien; sie sind es nur in dem Maße,
als Wissenschaft und Kunst ihnen Amusement machen und man ihnen
hofmännisch schmeichelt. Das verstehe ich nicht. -- -- Ich fühle mich
hier, als wäre ich in einen Sarg gedrückt; ich kann keine Bücklinge
machen, um mich zu empfehlen. Lichtenberg verkümmert im kleinen
Göttingen, Möser im kleinen Osnabrück; beide zehren von den Erinnerungen
aus England, wie ich aus Leipzig und Berlin.«
Erst zu Anfang der siebenziger Jahre ward in diese wüste Braunschweiger
Wirthschaft etwas Ordnung eingeführt, indem in Folge der beständigen
Finanznoth von dem zum Mitregenten ernannten Erbprinzen Karl Wilhelm
Ferdinand die Landstände einberufen wurden. Es durfte ohne dessen
Mitunterschrift fortan kein Geld mehr ausgegeben werden. Karl Wilhelm
Ferdinand, der seinem Vater während des amerikanischen Krieges 1780 als
Herzog folgte, als preußischer General 1787 in Holland und 1792 in
Frankreich kommandirte und in der Schlacht bei Auerstädt seiner Augen
beraubt, bald darauf in Ottensee bei Hamburg starb, war ebenso sparsam
als sein Vorgänger verschwenderisch. Ein Zögling des bekannten Abts
Jerusalem, dem Ordens- und Gesellschaftswesen jener Zeit von Herzen
zugethan, zwischen mystischem Glauben und Voltaire'schem Unglauben
schwankend, ein begeisterter Verehrer des französischen Wesens, dabei
ein schöner Mann, sinnlich, gefallsüchtig und Meister der
Repräsentation, stand er in engeren Beziehungen zum englischen Hofe,
indem er eine Schwester Georg III., Lady Auguste, zur Frau hatte. Da sie
unbedeutend und ungebildet war, so entschädigte sich Ferdinand durch
schöne und geistreiche Maitressen, wie die von Goethe bewunderte
italienische Gräfin Branconi, deutsche Baroninnen und französische
Schauspielerinnen. Im Uebrigen knauserte er, wo er nur konnte, um die
Schulden seines Vaters zu bezahlen und war ebenso gewissenlos als
unermüdlich in der Auffindung neuer Hülfsquellen zur Verbesserung seiner
ökonomischen Lage. Ein italienisches Lotto, dessen Pacht dem Geheimen
Rath und Minister Feronce überlassen war, that in dieser Beziehung zwar
sehr gute Dienste, reichte indessen zur Hebung der zerrütteten Finanzen
allein noch nicht aus. Es galt also, da sich die Goldmacherei des alten
Herzogs nicht bewährt hatte, noch andere außerordentliche Mittel flüssig
zu machen.
Mitten über diesen Versuchen und Plänen zur Verbesserung des
herzoglichen Haushalts traf Faucitt in Braunschweig ein. Ein Engel vom
Himmel hätte zu keiner günstigern Stunde zum dortigen Hofe
herniedersteigen und goldenen Segen spenden können als der englische
Kommissär. Es kam jetzt darauf an, ihn gehörig auszubeuten. Er hatte,
wie aus seiner Instruktion ersichtlich, den Auftrag, zuerst den damals
fast allein gebietenden Erbprinzen zu sondiren und diesem einen
Privatbrief des Königs zu überreichen. Faucitt, statt erst die
Verhältnisse zu prüfen und sich der für ihn daraus ergebenden Vortheile
zu versichern, hatte kaum die Reisekleider ausgezogen, als er am Abend
des Tages seiner Ankunft, am 29. November dem Erbprinzen seine
Aufwartung machte. Sobald dieser sich überzeugt hatte, daß der Engländer
nichts von seinen häuslichen Verlegenheiten und der Finanznoth blasser
Wehmuth wußte, nahm er die ihm so gut stehende Miene des herablassenden
Gönners und Beschützers an. »Der Erbprinz -- so berichtet Faucitt am 1.
Dezember 1775 an Suffolk -- gab mir die stärksten Versicherungen, daß
er den königlichen Vorschlag billige und daß er allen seinen Einfluß auf
den regierenden Herzog zu dessen Durchführung aufbieten wolle. Er
verbürgte sich übrigens nicht dafür, daß sein Vater unbedingt darauf
eingehen werde, da er nur ungern so viele seiner Unterthanen in einem
unbekannten, so sehr entfernten Lande verwandt sehe, und fragte mich, ob
nicht die Bestimmung der braunschweigigen Truppen besser nach Irland
statt nach Amerika geändert werden könne, was ich natürlich unbedingt
verneinte. Dann wünschte der Erbprinz, daß wenigstens ein Theil der
Truppen nach Gibraltar und Minorka geschickt werden möge. Ich erwiderte
ihm, daß bereits fünf Bataillone aus dem Kurfürstenthum dahin gesandt
seien, daß also eine Aenderung nicht mehr stattfinden könne. Schließlich
forderte mich der Prinz auf, von meinem Beglaubigungsschreiben nicht
eher Gebrauch zu machen, als bis ich sicher sei, daß der Herzog auf
meinen Antrag eingehen wolle.«
Der Erbprinz hatte jetzt das Spiel in den Händen und dabei den Vortheil,
es mit einem höchst unerfahrenen Anfänger zu thun zu haben. Am 30.
November rieth er ihm in einem freundschaftlichen, elegant geschriebenen
französischen Briefchen, das natürlich seinen Eindruck auf den Empfänger
nicht verfehlte, vorläufig nur als Privatmann bei Hofe zu erscheinen, da
der Herzog sich sehr schwierig zeige, erklärte ihm aber seine
Bereitwilligkeit, ihn von Allem in Kenntniß zu setzen, was dazu dienen
könne, die Absichten des Königs zu fördern. Am 1. Dezember führte er
weiter aus, wie schwer es sei, den Herzog trotz seiner finanziellen
Verlegenheiten zu dem beabsichtigten Vertrage zu bewegen, da die
Soldaten in seinen alten Tagen sein einziges Vergnügen, seine einzige
Erholung seien. Am dritten Tage endlich, am 2. Dezember ward durch die
unausgesetzten Bemühungen des Erbprinzen die Zustimmung des Herzogs
erlangt.
»Der regierende Herzog -- schreibt Faucitt am 2. Dezember an Suffolk --
hat endlich (!! nach zwei Tagen!!) eingewilligt, einen Truppenkörper für
Sr. Majestät Dienst in Amerika zu stellen. In Folge dessen habe ich
heute mein Beglaubigungsschreiben überreicht. Der Herzog empfing mich
äußerst gnädig, erklärte, des Königs Wunsch aus allen Kräften erfüllen
und ein so starkes Korps stellen zu wollen, als die Lage der Dinge ihm
gestatten werde. Er sagte, er habe Herrn von Feronce mit den
Verhandlungen in dieser Angelegenheit betraut. Ich kenne diesen Minister
schon lange. Er ist ein fähiger und erfahrener redlicher Mann, der
Schlichen und Kniffen feind ist. Ich weiß noch nicht, wie groß die Zahl
der Soldaten sein wird; jedoch gab mir der Erbprinz zu verstehen, daß
sie nicht weniger als 4000 Mann betragen würde und daß wir sie zu Anfang
des Frühjahrs haben könnten.«
Der Herzog beantwortete des Königs Brief am 5. Dezember, und zwei Tage
darauf war schon der Vertrag zwischen Faucitt und Feronce abgeschlossen,
der mit einigen nicht sehr erheblichen Abänderungen schließlich am 9.
Januar 1776 angenommen wurde.
Der Herzog verpflichtete sich in diesem Vertrage, der Krone England 3964
Mann Infanterie und 336 Dragoner, im Ganzen 4300 Mann in zwei Divisionen
für den Krieg in Amerika zu überlassen. Von diesen, mit Ausnahme der
Pferde, vollständig auf Kosten des Herzogs zu equipirenden, mit Zelten
und sonstigen Utensilien zu versehenden Truppen sollte die erste, aus
2282 Mann bestehende Division bereits am 25. Februar im Hafen sein, die
letzte Division aber in der letzten Woche des März 1776 abmarschiren.
Sie müssen am Orte der Einschiffung vom englischen Kommissär besichtigt
werden, der jeden, ihm untauglich erscheinenden Soldaten verwerfen kann
und den Truppen den Eid der Treue für den König von England abnimmt. Die
Besetzung der vakanten Stellen behält sich der Herzog vor, die
Verwendung der Truppen in Amerika bestimmt aber der König. Um ihre
Desertion auf dem Marsche zu verhindern, erläßt der König von England
als Kurfürst von Hannover an seine eigenen Behörden den Befehl, jeden
Deserteur aufzugreifen und am Einschiffungsplatz dem Regimente zu
überliefern. Ebenso verpflichtet sich der Herzog von Braunschweig, die
nöthig werdenden Rekruten jährlich zu liefern, nachdem ihm wenigstens
vier Monate vorher Kenntniß von der zu ergänzenden Zahl gegeben ist. Die
Truppen stehen in Löhnung und sonstigen Vortheilen, wie Verpflegung,
Behandlung in den königlichen Hospitälern, Fourage &c. ganz den
königlichen Truppen gleich, und verpflichtet sich der Herzog, ihnen
namentlich ihre ganze Löhnung ungeschmälert zukommen zu lassen. Die
Schwerverwundeten und Dienstunfähigen werden auf königliche Kosten an
die Mündung der Elbe und Weser zurückgeschafft, und die Dragoner sollen
von dem Tage an, daß sie beritten gemacht werden, auf demselben Fuße mit
der königlichen leichten Kavallerie stehen. Der Herzog erhält für jeden
Fußsoldaten dreißig Kronen Banko (gleich 51 Thlr. 15 Sgr. preußisch)
Werbegeld, wovon ein Drittel einen Monat nach Zeichnung des Vertrages
und die anderen zwei Drittel zwei Monate später gezahlt werden sollen.
Für die Soldaten, die am Tage der Musterung nicht anwesend sind, wird
dieses Werbegeld natürlich entweder gar nicht oder erst dann gezahlt,
wenn sie sich bei ihren Regimentern gestellt haben. Drei Verwundete
gelten als ein Todter, und ein Todter wird nach der Rate des Werbegeldes
mit dreißig Kronen bezahlt. Sollte durch eine Seuche, einen Schiffbruch,
eine Belagerung oder eine Schlacht ein außerordentlich großer Verlust in
einem Regimente oder Korps eintreten, so wird der König von England
außerdem in der billigsten und liberalsten Weise den Verlust der
Offiziere oder Soldaten ersetzen und die Kosten für neue Rekrutirungen
tragen, um das von einem solchen Unglück betroffene Korps wieder
vollzählig zu machen. Zur Vergütung für die außerordentlichen Kosten,
welche durch die plötzliche Mobilmachung erwachsen sind, wird der
Uebertritt der Truppen in den englischen Dienst antedatirt und ihnen
Löhnung für zwei Monate vor dem Tage ihres Abmarsches ausgezahlt. Die
jährliche an Braunschweig zu zahlende Subsidie, welche mit dem Tage der
Unterzeichnung des vorliegenden Vertrages beginnt, ist eine einfache für
die Zeit, daß die braunschweigischen Truppen in englischen Diensten
stehen und beträgt 64,500 deutsche Kronen (gleich Lstr. 11,517. 17. 1½)
per Jahr; sie wird aber eine doppelte, beläuft sich also auf 129,000
Kronen von dem Tage an, an welchem die braunschweigischen Truppen in
ihre Heimath zurückkehren, und wird von diesem Zeitpunkt an noch zwei
Jahre lang an den Herzog gezahlt.
Sehen wir jetzt, wie der Vertrag in dieser seiner definitiven Fassung zu
Stande kam und lassen wir Faucitt und Suffolk die Geschichte der
Verhandlungen selbst erzählen.
»Einliegend -- schreibt jener am 7. Dezember 1775 an Suffolk -- Entwurf
eines Vertrages mit dem Herzog von Braunschweig für 4000 Infanteristen
und 300 leichte Dragoner. Ich wollte eigentlich keine Kavallerie, da ich
zu wissen glaube, daß Sie keine wünschen. Ich ließ sie mir aber gefallen
und bestand nicht auf meinem Widerspruche, weil das Korps dem zum
Kommando bestimmten Obersten Riedesel gehört und weil ich es für das
Beste hielt, beim Anfang der Verhandlungen lieber etwas nachzugeben, als
schwierig zu erscheinen. Das Werbegeld ist so niedrig, als ich es nach
langem Hin- und Herreden nur festsetzen konnte. Von den zuerst
verlangten 60 deutschen Reichsthalern habe ich es auf 30 Banko-Thaler
(gleich 43 deutsche Reichsthaler) gebracht; es ist dies derselbe Preis,
der bei der Marburger Uebereinkunft bewilligt wurde. Ihr entsprechend
mußte ich mir auch gefallen lassen, daß der Anfang der englischen
Löhnung auf zwei Monate vor dem Abmarsch des Korps festgesetzt wurde.
Man bestand sogar Anfangs auf drei Monaten; es gelang mir aber, einen
Monat abzuhandeln.
»Der Subsidien-Artikel war übrigens der wichtigste und schwierigste.
Zuerst wurden, bis das Korps die englische Löhnung bezog, 120,000
Banko-Thaler verlangt, 70,000 Banko-Thaler so lange, als es dieselbe
erhielt, und wieder 120,000 Banko-Thaler für den Zeitraum von sechs
Jahren nach der Rückkehr der Truppen in ihr Vaterland. Nach zweitägigem
Streit über diesen Punkt kamen wir endlich dahin überein, daß jeder
Theil seinen Vorschlag zu Papier bringen und Ihnen zur Entscheidung
vorlegen sollte. Uebrigens wird sich der Herzog in diesem Punkte dem
König fügen. Er bittet nur, daß er im Falle einer plötzlichen Beendigung
des amerikanischen Krieges in den Stand gesetzt werde, die
außerordentliche Last zu tragen, welche diese neue Aushebung ihm
auferlegen wird. Der letzte (im definitiven Vertrage gestrichene)
Artikel, worin der Herzog verlangt, daß zwei Bataillone seiner Truppen,
nämlich 1160 Mann, irgendwo in Europa garnisoniren sollten, wurde von
mir auf das Aeußerste bekämpft. Der Herzog drang aber darauf, daß sein
Vorbehalt dem Könige vorgelegt werden solle; er sei, wie er sagte,
diesen Regimentern ganz besonders zugethan und dann eifersüchtig auf die
den Hannoveranern im Mittelmeere zugewiesenen Garnisonen. Er wird sich
aber mit der Zeit den Wünschen des Königs fügen. In der Voraussetzung,
daß der Vertrag in der einen oder andern Form abgeschlossen wird, habe
ich für jeden Rekruten, der diensttüchtig in Harburg abgeliefert wird,
30 Thaler versprechen müssen, indem der Herzog, um keine Zeit zu
verlieren, sofort rekrutiren wollte. Sie sind natürlich verloren, wenn
der Vertrag nicht zu Stande kommt.«
Suffolk war so sehr ob der günstigen Aussichten erfreut, welche
Faucitt's Bericht ihm bot, daß er gar nicht handelte und feilschte,
wofern er nur sein Ziel, schnelle Verschiffung der Truppen nach Amerika
erreichen konnte. »Ich gebe Ihnen -- schreibt er am 22. Dezember 1775
von St. James an Faucitt -- meine volle Zufriedenheit über Ihren Eifer
und Ihre Geschicklichkeit zu erkennen und lege Vollmacht für den
Abschluß des Vertrages mit Braunschweig bei. Ihr Entwurf ist auf
fünfzehn Artikel reduzirt. Alle braunschweigischen Truppen müssen nach
Amerika; ihre anderweitige Verwendung ist durchaus unzulässig. Nur keine
Verzögerung! Die Zeit, von der Sie sprechen, ist zu lang. Drei von den
fünf Bataillonen müssen in der letzten Woche des Februar und der Rest
Ende März am Einschiffungsplatze sein. Dieser Punkt ist von der
äußersten Wichtigkeit. Sie müssen darauf dringen und bestehen. Da die
englische Löhnung, wie ich hoffe, ein Mittel ist, ihn durchzusetzen, so
ist Se. Majestät damit einverstanden, daß sie zwei Monate vor dem
wirklichen Dienst beginnt. Wenn aber die erste Division noch früher
marschiren kann, so können Sie die Löhnung verhältnißmäßig noch mehr
vordatiren.
Die 300 Dragoner sind mehr als wir brauchen; indessen will der König sie
unberitten nehmen, und sollen die Leute die Löhnung unsrer leichten
Kavallerie haben. Sie haben Recht gehabt, daß Sie sich verpflichteten,
selbst dann für die Rekruten zu zahlen, wenn der Vertrag nicht zu Stande
kommen sollte. Dringen Sie auf Riedesel's Beförderung zum General. Wird
den Wünschen Sr. Majestät überall entsprochen, so sind Sie selbst
bevollmächtigt, die von Herrn von Feronce verlangte Subsidie zu
bewilligen.«
In diesem letztern Punkte war Faucitt sogar noch vorsichtiger als der
Minister, denn es gelang ihm am 9. Januar 1776, den sich auf die
Subsidie beziehenden Theil des Vertrages zu günstigeren, als den ihm
aufgegebenen Bedingungen abzuschließen.
»Der Herzog -- schreibt er am 9. Januar 1776 an Suffolk -- hat endlich
alle Einwendungen gegen die Verschiffung seiner Truppen nach Amerika
aufgegeben. Die zwei Bataillone, welche er in Europa behalten wollte,
sind eigentlich die einzigen, für uns bestimmten regulären Truppen, sie
bilden sein Veteranen-Regiment, das hauptsächlich aus seinen eigenen
Unterthanen besteht, während die drei anderen Bataillone, mit einer
geringen Ausnahme alter gedienter Soldaten und Offiziere, größten Theils
rohe Rekruten sind, die aus aller Herren Länder zusammengestohlen
wurden. Wir werden jetzt aber sechs Bataillone haben, die der Mehrzahl
nach Braunschweiger sind. Sie sollen in zwei Divisionen an den
Einschiffungsplatz Stade marschiren, und die erste derselben 2282 Mann,
die letztere aber 2018 Mann zählen. Im Ganzen weicht der nunmehr
endgültig abgeschlossene Vertrag wenig von Ihrem Entwurfe ab. Nur die
Subsidie ist geändert. Sie ist aber von Anfang an bis zur Rückkehr der
Truppen nur eine einfache. Die zweimonatliche Löhnung vor der Uebernahme
in den englischen Dienst ist beibehalten.
Erlassen Sie sofort die erforderlichen Befehle zum Transport der Truppen
und zur Vorbeugung ihrer Desertion in Hannover. Beifolgend eine
Aufstellung der Mannschaften, für welche das Werbegeld und die
zweimonatliche Löhnung im Voraus verlangt wird. Der Herzog bittet um
sofortige Zahlung. Ebenso lege ich auf seinen und des Erbprinzen Wunsch
einen Separat-Artikel bei, der auf das möglicher Weise zu erlassende
Verbot des Kaisers gegen Truppenanwerbungen für fremde Mächte Bezug
hat.«
Suffolk sandte am 20. Januar den ratifizirten Vertrag an Faucitt zurück.
»Die verschiedenen Aenderungen desselben -- sagte er in seinem
Begleitschreiben von demselben Datum -- sind nicht gemißbilligt; aber
hinsichtlich der Subsidien enthielten meine Instruktionen keineswegs
eine Bevorzugung des Vorschlages von Feronce, sondern nur die Erlaubniß
für Sie, ihn dann anzunehmen, wenn Sie dadurch weitergehende Absichten
erreichen konnten. Sagen Sie dem Herzog, daß der König den
kurfürstlichen Behörden die geeigneten Befehle zur Verhinderung der
Desertion gegeben hat. Der vom Herzog und Erbprinzen vorgeschlagene
Separat-Artikel wegen des möglicher Weise vom Kaiser zu erlassenden
Truppen-Aushebungsverbots für den Dienst fremder Mächte ist genehmigt.
Wir halten diesen Vorbehalt für eine überflüssige Vorsichtsmaßregel und
haben ihm nur unter der Voraussetzung zugestimmt, daß der Herzog Alles
aufbieten wird, sein Korps zu vervollständigen und jedes Hinderniß, von
welcher Seite es auch kommen mag, zu vereiteln.«
In einem »durchaus privat« bezeichneten Anhange zu obiger offiziellen
Depesche giebt Suffolk seinem Agenten auf, den Herzog wo möglich zu
bestimmen, daß er den Separat-Artikel ganz fahren lasse. »Sie müssen ihm
begreiflich machen, daß der ganze Vertrag im Laufe der parlamentarischen
Verhandlungen ein Gegenstand der öffentlichen Debatte werden wird, daß
der fragliche Artikel, obgleich dem Anscheine nach obligatorisch für
uns, ohne auf der andern Seite Sicherheit zu gewähren (und folglich sehr
vielen gehässigen Bemerkungen ausgesetzt) nicht allein aus diesem
Grunde anstößig ist, sondern daß er sogar einen feindseligen Ausdruck
gegen eine andere Macht enthält, und zwar über einen Punkt, der wenn
nicht viel stärkere Gründe dafür sind, besser unerwähnt bliebe. Der für
den Herzog daraus herzuleitende Vortheil ist unbedeutend und hängt von
einem höchst unwahrscheinlichen Ereigniß ab. Wenn aber des Kaisers
Proklamation wirklich in Kraft tritt und unser Rekrutenbedürfniß nach
wie vor dasselbe bleibt, so kann es aus anderen Quellen leicht
befriedigt werden, so daß kein vernünftiger Grund zur Befürchtung
vorliegt, daß während der Zeit ihrer Dauer irgend ein Abzug von den
Subsidien gemacht werde. Lassen Sie diesen Artikel nur im äußersten
Nothfalle stehen; thun Sie aber, was Sie können, dagegen.«
Der Herzog stand, wie Faucitt am 20. Februar 1776 antwortete, ohne große
Schwierigkeit von dem Verlangen des Separat-Artikels ab, der
hauptsächlich vom Erbprinzen angeregt war, worauf denn am 18. Februar
die Ratifikation ausgewechselt wurde. Faucitt erhielt einen Diamantring
zum Werthe von 100 Pfund Sterling zum Geschenk. Er habe, sagte er,
dessen Annahme nicht ausschlagen können, da ein solches Geschenk von
früheren Verträgen her üblich sei. Der Kanzlei des englischen
Ministeriums des Auswärtigen wies der braunschweigische Minister Feronce
150 Pfund zur Vertheilung an und versäumte zu gleicher Zeit nicht,
Suffolk um eine Abschlagszahlung von 20,000 bis 30,000 Pfund zu bitten.
Natürlich erhielt auch Feronce ein Geschenk. Es bestand in baarem Gelde;
wie viel, wird in unseren Quellen nicht gesagt, und auch Feronce
schweigt darüber in seinem Danksagungsbriefe vom 3. April 1776.
Die erste braunschweiger Division war zur festgesetzten Zeit
marschfertig, mußte indessen in ihre Quartiere zurückbeordert werden,
weil die englischen Transportschiffe noch nicht in Stade angekommen
waren. So marschirte sie unter Kommando des Generals Riedesel erst am
22. Februar und kam am 5. März in Stade an, ohne auch nur einen einzigen
Mann durch Desertion verloren zu haben. »Ich habe -- schreibt Faucitt am
12. März an Suffolk -- die Grenadire und Dragoner bereits eingemustert;
sie haben viel zu viel alte Leute unter sich. Die vorderen und hinteren
Glieder sind aus gesunden und kräftigen Mannschaften gebildet, aber das
Centrum ist nichts werth. Es besteht aus lauter frischen Rekruten, die
nicht allein zu klein, sondern auch schlecht gewachsen und theilweise zu
jung sind. Prinz Friedrich's Regiment ist das beste. Die Waffen sind
alt, aber gut und in Ordnung. Die Disziplin ist ausgezeichnet, kein
Soldat war betrunken. Jedes Korps wurde einzeln beeidigt. Das dabei
beobachtete Verfahren ist dieses: das ganze Regiment wird in einen Kreis
formirt, der Auditeur liest den Eid vor, ermahnt die Truppen, sich als
treue, tapfere und ordentliche Soldaten aufzuführen, worauf Offiziere
und Mannschaften den rechten Arm erheben und den Eid Wort für Wort
nachsprechen. Alles das ging sehr gut ab und vom 12. bis 17. März wurde
die ganze erste Division eingeschifft.«
Derselbe Herzog von Braunschweig, der seinem Theater-Direktor jährlich
30,000 Thlr. Gehalt zahlte, der die schönsten und theuersten Maitressen
unterhielt und Millionen für den sinnlosesten Luxus vergeudete, wollte
oder konnte übrigens nicht einmal brauchbare Uniformen für seine Truppen
beschaffen. Sie hatten keine Mäntel und kamen Ende März ganz zerlumpt
und zerrissen in Portsmouth an. Hier mußten sie erst mit Schuhen und
Strümpfen versehen werden. Das englische Ministerium streckte dem
General Riedesel 5000 Pfund Sterling vor, damit seine Soldaten sich
wenigstens die nothwendigsten Bedürfnisse kaufen konnten. Die englischen
Kaufleute waren nicht die letzten, aus dieser Noth ihren Vortheil zu
ziehen. Als man auf der See die Kisten mit dem englischen Schuhwerk für
die Grenadiere öffnete, fand man dünne und leichte Damenschühchen und
überhaupt lauter nutzlose Waare. »Sie müssen im Interesse des Dienstes
darauf dringen -- schreibt Suffolk an Faucitt am 2. April 1776 -- daß
sofort neue Uniformen angeschafft werden. Der Herzog muß sie bei Zeiten
schicken, damit seine Truppen nicht unter der Ungunst des Wetters leiden
und damit sie nicht unzufrieden werden, wenn sie ihre Kameraden besser
gekleidet sehen.« Es gelang denn auch den Vorstellungen Faucitt's, daß
der ersten Division gegen Ende Juni neue Uniformen nach Kanada
nachgeschickt wurden.
Um dazu in den Stand gesetzt zu werden, mußte sich der Herzog erst einen
Theil seiner Forderungen an England auszahlen lassen. Die Löhnung, die
vom Augenblick der Ankunft in Amerika fällig wurde, schickte die
englische Regierung direkt an ihren dortigen General-Zahlmeister, der
sie wieder an die Unterzahlmeister verabfolgte, von welchen sie den
betreffenden Befehlshabern eingehändigt wurde.
Diese Vorsichtsmaßregel hatte ihre ganz bestimmten Gründe. Da die
englische Löhnung doppelt so groß war als die deutsche, so hatten bei
früheren Gelegenheiten Braunschweig und Kassel die Differenz in die
Tasche gesteckt, eine Summe, die sich während des siebenjährigen Krieges
auf mehrere Millionen belief. Diesem Unfug nun wollte England vorbeugen,
um die deutschen Soldaten, die jetzt in einem andern Welttheile an der
Seite der Engländer kämpften, auf gleichen Fuß mit diesen zu stellen und
nicht aufzureizen. Die Sache schien sogar mit Recht dem Minister Suffolk
wichtig genug, um sie zum Gegenstand eines besondern Paragraphen zu
machen. Der arme deutsche Soldat, der für eine ihm ganz fremde Sache
seine Haut zu Markte trug, mußte vom Käufer gegen die niedrige Habsucht
des Verkäufers geschützt werden! Natürlich wurde dasselbe Verfahren auch
den Hanauern, Anspachern und übrigen Landesvätern gegenüber eingehalten.
Sie versprachen zwar, ihren Truppen die volle englische Löhnung zukommen
zu lassen, um auf diese Weise das ganze Geld in die Hände zu bekommen;
England traute ihnen aber nicht und handelte in der oben angegebenen
Weise. Nur Kassel ließ sich diese Behandlung nicht gefallen und setzte
es durch, daß die Löhnung für seine Soldaten dem Kriegszahlmeister des
Landgrafen direkt verabfolgt wurde.
Die zweite Division Braunschweiger, bestehend aus dem Bataillon Barner
und den Regimentern Rhetz und Specht, kam in den letzten Tagen des Mai
in Stade an und wurde am 28. und 29. Mai von Faucitt in den englischen
Dienst eingemustert. »Das Bataillon Barner, das ausdrücklich für den
Dienst in Amerika ausgehoben ist, -- berichtet Faucitt an Suffolk --
besteht fast nur aus Rekruten; es befinden sich viele halbausgewachsene
Jungen darunter, die kaum stark genug sind, das Gewehr zu tragen. In den
Regimentern Rhetz und Specht fand ich viele alte Männer und im Zentrum
eine Menge kleiner, schlechtgewachsener Jungen. Uniformen und Waffen
sind gut. Die Offiziere beklagen sich über die nichtswürdig engen und
schlechten Schiffseinrichtungen. Die Marineoffiziere selbst, welche die
Transportschiffe unter sich haben, geben zu, daß diese gar keine
Bequemlichkeiten bieten. Die Kajüten sind zu eng, die Leute müssen
förmlich auf einander gepökelt werden. Zudem haben die Lieferanten in
Bristol arg betrogen. Die Betten sind dürftig und dünn; die Kopfkissen
nur fünf Zoll lang und sieben Zoll breit, kaum größer als Nadelkissen.
Ein ganzes Bett, bestehend aus Matratze, Kissen, grober wollener Decke
und Oberdecke, wiegt kaum sieben Pfund.«